Kein Zutritt von unten (Kneipengespräch)

Tresen 0

»Lang nicht mehr gesehen.«

Er ergriff sich den Hocker neben mir, zog ihn in Sitzposition, deutete dem wird mit dem Zeigefinger an, dass er gerne ein Kölsch haben würde, und zog seine Regenjacke aus.

»Na ja, ich dich ja auch nicht.«
»Ich habe ein wenig privatisiert.«
»Privati … was’n das?«
»Ins Private zurück gezogen. Und was hast du in der Zwischenzeit so getrieben?«

Der Wirt schob ihm eine frisch gefüllte Stange Kölsch auf einem Bierdeckel rüber. Während er seine Regenjacke unterm Tresen an einen Haken aufhängte, langte er nach dem Kölsch, nahm einen Schluck und schwang sich auf den Hocker.

»Getrieben? Ich hab mich mal mit Hartz 4 vertraut gemacht.«
»Gesetzestexte durchwühlt?«

Er schüttelte den Kopf.

»Nein. Ich habe einer Bekannten durch den Formularwust für dieses Arbeitslosengeld II durchgewühlt. Ich sag dir, dieses ALG2 ist der reinste Papierslalom. Für alles und jedes wollen die Belege sehen.«
»Na gut, schließlich soll verhindert werden, dass Betrüger Geld abzocken.«
»Abzocken?«
»Sagt dir der Fall Florida-Rolf noch was?«
»Ja klar. Die BILD-Zeitung und deren Angst, dass es einem Sozialhilfeempfänger besser gehen könnte als deren eigenen Freelancer-Journalisten.«
»Jetzt wirste polemisch!«
»Pass mal auf. Ich bin mit meinem Lebensstandard weit weg von Hartz 4. Irgendwo in der Reihe der Mittelständler zwischen Bild-Zeitungsredakteur und Politiker kannste mich einordnen. Mir klingen noch die Worte eines Geschäftsführer von vor zwei Jahren in den Ohren, der seinen Angestellten erklärte, würde die Banken seine Firmenkredite kappen, dann sei er Ruck-Zuck Hartz 4.«
»Ja und?«
»Die haben doch alle keine Ahnung, was für eine Knochenmühle Hartz 4 geworden ist.«
»Aber du, oder was.«
»Hast du dir mal den Fragebögen zur Antragsstellung für ALG2 durchgelesen? Da sind die Abfragen der persönlichen Daten bei Facebook Kinderkram.«
»Na und? Wer Leistungen vom Staat bekommen will, der muss auch selber dem Staate gegenüber in Vorleistung gehen.«
»Toll. Meine Bekannte hat zwei entschiedene Probleme: Sie ist Ausländerin, spricht deutsch recht schlecht, von Lesen ist mal ganz abzusehen, hat drei Kinder und dann ist ihr Lebensgefährte ausgezogen.«
»Und?«
»Als sie dann noch letztens arbeitslos wurde, hat sie bei den Fragebögen nur noch Bahnhof verstanden.«
»Sie hätte ja vorher deutsch lernen können.«
»Hätte. Selbst ich mit Deutsch als Muttersprache verstand die Fragen nicht beim ersten Mal. Anfangs hatte sie nach einem Gespräch bei der ARGE einen Deutschkurs bewilligt bekommen. Auch mit dem Hintergrund sich für neue Jobs besser bewerben zu können. Dann kam aber der neue Sachbearbeiter. Ein Arsch von Gottes Gnaden. Der hatte ihr den Deutschkurs gleich mal gestrichen. Seiner Ansicht nach sollte sie nach 11 Jahren Deutschland ausreichend deutsch sprechen können. Er hat ihr dann gleich einen neuen Binnenbrief geschickt.«

Sein Gesichtsausdruck hatte sich beim erzählen verfinstert. Seine Stimme war immer eregter geworden.

