In die hohle Hand geschi … ckt – oder: Mr. Hankey, der Weihnachtskot, und sein Abstecher vom South Park in den Davert-Park

»… und dann setzen die sich auf der Bank und saufen sich deren Köppe voll.«

»Ja und?«

»Die saufen so viel, dass die nachher deren Gläser und Flaschen zerschlagen oder fallen lassen. Und dann machen die deren eigenen Dreck nicht weg. Ich hasse diese 1.-Mai-Pättkesfahrer.«

»Und?«

»Wer muss denn dann den Dreck wieder weg machen? Wenn ich es nicht mache, dann bleibt dort alles voll mit Scherben liegen.«

»Naja, die haben schon einiges an Alkoholika in deren Köppe halt.«

»Das ist egal. Das ist keine Entschuldigung. Die sollten ihren Mist selber wieder weg machen! Aber die kümmern sich einen Scheiß-Dreck darum. Am Ende muss ich mich drum kümmern und die Umgebung der Bank säubern. Und ich habe keine Zeit dazu, ich muss bei mir auf dem Hof arbeiten, da habe ich genug zu tun. Zudem habe ich keine Zeit, am 1. Mai mit Bollerwagen auf Sauftour zu gehen. Wenn ich feiere, habe ich Einkommensverlust. Und wenn ich feiern will, dann nicht um zu saufen!«

»Aber die Bank steht doch nicht auf deinem Grund und Boden. Darum muss sich das Dorf kümmern. Das ist nicht deine Aufgabe.«

»Ach, die kümmern sich doch nen Scheiß-Dreck drum. Wenn ich es nicht mache, wer würde es sonst schon machen? Das geht immer alles von meiner Arbeitszeit ab.«

»Also gehst du immer nach jedem 1. Mai dorthin, also am 2. Mai, und machst dort sauber?«

»Nicht mehr. Seit drei Jahren gehe ich am Vorabend dahin und lege dort meine Kacke aus.«

»Was machst du?«

»Ich lege meine Kacke aus. Damit es an der Bank stinkt und sich am 1. Mai keiner dort hinsetzt.«

»Nochmal, was machst du? Du kackst dort in der Nacht vom 31. April auf den 1. Mai? Damit am 1. Mai dort keine Flaschen zerdeppert werden?«

»Ja und? Wenn ich mich nicht drum kümmere, wer kümmert sich denn dann schon drum?«

»Nochmal: du kackst dort, damit sich die Mai-Wanderer und Mai-Pättkesfahrer mit Bollerwagen dort nicht ausruhen? Das ist doch n Witz von dir, oder?«

»Nein. Das ist mein totaler Ernst. Es geht hier auch um Umweltschutz. Damit die 1. Mai-Wanderer die Gegend nicht zumüllen. Die Umwelt muss vor solchen Idioten geschützt werden.«

»Deshalb kackst du am Vorabend dort hin? Hab ich das echt jetzt richtig verstanden?«

»Natürlich kack ich nicht dort hin! Was glaubst du, wer ich bin? Ich bin doch kein Asozialer!«

»Sondern?«

»Ich hab doch Kultur, oder was meinst du denn?«

»Was machst du denn dann?«

»Ich seil mir zu Hause auf dem Klo einen ab, nimm es und verpack das ganze in Toilettenpapier …«

»Was machst du?«

»… und dann bring ich das Paket zur Bank und verschmier es dort.«

»Was? Nicht dein Ernst, oder?«

»Ja, das mache ich.«

»Nochmal, du kackst auf dem Klo zu Haus ins Toilettenpapier, wickelst es ein und bringst das Paket 500 Meter entfernt zur Bank, öffnest es dort und verschmierst es um jene Bank herum?«

»Ja und? Was ist denn schon dabei? Alles Bio. Der nächste Regen spült es wieder weg. Und die Bank bleibt frei von Glas- und Flaschensplittern, die ich dann nicht wegmachen muss.«

»Das, das glaub ich nicht. Du bist doch bescheuert. Das meinst du doch nicht ernst, oder?! Das ist doch nur ein dämlicher Witz von dir, oder?!«

