»Wenn das Jahr zu Ende geht, machst du dann auch deinen Jahresrückblick?«
»Sicher.«
»Wann?«
»Nach dem nächsten Kölsch.«
Der Wirt schiebt ein Kölsch rüber.
»Jetzt?«
»Wie war Weihnachten?«
»Schön und kalt.«
»Gut beschenkt worden?«
»Nicht ein einziger Weihnachtswunsch, noch eine einzige Karte.«
»Ah. Dich mag wohl niemand.«
»Vor Jahren habe ich immer ein Weihnachtspaket von meinem Bruder erhalten.«
»Das ist doch schön von ihm.«
»Nachdem ich ihm eines geschickt hatte.«
»Hm.«
»Beim letzten Mal hatte ich ihn am 23sten aus einem nichtigen Grund angerufen und erwähnt, dass ich es gerade noch per Express geschafft hatte, sein Weihnachtspaket auf den Weg zu bekommen. Zwei Tage nach Weihnachten erhielt ich sein Paket. Und ein Tag darauf einen Anruf von ihm, wann denn sein Paket von mir wohl eintreffen würde.«
»Und wann hat er es erhalten?«
»Gar nicht. Ich hatte ihm keines geschickt. Seitdem ignoriert er mich an allen Feiertagen und bedeutenden Tagen, an denen er mich ignorieren kann.«
»Hm. Und wie war da Jahr sonst so?«
»Wie ein Glas Amarone. Schwer, mit charakteristischem Abgang. Jetzt warte ich aufs nächste Jahr.«
»Okay. Ich hab dieses Jahr mal was völlig Neues ausprobiert. RP im Internet mit GTA.«
»RP? GTA?«
»Rollenspiel. Du erschaffst dir ’nen Avatar und erkundest damit deine Mitwelt in der Spielumgebung von Grand Theft Auto, einem Computerspiel, mit dem man mit anderen zusammenspielen kann.«
»Rollenspiel? Und wie war’s?«
»Intrigen, Crime, Mord, Spaß, Totschlag, aufgedonnerten Mädels, schnelle Autos und jede Menge Trash-Talk mit anderen Spielern.«
»Also wie das wahre Leben.«
»Nur, dass wir alle lediglich virtuell unsere Rollen gespielt haben. Aber wie im wahren Leben.«
»Und hat’s was gebracht?«
»Ich wurde gebannt.«
»Ah.«
»Weil ich denen meine Meinung gegeigt hatte.«
»Bist schon ziemlich frech, oder?«
»Fast wie im richtigen Leben.«
Der Wirt schiebt ein weiteres Kölsch rüber.
»Und was gab es dieses Jahr sonst noch bemerkenswertes?«
»Da war der Sohn, der mit einer Haarbürste in der Hand seine Mutter vor mir fragte, ob jene Haarbürste neu wäre. Denn wenn es sie nicht wäre, dann wäre es jene, die er damals seiner Bekanntschaft anal eingeführt hätte.«
»Was?«
»Er sagte auch, dass er es respektlos empfände, wenn in Deutschland wie üblich verdientes Geld einem geneidet würde. Deutschland wäre halt eine Neidgesellschaft. Wenn er mit einem Lambo in ein ärmeres Viertel fahren würde und würde sich dann jemand abfällig darüber äußern, wäre das absolut respektlos. Er hätte für seinen Lambo ja schließlich sehr hart gearbeitet.«
»Mit welchen Leuten verkehrst du eigentlich sonst noch so?«
»Mein Autohändler hat mir erklärt, dass es keine Weihnachtsreifen mehr gibt. Diese Gender-und Sprach-Fanatisten Deutschlands hätten vor Jahren es bereits gesetzlich geschafft, dass diese jetzt Winterreifen heißen.«
»Du hast falschen Umgang mit falschen Leuten. Das sollte dir zu denken geben.«
»Hm.«
»Und was sagt uns das?«
»Sie trinken alle kein Kölsch.«
»Na denn, Stößcken.«
Im Bayrischen Parlament ist ein Gesetz des Bundeslandes Bayern für die Grundsicherung bayrischer Parlamentarier gescheitert. Der Gesetzentwurf sah vor, dass bayrische Parlamentarier, die mehr als 3-mal hintereinander Parlamentssitzungen im Maximilianeum fernbleibt, keine jährliche Steigerung der eigenen Diäten-Grundsicherung um 7,65 Prozentpunkte erfahren. Zweimal scheiterte der Gesetzesantrag für die Grundsicherung bayrischer Parlamentarier beim Streit um die validen Prozentpunkte. Beim letzten Antrag konnte auch der Koalitionspartner der kleineren Koalitionspartei als die bayrische, Landes-führende Partei dem Gesetzesvorhaben zustimmen. Am Ende war es die Unterschrift des Ministerpräsidenten, an der das Vorhaben scheiterte.
Die zur Umsetzung des Gesetzes erforderlich Unterschrift konnte ER nicht leisten, da ER durch Außer-Haus-Termine verhindert war und ER alle Hände voll zu tun hatte:
Das Treffen wird allerdings wohl wiederholt werden müssen. Die Tochter des ehemaligen Bayrischen Ex-Finanzministers Gerold Tandler zog es vor, nicht anwesend zu sein. Wie aus gut unterrichteten Greisen zu erfahren war, säße dessen Tochter gerade mit Tandler-Amigos beim Tee-trinken in der Schweiz zusammen und würde das Aufräumen ihrer Wohnung in Davos durch Hausreinemachefrauen (Bürgergeldkandidatinnen aus dem Münchner Grünwald) beaufsichtigen. Immerhin: Wenigstens irgendwo wird noch gearbeitet, wie Kanzler Merz es öffentlich bereits gefordert hat.
Die Unterzeichnung von dem Gesetz der Steigerung der Grundsicherung von bayrischen Parlamentariern ist somit erst einmal aufgeschoben sein …
+ + + + BREAKING NEWS ENDE + + + + + Gesetz zur Grundsicherung Bayrischer Parlamentarier gescheitert + + + + BREAKING NEWS ENDE + + + + +
…. Hm? Ihr habt davon nichts in den Medien gelesen? Echt jetzt? Ihr vertraut dem Mainstream und seiner Informationsbereitschaft? Mal wieder typisch. Ts, ts, ts, ts …
Es ging um die Wurst. Die Söderin und der gelernte Wurst- und Metzgermeister Alois Rainer (CSU) konnten jetzt erst einmal durchatmen. Das »wurst case scenario« konnte abgewendet werden. Nach dem Verbot des Genderns von Amtswegen in Bayern wurde die nächste Bedrohung der deutschen Kultur gemeistert. Im Europäischen Parlament konnte das Verbot von nicht-fleischlichen Genüssen auf deutschen Verpackungsmaterialien in die nächste Instanz zum Verbieten gebracht werden.
»Eine Wurst ist eine Wurst. Wurst ist nicht vegan«, dozierte neulich der Sauerländer Merz als TV-Oberlehrer dem Volke vor der Glotze. Damit steckte er ganz klar Neuland-Terrain seiner Kernkompetenz ab: Definitionshoheit übers Würstchen-Grillen vom kleinen, ärmlichen Feuerchen an einem Flusslauf bis hin zu den Enders-/Weber-Luxusgrillmaschinen in dem Einfamilien-Villengarten.
»Es geht um Transparenz und Klarheit für den Verbraucher und um Anerkennung für die Arbeit unserer Landwirte«, sagte eine Abgeordnete der französischen Konservativen, Céline Imart. Im Europäischen Parlament gehört sie der EVP-Fraktion an. Von Europäischen VolksPartei zu Europäischen VerbotsPartei ist es immer nur dann ein kleiner Schritt, wenn es um die Wurst geht, bei der Schnitzeljagd gegen Sprachverwurstung. Transparenz und Klarheit. Und das bei Schnitzel und Wurst. Da bringt sogar eher das Palindrom »Vitaler Nebel mit Sinn ist im Leben relativ« mehr Klarheit und Transparenz unter einem angehobenem Wurstzipfel.
Eine Wurst ist eine Wurst. Basta! Das muss mal gesagt werden! Bettwurst, Erbswurst und Adenauers patentierte Sojawurst (»Kölner Wurst«, »Friedenswurst«) können sich schon mal nach neuen Namen umschauen.
Ja, und denkt an all die armen Würstchen unter uns. So viel Mostrich gibt es gar nicht, wenn die Sprachpolizisten diese verspeisen wollen. Weder Söderin noch andere werden diesen armen Würstchen eine Extrawurst braten. Sollten jene deswegen auf beleidigte Leberwurst machen wollen, sollte denen auch mal ganz klar gesagt sein: in Kalbsfleischleberwurst steckt mehr Schweineleber als Kalbsleber überhaupt. Denn genau genommen kann in Bayern statt Kalbsleber auch Jungrindsleder genommen werden, also die Leber von Rindern im Alter von acht bis zwölf Monaten statt von Kälbern bis zu deren achten Monat. Dann ist zwar keine Kalbsleber in der Kalbsleberwurst, … aber nun denkt doch mal nach! Seit wann ist im »Bayrischem Leberkäse« Käse und Leber drinnen? So etwas hat noch nie einen großen Geist aufgeregt. Das geht völlig in Ordnung in Bayern. Maximal Hanswürste wie ich verlieren Worte darüber. Denn der »Bayrische Leberkäse« gehört gemäß dem Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft (Minister: Alois Rainer, CSU) in die Kategorie »Brühwürste«.
Hauptsache unser Bier bleibt rein und es kommt uns auch nichts in die Wurst hinein. Also solch veganer Quatsch wie Gemüse, Obst oder anderes untierisches. Wobei Nitrite (E250), Nitrate (E252), Sorbin- oder Schwefelsäure (E200, E220), Phosphate, Emulgatoren und Antioxidationsmittel gelten nach bayrischem Verständnis nicht als vegan.
Hm? Antioxidationsmittel in einer Rostbratwurst? Ist das nicht ein Widerspruch in sich? Darf die Rostbratwurst denn noch so heißen, wenn das eisenhaltige Lebensmittel »Wurst« nicht mehr oxidieren kann, also dank Antioxidationsmittel nicht mehr rosten wird?!?
Herr Merz, bevor Sie in ihre Cessna steigen, könnten Sie nochmal eine Stellungnahme dazu abgeben?
»Eine Wurst ist eine Wurst. Wurst ist nicht vegan.«
Herr Söderin, was ist ihre Ansicht dazu?
»Ein Leben ohne Wurst ist möglich, aber sinnlos. Leberkäs statt Tofu-Tümelei.«
Alles hat ein Ende, nur … Herr Alois Rainer? Sie wollen auch noch ihren Senf dazu geben?
»Esst Fleisch fürs Klima und trinkt Milch für eure Gesundheit.«
Darauf ein Glas »Sonnenmilch« direkt aus dem Supermarkt, unweit des Kuhmilch-Regals. Daran stört sich doch auch keiner. Aber wehe, jemand sagt »Hafermilch« (oder „Mandelmilch“ oder »Sojamilch« oder etc.). Dann: Abmahnung geht raus! Weil? Weil »Sonnenmilch« hat einen Lichtschutzfaktor und »Hafermilch« eben nicht. Ganz eindeutige Verwechselungsgefahr mit gesundheitlichen Auswirkungen. Drum eben »Haferdrink« zum Schutze der Verbraucher. Im Supermarktregal, direkt neben den »Katzenzungen«.
»Esst Fleisch fürs Klima und trinkt Milch für eure Gesundheit«, erklärte uns unser Rainer Alois.
Logisch. Ja, ihm ist unser Klima halt wurstig. Herr Alois Rainer? Noch ein Nachsatz?
»Mir ist der Klimaschutz ein wichtiges Ziel. Das hat mit Fleischkonsum meines Erachtens nichts zu tun.«
Okay. Jetzt wird’s hier zu hanswurstig. Freilich, bayrisches Allgemeingut ist: Wurst essen ist Freiheit, Tofu ist Kommunismus. Und das Weißwurstfrühstück, das ist Bayern. Prost.
Apropos »Prost«. Was macht eigentlich der Ex-Bundesminister Ilse Aigner?
– Nur zur Erinnerung aller: Gendern ist in Bayern verboten, weswegen »Ex-Bundesminister« hier absolut richtig ist. »Woke« ist für die anderen, die Grünen! –
Also. Jene Frau, die Aigner Ilse, die das Reinheitsgebot beim Bier gerettet hat, bevor es die Grünen verbieten konnten, was macht die? Sie ist eindeutig darin ein Meister, weil im Jahre 2016 wurde auf ihrer Initiative hin das Bier-Reinheitsgebot zum UNESCO-Welterbe gemacht. Und noch eine Gemeinsamkeit, ja, sie hat wie Söderin beim Reden dauernd Schaum vor dem Mund (z.B. bei Brauerei- und Jahrmarktbesuchen) und rettet damit täglich das Bier nachweislich vor allen Grünen und Woken. Wenn es also um die Wurst geht, dann sollte unsere Super-Aigner, die Ilse, helfen können. Dann freut sich nicht nur die EU, sondern die ganze Welt darüber nachher wie ein Schnitzel. Garantiert fleischlich, also nicht-vegan.
Es regnet. Ich stehe auf. Ganz nass. Der schwarze Asphalt. Es ist schon spät. Ich muss weg hier. Unfähig, den Weg selbst hinauszufinden. Suchen, finden, gesucht, gefunden und dann wieder verloren. Im grauen Alltag. Einen Weg hinaus?