»Binnenbrief? Was ist denn das?«
»Zu beantworten binnen zwei Wochen oder es gibt Sanktionen der ARGE, weil sie nicht kooperativ sei.«
»Was wollten die?«
»Ihren vollständigen Lebenslauf. Ich hab ihn ihr dann geschrieben. Dutzend von mir ausgefüllte Papiere später hatte sie dann Mietunterstützung für ihre alte Wohung erhalten. Aber sie sollte sich eine neue suchen.«
»Und?«
»Der Münchener Wohnungsmarkt wimmelt von maklervermittelten Wohnungen. Bei den Besichtigungsterminen mit den Maklern wurde ihr dann immer erklärt, dass keine Arbeitslosen mit drei Kindern akzeptiert würden.«
»Wieso? Wenn die Stadt die Miete von ihr zahlt, dann ist die Mietzahlung doch garantiert.«
»Früher, das war früher. Mit der Einführung von Hartz 4 kann die Stadt die Mietzahlung dann kürzen oder sperren, wenn der Empfänger sanktioniert werden muss. Seitdem sind Arbeitslose von Vermietern meistens unerwünscht. Arbeitslose könnten zu Hartz-4-Empfänger werden.«
»Aber sie kriegt die jetzige Wohnung bezahlt?«

Er lachte auf. Ein hilfloses zynisches Lachen.

»Es kann der Frömmste nicht in Frieden leben, wenn es dem Hartz-4-Sachbearbeiter nicht gefällt.«
»Wie das?«
»Sie muss jeden Monat 9 Wohnungssuchen nachweisen: Gesprächspartner, Telefonnummern, Wohnungsbeschreibung, Absagegrund, Bewerbungen bei Wohnungsgesellschaften. Und das wird von jemand verlangt, der nur deutsch sprechen aber kaum schreiben kann. Witzig, nicht? der hatte wohl ihren Deutschkurs gestrichen, damit er sie wohl schneller sanktionieren konnte. Wahrscheinlich kriegen die Bonus-Zahlungen für jede eingestellte Hartz-4-Zahlung. Ich habe ihr bei dieser Schreibarbeit dann geholfen. Sie hatte dann nebenbei auch eine Wohnung gefunden. Aber sie war von dem ARGE-Sachbearbeiter angewiesen worden, dass sie nur einen Mietvertrag unterschreiben dürfe, wenn Sie zuvor mit dem Sacharbeiter Rücksprache gehalten hätte. Würde sie vorher unterschreiben, würde die ARGE nicht zahlen.«
»Und?«
»Sie versuchte ihn eine Woche zu erreichen und hat ihm tagelang auf dem Anrufbeantworter gesprochen. Er war nie persönlich zu erreichen. Der Vermieter sagte ihr schließlich ab, weil sie nicht unterzeichnen konnte.«
»Und der Sachbearbeiter?«
»Sie erreichte ihn dann persönlich, nachdem ich mich mal einschaltete und ihr half. Erst auf Umwegen erreichte sie ihn. Als sie ihm sein Leid klagte, dass er nie zu erreichen sei, …«

Er schnappte deutlich Luft, ergriff sein Kölsch, leerte es und starrte vor sich hin.

»Und was sagte der Sachbearbeiter ihr dann?«
»’Ruhe jetzt!’«
»Was? Wieso?«
»Er blaffte ihr nur in den Hörer ‚Ruhe jetzt!‘. Fast wie ein Offizier. Als meine Bekannte verstört nachfragen wollte, was er damit meinte, pfiff er dreimal in den Hörer. Weißt du, es war das Pfeiffen, was normalerweise ein Hundehalter beim Gassigehen seinen Hund zupfeifft.«
»Was?«
»Er hat gepfiffen, als sei sie wie ein Hund zu behandeln! Und ihr dann nochmals ein ‚Ruhe jetzt‘ entgegengeschleudert. Sie bräuchte sich nicht aufzuregen, wenn er wolle, dass sie Ruhe gebe. Verstehst du das? Behandelt man so seinen Kunden? Welches Recht hat so ein Sachbearbeiter jemanden wie einen Hund zu behandeln?«
»Vielleicht hatte er nur einen schlechten Tag.«
»Einen schlechten Tag?«

Er starrte mich an. Sein Gesicht drückte eine Verzweifelung ob meiner Bemerkung aus. Der Wirt schob ihm ein neues Kölsch hin, welches er sofort ergriff und einen tiefen Schluck raus nahm. Seine Hand umfasste die Kölschstange krampfhaft. Fast erschien es mir, er würde das Glas zusammendrücken wollen, als würde es gleich splittern …