»Doch! Morgen ist der 1. Mai und ich hätte fast vergessen, die Bank zu schützen.«

»Moment, wir kommen gleich an der Bank vorbei gefahren, dann kannst du dich dort hinhocken und kacken. Nimm das Gras zum Abputzen und zum Verschmieren deiner Kacke. Das wäre dann total bio.«

»Du bist derjenige, der echt wirklich bescheuert ist! Ich wird doch nicht mich dort zum Kacken hinhocken. Glaubst du echt, ich bin ein Assi, oder was?«

»Aber das wäre doch erheblich einfacher, und du müsstest nicht mit einem Paket dort hingehen und alles verschmieren. Das kannst du doch gleich direkt machen.«

»Du bist wirklich ein Idiot! Meinst, ich bin so einer wie diese asozialen Mai-Gänger mit deren Bollerwägen, die sich wie die Löcher besaufen und dann im Suff die Umwelt mit deren Flaschenscherben versauen? Diese Asozialen, die immer zum 1. Mai die Sau rauslassen, aber ansonsten brav auf gut bürgerlich machen und ach so umweltfreundlich tun?«

»Äh, nee. Aber ich dachte, es wäre effektiver, statt erst auf dem Klo, direkt und ohne Papierhinterlassenschaften … da kommt die Bank, wir fahren gleich dran vorbei. Es ist bereits dunkel, ich kann hier kurz anhalten und dich rauslassen.«

»Fahr weiter, du Arschloch! Ich hätte nie gedacht, dass du mich für so einen Assi halten würdest! Typisch für euch Bayern. Bei Söder könnt ihr vielleicht sowas wie der Söder machen, aber hier nicht! Hier ist nicht Söder-Revier.«

»Gut, gut, ist ja gut. Sorry, ich dachte ja nur.«

»Wenn du mal denkst, Katastrophe, immer! Solltest du mal drüber nachdenken!«

Er stieg aus meinem Auto aus, als wir vor der Haustür seines Hofes angekommen waren. Ich sollte kurz warten, dann könnten wir zur Aussegnungshalle fahren und darauf zum Abendessen, erklärte er mir. Er müsse nur sich umziehen, dann käme er runter und wir könnten ins Dorf fahren.

Ich wartete also.

Zehn Minuten darauf, dann kam er angelaufen. In seiner rechten Hand hatte er etwas, was mir auf dem ersten Blick entging.

»Kann ich damit in dein Auto einsteigen?«

»Was’n das?«

»Hab ich dir doch erzählt: das ökologische Gegenmittel gegen Scherben an der Bank durch jene Umweltsäue.«

Ich schaute genauer hin. Er hielt in seiner rechten Hand etwas, was in Klopapier eingewickelt war. Mir schauderte. Wie der ungläubige Thomas des Neuen Testaments: Hätte ich es nicht gesehen, ich hätte es nie geglaubt, sondern nur das ganze als gespielten Witz erachtet.

Nein, ich ließ ihn nicht einsteigen. Sein Blick wurde ernsthaft sauer und stach auf mich ein. Seinen ärgerlich-beleidigenden Worten nach, an mich hingerotzt, es bestand kein Risiko für mein Auto. Und dass ich ihn die 500 Meter nicht dort hinbringen wollte, dass empfand er als Arroganz meinerseits und als Affront der hehren Absicht seinerseits. Er drehte sich ab und rannte los, Richtung jener Bank. Ich starrte ungläubig aufs Cockpit meines Autos, die digitale Anzeige verwandelte sich in Numerologie und Tarot-Karten und innerlich suchte ich darin erfolglos nach Erklärungen.

Kurzer Zeit später kam er zurück, außer Atem, aber nicht atemlos. Für einen fast 60-jährigen war er vollkommen körperlich fit.

Nebenbei, meine Arroganz, also jene für ihn so unerträgliche, sie vergrößerte ich wohl noch erheblich mehr. Denn Abendessen wollte ich nicht mehr. Vernünftig verargumentieren konnte ich es seiner Meinung ihm gegenüber nicht. Weswegen er mir riet, dass ich mir Gedanken machen sollte, warum ich immer Abende anderer Menschen verderben würde und keiner mit mir rausgehen wolle.

