Hirn aus? Ja, Hirn ist aus!

Der Inhalt der Überschrift dieses Blog-Eintrages könnte sich so in etwa an der Theke eines Metzgerladens abgespielt haben. Wahrscheinlicher ist aber, dass dieser Kurzdialog letztes Wochenende bei der Klausurtagung der Regierungsparteien statt gefunden hatte.

Anders kann ich mir nicht ganz erklären, warum erwachsene, jahrelang studierte Menschen ein derartiges Ergebnis mit hirnbefreiten Sparkonzepten aus der Klausurtagung heraus gebracht haben.

Ja, das Hirn muss vor derer Klausurtagung ausgeschaltet worden sein. Direkt nach dem Ausschalten derer Handys, Blackberries und IPhones mit Flatrate und saftiger Grundgebühr. Wie bei Sitzungen halt so üblich. Wie anders kann man nur glauben, dass man dem Marktgeschehen ungestraft das Geld entziehen kann, ohne dass sich dieses auf das Allgemeinwesen auswirkt? Genau, sie glauben, es sei erforderlich dem Markt eben jenes Geld jetzt zu entziehen, das vorher schon den Banken mit Rettungsschirmen hinein gepudert wurde, welches jene bereits Jahre zuvor locker flockig bei ihren Wettenleidenschaften hirnbefreit verpulvert hatten. Bei irgendwem muss das rausgeschmissene Geld ja eingespart werden.

Hirn aus?
Ja, Hirn ist aus.

Und auch die Opposition hat mal schnell deren Hirn ausgeschaltet und wettert nur darüber, dass die Sparmaßnahmen der Regierung lediglich die soziale Schere aufklappen lassen würde. Als ob das alles wäre. Gegen das Sparen an sich scheint die Opposition von Sonnenblumen-grün über Lachs-Häppchen-rot bis Fahnenschwenker-links ja nichts zu haben. Keiner scheint aber zu blicken, was das Sparen volkswirtschaftlich bedeutet. Das Geld, was der Binnenwirtschaft jetzt dadurch entzogen wird (besser gesagt: nicht zugeführt wird), wird nachher durch rückläufige Steuereinnahmen in den Haushaltsbudgetplanungen nicht einplanbar sein. Jetzt wird auf die Bremse getreten, damit sich nachher ein Jahr später jeder drüber beklagen kann, dass der Aufschwung so langsam einsetzt. Kennt ihr das berühmt berüchtigte, zarte Pflänzchen „Aufschwung“? Also vergesst all die Rufe nach Lohnsteigerungen bei der unteren bis mittleren Gesellschaftsklasse. Wird nicht sein. Könnt ihr schon heute vergessen. Spart euch das!

Nun, sparen wollen sie alle irgendwie. Man hatte sich ja bereits vorher darin geübt. Zu der Zeit, als Deutschland Exportweltmeister war und man sich sparte, diese Gewinnausschüttung der Allgemeinheit zu gönnen. Gewinne privatisieren, Verluste sozialisieren. Geteiltes Sparen macht halt doppelt soviel Spass. Und ist konstruktiv, sagt man uns seit zwei Tagen. Insbesondere die Regierung sagt jetzt, was wahrscheinlich ein Sarazin gerade sich denkt: wenn jemand der Magen knurrt, dann soll derjenige halt weniger essen, weil von dem nicht ausgegebene Geld kann derjenige sich dann was zünftiges zum Essen kaufen.
Vielleicht beim Metzger eine Portion Hirn. Vorher aber an der Theke nachfragen. Nur, was mach ich, wenn auf meine Frage „Hirn aus?“ die Antwort „Ja, Hirn ist aus“ folgt? Am besten sich selber ganz heftig in den Arsch kneifen und versuchen aufzuwachen. Vielleicht sitzt man ja in einer neuen Klausurtagung und erlebt, wie man dann von anderen selber in den Arsch gekniffen wird.

„Sparen“ heißt das Ziel der Regierung.
Sparen. Sparen. Sparen. Koste, was es wolle.