»Einen schlechten Tag? Wenn ich in meinem Beruf in der freien Wirtschaft einen Kunden behandeln würde, dann würde ich Ärger mit meinem Chef bekommen. Aber der Sachbearbeiter ist ja Beamter. Ein Beamte, der das Klischee über Beamten füttert. Einen schlechten Tag? Ach ja, nur am Rande, meine Bekannte hatte inzwischen einen neuen Job gefunden und entsprechend den Vorschriften, alle Behörden informiert. Drei Tage später erhielt sie von dem ARGE-Sachbearbeiter einen neuen Binnenbrief. Sie solle ihm binnen vier Wochen bis Mitte Juni eine Kopie des Arbeitsvertrages und der Verdienstbescheinigung zuschicken.«
»Und?«
»Diese Woche sollte eigentlich die Mietunterstützung auf ihrem Konto eintreffen. Sie kam nicht. Sie konnte die Miete bislang nicht zahlen. Gestern hatte meine Bekannte dann bei der ARGE angerufen. Dort erfuhr sie, dass sie gesperrt sei. Sie sei so lange gesperrt, bis sie Arbeitsvertrag und der Verdienstbescheinigung vorlegen würde.«
»Wo ist das Problem?«
»Jener Sachbearbeiter hatte sie direkt nach Versendung des Briefes vor zwei Wochen gesperrt gehabt. Den Arbeitsvertrag erhielt sie erst vor einer Woche und die Verdienstbescheinigung von der ersten Arbeitswoche kommt erst Mitte Ende nächster Woche. Bis dahin bleibt sie gesperrt.«
»Sie kann doch ihre Miete schon mal zahlen.«
»Das waren die Worte des Sachbearbeiters. Aber ihr Konto gibt das nicht her.«
»Schulden?«
»Schulden. Aber dazu hatte der Sachbearbeiter ihr erklärt gehabt, Schulden seien Privatsache. Das interessiere ihn nicht. Sie solle sich Geld leihen.«

Seine letzten Worte hatten einen stark zynischen Klang und ich glaubte noch ein leises »So ein Arschloch« zu vernehmen.

»Und wieso erzählst du mir das?«
»Okay, du verstehst es nicht. Du verstehst wohl nicht, dass meine Bekannte momentan durch ein Spalier der Demütigungen geht.«
»Na und? Es geht halt nicht anders. Zu viele Leute haben die Sozialhilfe genutzt, um den Staat abzuzocken.«

Er drehte seinen Kopf ein wenig und blickte mich leicht säuerlich von unten her an.

»Ach ja? Aber mit den Abzockern der Bankenwirtschaft, da verfahren wir anders, oder etwa nicht? Die werden von unserer Regierung an den Verhandlungstisch eingeladen. Aber Hartz-4’ler sind die Bedrohung der Gesellschaft, oder was?«
»Hey! Übertreib es nicht! Du redest Quatsch. Wir können das Geld nun mal nicht mit der Gießkanne verteilen. Wir sind kein Sozialstaat mehr. Wir müssen sparen. Sonst ergeht es uns wie Griechenland. Wer nichts leisten will, soll halt woanders hin gehen. Meinetwegen nach Griechenland, die aktiv unseren Wohlstand gefährden. Dann werden die schon sehen, wo es besser ist.«
»Ach ja? Schön.«

Abrupt stellte er seine Kölschstange ab, stand er auf, legte ein paar Geldstücke auf den Tresen und nahm seine Regenjacke vom Haken.

»Der 14-jährige Sohn meiner Bekannte redete genau so wie du jetzt. Er hatte Hartz-4’ler als Schmarotzer bezeichnet, die nur faul seien und selber Schuld an deren Misere seien, die nichts leisten würden. Das sagte er, als meine Bekannte noch mit ihrem Lebensgefährten zusammenlebte. So wie du jetzt redete er. So wie es in den Medien immer wieder rauf und runter gebetet wird. Als der Bewilligungsbescheid für meine Bekannte eintraf, kam er hinzu und fragte, ob sie jetzt alle Hartz-4’ler seien. Als seine Mutter bejahte, meinte der nur, dann solle sie halt mehr arbeiten und verschwand in seinem Zimmer.«

Mit Verärgerung im Gesicht drehte er ab und verschwand grußlos durch die Kneipentür.
Mein Kölsch-Glas war fast leer, eine kleine schaumlose Pfütze befand sich noch drin. Ich hob das Glas und winkte dem Wirt zu. Es war noch zu früh, nach Haus zu gehen.