Ich fuhr zurück ins Hotel. Während der Fahrt grübelte ich nach, ob ich das Ganze vielleicht nicht doch geträumt haben könnte. Hatte ich nicht. Es war das wirkliche Leben.

Kneipengespräch: Die Frau am Klavier

»Und dann betrat ich den Raum. Den nannten wir damals alle “Das Beste Zimmer”. Gäste wurde dort empfangen, spontaner Besuch zu einem Likörchen oder Kaffee rein gebeten. Es hieß nicht einfach “Wohnzimmer”, sondern immer “Das Beste Zimmer”. Es enthielt ein rotes Sofa für drei Personen und zwei rote Ohrensessel, links und rechts davon, drei Stühle mit rotem Polster und einen braunen großen Zier-Tisch, der recht zu niedrig als Esstisch war. Daher wurde er bei offiziellen Essen mit dem aus der Küche ausgetauscht und es kamen auch passende Esstisch-Stühle rein. Aber das Sofa und die Ohrensessel blieben. Es war eben “Das Beste Zimmer”.

Gegenüber dem Sofa stand das Klavier. Kein Erbstück. Ein Geschenk. Bekannte meines Vaters, ein Ehepaar aus Münster, hatten es meiner Familie überlassen. Mein Vater hatte das Ehepaar bei seiner Flucht aus Schlesien kennengelernt und war mit ihnen eng befreundet. Der Mann arbeitete in Münster in einer Bank und hatte ihm zu einem Notkredit verholfen, obwohl er es nicht hätte machen dürfen. Mein Vater war ihm dafür stark verbunden, weil er deswegen nicht bankrott ging. Der Kredit hatte ihm übers Wasser geholfen, der Mann des Ehepaares erhielt Schwierigkeiten deswegen, denn mein Vater war nicht als kreditwürdig eingestuft. Anfang der 70er zog das Ehepaar von Münster ins Allgäu nach Kempten. Das Klavier wollten sie nicht mitnehmen. Weder sie spielten darauf, noch deren zwei Kinder. Zudem waren sie der Meinung, meines Vaters zwei Söhne sollten Klavier spielen erlernen, denn den Blockflötenunterricht in der Grundschule empfanden sie nur als Quälerei an der Kunstform »Musik«. Mein Bruder hatte Blockflöten-Unterricht. Er schaffte es bis in die elitäre Blockflöten-Gruppe der Kirche, die zum Hochamt immer ein Kirchen-Lied mit deren Blockflöten zum Lobe Gottes interpretieren durften. Ich selber fing direkt mit dem Klavier-Spielen an.

Kennen Sie das alte Lied von Johannes “Jopi” Heesters noch? Weiterlesen

Die Nacht ohne Morgen, am Tag ohne Sorgen

In leuchtendem Weiß stand Michazrael neben dem in weiß leuchtenden Gaphrael. Von hinten schien die lodernde Gestalt Mattatron, dessen Feuer alles überstrahlt.

Michazrael: Oh Gott, da kommt wieder der Angeber mit einem neuzeitlichen Doppelklingen-Lichtschwert.

Mattatron: Das habe ich gehört! Du sollst nicht nehmen des Herrn und Gebieters abwertenden Menschenbezeichnung in deinem Mund.

Gaphrael: Komm, Mattatron, mach dich mal locker und atme mal durch die Hose.

Mattatron: Hose? Was ist das? Kannst du nicht sehen? Mein goldenes Gewand ist keine stupide Hose. Weiterlesen

Pustefix als Lebensprinzip auf dem Misthaufen

Hallo Welt!

Wir schreiben den 4. Januar 2022 und heute ist der internationale Tag der Brailleschrift und der internationale Welthypnosetag.

Garantiert denkt nun der ein oder andere Mensch: “Was geht mich das an? Ich lese eh nur den neusten Informationen auf Instagramm. Manipulieren und belügen lass ich mich nicht, nicht wahr“.

Und mit Sicherheit kommen dem andere oder einem Mensch folgende Gedanken: “Spezieller Tag für Social-Media-Blasen: #heuteschoneineblaseerzeugt #blasenfürblasenfetischisten, #jedertagisteinwelttag.”

