Alles gut

Heute bin ich gutmütig. Normalerweise dürfen jene blau gekleideten  Menschenwesen nicht bei schneebedeckten Autos im „Anwohnerparken“ nach den Parkausweisen hinter den Windschutzscheiben forschen. Den Schnee zu beseitigen, ist verboten. Als Rache der Autohalter sind die Klagen wegen Kratzer am Fahrzeug zu häufig. Es ist in München den Politessen und Politess-Essenern untersagt, investigativ tätig zu werden: das Blech ist heilig! Das Schaben an Windschutzscheiben ist in München den Offiziellen ohne Polizeiabzeichen komplett untersagt.

Neuschnee. Neulich. Unberührt, jungfräulich weiß, unbefleckt (… hatte München zu Silvester etwa gar Smog? …)

Alle Fahrzeuge im „Anwohnerparken“ sind schneebedeckt. Sogar das Fahrzeug mit dem Kennzeichen „AC“. Ich habe aus einer gelangweilten, sadistischen Intention meiner einerseits das „AC“-Fahrzeug oberhalb der Motorhaube komplett vom Schnee befreit. Man gönnt den anderen ja sonst nichts. Brot für die Welt, aber die Butter bleibt hier. Der Fahrzeughalter hätte mich ob meiner Handlung wahrscheinlich am liebsten am nächsten katholischen Kirchturm brennend kreuzigen lassen.

Sieben Uhr abends. Sonnenuntergang war bereits Vergangenheit. Präteritum. Die Arbeit lange danach auch. Heimweg. Das Auto stand unberührt von meiner Aktion weiterhin dort. Das Verkehrsschild daneben versprach weiterhin jedem Autohalter nichts Gutes. StVO. Absolut Ungutes. StVO-Doppelplus-Ungut. Nur mir nicht. Freudig lächelnd erblickte ich das Knöllchen im Plastiktütchen unterm Scheibenwischer vom „AC“-Vehikel.

Gewissenbisse? Nö. Das Vehikel ist ja nicht meines. Was geht mich das Unglück anderer an? Also darf ich das. Ergo: Widerspruch zwecklos. Zahlen sollt ihr, ihr vorsätzlichen Falschparker!

Meine Kissenunterlage, jene für das Fenster zur Strasse hinaus, darauf wie eine römische, eherne Statue auf Ellenbogen abgestützt, die ist mit mir legendär. Die kennt jeder in meiner Nachbarschaft: Da bin ich der King und geachtet. Eine lokale Größe. Behandelt mit gebührendem Respekt. Man kennt mich als den „Anzeiger“ und respektiert mich für meinen Ordnungssinn und ob meiner STVO-Kenntnisse. Bin ja sowieso Ü50. Ich darf das und habe auch eine Lebensaufgabe: Alle Macht der STVO!

Echt jetzt? Nun ja, ich habe kein Auto … also egal …

Die Zeit ist das Feuer, in dem wir verbrennen.

Die Zeitansage. Du warst meine erste Liebe, du eiserne Jungfrau.

„Beim nächsten Ton ist es …“

Damals hatte ich dich kostenlos anrufen können und dir überm Lautsprecher des Morgens gelauscht. Vor dem Rausgehen, um rechtzeitig den Bus zu erwischen. Oder des Mittags, um festzustellen, ob der Angelus rechtzeitig geläutet wurde. Oder des Abends, um zu sehen, ob die Tagesschau pünktlich begann. Oder wenn ich Langeweile hatte und einfach mal meine Uhr auf die Sekunde genau justieren wollte. Minute für Minute. Ein Reaktionsspiel, die Uhr genau mit dem „Pieps“ der vollen Minuten synchron zu bekommen.

Du kommst zu spät. Du bist nicht pünktlich. Meine Zeit habe ich nicht gestohlen. Wie Sand zwischen den Fingern ist es beim nächsten Ton …

Es liegen weniger Tage vor mir als bereits hinter mir. Und alle elf Sekunden verlieben sich zwei Minuten beim klar Schiff Machen. Stunde für Stunde. Tag für Tag.