Hirn aus?
Ja, Hirn ist aus!
Haben sich die Politiker auch eingespart …

Da fällt mir noch ein mieser, dummer, niederträchtiger Kalauer ein, der muss jetzt sein:
Wenn ich morgen sterben sollte und Mediziner meinem Leichnam das Hirn für eine Organspende entnehmen sollten, würden sie wahrscheinlich 10.000 Euro mit meiner gräulichen Hirnmasse verdienen. Würden aber die führenden Politiker der hiesigen Parteien morgen allesamt versterben und Ärzte deren Hirne monetarisieren, sie würden damit Billionen Euros verdienen können. Wieso? Sind halt so gut wie ungebraucht …

Hirn aus?
Ja, Hirn ist aus!
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Politprofi oder Seiteneinsteiger? Die Gretchenfrage

Vier Wochen vor der Wahl stellt die Münchener »TZ« schon einmal die neue First Lady Bettina Wulff vor. Die »TZ« sieht Deutschland schon von einem Wir-sind-Lena-Glück ins Wir-wollen-Bettina-Fieber taumeln. Unverblümt palavert die »TZ« ihren Lesern gegenüber von dem bereits »designierten Bundespräsidenten« Christian Wulff (Zitat von TZ-Plakaten an deren Münchener Zeitungskästen) und welche gute Wahl die drei Parteien CDU, FDP und die bayrische CSU getroffen hätten.

Doch inzwischen haben SPD und Grüne auch schon reagiert und zur Verblüffung einiger CDU-/CSU- und FDP-Mitglieder Joachim Gauck vorgeschlagen. Es ist nicht das erste Mal, dass Joachim Gauck zum Bundespräsidentenamt vorgeschlagen wurde. Bereits 1999 stand er auf der Wunschliste der CSU. Doch jetzt ist er der Gegenkandidat von Christian Wulff.

Dies Nominierung durch SPD und Grüne ist ein tiefgründiger Schachzug. Ohne Umschweife kann davon gesprochen werden, dass SPD und Grüne dem Regierungskoalitionsvorschlag einen dicken Stachel ins Fleisch setzen konnten. Und dabei ist Joachim Gauck keineswegs einer, welcher der linken Seite zugerechnet werden kann. Joachim Gauck selber ist nicht nur Mitglied der »Deutschen Nationalstiftung«, dessen Schirmherr Horst Köhler bis zu seinem Rücktritt war. Er ist auch Mitglied der »Atlantik-Brücke«, welche von so führenden Köpfen wie Kai Diekmann (BILD), Guido Westerwelle (FDP), Friedrich Merz (CDU), Martin Winterkorn (VW), Klaus-Peter Müller (Commerzbank), Jürgen Fitschel (Deutsche Bank AG) und Michael Frenzel (Preussag AG) beeinflußt wird. Aber auch Leute wie Helmut Kohl (CDU), Jörg Schönbohm (CDU), Hans-Dietrich Genscher (FDP), Karl-Theodor Freiherr von und zu Guttenberg (CSU) oder Jörg Allgäuer (Manager von UniCredit Bank AG) gehören der »Atlantik-Brücke« an.

Nachdem Frau Merkel ihre Arbeitsministerin unbekümmert gegen die Wand knallen ließ, indem sie jene offensichtlich darüber im Unklaren ließ, dass von der Leyen im Gegensatz zu Christian Wulff nicht ihr Wunschkandidat ist, seit diesem Zeitpunkt wurde eigentlich klar, dass die Nominierung von Christian Wulff den Zweck haben soll, ihre Position als Bundeskanzlerin und Bundesvorsitzende der CDU zu stabilisieren. Christian Wulff wird dem Kreis eines Männerbundes (»Andenpakt«) zugerechnet. Neben Wulfff sollen diesem »Andenpakt« auch Franz Josef Jung, Günther Oettinger, Volker Bouffier, Elmar Brok, Hans-Gert Pöttering, Friedbert Pflüger, Christoph Böhr, Matthias Wissmann, Peter Müller und Friedrich Merz angehören. Diese Namen lesen sich wie ein Who-is-Who der Rücktritte oder Versetzungen in andere Ämter.

Diese Demissionen hatten gemein, dass jene Politiker sich aus dem direkten Machtbereich Merkels entfernten. Jetzt ist Wulff zwar nicht derjenige, der Frau Merkel ernsthaft das Wasser reichen könnte, nachdem alle anderen des »Männerbundes« der Frau Merkel nicht mehr gefährlich werden können. Christian Wulff, das ist die Antwort auf Unionsfraktionschef Volker Kauders Forderung »Wir glauben, dass wir jemanden mit politischer Erfahrung brauchen«. Nur, nachdem nach Köhlers Rücktritt jeder Berufene und Unberufene vor Journalistenmikrofonen inzwischen erklärt hat, was ein Bundespräsident zu leisten oder nicht zu leisten hat, sind unbequeme Wegpfosten als zukünftige Kriterien für den möglichen Bundespräsidenten Wulff eingeschlagen. Christian Wulff wird sich diesen Kriterien fügen, das hat er erkennen lassen. Und als verlängerte Werkbank der Bundesregierung soll er vor allem nett lächeln und fleißig den neuen deutschen Grußonkel mimen.