Zudem fühlt sich manch ein anderer Mensch als Alphatier und äußert sich seiner Mitwelt mit Allgemeinplätzen wie: “Menschen sind aktuell kaum noch zugänglich, nicht erreichbar, einfach in ihrer Blase gefangen.”

Ich selber denke mir nur dazu mein Teil: “Was wäre ein Mensch ohne Blase? Tot? Hat nicht jeder sein Weltthema? Sein Thema, seine individuelle Blase? Ist nicht jeder Mensch ein Einzelwesen?”

Weil sich zuvor erwähntes Alpha-Wesen in seiner Deutungshoheit erheblich gestört und in seiner Definier-Freiheit eingeschränkt fühlt, tönt es mit an Wahrscheinlichkeit grenzender Sicherheit ein “Ich nicht!”.

Denn Alphatiere haben keine Blase. Alphatiere haben es sich von Chuck Norris abgeschaut: Chuck Norris hat keine Blase, pinkelt deshalb auch nicht und organisiert deshalb seine Hinterlassenschaften immer nur in großen Haufen.

Welthypnosetag. Und alle starren hypnotisiert auf den großen Haufen Mist und warten jetzt auf das selbsternannte Alphatier der Herde, welches sich dort mitten drauf als Blasen-Beherrscher positionieren wird. Denn kräht der Hahn auf dem Mist, ändert’s sich das Wetter oder es bleibt, wie es ist.

Unabhängig von den Zentren der Misthaufen-Blase existiert die Braille-Schrift, wenn sich Menschen mit Augenlichtproblemen ihre Umwelt u.a.a. mittels Braille-Schrift-Literatur erschließen. Zudem lässt sich mittels Hypnose hilfreiche Umwelten erschaffen, in der ein Mensch für sich Hindernisse minimieren kann und an Lebensqualität gewinnt.

Klar kann man so etwas (also Braille und Hypnose) ebenfalls als “Blase” und somit als Randgruppenbedarfsversorgung klassifizieren, weil es die Mehrheit der Menschen nicht benötigt. Allein, manche Menschen, welche als Hahn auf einem erhöhten Punkt gerne ihre Wahrheiten rauskrähen wollen, finden es immer besser, nur bei anderen Menschen von “Blasen” zu sprechen. Denn so ein Hahn lief in seiner Kindheit den Blasen vom Pustefix hinterher, um jene dann mit spitzen Finger zum Platzen zu bringen. Wenn die Pustefix-Blase das Kind nicht wohlig umgeben wollten, dann hat das Kind jene kaputt gepatscht oder per Fingerzeig zum Platzen gebracht. So ein Hahn lernt auch in seiner Kindheit enorm viel und recht einfach, was es ihm rechtfertigt, das Prinzip in seinem hohen Alter kompromisslos anzuwenden: Lebensprinzipien als verlängerter Arm einer mutmaßlichen glücklichen Kindheit.

Und dann gibt es diejenigen, die beim Wort “Blasen” nur einen Hashtag kennen: , #lieberbjstattwiederneblase.

Blasen folgen/folgt einem einfachen Prinzip

Energy flows, where attention goes.

(Energie folgt der Aufmerksamkeit)

Mal schaun, wie viele Alpha-Wesen dieses Jahr bei mir auftauchen werden, um mit Ratschlägen für Eskimos zu protzen, wie Eskimos in Alaska Vorsorge vor dem nächsten Kälteeinbruch betreiben können. Oder wie ich Eulen in LKWs organisieren muss, um diese erfolgreich nach Athen zu tragen, um mir das Blasen-Geschäft meines Lebens zu vermitteln. Letztes Jahr tauchten diese Alpha-Wesen bei mir immer wieder auf, um ihre Pustefix-Lebenserfahrung unterzujubeln.

