Frontberichterstattung aus der Heimat


Liebste Susanne,

wie geht es dir? Ist es schön im fernen Sansibar? Was machen die Orangenbäumchen? Wachsen sie und gedeihen?  Was machen die Gewürzbäumchen? War die Ernte ein voller Erfolg? Ich wünschte, ich wäre dort bei dir und nicht hier in der heimlichen Hauptstadt Deutschlands.

Der Krieg ist grausam. JA, das ist er. Aber wir sollten nie vergessen, er ist auch gerecht. Und in erster Linie gerecht. Wir haben ihn gewählt. Demokratisch.

Erst letzte Woche hatte uns der Wehrbeauftragter meines Stadtviertels besucht und hier allen Mut zugesprochen. Wir sollen durchhalten, es gehe um höheres. Es gehe um das große Ganze. Zähne zusammenbeißen und lächeln, riet er. Das sollte nicht schwer sein. Nein, das ist es auch nicht. Ganz und gar nicht. Wir sind schließlich keine Weicheier, wir sind hart im Nehmen. Die Vorräte gehen zwar schon ein wenig zur Neige, der Nachbar kam gestern schon vorbei und fragte nach einem Tässchen Biotomaten-Püree und Fair-Trade-Kaffee.

Der Supermarkt an der Ecke hat leider schon seit zwei Wochen zu. Solange benötigt die Ent-Islamifizierung noch, bis die dort Tätigen aus ausländischen Leiharbeitern durchleuchtet und für sicher erklärt worden sein werden. Am kommenden Samstag wird uns im Viertel Weihnachtseinkäufe gestattet werden. Wir haben bereits Wertgutscheine erhalten: fünf Rollen Toilettenpapier, vier Packungen Milch, drei Brote, zwei Pfund Butter und eine Schachtel „Lucky Strikes“. Pro Person. Dabei rauche ich nicht.

Letzten Montag wurde die Grundschule mir gegenüber wohl vorsorglich befreit. Mittels eines präzisen chirurgischen Schnitts, überwacht mit Computer und integrierten Kamerasystemen, so versicherte uns der Wehrbeauftragte unseres Viertels. Eine Rakete hatte die Räume der Klasse 2a in der dritten Etage getroffen. Wie er uns mitteilte, hätten sich darin beim Elternsprechtag wohl paar potentielle Angriffsziele befunden und seien erfolgreich vernichtet worden. Leider starben auch ein paar Kinder. Warum Kinder unberechtigterweise zum Elternsprechtag mitgenommen worden seien, sei noch unklar. Aber es sollen ja lediglich Kinder der vermutlichen Terroristen gewesen sein. Also nicht weiter schlimm, meinte unser Wehrbeauftragter. Schließlich wäre es ja zu unserem aller Wohle, wenn unsere Zukunft ab jetzt sicherer wäre.

Hast du in der Zeitung bei euch in Sansibar gelesen, dass vor einer Woche die Münchener „Goethestraße“ großflächig bombardiert wurde. Ich bin zwar kein Empathie-freier Unmensch wie all jene moslemischen Terroristen dort, aber ehrlich gesagt, das hat mich kalt gelassen. Ich habe sehr wohl Empathie. Das hat mir sogar mein Stadtteil-Psychologiebeauftragter verbrieft, du meine geliebte Geliebte. Trotzdem hat mich die Bombardierung nicht betroffen oder betroffen gemacht. Es gab nun mal zu viele Geschäfte, die wohl frisches Gemüse als auch Halal-Fleich anboten und wo wohl auch Terroristen eingekauft haben müssen. Das Gewimmel dort war mir aber immer zu groß. Die Straße hatte ich immer gemieden. Also interessiert es mich nicht sonderlich. Ich kann die Schuld der Welt nicht auf meinen Schultern tragen. Wer bin ich denn?

Nebenbei: die Landwehrstraße wurde auch gleich gezielt dabei angegriffen. Dort hatte es viele verdächtige Treffpunkte und Moscheen. Gott sei Dank, das Pornokino, wo du, geliebte Susanne, und ich immer gerne hinein gingen und viel Spaß hatten, das wurde –  nach meinen ersten Nachforschungen im Internet –  nicht getroffen.

Ein Cousin von mir aus Wuppertal rief gestern an. Er habe gehört, Köln-Chorweiler sei dem Erdboden gleichgemacht worden. So wie Dinslaken und Berlin-Neukölln die Tage zuvor. Der Krieg gegen den Terrorismus ist im vollen Gange. Es sind halt zu viele Islamisten. Wohl möglich auch noch alles terroristische Salafisten. Tot sind sie jetzt. Das ist gut so. Zu dieser Bemerkung muss ich kein Gutmensch sein. Schließlich bin ich ja Christ.

Allerdings seien die Krankenhäuser wohl überfüllt wegen den Kollateralschäden. Die Frau meines Cousins wollte sofort helfen und hat auch etwas getan. Sie soll sich direkt bei einer freiheitlichen Spezialtruppe in Wuppertal gemeldet haben. Dort patrouilliert sie nun in der Fußgängerzone in der Anti-Scharia -Wehrtruppe. Ich war erst ein wenig schockiert, als er mir erzählte, sie wären mit einem G36-Gewehr ausgerüstet worden. Aber er konnte mich beruhigen, dass dieses Pazifismus-affine Sturmgewehr bald von einer treffsicheren Pumpgun ersetzt würde. Im Krieg wird nicht gespart und das ist gut so.