Seiteneinsteiger will die Merkel nach eigenem Bekunden nicht mehr. Es soll ein Politprofi sein. Welch Vorschusslorbeeren und Bauchpinselei für Wulff. Und, welche Gelegenheit für Wulff sich in eine bessere Position hinein zu manövrieren, bevor ihn nachrückende Seilschaften der CDU unter Druck setzen könnten. Der Männerbund »Andenpakt« soll ja bereits seit 2007/2008 nicht mehr funktionieren. Für Frau Merkel droht daher nach dem Rückzug von Koch im Grunde keine Gefahr mehr.

Aber jetzt kommt Joachim Gauck. Und es fängt vielen an zu dämmern, dass die Parole »Keine Seiteneinsteiger mehr« eher schädlich als nützlich ist.
Gauck ist parteilos, aber in seiner Zeit als »Bundesbeauftragter für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes der ehemaligen DDR« wurde eine ganze Behörde nach ihm benannt, die »Gauck-Behörde« (die jetzige »Birthler-Behörde«). Die Nominierung von Joachim Gauck überraschte nicht nur Gauck selber sondern auch die Regierungskoalition. Gerade jener Gauck, den die Regierungsparteien wegen dessen Arbeit immer gerne würdigten. Jetzt kommt einigen zu Bewusstsein, dass der Alleingang der Nominierung von dem Ministerpräsidenten Niedersachsens Christian Wulff gegen jemanden, der von den Regierungsparteien hoch geachtet ist, nun doch nicht das Richtige war. Beide Kandidaten erscheinen wie Antipoden zueinander in deren Positionen. Ein regierungsfreundlicher Grußonkel contra mutmaßlichen kritischen Kopf. Ein Dilemma, welches sich in den letzten Tagen in den Zeitungen Bahn bricht.

Der Vorschlag der SPD und Grünen zielt aber auch in eine zweite Richtung.
Nachdem die SPD und die Grüne die Partei »Die Linke« in Nordrhein-Westfalen in Sondierungsgesprächen medial vorführten (Hannelore Kraft: »Die Linkspartei in NRW ist weder regierungswillig noch regierungsfähig.«), folgt nun der zweite Schlag: Wird die Partei »Die Linke« Joachim Gauck unterstützen? SPD und die Grünen stellen der »Linke« erneut deren eigens in NRW formulierte Gretchenfrage: »Wie haltet ihr es mit der Vergangenheit der DDR?«. Gauck als Prüferlein für die sechste Partei im Staate.

Die »Linke« hat sich noch nicht gemeldet, sucht derweil einen eigenen Kandidaten. Peter Sodan wird es diesmal nicht werden. Vielleicht aber schlägt jene Partei auch niemanden vor. Die Zeit ist knapp und mehr als symbolisch wird eine solche Nominierung eh nicht mehr werden.

Vielleicht könnte die »Linke« auch eine perfide Strategie einschlagen und Wulff empfindlich beschädigen und Frau Merkel eine erhebliche Niederlage bereiten. Wie die Regierungsparteien in Berlin bereits nach der NRW-Wahl bekräftigten, würden Koalitionsverhandlungen in NRW mit SPD und Grüne nur geführt werden, wenn diese NICHT mit der Partei »Die Linke« reden würden. Diese Art des Politik-Verständnisses wurde noch vor über 20 Jahren den Grünen als Verweigerungspolitik und in der Presse den damaligen »Grünen« als destruktiver »Fundamentalismus« vorgeworfen.
Würden die Linken nun Christian Wulff unterstützen, so wäre dessen Wahl zum Bundespräsidenten gesichert. Insbesondere, nachdem sich bereits einige Teile der FDP und CDU vorstellen können, auch für Gauck zu stimmen. Und die »Linken« würden damit nicht nur ihr politisches Gewicht erhöhen, sondern sie könnten auch im Vorfeld Christian Wulff als Kandidaten schaden, weil damit bei der Wahl die Fundis der CDU-/CSU-/FDP-Parteien plötzlich zu Wahl-Abweichlern werden könnten. Der kollaterale Schaden für Frau Merkel wäre immens.

