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Ein geschichtsträchtiger Moment, für die Nachwelt verloren (Fake der Woche)
Jeder hielt seine auf Holz gedruckten Buchstabe in der Hand und blickte konzentriert auf die Tischplatte vor sich. 10 Buchstaben hatten beide gezogen und gemäß den Regeln musste in jeder Runde ein neuer Buchstabe aus dem verdecktem Haufen gezogen werden. Eigentlich hatte es für ihn so gut begonnen. Der Schiedsrichter hatte für beide das Startwort »Schuldenkrise« mit Buchstaben als Ausgangspunkt gebildet. Er grinste die Frau ihm gegenüber an und stellte die Buchstaben zu »Schindelkurse« und um fügte ein »W« aus seiner Hand hinzu. Die Frau war sichtlich nervös und der kleine Mann hinter ihr ebenso. »Schwindelkurse«. Sie grübelte ein wenig und legte die Buchstaben erneut um. »Schundkreisel« hatte sie gebildet und nahm das »W« an sich um mit zwei weiteren Buchstaben auf der Hand ein »Wut« zu bilden.
Der Mann ihr gegenüber schaute die Frau an und rückte seine Reversnadel zurecht. Er hatte sie von seinem Vorstandsvorsitzenden erhalten. Als Talisman. Eine Nadel in Gold. Ein Symbol aus einem Quadrat und einem diagonalen Strich in deren Mitte.
Die Journalisten standen gebannt hinter dem Absperrband und versuchten mit ihren Teleobjektiven die Situation einzufangen. Aber offensichtlich störte der kleine Mann hinter der Frau. Einer rief ihm zu, er solle beiseite gehen, aber der kleine Mann antwortete in gebrochenem, fanzösisch-nasaliertem Deutsch: »Isch verschtähä nischt« und grinste spitzbübisch.
Das Spiel von dem Goldnadel-am Revers-Mann mit der Frau zog sich hin. Es herrscht Hochspannung. Der Schiedsrichter schien der einzige, der die Ruhe weg hatte. Mit einer Nagelfeile manikürte er sich diskret die Fingernägel, während er den Tisch aufmerksam im Auge behielt. Auf dem Spiel standen zwei Forderungen, welche sich beide zuvor in Schriftrollen feierlich übergaben. Jeder der beide hatte die andere Rolle zuvor studiert und es war zu merken, dass die Inhalte nicht ohne waren. Zumindest der der Frau, denn die wurde ein wenig bleich und biss danach nur noch verkrampft auf ihre Unterlippe herum.
Die Regeln waren klar. Sobald es jemand schaffen würde alle Buchstaben aus seinen Händen abzulegen, hätte der- oder diejenige gewonnen. Allerdings: Sollte es jemand schaffen aus dem letzten Wort oder Wörtern noch ein neues zu bilden, so hätte der andere gewonnen. Selbst wenn derjenige noch Buchstaben hätte. Es kam also drauf an, den letzten Begriff so zu wählen, dass der andere daraus durch Umstellung nichts neues bilden konnte.
Die Spannung knisterte. Die Uhr war inzwischen auf vier Uhr morgens fortgeschritten. Das Spiel schien noch weit vom Ende entfernt. Beide schenkten sich nichts. Der kleine Mann hinter der Frau hatte der Frau schon mehrfach das Wasser gereicht, während der Mann mit der Nadel am Revers immer wieder nervös auf sein Smartphone stirrte.
Auf dem Tisch lag der Begriff »Du Inselnerz« und der Mann war am Zug. Er starrte bereits seit zehn Minuten regungslos auf die beiden Worte. Er hatte noch vier Buchstaben auf der Hand. Die Frau trank erneut ein Wasser.
Und dann kam Bewegung in die Runde. Der Nadel-Mann richtete sich triumphierend auf und schob die vor ihm liegenden Buchstaben in eine neue Reihenfolge: »Zinsenluder«. Mit spitzen Finger legte er danach seine letzten Buchstaben davor, lächelte provozierend und zeigte zum Beweis, dass er keine Buchstaben mehr hätte, der Frau offensiv seine Handflächen vor.
Unruhe entstand im Saal. Vereinzelter Applaus war anfangs zu hören. Er wurde stärker, unterdrückte Jubelschreie waren im Hintergrund zu hören. Das Plöp-Geräusch eines Sektkorkens ertönte, Gläser wurden angestoßen.
Der Schiedrichter bat um Ruhe, schaute auf die Tischplatte und verkündete:
»Letzte Runde! Nur noch zehn Minuten Bedenkzeit!«
Die Journalisten fotografierten wie wild. Das Spiel schien gelaufen. Um vier Uhr morgens. Nach zehn Stunden. Noch zehn Minuten Bedenkzeit,. Zehn Minuten bis zur Entscheidung über Sieg und Niederlage.
Die Frau schien auf einmal erleichtert, völlig locker. Sie drehte sich zu dem kleinen Mann hinter ihr um und sagte ihm (während der Dolmetscher hektisch ins französische übersetzte):
»Schau mal, Nicolas. Die denken alle, ich wäre dumm, nicht wahr. Aber da täuschen die sich. Bereits nach dem Mauerfall hatte ich mir gesagt, ich will mal bedeutend werden. Und dafür habe ich mir meinen Berufswunsch ganz fett und dick übers Bett gepinselt. Und da liegt dieser Berufswunsch direkt lesbar vor mir«
Der Dolmetscher versuchte ihm das Wort auf dem Tisch zu übersetzen. Indessen drehte die Frau sich wieder um, lächelte den Mann gegenüber maliziös an und fing an seinen gebildeten Begriff umzuschieben.
Im Saal herrschte Totenstille. Auch der Nadelmann war erneut erstarrt. Dessen Augen weiteten sich entsetzt, als er sah wie die Frau die Buchstaben umschob. Er dachte, dass er mit dem »Bankzinsenluder« doch wohl gewonnen hätte.
Und vor aller Augen und unter Entsetzen des Nadelmannes schob die Frau aus dem »Bankzinsenluder« das neue Wort zusammen:
»Bundeskanzlerin«
Niemand war fähig diesen Moment zu dokumentieren, der Nachwelt zu erhalten. Und so gelangte dieser Moment nie in die Geschichtsbücher dieser Welt. Blieb ungewürdigt. Allein die Presseerklärungen danach blieben der Nachwelt erhalten:
»Wir haben heute Nacht gezeigt, dass wir die richtigen Schlüsse aus der Krise ziehen. Mir ist sehr bewusst, dass die Welt heute auf diese Beratungen geschaut hat. Jeder hat auf diesem Gipfel sein Beitrag geleistet. So wird es auch immer sein. Und solche Gipfel können nur zu Ergebnissen kommen, wenn alle einverstanden sind und alle ihren Teil dazu beitragen.«
Bundeskanzlerin Angela Merkel
»Beide Seiten sind bei dem Euro-Gipfel aufeinander zugegangen und haben im Interesse Europas einen befriedigenden Kompromiss erzielt.«
Deutsche-Bank-Chef Josef Ackermann
***
Danke für die Inspiration durch Trithemius und dem Ideengeber des Anagramms Heinrich
Morbide Nachtphantasien zu real existierendem Frischblut
„Schlagzeilen am Morgen, vertreiben Kummer und Sorgen.“
Diese alte Bauernweisheit wurde von bayrischen Agrarökonomen mit exorbitant riesigen Kartoffeln bei der Ernte vor fast 400 Jahren geprägt. In einem Anflug von brutalst möglister Innovation erschien in Deutschland die erste Tageszeitung 1612 in der Nähe der Innenstadt von München an einem lauschig kalten Herbsttag. In hölzernen Straßenkästen, erschaffen aus bester bayrischer Eiche, an der sich schon so manche deutsche Sau gerieben hatte, wurde sie öffentlich zum Verkauf angeboten und mit entsprechenden Aushängen davor beworben. Allein, die Bürger misstrauten dieser Nachrichten-Verabreichungsform. Nur die Bauern griffen beherzt zu. Ersetzte doch eine damalige Münchener Tageszeitung das schon zu jener Zeit sehr teure und nur selten per Bankenkredit finanzierbare Toilettenpapier. Wie gesagt, die Bussi-Bussi-Szene Münchens war diese Art der Nachrichtenübermittlung äußerst suspekt. Und so wurde das Projekt „Tageszeitung“ bereits nach 4,5 Ausgaben wieder eingestellt, bevor es überhaupt durch öffentliche Beachtung einen verbleibenden Vermerk in der Geschichte Bayerns, Deutschlands, Europas und der Welt erfuhr.
