Herzensbildung oder die Bestechlichkeit der Herzen

Haben wir nicht alle geheult wie die Schlosshunde? Da hatte ihr besoffener Chauffeur jene Frau Spencer in Paris in einem Tunnel einfach so gegen den Pfeiler gesetzt.
„Königin der Herzen“ erhielt sie als Titel. Posthum.

Und haben wir nicht geheult wie die Schlosshunde, als im Jahre 2001 dem FC Schlacke 05 in letzter Minute von dem FC Bayern der Meistertitel abgenommen wurde?
„Meister der Herzen“ wurden die Knappen-Mannschaft in Folge genannt. Als Meisterschaftsschalenersatz.

Und haben wir nicht geheult wie die Schlosshunde, als Joachim Gauck bei der Bundespräsidentenwahl 2010 als zweiter über die Ziellinie ging?
„Bundespräsident der Herzen“ wurde er genannt. A posterior.

Und heulen wir jetzt nicht wie die Schlosshunde, weil Joachim Gauck für die Bundespräsidentenwahl 2012 als Kandidat wieder zur Wahl steht?
„Kandidat der Herzen“ wird er jetzt genannt. A priori.

So, jetzt ist’s aber genug mit der guten Herzensbildung. Kommen wir doch mal wieder zum normalen Alltag zurück.
Im Januar vor einem Jahr schrieb ich noch das folgende:

Erinnert sich noch wer an die letzte Woche vor der Bundespräsidentenwahl 2010?

Es ging darum, ob Joachim Gauck oder Christian Wulff der erste Mann im Staat werden sollte. Die Diskussionen schwankten zwischen Bewertung wie „Gold und Silber“, „Pest und Cholera“, „Menschenrechtsvertreter und Menschenrechtvertreter“.

In diesem Blogeintrag schrieb ich über meine Begegnung mit einem Unfallopfer:
Ein Mann wurde in München eine Woche vor der Bundespräsidentenwahl 2010 von einem 7er BMW angefahren. In dem gepanzerten BMW saß unter anderem auch Joachim Gauck als Mitfahrer auf dem Rücksitz. Ihm ist freilich der Unfall nicht anzulasten. Er war nur Mitfahrer auf dem Rücksitz. Joachim Gauck sagte damals in der ZDF-Sendung „Was nun?“ zu dem Unfall: „Es war so ein Schreck.“ (Joachim Gauck). So sprach derjenige, der sich bereits damals als potentieller „Bürgerpräsident“ sah.

Es wurde auch berichtet, dass sich Joachim Gauck um das Unfallopfer gekümmert hätte. Er wäre sogar am Krankenbett des verunfallten Fahrradfahrers gewesen. Nur, so hatte mir der verunfallte Fahrradfahrer persönlich versichert, an einen Joachim Gauck an seinem Krankenbett konnte er sich nicht erinnern. Auf der Intensivstation, wo eh nur Familienangehörige eingelassen werden, wo er auch sofort und zweimal danach wegen dem Zusammenstoß noch operiert wurde. Andere Personen konnten ihm ebenfalls von keinem Gauck-Besuch an seinem Bett berichten. Aber es wurde damals verbreitet, dass Gauck sich am Krankenbett des Verunfallten befunden haben sollte.
Gauck, der mitfühlende Kandidat. Das war opportun. Und wir alle haben es geglaubt. Können Politiker lügen? Oder Zeitungen? Oder beide?
Was der Verunfallte letztendlich an seinem Krankenbett fand, das war ein Blumenstrauß von dem damaligen SPD-Kreisvorsitzenden. In dessen Büro war Joachim Gauck direkt vor jenem Unfall, um für seine Kandidatur zu werben.

Von Joachim Gauck persönlich hatte der Verunfallte nie mehr etwas gehört. Es mag sein, dass er sich vielleicht über seinen Zustand erkundigt haben mochte. Vielleicht über Mittelsmänner. Aber auch davon hatte der Verunfallte keine Kenntnisse erhalten. Nichts.
Selbst Thomas Gottschalk hat sich mehr um seinen verunfallten „Wetten, dass“-Gast gekümmert als Joachim Gauck um jenen Menschen. Sowohl Thomas Gottschalk als Joachim Gauck waren als unmittelbare Zeugen durch einen Unfall betroffen, ohne überhaupt schuldig am Geschehenen gewesen zu sein. Allein Gauck als Kandidat für das bedeutendste Amt der Bürgerschaft, dieser Gauck interessierte sich nur für seine Außendarstellung. Der Rest war ihm herzlichst egal.