Andererseits könnten die »Linken« sich auch hinter Gauck stellen und damit jene erheblich ärgern, die die »Linke« gerne als politikuntauglich wegklassifizieren würden. Das Argument der »regierungsunwilligen und koalitionsunfähigen« Partei wäre fürs erste blockiert. Der Öffentlichkeit wäre es schwerer zu vermitteln, dass die »Linken« die Spitzbuben der Parteienlandschaft sein könnten. Allerdings – und das ist auch Fakt – wären sicherlich einige der Parteiangehörigen der »Linke« alles andere als glücklich über eine solche Entscheidung. Politik-Fundamentalismus findet sich auch bei der Partei »Die Linken« genauso wie bei den anderen Parteien.

Egal, für wen sich die »Linken« nun entscheiden, Verlierer der Bundespräsidentenwahl werden sie nur sein, sollten sie mit einem eigenen Kandidaten wuchern wollen. Ohne eigenen Kandidaten und mit aktiver Unterstützung eines der beiden Kandidaten können die »Linken« nur gewinnen. Und den Parteien schaden für deren Kandidaten sie sich entscheiden.

Der Ausgang der Wahl ist dabei nicht so zukunftsweisend wie die Wahl an sich. Die Wahl wird auf alle Fälle spannend. Und spannend wird auch werden, ob es die Regierungsparteien schaffen werden, in den verbleibenden vier Wochen ihren eigenen Kandidaten Wulff zu demontieren. Für unwahrscheinlich halte ich das nicht.

Georg Schramm und seine anderen Egos

»Georg Schramm gibt es nicht.«
»Auf der Bühne existiert er nicht.«
Georg Schramm

Der Name »Georg Schramm« ist seit der ZDF-Kabarett-Sendung »Neues aus der Anstalt« für viele Menschen in Deutschland ein Begriff. Bekannter als er selber sind aber inzwischen seine Spielfiguren: Lothar Dombrowski, Oberstleutnant Sanftleben, der alte Sozialdemokrat August und die rheinische Frohnatur des Pharmareferenten.
Wer aber ist Georg Schramm selber?
Lothar Dombrowski schrieb dazu in seinem Buch »Lassen Sie es mich so sagen … Dombrowski deutet die Zeichen der Zeit«:

»Ich habe all die Jahre Georg Schramm als Pseudonym benutzt, seine Vita erfunden. Er der Offizier Sanftleben und der alte Sozialdemokrat August sind Spielfiguren, Abspaltungen meiner Person, … . Im realen Leben gibt es nur mich, Lothar Dombrowski, …«

Es verwirrt.
Der Name »Lothar Dombrowski« an sich ist schon länger ein Begriff als der Name »Georg Schramm«. »Lothar Dombrowski« war ein ehemaliger Sprecher der »Tagesschau« (s.a. Bild links).
Aber wer ist jener »Lothar Dombrowski«, dessen Name von jenem Tagesschau-Sprecher entlehnt wurde und den Sprecher vergessen lässt?
Wer ist Georg Schramm?

Georg SchrammWer die Auftritte des unfreundlichen Lothar Dombrowski in der ZDF-Kabarett-Sendung »Neues aus der Anstalt« oder auch von Georgs Schramms letzten Programms »Thomas Bernhard hätte geschossen« her kennt, der gerät leicht in die Gefahr, diese Spielfigur mit der Person Georg Schramm gleich zu setzen.

Wer ist der Georg Schramm also? Hierzu findet sich viel Geschriebenes im Internet. Und es finden sich viele Videos über Georg Schramms Spielfiguren, sei es in der ZDF-Mediathek, sei es bei podcast.de oder bei YouTube.