Lediglich ein Leipziger, der damals gerade versuchte etwas Allerlei auf dem Münchener Viktualienmarkt zu verkaufen, fiel das Projekt auf, nahm sich ein Herz und veröffentlichte seine Zeitung als Tageszeitung 1650 in Leipzig. Dort fand das Projekt erheblich mehr Beachtung. Und so gilt seit jenen Tagen im Jahre des Herrn 1650 nach Christi Geburt die Tageszeitung offiziell als Institution der öffentlichen Wissbegierde-Verbreiterung.
Morgens beschleichen einem immer die seltsamsten Gedanken. Zu einer Uhrzeit, in der eine Stadt gerade aus der Kälte erwacht und die Sonne in den Seitenstraßen Nebelschleier aufsteigen lässt. Solche Gedanken können zerstörerisch und ablenkend zugleich sein. Ein Horror-Unfall drängt sich in mein Blickfeld und meine schlafverwöhnten Gedanken versuchen aus der Schlagzeile ein Bild zu konstruieren.
Vor meinem geistigen Auge sehe ich, wie ein Auto einen Meter über eine rot-aufleuchtende Ampel in Zeitlupe dahin schwebend auf die geöffneten Pforten des Hades – dem Reich der Toten nach griechischer Mythologie – zurast.
„Über die rote Ampel in den Tod gerast“.
Horror-Unfall? Jene Vier-Buchstaben-Zeitung verstehe ich nicht wirklich. Paar Tage zuvor prangte auf den Titelseiten noch das blutverschmierte Gesicht eines ehemaligen Diktators. Auf dessen Stirn war ein schwärzliches Kainsmal zu erkennen. Natürlich war es kein Kainsmal, auch wenn der Islam sich auf die selbe Weltgründungsgeschichte wie die Christenheit beruft. Es war das schwarz-rot-blutige Eintrittloch der Kugel, welches den ehemaligen Diktator Ghadafi von den Lebenden zu den Toten beförderte. Und während mir der Zeitungskasten von einem Horrorunfall oberhalb einer roten Ampel vor dem Toren des Totenreichs erzählt, findet sich im Innern der Zeitung nochmals die Leiche des Erschossenen. Fotografiert wie er in einer Kühlhalle zur Besichtigung von Neugierigen ausgestellt wurde. Und da wir ja hier alle für das Bruttosozialprodukt arbeiten müssen und nicht mal eben zum Nachschauen nach Lybien fliegen können, erhalten wir den Leichnam zwischen den Seiten einer Tageszeitung dar gereicht. Eben weil ich das nicht verstehe, kaufe ich sie mir auch nicht. Trotzdem lese ich deren Schlagzeilen im Vorbeigehen. Trotzdem schaue ich neugierig kurz rein, wenn sie irgendwo in der Firma rumliegt.
Immer wieder.
Immer wieder komme ich auch an einer Stelle vorbei, die mir irgendwann auffiel. Die Straße besitzt nur einen geteerten Fahrradweg und einen gepflasterten Fußweg. Quer über den Fahrradweg war neuerdings eine Schiene eingelassen worden, die bündig unauffällig mit dem Asphalt eine fast unsichtbare Einheit bildete. Allein deren Sinn erschloss sich mir nicht. Durch das Pflaster des Fußwegs waren erkennbar Kabel gelegt worden, welche zu einem Kasten an einem Lichtmast führten. Gerätselt hatte ich lange, was das sein sollte. Meine erste Phantasie war eine ausfahrbare Blockade. Nur, da der Weg Steigung aufweist, wäre so eine Straßenblockade mehr als nur leichtsinnig. Sie wäre mörderisch. Letztendlich kam ich auf die Idee nach dem Hersteller mittels einer Internetsuchmaschine zu suchen. Alsbald hatte ich in Erfahrung gebracht, dass die Schiene den Fahrradverkehr zählt und die Daten der Zählung online im Internet aufrufbar sind (s.a. die Seite http://verkehrsdaten.info/MunichSiteMap.htm). Welchen Sinn das jetzt macht, festzustellen, dass in der letzten Stunde mehr Fahrradfahrer gen Süden als Richtung Norden fuhren und warum gerade auch die westliche Fahrrichtung um diese Uhrzeit und Kälte die begehrtere Richtung sein soll, darüber werden sich die Historiker noch in hundert Jahren streiten.
Das Internet und sein Suchmaschinen-Star lösen mir viele Fragen. Ich wäre nicht ehrlich, würde ich behaupten, dass auch meine Frage nach Bilder vom toten Ghadafi nicht von Erfolg gekrönt war. Im Endeffekt hat es mich selber überrascht, wie kalt mich die Bilder jenes YouTube-Filmchens aus der Leichenhalle ließen. Und insofern überrascht es mich nicht, dass auch die BILD-Zeitung die Neugierde der Suchmaschinen-Unkundigen befriedigt. Und weiterhin überrascht es mich nicht, dass Franz-Josef Wagner in direkter Artikelnachbarschaft seine Abscheu über die öffentliche Präsentation des Toten in Lybien anklagte. Einer muss das ja tun.
Mir fielen die Namen Schleyer und Barschel ein. Die Veröffentlichung deren Totenbilder hatte eine riesige Empörung in deutschen Landen zu jener Zeit ausgelöst. Es wurden so beliebte Hüte wie „Anstand“ und „Moral“ zur Schlacht gegen die Missachtung der Totenruhe in den Ring geworfen. Oder waren es weiße Handtücher? Ich weiß es nicht mehr so genau. Die Zeit ist eine fiese Sache. Sie tupft die Erinnerungen fort. Sie werden immer bruchstückhafter, immer löchriger. Von Osama bin Laden Leichnam wurden Beweisfotos gefordert. So wie jene Belegfotos, die von Saddam Husseins Hinrichtung veröffentlicht wurden.
Die Fotos des toten Ghadafis wirken bei mir noch nach. Ein Kopf mit dem kleinen schwarzen Loch und den halb geöffneten Augenlidern aus jenem YouTube-Filmchen, in dem sich Lybier mit dem Leichnam wie mit einem Popstar in Pose bringen. So wie Touristen am Grab von irgendwelchen westlichen Popstars, welche sich ihr Popstar-Hirn selber auf die eine oder andere Art heraus gepustet hatten. Und dann noch die Bilder von dem öffentlich aufgebahrten Leichnam Ghadafis. Es sind die eigentlichen Horror-Fotos. Bin ich eigentlich degeneriert, darüber so halb anteilnahmslos schreiben zu können? Oder bin ich degeneriert, dass ich schon seit Jugend an mit Darstellung von zu Tode gequälten Körperdarstellungen groß geworden bin? Mahnende Stimmen gibt es zuhauf, die sich darüber aufregen. Auch der Popstar der BILD, jener Franz-Josef Wagner, der sich darüber beklagt, dass Araber so gefühlskalt mit der Totenruhe umgehen können.
Besser sind wir allerdings auch nicht. Einerseits, gäbe es Bilder vom toten Osama, wir würden sie im Internet suchen. Und andererseits, vor meinem inneren Auge kann ich mir unendlich viele Bilder von mit Stöcken und Dornen zerschundene, blutenden Körpern mit offenen Fleischwunden aufrufen. Bildnisse von jenem Mann, den eine ganzen Christenheit verehrt, weil er erst brutalst gequält und dann lebendig ans Kreuz genagelt wurde. Die Kreuzwege sprechen ihre Sprache der blutrünstigen Grausamkeiten. Da wirkt das Bild des toten Ghadafis fast schon wie morbider Romatismus dem Tod gegenüber.
Und dann heute die Schlagzeile am Zeitungskasten, am frühen Morgen. Horror-Unfall. Ich lese es, zucke gleichgültig die Schultern, formiere noch ironisch ein Bild vor meinen geistigen Augen und setzte meinen Tagesweg fort. Horror hat in diesen Zeiten mehr die tradierte Gefühlsanwallung. Er ist abstrakt geworden in unserer domestizierten Umgebung. Da kann es schon mal passieren, dass im bayrischen Sommerloch eine freilaufende Kuh zu einer Bedrohung und zu einem Freiheitssymbol zugleich für unbescholtene Bürger hochstilisiert wird. Da kann es auch schon mal passieren, dass ein Autounfall neben einem öffentlich zur Schau gestellten Leichnam zu einem „Horror“ wird.
