Der Aschermittwoch unter den Mittwochen

„Moral: Ashes to ashes, and clay to clay,
if the enemy doesn’t get you your own folks may.“

aus „The Peacelike Mongoose“ von James Grover Thurber

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Nichts aber auch gar nichts deutet bislang darauf hin, dass am Aschermittwoch alles vorbei sei.
Am Altweiberfastnachtstag in der Nacht waren die Frauen in das fremde Schloss eingedrungen und hatten ultimativ die Herausgabe des Schlüssels gefordert. Da wurde der alte Neu-Hausherr brummig und erklärte gleich seinen Auszug.

So nicht, liebe Leute, war seine Botschaft. So nicht.

Er nahm die gesammelte Wulff’sche Presseschau der letzten Tage, verbrannte sie vor den auf ihn gerichteten Kameras zu Asche und streute die Asche auf die Häupter der anwesenden Journalisten.

Der Elferrat war verwirrt. Da sollte der Rosenmontagzug doch am Montag statt finden und dann das. Ohne Prinzen. Also hockte er sich um die restliche Asche zusammen, rührten mit einem gewichtigen Mamorstößel drin rum, bis weißer Rauch aus schwarzer Asche aufstieg, und rechtzeitig vor Toresschluss präsentierte der Elferrat den neuen Prinz. Vor den neugierigen Kameraaugen präsentierten der Rat ihren Phönix.
Der Rosenmontagszug konnte stattfinden, der Karnevalsumzug war gerettet.

Dumm nur, dass jetzt wieder einige versuchten, den Phönix noch bis Aschermittwoch als Nubbel öffentlich zu verbrennen.
Das war nicht fein. Denn erstens wurde der „Nubbel“ nicht als Nubbel sondern als „Kandidat der Herzen“ präsentiert und zweitens, dem gemeinen Nubbelverbrenner stehe es auch gar nicht zu, über den Phönix und seiner Kandidatur zu diskutieren. Besonders nicht in den Weiten und Breiten des Internets. Soviel Anstand wurde von den Nicht-Medien-Organisierten Internetznutzern ultimativ unausgesprochen eingefordert. Deswegen hat auch gleich die etablierte Medienlandschaft sofort in die Ascheurne geblasen und verkündet, dass doch immer wieder Leute versuchen, destruktiv zu arbeiten, statt mal konstruktiv zu sein. Über alles dürfe nun auch wieder nicht diskutiert werden, so der ungeschrieben Untertitel derer Kritik.

Die Medien vergaben denn auch gleich schon am Veilchendienstag das Aschekreuz, welches sie mangels Stirn bestimmten Leuten an den Türrahmen zog, damit doch die Meute der „Haltet den Dieb“-Fetischisten gleich weiß, bei wem sie mit dem Schwert der eigenen Meinung einkehren solle. Auf dass aus kleinen Diskussionen keine spätere große werden solle. Im Namen der Meinungsfreiheit und im Namen des Grußonkelamtes für den neuen Phönix.

Quod licet Iovi, non licet bovi.

Und so wurden vorbeugend Schmutzkübel voller Asche gleich über jene geleert, die sich ihrer Herzensbildung dem Phönix als „Kandidat der Herzen“ verweigerten. Der bei auftretenden Ascheregen auftretende Staub war gewaltig und versperrte den Blick auf den Kern der Diskussion. Die meinungsbildende Vorherrschaft der Medien. Sie entließ doch bereits den vorherigen Schlosshausherrn. Und von derer Gnade darf einer einziehen, der auch schon eine ebenfalls herzeigenswerte „First Pfönix-Aschen-Lady“ hat.

… ich hoffe nur, bei den vielen in der Presse verwurschteten Herzen wurde jetzt nicht „herz-eigens-wert“ sondern her-zeigens-wert“ gelesen …

Was mir in den Sinn kam, als der Elferrat seinen Phönix präsentierte, werde ich nicht schreiben.
Aber so manchem Ost’ler dürfte diese von einer Ost’lerin dem Volk vorgesetzte Ämtervergabe mittels eines Ost’lers im Namen des Volkes an etwas erinnert haben, was zu den damaligen Ost-Zeiten Gang und Gäbe war. Aber jeder Ost’ler sollte sich trotz diesem Déjà-vu-Schauder vor Augen halten, die Einparteienwirtschaft ist vorbei, hierbei handelte es sich am Karnevalssonntagabend um einen deutschen, demokratischen Parteien-Vorgang entsprechend dem Grundgesetz.

Jawohl!

Und die Linken, die mal wieder eine Extrawurst drehen wollen, die werden nicht nur bereits schon von Staatsorganen überwacht sondern von Angehörigen des Elferrats als verbotswürdige Partei angesehen.
Ein Schelm, wer Böses dabei denkt.
Geschichte wiederholt sich halt nicht.

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P.S.:
Sollte ich über diesen Beitrag „Vorsicht! Satire!“ schreiben? …
Nö, ich denke, das versteht eh niemand. Also lass ich’s mal so stehen.
Damit es vielleicht wen sogar veranlasst, vor dem Beenden des Lesens wütende Kommentare abzusetzen, …

Kneipengespräch: Furchtloses Gespräch mit Bekannten

Tresen 0

Ich schaute auf meine Kaffeetasse und folgte den leicht flüchtigen, dunstigen Kaffeeschwaden.

»Du schreibst nicht präzis genug.«

Ich zuckte zusammmen. Kannte ich die Stimme?

»Du verstehst?«

Ich schaute auf und blickte zu meiner Linken. Da saß er neben mir. Nein, nicht mein üblicher Kneipenkollege. Nein, da saß er. Er höchst selbst. Der Filialleiter vom Teppichhaus Trithemius. Und der schaute mich tadelnd an.