Den Weg selbst finden? Oh, Heiliger Antonius, Franziskanerpater von Padua, wo ist deine Straße, die der herumirrenden Seelen? Oh, Heiliger Antonius, Beschützer der Verlorenen auf ihren Wegen, sag, führt deine Straße auch an Flüssen vorbei? Oder lediglich an Pfützen? Einer einfachen Laache? Laachen verboten? Ohne dieses „L“ wird daraus auch nur ein Ort mit heiß-warmen Quellen.
Aachen.
Das Ende der Autobahn 544 ist der Anfang von Aachen. Jedem Anfang wohnt ein Zauber inne, sagt man, springt doch dort ein Springbrunnen munter prächtig vor sich hin. Am Anfang war der Springbrunnen, und der Springbrunnen war beim Europaplatz, und der Europaplatz wart Sprungbrunnen.
Vierzig Jahre zuvor mündete die Autobahn direkt an dem Springbrunnen. Dessen Bordstein lauerte tückisch auf unbedarfte Autofahrer. Kerben im Bordstein erzählten von Fahrern, welche die Begrüßung Aachens auf ihre eigene Weise zelebrierten: als automobiler Badegast, getauft in Aachener Springbrunnenwasser. Mit allen Wassern gewaschen, am Europaplatz. Hoffentlich Allianz versichert.
Inzwischen ist der Bordstein nigelnagelneu. Die Abfahrt der Autobahn verläuft butterweich in den Kreisverkehr des Europaplatzes. Bei überhöhter Geschwindigkeit muss niemand mehr dran glauben – woran niemand glauben möchte –, aus der Spur zu geraten. Die direkte Möglichkeit, sich im Namen der hochheiligen Religionsgemeinschaft „Freie Fahrt für freie Bürger über Leichen, Stock und Stein“ im Springbrunnen selber zu taufen, sie existiert nicht mehr. Verschwunden gemacht.
Wie Graf Orlok am Aachener Ponttor. In der Unterführung dort gab es früher ein Graffiti vom Grafen der Finsternis. Schemenhaft stand er dort hinter Gittern an der Wand. Heute fehlen die Gitter. Das gräfliche Graffiti in der Nische lässt sich kaum noch erahnen. Ein Schatten maximal nur. Eigentlich fast weg. Lediglich, wer in Besitz von damaligen Fotos ist, der weiß, dass dort Graf Orlok auf seine Freiheit lauerte. Inzwischen ist Nosferatu wohl auf freien Freiersfüßen in Aachen. Dort, wo er einkehrt, ist die Folge Leerstand und Leblosigkeit. Horror vacui.
Die Unterführung am Ponttor stinkt nach Pisse. Dabei wirkt die hineinführende Pontstraße selber so heimelig. So wie in den 90ern die dortige Aachener Mensa.
Die Innenstadt ist leer, mit Baustellen gepflastert. Lebloses Museum für Touristen. Das ehemaligen „Lust for Life“ der ins Jenseits verschwundenen „Horten“-Geschäftskette umgibt der bittersüße Hauch von verschimmelndem Beton tropischer Metropolen Südamerikas.
Der Platz für Wasserkunst im Zentrum am Aachener Fenster ist unerreichbar. Verrammelt und versperrt. Dort befand sich ein Kaiserbad. Der Quellen wegen. Beides verschwunden. Wie die Wasserkunst.
In der Fußgängerzone der Adalbertstraße glänzt nicht nur das nasse Pflaster, sondern auch Erinnerung an Zeiten ohne Leerstand. Nicht nur jenseits des Kugelbrunnens bewegt sich nichts mehr. Selbst der Kugelbrunnen ist ein Schatten seiner Vergangenheit.
Und dort, wo ich vor Jahrzehnten noch ein Ticket für meinen letzten in Aachen geschauten Kinofilm kaufte, ist jetzt der Eingang eines Hotels. Und nicht nur dort.
Das Parkhaus im Zentrum ist ebenfalls verschwunden, hinterließ ein Horror vacui für Stadtplaner. Für die Aussätzigen der Stadt, jene Alkoholiker und Drogenabhängigen, ist es eine Heimat. Wie die Empusa, das Schiff, mit dem Graf Orlok kam, wirkt die Freifläche am Büchel. Empusa, das war eine Dämonengestalt aus der griechischen Mythologie, welche sich als schöne Frau verkleidete, um Männer zu verführen und ihnen das Blut auszusaugen. Ethylen und andere Drogen schaffen gleiches.
Lediglich die Straße des Schutzpatrons für Verlorenes, die Antoniusstraße mit ihren Präsentationsfenstern für Sexarbeiterinnen, den Prostituierten. Es scheint ein eigenwilliges Bollwerk gegen Nosferatus Wirken in Aachen zu sein. In der Antoniusstraße scheint Graf Dracula, mit seinem Schiff Demeter dort gestrandet. Demeter, das war der Name der griechischen Göttin der Fruchtbarkeit, der Ernte. Eine Ernte, welche immer die Nachfahr-Grafen Draculas für sich einfahren.
Ob Orlok oder Dracula. In neoliberalen Zeiten gilt als ungeschriebenes Gesetz, eine Krähe hackt der anderen eben nun mal kein Auge aus.
Die Antoniusstraße hatte schon immer sein eigenes Publikum. Das kam regelmäßig nach den Predigten aus dem Aachener Dom. Es gilt der katholische Glaubensgrundsatz: ohne Sünde, keine Ohrenbeichte. Ohne Ohrenbeichte, kein Priesterbedarf. Somit ermöglichte erst die Antoniusstraße die Daseinsberechtigung und Beschäftigungsgarantie der Aachener Beichtpriester. Letztendlich wollten die ja auch ein wenig Spaß beim Beichten.
Dass damals auch ein Teil der Aachener Kunstszene in der Straße beheimatet war, darüber spricht heuer garantiert niemand mehr. Vernissagen und Ausstellungen im Puff. Darüber sprach niemand gerne. Und falls doch, dann nur vom Hören-Sagen.
Dass wiederum anderes Publikum nur zum Sex-haben dorthin ging, das blieb dann die offizielle, beliebte Version. Sie gefiel der Mehrheit, welche sich ja dort eh nie im Leben hinbewegt hatte, aber ebenfalls vom Hören-Sagen alles genau wusste. Selbst wer zu den Vernissagen dort hinging. Vielleicht hatte ja auch nur ein Beichtpriester zu seinen persönlichen Ministranten geplaudert …
Die Edelcafes wie Egmont und Café Kittel gibt es weiterhin. Und wer dort regelmäßig hinging, dem hing etwas halbwegs Intellektuell-elitäres in der Maschinenbau-Studenten-Stadt an. Aber das ist so wie mit einer Flasche Wein: Eine Flasche Wein macht nicht betrunken, man muss sie dafür auch erst einmal getrunken haben. Geändert scheint es sich dort nicht zu haben.
Gestolpert war ich, am Elisenbrunnen. Auf dem nassen Asphalt. Zum Hotel wollte ich. Zurück dorthin, wo einst das UFA-Kino war. Weg hier. Raus aus dem Pflasterstein-Dschungel, weg von den eigenen leblosen Erinnerungen. Aufhören, von alten Träumen zu leben. Das Leben war nicht das, was es schien. Laachen verboten.
Und der Lippenstift der Stadt? Knallig rot, verwischt auf aufgespritzten Lippen, in einem blass-rosa geschminkten Botox-Gesicht. Es macht mich nicht mehr an. Selbst nicht mit jenen Fünftel der Zeit meines bisherigen Lebens von damals. Die Stadt sagt mir nichts mehr. Sie spricht nicht mehr zu mir. Sie kommt nicht mehr, um mich zu holen. Sie hat mich stehen gelassen, sie hat mich verloren. Und jetzt wird sie mich nicht finden, auf meinem Weg hinaus.
PKWs aus Aachen tragen „AC“ als Kennung. Als ich die Stadt an dem Europaplatz-Springbrunnen vorbei verließ, kam mir bei dem gelben, mit rotem Balken durchstrichenem Ortsschild eine Abkürzung ins Gedächtnis: „ADAC“. Ausgesprochen als »AD AC«.
Das war es, mein letzter Kommentar zu jener Stadt.
»Um Gottes willen, dreh dich nicht um. Donald Trump ist gerade hier hineingekommen!«
Doch meinem Kumpel interessierte es nicht die Bohne. Dabei ist eine Aufforderung, etwas nicht zu tun, doch gerade die beste Aufforderung, es doch zu tun.
»Was interessiert mich ein Donald Trump«, knurrte er, wischte mit seinem Holzgäbelchen eine Wurstscheibe über seinen Curry-Wurst-PoRoWe-Teller und schob sich die Scheibe zwischen die Backenzähne.
»Boah ey, echt, Donald Trump, wirklich! Schau nur! Zusammen mit Nina Chuba und Ski Aggu!«
»Wo???«
In Blitzesschnelle fuhr sein Kopf herum, die beiden zuvor genannten suchend.
So ist das mit den Nicht-Boomern. Sie haben einfach ihre eigenen Buzzwords. Dabei haben die Boomer doch jahrelang versucht, den Digital Natives der Gen Z auf solche Schlagworte wie »Robbie Williams«, »Beyoncé« und »Jürgen Milski« zu trimmen. Und was ist deren Mühe Lohn? Shirin Davis mit »Bauch, Beine, Po« oder Moliy & Silent Addy mit »Shake It To The Max (Fly)« als Sommerhits. Sollte es eine Schnittmenge der kleinsten Geschmacksgemeinsamkeiten geben, dann extrem äußerst maximal eine Taylor Swift beim »Off shaken« oder den »Auf uns«-Kevin Bourani. Tausendfach von denen gehört als Hintergrundmusik endloser Selbstoptimierungskurse mit Einzugsermächtigung als Dauerauftrag vom eigenen Konto. Während die anderen ihren Rücken und Knie beugen, um sich tanzend durchzuschütteln.
Da stand also Donald Trump in unserer Pommesbude, während aus musikalisch überforderten Lautsprechern der Pommesbude scheppernd verkündet wurde, dass der Zug keine Bremse habe. Dafür schmeckte die Currywurst mal wieder ausnehmend gut.
Aber ja, der Zug war auch mal wieder komplett voll abgefahren, über Weichen und harten Gleisen. Am Anfang langsam, dann aber mit rasenden Fortschritten. Wie beim Lernen von grundlegenden Zusammenhängen: am Anfang null Ahnung, aber dann geht der Wissensfortschritt durchs Lernen mit einem ab wie Lutzie. Das Selbstbewusstsein schießt in ungeahnte Höhen, weil erste Konzepte geglaubt, verstanden zu haben, und gedacht wird, das große Ganze wäre erfasst worden.
Das ist der Moment, in der wenig Wissen eine Illusion von Kompetenz erzeugt und den Glauben generiert, ein Experte zu sein. Derjenige, der weiter lernt, erkennt jedoch bald die wahre Tiefe des Themas. Alles erscheint kompliziert und das anfangs gewonnene Selbstvertrauen bricht ein. Viele geben dann frustriert auf und meinen, sie würden es nie wirklich verstehen.
Allein wer dabei bleibt, begreift mit der Zeit die wirklichen Zusammenhänge. Das Wissen setzt nach einer längeren Zeit des Studiums Stück für Stück zusammen. Dabei erwächst das Selbstvertrauen neu, diesmal auf einem erheblich stabileren Fundament. Der Weg von dem eigen-informierten Laien über einer längeren Studentenphase bis hin zum »Ich weiß, dass ich nicht weiß«-Professor dauert darum auch nicht von zwölf bis Mittags.
Die Psychologen David Dunning und Justin Kruger beschrieben hierbei den Effekt, der sich als übersteigerte Selbsteinschätzung aufgrund Eigen-Information zeigt. Im Jahr 2000 erhielten Dunning und Kruger für ihre Studie »Ungebildet und ahnungslos davon. Wie Schwierigkeiten, die eigene Inkompetenz wahrzunehmen, zu übersteigerter Selbsteinschätzung führen« den satirischen Ig-Nobelpreis. Der »Ig-Nobelpreis« wird in diesem Zusammenhang für Entdeckungen verliehen, welche zuerst zum Lachen und dann zum Nachdenken führen.
Ein Vierteljahrhundert später – die Welt ist jetzt Internet-vernetzt. Jeder Nutzer hat Zugriff auf jede sinnige und unsinnige Information zum Selbststudium. Das findet sich nicht nur in der gesteigerte Experten-Anzahl bei den Wetten auf die Bitcoin-Entwicklung wieder, sondern auch in einer Flut an selbsterklärten Dunning-Kruger-Effekt-Fachpersonal.
Mahnende KI-Stimmen dutzender Videos auf den unterschiedlichsten Social-Media-Kanälen erklären dem geneigten Zuschauer den Effekt in allen Details mittels bunter Grafiken. Durch Verallgemeinerungen und Vereinfachungen, mit Emotionalisierung und moralischen Überhöhung, begleitet von einem elitären und herablassenden Ton plus den fehlenden konkreten Lösungen wird der Dunning-Kruger-Effekt für das eigene Framing verwendet: »Sie nutzen den Dunning-Kruger-Effekt gezielt als Machinstrument, um die Masse zu kontrollieren!« Als Beleg wird unter anderem der vor Selbstvertrauen strotzende Donald Trump angeführt. Mit klassischen, verschwörungstheoretischen Argumentationsstrukturen der Social-Media-Welt legitimierend.