Vielleicht liegt es aber auch nur daran, dass den BILD-Reportern das gleiche passiert wie mir: Sie gehen in die Läden und sehen, dass das Geschäft mit dem Tod saisonal floriert: Halloween ist in einer Woche. An jeder Ecke gibt es Kunstblut, Special Effect Make up, Totenmasken, Totenschädel, die reine Lust auf Morbidität.
Ach ja. Und in zwei Monaten ist Weihnachten.
Ich sag’s ja, ich bin degerniert: Weihnachten, Mord und Totschlag innerhalb weniger Zeilen verwurschtelt zu einer seltsamen Melange einer Misch-Realität.
1650 erschien die erste Tageszeitung in Leibzig. Und ehrlich, dass die erste Tageszeitung in München nach kurzer Erfolglosigkeit eingestellt worden sein soll, das beruhte auf meine Phantasie. Bayern an sich sind zu solchen Erfindungen nicht prädestiniert. Die Bayern sind sowieso die Asiaten Deutschlands. Asiaten, von denen man sagt, sie kopieren alles und jedes, um damit erfolgreicher als andere auf dem Markt zu werden.
Aber ich will jetzt nicht wieder auf die Geschichte von Stoibers Tochter und dem ach-so-dynamischen zu Guttenberg herumreiten. Das Pferd ist tot und solche toten Pferde – sprich: Geschichten – regen inzwischen niemanden mehr auf, sondern sie langweilen maximal. Etwas anderes muss her. Horror, wie man ihn mag. Frischblut halt muss her …
… Oh Pardon. Ich werd‘ wieder degerniert pietätlos …
Holz, ein begehrtes Baumaterial: damals für Pferde, heute für politische Wege
Die Straßen Bayerns sind nie wirklich dunkel. Das hehere Licht der Staatskanzlei und deren angeschlossenen Organen leuchtet bis in die letzten Winkel seines Landes. So erfreut sich insbesondere der Bürger Münchens eines hohen Sicherheitsniveaus.
Seitdem Anfang, Mitte der 1960er Jahre noch Studenten von der Leopoldstraße gen Norden joggten, um an der »Münchener Freiheit« rum zu trollen, so wissen doch die heutigen Studenten, wo sich das Leben abzuspielen hat: nur dort in der Leopoldstrasse, da wo es auch noch Universität hat.
Pardon, Elite-Universität wollte ich freilich schreiben. Denn die »LMU« ist auch so eine Leuchte Münchener Wissens. Letztendlich hatte im Bette mit seiner Mätresse diese Wissensanstalt ein bayrischer König verfügt, dass dort Wissen von Wissbegierigen angehäufelt werden solle. Von Rumdemonstrieren hielt der bayrische König weniger, weil es auch damals Leute gab, die sich nach seinem Geschmack zu sehr für sein privates Sexleben interessierten.
Die LMU wie auch andere Universitäten des »Freiheitsstaates Bayern« hat schon viele fähige Köpfe hervorgebracht, welche zwischen Frankenland, Walhalla und Alpenpanorama ihren Doktor gemacht haben. Dr. Franz-Josef Strauß, Dr. Max Streibel, Dr. Edmund Stoiber, Dr. Karl-Theodore zu Guttenberg, Dr. Ilse Aigner, Dr. Hans-Peter Friedrich.
Na? Wo war der Fehler?
Richtig. Unser Problembär-Jäger und Transrapid-Einsteiger Stoiber und unser Innenminister und Bewahrer der inneren Sicherheit Hans-Peter Friedrich sind die einzigen mit einem Doktortitel und Ilse Aigner hat im Gegensatz zu allen anderen nur die Mittlere Reife. Aber der Rest hätte sich gerne mal mit einem Doktortitel geschmückt. Unser herzallerliebster Karl-Theodore auf und davon Guttenberg wollte einen, hat ihn sich kopiert und deswegen wurde dieser Titel ihm nicht mehr gegönnt. Stoibers Töchterle wollte auch dem Herrn Papa in Sachen Titel nachfolgen und wurde dabei im post-universitären Leben ebenfalls von ihrer Kopiererei schneller eingeholt, als es sich das Töchterlein dachte.
Nebenbei: freilich haben nicht alle an der LMU studiert, die jetzt in Bayern wichtige Staatsämter bekleiden. Aber hilfreich war es doch. Denn so konnten fähige Köpfe Bayerns entscheiden, dass die Geschichte auch für die bayrisch-rautenförmigen Gedankenmuster etwas eminent Wichtiges parat hatte: die Erlangung von Wissen von hinten durch die Brust direkt ins Auge. Geschichte zum Nacheifern. Historisches Kopieren in konservativer – also bewahrender – Tradition.
Denn da gab es mal ein Volk von Streitern, die wollten in eine Disko und der Türsteher sagte denen dauernd »Du kommst hier nicht rein«. Das hat die Streiter so genervt, dass die ein Holzpferdchen bastelten und es dem Türsteher brachten, der es sofort in die Abstellkammer verfrachtete, weil er damit nichts anzufangen wusste. Als dann die Disko geschlossen war, kletterten paar Illegale heraus und kurz darauf machten die Streiter spontan Fete in der Disko. Diese List ging in der Geschichte als das Pferd von Troja ein.
Mit »Du kommst hier nicht rein« kennen sich die bayrischen Politiker seit der Gründung der Münchener Nobeldisko »P1« zur Genüge aus. Also haben sie sich gedacht, das, was Odysseus in Troja schaffte, das würde die Staatskanzlei auch mit ihren zu verwaltenden Bürgern schaffen und programmierten folglich einen Trojaner.
Inzwischen hatte die bayrische Politikerin Ilse Aigner was ganz neues für ihren Beruf entdeckt: Datensicherheit. So kämpfte sie für die Verpixelung von Häusern bei Google-Street-View, auf das niemand mehr per Heim-Computer in fremde Wohnungen schauen sollte. Medienwirksam trat sie bei Facebook aus, besser gesagt, sie versuchte, dort ihr Profil zu löschen. Wer wissen will, was sie bei Facebook im Profil stehen hatte, kann bei Wikipedia oder Ilse Aigners neustem Twitter-Account oder http://www.ilse-aigner.de nochmals alles nachlesen.
Später pilgerte Uns-Ilse schließlich auch noch in die amerikanische Zentrale von Facebook (»Ilse who?«), um dort für die Datensicherheit ihrer Bürger zu kämpfen. Ihr persönliches Erfolgserlebnis war, dass der Facebook-Chef Mark Zuckerberg nach ihrem Besuch die »Timeline« für Facebook ankündigte, um jedermanns Leben somit zum öffentlichen Privatarchiv wandeln zu können.
Ilse Aigner zeigte sich daher über Facebooks neuen Zukunftsprojekte so erfreut wie letztens eben jener Rechtsanwalt, der die Festplatte seines Mandatens dem Chaos Computer Club (CCC) zur Analyse übergab. Und der CCC fand dort eine Art Holzpferdchen, mit dem wohl einige »Du kommst hier nicht rein«-Hasser sich auf jenem Computer breit gemacht hatten. Die Tarnung des »Bundestrojaner« war aufgedeckt. Aber darin täuschte sich der CCC. es war kein »Bundestrojaner«. Lediglich ein »Freistaat-Trojaner«, welchen der Mandant des Rechtsanwalts sich bei einer Kontrolle am Münchener Flughafen eingefangen hatte. Gut, der Zoll und die Sicherheitskontrollen am Flughafen unterliegen eindeutig dem Bund. Aber der Trojaner war eindeutig bayrischer Art. Typisch bayrisch vordergründig. So bayrisch wie Ilse Aigner, Franz-Josef Strauß, Edmund Stoiber und Karl-Theodor zu Guttenberg.
Doch zurück zu Ilse Aigners Besuch bei der US-Facebook-Zentrale: Frau Aigner wollte klären, ob schon ein Klick auf einem Facebook-Like-Button genügt, um auf dem Computer für zwei Jahre ein Cookie abzulegen, um das Surfverhalten des Nutzers am PC aufzuzeichnen. Es ist der Traum für jeden Landes- und Bundespolitiker und besonders deren Exekutive.
Stand zum Fotografieren von Straßenzügen bislang nur hoch komplizierte Satellitentechnik zur Verfügung, während Google einfach Autos mit Kameras auf nem Stativ nutzte, so lässt gerade die Existenz eines bloßen Cookies Überwachungsträume ins Kraut schießen. Denn würde der Staat Straßen und deren Internet-Access-Points fotografisch und datentechnisch für eigene Zwecke dokumentieren, es würden nur überbezahlte und untermotivierte Schlapphüte zur Verfügung stehen (was die Satellitentechnik erklärt).