»Hast du verstanden?«
»Wie? Ich schreib zu viel?«
»Du schreibst nicht präzis genug. Du kommst immer von Hölzcken auf Stöckscken.«
»Häh?«
»Du schreibst nicht präzis genug.«

Verwirrt schaute ich auf meine Kaffeetasse. Und zu ihm rüber. Er drehte sein Kölsch-Glas in seinen Fingern und schaute mich durchdringend an.

»Herr Careca, ehrlich gesprochen, da hat Trithemius einfach nur recht. Nicht wahr, Trithemius?«
»Werte Frau Teppichhausfilialleiterin, ich würde nicht zu widersprechen wagen.«

Verwirrt schaute ich erneut.
Ja, da waren beide, unverkennbar, zweifelsfrei eindeutig:
Er, zu meiner Linken: Trithemius.
Sie, zu meiner Rechten: Frau Nettesheim.
TrithemiusWo war mein üblicher oberflächlicher Kneipenplausch? Mein 08-15-Zeitvertreib, mit dem ich immer locker über Gott und die Welt geplauscht hatte. Wer hatte Trithemius und Frau Nettesheim gesteckt, wo die mich aufspüren könnten?
Trithemius lehnte sich entspannt nach vorne und sinnierte mir in meine Kaffeetasse hinein:
»Man möchte glatt sagen: „Zurück in die Welt und schreibe mit einfachen Worten auf, was du siehst!“ Zurück zur Einfachheit, Herr Careca.«
Frau Nettesheim versetzte noch etwas pragmatisches hinzu:
»Und bitte nicht so ein langweiliges Tagebuch wie woanders.«
Süffisant, sarkosant butterte Trithemius noch einen drauf:
„Mach mir nicht den Wolf Schneider, Careca.“

Meine Verwirrtheit stieg.
Schnuppernd versuchte ich meinen Kaffee zu analysieren.
Farbe normal. Fettaugengehalt normal. Geruch normal. Wachmacher-Faktor normal.
Alles normal. Selbst der übliche Kaffeesatz zum Lesen war am Boden auf dem Bodenblümchenmuster vorhanden.

Ich blickte zu meiner Linken. Trithemius holte sich seinen Beutel »Van Nelle« heraus. Intensiver Tabakgeruch stieg in meiner Nase, vermischt mit dem Duft meines Kaffees. Frau Nettesheim holte einen Puderquast mit einem Handspiegel aus ihrer Handtasche und korrigierte tupfend ihr Makeup. Etwas Puderstaub verirrte sich in mein rechtes Nasenloch. Ich musste niesen.
Fasziniert schaute ich dabei auf Trithemius Finger, wie diese aus einem Blatt weißem Papier und dem braunem Krümeln aus dem »Van Nelle«-Beutel eine perfekten Glimmstengel drehte.

Derweil erklärte er mir:
»Herr Careca, auch für Sie gilt, in den Randzonen des Netzwerkes wird die wechselseitige Kommunikation zum Geschwafel. Und Sie schwafeln gerne in den Randzonen des Netzwerkes. Denn unbekannt ist alles voreinander. Hintergründe des Verfassens sind unbekannt. Es wird das beurteilt, was in jenem momentanen Augenblick gesehen wird, ohne sich Zeit zu nehmen, in der Vergangenheit des Blogs zu stöbern. Zu viele andere gehören da ja noch zum Netzwerk und die wollen auch noch angesprochen werden. Das ist gar nicht anders zu schaffen, weil der Aufwand über ein vertretbares Maß hinausginge. Große Netzwerke können nur jene unterhalten, die sich kaum für ihre Leser interessieren. Schreibt einer zu viel Sperrholz zu seinem Inhalt hinzu, schwafelt solch einer dann nur.«
Und Frau Nettesheim ergänzte:
» Die Konsequenz ist wohl, sich vernünftigerweise zu begrenzen. Nur«,
und damit wandte sie sich direkt zu Trithemius,
»das Netzwerk wird bald von selbst schrumpfen, Trithemius. Niemand muss dafür etwas tun. Selbst Herr Careca nicht.«

Verwirrtheit umgab weiterhin meine Gedanken. War da was im Kaffee? Schlechte Ernte 2011? Hat eventuell Kinderarbeit die rote Kaffeebohnenernte vor dem Rösten für uns hier verdorben? War der schwarze Tschibo-Mann gestorben und hat die Röstung rassistisch verröstet?

Tabakstaub stieg diesmal in mein linkes Nasenloch. Erneut nieste ich heftig.

»Aber ich habe erst letzten zwei weitere in meinem blog.de-Freundeskreis begrüßen können«, versuchte ich nach dem Nieser schniefend zaghaft einen Einwand meinen beiden Gesprächspartnern gegenüber.

Aber Trithemius ignorierte diesen und antwortete Frau Nettesheim direkt:
»Bitte erinnern Sie mich daran, dass ich auf Ihr Zeugnis schreibe: „Im Kollegenkreis galt sie als tolerante Mitarbeiterin.“ «
Frau Nettesheim Antwort war lediglich ein indigniertes:
»Unverschämter Patron!«

Es erinnerte mich an etwas. Nur an was? An ein Gespräch zwischen den beiden?
Weiter verwirrt schaute ich von Trithemius zu Frau Nettesheim und von Frau Nettesheim zu Trithemius und von Trithemius zu Frau Nettesheim und umgekehrt.

Und bei meiner Schau von links nach rechts und von rechts nach links und umgekehrt blieb mein Blick auf die goldene Mitte, dem Wirt, hängen. Wie ein Engel erschien er mir, als er mit einem Teller »Halber Hahn« mit »Mettbröttchen« und einer Stange Kölsch auf mich zukam.