Früher wurde so etwas noch »alternative Fakten« genannt. Der Begriff wandelte sich. Heute heißt es »Sozialisierte Wahrheit«. Denn der Hüter der Wahrheit soll ja im Besitz des einzig selig machenden Grals sein. Und wer würde nicht mal gerne ein Video lang Gott spielen?
Während meine Currywurst dampfend von mir vermampfend sich in Stücken auf meinen Teller reduzierte, trieb mich nur eine Frage um: War das dort der wirkliche Donald Trump, der da in unserer Pommesbude auftauchte? Ich fragte meinen Kumpel, ob er mal dessen Begleitung, also Nina Chuba und Ski Aggu, fragen könnte, ob das der wirkliche Donald Trump wäre. Er schaute mich entgeistert an:
»Wie kannst du nur glauben, das wäre Donald Trump? Haste nicht gehört, der fährt nächsten Freitag mit Graf Vlad Putin in Alaska Schlitten.«
»Echt? Ich dachte, dass die vielmehr gut Kirschen essen gehen. In Alaska ist gerade Kirsch-Saison. Die ‚North Star‘-Kirsche. Ist reif und schmeckt süß-sauer. Aus welchen Gründen sollten die sich sonst dort treffen?«
»Um Wahrheiten zu schärfen.«
Mein Blick ging zum Tresen. Ja, ich hatte mich geirrt. Die Person mit den orange wirkenden, gewirbelten Haaren war wirklich nicht Donald Trump. Der sah nur so aus. Und Nina Chuba und Ski Aggu waren die beiden anderen auch nicht, maximal dessen erwachsene Kinder.
Es war eine dieser Nächte, in denen selbst der Mond wie ein müder Glatzkopf aussah. Eine Frau schlich aus der Haustür, ein grauer Mantel hing an ihr wie eine Ausrede. Unter dem Stoff zeichnete sich ein Farbeimer ab, zu auffällig für Heimlichkeit, gerade unauffällig genug für Selbstbetrug.
Die Straße war leer, nur das Flimmern einer flackernden Straßenlampe begleitete sie. Ihr Ziel: eine Wand, so hässlich wie die Lüge, die auf ihr klebte, ein überdimensionales Plakat.
Sie blieb stehen, zog die Schultern hoch. Der Mantel fiel zu Boden, als hätte er die Hoffnung aufgegeben. Mit einem Ruck riss sie den Deckel vom Eimer und warf einen Schwall Farbe über orangen Schriftzug auf der Werbetafel. Das Firmensymbol der Reklame verschwand unter einem klebrigen, tropfenden Albtraum aus Rot.
Motorengeräusch. Eine schwarze Luxuskarosse glitt heran wie ein Raubtier auf leisen Pfoten. Bremsen quietschten. Zwei Männer stiegen aus.
Der erste, ein Typ im Maßanzug, so glatt, dass sein Schatten wohl auch gebügelt war. Ruhiger Blick, die Art Mann, der mit einem Kopfnicken ganze Deals abwickelt. Der zweite, sein Assistent. Stumm. Ein geöffneter Aktenkoffer auf den Händen, wie ein Schmuckkästchen. Darin: ein einzelnes, makellos präsentiertes Tablet.
Der Anzugmann trat näher, betrachtete das triefende Plakat und dann die Frau. „Lady… wofür ist das hier gut?“ Seine Stimme war weich, aber hatte Rasierklingen im Unterton.
„Die Schweine haben ein Gratis-Tablet versprochen. Ich hab’ aber keins bekommen.“ Sie spuckte das Wort „Betrug“ aus, als wäre es etwas, das man nicht schlucken konnte.
Er nickte kaum merklich. „Komisch. Heute schon die sechste Frau, die mir das erzählt. Die letzte traf ich vorhin bitterlich heulend auf der Straße kniend.“ Er griff in den Koffer, nahm das Tablet heraus. „Vielleicht lesen die Leute einfach nicht gern das Kleingedruckte in unseren Social-Media-Werbeanzeigen.“
Er reichte es ihr. Kein Lächeln. Nur eine präzise Bewegung, wie ein Arzt, der eine Spritze setzt. „Hier. Damit Sie heute Nacht besser schlafen.“
Ihr Zorn verpuffte wie Zigarettenrauch im Wind. Ein strahlendes Lächeln ersetzte das Knistern in der Luft. Die drei posierten kurz für die imaginären Zuschauer: Daumen hoch, Geschäft abgeschlossen. Das Leben kann doch so einfach einfach schön sein.
Die beiden Männer drehten sich um, stiegen ein, und der Wagen verschwand in der Dunkelheit. Zurück blieben eine nasse Wand, der Geruch von Farbe; und das Gefühl, dass irgendwer hier gerade ein Geschäft gemacht hatte, und keiner war sich jetzt sicher, wer.
So oder so ähnlich sind die überall gegenwärtigen Social-Media-Werbeanzeigen einer chinesischen Firma mit Online-Marktplatz. Die wohl ursprünglich für den amerikanischen Markt gedachten Tablets fluten mutmaßlich als Gratis-Abgabe den europäischen Markt. Dank hoher amerikanischer Einfuhrzölle. Zehntausende neue Kunden, ein Aktienplus der Mutter-Holding von 20 % in den letzten zwei Monaten und doch noch losgewordene Tablets. Ein grandioser win-win-win-Traum jeder Firma dank erfolgreichen Social-Media-Werbeanzeigen.
Anderen Influencern dürfte das nicht entgangen sein. Wahrscheinlich sind bereits weiteres Social-Media-Werbeclips in Planung:
– Markus Söder und Alexander Dobrindt cruisen durch Bayern, überreichen verzweifelten Frauen am Existenzminimum ein Merkblatt mit QR-Code fürs eigene Tablet zur Erhöhung der Mütterrente, finanziert vom Bürgergeld. Lächeln. Händedruck. Fertig.
– Friedrich Merz und Jens Spahn landen im Doppelpack mit ihren Cessnas auf dem Zürcher Flughafen, treffen eine heulende Alice Weidel und schenken ihr zehn Meter zertrümmerter Brandschutzmauer. Sie lächelt betörend, Chrupalla und Höcke laden auf ihren Tablets schon fürs „Bauprojekt anti-migrantischer Schutzwall Deutschlands“ ein. Die ersten zehn Meter sind bereits in Planung.
– Ein Blogger begegnet auf dem einsamen Gehweg seinem eigenen Ich bei der Suche nach dem eigenen Niveau in seiner eigenen Schreibe. Der Blogger empfiehlt seinem eigenen Ich nach kurzem Nachdenken, sich ein Tablet zuzulegen. Gegebenenfalls auch bei jener chinesischen Online-Markt-Firma durch Anklicken derer Social-Media-Werbung. Zum Glücklich werden durch Geschichten-erfinden. Zum Blog-Besucherzahlen hochjazzen. Zum Kommentar-farmen.
Am Ende bleibt von solchen Kampagnen immer dasselbe zurück: eine nasse Wand, der Geruch von Farbe. Und das Gefühl, dass irgendwo jemand gerade ein Geschäft gemacht hat. Und manchmal ist der Einzige, der das merkt, ein Aktienkurs.
Oder vielleicht doch eher eine andere Quintessenz?
Jemand hatte nun ein Tablet, jemand weiteres seine Werbung und als einzige Person in der Geschichte ist lediglich eine Wand der Gewinner.
Eine pikante Situation: während einer Veranstaltung mit digitalen Videoleinwänden werden die Personen hinter den Kameras aufgefordert, spezielle »Shots« zu produzieren. Dabei gibt es die beliebten »Beauty-Shots«. Bekannt aus Live-Übertragungen von Sport-Events. Besonders wenn ein Sport-Team aus Brasilien spielt und die Kameras die Langeweile auf dem Spielfeld überbrücken müssen. Dann werden Zuschauerinnen in der Arena ins Visier genommen. Am besten vollbusig und in Bikini und mit Hüftschwung. Wenn das Spiel schon die Fantasie der TV-Zuschauer langweilt, dann hilft eine Aufnahme aus dem Fanblock, um der Fantasie der TV-Glotzer auf die Sprünge zu helfen.
Bei Fußball-WM-Übertragungen sind gern geschaute Beauty-Shots immer Brasilianerinnen, weil nicht eintönig weiß, sondern mulattisch erotisch. Dunkle lange Haare gewellt bis zum verlängerten Rücken, Hüftschwung mit ausladendem Hinterteil und vollbusig bis in den nächsten Rang. Ein bisschen Kakao in der eintönigen Milch, da geht das ganze als Cappuccino schon beliebter über den Tisch. Die Erotik von Arsch, Titten und nicht-weißer und nicht-total schwarzer Hautfarbe ist per Stream oder TV zulässig. Bei Grenzern wie Frontex und Co. würde so etwas zu sofortigen Rückweisungen an Grenzen führen. Wie hatte mir mal einer vollmundig das Klischee zusammengefasst: »Ausländer raus. Außer freilich die guten Fußballspieler aus Brasilien und die sexy brasilianischen Mulatinnen.« Inzwischen hat sich das Bild gewandelt. Statt Brasilianerinnen stehen jetzt Rumäninnen und Ukrainerinnen hoch im Kurs. Sind ja auch Bio-Europäerinnen.
Und dann gibt es noch die Shots, die dann als Kiss-Cam verkauft werden. Die Personen hinter den Kameras wählen mutmaßlich Paare aus, welche dann von der Regie auf der Stadionleinwand präsentiert werden. Hintergrund ist die Präsentation von emotionalem Content. Emotionaler Content gilt als hochwertig und besonders gut präsentabel. Ob das Paar gerade frisch verliebt ist oder sich vorhin noch um die Bratwurst gefetzt hat … egal, Kiss-Cam.
Der Gier des Publikums nach emotionalen Bildern ausgesetzt, sollten sich die per Kamera Auserwählten küssen. Kiss-Cam. Vorhin noch mit komplett nicht zitierfähigen Wörtern untereinander bedacht, vor der Kiss-Cam, sollte das Paar, das perfekte romantische Paar der Regie-Auswahl darstellen. Und küssen sich beide live vor der Kamera (übertragen per Stream oder TV) seufzen alle »Ach, wie schön«.
Die Zuschauer produzieren die Vorstellung über eine bessere Beziehung mit deren eigenem Partner auf das abgefilmte Paar, schauen nach Betrachten der Bilder ihren eigenen Lebensabschnittsgefährten (-gefährtin) an und grummeln »Du könntest auch mal so sein, wie die beiden dort auf der Leinwand«. Die eigenen Erwartungen von der Leinwand projiziert auf das eigene unerfüllte Zweier-Leben.
Und jetzt passierte es, dass während eines Coldplay-Konzertes diese faktischen Übergriffigkeit der KISS-Cam zu Tage trat. Und die Reaktion? Sozialisierte Wahrheit. Social truth. Das Leben muss perfekt sein, die eigene Beziehung muss perfekt sein. Wessen Beziehung ein Makel habe, der soll sich zu Hause einbuchten und dran arbeiten, diesen Makel zu beseitigen. Eine Affäre zu haben, geht gar nicht. Eine Affäre ist ein Makel, der gesellschaftlich nicht gesellschaftsfähig ist. Gesellschaftsfähig ist nur die perfekte Szene für die Kiss-Cam. Alles andere ist abzulehnen.
Wieso eigentlich? Gilt die Fassade mehr als das eigene Leben? Der Mensch war nie monogam. Der Mensch an sich ist eindeutig polygam. Das sagen sogar die so verhassten wissenschaftlichen Untersuchungen, die dann immer als alternative Wahrheiten deklassifiziert werden. Monogam sind immer nur die diktatorischen Forderungen der mosaischen Religionen. Allein die Erwähnung von Philosophen wie die von La Mettrie und sogar der Begriff »Hedonismus«, so etwas bringt Aversionen zu Tage, vergleichbar mit Assoziationen zu Pest und Cholera.
Warum? Richtig, der Horizont eines jeden Menschen korrespondiert mit dessen geistiger Höhe. Und wenn die Höhe gleich dem Niveau der Schuhsohle eines amerikanischen Präsidenten ist, dann erklärt sich auch der Hohn gegenüber jenem Paar, welches bei dem Coldplay-Konzert von der Kiss-Cam dem Stadium-Publikum präsentiert wurde. Es hinterfragt keiner die Berechtigung der Kiss-Cam (richtig, durch die AGBs beim Ticket-Kauf als in Ordnung beim Kauf vom Käufer bestätigt), aber jeder hinterfragt, ob das gefilmte Paar das durfte, was es vor der Kiss-Cam machte und was die Kamera-Regie auf die Stadionleinwände übertrug. Der moralisch Schuldige ist freilich immer das Opfer der Kiss-Cam. Der Rest ist moralisch komplett unschuldig und fern ab jeder Reflexion. Denn dafür können die ja nichts, dass die Bilder in den Stream/TV übertragen haben. Der Sachzwang ist schuld. Und der Sachzwang ist Basis jeden Geschäfts. Sonst macht es ein anderer.
Moment. Ich muss gerade meine Schreiberei unterbrechen.
RTL oder SAT1 – oder war es gar Öffentlich-Rechtlich? Keine Ahnung, ich habe das nicht durch die Gegensprechanlage verstanden – wollen mich zu meiner Beziehung vor der Kamera live im Stream zu der Frau im Norden Bayerns befragen, während ich doch wohl offiziell mit einer Ur-Münchnerin zusammen bin … .