Freunde des Französischen

Französisch ist toll, französisch ist schön, französisch macht träumend beim Zuhören.
Wer diese Sprache aber leider – wie ich – in der Schule abgewählt hatte, weil ein paar Vollpfosten im Kurs denselbigen schnell ruinierten, der wird den folgenden Text leider so nicht direkt verstehen:

http://fichtre.net/yop.html

Aber alle Firefox-Browser-Nutzer haben eine geniale Möglichkeit sich eine schnelle Übersetzung hin zu zaubern:
Einfach den Text mit der Tastaturkombination „Strg“+“A“ oder mit der Maus alles markieren und träumen …

Piep, piep, piep, wisst Ihr eigentlich, …

… wer gestern zurück getreten ist?
Ihr müsst nur mal in Wikipedia nachschauen, dann wird es euch erklärt!

Guildo Horn (* 15. Februar 1963 in Trier, Rheinland-Pfalz; eigentlich Horst Köhler) ist ein deutscher Schlagersänger und Musiktherapeut.

Somit schließt sich der European-Song-Contest-Kreis von Satelliten-Lena über Piep-piep-piep-Guildo Horn und Will-nicht-mehr-Köhler zum Metzger Stefan Raab.

Jetzt frag ich mich nur, wo hat der Guildo Horn nur diesen erfolgreichen Gesichtschirugen aufgetrieben … ?

Und hiermit erkläre ich das Casting zu „Deutschland sucht den nächsten Präsidenten Deutschlands“ (DSDNPD) für eröffnet.

Kleiner feiner Unterschied

Horst Köhler im Wortlaut zu seinem Rücktritt:

[…] Die Kritik geht aber so weit, mir zu unterstellen, ich befürwortete Einsätze der Bundeswehr, die vom Grundgesetz nicht gedeckt wären. Diese Kritik entbehrt jeder Rechtfertigung. […]

„… jeder Rechtfertigung …“.
Er sagte nicht “ … jeder Basis …“.
Das heißt, er diskutiert gar nicht die Fragen, die er selber aufgeworfen hat. Er will sie auch gar nicht diskutieren. Er nimmt nicht dazu Stellung, ob er sie befürworte.
Es gibt wenige, die sich bar jeder Kritik fühlten.

„L’État c’est moi!“ („Der Staat bin ich!“), wird der „Sonnenkönig“, der absolutistische Monarch Ludwig XIV., zitiert. Horst Köhler hätte den Satz wohl am liebsten auch gerufen. Aber da gibt es einen Unterschied: Wir leben nicht mehr im Absolutismus. Wir leben in einer kritikoffenen, freiheitlichen Gesellschaft.

„Diese Kritik entbehrt jeder Rechtfertigung.“
Dieser Rücktritt entbehrt jeder Beschreibung. Heinrich Lübke hielt länger durch, bevor der dann freiwillig seinen Stuhl räumte …

Und tschüß, Herr Köhler.
Der nächste, bitte.
Und bitte: Mit mehr Rückgrat.

Und ganz nebenbei:
Jetzt wissen wir auch, warum Roland Koch zurück getreten ist. Der wollte Bundespräsident werden …

Die Büchse der Pandorra (Lebe wild und gefährlich Teil 29)

Zeus wies Pandora an, die Büchse den Menschen zu schenken und ihnen mitzuteilen, dass sie sie unter keinen Umständen öffnen dürften (Prometheus warnte seinen Bruder zudem davor, Geschenke von Zeus anzunehmen) doch – von Neugier übermannt – ließen die Menschen die Büchse trotzdem öffnen. Daraufhin entwichen aus ihr alle Laster und Untugenden. Als einzig Positives entwich auch die Hoffnung.