»Na? Wieder zu viel am Grübeln?«
»Ich?«
»Ja du, du Grübeljannes. Ich habe dein Blog gelesen.«
»Und?«
»Du schreibst nicht präzis genug. Du kommst immer von Hölzcken auf Stöckscken. «
»Häh?«
»Du schreibst nicht präzis genug.«
»Aber niemand hat meine extensive Schreibe bislang in meinem Blog negativ kommentiert.«
»Du schreibst nicht präzis genug.«
»Aber wenn niemand kommentiert.«
»Du schreibst nicht präzis genug.«

Meine Zähne bohrten sich in das Käseröggelchen und das Kölsch ging sogleich als Verflüssiger den Weg des halven Hahns. Das Mettbrötchen und ihre lasziv drauf sich kringelnde Zwiebelringe riefen mir zudem verlockend ihr »Beiss mich« zu.
Sexy.

Vorsichtig schaute ich von links nach rechts.
Kein Trithemius.
Keine Frau Nettesheim mehr.
Niemand da mehr an meiner Seite.
Uff.
Nur ne Fata Morgana.
Meine Zähne zerteilten erbarmungslos die säuberlich auf dem gepfefferten Mett drapierten Zwiebelringe.
Vorsichtig schaute ich mich nochmals um. Niemand da, der mich kritisieren könnte.
Beruhigt holte ich die vier Schreibblockseiten mit meinen nächsten Blogbeitrag zum Korrigieren aus der Jackentasche raus.

Herzensbildung oder die Bestechlichkeit der Herzen

Haben wir nicht alle geheult wie die Schlosshunde? Da hatte ihr besoffener Chauffeur jene Frau Spencer in Paris in einem Tunnel einfach so gegen den Pfeiler gesetzt.
„Königin der Herzen“ erhielt sie als Titel. Posthum.

Und haben wir nicht geheult wie die Schlosshunde, als im Jahre 2001 dem FC Schlacke 05 in letzter Minute von dem FC Bayern der Meistertitel abgenommen wurde?
„Meister der Herzen“ wurden die Knappen-Mannschaft in Folge genannt. Als Meisterschaftsschalenersatz.

Und haben wir nicht geheult wie die Schlosshunde, als Joachim Gauck bei der Bundespräsidentenwahl 2010 als zweiter über die Ziellinie ging?
„Bundespräsident der Herzen“ wurde er genannt. A posterior.

Und heulen wir jetzt nicht wie die Schlosshunde, weil Joachim Gauck für die Bundespräsidentenwahl 2012 als Kandidat wieder zur Wahl steht?
„Kandidat der Herzen“ wird er jetzt genannt. A priori.

So, jetzt ist’s aber genug mit der guten Herzensbildung. Kommen wir doch mal wieder zum normalen Alltag zurück.
Im Januar vor einem Jahr schrieb ich noch das folgende:

Erinnert sich noch wer an die letzte Woche vor der Bundespräsidentenwahl 2010?

Es ging darum, ob Joachim Gauck oder Christian Wulff der erste Mann im Staat werden sollte. Die Diskussionen schwankten zwischen Bewertung wie „Gold und Silber“, „Pest und Cholera“, „Menschenrechtsvertreter und Menschenrechtvertreter“.

In diesem Blogeintrag schrieb ich über meine Begegnung mit einem Unfallopfer:
Ein Mann wurde in München eine Woche vor der Bundespräsidentenwahl 2010 von einem 7er BMW angefahren. In dem gepanzerten BMW saß unter anderem auch Joachim Gauck als Mitfahrer auf dem Rücksitz. Ihm ist freilich der Unfall nicht anzulasten. Er war nur Mitfahrer auf dem Rücksitz. Joachim Gauck sagte damals in der ZDF-Sendung „Was nun?“ zu dem Unfall: „Es war so ein Schreck.“ (Joachim Gauck). So sprach derjenige, der sich bereits damals als potentieller „Bürgerpräsident“ sah.

Es wurde auch berichtet, dass sich Joachim Gauck um das Unfallopfer gekümmert hätte. Er wäre sogar am Krankenbett des verunfallten Fahrradfahrers gewesen. Nur, so hatte mir der verunfallte Fahrradfahrer persönlich versichert, an einen Joachim Gauck an seinem Krankenbett konnte er sich nicht erinnern. Auf der Intensivstation, wo eh nur Familienangehörige eingelassen werden, wo er auch sofort und zweimal danach wegen dem Zusammenstoß noch operiert wurde. Andere Personen konnten ihm ebenfalls von keinem Gauck-Besuch an seinem Bett berichten. Aber es wurde damals verbreitet, dass Gauck sich am Krankenbett des Verunfallten befunden haben sollte.
Gauck, der mitfühlende Kandidat. Das war opportun. Und wir alle haben es geglaubt. Können Politiker lügen? Oder Zeitungen? Oder beide?
Was der Verunfallte letztendlich an seinem Krankenbett fand, das war ein Blumenstrauß von dem damaligen SPD-Kreisvorsitzenden. In dessen Büro war Joachim Gauck direkt vor jenem Unfall, um für seine Kandidatur zu werben.

Von Joachim Gauck persönlich hatte der Verunfallte nie mehr etwas gehört. Es mag sein, dass er sich vielleicht über seinen Zustand erkundigt haben mochte. Vielleicht über Mittelsmänner. Aber auch davon hatte der Verunfallte keine Kenntnisse erhalten. Nichts.
Selbst Thomas Gottschalk hat sich mehr um seinen verunfallten „Wetten, dass“-Gast gekümmert als Joachim Gauck um jenen Menschen. Sowohl Thomas Gottschalk als Joachim Gauck waren als unmittelbare Zeugen durch einen Unfall betroffen, ohne überhaupt schuldig am Geschehenen gewesen zu sein. Allein Gauck als Kandidat für das bedeutendste Amt der Bürgerschaft, dieser Gauck interessierte sich nur für seine Außendarstellung. Der Rest war ihm herzlichst egal.