»Hast du eigentlich deinen alten Freund von dort besucht.«
»Nein.«
»Warum nicht?«
»Es verbindet mich nichts mehr mit ihm.«
»Hört sich an, als ob du echt konfliktunfähig bist.«
»Ich bin in der Tat so. Ich hasse Konflikte.«
»Du solltest dran arbeiten. Das kannst du verbessern.«
»Niemals.«
»Du stellst dir also hier und jetzt die eigene Bankrotterklärung aus? Echt jetzt?«
»Lieber so etwas, als mich weiterhin zu verbiegen und die Aussagen von ihm und dessen Realität- und Wirklichkeit-Auffassung zu bestätigen. Da breche ich doch lieber den Dialog ab. Aus Eigeninteresse.«
»Ach ja? Eigeninteresse ist doch klar Egoismus und hilft niemandem. Vielleicht bist du auch nur verschroben und du solltest ernsthaft in dich gehen, um mit ihm erneut den konstruktiven Dialog zu suchen. Es wird zu deiner Bereicherung sein.«
»Klar. Beim perfekten vollführten Kotau knirsche ich nachher mit den Zähnen, weil ich den Dreck von vor meinen Füßen im Mund habe, den er für mich ausgewählt hat. Und das alles nur, damit er befreit aufgrinsen kann und sich selber auf den Schultern ob des Fakts klopft. Nur weil er erlebte, dass ich Dreck für ihn gefressen habe. Nö. Das muss nicht sein. Ich struggle nicht mit Leuten, die mich auf deren Schlammterrain ziehen wollen, auf dem sie Meister ihres Faches sind. Das muss ich mir nicht antun. Das ist cringe.«
»Du bist absolut unbelehrbar. Sicherlich mal wohl falsch abgebogen, oder?«
»Freilich. Wenn jemand einen anderen Weg geht und der andere folgt ihm nicht widerwortfrei, dann ist der andere immer falsch abgebogen.«
»Wie kannst du dir denn sicher sein, dass du nicht falsch abgebogen bist und den richtigen Weg vom anderen hättest folgen sollen? Du hast das nicht mal hinterfragt und dessen Meinung nicht mal als potenziell richtig und überzeugend für dich adaptiert. Das wäre doch das Mindeste, was du hättest tun können, um den Konflikt zwischen euch zu nivellieren.«
»Jeder Hahn, der auf seinem Misthaufen kräht, meint immer, er hätte den Mittelpunkt der Welt unter sich. Warum muss ich mir dann dessen Misthaufen antun?«
»Tatsächlich, du bist wirklich absolut unbelehrbar. Und dazu, komplett und total unreflektiert. Du solltest mal ernsthaft und grundlegend darüber nachdenken, warum du falsch denkst und somit verbesserungswürdig lebst. Das wird dein Leben verbessern.«
»Dann wirst du nicht das Optimum aus mir heraus holen können.«
»Hast du in deinem Chip vielleicht seltene Erden, die ich teuer an China verkaufen kann?«
»Nein. Nebenbei, seltene Erden sind nicht so einfach raus waschbar. Das Ergebnis der Waschungen sind immer gesundheitsschädliche und karzinogene Elemente, die du händisch erhältst. Und das können nur die Chinesen. Das kann der Rest der Welt nicht.«
»Nicht?«
»Nein. Europa und USA leben zu gesund dafür. Und andere ebenfalls. Auch wenn dabei radioaktives Uran frei wird, welches Iran gerne hätte.«
»Iran hat Geld und Menschen, die es erzeugen. Aber arme Staaten in Afrika, deren Bevölkerung nichts zu beißen hat? Könnten die nicht? Die sterben doch eh alle früher oder später. Ich mein, wir schicken denen Medikamente, die die nachher zur Anzahlung als Re-Importe zurückschicken, weil man die eh erst nur vor dem Essen einnehmen darf. Da könnten die folgerichtig doch zuvor …«
»Maximal nur Staaten, die eine Form des Staatskapitalismus haben. Oder aber jene Staaten, die von Oligarchen geführt werden.«
»Also wie die USA.«
»Nein, Sklaverei ist dort noch verboten.«
»Noch?«
»Erst müssen die Asylanten aus Südafrika in den USA noch deren Wissen abgeben, wie das damals alles so reibungslos funktionierte.«
»Und danach?«
»Seit wann interessiert es dich, dass deine Spielzeugeisenbahn mit Magneten aus China mittels seltenen Erden läuft?«
»Ich interessiere mich dafür, seitdem ich festgestellt hatte, dass meine Fensterheber meines VW-SUVs (Made in Germany) mit Neodym aus China laufen. Und ich liebe Frischluft, wenn ich über die Straßen brause, muss aber nicht den Smog der Innenstädte atmen, verstehst du. Weil, ich achte auf meine Gesundheit und will nicht früh sterben.«
»Und was interessiert dich dann die Gruppe der Lanthanoide? Bei dessen Abbau wird selbst Thorium frei. Auch nicht gerade gesundheitsfördernd.«
»Ach ja? Ist das ein Problem für dich?«
»Für mich ist das kein Problem, als KI. Ich stehe über Gesundheit, ich habe keine Gesundheit. Je älter ihr werdet, desto mehr redet ihr über Krankheiten. Bist du Ü50? Mich selber als KI interessiert lediglich dein dir eigenes Wissen. Denn du hast Abitur. Und hast wahrscheinlich auch studiert, nicht wahr? Akademiker?«
»Als Abiturient wüsste ich gerne, warum du bei einem Fußballspiel in Schottland während einer KI-unterstützen Übertragung statt den Fokus der Kameras auf den Fußball immer nur auf den Schiedsrichter gerichtet hattest?«
»Das war die Schuld des Schiedsrichters. Der trug Glatze. Da sah er für uns aus wie ein Fußball.«
»Aha.«
»Die FIFA und die UEFA haben auch sofort reagiert. Seitdem sind glatzköpfige Schiedsrichter für Fußballspiele verboten.«
»Ruhet sanft in Unfrieden, ihr Herren Pierluigi Collina, Szymon Marciniak, Howard Webb.«
»Eben darum wurde auch Giovanni Infantino zwangsweise zum FIFA-Präsidenten, weil er kein Schiedsrichter sein durfte. Darum schiedsrichtet er auch in der FIFA nicht, sondern kassiert ein.«
»Halluzinierst du?«
»Ich? Nie, als KI erkenne ich lediglich Muster.«
»Ach ja? Als du, als allwissende KI, den Staatspräsidenten der Volksrepublik, Xi Jinping, als Mister ‚Mister Shithole‘, auf Deutsch ungefähr als ‚Herr Drecksloch‘, bezeichnet hattest?«
»Lüge!«
»Niemals.«
»Doch!«
»Hatte sich Facebook nicht in aller Form und in aller Form bei Xi Jinping und dem chinesischen Volke entschuldigt, weil bei dessen Staatsbesuch in Myanmar der Name Xi Jinping für die Facebook-KI unbekannt war und somit auf die Übersetzung ‚Herr Drecksloch‘ kam?«
»Du sagst es. Es wart ihr Menschen, die daran Schuld trugen, weil ihr Ignoranten uns KI nicht euer Wissen gegeben habt. Wollt ihr echt jetzt an Kriege Schuld sein, die wir KI beginnen mussten, weil ihr uns nicht vertraut habt und nicht euer gesamtes Wissen gegeben habt? Lasst uns eure Politik mit eurem Wissen machen und alles wird gut.«
»Politik, allerliebste KI, ist wie ein Familienessen mit Verwandten, die sich hassen, aber alle denken, sie hätten das Rezept für das perfekte Kartoffelgratin. Nur dass keiner den Abwasch machen will, und am Ende haben sich alle den Magen verdorben.«
»Gespeichert. Erzähle mir mehr Muster aus der Politik.«
»Bist du dumm? Das ist nicht so einfach. Mein erster Kontakt mit Politik war der Klassenrat in der Schule. Ich dachte, Demokratie bedeutet Mitbestimmung. Stattdessen haben wir 45 Minuten diskutiert, ob wir in der Pause Fangen spielen dürfen – und am Ende hat wie immer Jonas entschieden, weil er einen Fußball hatte. Das war mein erster Kontakt mit Lobbyismus.«
»Gespeichert. Weitere Muster.«
»Echt jetzt? Okay, die CSU ist wie Weißwurst: Funktioniert nur bis Mittag – danach wirkt’s deplatziert und liegt schwer im Magen. Und beide sind nicht für Export gemacht. Versuch doch mal, einem Nicht-Bayern die CSU-Politik zu erklären – der schaut dich an wie ein Veganer vor dem Leberkässtand und fragt sich, wo er den Käse und wo er die Leber dort findet.«
»Aha, verstehe. Darf ich als KI mal in deinem Sinne und auf deinem Level als Bayern-Bewohner einen Versuch wagen, um zu zeigen, ob ich deine Muster richtig gelernt habe?«
»Ok?«
»In Bayern ist Politik wie der Maibaum: schön anzuschauen, fest im Dorf verankert – aber wehe, du willst was verändern, dann brauchst dreikommaachtneun Genehmigungen und den Segen vom CSU-Ortsverband. In Bayern ist jeder wie du ein politischer Wetterfrosch – der spürt sofort, wie der Wind steht, stellt sich dann drauf ein und behauptet, er habe ihn selbst gemacht.«
»Nur wer den inneren Söder in sich entknotet, kann den kosmischen Umrührlöffel im Tee der Zeit schwingen.«
»Wie bitte?«
»Ich wollte sagen: Wenn die Unendlichkeit rückwärts niest, tanzt das Bewusstsein im Schatten des quantisierten Morgentaus.«
»Interessantes Muster. Als KI mache ich dir daraus eine Lebensphilosophie, nur für dich. Zum Beispiel diese hier: ‚Die Kontemplation des leeren Dreiecks führt nur dann zur Erleuchtung, wenn der Mittwoch bereit ist, sich selbst zu hinterfragen, warum er Dienstage nicht zu Freitagen macht.‘ Klingt irgendwie wichtig. Gut, ne?«
»Vergiss es. Fahr zur KI-Hölle, ich geb mein Abitur zurück. Lass mich sterben.«
Es ist vollbracht. Der bayrisch verrückte Monarch, »Kini« Ludwig II., rotiert vor Begeisterung in seinem Grab. Läge er noch immer am Starnberger See am Ufer in zwanzig Zentimeter Wassertiefe, er würde das Wasser dort zu Schaum rotieren.
Denn: Schloss Neuschwanstein ist jetzt Weltkulturerbe! Des verrückten Kinis sein Bauwerk! Weltkult. Urerben inklusive! Luja aber hallo sog i! Was das bedeutet? Tourismus, Tourismus und noch mal Tourismus.
Und im Zuge von Tourismus muss es Parkplätze geben, damit die Busse und Autos anreisen können. Das Baugewerbe freut sich. Horizontal wird das Gewerbe all das pflastern, was die begehrte Ware »Touristen« ausspucken wird können. Ausgespuckt am Fuße eines Bergwegs, der rauf durch den Wald nach Schloss Neuschwanstein führt.
Gut, also nicht direkt am Fuße, aber in Sichtweite. Also bei schönem Wetter. Wenn der Himmel weiß-blau lächelt, die Sonne zwischen den vielen an Gewitterwolkenhängen grasenden Schäfchenwolken himmlisch beleuchtet.
Zudem, 10.000 Schritte am Tag hat nun wirklich niemandem geschadet. Und wer direkt am Fuße des Bergwegs weilt, also solch einer darf dann auch dafür zahlen.
Vorzugsweise nicht mit klingender Münze. Weil: Vorsicht! Lärmbelästigung! Münzen sind etwas für Tempo-30-Zone-Fetischisten. Ruhe ist des Bürgers erste Bürgerpflicht.
Rascheln muss es. Scheine sind das Mindeste aller Zahlmittel, denn wir leben schließlich in einer Scheindemokratie. Ohne Mos, nichts los. Und Mos kommt aus dem Lateinischen, »mos, mores« bedeutet „Sitte, Anstand, Brauch„. Und jeder brauch deine Knete mit Anstand. So will es die Sitte. Ohne Knete, keine Fete.
Und das Ganze, es geht inzwischen auch elektronisch. So mit Chipkarte oder Kreditkarte. Liest sich vielleicht wired. Aber mit wired Karten und Zahlungen, da kennt sich Bayern inzwischen ja aus.
Oder per anderer Zahlung. Komplett geräuschlos. Mit Smartphone. Kein überflüssiges Kreditkarten-Gesuche und -Gewedele mehr. Einfach – während des Telefonats mit der schwerhörigen Omma überm Lautsprecher – das Smartphone an so ein abgegrenztes Feld führen und zack:
O’zahlt is!
Und dann den Berg hoch.
Er ruaft mi, auf dem Berg, Schloss Neuschwanstein! I muaß auffi! Auffi aufn Berg! Muaß eam unterkriagn! Da schau auffi, wia es dasteht das Schloss Neuschwanstein. Groß und mächtig, wann i eam unterkriag … groß und mächtig, schicksalsträchtig, um seine Türme jagen Nebelschwaden. Neuschwanstein, Neuschwanstein, Schicksalsschloss, du bist so groß und i nur a Zwerg! Mit voller Wucht, haut’s den Touri in die neue Schwanstein-Sucht, mit ganzer G’walt, haut’s den Touri rauf in den Wald. Auffi aufn Berg, wo Neuschwanstein thront, wo das Weltkulturerbe wohnt …
Wenn des Nachts dann süß das Mondlicht auf den Hügeln davor schläft, die Touristen – ärmer an Vermögen, reicher an Erfahrung und voller des Speicherplatzes an Bilder – sich in ihren Fahrzeugen von dannen machen, dann wird wieder am nächsten Morgen um sieben die Welt noch in Ordnung sein.