Ich lauschte der Stimme. Sie klang so rational feminin, so sachlich weiblich, so überzeugt fraulich, so sinnlich zeitlos.

„Beim nächsten Ton …“

… komme ich zu dir, meine eiserne Jungfrau, und dann halten wir gemeinsam die Zeit an. Stunde für Stunde, Minute für Minute, sekundenweise.

Aber das reicht nicht mehr. Bei Wettläufen helfen nur noch genaue Uhren, um zu unterscheiden, wer schneller ist. Mit Unterscheidung auf Tausendstel des Augenblicks. Wimpernschlaglängen.

Die Zeit ist wie ein Raubtier. Du kannst versuchen, ihr zu entkommen. Aber sie wird dir folgen, dich jagen und erlegen. Auge um Auge, Zahn um Zahn, Falte auf Falte. Die Zeit vergeht und wartet auf niemandem. Diese vergängliche Erfindung des logischen Menschen. Der Mensch sagt, die Zeit vergehe. Die Zeit sagt, der Mensch vergeht.

Ich höre dich. Beim nächsten Ton. Ich dreh‘ mich um mich und schau mir ernst ins Gesicht. Ernste Zeiten bedürfen der Heiterkeit. Ohne Heiterkeit lässt sich das Leben in der Zeit nicht denken.

Ein Schwarzer saß in Dresden in einem Bus, las in einer seltenen Ausgabe des Talmuds und jedes mal, wenn er eine Seite im Talmud weiter blätterte, rückte er seine Kippah zurecht. Ein Mensch, der ihm gegenüber saß, stand auf, schlug ihm ins Gesicht und schrie erbost: „Reicht es nicht schon, dass Sie Jude sind?“

Zeit zu lachen. Lache zur Zeit, du könntest vor Abend weinen. Morgen und Abend. Leben und Tod. Zeit zu leben.

Begleite mich, Zeitansage, du meine 0119-Chiffre. Lebe mit mir, du eiserne Jungfrau meiner Jugend. Sprich mir dein Mantra für unsere Einheit. Bis ich das Zeitliche segne.

Beim nächsten Tod ist es …

… zu spät …

Wenn ich groß bin, werde ich ein Ferrari

„Wenn Recht zu Unrecht wird, dann wird Widerstand zur Pflicht, mein Sohn!“, sprach der Herr Papa erregt zu seinem Sprössling auf dem Beifahrersitz.

„Aber Papi! Du kannst doch nicht …“

„Doch ich kann. Und zwar so wahr ich Johannes Berthold Bachmaier heiße. Ich kann!“

„Aber …“

„Wenn ich eines von meinen Eltern auf ihren Anti-Atombomben-Demos der 80er gelernt habe, dann das, dass man sich nicht alles zu gefallen lassen hat! Okay, die Anti-Atombomben-Demos waren pillepalle. Was sind schon Atombomben im Verhältnis zu dem, was Banken so an hohlen Spekulationsobjekten produzieren. Explodiert eine Atombombe, das betrifft einen eingeschränkten Kreis, vielleicht ne halbe Millionen Menschen. Wenn die Banken jedoch ihre Spekulationsobjekte zünden, dann stürzt so etwas mehrere Millionen ins Elend. Sagte bereits Warren Buffet. Nur, dagegen demonstriert niemand mehr, nicht einer von den 80er-Jahren-Friedensaposteln kommt aus dem Quark, nachdem bereits die Finanzwelt mit Massenvernichtungswaffen aufgerüstet hat! Nein, dagegen gibt’s von denen kein Widerstand! Null.“

„Aber Papi, nur weil  einer sagt, er könne Millionen explodieren lassen, kannst du doch nicht so einfach hier …“