Änderung/Ergänzung vom 13.3.2012: Nach Angaben der „Süddeutschen Zeitung“ hat sich Joachim Gauck im Rahmen seiner Vorstellung als Kandidat für das Präsidentenamt bei den Parteien hier in München mit dem damaligen Unfallopfer getroffen. Sollte diese Nachricht keine journalistische Ente sein, so steht das jetzt diametral meinen Aussagen gegenüber. Dieser Akt bringt ihm meine Achtung, aber als „Kandidat meines Herzens“ geht er bei mir weiterhin nicht durch. Zu viel war seit jenen Tagen bereits von Gauck erzählt worden, was heute jeder als Missverstehen seiner Aussagen interpretiert.

Vor einem Jahr schrieb ich noch:

Letztendlich wurde Christian Wulff der neue Bundespräsident und Gauck ging als schulter-geklopfter „Verlierer“ aus der Wahl hervor.
Christian Wulff ist vielleicht doch der ehrlichere, denn für ihn ist der Bürger ostentativ nur Staffage (siehe seine Weihnachtsansprache), während ihm die Maschmeyers näher sind als die Probleme vieler Bundesbürger, die er lieber in der Marginalität sehen möchte.

Gauck wurde inzwischen von fünf Parteien zum Amt des Präsidenten nominiert. Als weiterer Grußonkel der Geschichte und als Substitut einer nicht-vorhandenen deutschen konstitutionellen Monarchie hat Joachim Gauck bereits im vorbeugenden Kalkül darum gebeten, ihm jetzt schon zukünftige Fehler zu verzeihen:

„Und kann Sie nur bitten, die ersten Fehler gütig zu verzeihen und von mir nicht zu erwarten, dass ich ein Supermann und ein fehlerloser Mensch bin.“ Joachim Gauck

Ein genialer Schachzug. Hätte sich Wulff diesen Satz am Anfang seiner Amtszeit ebenfalls zurecht gelegt gehabt und wäre CDU-Politiker Hintze nicht so Talkshow-gesprächig gewesen, Wulff wäre noch heute Präsident. Meiner Meinung nach war Wulff sogar die damalige bessere Wahl dieser beiden schlechten Kandidaten-Sonderangebote der politischen Resterampe.

Eines wird uns heute dafür sicher sein: Von Gauck werden wir noch einiges zu Gehör bekommen. Nicht nur die Linken der SPD, Grünen und der Linken werden jetzt schon das ungute Gefühl haben, einen Polemiker zur Wahl zu bekommen, der sich mehr als mitsprechenden Bürger sieht und sich auch nicht für den Kampf über die Lufthoheit der Stammtische zu Schade sein wird. Ohne Rücksicht auf Verluste bei der eigenen Herzensbildung.

Aber zur Herzensbildung können dann ja immerhin weiterhin allerhöchste Aristokratentitel vergeben werden. Vom Aristrokratensubstitut zu Bürgertum.
Denn vergessen hatte ich in obiger anfänglicher Aufzählung als Bestecher der Herzen noch jemanden. Nein, keinen Journalisten und nicht die meinungsbildende Presse. Sondern lediglich und immerhin Florian Silbereisen.
Haben wir nicht geheult wie die Schlosshunde, als Florian Silbereisen 2006 in der Rolle eines Lokalreporters eine junge Liebe rettete?
„König der Herzen“ hieß dieser deutsch-österreichische Schmachtfetzen im Privatfernsehen.
Aus Berechnung.
Denn etwas besseres als Deutschlands Sommermärchen finden wir ja allemal, sprachen schon weiland die Bremer Stadtmusikanten …

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P.S.:
Es ist natürlich ein gaaaaanz billiger Trick von mir, oben „FC Schlacke 05“ zu schreiben und sich somit bei den Dortmunder Fans anzubiedern und den Hohngelächter der Bayern-Fans gegen jenen Verein einzuheimsen. Darum gehe ich hier mal mit Carmen Thomas konform und verbessere mich nachträglich: Es heißt natürlich korrekt „FC Schalke 05“ …

Politprofi oder Seiteneinsteiger? Die Gretchenfrage

Vier Wochen vor der Wahl stellt die Münchener »TZ« schon einmal die neue First Lady Bettina Wulff vor. Die »TZ« sieht Deutschland schon von einem Wir-sind-Lena-Glück ins Wir-wollen-Bettina-Fieber taumeln. Unverblümt palavert die »TZ« ihren Lesern gegenüber von dem bereits »designierten Bundespräsidenten« Christian Wulff (Zitat von TZ-Plakaten an deren Münchener Zeitungskästen) und welche gute Wahl die drei Parteien CDU, FDP und die bayrische CSU getroffen hätten.