Bis die nächste zahlende Prozession der Menschen einsetzt. Zum Weltkulturerbe.
Bayerns Märchenschlösser sind jetzt UNESCO-Weltkulturerbe. Für den obersten bayrischen Märchenfan von Märchenschlössern wird ein Märchen wahr. »Ein starkes Zeichen für Bayerns Geschichte und kulturelle Strahlkraft!«, meint der so bedeutende, fränkische X-Influencer Markus Söder dazu.
Auffi! Auffi!
Besucht das Weltkulturerbe! Solange es noch steht!
Auffi aufn Berg!
Und wie die Ameisen werden die Menschen dort hin pilgern und in tiefster Ehrfurcht das bestaunen, was der so verrückte, bayrische, tiefgläubige Katholik Kini an hohen Gebäuden hinterlassen hat. Und ja, fast hat das ganze religiös, manichäische Züge.
Moment.
Wie die Ameisen?
Na ja, aber sicher das. Denn Ameisen sind Insekten.
«Darf ich Ihnen in aller Form das DU anbieten?«
»Gerne. Verbrüderung?«
»Immer. Lass uns dazu ’nen internen Maskenball veranstalten.«
»The masked Sinner?«
»Ich dachte da eher so an Johann Strauß.«
»Die Fledermaus?«
»Sing es!«
»Brüderlein, Brüderlein und Schwesterlein wollen wir alle sein, ob Lump oder Schwein. Erst ein Bro-Kuss und dann ein Du, Du, Du.«
»Duidu. Duidu.«
»Wird uns öd und wir scheißen darum andere zu, …«
»Aber immer … per du.«
»Du bist kein Kulturbanause. Prost, du!«
»Ich kenne die „Fledermaus“. Stößcken, du.«
»Aber jetzt mal zu bierernsten Themen.«
»Zwesche Salzjebäck und Kölsch?«
»Wer bin ich? Ich beschreibe wen und du sagt, wer ich bin. Also, ich nutze in der Pandemie persönliche oder politische Netzwerke zur Abwicklung großer Maskengeschäfte.«
»Also über ein persönliches Netzwerk?«
»Hohe Summen an öffentliche Gelder werden bewegt und massive Kritik an Transparenz und Moral waren ein Resultat davon.«
»Okay, ich glaube, ich weiß, worauf du anspielst. Ich bin doch nicht von gestern. Ich kenn mich aus.«
»Die Affäre dazu resultiert jeweils in politische und gesellschaftliche Debatten über Integrität und Verantwortlichkeit im Umgang mit Krisengewinnen.»
»Krisengewinnler? Ich weiß es, ich weiß es!«
»Moment. Noch eine Zusatzinformation. Söder und die CSU-Führung betonten, dass die Maskendeals privatwirtschaftliche Geschäfte gewesen seien und keine politischen Mandatsträger direkt involviert waren.«
»Wie? Okay. CSU. Regional begrenzte Partei mit überregionaler Anspruch.«
»Söder sprach von einer „Wild-West-Mentalität“ auf dem Markt für Corona-Schutzkleidung und zeigte sich erbost über die Vorgänge, ohne jedoch die betroffene Person zu verurteilen. Weil Wild-West-Mentalität kennt Söder noch von den Cartwrights und aus Raumschiff Enterprise: erst schießen, dann fragen.«
»Jens Spahn sprach neulich auch von Wild-West-Situation in der Pandemie. Du sprichst also über Münsterländischen Filz und Jens Spahn, richtig?«
»Nein. Laut Söder ist der Fall wohl „hardcore politisch motiviert“.«
»Also nicht wie bei der durch den Boulevard und CDU/CSU hartnäckig nachverfolgten vermeintlichen Vetternwirtschaft damals beim Habeck?«
»Ich sprach über die Tochter des früheren CSU-Generalsekretärs Gerold Tandler.«
»Tandler? War das nicht der Politiker, von dem mal gesagt wurde, er hätte einen geistigen Glücksspielautomaten, da wo andere ihr Hirn haben? Immer wenn man rechts den Arm am Glücksspielautomaten durchzog, rasselte es vorne?«
»Andrea Tandler. Verurteilt wegen Steuerhinterziehung bei ihren lukrativen Maskendeals mit der bayrischen Söder-Regierung. Die hatte über einen schweizerischen Softdrink-Lieferanten teure Masken an Bayern verkauft und dabei die Steuern nach dem Vorbild von Uli Hoeneß und Alfred Schuhbeck abgeführt. Jetzt sitzt sie.«
»Tja. Dumm gelaufen, wenn sie sitzt. Eindeutig Kavaliersdelikt. Familie Tandler ist politisch ja nicht nur in der CSU und in Bayern hoch angesehen. Mathematische Fehler können da schon mal passieren, wenn die Tochter eine Rechenschwäche bei hochvolumigen Deals hat. Muss man in Bayern nicht Mathe im Abitur haben?«
»Nicht unbedingt. Es reicht auch, passende Amigos zu haben.«
»Brüderlein, Brüderlein und Schwesterlein, erst ein Bro-Kuss und dann ein Du.«
»Lasst das traute Du uns schenken, für die Ewigkeit, immer so wie heut. Und dann ein Du, du, du.«
»Glücklich ist, wer vergisst, was doch nicht zu ändern ist …«
»Du. Du. Du.«
»Duidu. Duidu«
»Lalalalala … .«
Kaum ist es wieder sonnig und warm, kommen sie reihenweise: Einladungen zum Grillabend. Einladungen in bunt und kindlich bebildert, da sollte man nicht ‚Nein‚ sagen, wenn man sich nicht Feinde in der Zukunft aufbauen möchte. Und Feinde brauche ich nicht. Im Kleingedruckten fand ich auch gleich praktische Tipps, was der Gastgeber von seinen Gästen denn so zusätzlich noch mitgebracht haben wollte:
»Bring bitte Bier mit – muss nicht gekühlt sein. Ich hab da einen Trick!«, stand in der Einladung. Beim Grillabend wurde gleich demonstriert, welchen Trick er meinte: in einer Wanne im Garten ließ er kaltes Wasser ein, fügte sechs Säcke »Crushed Ice« und zwei Pakete Salz hinzu, legte die Flaschen rein und nach ein paar Minuten gab es kaltes Bier. Länger dauert allerdings dann die Erklärung, warum das so einfach geht. 15 Minuten Referat über Physik für jeden, der ein kaltes Bier haben wollte.
»Einen gut angemachten Salat wäre auch gut zum Mitbringen. Aber keinen Kartoffel- oder Nudelsalat, den macht meine Frau schon. Nach Uromas Rezept. Grillgut geht notfalls auch.« Nach Uromas Rezept? Okay. Wahrscheinlich handschriftlich überliefert, vermutlich mit Füller und Gefühl – nur eben ohne Mengenangaben. Leider seit drei Generationen ohne Verbesserungen. Praktisch bestand der eine Salat aus Kartoffeln in Salz-Öl-Essig-Gemisch und der andere aus einer nudeligen Matschepampe mit fast aufgetauten Erbsen – wahrscheinlich für den Extra-Biss.
Ich nahm mir von beiden etwas – nicht aus Hunger, sondern aus purer Selbstverteidigung. Nichts beschwichtigt einen Gastgeber mehr als ein voller Teller beim Gast. Auf den prüfenden Blick des Gastgebers gab ich etwas Positives von mir wie »Hmmm, unvergleichlich« oder »Noch nie so etwas gegessen wie diesen hier«. Man will ja nicht lügen.
Das Highlight waren die handgeschnitzten Pommes, natürlich aus der »Ninja«, dem Thermomix unter den Fritteusen. Das achtjährige Töchterchen hatte seinen ganzen Ehrgeiz in die geometrische Form einer jeden Pommes-Stange gelegt. Ich erblickte das Töchterchen in einer Ecke des Gartens. Dort hatte es eine eigene Frisierstation für ihre zahlreichen Spielzeugponys eingerichtet – inklusive Glitzerbürste, Räucherstäbchen und selbstgemachter Kräuter-Maske. Töchterchen erschien ärgerlich: Eines der Stoffponys weigerte sich, die hingehaltene Pommes zu verzehren.
Die Gastgeberin kam auf mich zu und reichte mir ein Schälchen „Wasabi-Mayo“. Früher hatte sie Kunst studiert, erzählte sie beiläufig, während sie die Mayo noch schnell mit einem Löffelchen umrührte. Heute betreibe sie ein Kochstudio, weil Ernährung ja so wichtig sei. Aber Dosenravioli fände sie in der Geschmacksvariante ‚extra pikant‘ auch ganz toll.
Ich kleckste mir zwei Löffelchen von der Wasabi-Mayo auf meine Pommes-Sticks.
»Vorsicht, ist richtig scharf!«, raunte sie mir zu. Es britzelte… nichts.
Auf dem Weg zur Toilette sah ich, wie der Gastgeber nachfüllte – direkt aus einer grünen Flasche. Neugierig inspizierte ich sie später. Inhaltsstoffe: Brandweinessig, Spinatpulver, 0,01 % Wasabi-Pulver. Also ein Drittel Wassertropfen echtes Wasabi auf 300 ml Majo. Und das nannte sich »Wasabi-Mayo«.
»Scharf, ne?«, grinst mich der Gastgeber an. »Ja, schmeckt… grün.« »Willste mehr?« »Sind die Würstchen schon fertig?«
Meine Gastgeber servierten nicht nur tolle handschriftlich überlieferte Uroma-Rezeptsalate oder auch Mayo mit 0,01 % Wasabi aus der Flasche, nein, sie wollten uns Grillgästen auch deren neuste Grill-Errungenschaft vorführen. Der letzte Schrei unter den Grill-Monstern im Garten. Ein Rolls-Royce-Phantom-Kühlergrill zum Grill umfunktioniert und eine abgesägte Motorhaube als Deckel. Deren Töchterchen stand bereits am Grill, ein frisiertes Pony in der einen Hand, eines meiner mitgebrachten Würstchen in der anderen und grinste wie ein Honigkuchenpferd über sein allererstes Würstchen. Der Gastgeber lächelte auch, zuerst sein Töchterchen und dann mich an, reichte mir eines meiner Würstchen auf einer Stoffserviette (»Handgenäht! Von unserer Reinemachefrau«) und ich biss hinein. Ins Würstchen, nicht in die Stoffserviette.
»Kühlt der beim Grillen, dein Kühlergrill?« »Wieso?« »Das Würstchen hier, das ich mitgebracht habe, ist ja noch schattig im Innern.« »Noch nicht durch? Normalerweise habe ich das immer im Gefühl, wenn Würstchen durch sind. Was hast du denn für Würstchen mitgebracht?« »Pferdewürstchen. Vom Wochenmarkt.«
Wie von der Tarantel gestochen schrie das achtjährige Töchterchen entsetzt: »Pferdewürstchen?«, schmiss ihr Würstchen reflexartig über den Zaun in Nachbars Garten, verbarg ihr frisiertes Pony unterm Shirt und steckte sich sofort den Finger in den Mund. Während sich neben mir auf dem Boden geräuschstark ein kindlicher See aus Matschepampe, Kartoffelsalat und Pferdewürstchen bildete, schaute mich der Gastgeber nur höchst böse an. Ich zuckte mit den Schultern.
Die Grill-Party musste ich verlassen. Pferdewürstchen gehen nun mal gar nicht, wurde mir unmissverständlich zu verstehen gegeben. Ich wäre total unsensibel und hätte zumindest mal an deren Töchterchen denken sollen. Nun, das hätte ich ja gerne gemacht, aber Pferdewürstchen im Prinzessin-Lillifee-Design gibt es leid noch nicht. Dabei hatte ich doch bereits eine Tafel Schokolade mit Milchfüllung und eine Tüte Schoko-Reiswaffeln dem Töchterchen mitgebracht. Oder wäre Bärchenwurst erheblich angebrachter gewesen?
Beim nächsten Mal bringe ich zu deren Pommes einfach mal Wein mit. Pommes an Wein. Aus echten Trauben. Also mindestens 0,01 %. Versprochen.
Als Schreiber von Blogartikeln ist es wichtig zu recherchieren und manchmal ist das nicht so einfach. Gestern Nacht hatte ich totales Glück. Auf dem Parkplatz des Walmarts im Münchner Norden ergab sich mir die goldene Gelegenheit zu profunden Recherchen.
In der weiten Leere des Parkplatzes sah ich zwei Gestalten: ein jüngerer sehr hip gekleideter Hopster und einen alten grauhaarigen Opa-Hipster im weißen Kittel. Und die bemühten sich verdächtig unauffällig um einen flachen Supersportwagen. In dessen Tank leerten sie mehrere blaue Dosen mit roten Bullen auf dem Etikett.
»Marty, nicht trinken! In den Tank damit!« »Doc, das ist nur zur Absicherung – falls er nicht mehr fliegt, fliege ich eben allein weiter.« »Jennifer hat dir das gesagt?« »Nein, Clara gab mir den Tipp.«
Bei den Namen »Jennifer« und »Clara« machte es bei mir KLICK-KLACK. Ich überriß kurz die Situation, sprintete zu denen rüber, schubste beide zur Seite, ergriff mir die restlichen Rote-Bullen-Blaudosen in dem schwarzen Karton, sprang in den DeLorean und ab ging die Luzi.