„Doch, Stefan, doch! Dein Papa kann das! Dein Papa zahlt Einkommenssteuer, Vermögenssteuer, Mehrwertsteuer, Tabaksteuer, Alkoholsteuer, Mineralölsteuer, Autosteuer, Mautsteuer, Vergnügungssteuer und was sonst noch. Da kann dein Papa erst recht! Ich lass mir dieses Unrecht nicht mehr gefallen, diese Willkür, diese Ignoranz und Arroganz von diesen Arschlöchern, die nicht wissen, was sie tun. Obwohl, das werden sie sehr wohl wissen.“

„Papi, nun hör schon auf …“

„Stefan! Du sollst mich nicht unterbrechen, wenn ich rede. Kinder haben gefälligst zuzuhören, wenn Erwachsene erzählen, wie das Leben wirklich ist! Wie wollt ihr denn sonst lernen, wie die immer mehr euer gutes, zukünftiges Recht beschneiden?!? Wer da nicht aufsteht und mal sich richtig …“

Es klopft an der Scheibe. Herr Bachmaier drückt auf einen Knopf und ganz leise surrend bewegt sich die Seitenscheibe hinunter. Ein Polizist blickt ihm ins Gesicht.

„Sie stehen im absoluten Halteverbot. Sind Sie mit einer Verwarnung von 20 Euro einverstanden?“

„Im Halteverbot? Das muss aber neu sein. Vor Weihnachten war das noch nicht. Da konnte ich meinen Sohn hier immer von der Nachhilfe abholen.“

„Zusätzlich haben Sie in zweiter Reihe gehalten und Sie behindern den Verkehr.“

„20 Euro sagten Sie? Einverstanden.“

Er reichte einen Geldschein durchs Fenster und erhielt Quittung und Beleg. Erneut drückte er den Knopf. Die Seitenscheibe schloss sich wieder. Ein weiterer Druck auf einen anderen Knopf und kaum hörbar startete der Motor.

„Papi, ich dachte, du sagtest, dass Widerstand Pflicht wäre. Aber jetzt hast du trotzdem bezahlt?“

„Das verstehst du nicht. Man muss sich ja auch an Regeln halten, nicht wahr.“

„Ich hatte dir doch zuvor bereits erklärt, dass hier jetzt Halteverbot ist und ich zum Parkplatz kommen könnte.“

„Stefan, du musst mir nicht immer widersprechen, nicht wahr. Das verstehst du nicht, okay.“

„Okay.“

„Und kein Wort zur Mutti, nicht wahr. Sonst gibt’s Ärger!“

„Okay.“

„Diese Säcke von Politiker. Klauen mir permanent mein Geld und ich bezahl mit meiner Freiheit! Aber die können was erleben. Im September kriegen die von mir die Quittung! Da vergeht denen noch deren Gefasel! Und Stefan, kein Wort zu Mutti, verstanden?!“

Sprach’s und drückte das eiserne Gaspedal bis zum Anschlag durch.

Revenge is a dish best served cold

Jeder hatte drauf gewartet: auf die Zeitlupenstudie, die sogenannte SlowMo-Studie. Man nimmt Bilder mit einer Hochgeschwindigkeitskamera auf und spielt sie dann nur halb so schnell wie gewöhnlich ab. Was bei Bienen und Blumen noch faszinierend ist, hat am Bankautomaten den Hauch von einem Fußballspiel wie Deutschland gegen Island im strömenden Regen bei ausgefallener Heizung im eigenen Mietshaus im Januar. Da stand er nu am Bankautomaten und las wohlmöglich Zeile für Zeile, was ihm der Monitor vor ihm präsentierte. Und einer Super-Zeitlupenstudie gleich versuchte er seine Geheimzahl einzutippen. Und was passierte? Genau! Der Automat brach ab und warf die Bankkarte raus. Aber der Mann hatte ja die Ruhe weg: nahm die Karte raus und führte sie gemächlich wieder rein. In Super-SlowMo. ARD, ZDF und deren Zuschauer der ersten Reihe wären vor Neid blasser als blass geworden.