Durch Zufall traf ich hierbei auf eine Sendung vom Deutschlandfunk aus dem Jahr 2008. Im Programm »Zwischentöne« hat Joachim Scholl mit Georg Schramm an die 90 Minuten ein lockeres Gespräch geführt: über die Figuren des Lothar Dombrowskis, des Oberstleutnants Sanftleben und des Sozialdemokraten August, über Georg Schramms vorherigen Programms »Thomas Bernhard hätte geschossen« und über die Sendung »Neues aus der Anstalt«.
Der Deutschlandfunk bietet dieses Gespräch noch immer in zwei Teilen zum Download im mp3-Format an:

Teil 1
Teil 2
Playlist

Es lohnt, sich die 1 ½ Stunden Zeit zu nehmen und hinein zu hören.
Es macht Lust auf Georg Schramms neues Programm »MEISTER YODAS ENDE – Über die Zweckentfremdung der Demenz« und tröstet auch darüber hinweg, dass Georg Schramm zum letzten Mal mit Urban Priol in drei Tagen am Dienstag, den 8-Juni-2010, in »Neues aus der Anstalt« auftreten wird (22:15 Uhr, ZDF; Gäste: Frank Markus Barwasser, Monika Gruber und Jochen Malmsheimer).

Kein Zutritt von unten (Kneipengespräch)

Tresen 0

»Lang nicht mehr gesehen.«

Er ergriff sich den Hocker neben mir, zog ihn in Sitzposition, deutete dem wird mit dem Zeigefinger an, dass er gerne ein Kölsch haben würde, und zog seine Regenjacke aus.

»Na ja, ich dich ja auch nicht.«
»Ich habe ein wenig privatisiert.«
»Privati … was’n das?«
»Ins Private zurück gezogen. Und was hast du in der Zwischenzeit so getrieben?«

Der Wirt schob ihm eine frisch gefüllte Stange Kölsch auf einem Bierdeckel rüber. Während er seine Regenjacke unterm Tresen an einen Haken aufhängte, langte er nach dem Kölsch, nahm einen Schluck und schwang sich auf den Hocker.

»Getrieben? Ich hab mich mal mit Hartz 4 vertraut gemacht.«
»Gesetzestexte durchwühlt?«

Er schüttelte den Kopf.

»Nein. Ich habe einer Bekannten durch den Formularwust für dieses Arbeitslosengeld II durchgewühlt. Ich sag dir, dieses ALG2 ist der reinste Papierslalom. Für alles und jedes wollen die Belege sehen.«
»Na gut, schließlich soll verhindert werden, dass Betrüger Geld abzocken.«
»Abzocken?«
»Sagt dir der Fall Florida-Rolf noch was?«
»Ja klar. Die BILD-Zeitung und deren Angst, dass es einem Sozialhilfeempfänger besser gehen könnte als deren eigenen Freelancer-Journalisten.«
»Jetzt wirste polemisch!«
»Pass mal auf. Ich bin mit meinem Lebensstandard weit weg von Hartz 4. Irgendwo in der Reihe der Mittelständler zwischen Bild-Zeitungsredakteur und Politiker kannste mich einordnen. Mir klingen noch die Worte eines Geschäftsführer von vor zwei Jahren in den Ohren, der seinen Angestellten erklärte, würde die Banken seine Firmenkredite kappen, dann sei er Ruck-Zuck Hartz 4.«
»Ja und?«
»Die haben doch alle keine Ahnung, was für eine Knochenmühle Hartz 4 geworden ist.«
»Aber du, oder was.«
»Hast du dir mal den Fragebögen zur Antragsstellung für ALG2 durchgelesen? Da sind die Abfragen der persönlichen Daten bei Facebook Kinderkram.«
»Na und? Wer Leistungen vom Staat bekommen will, der muss auch selber dem Staate gegenüber in Vorleistung gehen.«
»Toll. Meine Bekannte hat zwei entschiedene Probleme: Sie ist Ausländerin, spricht deutsch recht schlecht, von Lesen ist mal ganz abzusehen, hat drei Kinder und dann ist ihr Lebensgefährte ausgezogen.«
»Und?«
»Als sie dann noch letztens arbeitslos wurde, hat sie bei den Fragebögen nur noch Bahnhof verstanden.«
»Sie hätte ja vorher deutsch lernen können.«
»Hätte. Selbst ich mit Deutsch als Muttersprache verstand die Fragen nicht beim ersten Mal. Anfangs hatte sie nach einem Gespräch bei der ARGE einen Deutschkurs bewilligt bekommen. Auch mit dem Hintergrund sich für neue Jobs besser bewerben zu können. Dann kam aber der neue Sachbearbeiter. Ein Arsch von Gottes Gnaden. Der hatte ihr den Deutschkurs gleich mal gestrichen. Seiner Ansicht nach sollte sie nach 11 Jahren Deutschland ausreichend deutsch sprechen können. Er hat ihr dann gleich einen neuen Binnenbrief geschickt.«

Sein Gesichtsausdruck hatte sich beim erzählen verfinstert. Seine Stimme war immer eregter geworden.