Text entnommen aus „Wikipedia – Büchse der Pandorra

Und wer es live sehen möchte, was als Screenshot unter diesem Text dargestellt ist, der klicke das Bild an:
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Wenn Vasen zerschlagen werden

Was vorher geschah: Prolog, Teil 1, Teil 2, Teil 3, Teil 4, Teil 5, Teil 6, Teil 7, Teil 8, Teil 9, Teil 10, Teil 11, Teil 12, Teil 13, Teil 14, Teil 15

***

“Du solltest das Zeug nicht trinken.”

Er schaute mich besorgt an und schob das Glas Absinth aus meiner Reichweite.

“Lass mich.”

Ich beugte mich vor und zog das Glas mit seiner grünen Flüssigkeit zu mir rüber. Mit dem Inhalt einer Wasserkaraffe verdünnte ich meinen Absinth, der eine milchig grünliche Trübung annahm.

In einem Anfall von Wahnsinn hatte ich im Februar den Ratschlag eines ehemaligen Arbeitskollegen befolgt und das Erbe meines Vaters in einen amerikanischen Hedge-Fond investiert. Die mir damals präsentierten Zahlen waren berauschend. Der Hedge-Fond hatte bereits vor drei Jahren seine Investoren mit üppigen Gewinnen überschüttet gehabt. Damals hatte der Fond mit Kreditausfallsicherungen aus US-amerikanischen Immobilien, den sogenannten “Credit Default Swaps”, gehandelt und diese in sogenannte “Collateralized Dept Obligations” (CDO) gebündelt. Von Ratingagenturen hatte der Fond diese mit Hilfe einer Wall-Street-Bank mit Bestnoten bewerten lassen. Diese CDOs gingen an europäische Banken und dagegen hatte der Hedge-Fond dann gewettet. Als die CDOs dann reihenweise ihren Wert verloren, sammelte sich der Gewinn im Hedge-Fond an. Die Renditen waren traumhaft. Das Geschrei der europäischen Staaten, die ihre Banken dann finanziell stützen mussten, war gewaltig. Eben aufgrund jener Gewinnberichte hatte ich mein Geld investiert. Wie ich allerdings später erfuhr, war jener Kopf, der damals für den satten Gewinn zuständig war, aus dem Hedge-Fond abgewandert und jemand anders hatte die Führung übernommen. Im Zuge der Griechenland-Euro-Krise hatte dieser neue Besitzer den Fond schließen müssen. Es wird gemunkelt, er habe mit bestimmten Derivaten eine Wette gegen eine deutsche Bank getätigt. Als der Kurs des Euros im Verhältnis zum US-Dollar fiel, war das Geld weg und der Typ – kurz nachdem er seine Email an uns Investoren rausgeschickt hatte – nicht mehr erreichbar.

Ich hatte meinen Rechtsanwalt eingeschaltet, aber der gab mir wenig Aussicht auf Erfolg. Im persönlichen Beratungsgespräch eröffnete er mir, dass er selber einen guten Gewinn aus der Euro-Krise gezogen hat. Und er sähe nicht wirklich, warum ich selber jetzt gegen jemanden klage wolle, der bei einer Börsenwette mein Geld verzockt habe. Börse, so erklärte er mir mit einem Lächeln, sei nun mal nichts für Amateure. An der Börse könne man alles gewinnen oder alles verlieren. Und wer verliere, der solle sich nicht beklagen, die Gewinner täten es auch nicht. Den letzten Satz brachte er mit solch einem zynischen Lächeln über seine Lippen, dass ich ihm wütend ankündigte, mir einen anderen Rechtsanwalt zu suchen.