Also ein Cookie als Trojaner? Was für ein Traum. Wie macht Facebook das nur? Ilse wollte es in der US-Facebook-Zentrale genauer wissen. Facebook hat alle ihre Fragen zugelassen. Nur beantwortet hatte Facebook diese nicht. Wie unfair, Facebook.
Neulich hatte der Innenminister Hans-Peter Friedrich (ebenfalls bayrischer LMU-Absolvent und P1-Geschädigter) erst versucht, der Ministerin Aigner den Wind aus ihren aufgeblähten Segeln zu nehmen. Friedrich erklärte sich ex pressis verbis damit zufrieden, würde Facebook einer freiwilligen Selbstverpflichtung zur Datensicherheit nachkommen. Dieses ist insofern bemerkenswert, da die Datensicherheit den Aufsichtsbehörden der Länder unterliegt und nicht dem Bund. Somit also auch nicht dem Innenminister. Und erst recht nicht Ilse Aigner und deren beiden für die Sache »Internet« abgestellten Mitarbeitern. Zwei Mitarbeiter eines 900-Mitarbeiter-starken Verbraucherschutzministerium (s.a. ZEIT-Online). Was für ein Einsatz für ein Volk von durch Facebook bedrohte Bürger. Wird es jetzt klarer, warum der CCC nie einen »Bundestrojaner« aber dafür einen »Landestrojaner« finden konnte? Auf Bundebene fehlen entsprechende Arbeitskräfte.
Und jetzt sehen wir plötzlich, dass der CCC dem bayrischen Trojaner-Dreigestirn »König, Bauer und Jungfrau« (Innenminister Dr. Hans-Peter Friedrich, Bayrischer Innenminister Joachim Herrmann, Bundesverbraucherministerin Ilse Aigner) ein dickes Ei ins Nest gelegt hat: des Kaisers neue Kleider verhüllen nicht wirklich etwas, sondern zeigen eigentlich nur, wie lächerlich und janusköpfig dieser Pseudo-Kampf gegen Facebook und Co. ist.
Im Mittelpunkt steht wie üblich nicht der Anspruch auf Datenschutz der Menschen. Argumentativ vorgeschoben wurde die Terrorabwehr. Damit sollte der »Bundestrojaner« der Bevölkerung schmackhaft gemacht werden. Eingesetzt wurde jetzt staatlicherseits ein Abkömmling illegal zur Bekämpfung des Drogenhandels. Mehr als ein Schädlingssoftware-Programm ist dabei nicht herausgekommen. Ein Programm, welches zum einzigen Zweck der kompletten Internet-Überwachung verdächtiger Bürger erstellt wurde. Es bleibt die gute Hoffnung, dass jetzt das Programm den wohlverdienten Weg aller Schadprogramme erfahren wird: die Aufnahme in die Virendatenbanken der Anti-Viren-Softwarehersteller.
Jetzt fängt wohl die Nervosität der Einsatzzentralen jenes Trojaner-Programmes an: Wer hat diese Schadsoftware denn nun auf seinem Rechner? Wer entdeckt ihn?
Ilse Aigner und ihr Kampf gegen Facebook war bislang eine wohlfeile Show. Der Einsatz von staatlichen Trojanern dagegen ist das real existierende Handeln hinterm Vorhang. Offizielle Behörden haben es auf Inhalte abgesehen, die die von ihr verdächtige Bürger auf dem Monitor und auf der Festplatte haben. Einerseits. Andererseits gilt auch jetzt wieder der von Politikern dauernd propagierte Grundsatz »Wer stets rechtens lebt und nicht zu verbergen hat, der hat auch vor einem Staatstrojaner nichts zu befürchten«.
Genau. Warum dem Staat alles vorenthalten und als privat deklarieren? Warum mache ich aus meinen Computer-Sitzungen jeden Abend nicht auch immer gleich ein »Public Viewing« in meiner Straße? Hab ich etwas zu verbergen? Bin ich etwa ein Gefährder, etwa ein Schläfer, nur weil ich meine Daten von bestimmten Organisationen nicht wirklich erleuchtet und durchleuchtet sehen möchte?
Gut. Wenn all jene mit gutem Gewissen, ihre Computersitzungen auf Leinwände zeigen würden, zur Überwachung all dieser »Public Viewing«-Shows würde es viele Schlapphüte benötigen, die sich vor den Leinwänden fleißig Notizen und Fotos (sogenannte Screen-Shots) machen. Der gläserner Bürger. Dann wäre der Staat zufrieden. Das Idealbild einer wehrhaften Demokratie in der Gefahrenabwehr. Nur wäre dazu ein verdammt hoher Personalaufwand notwendig. Aufwand um jeden Preis. An dieser Herausforderung ist bereits schon einmal ein Staat vor mehr als 20 Jahren gescheitert.
Im Zeitalter des Computers geht es erheblich einfacher, Daten und Informationen abzugreifen. Was denn einem Trojaner auch gleich wieder seine Daseins-Berechtigung gibt. Das haben sich wohl auch viele Politiker gesagt und das Projekt freudig abgenickt (ergo: Politiker ungleich Bürger).
Der Trojaner als erleuchtende Lebensphilosophie.
Ein Leben im Hier und Jetzt in den Grenzen von Copy & Paste.
Insbesondere die Stoibers und Guttenbergs aus Bayern wissen viel dazu zu berichten. Offensichtlich eine bayrische Lebensphilosophie. Eine, welche jetzt den Trojaner im Dienste seiner vielen bayrischen Majestäten der Staatskanzlei gestellt hatte.
Und was hat das staatliche Copy & Pasten mit Trojanern jetzt politisch zu bedeuten? Wird es bald wieder eine Doktorenschwemme unter Politikern geben? Sponsored by screenschots? Made by Trojaner?
Trojaner. Nachempfunden der Kriegslist beim Kampf um Troja. Als mit Hilfe eines hohlen Holzpferdes eine Bastion geschleift wurde. Genau das haben die Bayern vor allen anderen zuerst aus der Geschichte gelernt. Und exemplarisch preußisch vorexerziert:
Mit Holzpferden kommt man am besten auf Holzwegen voran.
Auch wenn die Bretter vor der eigenen Stirn als Wege dazu herhalten müssen.
Das Schlusswort an dieser Stelle sei dem verstorbenen GröBaz Franz Josef Strauß (dem Politiktrojaner ohne Doktorhut und doppeltem Boden) vorbehalten:
»Von Bayern gehen die meisten politischen Dummheiten aus. Aber wenn die Bayern sie längst abgelegt haben, werden sie anderswo noch als der Weisheit letzter Schluss verkauft.«
On the road again – Antipodische Autofahrt unter Anleitung einer Frau …
Oder wie Australier Autofahrten hier erleben könnten, würden sie von down under hier mitfahren …
Rein statistisch gesehen geht es mir gut, ja, sogar irre gesund …
Über Krankheiten zu reden, ist irgendwie krank. Entweder man ist davon betroffen und redet davon, oder man ist nicht betroffen und redet deswegen noch lieber drüber. Der erstere Fall tritt mit zunehmendem Alter als Kommunikationsbasis immer gehäufter auf. Der zweite Fall immer dann, wenn Zeitungen ihre kranken Aufmacher als Eye-Catcher für deren Käufer platzieren.
Von Kindheit auf an hatte ich gelernt, dass Krankheit etwas urchristliches ist. Das Thema an sich gehört ebenso zum christlichen Abendland wie das Amen in der Kirche. Schuld und Sühne werden auch als moralische Instanzen bei der Beurteilung einer Krankheit heran gezogen.
Als Mitte der 80er AIDS zum Thema wurde, gab es im Münchener Postamt gegenüber dem Hauptbahnhof ein BTX-Terminals, über den die Post mittels Datex-J das erste öffentliche Internet aufbaute. Der Terminal war damals praktisch. Wetter, Lottozahlen, Beate Uhse Angebote und vieles andere Querbeet war darüber abzurufen. Allerdings stand dort nur ein Terminal, so dass ich öfters warten musste, bis ich an der Reihe war.