Doch inzwischen haben SPD und Grüne auch schon reagiert und zur Verblüffung einiger CDU-/CSU- und FDP-Mitglieder Joachim Gauck vorgeschlagen. Es ist nicht das erste Mal, dass Joachim Gauck zum Bundespräsidentenamt vorgeschlagen wurde. Bereits 1999 stand er auf der Wunschliste der CSU. Doch jetzt ist er der Gegenkandidat von Christian Wulff.

Dies Nominierung durch SPD und Grüne ist ein tiefgründiger Schachzug. Ohne Umschweife kann davon gesprochen werden, dass SPD und Grüne dem Regierungskoalitionsvorschlag einen dicken Stachel ins Fleisch setzen konnten. Und dabei ist Joachim Gauck keineswegs einer, welcher der linken Seite zugerechnet werden kann. Joachim Gauck selber ist nicht nur Mitglied der »Deutschen Nationalstiftung«, dessen Schirmherr Horst Köhler bis zu seinem Rücktritt war. Er ist auch Mitglied der »Atlantik-Brücke«, welche von so führenden Köpfen wie Kai Diekmann (BILD), Guido Westerwelle (FDP), Friedrich Merz (CDU), Martin Winterkorn (VW), Klaus-Peter Müller (Commerzbank), Jürgen Fitschel (Deutsche Bank AG) und Michael Frenzel (Preussag AG) beeinflußt wird. Aber auch Leute wie Helmut Kohl (CDU), Jörg Schönbohm (CDU), Hans-Dietrich Genscher (FDP), Karl-Theodor Freiherr von und zu Guttenberg (CSU) oder Jörg Allgäuer (Manager von UniCredit Bank AG) gehören der »Atlantik-Brücke« an.

Nachdem Frau Merkel ihre Arbeitsministerin unbekümmert gegen die Wand knallen ließ, indem sie jene offensichtlich darüber im Unklaren ließ, dass von der Leyen im Gegensatz zu Christian Wulff nicht ihr Wunschkandidat ist, seit diesem Zeitpunkt wurde eigentlich klar, dass die Nominierung von Christian Wulff den Zweck haben soll, ihre Position als Bundeskanzlerin und Bundesvorsitzende der CDU zu stabilisieren. Christian Wulff wird dem Kreis eines Männerbundes (»Andenpakt«) zugerechnet. Neben Wulfff sollen diesem »Andenpakt« auch Franz Josef Jung, Günther Oettinger, Volker Bouffier, Elmar Brok, Hans-Gert Pöttering, Friedbert Pflüger, Christoph Böhr, Matthias Wissmann, Peter Müller und Friedrich Merz angehören. Diese Namen lesen sich wie ein Who-is-Who der Rücktritte oder Versetzungen in andere Ämter.

Diese Demissionen hatten gemein, dass jene Politiker sich aus dem direkten Machtbereich Merkels entfernten. Jetzt ist Wulff zwar nicht derjenige, der Frau Merkel ernsthaft das Wasser reichen könnte, nachdem alle anderen des »Männerbundes« der Frau Merkel nicht mehr gefährlich werden können. Christian Wulff, das ist die Antwort auf Unionsfraktionschef Volker Kauders Forderung »Wir glauben, dass wir jemanden mit politischer Erfahrung brauchen«. Nur, nachdem nach Köhlers Rücktritt jeder Berufene und Unberufene vor Journalistenmikrofonen inzwischen erklärt hat, was ein Bundespräsident zu leisten oder nicht zu leisten hat, sind unbequeme Wegpfosten als zukünftige Kriterien für den möglichen Bundespräsidenten Wulff eingeschlagen. Christian Wulff wird sich diesen Kriterien fügen, das hat er erkennen lassen. Und als verlängerte Werkbank der Bundesregierung soll er vor allem nett lächeln und fleißig den neuen deutschen Grußonkel mimen.

Seiteneinsteiger will die Merkel nach eigenem Bekunden nicht mehr. Es soll ein Politprofi sein. Welch Vorschusslorbeeren und Bauchpinselei für Wulff. Und, welche Gelegenheit für Wulff sich in eine bessere Position hinein zu manövrieren, bevor ihn nachrückende Seilschaften der CDU unter Druck setzen könnten. Der Männerbund »Andenpakt« soll ja bereits seit 2007/2008 nicht mehr funktionieren. Für Frau Merkel droht daher nach dem Rückzug von Koch im Grunde keine Gefahr mehr.