Himmelherrgottsakrament! Geht es noch langsamer? Meine Geduld war fast am Ende:

„Wenn’se noch länger brauchst, sag Bescheid. Ich muss dieses Jahrhundert noch sterben!“, raunzte ich ungehalten.

Und tatsächlich: der Mann drehte sich zu mir um, stierte mich eine Zeitlang an und drehte sich dann wieder zum Automaten um. Er war besoffen. Eindeutig. Aber so was von besoffen, da passte zum Koma höchstens maximal ein 30 Gramm pro Quadratmeter dickes Blatt dazwischen. Er war derjenige, den jeder mit Neid belegt, weil er Neujahr nicht am Ersten eines Januars beendet, sondern auch noch die Eier hat, am zweiten Tag das Jahres das neue Jahr weiterhin enthusiastisch zu begrüßen. Trotz Terror am Bosporus, Smogalarm in München und roten Ampeln zur Arbeit. Er hatte nichts gesagt, aber sein Blick war eindeutig herausfordernd und sagte im Grunde alles. Zumindest mir jedenfalls. Und so etwas, so was lasse ich nicht auf mich sitzen! Niemals! Auch nicht den Hauch eines Blickes!

„Hey, mach voran oder fick dich ins Knie!“ Ich bin ein wirklich höflicher Mensch und sehr angenehmer Zeitgenosse, aber was zu viel ist, das ist zu viel. Eindeutig. Ich habe meine Zeit ja auch nicht gestohlen.

„Wohin soll er ficken? Ins rechte oder ins linke Knie?“

Diese feine zarte Stimme verwirrte mich. Sie kam direkt von hinter mir. Ich drehte mich um und sah die junge Frau, die mich mild lächelnd ansah.

„Äh, wie, äh, Knie, äh?“

„Sie sagten, er solle sich ins Knie ficken. Aber Sie sagten nicht, in welches. In sein rechtes oder sein linkes? Oder gar in eines der Ihren?“

„Was? Der soll mal hin machen! Ich will schließlich auch noch meine Geld abheben! Ich hab‘ nicht ewig Zeit!“

„Aber so ein Fick ins Knie dauert doch. Und sollte auch befriedigend sein, nicht wahr? Oder haben Sie es nicht so mit befriedigenden Ficks?“

Die Frau hatte nen Schuss weg. Hatte die mich nicht verstanden? Ich redete doch nicht von Geschlechtsverkehr oder ähnlichem, sondern von Dingen, die jedem geläufig sind. So wie damals, als Götze die Argentinier gefickt hatte: Brust, Spitze, Tor, Weltmeister!

„So gehen die Gauchos, die Gauchos, die gehen so. So gehen die Deutschen, die Deutschen, die gehen so!“ 2014 war ich in Berlin beim Empfang der Nationalmannschaft und hatte den Tanz mitgemacht. Wie haben wir beim Tanzen die dummen Argentinier gefickt. Nun ja. Letztendlich hatte der Tanz dann mich gefickt und ich dazu den dummen Hexenschuss erhalten. Seitdem weiß ich, was „So gehen die Deutschen, die Deutschen, die gehen so!“  hieß: gebückt gehen, unter Schmerzen, bis zum Rot-Kreuz-Wagen. Gefickt vom WM-Pokal-Jubel. Egal. Mann wird ja nicht alle vier Jahre Weltmeister. Ein Hexenschuss ist da nur ein Beistrich der stolzen Fußballgeschichte.

Aber das hatte nichts mit Knie-Ficken zu tun. Ich schaute die Frau noch immer entgeistert an.