Eines Tages beherrschte der HI-Virus mal wieder die Schlagzeilen des Boulevards. Es wurde von einer bestimmten Zeitung vermutet, dass bereits eine Ansteckungsgefahr gegeben sei, würde ein HIV-infizierter im gechlorten Wasser eines Schwimmbades vor einem Menschen schwimmen. An jenem Tag wollte ich wieder zum BTX-Terminal. Wie üblich war er belegt. Ein Mann bediente ihn. Seine Finger hatte er sorgsam mit Papiertaschentücherstreifen abgedeckt. Und immer wenn ihm ein Streifen beim Tippen auf der Tastatur herunter fiel, riss er von einem Papiertaschentuch einen neuen Streifen ab und umwickelte den blank gewordenen Finger, um beim Tippen fortzufahren. Als er ging, öffnete er die damalige, große Flügeltür der Post, wiederum geschützt durch jeweils ein Papiertaschentuch. Er wirkte auf mich skurril. Für mich war zu jener Zeit HIV genau so irreal wie all die anderen Krankheiten, über die sich immer nur alte Menschen unterhielten.
HIV ist das direkte Beispiel, dass Krankheiten hier viel mit Schuld zu tun haben. Eine Krankheit sollte immer die Kehrseite einer Schuld darstellen. Der ethisch christliche Januskopf: Wer Schuld hatte, sollte gefälligst auch sühnen. Kardinal Meisner redete schon damals von AIDS als Geisel für sexuelles Fehlverhalten. Wobei er mit Fehlverhalten definitiv hierbei nicht die pastorale Pädophilie meinte, sondern Homosexualität oder Promiskuität.
Auch in der elterlichen Pädagogik der Gläubigen, Laizisten und Atheisten von gestern bis heute spielt die Krankheit in der gewollten Symbiosefalle von Schuld und Sühne seine Rolle. Du fühlst dich fiebrig? Bist du etwa gestern barfüßig gelaufen? Kein Wunder. Da bist du ja auch selber Schuld. Kopfschmerzen? Eigene Schuld. Zu viel gesoffen am Vorabend, oder? Oder etwa mal wieder in Zugluft sich aufgehalten? Schnupfen? Kein Wunder, du hast ja auch gestern nicht deine Jacke am frühen Morgen tragen wollen. Und so weiter und so fort.
Schuld und Sühne.
Aber nicht nur das elterliche Haus meiner oder der meiner Freunde haben mir das wie die mittägliche deutsche Kartoffel eingetrichtert. Fernsehen, Radio, Lehrer, Bekannte. Alle führten die Ursache als Abtragen einer Schuld und als verdiente Sühne zurück.
Später, im Job und als Erwachsener hatte sich die Situation ein wenig gewandelt. Schuld und Sühne als naturgegebene Seiten der gleichen Münze reichen nicht mehr aus. Wenn schon Schuld, so der allgemeine Gedanke, dann reichen die Naturgesetze als Sühne nicht. Eine äußere Instanz wurde erforderlich, um das Auftauchen dieser Währungseinheit in andere Sanktionen umzumünzen.
Krankheitsbedingte Kündigungen sind zwar nicht erlaubt, aber dafür interessiert sich mancher Arbeitgeber nicht die Bohne. Krankheit ist der wirtschaftliche Gegner einer auf Produktivität bedachten Wirtschaftsphilosophie. Krankheit, definiert als Antipode eines Wachstumsgedankens ist „persona non grata“. Unerwünscht. Statistisch wird der Krankenstand inzwischen bekanntlich gemessen und damit ein Vergleich zu einem „vorher“ ermittelt. In wirtschaftlich schlechten Zeiten sinkt der statistische Krankenstand, weil Kranke um ihren Arbeitsplatz fürchten. Nur, Kranke sind bekanntlich nicht nur dann krank, wenn sie in Statistiken auftauchen. Das ist aber Arbeitgeberverbänden und Politik wiederum nicht so wichtig. Wichtig ist, was schwarz auf weiß für sie zu lesen ist. Z.D.F. ist das Schlagwort: Zahlen, Daten, Fakten.
Gesundheit wird heutzutage durch die Abwesenheit von Krankheit definiert. Für Krankheit soll der Kranke dann auch selbstverantwortlich zahlen. Schuld und Sühne tauchen immer wieder als treibendes Motiv auf. Eine „Mutter Theresa“-Einstellung wird als komplett kontraproduktiv angesehen, altruistische Tendenzen als weltfremd gebrandmarkt. Für Verneiner des gesellschaftlichen Sozialgedankens wird dann das Konstrukt des „Gutmenschen“ als Keule geschwungen, um Menschen mundtot zu machen. Krankheiten werden als vermeidbar postuliert und das Auftauchen als Verschulden des Individuums gewertet. Und darum ist es auch so einfach über die Krankheiten anderer zu reden.
Und durch diese Schule bin auch ich gelaufen. Also rede ich lieber nicht drüber. Andererseits, wenn mir jemand begegnet und mich mit einem „Wie geht’s“ begrüßt, erwartet mein Gegenüber nicht, dass ich über meine Zipperleins referiere und aus meiner Krankenakte vorlese. Das will niemand hören.
Als Rudi Carell von Metastasen durchsetzt, seinen letzten Auftritt hatte, waren alle erleichtert, dass er nicht über seine Krebskrankheit lamentierte und stattdessen witzelte. Wenn mir Monica Lierhaus Sonntags mit ihren „Platz an der Sonne“-Losnummern über den Bildschirm flimmert, dann betrachte ich meine Fernbedienung immer mit einem „Drück mich“-Gedanken. Dass Gabi Köster einen Schlaganfall hatte, war auch nur in soweit akzeptabel für mich, als dass ich nicht durch Funk, Fernsehen oder Feuilleton davon behelligt wurde.
Mein Alter steigt und mein Körper zeigt immer mehr die üblichen verschleissbedingte Anfälligkeiten für das, was mir den Unterschied zwischen gesund und nicht-gesund immer deutlicher werden lässt. Zwischenzeitlich wird ebenfalls über die Erhöhung des Rentenalters auf 69 Jahre nachgedacht. Dann denke ich auch drüber nach, ob ich es schaffen werde, gesund und ohne größere Handicaps ins Rentenalter zu gelangen. Oder geschweige denn von der Tatsache, dass die männliche statistische Lebenserwartung bei etwas über 70 Jahre liegt. Wenn jemand seinen 80. Geburtstag feiert, dann muss es rein statistisch auch jemanden geben, der stirbt und noch keine 65 Jahre alt wurde und rentenauszahlungsneutral ablebt. Dabei steigt mit zunehmenden Alter natürlicherweise das Risiko zu erkranken.
In jungen Jahren war es mir egal, ob ich gesund oder krank war. Egal was, Hauptsache aktiv, und nicht immobil und bettlägrig. Und jetzt? Es ist nicht mehr so einfach, gesund zu sein. Denn – wie ich schon schrieb – „gesund“ definiert sich als Abwesenheit des Zustandes „krank“. Als Anwesenheit der Verschuldung des Zustandes „krank“. Ein „bisschen krank“ hat die Wertigkeit von ein „bisschen schwanger“: so etwas hat keinen Platz in der „gesunden“ Denke eines Menschens. Deswegen gibt es auch so viele Medikamente, um dieses „ein bisschen krank“ abzustellen. Das Entkommen des Krankseins geht also mit einem Zustand des Medikamenten-Konsumierens Hand in Hand. Das Medikament als proaktives Behandeln von potentiellen Schuldzuständen. Zu Risiken und Nebenwirkungen sollen wir ja eh unseren interaktiven Beichtvater – dem Arzt oder Apotheker – fragen. Wobei eine solche Frage mit direkten Kosten („Sühne“) verbunden ist, welche dann Politiker wieder von einer „Kostenexplosion“ reden lässt. Und bei Zuhörenden ein Schuldgefühl hervor ruft. Statt sich einzugestehen, wir sind alle kleine Sünderlein („… ’s war immer so, ’s war immer so …“), herrscht das Schuldgefühl vor und damit die Suche nach Vermeidung einer Sühne (“ … der Herrgott wird es uns bestimmt verzeih’n, ’s war immer, immer so …“). Also wird die Krankheit verschwiegen, unterdrückt und verdrängt.
Noch fühle ich mich nicht „krank“. Aber auch nicht wirklich so „gesund“ wie damals. Der Zahn der Zeit nagt auch an mir und meinem Körper und meinen Organen. Verdrängung ist auch mein Prinzip. Ich fühle mich ungesund gesund. Oder wie andere vielleicht sagen mögen „krankhaft gesund“ …
Wie lange noch?