»Binnenbrief? Was ist denn das?«
»Zu beantworten binnen zwei Wochen oder es gibt Sanktionen der ARGE, weil sie nicht kooperativ sei.«
»Was wollten die?«
»Ihren vollständigen Lebenslauf. Ich hab ihn ihr dann geschrieben. Dutzend von mir ausgefüllte Papiere später hatte sie dann Mietunterstützung für ihre alte Wohung erhalten. Aber sie sollte sich eine neue suchen.«
»Und?«
»Der Münchener Wohnungsmarkt wimmelt von maklervermittelten Wohnungen. Bei den Besichtigungsterminen mit den Maklern wurde ihr dann immer erklärt, dass keine Arbeitslosen mit drei Kindern akzeptiert würden.«
»Wieso? Wenn die Stadt die Miete von ihr zahlt, dann ist die Mietzahlung doch garantiert.«
»Früher, das war früher. Mit der Einführung von Hartz 4 kann die Stadt die Mietzahlung dann kürzen oder sperren, wenn der Empfänger sanktioniert werden muss. Seitdem sind Arbeitslose von Vermietern meistens unerwünscht. Arbeitslose könnten zu Hartz-4-Empfänger werden.«
»Aber sie kriegt die jetzige Wohnung bezahlt?«

Er lachte auf. Ein hilfloses zynisches Lachen.

»Es kann der Frömmste nicht in Frieden leben, wenn es dem Hartz-4-Sachbearbeiter nicht gefällt.«
»Wie das?«
»Sie muss jeden Monat 9 Wohnungssuchen nachweisen: Gesprächspartner, Telefonnummern, Wohnungsbeschreibung, Absagegrund, Bewerbungen bei Wohnungsgesellschaften. Und das wird von jemand verlangt, der nur deutsch sprechen aber kaum schreiben kann. Witzig, nicht? der hatte wohl ihren Deutschkurs gestrichen, damit er sie wohl schneller sanktionieren konnte. Wahrscheinlich kriegen die Bonus-Zahlungen für jede eingestellte Hartz-4-Zahlung. Ich habe ihr bei dieser Schreibarbeit dann geholfen. Sie hatte dann nebenbei auch eine Wohnung gefunden. Aber sie war von dem ARGE-Sachbearbeiter angewiesen worden, dass sie nur einen Mietvertrag unterschreiben dürfe, wenn Sie zuvor mit dem Sacharbeiter Rücksprache gehalten hätte. Würde sie vorher unterschreiben, würde die ARGE nicht zahlen.«
»Und?«
»Sie versuchte ihn eine Woche zu erreichen und hat ihm tagelang auf dem Anrufbeantworter gesprochen. Er war nie persönlich zu erreichen. Der Vermieter sagte ihr schließlich ab, weil sie nicht unterzeichnen konnte.«
»Und der Sachbearbeiter?«
»Sie erreichte ihn dann persönlich, nachdem ich mich mal einschaltete und ihr half. Erst auf Umwegen erreichte sie ihn. Als sie ihm sein Leid klagte, dass er nie zu erreichen sei, …«

Er schnappte deutlich Luft, ergriff sein Kölsch, leerte es und starrte vor sich hin.

»Und was sagte der Sachbearbeiter ihr dann?«
»’Ruhe jetzt!’«
»Was? Wieso?«
»Er blaffte ihr nur in den Hörer ‚Ruhe jetzt!‘. Fast wie ein Offizier. Als meine Bekannte verstört nachfragen wollte, was er damit meinte, pfiff er dreimal in den Hörer. Weißt du, es war das Pfeiffen, was normalerweise ein Hundehalter beim Gassigehen seinen Hund zupfeifft.«
»Was?«
»Er hat gepfiffen, als sei sie wie ein Hund zu behandeln! Und ihr dann nochmals ein ‚Ruhe jetzt‘ entgegengeschleudert. Sie bräuchte sich nicht aufzuregen, wenn er wolle, dass sie Ruhe gebe. Verstehst du das? Behandelt man so seinen Kunden? Welches Recht hat so ein Sachbearbeiter jemanden wie einen Hund zu behandeln?«
»Vielleicht hatte er nur einen schlechten Tag.«
»Einen schlechten Tag?«