Änderung/Ergänzung vom 13.3.2012: Nach Angaben der „Süddeutschen Zeitung“ hat sich Joachim Gauck im Rahmen seiner Vorstellung als Kandidat für das Präsidentenamt bei den Parteien hier in München mit dem damaligen Unfallopfer getroffen. Sollte diese Nachricht keine journalistische Ente sein, so steht das jetzt diametral meinen Aussagen gegenüber. Dieser Akt bringt ihm meine Achtung, aber als „Kandidat meines Herzens“ geht er bei mir weiterhin nicht durch. Zu viel war seit jenen Tagen bereits von Gauck erzählt worden, was heute jeder als Missverstehen seiner Aussagen interpretiert.

Vor einem Jahr schrieb ich noch:

Letztendlich wurde Christian Wulff der neue Bundespräsident und Gauck ging als schulter-geklopfter „Verlierer“ aus der Wahl hervor.
Christian Wulff ist vielleicht doch der ehrlichere, denn für ihn ist der Bürger ostentativ nur Staffage (siehe seine Weihnachtsansprache), während ihm die Maschmeyers näher sind als die Probleme vieler Bundesbürger, die er lieber in der Marginalität sehen möchte.

Gauck wurde inzwischen von fünf Parteien zum Amt des Präsidenten nominiert. Als weiterer Grußonkel der Geschichte und als Substitut einer nicht-vorhandenen deutschen konstitutionellen Monarchie hat Joachim Gauck bereits im vorbeugenden Kalkül darum gebeten, ihm jetzt schon zukünftige Fehler zu verzeihen:

„Und kann Sie nur bitten, die ersten Fehler gütig zu verzeihen und von mir nicht zu erwarten, dass ich ein Supermann und ein fehlerloser Mensch bin.“ Joachim Gauck

Ein genialer Schachzug. Hätte sich Wulff diesen Satz am Anfang seiner Amtszeit ebenfalls zurecht gelegt gehabt und wäre CDU-Politiker Hintze nicht so Talkshow-gesprächig gewesen, Wulff wäre noch heute Präsident. Meiner Meinung nach war Wulff sogar die damalige bessere Wahl dieser beiden schlechten Kandidaten-Sonderangebote der politischen Resterampe.

Eines wird uns heute dafür sicher sein: Von Gauck werden wir noch einiges zu Gehör bekommen. Nicht nur die Linken der SPD, Grünen und der Linken werden jetzt schon das ungute Gefühl haben, einen Polemiker zur Wahl zu bekommen, der sich mehr als mitsprechenden Bürger sieht und sich auch nicht für den Kampf über die Lufthoheit der Stammtische zu Schade sein wird. Ohne Rücksicht auf Verluste bei der eigenen Herzensbildung.

Aber zur Herzensbildung können dann ja immerhin weiterhin allerhöchste Aristokratentitel vergeben werden. Vom Aristrokratensubstitut zu Bürgertum.
Denn vergessen hatte ich in obiger anfänglicher Aufzählung als Bestecher der Herzen noch jemanden. Nein, keinen Journalisten und nicht die meinungsbildende Presse. Sondern lediglich und immerhin Florian Silbereisen.
Haben wir nicht geheult wie die Schlosshunde, als Florian Silbereisen 2006 in der Rolle eines Lokalreporters eine junge Liebe rettete?
„König der Herzen“ hieß dieser deutsch-österreichische Schmachtfetzen im Privatfernsehen.
Aus Berechnung.
Denn etwas besseres als Deutschlands Sommermärchen finden wir ja allemal, sprachen schon weiland die Bremer Stadtmusikanten …

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P.S.:
Es ist natürlich ein gaaaaanz billiger Trick von mir, oben „FC Schlacke 05“ zu schreiben und sich somit bei den Dortmunder Fans anzubiedern und den Hohngelächter der Bayern-Fans gegen jenen Verein einzuheimsen. Darum gehe ich hier mal mit Carmen Thomas konform und verbessere mich nachträglich: Es heißt natürlich korrekt „FC Schalke 05“ …

Der psychedelische Tunnel

Flughafen Detroit 2

Am Flughafen von Detroit gibt es eine Verbindung zwischen den Terminals. Durch diesen Tunnel laufen jeden Tag unendlich viele Flugreisende. Das Besondere ist hierbei, dass der Tunnel durch eine Licht-Musik-Show illuminiert wird. Viele hetzten über die Laufbänder von einer Flugverbindung zur nächsten durch den Tunnel. Es wirkt surreal. Es hat ein wenig davon, als ob Jean-Michel Jarre eine Show-Bühne erhalten hätte.

Flughafen Detroit 1

Es gibt die Reisenden, welche die Laufbänder nutzen und dann die, welche sich die Zeit nehmen durch die Mitte des Tunnels zu gehen. Oder die sich fast fünf Minuten lang auf den Laufbändern durch den Tunnel transportieren lassen. Und jeder der Fußgänger oder Laufbandnutzer ist umgeben von dem Wechselspiel der Lichter und der psychedelischen Musik.
Aber alles wird untermalt durch die Rollen der Koffer, welche auf den geriffelten Laufbändern ein Sirren erzeugen. Je höher dieses Sirren ist, desto eiliger hat es der Kofferbesitzer. Und häufig werden die Laufbänder als Geh-Beschleuniger genutzt, denn viele sind Geschäftsreisende und haben zeitlich knapp gebuchte Anschlussflüge.
Dieser Verbindungstunnel am Flughafen von Detroit ist sicherlich ein Erlebnis. Nur, wer ihn mehrmals erleben muss, wird vielleicht nach einiger Zeit beschließen, rasch hindurch zu eilen.

Vielleicht kann das nachfolgende Video ein wenig, den Eindruck davon beim Betrachter hinterlassen, was einem in jenen Tunnel erwartet: Psychedelisches pur …

Quelle: Youtube

Der springende Gedanke: Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich gelassen?