Georg Schramm im TV: Meister Yodas Ende – Über die Zweckentfremdung der Demenz
Für alle Fans des genialen Georg Schramm und seinen Kunstfiguren im Kabarett
Georg Schramms neustes Programm „Meister Yodas Ende – Über die Zweckentfremdung der Demenz“ wird demnächst im Fernsehen ausgestrahlt.
Es beginnt im Fernsehkanal „ZDFkultur“.
13. September: 20:15 – 21:45 / 14. September: 02:55 – 04:25 / 14. September: 09:15 – 10:45
Weiter geht es in „3SAT“
25. September: 22:30 – 23:15
Und zu guter Letzt werden alle nochmals bedient, die es bis dahin immer noch nicht geschafft hatten sich das grandiose und zugleich feinsinnig gestrickte Programm von Georg Schramm anzuschauen:
01. Oktober: als Bestandteil der „Lange Nacht der Kleinkunst“ im „ZDF“ von 00:50 bis 04:40
In der letzt genannten Sendung treten dann auch noch Volker Pispers & Gäste und auch noch Hagen Rether mit einem 2011-Update zu seinem Programm „Liebe“ (hoffentlich ohne permanent erhobenen moralischen Zeigefinger, wie letztens bei Hagen Rether leider oft fest zu stellen)
Tipp für alle, die sich das ganze digital aufnehmen möchten, aber keinen Rekorder zu Hause stehen haben:
„Bong.TV“ bietet einen kostenlosen, einwöchigen Account, über den sich Fernsehprogramme (sogar in HD!) aufzeichnen und nachher herunter laden lassen. Einfach rechtzeitig dort anmelden, aufzeichnen und später anschauen. Bong.TV bietet zwar „ZDFkultur“ nicht an, aber „3SAT“ und „ZDF“ sind dort zur Aufnahme programmierbar. Internetadresse ist bong.tv (einfach als url eingeben).
Was Deutsche Bank und eine pauschal eingekaufte Kiste Äpfel gemein haben
Es gibt Auktionen, da weiß niemand genau, worauf geboten wird. Der Gegenstand steht vor einem und niemand kann sagen, worum es dabei wirklich geht, außer um Geld. Lediglich der Materialwert des Gegenstands ist abgeschätzbar. Solche Versteigerungen haben etwas von gezieltem Zocken. Da wandern bis zu 500 Euro vom Bietenden zum Versteigernden. Und wenn der Bietende seinen Gegenstand öffnet, könnte es nur ein Koffer voll dreckiger Unterwäsche sein. Oder auch hochwertige Parfums, Digitalkameras, Laptops oder gar Bargeld.
Die Rede ist hierbei von Kofferversteigerungen (Termine des Auktionshaus WENDT hier). Das Bieten bei diesen Auktion ist reines Zocken. Ein bisschen Nervenkitzel für risikobereite Leute mit überzähligem Geld. Entweder gibt es wertlosen Müll oder der Inhalt der Koffer kann gewinnsteigernd zu Geld gemacht werden. Da sind locker Renditen sogar jenseits der 1.000-Prozentmarke möglich. Von solchen Renditen träumen viele Menschen.
Auf manchen Wochenmärkten kommt es kurz vor Schließung immer wieder zu begehrten Angeboten. Der Marktstandbesitzer will seine Ware loswerden und sucht seine Käufer. Ich erinnere mich noch an die 15-Kilo-Kiste Äpfel vom Bodensee für 5 Euro. Das erschien mir wie ein Schnäppchen, auch wenn der Marktstandbesitzer mich darauf hinwies, dass die Kiste bestimmt paar Äpfel haben würde, die faul wären. Aber ich könnte sie immer noch für Apfelkompott verwenden. Zu Hause fand ich dann heraus, dass ich von den 15-Kilo nur ein Viertel zum Einkochen verwenden konnte. Nicht nur wegen Fäule sondern auch wegen Wurmstichigkeit. Meine anfängliche Begeisterung war danach verflogen. Ich hatte eine sehr schlechte Rendite gemacht.
Die Finanzwirtschaft hat in den Jahren 2003 bis 2007 bewiesen, dass sie die Kombination der Geschäfte aus Kofferversteigerungen und Wochenmarkthandel perfekt beherrscht. Am Ende der ganzen Geschäfte entwickelte sich daraus im Jahr 2008 eine Krise, unter deren Auswirkungen und politischen Fehlentscheidungen die weltweiten Wirtschaften noch immer leiden.
Finanzdienstleister in den USA vermittelten Häuser und Grundstücke an Bürger, welche mit Versprechen auf sehr gute Renditen für die Zukunft gelockt wurden. Jene Hypothekenverträge wurden von Vermittlern aufgekauft, dann entsprechend gebündelt und verbrieft, und mittels Verträgen bei anderen Finanzdienstleistern rückversichert. Denn sollten die Hypothekenzahlungen ausfallen, dann wollten die Vermittler der Kredite nicht lediglich eine Immobilie mit weniger Gegenwert besitzen. So war die Anfangsintention.
Diese sogenannten „Kreditausfallsicherungen“ wurden jedoch bald darauf als Spekulationsgut mit sicherer Rendite gehandelt. Rating-Agenturen bewerteten diese schließlich. Das Paket wurde dann als CDO („Collaterialized Debt Obligations“, sogenannte Kreditderivat-Pakete) auf den Finanzmarkt zum Kaufen angeboten.
Wie eine Kiste Äpfel sozusagen. Niemand wollte dann genau wissen, was in die CDOs gebündelt war, sondern lediglich welche Rating-Bewertung das Bündel erhalten hatte. Das Fatale war, dass sich die Rating-Agenturen auch nicht sonderlich für den Inhalt interessierten, sondern eher das Rating als Bewertung des Ursprungsfinanzverkäufers setzten. Allerdings, je besser ein Paket bewertet war, desto höher wurde sein Wert und die zu erwartende Rendite. Basis all dieser Geschäfte war die unreflektierte Annahme, dass Immobilien in den USA sich in ihrem Wert steigern würden.
Der Finanzmarkt wollte immer mehr CDOs als Spekulationsobjekte also wurden immer mehr Hypothekenkredite an den Mann gebracht. In den USA öffneten überall kleine Büros, wo der Bürger Kredite abschließen konnte, um sich eine Immobilie zu kaufen. Der Kreditnehmer wurde dabei auch gar nicht mehr analysiert, ob er je fähig war, seine monatlichen Raten zu bedienen. Wozu auch?
Das große Glaubensbekenntnis lautete folglich in etwa: Kauf eine Immobilie für 100.000 US-$ mit einem Kredit im Werte von 130.000 US-$. Wenn dann die Immobilie die 130.000 US-$ überschritten hat, kann die Restschuld durch Verkauf der Immobilie beglichen werden und es bleibt ein satter Gewinn für den Kreditnehmer. Und auch der Kreditgeber würde seinen Gewinn einfahren. Jedoch nur, wenn sich die Voraussetzung, dass sich Immobilien in den USA in ihrem Wert steigern, nicht ändern würden.
Diese eindeutige win-win-Situation löste eine Goldgräberstimmung aus. Wie gesagt, überall in den USA öffneten in den Jahren 2006-2007 Immobilienkreditbüros. Unterdessen waren andere Finanzdienstleister weltweit aufgewacht und wollte an diesem Geschäft über CDOs auch ihre Gewinne ziehen. Um diesen wachsenden Markt der kaufwilligen Finanzdienstleister zu bedienen, wurden Kredite wie Konfetti verteilt. Eine Liquiditätsprüfung der Kreditnehmenden wurde nicht durchgeführt.
Jedoch war der Markt bald darauf gesättigt. Die ersten Kreditraten wurden nicht mehr bezahlt, die dazu gehörigen Immobilien konnten nur noch unter Wert verkauft werden, die Immobilienpreise fingen an zu fallen. Nicht zurück gezahlten Kredite bedeuteten, dass die Kreditausfallversicherungen in Anspruch genommen wurden. Während die Immobilienbesitzer ihr Geld verloren, schaukelte sich ein gewaltiger Tsunami vor den Küsten der Finanzmärkte auf. Denn auch die Kreditausfallversicherungen konnten nicht mehr direkt bezahlt werden, weil das Geld in weitere CDOs investiert worden war. Die falschen Wertannahmen der CDOs sollten dazu führen, dass die toxische Eigenart dieser CDOs deutlich werden sollte.