„Aber ich meinte das doch nicht wörtlich, das Knie-Ficken.“

„Ach wirklich? Aber ich habe doch genau gehört, dass Sie sagten, dass er …“

„Ja, ja, ja, ja, aber das war nur metaphorisch gemeint.“

„Meta-was? Sie müssen nicht hier mit Ihrem Abitur rumstrunzen, nicht wahr. Nicht jeder ist so schlau wie Sie.“

„Das war bildlich gemeint. Also nicht wörtlich. Sondern eher so im übertragenden Sinne.“

„Sie ficken also im übertragenden Sinne? Auf welcher esoterischen Kamasutra-Schule waren Sie denn?“

Das Gespräch wurde mir zu viel. Und der Mann holte sowieso gerade sein Geld aus dem Schlitz. Etwas mühsam fädelte er EC-Karte und Geldschein in sein Portemonnaie ein und machte mir wankend den Weg frei.

Ich trat vor, fieselte meine Karte aus meinem Portemonnaie heraus und führte sie zielsicher in den Schlitz ein. Alte Routine.

„Und jetzt ficken Sie den Automaten?“

„Könnten Sie mal für eine Minute Ihre Klappe halten?“, während der Automat hinter mir meine Karte gierig eingesogen hatte, drehte ich mich um und fixierte sie mit einem Blick, von dem ich annahm, dass er der Grimmigste der Welt sein würde, den ich je zustande gebracht hatte. Dabei nahm ich nahm die Menschenschlange hinter ihr wahr. Alle darin hatten diesen Blick von „Was ist denn das für einer?“ Einer hielt sogar sein Smartphone verdächtig telefonierbereit in seiner Linken. Da lag eine latente Gewaltbereitschaft in der Luft. Alle gegen mich. Keiner für mich. Und das in dem sehr engen Raum mit nur einem Geldautomaten. Eine Atmosphäre zum Zerreißen gespannt wie in einem Boxring. Der perfekte Ort um einem öffentlichen Lynch-Mob zum Opfer zu fallen. Am helllichten Tag. An der Futterstelle des Volkes.

Der Automat hinter mir fiepte ungeduldig. Wobei, Geduld ist keine Automateneigenschaft. Automaten reagieren nur technisch, den Regeln der Programmierung folgend, und dieser Automat hinter mir wollte lediglich meine Geheimzahl. Zögernd drehte ich mich um. Unbehaglichkeit schlich mir meine Beine empor, einem potentiellen Lynch-Mob hinter mir einfach so den Rücken zu zu kehren. Ich versuchte mich, an meine Geheimzahl zu erinnern. 3-8-1-9? Oder doch eher 3-9-1-8? War es nicht die Kombination der Alterszahlen von meinem Bruder und dessen Ehefrau bei deren Hochzeit? Aber wann hatten die nochmal geheiratet?

„Och, jetzt kann er nicht mehr“, tönte es von der Frau in einem vorgetäuschtem, bedauerlichem, Mitleid erheischendem Ton: „Hat er wohl grad mal wieder ein Hängerchen, wenn’s drauf ankommt, nicht wahr?“

Ich widerstand dem Impuls, mich umzudrehen und die Frau mit beiden Händen gewaltsam und brutal gegen die hintere Wand zu drücken. Stattdessen kratze ich mich ratlos am Kopf. Einmal. Zweimal. Dreimal. Mehrmals. Und wie beiläufig bemerkte ich: „Mist. Ich wollte doch nur etwas Geld abheben, um das Shampoo gegen meine Kopfläuse zu kaufen.“ Und ich kratze mich nochmals ausgiebig am Kopf, ignorierte die Leute hinter mir, hüstelte noch ein wenig und grinste in mich hinein.

Der Automat stellte mir einen Countdown von 10 Sekunden, bevor er alles abbrechen würde. 3-8-1-9 oder doch eher 3-9-1-8? Ich kratze mich nochmals am Kopf. Mir fiel es nicht mehr ein. Der Automat fiepte ungeduldig.

Hinter mir war es seltsam ruhig geworden. Ich drehte mich um und sah … niemanden. Ich war der einzige im Geldautomaten-Kabuff. Offenbar hatten es alle Wartenden schnell und geräuschlos verlassen. Wegen meiner einfach dahin gelogenen Kopfläuse. Recht so.