Inspiriert durch „Der liebe Gott ist an allem schuld“ von Trithemius und den FOCUS-Online-Artikel „Samuel Koch sucht eine Studenten-Bude…“ (15.1.2012), auf den sich Trithemius bezog:

»Na endlich. Ich bin jetzt schon mehrfach bei Ihnen vorstellig geworden. Es wird jetzt wohl Zeit, dass ich mal dran bin.«

Der alte Mann mit dem weißen Bart und dem weißen Gewand schaute von seinem dicken Buch auf. Er tunkte seine Feder in ein kunstvoll verziertes Tintenfass und schaute sich leicht brummend den jungen Mann an, blickte in sein Buch und machte mit schwungvoller Handbewegung eine Notiz auf der aufgeschlagenen Buchseite.

»Name?«

»Koch. Samuel Koch.«

»In welcher Angelegenheit möchten Sie vorsprechen?«

»Vorsprechen? Bin ich hier nicht richtig bei Ihnen?«

»Welche Angelegenheit?«

»Unfall. Sind Sie nicht Gott?«

»Nein, ich bin nur sein Sekretär. Der zu seiner rechten.«

»Zu seiner rechten?«

»Ja, das ist die arbeitsreichste Seite. Alle kommen immer wieder von rechts. Irgendwer muss wohl mal gesagt haben, dass die rechte Seite Gottes die bessere Seite sein soll.«

»Stimmt das etwa nicht? Hat das nicht Jesus gesagt?«

»Stimmt. Genau. Der war’s. Der wollte doch nur seine Seite entlasten, damit er nicht soviel Arbeit hat. Welcher Zufall bringt Sie her, Herr Koch?«

»Zufall? Ich glaube nicht, dass es Zufälle gibt. Aber ich bin da noch im Gespräch mit Gott, weil ich glaube, dass das eigentlich ein Missverständnis war.«

»Was für ein Missverständnis?«, fragte der Sekretär mit gleichmütiger, müder Stimme.

»Ich bin mit eisernen Stelzen über Autos gesprungen, in der Fernseh-Sendung ‚Wetten, dass…‘.«

»Der Samuel!«

Eine vergnügte Frau in einem blütenweißem Gewand und Butterblümchen in der Hand kam heran geschwebt. Ihr jugendliches Gesicht strahlte in einer goldenen Weichheit, eben wie zu jenen Stunden eines junge Morgens, welche von Fotografen auch immer gerne als »Goldene Stunden« beschrieben werden.

»Der Samuel! Wie geht es Dir?«

»Wir kennen uns?« Samuel schaute ein wenig verwirrt.

»Na klar kennen wir uns. Du hast doch immer zu mir gebetet.«

»Ich? Zu Dir?«

»Erkennst du mich nicht? Ich bin Gott.«

Die Frau schwebte fröhlich an dem verdutzten Samuel vorbei auf ihren brummigen Sekretär zu.

»Petrus, den nehmen wir nicht auf. Das war mein Fehler. Eigentlich sollte er tot sein, als er mit seinen Stelzen an dem Auto hängen blieb. Ein Missverständnis von mir. Dieser hübsche Junge und der Gottschalk mit seinen gelösten Haaren! Einfach bezaubernd! Ich war abgelenkt. Nobody is perfect. Dein Glück, Samuel. Aber, Samuel, du machst das schon. Nur nicht aufgeben.«

Sagte es, klopfte Samuel aufmunternd auf dessen Schultern, nahm sich ein wenig Manna vom Tisch ihres Sekretärs, knabberte vergnügt dran und schwebte weiter.

Der Sekretär schaute ihr schulterzuckend nach, blickte dann den Samuel wieder an:

»Gut, das war dein Gespräch mit Gott. Du kannst wieder zurück, Musik, Theater und Medien studieren. Ohne Stelzen zum Springen. Hier ist noch ein Gutschein für ein dpa-Interview. Alles Gute. Samuel, du machst das schon.«

Er überreichte dem Samuel ein Papier, schaute rechts an Samuel vorbei und rief:

»Der nächste, bitte.«

Samuel wachte auf. Ein Nickerchen. Während des Gottesdienstes. Neben ihm hockte der dpa-Journalist mit seinem Notizblock und flüsterte:

»Nur noch eine kleine Frage: Können Sie noch was dazu sagen, wie Sie das bislang alles überstanden haben?«

 

Unterschiedliche Lebenswege

Bild

Unterschiedliche Lebenswege

Ein geschichtsträchtiger Moment, für die Nachwelt verloren (Fake der Woche)

Jeder hielt seine auf Holz gedruckten Buchstabe in der Hand und blickte konzentriert auf die Tischplatte vor sich. 10 Buchstaben hatten beide gezogen und gemäß den Regeln musste in jeder Runde ein neuer Buchstabe aus dem verdecktem Haufen gezogen werden. Eigentlich hatte es für ihn so gut begonnen. Der Schiedsrichter hatte für beide das Startwort »Schuldenkrise« mit Buchstaben als Ausgangspunkt gebildet. Er grinste die Frau ihm gegenüber an und stellte die Buchstaben zu »Schindelkurse« und um fügte ein »W« aus seiner Hand hinzu. Die Frau war sichtlich nervös und der kleine Mann hinter ihr ebenso. »Schwindelkurse«. Sie grübelte ein wenig und legte die Buchstaben erneut um. »Schundkreisel« hatte sie gebildet und nahm das »W« an sich um mit zwei weiteren Buchstaben auf der Hand ein »Wut« zu bilden.
Der Mann ihr gegenüber schaute die Frau an und rückte seine Reversnadel zurecht. Er hatte sie von seinem Vorstandsvorsitzenden erhalten. Als Talisman. Eine Nadel in Gold. Ein Symbol aus einem Quadrat und einem diagonalen Strich in deren Mitte.