Mit den geschaffenen CDOs hatte sich ein neuer Parallelmarkt aufgetan. Auf diesem Markt wanderten die CDOs wie Kisten von Äpfel umher. Die fallenden US-Immobilienpreise führten dazu, dass alte CDOs aufgeschnürt wurden und zu neuen zusammen gebündelt wurden, von den Rating-Agenturen in Relation zu dem vorher aufgeschnürten CDO bewertet wurden und dann wieder verkauft wurden. Hierbei wurde zu jedem Verkauf ein Gegenkauf aufgemacht. Das bedeutete, dass dem Gewinn des Käufers ein Verlust des Gegenkaufs gegenüberstand. Auf Deutsch: der Käufer ging eine Wette auf Wertsteigerung der CDO-Papiere ein, während eine andere Partei auf den Wertverlust dieser hin wettete. Ein Null-Summenspiel, bei dem aber der einen Partei der Verlust der anderen dessen Gewinn sein würde.
Um mehr Wetten zu ermöglichen, sortierten bestimmte Finanzdienstleister also die Kiste der Äpfel aus: es wurde in dreiviertel-faule, halb-faule und etwas faule Äpfel klassifiziert und dann bewertet. Danach wurden die dreiviertel-faulen Äpfel in „schlechte“ und „nicht-ganz-so-schlechte“ Äpfel getrennt. Die „nicht-ganz-so-schlechte“ Äpfel erhielten zu den „schlechten“ Äpfel ein besseres Rating und fanden ihre Käufer. Während anfangs – so wie ich zuvor auf dem Wochenmarkt eine Kiste Äpfel – die CDOs pauschal eingekauft wurden (in der Hoffnung es spränge ein ordentlicher geldwerter Vorteil heraus), wurde danach die CDOs auf deren Wertigkeit hin geprüft und gewinnbringend erneut zusammen gestellt.
Die besten Geschäfte am Finanzmarkt mit diesen CDOs machten allerdings nicht die Verkäufer oder Käufer sondern deren Zwischenhändler mit ihren Verkaufsprovisionen. Und die Welt kaufte. Goldman Sachs, Merril Lynch, Deutsche Bank, Société Générale, Citigroup, HSBC und Bear Stearns mischten fleißig im Verkaufsgeschäft mit. Die Verkaufsprovisionen waren deren Ziel. Unkundige Kaufwillige gab es zuhauf.
Auch aus Deutschland meldeten sich gierige Käufer: IKB, Hypo Real Estate, Commerzbank, KFW Bank,usw. usf. mischten fleißig mit und stapelten diverse CDO-Wertpapiere in ihren Tresoren, die zu deren Niedergang führen sollten. Diese Banken prüften nicht den Inhalt sondern lediglich das Rating der CDO-Papiere. Diese kauften sie mit dem Ziel deren betriebliche Renditen zu steigern.
Die Rating-Agenturen stiegen in jener Zeit zugleich zu Halbgötter des Finanzmarktes auf. Ihre Macht beeinflusst die heutige Politik mehr als Bürger ihre Demokratien durch deren Wahlrecht beeinflussen können.
Die Immobilienpreise fielen, Kredite wurden nicht mehr bezahlt, das aufgebaute Finanzmodell-Kartenhaus fiel zusammen und gleichzeitig verloren die CDOs ihren Wert: aus anfangs „hochpotente“ Wertpapiere wurden danach „toxische“ Wertpapiere.
Banken bekamen Geldsorgen und das gesamte Kreditwesen geriet ins Stocken. Am Ende schwappte die Kreditkrise auf das produzierende Gewerbe über. Die Wirtschaft wurde ausgebremst und die Anzahl der Insolvenzen, Kurzarbeitenden und Arbeitslosen stieg. Die Mortgage-Krise hatte auch diejenigen erreicht, die sich mit dem Wertpapierwesen kaum beschäftigt hatten. Gewinner waren diejenigen, die gegen die CDOs gewettet hatten, weil sie bereits zuvor feststellten, dass der Tag des Crashes für sie zu derer eigener Zahltag werden müsste. Blauäugigkeit von spekulierenden Banken gegen die profunden Analysen einiger Hedgefonds (wie beispielsweise der „Hedgefond Paulson“) gefördert durch die Verdiener an den Vermittlungsprovisionen. Eine Art Armageddon der Zocker, ein Tsunami baute sich im Finanzwesen auf: die Mortgage-Krise 2008 nahm ihren Lauf.
Wie diese Woche die Presse berichtet, erreichen die Ausläufer der Mortgage-Krise nun auch die Deutsche Bank. Die US-Aufsichtsbehörde FHFA will das Geld, welches sie zur Rettung von zweier Hyptothekenfinanzierer „Fannie Mar“ und „Freddie Mac“ Ende 2008 benötigte, von denjenigen Banken (u.a. Bank of America, JP Morgan Chase, Goldman Sachs) zurück, die an den Verkaufsprovisionen der CDOs sehr gut verdienten. Die Argumentation beruht darauf, dass u.a.a. die Deutsche Bank unlauterer Hypothekengeschäfte (falsche Angaben über die Kreditwürdigkeit der Schuldner) getätigt haben sollen.
Die Deutsche Bank gibt sich betont gelassen. Sie bleibt ostentativ unberührt trotz eines CDO-Emissionsvolumen von 8,9 Milliarden US-$ zwischen Juli 2006 und Dezember 2007. Und das selbst bei der berühmt berüchtigten Personalie Greg Lippmann, welcher für die Deutsche Bank diesen Handel mit chinesischen Rechenkünstlern (u.a. Eugene Xu) antrieb und durchführte. Während bereits bei den Hedgefonds bekannt war, dass bestimmte CDOs von minderer Qualität waren, wurden gerade diese wie frisches Brot verkauft. In dem Buch „The big short“ von Michael Lewis wird ein Verkäufer zitiert, der Greg Lippmann fragte, wer sich denn für diese toxischen Papiere interessiere, als Antwort „Düsseldorf“ erwidert bekam („Whenever we’d ask him who was buying this crap“, said Vinny, „he always just said ‚Düsseldorf‘.“)
Die offene Gelassenheit der Deutsche Bank kann in zweierlei Hinsicht interpretiert werden: einerseits steht damit die Vermutung in Raum, die Deutsche Bank sieht sich im Sinne der Anklage als unschuldig an.
Die andere Seite erscheint mir aber wesentlich realer:
Die Deutsche Bank beteiligte sich erst in der zweiten Hälfte der Finanzzockerei am Immobilienmarkt. Die Deutsche Bank war durch die Renditeaussichten angelockt worden („Geld geht immer zu Geld“). US-Banken wie Goldman Sachs, Merril Lynch (wurde von der Bank of America in einer Rettungsaktion während der Krise übernommen), Citigroup und Bear Stearns (wurde ebenfalls in einer Rettungsaktion während der Krise von der Bank JP Morgan übernommen) waren zu jener Zeit bereits am Markt emsig erfolgreich tätig.
Das war einer amerikanischen Bundesbehörde nicht entgangen. Im September des Jahres 2004 hatte bereits die amerikanische Bundespolizei, das FBI, den amerikanischen Kongress vor einer Epidemie von Hypothekarbetrügereien und als Folge davon vor eine wirtschaftlicher Krise gewarnt.
Die Bank „Lehman Brothers“ als Hypothekenfinanzierer hatte sich mit seiner Tochter „Aurora“ (Hypothekenaufkäufer) darauf spezialisiert, Immobilienkredite von Kreditvermittlern und Kreditgebern aufzukaufen. „Lehman Brothers“ verbriefte die von seiner Tochter „Aurora“ aufgekauften Kredite und machten diese als CDOs für die US-Banken handelbar. „Lehman Brothers“ machte mit diesem Geschäft riesige Gewinne und zahlte beachtliche Boni an seine Führungsmannschaft aus.
Basis für „Lehman Brothers“ war das Geschäft, immer mehr potentielle private Käufer in den Immobilienmarkt zu ziehen und jenen entsprechend Kredite zu geben, um sich diese abkaufen zu lassen, um den Finanzmarkt damit zu füttern. Hierbei spielte die Bonität der privaten Kreditnehmer nicht mehr die Rolle, wie sie vorgeschrieben ist, dass diese zu prüfen wäre. Es ging nur um die Generierung von Auftragsvolumen mit allen Mitteln und den aus den Kreditverkäufen zu erzielenden Renditen.
Diese ungehemmte, vom FBI als „betrügerisch“ klassifizierte Kreditvergabe kurbelte die Nachfrage nach Immobilien an, der Preis stieg. Bis letztendlich die Nachfrage einbrach, weil keine weiteren betrügerischen Kredite vermittelt werden konnten und die ersten Kredite nicht mehr zurück gezahlt wurden. Die Immobilienpreise fielen wegen Überangebot.