Aus einer guten, frohgestimmten Laune heraus tippte ich 3-8-1-9 ein. Gewonnen. Der Automat spuckte mir 100 Euro raus. Ich steckte das Geld ein und verließ den Kabuff. Mein Weg führte ins gegenüberliegende Restaurant. Wiener-Schnitzel mit Preiselbeeren. Darauf hatte ich mich den ganzen Tag gefreut. Der Tisch an der Eingangstüre war wie geschaffen frei für mich. Ich hockte mich nieder, der Kellner kam und ich bestellte. Nur, er hielt Abstand.

„Entschuldigung, Sie haben Kopfläuse, nicht wahr. Ich muss Sie leider bitten zu gehen. Ich muss an meine Gäste denken.“

Ich spürte wie meine Kinnlade in die Etage nach unten hinein wechselte. Erst wollte ich protestieren, aber mir fiel nichts ein. Mit geöffnetem Mund schaute ich ratlos am Kellner vorbei und entdeckte die junge Frau aus dem Geldautomatenkabuff. Mit flacher rechter Hand schlug sie auf ihre linke Faust. Beständig. Immer wieder. Grinsend und trotzdem gleichzeitig finster blickend. Leise drang aus jener Entfernung das dumpfes Geräusch des Aufeinandertreffens der flachen Hand auf die geschlossene Faust an mein Ohr. Ein Geräusch wie beim Ficken.

Der Kellner behielt den Abstand zu mir. Mit beiden Händen wies er mir den Weg nach draußen. Ich erhob mich, verließ das Restaurant und ich wusste, was ich war:

Gefickt.

Postfaktische Weihnachten

Ein Kinderkoelsch

„Alles voll.“

„Alles voll?“

„Alles voll. Der Altpapiercontainer, die Biomülltonne, der normale Müllcontainer. Alles voll. Auch der Altglascontainer, der Gelbe und Altmetallcontainer daneben, ebenso am Überlaufen.“

„Weihnachten.“

„Jo. Frohe Weihnachten. Unser Mietsblock ersäuft im Müll.“

„Nur die Häppchen und Schnittchen angeschaut und dann alles weg geschmissen?“

„Schlimmer! Erst das zweistündige Essen und danach all die Verdauungsgetränke. Und kein einziges Kölsch dabei. Grauenhaft.“

„Ich hatte Rindsrouladen an einem Knödel mit Feldsalat und nen passablen Rotwein.“

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Während heute Stephanus gesteinigt wird, …

„Du hast gar keine Chance, nicht zu leben. Du lebst heute schon woanders. Du lebst auf deinen Sohn, auf deiner Tochter. Du lebst auf allen Leuten, bei denen dein Herz etwas schneller geht.  Weiterlesen

Wenn Extremisten und ihre Sympathisanten brutal zuschlagen, …

… dann ist es erforderlich, endlich mal Solidarität mit den Opfern  (< 80%) zu zeigen. Weiterlesen

Kneipengespräch: Und willst du nicht mein Bruder sein, breche ich dir das Nasenbein

Tresen 0

„Kenn ich dich? Stalkst du mich?“

Er saß neben mir und starrte mich bedrohlich drohend durchdringend an. Ich hatte ihm ungefragt in sein überhebliches, nationalistisches Geschwafel reingequatsch und sein unreflektiertes Alphamännchen-Gehabe gestört.

„Nein. Aber du wünscht dir nachher, dass ich du mich nicht kennengelernt hättest.“

„Du willst mir drohen?“

„Dir kann man drohen? Du bist es doch immer, der droht, wenn er meint, er sei in seiner Meinung bedroht, nicht wahr. Der Wutbürger im eigenen luftleeren Hirnraum.“

„Pass mal auf, Bürschlein, …“

„Bürschlein ist nicht mein Name. Etwa der deine?“

„Arschloch! Ich heiße Oliver.“ Weiterlesen