Kinder, die auf Brücken starren

Unter Brücken, über Brücken, mit Brücken, auf Brücken. Ein Bauwerk zur Überquerung von Hindernissen.

Wenn er zur Schule wollte, dann hatte er regelmäßig mindestens eine Brücke zu überqueren. Er konnte allerdings auch wählen, gleich sieben Brücken zu passieren. Einige davon waren neutral, so dass er mit seiner Leeze kaum etwas verspürte außer einer Bodenwelle im Asphalt. Eine andere dagegen war für ihn sein „L’Alpe d’Huez“, seine Herausforderung, morgens wenn er noch müde sich abstrampelte, um rechtzeitig zur drei Kilometer entfernten Bushaltestelle zu gelangen, von wo er auf einem Stehplatz mit anderen Kindern im Gang des Bus eingezwängt in die 14 Kilometer entfernte Schule fuhr. Oder – wenn er den einzigen Bus verpasst hatte – über der Landstraße trampte.

Sein „L’Alpe d’Huez“ hatte den Nachteil des ihm unendlich lang vorkommenden Aufstiegs. Da half ihm auch seine Drei-Gang-Schaltung nicht, die Trittfrequenz zu halten. Die letzten zehn Meter zum Scheitelpunkt der Brücke quälten ihn morgens immer, besonders mit dem Tornister und seinen Büchern und Heften auf dem Rücken, das war ihm kein Spaß. Oben auf dem Scheitelpunkt der Brücke starrte er runter und sah kurz dem Verkehr der Autobahn zu, wie er unter ihm lärmend vorbei rauschte. Weiterlesen

Die Männer aus Zaïre

Da stand der Bus vor dem „Hotel Jagdschlösschen“ (Ascheberg / Westf.) in den Landesfarben von Zaïre lackiert. Wir Kinder standen vor dem Seitenausgang und warteten mit Notizblock und Kugelschreiber. Unsere Eltern im sicheren Abstand. Mein Vater schob mich noch nach vorne: „Du musst dich trauen.“

Die ersten Spieler durchschritten die Tür. Die Kinder drängten sich ihnen entgegen und reckten ihnen Notizblock und Kugelschreiber entgegen.

„Autogramm! Autogramm!“, hallte es unentwegt. Deutsch sprachen sie nicht, aber irgendwer meinte, dass würden sie verstehen. Einige Kinder hatten Sammelkarten und Mannschaftsfotos des Teams aus Zaïre, Fotos und Karten, welche im Vorfeld der WM 1974 in Deutschland in den Geschäften und Tankstellen verkauft wurden. Weiterlesen

Nachweisdokument

Ist zwar schon ein halbes Jahrhundert her, aber es taugt noch immer als Nachweis für eine Existenz … Weiterlesen

Schau hin und sei glücklich …

Der Cappu war edel drapiert. Ein Herz aus Milch hatte der Barista ihm in seiner Tasse gezaubert. Er mochte diese Kleinigkeiten. Der Cappu schmeckte dadurch nicht automatisch besser, aber er sah einfach besser aus. Dafür gab er auch mal gerne fünfzig Cent mehr aus. Es zeigte ihm, dass er als Gast Wertschätzung erfuhr. Mit zwei Fingern ergriff er das Tütchen Zucker, riss es auf und ließ den Zucker auf den Milchschaum rieseln. Er beobachtete, wie der Zucker langsam in seinem Cappuccino versank. Es hatte etwas von Salz auf Schnee, aber es schmeckte anders. Er tauchte den kleinen Löffel in das Gebirge aus Milchschaum, Kakaopulver und Kaffee und schaute aus dem Fenster. Vor ihm zog der Fluss ungerührt seine Bahn. Leichte Wellen zeigten Flusswiderstände, angedeutete Strudel Turbulenzen unter der Wasseroberfläche verursacht von der Vergangenheit. Weiterlesen

An Neujahrstagen, wie diesen …

Sie kam per Twitter. Vorher hatte es unser Bereichskontaktler an der dunklen Straßenecke geflüstert:

Terrorwarnung! Hannover Teil 2!

Der Neujahrsrutsch richtig terroristisch geheimdienstbewährt glitschig. Und wir wollen ja nicht wissen, was Polizei und Geheimdienst so wissen. Es würde uns ja nur beunruhigen.