Einen neuen Rechtsanwalt habe ich mir nicht gesucht. Warum auch. Er hatte ja recht. Ich hatte gezockt und verloren. Andere haben sich mein Geld unter sich aufgeteilt. Und als Verlierer stand ich nun in solch illustrer Reihe von Börsenverlierern wie HRE, IKB, Island und Griechenland. Nur der Unterschied ist, dass sich für meine Situation niemand wirklich interessiert. Bei Recherchen im Internet stieß ich dann auf das Gerücht, dass jener Hedge-Fond-Besitzer Selbstmord begangen haben sollte. Kurz danach war ich zu meiner Bank und hatte mir einen Kredit besorgt, um finanziell nicht gänzlich unter zugehen. Die Bank zögerte anfangs noch, mir Kredit zu geben. Letztendlich aber erhielt ich den Kredit. Als ich die Kreditpapiere in den meinen privaten Ordner verstaute, fiel mir der Satz ein, den mir ein amerikanischer Banker mal sagte: “Wie gibt man Leute das Gefühl, vermögend zu sein, wenn deren Einkünfte stagnieren? Gebe denen billige Kredite.” Nach diesem Prinzip wurde den Amerikanern Immobilienkredite vergeben. Und als immer mehr nicht mehr fähig waren, die Kredite zurück zu bezahlen, setzte die Finanzkrise ein. Jene Kredite waren von den Kreditverleihern verbrieft worden, um damit an der Börse über Kreditausfallversicherungen (CDS) Geld machen zu können.

Jürgen ergriff meine Hand und entwand mir mein Glas.

“Das brauchste nun wirklich nicht.”

Jürgen war zum Ökumenische Kirchentag gekommen. Seine Gemeinde in Remagen hatte einen Bus nach München organisiert und Jürgen hatte die Gelegenheit beim Schopfe ergriffen. Dafür hatte er sogar einen heftigen Krach mit seiner Frau in Kauf genommen. Wir hatten uns im “Cafe Bleu” verabredet.

Das Cafe war geheizt, trotzdem hatte ich mir schon vor Jürgens Eintreffen einen Absinth zum Aufwärmen genehmigt. Das Wetter draußen war regnerisch und kalt. Es passte zu der Stimmung, die wegen dem milliardenschweren Griechenland-Rettungsschirm überall herrschte: Kater-Stimmung vermischt mit Depressionen.

Die Kellnerin erschien und brachte zwei große Becher Tee vorbei, die Jürgen zuvor bei ihr bestellt hatte.

“Trink lieber das. Grüner Tee. Die haben hier eine echt gute Sorte aus Japan, habe ich beim Reinkommen bemerkt. Und nicht dieser Tee in beuteln aus dem Supermarkt.”

Er stellte mein Glas Absinth auf den leeren Nebentisch und hob seinen dampfenden Becher vorsichtig mit beiden Händen hoch. Mit einem leichten Schlürfen trank er etwas von dem Tee.

“Wow, der ist echt gut! Probiere mal.”

Vorsichtig ergriff ich den Becher. Er war heiß, verdammt heiß. Ich nahm einen schnellen Schluck, aber ich spürte nichts. Der Anis aus dem Absinth lag mir noch auf der Zunge und ließ den Tee eigenartig neutral schmecken.

“Hattest du mein Exemplar der Papiere des PentAgrions erhalten?”

Ich nickte. Ja, das hatte ich, aber ich hatte den Umschlag nie geöffnet. Er wanderte damals in meine Schreibtischschublade. Zumindest glaube ich es. Sicher war ich mir nicht mehr. Zu sehr war ich damals damit beschäftigt, mein Geld zu investieren und mich zuvor mit den Chancen und Risiken der Börse auseinander zu setzen. Und dann war da noch die Affäre mit der Kneipenbekanntschaft. All das raubte mir Zeit und Muße mich mit jenem Thema auseinander zu setzen. Das Thema “PentAgrion” war mir dabei total vom Schirm gerutscht. Es hatte mich auch nicht sonderlich weiter interessiert. Nur knapp eineinhalb Monate später verabschiedete sich meine Kneipenbekanntschaft wieder aus meinem Leben. Dafür zeichnete sich der Totalverlust meiner Investition ab. Und danach war ich erst mal mit allem durch.

Mir erschien mir alles recht sinnlos und ich taumelte recht planlos durch mein Leben. Bis dann mein Telefon klingelte und sich Jürgen meldete. Er würde den Ökumenischen Kirchentag besuchen und ob wir uns nicht treffen könnten. Ich schlug das “Café Bleu” vor, ein kleines Café am Rande vom Münchener Stadtteil Schwabing. Er kam ein wenig verspätet. Ich hatte schon den ersten Absinth hinter mir gebracht und auf seiner Frage, warum ich das grüne Zeug schlucken würde, ihm in knappen Worten über meinen finanziellen Fehlschlag erzählt

“Und wie haben dir die Papiere gefallen?”