Er starrte mich an. Sein Gesicht drückte eine Verzweifelung ob meiner Bemerkung aus. Der Wirt schob ihm ein neues Kölsch hin, welches er sofort ergriff und einen tiefen Schluck raus nahm. Seine Hand umfasste die Kölschstange krampfhaft. Fast erschien es mir, er würde das Glas zusammendrücken wollen, als würde es gleich splittern …

»Einen schlechten Tag? Wenn ich in meinem Beruf in der freien Wirtschaft einen Kunden behandeln würde, dann würde ich Ärger mit meinem Chef bekommen. Aber der Sachbearbeiter ist ja Beamter. Ein Beamte, der das Klischee über Beamten füttert. Einen schlechten Tag? Ach ja, nur am Rande, meine Bekannte hatte inzwischen einen neuen Job gefunden und entsprechend den Vorschriften, alle Behörden informiert. Drei Tage später erhielt sie von dem ARGE-Sachbearbeiter einen neuen Binnenbrief. Sie solle ihm binnen vier Wochen bis Mitte Juni eine Kopie des Arbeitsvertrages und der Verdienstbescheinigung zuschicken.«
»Und?«
»Diese Woche sollte eigentlich die Mietunterstützung auf ihrem Konto eintreffen. Sie kam nicht. Sie konnte die Miete bislang nicht zahlen. Gestern hatte meine Bekannte dann bei der ARGE angerufen. Dort erfuhr sie, dass sie gesperrt sei. Sie sei so lange gesperrt, bis sie Arbeitsvertrag und der Verdienstbescheinigung vorlegen würde.«
»Wo ist das Problem?«
»Jener Sachbearbeiter hatte sie direkt nach Versendung des Briefes vor zwei Wochen gesperrt gehabt. Den Arbeitsvertrag erhielt sie erst vor einer Woche und die Verdienstbescheinigung von der ersten Arbeitswoche kommt erst Mitte Ende nächster Woche. Bis dahin bleibt sie gesperrt.«
»Sie kann doch ihre Miete schon mal zahlen.«
»Das waren die Worte des Sachbearbeiters. Aber ihr Konto gibt das nicht her.«
»Schulden?«
»Schulden. Aber dazu hatte der Sachbearbeiter ihr erklärt gehabt, Schulden seien Privatsache. Das interessiere ihn nicht. Sie solle sich Geld leihen.«

Seine letzten Worte hatten einen stark zynischen Klang und ich glaubte noch ein leises »So ein Arschloch« zu vernehmen.

»Und wieso erzählst du mir das?«
»Okay, du verstehst es nicht. Du verstehst wohl nicht, dass meine Bekannte momentan durch ein Spalier der Demütigungen geht.«
»Na und? Es geht halt nicht anders. Zu viele Leute haben die Sozialhilfe genutzt, um den Staat abzuzocken.«

Er drehte seinen Kopf ein wenig und blickte mich leicht säuerlich von unten her an.

»Ach ja? Aber mit den Abzockern der Bankenwirtschaft, da verfahren wir anders, oder etwa nicht? Die werden von unserer Regierung an den Verhandlungstisch eingeladen. Aber Hartz-4’ler sind die Bedrohung der Gesellschaft, oder was?«
»Hey! Übertreib es nicht! Du redest Quatsch. Wir können das Geld nun mal nicht mit der Gießkanne verteilen. Wir sind kein Sozialstaat mehr. Wir müssen sparen. Sonst ergeht es uns wie Griechenland. Wer nichts leisten will, soll halt woanders hin gehen. Meinetwegen nach Griechenland, die aktiv unseren Wohlstand gefährden. Dann werden die schon sehen, wo es besser ist.«
»Ach ja? Schön.«

Abrupt stellte er seine Kölschstange ab, stand er auf, legte ein paar Geldstücke auf den Tresen und nahm seine Regenjacke vom Haken.

»Der 14-jährige Sohn meiner Bekannte redete genau so wie du jetzt. Er hatte Hartz-4’ler als Schmarotzer bezeichnet, die nur faul seien und selber Schuld an deren Misere seien, die nichts leisten würden. Das sagte er, als meine Bekannte noch mit ihrem Lebensgefährten zusammenlebte. So wie du jetzt redete er. So wie es in den Medien immer wieder rauf und runter gebetet wird. Als der Bewilligungsbescheid für meine Bekannte eintraf, kam er hinzu und fragte, ob sie jetzt alle Hartz-4’ler seien. Als seine Mutter bejahte, meinte der nur, dann solle sie halt mehr arbeiten und verschwand in seinem Zimmer.«

Mit Verärgerung im Gesicht drehte er ab und verschwand grußlos durch die Kneipentür.
Mein Kölsch-Glas war fast leer, eine kleine schaumlose Pfütze befand sich noch drin. Ich hob das Glas und winkte dem Wirt zu. Es war noch zu früh, nach Haus zu gehen.