ABER: wir waren gefasst und bereit. Allzeit bereit! Nach der Terrorwarnung hatten wir uns gleich zur Bürgerwehr der besorgten Bürger (PEGIDA-München) begeben, sieben Sandsäcke vor meiner Tür aufgetürmt und uns mit Mörsern, Flak, Pershing-IIs und G37-Maschinengewehren dahinter verschanzt. Solten die terroristischen Arschlöcher doch kommen! Allzeit bereit! Weiterlesen

Wissenschaftlich erwiesen

Liebe Freunde und Familienmitglieder, an dieser Stelle mal ein Ordnungsruf an ein komplett unintegriertes Mitglied aus dem Westfalenlande:

Herr H. ist 44 Jahre alt, Westfale, Vater von vier Kindern, Oberstudienrat und vormals Gymnasiallehrer, und dann auch noch leidenschaftlicher Hobby-Wissenschaftler. Letztens hat sich dieser Mensch glatt den theoretischen Ausführungen der beiden Ökologen Robert MacArthur und Edward Wilson verschrieben. MacArthur und Wilson haben in den 70er Jahren die Theorie der Zusammenhänge zwischen den Wachstumsraten („r“) und den Grenzen der Fassungsvermögen „k“ in der natürlichen Umwelt aufgestellt. Weiterlesen

Frontberichterstattung aus der Heimat

Liebste Susanne,

wie geht es dir? Ist es schön im fernen Sansibar? Was machen die Orangenbäumchen? Wachsen sie und gedeihen?  Was machen die Gewürzbäumchen? War die Ernte ein voller Erfolg? Ich wünschte, ich wäre dort bei dir und nicht hier in der heimlichen Hauptstadt Deutschlands.

Der Krieg ist grausam. JA, das ist er. Aber wir sollten nie vergessen, er ist auch gerecht. Und in erster Linie gerecht. Wir haben ihn gewählt. Demokratisch. Weiterlesen

Neulich, als ich versuchte, einen Terroristen aus den fahrenden Zug zu werfen …

Seit den Ereignissen in Paris beschäftigt Europa nur noch ein Thema:

Darf man einen Terroristen aus einem fahrenden Hochgeschwindigkeitszug Thalys schmeißen? Ja, darf man, nur wie öffnet man bei voller Fahrt die Tür eines solchen Zuges? Richtig, man sprengt die Tür mit dem Sprengstoffweste des Terroristen auf. Diese braucht der eh nicht, wenn er nach geglückter Türsprengung mit beschwingtem Fußtritt aus den Zug geschubst wird und an dem nächsten Signalmasten mit grünem Freier-Fahrt-Licht zerschmettert. Wozu auch? Macht ihn nicht echt sexuell attraktiver. Nicht wirklich.

Aber wer zahlt dann die Reparatur der geborstenen Tür, die Reinigungskosten des Signalmastens, die Fleckentfernung vom Gleisbettschotter und überhaupt, was sagt die eigene Haftpflicht dazu? Übernimmt sie für mich alles? Gegen Vorsatz und groben Unfug winken Versicherungen immer ab. Da hilft auch kein „in dubio pro reo“ (im Zweifel für den Angeklagten), um seinen Versicherungsvertreter untertänigst zu bitten, er möge doch ein gutes Wort zur Schadensregulierung einlegen. Der denkt sich maximal „in dubio Prosecco“ und minimal ein „pro bono publico“, also „zum Wohle der Öffentlichkeit“, was so viel heißt wie „Verluste vergesellschaften“.

Das Letztere mag sich jetzt nach Kapitalismuskritik anhören, aber wenn es um Terroristen geht, dann will jeder gerne draufzahlen. Zumindest „pro forma“, solange es nicht zu den eigenen Lasten geht. Denn alle die „Krieg! Hiphip hurra!“ und „Auf sie mit Gebrüll!“ rufen, werden garantiert nicht in erster Reihe stürmen. Weder für Ruhm, Ehre noch Vaterland. Dafür gibt es ja immer die anderen. Solange es einen nicht selber trifft. Zugucken ja, aber nicht selber umfallen. Oder über den Haufen geschossen zu werden, den man sich vorher selber gelegt hat.

Also, sollte man einen Terroristen aus den Zug schubsen, wenn man irgendwie die Tür aufbekommen hat? Einfach so?

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