“Hm. Ehrlich, ich habe sie noch nicht gelesen.”

“Du warst doch so sehr dahinter her?”

Ich nickte. Mir kam das letzte Telefongespräch mit Jürgen in die Erinnerung zurück. Es ging über Schwarze Löcher und das Internet. Über Schwarze Löcher als Archivschrank des Weltalls und Elefanten als Spaghetti.

“Das stimmt. Aber die ganze Sache mit den Schwarzen Löchern und die Schwarzen Löcher als Informationsspeicher, das war mir zu sehr abgehoben.”

“Zu kompliziert?”

“Absolut. Würde das nicht heißen, ich könnte meine Büchersammlung zu Hause anzünden und trotzdem wäre nichts verloren? So wie es Ethnologen immer behaupten?”

Er beugte sich lächelnd vor. Ein Hauch seines After-Shaves erreichte meine Nase. Er faltete seine Hände und legte sie um seinen Becher Tee. Er schaute kurz konzentriert in seinen Tee und blickte mir dann ins Gesicht.

“Hm. Stell dir jetzt mal das folgende vor:  Nimm dir eine Vase. Eine, die du nicht ausstehen kannst. Packe sie in eine Plastiktüte und nimm einen 500-Gramm-Hammer. Setze jetzt gezielt zwei, drei Schläge. Es klirrt. Kaufe dir Pinzette und Klebstoff. Du wärest jetzt im Stande die Vase zusammen zu setzen. Mit etwas höherwertigem Equipment könntest du die Vase so zusammenpuzzeln, dass man meinen könne, sie wäre nie zerbrochen gewesen. Setze jetzt zweihundert Schläge auf die Tüte. Noch immer wäre es möglich die Vase zusammen zu setzen. Freilich wäre damit ein sehr langer Zeitaufwand verbunden. Inklusive viel Geduld und Hilfsmitteln, die dich mehr als nur der Rettungsschirm der Bundesregierung für europäische Banken kosten würden. Zumindest kann dir niemand widerlegen, dass die Informationen innerhalb der Plastiktüte nicht die Vase darstellen würden. Wäre es jetzt keine Plastiktüte, sondern ein abgeschlossenes System, welches dir sogar die dabei freigesetzt potentiellen, kinetische und mechanische Energien zurückgeben würden, dann wäre die Vase komplett. Alle Informationen wären vorhanden. Es gilt der Energieerhaltungssatz, der besagt, dass nichts verloren geht, selbst wenn es umgewandelt wird. Einstein formulierte dieses prägnant mit der einfachen Formel „E ist gleich M mal C-quadrat“ (E=mc(2)). Das Aufspalten eines Körpers in seine Atome, seine Elektronen, seine Quanten und seine Energieformen wird die Informationen des Körpers nicht vernichten, wenn man alle Puzzleteile zusammenhält. Diese Aufspaltung macht die Problematik und das „Mystische“ – die Wissenschaftler mögen mir diesen ketzerischen Ausdruck verzeihen – von Schrödingers Katze und den Schwarzen Löchern aus. Die Frage der Reproduzierbarkeit in dem Falle der zerschlagenen Vase stellt den Perfektionsgrad der menschlichen Technik im Verhältnis zum Chaos dar. Die Thermodynamik spricht hierbei auch von Entropie, dass heißt vereinfacht, alles strebt dem Chaos entgegen und die Errichtung von Ordnung kostet Energie. Und das Maß der dafür benötigten Energie ist die Entropie. Das ist genau der Stoff aus dem Begehrlichkeiten gemacht sind. Denn wenn in allem die Informationen von zuvor rekonstruierbar sind, dann bedeutet dieses das absolute Wissen. Das Überwissen. Die Ethnologen haben recht. Zweifelsfrei. Denn selbst in einer verbrannten Bibliothek ließe sich theoretisch, das vormalige Wissen zurück gewinnen. Theoretisch. Leider ist der Unterschied zwischen theoretisch und praktisch unsere menschliche Natur. Das Wissen hat einen Zustand angenommen, den wir nicht im Stande sind zu lesen, zu verstehen. Es ist wie mit alten Schriftzeichen aus Machu Pichu: Wir können sie sehen, aber wir verstehen sie nicht. Es fehlt uns der Schlüssel. Meine These: Hätten wir den Schlüssel, die Informationen verbrannter Bibliotheken zu öffnen, wird würden den Inhalt der alten Schriften als langweilig empfinden, denn wir wüssten schon mehr, als darin nachzulesen wäre. Da wir aber den Schlüssel nicht haben, wissen wir verdammt wenig und wir wüssten allzu gerne, was in der Bibliothek in Alexandria alles verbrannte. Wir hätten auch kein Internet. Wir bräuchten es nicht.”