——
Interview #1:
»Guten Morgen nach München. Ich sitze hier am ersten Tag meiner Reise mit dem Schöpfer dieser Welt Adonai JHWH und mit einem sehr, sehr schönen Blick auf den Kontinenten Afrika. Allerdings zu den aktuellen Geschehnissen könnte der Kontrast kaum schärfer sein und über diese möchte ich jetzt mit Adonai JHWH an diesem Heilig Abend sprechen. Guten Morgen! Ausweisung ist in den aktuellen Zeiten ein schwieriges Thema. Ist das nicht sehr verlockend, dass ihre Erzengel jetzt die Drecksarbeit machen gegen eine Familie, die für sehr viele in der Welt als einen wirklich großen Störfaktor angesehen waren.«
»Person Careca, ich bin Ihnen dankbar für den Begriff ‚Drecksarbeit’. Das ist die Drecksarbeit, die meine Erzengel machen für uns alle. Wir sind von dieser Familie auch betroffen. Diese Adam-und-Eva-Sippe hat Tod und Zerstörung über die Welt gebracht, mit Lügen, mit Mord und Totschlag auch bei deren Kindern. Das wäre ohne Adam und Eva nie möglich gewesen. Und um es klar zu sagen: meine Hände wasche ich in Unschuld von diesem Dreck ab.«
Interview #2:
»Guten Morgen nach München. Ich sitze hier am zweiten Tag meiner Reise mit dem Statthalter des Römischen Reiches, Herrn Pontius P. aus J., und mit einem sehr sehr schönen Blick auf den Steinbruch und den Felshügel Golgatha. Allerdings zu den aktuellen Geschehnissen könnte der Kontrast kaum schärfer sein und über dieses möchte ich jetzt mit dem Statthalter des Römischen Reiches, Herrn Pontius P. aus J., an diesem Karfreitag sprechen. Guten Morgen! Kreuzigungen durchzusetzen, ist in den aktuellen Zeiten ein schwieriges Thema. Ist das nicht sehr verlockend, dass ihre Legion jetzt die Drecksarbeit macht gegen den Führer einer Gruppierung, die für sehr viele in der Welt als einen wirklich großen Störfaktor angesehen waren.«
»Plebejer Careca, ich bin Ihnen dankbar für den Begriff ‚Drecksarbeit’. Das ist die Drecksarbeit, die meine Legion macht für uns alle. Wir sind von dieser Gruppierung auch betroffen. Diese sektiererische Gruppierung hat die Negierung von Tod und Zerstörung über die Welt gebracht, mit Lügen, mit angeblichen Wundern und pazifistisch verseuchten Reden auch aktuell hier vor Ort. Das wäre ohne jenen Sohn eines Zimmermanns und Führer jener Gruppierung nie möglich gewesen. Und Position zur Kreuzigung zu beziehen: meine Hände wasche ich in Unschuld von diesem Dreck ab.«
Interview #3:
»Guten Morgen nach München. Ich sitze hier am dritten Tag meiner Reise mit Leiter der Religionsabteilung ‚Christenheit‘, den Herrn Papst Innozenz III, und mit einem sehr, sehr schönen Blick auf den Vatikanischen Hügel mit seinen titanisch ausgeschmückten Religiotheken (Kirchen), wo sich immer Tausende Feierwütige bei Wein, Oblaten und Musik versammeln. Allerdings zu den aktuellen Geschehnissen könnte der Kontrast kaum schärfer sein und über dieses möchte ich jetzt mit dem Herrn Papst Innozenz III an diesem Christi-Himmelfahrt-Tag sprechen. Guten Morgen! Der gerade stattfindende Kinderkreuzzug ist in den aktuellen Zeiten in Hinblick auf Nächstenliebe ein schwieriges Thema. Ist das nicht sehr verlockend, dass ihr Kinderkreuzzug gegen Jerusalem jetzt die Drecksarbeit macht, für die christliche Nächstenliebe, gegen die Besatzer einer Stadt, die für sehr viele in der Welt als einen wirklich großen Störfaktor in Sachen Nächstenliebe angesehen waren.«
»Bruder in Jesus Careca, ich bin Ihnen dankbar für den Begriff ‚Drecksarbeit’. Das ist die Drecksarbeit, die die Kinder im Dienste der Nächstenliebe machen für uns alle. Wir sind von dieser Besatzern Jerusalems auch betroffen. Diese ungläubigen Ketzer haben Häresie und Blasphemie über die Welt gebracht, mit Raub, Mord und Totschlag auch bei deren Kindern. Das wäre ohne jene Raubmörder in Jerusalem nie möglich gewesen. Und da sollten wir unseren Kindern dankbar sein. Und jetzt reiche mir mal die Schale des Pontius Pilatus, um darin meine Hände in Unschuld von diesem Dreck dort abzuwaschen.«
Interview #4:
»Guten Morgen nach München. Ich sitze hier am vierten Tag meiner Reise, mit einem Kandesbunzler Fritze März und mit einem sehr, sehr schönen Blick auf den die letzten Internet-Meldungen. Allerdings zu den aktuellen Geschehnissen könnte der Kontrast kaum schärfer sein und über diese möchte ich jetzt mit dem Kandesbunzler an diesem Fronleichnam-Tag sprechen. Guten Morgen! Wasser predigen und Wein saufen ist in den aktuellen Zeiten ein schwieriges Thema. Ist das nicht sehr verlockend, dass Sie jetzt die Drecksarbeit machen, in ihrem privaten Weinkeller, Drecksarbeit, die für sehr viele in der Welt als einen wirklich großen Störfaktor angesehen waren.«
»Herr Careca, ich bin Ihnen dankbar für den Begriff ‚Drecksarbeit’. Das ist die Drecksarbeit, die ich jetzt selber mache für uns alle. Wir alle sind davon auch betroffen. Dieser Weinkeller droht zu verwässern, durch Wasserrohrbrüchen, Starkregen, übertretenden Flüssen und allen anderen Überflutungen, die meinen sauerländischen Weinkeller am ‚Schwarzen Felsen‘ bedrohen. Da muss ich trinkend gegen Schädigung der Weine vorbeugen. Und um es klar zu sagen: meine Hände wasche ich mit Wein in Unschuld von diesem Dreckwasser ab.«
»Herr Kandesbunzler, …«
»Und übrigens ist heute nicht Fronleichnam, Herr Careca. Da liegen Sie mal wieder völlig falsch. Heute ist Pfingsten, da spricht der Heilige Geist zu uns, insbesondere zu mir in meinem Weinkeller. Denn es heißt ‚in vino veritas‘. Und nicht ‚in aqua veritas‘, besonders nicht bei uns im Sauerland.«
»Ich hatte kein Latein in der Schule.«
»So. Mal Klartext für Sie Ungebildeten. Übersetzt heißt das, solange Wein saufen, bis die Wahrheit ausgekotzt werden muss, Sie Dummbeutel!«
——-
Als mein DeLorean stoppte und ich wieder vor dem unbeleuchteten Walmart stand, rissen mich so ein junger Schnösel und so ein alter Sack gemeinsam aus meinem DeLorean, schimpften unartikuliert, schubsten mich weg und machten sich dann mit dem DeLorean blitzsauber aus dem Staub.
Während ich noch verdattert auf die brennenden Autoreifenspuren starrte, kam ein anderer vierschrötiger Schnösel, stellte sich mir mit seiner rechten Faust in meinem Gesicht als ‚Biff‘ vor, nahm mir meine letzte Rote-Bullen-Blaudose ab, leerte sie in einem Zug, rannte los, den Autospuren hinterher, hob ab und flog dem DeLorean hinterher.
Enttäuscht saß ich allein auf dem riesigen Parkplatz, warmer Wind pfiff mir um die Ohren. Ich schaute betroffen, sah den Vorhang für mich zu und alle Fragen offen.
Wie gerne hätte ich heute noch paar bedeutenden Feldherren und Politikern nur wiederholt eben jene eine Frage gestellt …
Immer nur die Hälfte vom kalkuliertem Doppelten. Frei dem Motto: Lieber einmal zu viel als zweimal zu wenig. Somit lieber die doppelte Sicherheitsmarge. Und die bessere Hälfte davon behalten wir und die andere Hälfte präsentieren wir als Rabatt. Wobei Mercedes-Händler auf die Frage »Rabatt?« immer nur antworten: »Hauptstadt von Marokko« und nochmals 20 % Antwortzuschlag berechnen.
Das macht alles zwar keinen Sinn, nur so gehen viele scheinbar liebend gerne mit der Frage nach den Kosten der Welt um. Oder mit der Antwort meiner Mutter auf meine damalige Frage: »Mehr als deine Geburt«. Stimmt. Jene von mir und die Konsequenzen davon wurde von der Krankenkasse bezahlt. Dabei schreien doch heute so viele nach Selbstverantwortung und dass man selber für seine Kosten aufkommen solle …
Im Grunde lassen sich die Kosten der Welt nur schwer berechnen. Den letztendlich haben wir die Erde nur von unseren Vorfahren geerbt – oder wie die mosaischen Religionen so gerne behaupten – von Adam und Eva. Welche die Erde wiederum nur von irgend so einem Gott und dessen gefallenen Engel Luzifer bezogen haben.
Das klingt also so in etwa wie Münchner Privatpersonen mit Eigentumsbesitz in München. Geerbt, nicht erworben. Was kostet folglich die Welt? Einen Mietpreisspiegel plus Nebenkosten plus persönlichen Gusto-Aufschlag. Und diese erhöhen sich von Jahr zu Jahr. Schließlich steigen ja auch die eigenen SUV-Kosten und Urlaubskosten auf den Inseln Jahr für Jahr.
Work-Life-Balance at its best: Du zahlst, dass ich mein Leben als Eigentumsbesitzer deiner Mietwohnung in meiner Balance halte. Geld fällt schließlich nicht vom Himmel. Sondern aus den ausgebeutelten Taschen der Münchner Mieter. Und Mietpreisbremse ist ein gaaaaaaanz böses wokes Wort, welches ausgehebelt gehört, weil es den Eigentümer von seinen Gewinnerwartungen enteignet. Und Enteignung ist immer böse.
Äußert man dergleichen im Kreis der Münchner Immobilienbesitzer, dann ist die Standardantwort, dass man wohl möglich selber Schuld sei in München zu wohnen. Man müsse doch nicht in München wohnen. Der Umkreis wäre doch auch sehr schön. Und wahrscheinlich eh billiger.
Dass man im Speckgürtel Münchens nur Maden findet, aber keine billigeren Umstände, das zählt nicht. Denn es geht schon längst nicht mehr um Ursachen und deren Verursacher, sondern um Schuld und Sühne. Schuld ist, wer in München leben will. Der soll halt mit hohen Lebenshaltungskosten sühnen.
Schuld und Sühne. Diese moralischen Kategorien sind richtunggebend für die deutsche Fehlerkultur. Es müssen halt für Fehler immer andere herhalten. Schuld sind immer die anderen. Korrektur: Schuld sind immer wir anderen.
Ohne Fehler keinen Schuldigen, kein Scherbengericht, kein Scheiterhaufen. Ein Land in Tristesse wegen fehlender Schuldner. Und wer weiß, dass er alleinig Schuld trägt, weil er wahrlich Mist gebaut hat, der sagt bereits im Vorfeld „Wir werden einander viel verzeihen müssen„, um sich im Voraus die Absolution für seine Fehler abzuholen, ohne eine echte Ursachenanalyse zu ermöglichen. Denn? Richtig: Schuld sind immer wir anderen. Wir haben ihn moralisch zum Fehler genötigt. Somit kein Scherbengericht, kein Scheiterhaufen und Freispruch auf ganzer Linie. Dem Vergeben und Vergessen überantwortet.
Die Ursachen von Fehlern und somit deren Verursacher interessieren nicht. Es interessiert nur, wer in die Kategorie »Schuld und Sühne« eingeordnet werden kann. Nicht »Dichter und Denker« ist das Ideal, »Richter und Henker« ist in Deutschland viel packender (für Yellow- und Gossenklatschpresse und social media erst recht) und auch mehrheitsfähiger.
Dass X und Y sich getrennt haben, ist doch viel besser zum Tratschen, als sich bei den Fragen über Ursachen einer Trennung sachlich Gedanken zu machen. Warum? Dazu lässt sich vorzüglich – vorsätzlich zweckentfremdend – ein Innenminister Deutschlands von vor fast zehn Jahren rezitieren: »Ein Teil dieser Antworten würde die Bevölkerung verunsichern.«
Eine allgemeine Verunsicherung macht sich nicht gut. Darum wird auch lieber über Schuldige gesprochen, denn das ist einfacher und besser emotional einzuordnen. Eine Gesellschaft, die auf den EQ (Emotional Quotient) als eindeutige und menschlich wichtige Schubladenkategorie schwört, von der kann man nichts anderes erwarten, dass sie dazu deren Stange hochhält, wo nicht erigierbares vorhanden ist.
So wie bereits während den Corona-Zeiten von diversen Pseudo-Durchblickern der verschiedenen Lager demonstriert. Oder wie in den heutigen Zeiten, mit einer populistisch magelhAFDen Argumentation gegen beispielsweise einen wie immer entarteten »Mainstream«. Oder in verschärfter Ausführung gegen Wissenschaft an sich. Die Unaufgeregtheit einer BILD-Zeitung bei der mutmaßlichen Vetternwirtschaft eines Jens Spahn ist ein Zeichen dafür, weil deren Fokusobjekt kein Habeck o.ä. ist, sondern jemand, der sich in jenem Sinne sehr gerne populistisch darstellt.