Die Journalisten standen gebannt hinter dem Absperrband und versuchten mit ihren Teleobjektiven die Situation einzufangen. Aber offensichtlich störte der kleine Mann hinter der Frau. Einer rief ihm zu, er solle beiseite gehen, aber der kleine Mann antwortete in gebrochenem, fanzösisch-nasaliertem Deutsch: »Isch verschtähä nischt« und grinste spitzbübisch.

Das Spiel von dem Goldnadel-am Revers-Mann mit der Frau zog sich hin. Es herrscht Hochspannung. Der Schiedsrichter schien der einzige, der die Ruhe weg hatte. Mit einer Nagelfeile manikürte er sich diskret die Fingernägel, während er den Tisch aufmerksam im Auge behielt. Auf dem Spiel standen zwei Forderungen, welche sich beide zuvor in Schriftrollen feierlich übergaben. Jeder der beide hatte die andere Rolle zuvor studiert und es war zu merken, dass die Inhalte nicht ohne waren. Zumindest der der Frau, denn die wurde ein wenig bleich und biss danach nur noch verkrampft auf ihre Unterlippe herum.

Die Regeln waren klar. Sobald es jemand schaffen würde alle Buchstaben aus seinen Händen abzulegen, hätte der- oder diejenige gewonnen. Allerdings: Sollte es jemand schaffen aus dem letzten Wort oder Wörtern noch ein neues zu bilden, so hätte der andere gewonnen. Selbst wenn derjenige noch Buchstaben hätte. Es kam also drauf an, den letzten Begriff so zu wählen, dass der andere daraus durch Umstellung nichts neues bilden konnte.

Die Spannung knisterte. Die Uhr war inzwischen auf vier Uhr morgens fortgeschritten. Das Spiel schien noch weit vom Ende entfernt. Beide schenkten sich nichts. Der kleine Mann hinter der Frau hatte der Frau schon mehrfach das Wasser gereicht, während der Mann mit der Nadel am Revers immer wieder nervös auf sein Smartphone stirrte.
Auf dem Tisch lag der Begriff »Du Inselnerz« und der Mann war am Zug. Er starrte bereits seit zehn Minuten regungslos auf die beiden Worte. Er hatte noch vier Buchstaben auf der Hand. Die Frau trank erneut ein Wasser.

Und dann kam Bewegung in die Runde. Der Nadel-Mann richtete sich triumphierend auf und schob die vor ihm liegenden Buchstaben in eine neue Reihenfolge: »Zinsenluder«. Mit spitzen Finger legte er danach seine letzten Buchstaben davor, lächelte provozierend und zeigte zum Beweis, dass er keine Buchstaben mehr hätte, der Frau offensiv seine Handflächen vor.

Unruhe entstand im Saal. Vereinzelter Applaus war anfangs zu hören. Er wurde stärker, unterdrückte Jubelschreie waren im Hintergrund zu hören. Das Plöp-Geräusch eines Sektkorkens ertönte, Gläser wurden angestoßen.
Der Schiedrichter bat um Ruhe, schaute auf die Tischplatte und verkündete:

»Letzte Runde! Nur noch zehn Minuten Bedenkzeit!«

Die Journalisten fotografierten wie wild. Das Spiel schien gelaufen. Um vier Uhr morgens. Nach zehn Stunden. Noch zehn Minuten Bedenkzeit,. Zehn Minuten bis zur Entscheidung über Sieg und Niederlage.
Die Frau schien auf einmal erleichtert, völlig locker. Sie drehte sich zu dem kleinen Mann hinter ihr um und sagte ihm (während der Dolmetscher hektisch ins französische übersetzte):
»Schau mal, Nicolas. Die denken alle, ich wäre dumm, nicht wahr. Aber da täuschen die sich. Bereits nach dem Mauerfall hatte ich mir gesagt, ich will mal bedeutend werden. Und dafür habe ich mir meinen Berufswunsch ganz fett und dick übers Bett gepinselt. Und da liegt dieser Berufswunsch direkt lesbar vor mir«
Der Dolmetscher versuchte ihm das Wort auf dem Tisch zu übersetzen. Indessen drehte die Frau sich wieder um, lächelte den Mann gegenüber maliziös an und fing an seinen gebildeten Begriff umzuschieben.

Im Saal herrschte Totenstille. Auch der Nadelmann war erneut erstarrt. Dessen Augen weiteten sich entsetzt, als er sah wie die Frau die Buchstaben umschob. Er dachte, dass er mit dem »Bankzinsenluder« doch wohl gewonnen hätte.

Und vor aller Augen und unter Entsetzen des Nadelmannes schob die Frau aus dem »Bankzinsenluder« das neue Wort zusammen:

»Bundeskanzlerin«

Niemand war fähig diesen Moment zu dokumentieren, der Nachwelt zu erhalten. Und so gelangte dieser Moment nie in die Geschichtsbücher dieser Welt. Blieb ungewürdigt. Allein die Presseerklärungen danach blieben der Nachwelt erhalten:

»Wir haben heute Nacht gezeigt, dass wir die richtigen Schlüsse aus der Krise ziehen. Mir ist sehr bewusst, dass die Welt heute auf diese Beratungen geschaut hat. Jeder hat auf diesem Gipfel sein Beitrag geleistet. So wird es auch immer sein. Und solche Gipfel können nur zu Ergebnissen kommen, wenn alle einverstanden sind und alle ihren Teil dazu beitragen.«
Bundeskanzlerin Angela Merkel

»Beide Seiten sind bei dem Euro-Gipfel aufeinander zugegangen und haben im Interesse Europas einen befriedigenden Kompromiss erzielt.«
Deutsche-Bank-Chef Josef Ackermann

