Reibereien

Eine leise Stimme, fast unhörbar, trotzdem klar vernehmbar. Ruhiger, rauer Singsang.

“… ich reibe mich, du reibst dich, er, sie, es reibt sich, wir reiben uns, ihr reibt euch, sie reiben sich. Ohne Reibung entflammt kein Streichholz. Nur mit passender Reibfläche. Ursache. Wirkung. Ohne Reibung spür ich doch nicht, wo ich entlang schramme. Schrammen gehören dazu. Schrammen machen auch Wärme, Wunden heilen. Warum gesteht mir das niemand zu? Immer nur happy und heititei und La-la-land. Das erträgt doch kein Mensch! Oder ist Reibung etwa nur als menschliche Wärme akzeptabel, wenn einer vom anderen überm Tisch gezogen wird, oder was? Würde sie doch mal akzeptieren, dass ich so bin, wie ich bin, und ich so etwas nicht zum Affront mache. Das bin ich und nicht sie …”

Leise brummelnd schloss er penibel seine dunkelgrüne, wattierte Jacke, setzte sich ein schwarzes Käppi auf und schubberte sich bedächtig seine Hände. Die Tür des Busses öffnete sich. Lautlos. Schnell. Ein Schwall kalter Luft enterte den überheizten Innenraum. Weiterlesen

Die Sonne so hoch

Die Sonne steht immer dann am höchsten, wenn man am tiefsten gesunken ist.

Kneipenweisheit.

Je weiter man die Realität hinunter schreibt, desto tiefer wird der eigene Standpunkt. Und das wirkt. Der Kampf zwischen Gut und Böse würde keinen Geist rühren, ginge es nur um ein wenig Gut gegen ein wenig Böse. Erst der Kontrast macht den Unterschied. “Star Wars” wäre reinstes Disney-Mickey-Mouse-Kino, gäbe es nicht dort einen wirklich Bösen, also jemanden, der genauso sympathisch ist, wie auf einem Bürgersteig der frisch dampfende Hundekot, in dem niemand treten möchte. Und statt sich des blauen Himmels zu erfreuen, hält jeder nach der Scheiße vor seinen Füßen Ausschau. Es ist eine subtile Methode, Aufmerksamkeit zu lenken und alle Energien auf Scheiße zu fokussieren, ruft man auf der öffentliche Rasenfläche eines Parks nur richtig laut, man hätte mit seinem Schuh eine Tretmine erwischt. Und schon interessieren sich die Leute der Umgebung nur noch für Hundehaufen statt für Flora und Fauna. Weiterlesen

Fliegender Zwischenruf ins Unreine geschrieben

Eine Fluggesellschaft verabschiedet sich vom Markt. Air Berlin stellt den Flugbetrieb ein. Deren Flugzeuge werden von der Kranich-Fluglinie größtenteils übernommen und all jenes Personal, was keiner benötigt, darf sich beim Arbeitsamt melden.

Eine irische Billigfluglinie streicht ebenfalls ihren Flugplan zusammen. Es fehlen ihnen Piloten. Viele Flugzeuge, wenig Besatzung. Der Billigflieger ist nicht sehr beliebt. Seine Bezahlung ist gering. Es steht zu vermuten, dass sie sich in Bälde um die entlassenen Piloten und Flugbegleiter der Air Berlin kümmern wird, wenn jene erst einmal spüren, was Arbeitslosigkeit bedeutet.

Vor einem Monat hatte Air Berlin einen recht hohen Krankenstand bei ihren Piloten. Um trotz Insolvenz den Flugbetrieb weiter halten zu können, forderte Air Berlin seine Piloten auf, trotz Krankschreibung wieder zurück in das Cockpit zu kehren. Krankschreibungen waren als Protest von der Firmenleitung enttarnt und entsprechend wurde dieses auch nach außen hin mitgeteilt. Und so entstand – wieder mal – eine Stimmung gegen Piloten, als überbezahlte Zerstörer von Urlaubsträumen anderer. Kommentare zielten darauf ab klar zu machen, dass Piloten die Urlauber leiden lassen würden.

Interessanterweise herrschte nach dem Germanwings-Flug 9525 und dessen Absturz vor zweieinhalb Jahren in den Provenzalischen Alpen ein anderer öffentlicher Konsens: Piloten mit Krankschreibung sollten gar nicht erst in ein Flugzeugcockpit gelassen werden dürfen. Piloten tragen die Verantwortung über das Leben der ihnen Anvertrauten. Zu leichtfertig könnte das Leben der Insassen aufs Spiel gesetzt werden. Genau so leichtfertig wie es der krankgeschriebene Pilot des Germanwings-Flug 9525 mit seinen 150 Insassen in krankhafter und mörderischer Absicht tat.

Jedes Jahr das selbe Szenario: sie sammeln sich in Schwärmen auf zentralen Flächen und warten mehr oder weniger geduldig. Sie unterhalten sich, sie regen sich über paar andere Reisebegleiter auf, sie mustern ihre Umgebung und alle warten nur darauf, dass es los geht. Die Vögel auf den Feldern, die Menschen in den Flughäfen. Insolvenzen von Fluglinien sind lästig. Piloten ebenfalls. Bei Insolvenzen gibt es das Insolvenzrecht, welches die Urlauber schützt. Gegen Piloten gibt es das nicht. Und Piloten haben auch nicht krank zu sein. Pilot-sein und krank-sein, das ist in der öffentlichen Meinung ein Unrecht, eine Vorsätzlichkeit der Piloten und nicht konsensfähig. Und wenn der Pilot seine Krankschreibung zerreißt und trotzdem fliegt, dann ist es auch wieder nicht recht, wenn der kranke Mensch als Pilot seine Anvertrauten nicht überleben lässt.

Wichtig scheint eh nur eines zu sein: schnell weg von dort zu kommen, wo man ist, um baldigst dort zu sein, wo man noch nicht ist. Und man möge uns dabei bitte nicht im Wege stehen, um uns daran zu hindern. Up, up and away.