Infolge dieses Preisverfalls kamen die ersten Käufer der CDOs zu „Lehman Brothers“ und pochten auf das vertragliche Recht, dass „Lehman Brothers“ deren toxische CDOs zurück zu kaufen hätte. „Lehman Brothers“ musste entsprechende Geldmittel aufbringen und ging somit Pleite, während andere zufrieden auf deren prall gefüllten Geldbörsen blickten.
Das ganze könnte als Geschäftsmodell „Pleite zur eigenen Gewinnmaximierung“ beschrieben werden.
Hypothekenfinanzierer wie „Lehman Brothers“ waren auch „Fannie Mae“ und „Freddie Mac“. Die letzteren beiden kauften von der „Citicorp“ Kredite, welche nach dem gleichen Modell wie von „Aurora“ dem Verbraucher untergejubelt wurden. „Citicorp“ verkaufte diese Kredite an „Fannie Mar“ und „Freddie Mac“ mit dem Hinweis, diese Kredite entsprächen bei deren Abschluss den regulären Anforderungen an Kreditnehmern. Die durch die „Citicorp“ Kredite wurden an die Hypothekenfinanzierer verkauft. Sie stellten sich als genauso toxisch wie die Kredite heraus, die auch „Lehman Brothers“ verkaufte.
Beim Platzen der Immobilienblase liefen die CDOs zurück: „Fannie Mae“ und „Freddie Mac“ verlangten ihr Geld von der „Citicorp“ zurück. Nur die „Citicorp“ zahlte nicht. „Fannie Mae“ und „Freddie Mac“ hatten keinen so langen finanziellen Atem Verluste zu ertragen wie die „Citicorp“. Die Pleite von „Fannie Mae“ und „Freddie Mac“ stand vor deren Tore.
Im Gegensatz zu „Lehman Brothers“ wurde „Fannie Mae“ und „Freddie Mac“ mittels Staatsmittel vor dem Kollaps gerettet. Hintergrund war dabei, der „Citicorp“ Luft zu verschaffen. Denn auch die „Citicorp“ war in erheblicher Schieflage geraten und die Forderungen der beiden anderen Banken hätten diese versenkt. Letztendlich musste aber das Geld der amerikanischen Steuerzahler nicht nur für „Fannie Mae“ und „Freddie Mac“ herhalten, sondern es wurde ebenfalls dazu verwendet, auch die finanzielle Lage der „Citicorp“ zu stabilisieren.
Bereits frühzeitig hatte die amerikanische Wertpapieraufsicht SEC festgestellt, dass „Fannie Mae“ und „Freddie Mac“ systematische Bilanzfälschungen betrieben hatten. Somit waren also deren Geschäfte bereits auf nicht legaler Basis abgearbeitet worden. Eine Strafe dazu blieb allerdings aus. Ebenso fand bislang keine gerichtliche Ahndung der Kreditvergabepraxis statt, welche viele Privatpersonen mit Eigenheim-Wunsch in den Ruin trieb. Das ganze Geschäft mit den Hypotheken-Krediten könnte auch als ein einziges betrügerischen Geschäfts mit dem Ziel zur Gewinnmaximierung auf Kosten der Kreditnehmer und anderen Unwissenden betrachtet werden.
Die „Deutsche Bank“ kann also einer Anklage ruhig entgegen sehen. Denn sollte sich im Laufe des Prozesses heraus stellen, dass die ganze Kreditvergabe betrügerische Grundlagen hatte, welche erstens sogar dem amerikanischen Kongress bewusst war, und dass gerade jene Kredite danach als „saubere“ Kredite verkauft wurden, dann wird das ganze Gerichtsverfahren in einer win-win-Situation enden: in einem Vergleich. Und beide Parteien (Kläger und Angeklagter) werden sich als moralische Sieger und moralisch Geläuterte präsentieren können.
Nur einer wird weiterhin nichts gewonnen haben: der US-Steuerzahler (soweit er aufgrund eines vorhandenen Jobs überhaupt direkte Steuern zahlen kann).
Nebenbei:
Der Druck in der amerikanischen Bevölkerung dieses Verfahren gegen Banken Bank of America, JP Morgan Chase, Goldman Sachs und Deutsche Bank einzuleiten, kommt aus der Bevölkerung. Die Unzufriedenheit über das laxe Vorgehen gegen die Nutznießer der „Mortgage“-Krise war zu hoch geworden. Nachdem Finanzinstitute wie „AiG“, „Fannie Mae“ und „Freddie Mac“ staatliche Gelder zur Vermeidung eines Kollaps erhielten, hatten alle jene Banken von ihrem vertraglichen Recht Gebrauch gemacht, und ihre toxischen CDO-Wertpapiere an jene Hypothekenfinanzierer zurück gegeben, wofür erweiterte staatliche Finanzmittel erforderlich wurden. Dadurch wurden deren Bilanzen korrigiert und aufgrund dieser verbesserten Werte hohe Bonuszahlungen ausgeschüttet. Und das obwohl alle sehenden Auges CDO-Geschäfte tätigten, um entsprechend an diesen toxischen Papieren zu verdienen.
Und dann gab es noch einen weiteren Fall, welches die US-Bevölkerung mit Verbitterung erfüllt hat:
Der Automobilhersteller GM hing vor der „Mortgage-Krise“ bereits von Krediten der Banken ab. Die dominate Stellung auf dem Weltmarkt verhinderte bis zum Ausbruch der Krise immer, dass aus der Schieflage ein Kentern wurde und das Kreditgeld von den Banken floss. Als in Folge der „Mortgage“-Krise die Banken keine Kredite mehr vergaben und auf Rückzahlung pochten, drohte GM endgültig zu kentern und zu sinken. Die amerikanische Regierung sprang wie zuvor den Banken auch der GM mit beträchtlichen finanziellen Geldern bei und rettete GM vor dem endgültigen Bankrott. GM ging in die Insolvenz und befreite sich von einem Großteil der Schulden bei deren Gläubiger (Lieferanten). Nur eine der ersten faktischen Handlungen, die GM mit den staatlichen Geldern ergriff, war die Auszahlungen der Bonus-Zahlungen an die GM-Führungskräfte. Dieses löste einen starken Aufschrei in der US-Bevölkerung aus, welchen die Politik hilflos zuhören musste und ihnen in deren Ohren nach hallte.
Als dann letztens GM die staatlichen Mittel 1:1 zurück zahlte (finanziert durch neuerliche Bankenkredite), verbesserte das nicht wirklich die Stimmung innerhalb der US-Bevölkerung gegenüber GM. Die US-Bevölkerung betrachte das mit einer Art ohnmächtigen Zynismus. Zumal das Ganze ein weiteres Mal auch daran erinnerte, dass bestimmte Kreise ganz gut mit staatlichen Hilfen die eigene Geldbörse aufpolstern konnten.
Somit kommt der Einleitung der Prozesse gegen jene Banken, die mit der Mortgage-Krise 2008 gut verdienten, auch eine symbolische Bedeutung zu: „Wir tun was“ soll der US-Bürger aus der Aktion lesen.
Vielleicht hilft es, dass durch jene Anklage der US-Bevölkerung beim Vergessen geholfen wird, dass eine Kerngruppe amerikanischer, globalisierter Banken immer gern zu finanztechnischen Beratungsgesprächen bei Krisen ins Weiße Haus eingeladen wird und auch ansonsten pausenlos ein- und ausgeht.
Schlecht wäre es selbstverfreilich, würden gerade diese Banken und deren Mortgage-Krise-auslösende Kreditvergabe-Gebahren untersucht und strafrechtlich beurteilt. Die amerikanische Regierung würde zweifelsohne den Ast absägen, auf dem die Banken sie sitzen lässt, könnte mit Wohlwollen gesagt werden. Treffsicherer würde es sein, würde ich aber den folgenden Satz als Kommentar schreiben:
„Die eine Krähe hackt der anderen kein Auge aus.“
Warum ich für den letzten Satz das Konjunktiv verwendet habe?
Eigene Unwissenheit. Denn vielleicht ist die eine Krähe ja schon blind. Dann wäre es Essig für jene mit dem Augenaushacken bei der anderen Krähe …
Aber vielleicht verglich ich in diesem Beitrag auch einfach nur faule Äpfel mit verdorbenen Birnen und liege daher mit meiner Vermutung auch nur komplett falsch. Die Zeit wird es zeigen.