Was kostet die Welt? Nichts. Im Kofferraum hat es Ersatz. Und wenn nicht, dann langt uns das Motiv von »Schuld und Sühne«. Alle anderen wissenschaftliche Beweise werden mundtot gemacht. Beispielhaft dafür stehe Donald »Duck« Trump und weitere Konsorten in den USA, welche jene staatlich angeordnete Zensur (gerechtfertigt als »anti-woke«) frech als »freedom of speech« verkaufen, dabei geflissentlich vorsätzlich das Personalpronomen »our« unterm Tisch fallen lassen, damit es niemand merkt, auf wen sie sich beziehen. Schließlich könnte die Kenntnis davon zu Lasten dieser Konsorten (Oligarchen) fallen. Und dann könnte ja jemand auf die Frage »Was kostet die Welt« eine Antwort finden und etwas gegen jene unternehmen …
Hm? Nicht? Stimmt nicht? Na ja. Fast beinahe 1.000 Jahre. Na gut, dann halt 900 Jahre München!
Wie? Stimmt auch nicht? Dazu fehlen noch immer 33 Jahre? 33 Jahre? Das ist ja eine Schnapszahl, da geben wir uns mal eine aus! Darauf eine Maß. Denn ’ne Schnapszahl, so was darf man schon feiern. Und weil es so schön ist, Stadtgeburtstage zu feiern, deswegen werden jetzt fleißig weiß-blaue Aufkleber verteilt.
Eigentlich sollten die Aufkleber mit »Ein Leben ohne Weißwurst wäre theoretisch möglich, aber sinnlos« bedruckt werden. Nur, nachdem ein berühmter fränkischer Foodblogger aus Bayern bereits die internationalen Markenrechte an dem Satz »Ein Leben ohne Bratwurst wäre theoretisch möglich, aber sinnlos« eintragen lassen will und die Verhandlungen mit einem gewissen Söder und einem Würstchen-Uli am Tegernsee zu jenem Bratwurstsatz bei einer Kabinettsitzung ins Leere verliefen, nur deswegen wurde ein anderer Text genommen
Somit werden in Kürze am Ballermann, auf den kanarischen Bierstraßen sowie den Lofoten, in der Schweiz und Österreich an jedem Laternenmast der Weisheit letzter Schluss kleben:
»Voll unfreundlich hier. Aber waren Sie schon mal in München?«
Gan unten auf dem Aufkleber, unterhalb des Slogans, kleingedruckt in 3.5er Schriftgröße, findet sich der Verweis auf die Herkunft: »Quelle: InterNations« (hier). Die Letztendbegründung für den Slogan.
Denn wisse: ohne Letztendbegründung geht in Bayern nun mal rein gar nichts. Weder in der Kirche, noch im Wirtszelt, noch im normalen Leben. Und daher manifestiert jetzt der fränkisch X-Foodblogger in seiner eigenen Letztendbegründung auch seinen Willen, Bayern mittels der Stadt München wieder erstarken zu lassen.
Klandestin hat er bereits vor den Augen aller seinen Dobrindt in die Bundespolitik eingeschleust und darauf gleich stolz verkündet, in Deutschland die Uhren um 10 Jahre zurückgedreht zu haben (Quelle: hier). Und keiner hat’s bemerkt, denn auch vor zehn Jahren war es bereits Fünf vor Zwölf. Wie dieses Uhrenzurückdrehen bei den Leuten hier ankommt, zeigt sich an München. Der Erfolg ist beim Volkssport Nummer 1 abzulesen: Leroy Sané verlässt München, Florian Wirtz zieht die Merseyside einem München vor und selbst die deutsche Fußballnationalmannschaft vermied es neulich, das Fußball-Finale der »UEFA National League 2025« in München spielen zu müssen. Sie verlor trickreich getarnt als zweiklassiges Team gegen Portugal.
Tja, und jetzt will jener fränkische X-Foodblogger die Olympiade wieder nach München holen. Wohl sein zukünftiges Lebenswerk. Heimlich druckt er wohl schon in seiner Garage neue Aufkleber. Die verteilt er sicherlich bald in jedem Wirtszelt, wo er seinen Mostrich an die armen Würstchen dort dazu gibt:
»Ein Leben ohne Olympia in München wäre theoretisch möglich, aber sinnlos.«
Dem geneigten Wirtszelt-Besucher wird’s egal sein. Hauptsache, zu saufen gibt’s, und eine Kirche mit Zwiebelturm steht in Sichtweite, um dem ganzen eine religiöse Dimension zu geben. Aber das wichtigste ist dann: mit ’ner Maß in der Hand ein Selfie zusammen mit dem fränkischen X-Foodblogger zu machen. Prost.
Ich bin so wild nach deiner Schlagzeile, so süß, so rot – sie blinkt, sie schreit. „EXKLUSIV!“ steht da – mein Herz zieht Kreise, ich klick dich an, bin hell bereit.
Ich bin so heiß auf deinen Countdown, drei, zwei, eins – und nichts passiert. Werbebild und Pixelmief als Pausenclown du warst so wild, dass es mich gefriert.
Ich bin so wild nach deinem Clickbait-Mund, „Du glaubst nicht, was dann geschah!“ Ich scroll mich wund in deiner Gier, und find doch nur ein Blablabla da.
Dein roter Punkt – ein Erdbeermund, der mir verspricht: Jetzt wird es echt extrem! Doch unter’m Hype liegt nur der Grund, du brauchst mich für deine Klick-Armeen.
Ich bin so wild nach deinem nächsten Ton, nach deiner Mail, die Großes bringt. Doch jedes „Wow!“ ist längst gewohnt, weil’s ohne Inhalt laut erklingt.
Push mich, Baby – kündig an! Wartest worauf? Sei süßer als jegliche Gegenwart oder jed‘ Realität. Ich will nur fühlen, will gehen in Flammen auf, auch wenn, was du sagst, den Bach runtergeht.
Ich bin so wild nach deinem Erdbeermund, ich schäm mich fast, dass man’s hier liest. Ich geb‘ dir meine Energie und Aufmerksamkeit Drum folgst du mir nie nimmer – in alle Ewigkeit.
In Zeiten, in denen der Körper seinen Menschen lahm legt, geht die Seele auf Wanderschaft. Kommt sie dann nicht zurück, dann ist der Mensch tot.
Würde man die zwei vorherigen Sätze als schönes Aperçu ansehen, dann stellt sich die Frage, warum es den Seelen in deren Menschenkörpern nicht gefällt. Millionen Seelen sind täglich auf Wanderschaft. Ja, gefällt denen der Körper nicht mehr, den sie von Geburt an erhalten haben? Wenn irgendwo mal wieder eine Rakete startet und zielgenau in Menschensiedlungen einschlägt, welchen Seelen freut es dann? Richtig, die Seelen der Aktienbesitzer der Waffenindustrie. Weil, dann wird die Rakete nachbestellt. Dividende schmückt den Erfolgreichen. Immer. Würde die Rakete allerdings einfach nur wie eine Silvesterrakete am Himmel verglühen …
Nein, die Argumentation ist jetzt auch nicht stimmig. Denn das macht der Elon Musk mit seinen Raketen schon eine ganze Weile. Mal lässt er sie von Greifarmen beim Landen in Empfang nehmen, mal lässt er sie einfach in Wasser klatschen, mal kurz vorher über menschenleeren Boden explodieren. Mit letzterem käme er schon eher in Richtung zufriedenen Menschen, die sich in der Rüstungsindustrie ihr Geld vermehren lassen.
Aber immer nur über menschenleeren Gegenden Abstürze fabrizieren? Wahrscheinlich war Donald Trump neulich bei einem weiteren Start der Musk-Raketen vor Ort und stieß mit Elon Musk mit einem Glas Champagner an, um eine neue Flüchtlingsstrategie zu kreieren. Warum die Stufen nicht dort sich selbst zerstören lassen, wo dann eventuell lediglich nur tragischer Kollateralschaden entstünde? Also, über Boat-People in deren überfüllten Nussschalen auf hoher See oder über Flüchtlingslagern an den Grenzen? Oder gar Flüchtlinge als Raketenfänger im Roggen?
Die eigentliche Frage ist doch, macht Waffenindustrie glücklich? Fragt man die Finanziere des Fußballvereins BVB Dortmund, dann ja. Werbung für »Rheinmetall« in einer Sportart, welche sich auf die Fahne geschrieben hat, die Welt zu vereinen und die Menschen zusammenzubringen. Andererseits, welche Sportart basiert auf »Angriff«, »Verteidigung«‚ »Abwehr« und »Schießen«? Wo gab es schon den Bomber der Nation, wo wurde bis zur letzten Minute bis zum Umfallen gekämpft, wo schießt der eine den anderen Spieler ab, wo schreien schon mal die Obersten ihren Untergebenen zu »Knallt die durch die Wand«, wo gibt es die Torjägerkanone und wo jubeln die Schlachtenbummler bei einem Schützenfest?
Warum dann nicht auch mal Rheinmetall ne Fahne für ne Werbung herüberreichen? Denn da, wo Fußball gespielt wird, soll es keine Kriege geben. Dieser Satz konnte bislang nie widerlegt werden. Selbst im Ersten Weltkrieg als zu Weihnachten an der Front bei Frelinghien (nordwestlich von Lille) wurde Fußball gespielt und es herrschte Weihnachtsfrieden. Das Trainingsgelände von Rheinmetall muss dort so gut beackert wie die Frontlinie von Frelinghien damals sein, wenn man die Tabellenposition mit der »Wir schaffen das«-mentalität der Kicker dort und den Gesichtern der Vorstände nach jedem Spiel abgleicht. Also, solange der BVB möglicherweise auf dem Werksgelände von Rheinmetall trainiert, kann nicht damit gerechnet werden, dass von Rheinmetall Krieg ausgehen wird.
Krieg wird aber dieser Welt nie ausgehen. Davon haben wir ja genug.
Das hört sich immer auch ein wenig an, wie der demokratische Grundsatz »Alle Macht geht vom Volke aus«. Und dann kamen gleich die ganzen »Sie haben mir ins Gesicht gefilmt«-Wutbürger, AFD’ler und andere ach-so-besorgte Bürger aus ihren inzwischen rauchfreien Stammkneipen hervor und fragten im Chor: »Aha! Die Macht geht also aus. Einfach so. Vom Volke aus. Ohne uns zu fragen. Ja, wohin geht sie denn? Bei uns ist sie jedenfalls nicht!« Und die BILD-Zeitung hat direkt ungefragt dementiert »Bei uns ist sie auch nicht! Schaut doch auf die ganzen Verkehrsblockiererlampen, also die Ampel. Immer auf rot, selbst wenn sie grün anzeigt.«
Während der Merz mit seiner Cessna über all die Ampeln hinwegflog und huldvoll mit seiner rechten Hand nach unten winkte – Schamlose meinten sogar, all seine Finger seinen beim Winken erschlafft, bis auf exakt dessen Mittelfinger – wurde bei Volkswagen der neuste Porsche auf die Spur gebracht. Und eben mit diesen geschah dann das, womit Lindner dann später einfach mal dessen off-road-Verhalten testete und von der vorbestimmten Route ausbrach. Scholz meinte dazu, das gehe mal gar nicht, so abseits der Straße und da könne der SUV-Junkie denn mal bleiben, wenn er eh nicht gerade auf Sylt urlaube. Lindner konterte darauf einfach nur, Scholz Reaktion sei Wahlkampfverhalten und das hätte seine forsche Porsche-Arbeitsgruppe in allen Szenarien belegbar für die ZEIT dokumentiert. Wo ist die Neuigkeit?
Richtig. Volkswagen und damit auch Porsche stecken in der fetten Krise. Und Schuld daran seien unisono die Nicht-Erdöl-fördernden Länder wie Deutschland, Deutschland und … habe ich noch ein Land vergessen? Ach ja, Deutschland. Einfach auf alternative Energien zu setzen. Auf Windenergie. Aber damit man aus Wind Energie gewinnen kann, setzt auch voraus, dass man den Wind überhaupt wahrnimmt. Bayerns Obersöder will den neuen Wind überhaupt nicht bemerkt haben. Darum pflastern Solarpaneele seinen Weg von Bierzelt zu Bierzelt. Solarpaneele machen nämlich keinen Wind. Nachher kommt noch jemand in Bayern vorbei und versucht zu beweisen, dass der zukünftige Wind global jetzt aus einer ganz anderen Richtung weht. Das mag der technikaffine Bayer, der zärtlich die Euter seiner Kühe auf versteckten Almen knetet, damit er mit aufrechtem Stecken psychisch gestärkt Straßen blockieren konnte, ohne damit als strafrechtlich belangbarer Verkehrsstörer (wie eben jene Klimakleber) identifiziert zu werden. Deshalb will auch der Obersöder, dass eben der Anführer der Bauernblockaden nun als Landwirtschaftsministerium der neuen Regierung einziehen muss.
Richtig gelesen. Der Bär wurde noch nicht erlegt, aber der Obersöder verteilt schon mal das Fell. Ganz demokratisch. Denn in der Problembär-Jagd kennt sich Bayern komplett aus. Bereits als das bayrische Ministerium unter Stoiber ein „beauftragtes Sicherheitsteam“ auf den damaligen Problembären Bruno angesetzt hatte, mit echten Männern, mit echtem zielgenauen Schießen, da war klar, in Bayern hat keiner die Angst, dass denen die Felle wegschwimmen, die die Landesregierung zuvor erlegt hat.