Er verstummte. Ich merkte, dass er auf eine Antwort von mir wartete, aber mir fiel dazu nichts ein. Aber dann fiel mir doch noch was ein:

“Jürgen, um es mal auf den Punkt hzu bringen. Ich habe nicht das geringste verstanden, was du gerade gesagt hast. Was hat diese Vase mit Schwarzen Löchern zu tun? Und wenn all das Wissen der Welt vor uns offen liegt, warum können wir dann mit unserem heutigen Wissen neue Lebewesen erschaffen, aber das alte Wissen nicht erschließen?”

“Weil wir Menschen sind?”

“Wir sind keine Menschen mehr. Wir haben inzwischen Gott-Status. Wir erschaffen Leben aus der Retorte, komplett künstlich erzeugt.”

“Aber wir sind nicht fähig zerstörtes wieder in seinen Ursprung zu versetzen.”

“Toll. Für diesen Satz hättest du jetzt nicht den Vortrag halten müssen.”

“Warum liest du nicht mal das durch, was ich dir geschickt hatte?”

Jürgens Stimme schwang ein ärgerlicher Unterton mit.

“Die Papiere des PentAgrions?”

“Die Papiere des PentAgrions.”

Ich ergriff meinen Teebecher und schlürfte vorsichtig vom Tee. Langsam spürte ich ihn auf meiner Zunge. Er hatte einen leicht zitronig-herben Geschmack. Ich schluckte, die Flüssigkeit lief meine Speiseröhre hinab und zu spät bemerkte ich, dass der Tee dafür noch zu heiß war. Ich hustete, schnappte nach Luft. Zu heiß. versuchte mir Luft zu zu fächeln. Jürgen reichte mir die Wasserkaraffe. Ohne Zögern setzte ich an und trank sie in einem Zug leer.

(Fortsetzung)

Das Versprechen

Kinder, wie die Zeit vergeht. Papas neue Armbanduhr ist grad‘ stehen geblieben …
lebenslaenglich

Übersetzung aus dem Englischen:
„Diese Uhr läuft genau so lange wie Sie. Plus sieben Tage.“

Geht’s bei Euch zu wie am Münchener Stachus?

An der Wand gemeiselt seien, die 8 Gebote am Münchener Stachus in deren Einkaufspassage.

1.) Bedenke du Subjekt unserer Begierde, du werdest gefilmt, gefilmt und nochmals gefilmt!
2.) Wenn wir filmen, brauchst du nicht fotografieren, fotografieren, fotografieren!
3.) Es sei dir geschrieben, dreimal: Du sollst nicht plakatieren!
4.) Deinen Dackel hast du an der Leine zu führen! Auch das sei dir dreimal verkündet!
5.) Inline-Skater sind ebenso dreimal unerwünscht.
6.) Auch Fahrräder sind hier unten unerwünscht!
7.) Und Musik wollen wir hier unten auch dreimal nicht!
8.) Und damit Du potentieller Raudi es ganz deutlich verstehst, wir sagen es Dir an dieser Stelle gleich 7 Mal: Rauchen ist auch verboten!
Amen und Basta!

Den Fotoapparat gezückt und somit wohl gegen das 2. Gebot verstoßend gruselte es mich. Aber ich denke mal, die haben mich bei meinem Vergehen gefilmt, also steh ich bei denen auf der Fahndungsliste und brauche nur noch der gerechten Sühne harren.

Lang lebe die Verbieteritis!

Verbieteritis

Foto aus dem Geschäftsbereich unter dem Münchener Karlsplatz, dem Stachus.