***

Danke für die Inspiration durch Trithemius und dem Ideengeber des Anagramms Heinrich

Morbide Nachtphantasien zu real existierendem Frischblut

„Schlagzeilen am Morgen, vertreiben Kummer und Sorgen.“

Diese alte Bauernweisheit wurde von bayrischen Agrarökonomen mit exorbitant riesigen Kartoffeln bei der Ernte vor fast 400 Jahren geprägt. In einem Anflug von brutalst möglister Innovation erschien in Deutschland die erste Tageszeitung 1612 in der Nähe der Innenstadt von München an einem lauschig kalten Herbsttag. In hölzernen Straßenkästen, erschaffen aus bester bayrischer Eiche, an der sich schon so manche deutsche Sau gerieben hatte, wurde sie öffentlich zum Verkauf angeboten und mit entsprechenden Aushängen davor beworben. Allein, die Bürger misstrauten dieser Nachrichten-Verabreichungsform. Nur die Bauern griffen beherzt zu. Ersetzte doch eine damalige Münchener Tageszeitung das schon zu jener Zeit sehr teure und nur selten per Bankenkredit finanzierbare Toilettenpapier. Wie gesagt, die Bussi-Bussi-Szene Münchens war diese Art der Nachrichtenübermittlung äußerst suspekt. Und so wurde das Projekt „Tageszeitung“ bereits nach 4,5 Ausgaben wieder eingestellt, bevor es überhaupt durch öffentliche Beachtung einen verbleibenden Vermerk in der Geschichte Bayerns, Deutschlands, Europas und der Welt erfuhr.
Lediglich ein Leipziger, der damals gerade versuchte etwas Allerlei auf dem Münchener Viktualienmarkt zu verkaufen, fiel das Projekt auf, nahm sich ein Herz und veröffentlichte seine Zeitung als Tageszeitung 1650 in Leipzig. Dort fand das Projekt erheblich mehr Beachtung. Und so gilt seit jenen Tagen im Jahre des Herrn 1650 nach Christi Geburt die Tageszeitung offiziell als Institution der öffentlichen Wissbegierde-Verbreiterung.

Morgens beschleichen einem immer die seltsamsten Gedanken. Zu einer Uhrzeit, in der eine Stadt gerade aus der Kälte erwacht und die Sonne in den Seitenstraßen Nebelschleier aufsteigen lässt. Solche Gedanken können zerstörerisch und ablenkend zugleich sein. Ein Horror-Unfall drängt sich in mein Blickfeld und meine schlafverwöhnten Gedanken versuchen aus der Schlagzeile ein Bild zu konstruieren. Schlagseite Vor meinem geistigen Auge sehe ich, wie ein Auto einen Meter über eine rot-aufleuchtende Ampel in Zeitlupe dahin schwebend auf die geöffneten Pforten des Hades – dem Reich der Toten nach griechischer Mythologie – zurast.
„Über die rote Ampel in den Tod gerast“.
Horror-Unfall? Jene Vier-Buchstaben-Zeitung verstehe ich nicht wirklich. Paar Tage zuvor prangte auf den Titelseiten noch das blutverschmierte Gesicht eines ehemaligen Diktators. Auf dessen Stirn war ein schwärzliches Kainsmal zu erkennen. Natürlich war es kein Kainsmal, auch wenn der Islam sich auf die selbe Weltgründungsgeschichte wie die Christenheit beruft. Es war das schwarz-rot-blutige Eintrittloch der Kugel, welches den ehemaligen Diktator Ghadafi von den Lebenden zu den Toten beförderte. Und während mir der Zeitungskasten von einem Horrorunfall oberhalb einer roten Ampel vor dem Toren des Totenreichs erzählt, findet sich im Innern der Zeitung nochmals die Leiche des Erschossenen. Fotografiert wie er in einer Kühlhalle zur Besichtigung von Neugierigen ausgestellt wurde. Und da wir ja hier alle für das Bruttosozialprodukt arbeiten müssen und nicht mal eben zum Nachschauen nach Lybien fliegen können, erhalten wir den Leichnam zwischen den Seiten einer Tageszeitung dar gereicht. Eben weil ich das nicht verstehe, kaufe ich sie mir auch nicht. Trotzdem lese ich deren Schlagzeilen im Vorbeigehen. Trotzdem schaue ich neugierig kurz rein, wenn sie irgendwo in der Firma rumliegt.
Immer wieder.

Immer wieder komme ich auch an einer Stelle vorbei, die mir irgendwann auffiel. Die Straße besitzt nur einen geteerten Fahrradweg und einen gepflasterten Fußweg. Quer über den Fahrradweg war neuerdings eine Schiene eingelassen worden, die bündig unauffällig mit dem Asphalt eine fast unsichtbare Einheit bildete. Allein deren Sinn erschloss sich mir nicht. Durch das Pflaster des Fußwegs waren erkennbar Kabel gelegt worden, welche zu einem Kasten an einem Lichtmast führten. Gerätselt hatte ich lange, was das sein sollte. Meine erste Phantasie war eine ausfahrbare Blockade. Nur, da der Weg Steigung aufweist, wäre so eine Straßenblockade mehr als nur leichtsinnig. Sie wäre mörderisch. Letztendlich kam ich auf die Idee nach dem Hersteller mittels einer Internetsuchmaschine zu suchen. Alsbald hatte ich in Erfahrung gebracht, dass die Schiene den Fahrradverkehr zählt und die Daten der Zählung online im Internet aufrufbar sind (s.a. die Seite http://verkehrsdaten.info/MunichSiteMap.htm). Welchen Sinn das jetzt macht, festzustellen, dass in der letzten Stunde mehr Fahrradfahrer gen Süden als Richtung Norden fuhren und warum gerade auch die westliche Fahrrichtung um diese Uhrzeit und Kälte die begehrtere Richtung sein soll, darüber werden sich die Historiker noch in hundert Jahren streiten.