Freunde des Französischen

Französisch ist toll, französisch ist schön, französisch macht träumend beim Zuhören.
Wer diese Sprache aber leider – wie ich – in der Schule abgewählt hatte, weil ein paar Vollpfosten im Kurs denselbigen schnell ruinierten, der wird den folgenden Text leider so nicht direkt verstehen:

http://fichtre.net/yop.html

Aber alle Firefox-Browser-Nutzer haben eine geniale Möglichkeit sich eine schnelle Übersetzung hin zu zaubern:
Einfach den Text mit der Tastaturkombination „Strg“+“A“ oder mit der Maus alles markieren und träumen …

Piep, piep, piep, wisst Ihr eigentlich, …

… wer gestern zurück getreten ist?
Ihr müsst nur mal in Wikipedia nachschauen, dann wird es euch erklärt!

Guildo Horn (* 15. Februar 1963 in Trier, Rheinland-Pfalz; eigentlich Horst Köhler) ist ein deutscher Schlagersänger und Musiktherapeut.

Somit schließt sich der European-Song-Contest-Kreis von Satelliten-Lena über Piep-piep-piep-Guildo Horn und Will-nicht-mehr-Köhler zum Metzger Stefan Raab.

Jetzt frag ich mich nur, wo hat der Guildo Horn nur diesen erfolgreichen Gesichtschirugen aufgetrieben … ?

Und hiermit erkläre ich das Casting zu „Deutschland sucht den nächsten Präsidenten Deutschlands“ (DSDNPD) für eröffnet.

Kleiner feiner Unterschied

Horst Köhler im Wortlaut zu seinem Rücktritt:

[…] Die Kritik geht aber so weit, mir zu unterstellen, ich befürwortete Einsätze der Bundeswehr, die vom Grundgesetz nicht gedeckt wären. Diese Kritik entbehrt jeder Rechtfertigung. […]

„… jeder Rechtfertigung …“.
Er sagte nicht “ … jeder Basis …“.
Das heißt, er diskutiert gar nicht die Fragen, die er selber aufgeworfen hat. Er will sie auch gar nicht diskutieren. Er nimmt nicht dazu Stellung, ob er sie befürworte.
Es gibt wenige, die sich bar jeder Kritik fühlten.

„L’État c’est moi!“ („Der Staat bin ich!“), wird der „Sonnenkönig“, der absolutistische Monarch Ludwig XIV., zitiert. Horst Köhler hätte den Satz wohl am liebsten auch gerufen. Aber da gibt es einen Unterschied: Wir leben nicht mehr im Absolutismus. Wir leben in einer kritikoffenen, freiheitlichen Gesellschaft.

„Diese Kritik entbehrt jeder Rechtfertigung.“
Dieser Rücktritt entbehrt jeder Beschreibung. Heinrich Lübke hielt länger durch, bevor der dann freiwillig seinen Stuhl räumte …

Und tschüß, Herr Köhler.
Der nächste, bitte.
Und bitte: Mit mehr Rückgrat.

Und ganz nebenbei:
Jetzt wissen wir auch, warum Roland Koch zurück getreten ist. Der wollte Bundespräsident werden …

Die Büchse der Pandorra (Lebe wild und gefährlich Teil 29)

Zeus wies Pandora an, die Büchse den Menschen zu schenken und ihnen mitzuteilen, dass sie sie unter keinen Umständen öffnen dürften (Prometheus warnte seinen Bruder zudem davor, Geschenke von Zeus anzunehmen) doch – von Neugier übermannt – ließen die Menschen die Büchse trotzdem öffnen. Daraufhin entwichen aus ihr alle Laster und Untugenden. Als einzig Positives entwich auch die Hoffnung.

Text entnommen aus „Wikipedia – Büchse der Pandorra

Und wer es live sehen möchte, was als Screenshot unter diesem Text dargestellt ist, der klicke das Bild an:
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