Aber jetzt kommt Joachim Gauck. Und es fängt vielen an zu dämmern, dass die Parole »Keine Seiteneinsteiger mehr« eher schädlich als nützlich ist.
Gauck ist parteilos, aber in seiner Zeit als »Bundesbeauftragter für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes der ehemaligen DDR« wurde eine ganze Behörde nach ihm benannt, die »Gauck-Behörde« (die jetzige »Birthler-Behörde«). Die Nominierung von Joachim Gauck überraschte nicht nur Gauck selber sondern auch die Regierungskoalition. Gerade jener Gauck, den die Regierungsparteien wegen dessen Arbeit immer gerne würdigten. Jetzt kommt einigen zu Bewusstsein, dass der Alleingang der Nominierung von dem Ministerpräsidenten Niedersachsens Christian Wulff gegen jemanden, der von den Regierungsparteien hoch geachtet ist, nun doch nicht das Richtige war. Beide Kandidaten erscheinen wie Antipoden zueinander in deren Positionen. Ein regierungsfreundlicher Grußonkel contra mutmaßlichen kritischen Kopf. Ein Dilemma, welches sich in den letzten Tagen in den Zeitungen Bahn bricht.

Der Vorschlag der SPD und Grünen zielt aber auch in eine zweite Richtung.
Nachdem die SPD und die Grüne die Partei »Die Linke« in Nordrhein-Westfalen in Sondierungsgesprächen medial vorführten (Hannelore Kraft: »Die Linkspartei in NRW ist weder regierungswillig noch regierungsfähig.«), folgt nun der zweite Schlag: Wird die Partei »Die Linke« Joachim Gauck unterstützen? SPD und die Grünen stellen der »Linke« erneut deren eigens in NRW formulierte Gretchenfrage: »Wie haltet ihr es mit der Vergangenheit der DDR?«. Gauck als Prüferlein für die sechste Partei im Staate.

Die »Linke« hat sich noch nicht gemeldet, sucht derweil einen eigenen Kandidaten. Peter Sodan wird es diesmal nicht werden. Vielleicht aber schlägt jene Partei auch niemanden vor. Die Zeit ist knapp und mehr als symbolisch wird eine solche Nominierung eh nicht mehr werden.

Vielleicht könnte die »Linke« auch eine perfide Strategie einschlagen und Wulff empfindlich beschädigen und Frau Merkel eine erhebliche Niederlage bereiten. Wie die Regierungsparteien in Berlin bereits nach der NRW-Wahl bekräftigten, würden Koalitionsverhandlungen in NRW mit SPD und Grüne nur geführt werden, wenn diese NICHT mit der Partei »Die Linke« reden würden. Diese Art des Politik-Verständnisses wurde noch vor über 20 Jahren den Grünen als Verweigerungspolitik und in der Presse den damaligen »Grünen« als destruktiver »Fundamentalismus« vorgeworfen.
Würden die Linken nun Christian Wulff unterstützen, so wäre dessen Wahl zum Bundespräsidenten gesichert. Insbesondere, nachdem sich bereits einige Teile der FDP und CDU vorstellen können, auch für Gauck zu stimmen. Und die »Linken« würden damit nicht nur ihr politisches Gewicht erhöhen, sondern sie könnten auch im Vorfeld Christian Wulff als Kandidaten schaden, weil damit bei der Wahl die Fundis der CDU-/CSU-/FDP-Parteien plötzlich zu Wahl-Abweichlern werden könnten. Der kollaterale Schaden für Frau Merkel wäre immens.

Andererseits könnten die »Linken« sich auch hinter Gauck stellen und damit jene erheblich ärgern, die die »Linke« gerne als politikuntauglich wegklassifizieren würden. Das Argument der »regierungsunwilligen und koalitionsunfähigen« Partei wäre fürs erste blockiert. Der Öffentlichkeit wäre es schwerer zu vermitteln, dass die »Linken« die Spitzbuben der Parteienlandschaft sein könnten. Allerdings – und das ist auch Fakt – wären sicherlich einige der Parteiangehörigen der »Linke« alles andere als glücklich über eine solche Entscheidung. Politik-Fundamentalismus findet sich auch bei der Partei »Die Linken« genauso wie bei den anderen Parteien.

Egal, für wen sich die »Linken« nun entscheiden, Verlierer der Bundespräsidentenwahl werden sie nur sein, sollten sie mit einem eigenen Kandidaten wuchern wollen. Ohne eigenen Kandidaten und mit aktiver Unterstützung eines der beiden Kandidaten können die »Linken« nur gewinnen. Und den Parteien schaden für deren Kandidaten sie sich entscheiden.

Der Ausgang der Wahl ist dabei nicht so zukunftsweisend wie die Wahl an sich. Die Wahl wird auf alle Fälle spannend. Und spannend wird auch werden, ob es die Regierungsparteien schaffen werden, in den verbleibenden vier Wochen ihren eigenen Kandidaten Wulff zu demontieren. Für unwahrscheinlich halte ich das nicht.