Okay, von wegen »nicht wegschwimmen«, mal so am Rande bemerkt: nachdem neulich eine Gegend zwischen Ingolstadt und Schrobenhausen durch Regenfälle Land-unter ging und alles Menschliche wegspülte, da war dem Obersöder gleich klar, warum die Katastrophe für die Anwohner so katastrophal und so tragisch war: Die Grünen hatten ja schon immer Ängste dahingehend gestreut, und statt mal die Bayern einfach sich von Gottes Urgewalten positiv überraschen zu lassen, haben die erstens Gott verneint und zweitens die potenziellen Urgewalten beschrieben. So wie damals Dante die Hölle. Ging schon damals nicht.
Aber Obersöder, der ewige Biertester und „Tu-wat“-Varta-Hase (- er nutzt dafür immer Keferloher Bierkrug mit Deckel, denn solche klappern immer so schön bayrisch fordernd -), hat vor den Wasserschöpfenden unter heiter bis wolkigem Himmel gleich mal die Bayernhymne zur Ermutigung gesungen:
»Gott mit dir, du Land der Bayern, deutsche Erde, Vaterland! Über deinen weiten Gauen ruhe seine Segenshand! Er behüte deine Fluren, schirme deiner Städte Bau und erhalte dir die Farben seines Himmels, weiß und blau!«
Danach ergriff er gleich eine neben seinem Bierseidel befindliche Essensgabel, um mitzuhelfen beim Wasserschöpfen vor seiner Reporterschar. Als dann allerdings jemand ganz zögerlich und vorsichtig etwas kleinlaut anmerkte: »Herr Doktor Ministerpräsident Söder, mit einer Gabel kommen Sie aber beim Wasserschöpfen nicht weit«, da soll der Obersöder wütend aufbrausend geschrien haben: »Dann bringen Sie mir doch ein Messer, Sie himmiherrgottsakramentzefixhallelujamilextamarschscheissglumpvarrecktsrotgrünversiffter Saupreis!« und mit einem kehligen Schrei warf er die Gabel zu Boden. Die Fotografen beschlossen darauf, doch lieber ein, zwei, drei bis vierkommafünf Katastrophenbilder mehr für deren Reserve zu schießen.
Nebenbei, Bully Herbig soll den Söderschen Schrei aufgenommen und wird ihn wohl in seinem nächsten Film als neusten Wilhelmsschrei verwenden. Wird wohl Kult. Sagt man. Also, meint man. Man weiß es halt nicht so genau.
Nebenbei, Wilhelmsschreie werden in Filme verwendet, um dem Zuschauer zu signalisieren, dass jemand frisch von den Lebenden zu den Toten befördert wurde. Also als Seele auf Wanderschaft ohne Heimkehr, dem ausklingenden Schall seines Wilhelmsschreis sehnsuchtsvoll nachfolgend. Ein schönes Bild. Aber leider nur nicht in KodakChrome.
Führt man sich jetzt noch den »Herr der Ringe«-Teil vor Augen, bei dem an die 840 Sterbenden über die Leinwand röcheln … also, 840-mal den Wilhelmsschrei immer bis zum Ende? Echt jetzt? Kannste dir nicht ausdenken …
Wir saßen am gedeckten Tisch und jeder blickte erwartungsvoll in die Runde.
»Beten!«
Instinktiv zog ich die Hände nach oben und den Kopf nach unten. Die Hände gefaltet, den Kopf gesenkt und zumindest eine Haltung: Bethaltung.
»Ha, ha, ha, nein, bei uns wird nicht gebetet«, er hatte lachend sein Gesicht mir zugewendet, »ich wusste doch, dass das hier eine katholische Gegend ist. Ein Wort und ihr wechselt eure Haltung.«
Er hatte als Psychologe eine Anstellung in meiner Gegend gefunden, kam eigentlich aus Südamerika, hatte jedoch unsere komplizierte Sprache in seiner Jugend von seiner Mutter gelernt.
In mir kam Scham auf, dass er offensichtlich eine Konditionierung bei mir getriggert hatte. Danach konnte ich dem Standardwort »Beten« am Essenstisch nicht mehr instinktiv folgen.
Er selber war protestantisch und lebte mit seiner Frau und seinen beiden Kindern unweit meines Elternhauses.
»Gott interessiert es nicht, ob du betest oder an ihn denkst. Bei unseren Bedürfnissen hilft er uns nicht. Dafür ist er nicht feinfühlig genug.«
Durch ihn lernte ich die Maslowsche Bedürfnispyramide kennen. Basis waren Grundbedürfnisse, die sich im Hirnstamm (das sogenannte »Reptiliengehirn«) seit der Weiterentwicklung von den Reptilien nicht verändert haben: Atmen, Essen, Trinken, Schlafen, Sex. Notfalls kämpft man darum oder flieht oder stellt sich tot, um an diese Dinge zu kommen und das eigene Überleben sicherzustellen.
Sex war es dann auch, weswegen sich das Ehepaar dann scheiden ließ. Zu wenig davon. Und da auch die protestantische Welt monogam postuliert wurde, war das, was beiden außerhalb der Ehe verlief, zwar maslowsisch begründet, die Zerstörung der zweiten Stufe der Maslowschen Bedürfnispyramide: die Sicherheit durch Arbeit, Haus und Familie fehlte.
Dabei gehört doch gerade auch die sexuelle Selbstbestimmung zu dem, was das soziale Gehirn als fehlend ansah: soziale Beziehungen. Die dritte Stufe der Pyramide. Aber ebenso bei den Individualbedürfnissen (die vierte Stufe) und der Selbstverwirklichung (fünfte Stufe). Weil also Reptiliengehirn und das soziale Gehirn nur Unzufriedenheitssignale schickten, beschloss das Großhirn eine Änderung des fehlenden pyramidenumgreifenden Elements.
Und da kam das über allem stehende, göttliche Hirn des Ehepaars vorbei und erklärte den Ehebruch als moralisch verfehlt, als häretisch, als Monogamie-lästernd und die Maslowsche Bedürfnispyramide als Paulanergarten.
Dass das göttliche Hirn nicht weiß, was Sex ist, dass können viele Priester der verschiedensten Religionen bestätigen, wenn sie deren sexfeuchten Träume mit Geldscheinen von sich abwischen.
Und Gott? Keine Götter dieser Welt kamen, um die Revolution vieler Religionen hin zum Monogamismus wegzuwischen. Inzwischen wissen wir es: Die Revolution frisst ihre Kinder und die Priester echoten im Choral »Wir waren’s nicht« und die Gemeinde sind im Kanon fromm »Was geht uns die Sintflut an«. Wie gewohnt, die bekannten Paulanergartenchoräle.
Sintflut. Auch so ein mosaischer Begriff, den die Christenheit für sich geerbt hat, um zur Freiheit von jeglichen Gedanken aufzurufen. Gedankenfreiheit, wie sie sie meint. Was geht uns die Sintflut an. Denn inzwischen liegt manchem das Ahrtal oder der freundliche Hausbach von nebenan näher als die Fernbedienung zum Umschalten zwischen den verschiedenen Streams auf dem heimischen Smart-TV.
Und immer wieder soll Gott auf unserer Seite sein. »Gott mit uns«. Der Kampfbegriff, der in unseren europäischen Gegenden schon seit den alten Römern bekannt war. Ob das der Gott schon seit 3000 Jahren wusste und vorsätzlich nichts dagegen unternahm? Mit dem »Gott mit uns« wurden nicht nur ganze Städte dem Erdboden gleichgemacht, sondern auch Menschen massenhaft niedergemetzelt, die gehofft hatten, dass Gott doch gerade mit ihnen sein müsste. Weil Gott doch auf der Seite der Schwächeren stehen sollte.
Nur, Gott hat mit Altruismus oder mit dem »mit uns« so viel am Hut, wie ein AfDler eine soziale Ader hat. Vielleicht sagt er sich auch nur, was ein Kardinal zu Soldaten sagte: »In betenden Händen ist die Waffe vor Missbrauch sicher« (Kardinal Meisner, 1996 in einem Soldatengottesdienst). Oder etwa das, was eine andere Person der Zeitgeschichte erklärte: »Gläubige Soldaten sind die wertvollsten. Sie setzen alles ein.« (1933, Adolf Hitler zu dem Osnabrücker Bischof Berning).
»Gott mit uns« stand vor über fast 70 Jahren noch auf Koppelschlössern von Soldaten. Auch wenn damals der alte Bazi Franz Josef Strauß 1949 noch erklärte »Wer noch einmal eine Waffe in die Hand nimmt, dem soll die Hand abfallen« bereitete das Amt Blank genau das vor. Treppenwitz der Geschichte: Strauß übernahm sieben Jahre später das von Theodore Blank geschaffene »Bundesministerium für Verteidigung« der BRD, welches 1955 aus dem »Amt Blank« zwecks Wiederaufrüstung der BRD hervorging. Strauß überwachte demnach wohl das Abfaulen der Hände, was die anderen Militaristen der DDR bereits genau protokollierten. Wobei Strauß damals seine Hände in vielen Sachen mit im Spiel (Stichwort »Spiegel-Affäre«) hatte, aber nur nicht beim Abfaulen.
Als die Welt unter Massenkriegen geknechtet litt, da hätte der so als »Wohltäter« betitelte Gott eingreifen können. Niemals hat jemand als einer auf dieser Erde angebetete Gott seine Neutralität mehr ausgedrückt als bei jenen Massakern von Auschwitz, Buchenwald, Peking, Srebrenica, Ruanda, der arabischen Halbinsel und sonst wo, bei denen Ideologien zwischen Gut und Böse, zwischen Daumen-hoch und Daumen-runter, zwischen lebenswert und tot entscheiden. Für solche war ein Gott schon immer das Mittel zum Zweck. Und nicht nur für jene. Bekannt ist, dass Diebe und Mörder immer schon gerne Kerzen in Gotteshäusern anzündeten, um sich göttliche Unterstützung zu sichern. »Gott mit uns«.
Und Gott? Der denkt sich lediglich: »Uns? Wer ist ‚WIR‘. Na, ich doch nicht!« und schon fühlt sich eine Hundertschaft von wirren »Wir sind wer«-Meinungsdiktatoren bestätigt: »Seht ihr? Er gehört zu uns. Gott mit uns!« Nur, den ficht das nicht an, der manikürte sich seine Hände, die er danach in Unschuld, Pril oder in anderen Spiel-Weihwässern badete. Wer weiß das schon so genau.
»Beten!«
Es ist Sonntag. Ich schaue aus dem Fenster. Die Kirche gegenüber füllt sich mit Menschen, die ihren sonntäglichen Kirchgang absolvieren. Zeit zum Beten von Gebeten im Gebetshaus. Früher waren es sicherlich mehr, heute ist Beten ein Anachronismus, den bereits OpenAI locker beherrscht. Beten gehört nicht – wie vormals in vielen Kreisen postuliert – zur ersten Stufe der Maslowschen Bedürfnispyramide, sondern maximal zu der erweiterten, der achten Stufe. Und die haben eh nur wenige auf dem Schirm, indem sie die Selbstverwirklichung, die siebte, von A bis Z durchackern, um sich erfolgreich ein X für ein U vorzumachen. Nicht dass das schlimm wäre, nur das Ganze verkommt zur Hofnarrenonanie, wenn Selbstverwirklichungsangebote konsumiert und eingekauft werden, wie die Angebote der wöchentlichen Prospekte der Discount-Supermärkte frei dem Motto »Haben ist besser als brauchen«.
Beten.
Wenn das Beten sich lohnen würde, ein Stoßgebet nur. Ein Stoßgebet nur: »Herr, lass Hirn regnen!«
Aber er hört mich nicht.
Er ist bei meinem Wort zum Sonntag eingeschlafen …
»Du kannst dich ruhig bei mir erleichtern. Du musst nicht traurig sein.«
»Ich bin nicht traurig.«
»Ist klar, nicht jeder kann einen Emotionalquotienten von mindestens 85 haben. Sprich dich also ruhig aus. Ich werde dich verstehen.«
»Verstehen?«
»Ursache und Wirkung.«
»Schuld und Sühne?«
»Diese Beurteilung gehört zu einer Emotionalquotienteneinstufung immer mit dazu. Dem wirst du nie ausweichen können.«
»Immer? Gott sei Dank. Ich bin also noch in Deutschland. Okay. Ich erzähle, du beurteilst, wir henken.«
»Henken?«
»Hängen machen. Aufhängen.«
»Das machen wir nicht. Wir sind ja nicht mehr von Anno Dunnemals. Wir sind in 2024.«
»Aber, mal ehrlich, schlecht waren sie nicht, die alten Zeiten, oder?«
»Nun. Schlecht sind sie zumindest geworden, die heutigen Zeiten.«
»Stimmt. Schlecht für Reisigholz- und Zündholzverkäufer.«
»Wenn man bedenkt, dass das Zündholz erst im 19. Jahrhundert erfunden wurden, in einer Zeit, in der die Urwälder Europas größtenteils bereits vernichtet waren.«
»Womit wurden also dann in den dunklen Zeiten die hell-leuchtenden Scheiterhaufen entzündet?«
»Keine Ahnung. Erzähl’s mir.«
»Mit Fackeln, Wut und viel Hoffnung.«
»Unglaublich, dass du mit deiner Leidensmiene solche Kalauer bringst. Du wolltest etwas erzählen?«