Von meinem Nachbarn habe ich weitere Informationen erhalten. Er erzählte mir von einzelnen, suspekten Individuen in meiner Stadt München. Jene Menschen sollen zu Demonstrationen für Frieden aufgerufen haben. Es seien angeblich Pazifisten. Aber mein Nachbar versicherte mir, er habe Kontakte zur Münchener Polizei und die würden gerade die „Schwarzen Sheriffs“ der 80er Jahre der Münchener U-Bahn reaktivieren. Diese sollen jenen Ruhestörern und Chaoten in konzertierten Aktionen erklären, was wahrer Frieden bedeutet. Wir sind schließlich im Krieg. Da können wir uns bei unseren Bemühungen um Frieden bei der Bekämpfung des brutalen Terrorismus keinen Dolchstoß erlauben.

Frankreich hat es uns ja bereits vorgemacht. Das Stadtviertel Saint-Denis wurde Ende November ausradiert. Da herrscht jetzt Frieden. Bewundernswert, was die chirurgisch militärischen Schläge so alles vermögen. Präzision auf höchstem Niveau. Im Fernsehen sah ich beruhigendes: das „Stade de France“ und die Parkplätze blieben von dem militärischen Eingriff vollkommen unbeschädigt. Das Eröffnungsspiel und das Endspiel der EM im Juni 2016 werden dort stattfinden können. Unsere Eintrittskarten sind weiterhin gültig. Und der Eifelturm ist vom Stadion jetzt auch in seiner vollen Pracht zu sehen. Freu dich, Susanne. Es wird ein schöner Sommer für uns werden. Vive la liberté. Vive la fraternité. Vive la France! 

Vorhin sah ich im Fernsehen Frau von der Leyen. Sie sprach sich für die Erhöhung der Exporte von Waffensystemen aus. Man müsse den Terrorismus der Islamisten direkt vor Ort bekämpfen. Also nicht nur in unseren Vorstädten. Bei den Kriterien für den Export hat man sich von den neuen Einwanderungsbestimmungen in Deutschland leiten lassen. Somit gilt ab morgen früh 4:45 das neue Kriterium für den korrekten Export: eine leckere, frisch aus dem Ofen rösch gebratene Schweinshaxe soll bei der Übergabe der Systeme von dem Warenempfänger zu verspeisen sein, serviert von einer katholischen Jungfrau mit ungewaschenen Händen. Wer die Haxe nicht isst, der kriegt auch die Waffen nicht. Wer nicht unser Feind der Demokratie werden will, hat unsere Regeln zu akzeptieren. Da darf sich keiner beschweren, wenn er dann nichts von uns abbekommt. Allerdings waren wieder mal einige dagegen. Der sofortige Protest Israels wird wohl noch bis Jahresende bearbeitet werden.

Auch Saudi-Arabien wird beim Kampf gegen den Terrorismus an allen Fronten beliefert werden, hat uns unsere Regierung versichert. Wir dürfen den Feinden keinen Fußbreit schenken. Saudi-Arabien erhält mehr Scharfrichterbeile, gefertigt aus hochwertigem Solinger Stahl. Rostfreier Lebensmittelstahl. Vollkommen unbedenklich und arbeitsplatzfördernd. Ganz im Sinne der Außenwirtschaftsgesetze. So wie die letzte Lieferung von Bullenpeitschen an die Saudis. Es gab zwar Proteste von CSU-Abgeordneten, aber nachdem versichert wurde, dass mit dem ersten Wortbestandteil nur die Materialherkunft der Peitschen und nicht die Bestimmung durch Verwender gemeint sei, stimmte die Partei geschlossen für deren Export.

Liebste Susanne, ich hoffe sehr, dass wir uns im Mai nächsten Jahres wieder in den Armen halten werden. Lass dir keinen Bären aufbinden, wenn du im Fernsehen Bilder über den Krieg in Europa gegen den Terrorismus sehen wirst. Es ist doch zum Wohle aller. Und aus den zerbombten Moslem-, Türken- und Arabervierteln werden schon bald schöne neue Viertel entstehen, wo das Flanieren eine Pracht sein wird.

Leider werde ich Weihnachten nicht nach Sansibar kommen können, geliebte Susanne. Aber meine Sehnsucht nach Sansibar ist groß. Sehr groß sogar. Und nicht allein, weil Freddie Mercury dort geboren wurde. Sansibar, das ist für mich das unerreichte Paradies. Dort, wo du, meine unberührte holde Jungmaid, lebst. Sansibar und du, ihr erfüllt mich mit tiefster Sehnsucht.

Ich liebe dich, meine Susanne. Und auch wenn dort 99% der Bevölkerung Muslime sind. Lass dir dort von denen nur nichts erzählen, sowas wie, wir würden hier in Europa einen Religionskrieg führen, oder so. Das tun die Islamisten bereits. Die haben angefangen. Die haben wir nicht gewählt.

Meine geliebte Susanne, vergiss mich nicht. Ich liebe dich und ich freue mich auf dich, wenn wir gemeinsam die EM 2016 in Frankreich erleben.

Dein Schnuckiputz