Das Internet und sein Suchmaschinen-Star lösen mir viele Fragen. Ich wäre nicht ehrlich, würde ich behaupten, dass auch meine Frage nach Bilder vom toten Ghadafi nicht von Erfolg gekrönt war. Im Endeffekt hat es mich selber überrascht, wie kalt mich die Bilder jenes YouTube-Filmchens aus der Leichenhalle ließen. Und insofern überrascht es mich nicht, dass auch die BILD-Zeitung die Neugierde der Suchmaschinen-Unkundigen befriedigt. Und weiterhin überrascht es mich nicht, dass Franz-Josef Wagner in direkter Artikelnachbarschaft seine Abscheu über die öffentliche Präsentation des Toten in Lybien anklagte. Einer muss das ja tun.
Mir fielen die Namen Schleyer und Barschel ein. Die Veröffentlichung deren Totenbilder hatte eine riesige Empörung in deutschen Landen zu jener Zeit ausgelöst. Es wurden so beliebte Hüte wie „Anstand“ und „Moral“ zur Schlacht gegen die Missachtung der Totenruhe in den Ring geworfen. Oder waren es weiße Handtücher? Ich weiß es nicht mehr so genau. Die Zeit ist eine fiese Sache. Sie tupft die Erinnerungen fort. Sie werden immer bruchstückhafter, immer löchriger. Von Osama bin Laden Leichnam wurden Beweisfotos gefordert. So wie jene Belegfotos, die von Saddam Husseins Hinrichtung veröffentlicht wurden.

Die Fotos des toten Ghadafis wirken bei mir noch nach. Ein Kopf mit dem kleinen schwarzen Loch und den halb geöffneten Augenlidern aus jenem YouTube-Filmchen, in dem sich Lybier mit dem Leichnam wie mit einem Popstar in Pose bringen. So wie Touristen am Grab von irgendwelchen westlichen Popstars, welche sich ihr Popstar-Hirn selber auf die eine oder andere Art heraus gepustet hatten. Und dann noch die Bilder von dem öffentlich aufgebahrten Leichnam Ghadafis. Es sind die eigentlichen Horror-Fotos. Bin ich eigentlich degeneriert, darüber so halb anteilnahmslos schreiben zu können? Oder bin ich degeneriert, dass ich schon seit Jugend an mit Darstellung von zu Tode gequälten Körperdarstellungen groß geworden bin? Mahnende Stimmen gibt es zuhauf, die sich darüber aufregen. Auch der Popstar der BILD, jener Franz-Josef Wagner, der sich darüber beklagt, dass Araber so gefühlskalt mit der Totenruhe umgehen können.
Besser sind wir allerdings auch nicht. Einerseits, gäbe es Bilder vom toten Osama, wir würden sie im Internet suchen. Und andererseits, vor meinem inneren Auge kann ich mir unendlich viele Bilder von mit Stöcken und Dornen zerschundene, blutenden Körpern mit offenen Fleischwunden aufrufen. Bildnisse von jenem Mann, den eine ganzen Christenheit verehrt, weil er erst brutalst gequält und dann lebendig ans Kreuz genagelt wurde. Die Kreuzwege sprechen ihre Sprache der blutrünstigen Grausamkeiten. Da wirkt das Bild des toten Ghadafis fast schon wie morbider Romatismus dem Tod gegenüber.

Und dann heute die Schlagzeile am Zeitungskasten, am frühen Morgen. Horror-Unfall. Ich lese es, zucke gleichgültig die Schultern, formiere noch ironisch ein Bild vor meinen geistigen Augen und setzte meinen Tagesweg fort. Horror hat in diesen Zeiten mehr die tradierte Gefühlsanwallung. Er ist abstrakt geworden in unserer domestizierten Umgebung. Da kann es schon mal passieren, dass im bayrischen Sommerloch eine freilaufende Kuh zu einer Bedrohung und zu einem Freiheitssymbol zugleich für unbescholtene Bürger hochstilisiert wird. Da kann es auch schon mal passieren, dass ein Autounfall neben einem öffentlich zur Schau gestellten Leichnam zu einem „Horror“ wird.

Vielleicht liegt es aber auch nur daran, dass den BILD-Reportern das gleiche passiert wie mir: Sie gehen in die Läden und sehen, dass das Geschäft mit dem Tod saisonal floriert: Halloween ist in einer Woche. An jeder Ecke gibt es Kunstblut, Special Effect Make up, Totenmasken, Totenschädel, die reine Lust auf Morbidität.

Ach ja. Und in zwei Monaten ist Weihnachten.

Ich sag’s ja, ich bin degerniert: Weihnachten, Mord und Totschlag innerhalb weniger Zeilen verwurschtelt zu einer seltsamen Melange einer Misch-Realität.

1650 erschien die erste Tageszeitung in Leibzig. Und ehrlich, dass die erste Tageszeitung in München nach kurzer Erfolglosigkeit eingestellt worden sein soll, das beruhte auf meine Phantasie. Bayern an sich sind zu solchen Erfindungen nicht prädestiniert. Die Bayern sind sowieso die Asiaten Deutschlands. Asiaten, von denen man sagt, sie kopieren alles und jedes, um damit erfolgreicher als andere auf dem Markt zu werden.
Aber ich will jetzt nicht wieder auf die Geschichte von Stoibers Tochter und dem ach-so-dynamischen zu Guttenberg herumreiten. Das Pferd ist tot und solche toten Pferde – sprich: Geschichten – regen inzwischen niemanden mehr auf, sondern sie langweilen maximal. Etwas anderes muss her. Horror, wie man ihn mag. Frischblut halt muss her …

… Oh Pardon. Ich werd‘ wieder degerniert pietätlos …