Dabei hatten jene Alpha-Wesen lediglich nur ein Talent: “Ghosting”. Einfach kurz mal auftauchen plus erneuter Kontaktabbruch. Alphatiere sind so leicht berechenbar wie jene Blasen, die solche kurz bei deren Pustefix-Aktion erzeugt hatten …

Notstandsbekämpfung

[…] Neulich sah ich ein Haus. Es brannte. Am Dache
Leckte die Flamme. Ich ging hinzu und bemerkte
Dass noch Menschen drin waren. Ich trat in die Tür und rief ihnen
Zu, dass Feuer im Dach sei, sie also auffordernd
Schnell hinauszugehen. Aber die Leute
Schienen nicht eilig. Einer fragte mich
Während ihm schon die Hitze die Braue versengte
Wie es draußen denn sei, ob es auch nicht regne
Ob nicht doch Wind gehe, ob da ein anderes Haus sei
Und so noch einiges. Ohne zu antworten
Ging ich wieder hinaus. Diese, dachte ich
Müssen verbrennen, bevor sie zu fragen aufhören. Wirklich, Freunde
Wem der Boden noch nicht so heiß ist, dass er ihn lieber
Mit jedem andern vertauschte, als dass er da bliebe, dem
Habe ich nichts zu sagen. […]

aus “Das Gleichnis des Buddha vom brennenden Haus”, Berthold Brecht, 1937

Der päpstliche Fasteleer (Teil 2)

Joseph. Auf Deutsch: “Gott vermehre”. Im Rheinland nennt man diesen Vornamen auch Jupp, in Bayern Sepp und in Spanien Pep. Sprachgourmands fällt bereits auf Zwei “p”s im Vornamen kommt immer gut. Wie bei “Pömpel”, “poppen” oder “Papst”.

Aloisius (auf Deutsch: “ganz weise”) dagegen … in meiner Schule im Westfalenland hatte ich einen Mitschüler, der diesen Namen trug. Und alle – von Eltern über Pastor bis hin zum Lehrer – sprachen ihn “Alo-i-sius” aus. Knappe 600 km südlich beharren Eltern, Pastoren, Lehrer und Päpste darauf, dass dieser Vornamen “A-läu-si-us” ausgesprochen wird. Was will man auch machen in einem Bundesland, welches versucht sich die Zunge mit “Blaukraut bleibt Blaukraut und Brautkleid bleibt Brautkleid” zu verknoten, während der Westfale leicht angeödet lediglich ein “Rotkohl bleibt Rotkohl und Brautkleid bleibt Brautkleid” verkündet, um sich danach seine Zunge mit einem Pils und nem Korn zu verknoten. “Alo-i-sius” oder “A-läu-si-us”, das ist schon ein bedeutsamer Unterschied, so wie “Karneval” und “Fasching”. Oder “Knäppchen” und “Scherzerl”. Wichtig ist, um was es dabei im Eigentlichen geht.

Joseph Aloisius. So ein Vornamenkonvolut geht ratzfatz am Standesamt eingetragen und bleibt dem Jungen dann mal eben fünf Dutzend Jahre hängen. Unserm Joseph Aloisius Ratzinger. Unserm Joseph Aloisius, der Ursache für den Aufmacher mit den zwei “p”s: “Wir sind Papst”. Vergelt’s Gott.

Je mehr man sich mit den Verlauf der Geschichte des Papstes Benedikt XVI., unserm Joseph Aloisius Ratzinger, anschaut, so mehr habe ich den Eindruck es war immer schon ein Fangen-Spiel. Oder Fangerl-Spiel, wie der Bayer zu sagen pflegt. Und seine Ankündigung, die als Rücktritt aufgefasst wurde, erscheint mir eher dem Wort “Aus” (“Freio”, “Wupp”, “Haus”, “Klippo”), welches Kinder für einen Ort beim Fangenspiel (Greifen, Haschen, Nachlaufen, Fangkus etc.) ausrufen, an dem man “sicher” ist. Bei jener Ratzinger-Erklärung im Februar 2013 könnte man dessen zeitlichen Umfelds niederträchtiger weise die Züge eines gigantisch historischen Karnevalsstreichs unterstellen.

Jetzt sollte man wissen, dass unser bodenständige bayrische Sepp (“Holleri du dödel di diri diri dudel dö”) und gleichzeitig himmlischer Aloisius (“Wann krieg na i wos z’tringe? … Luhja! Sacklzementhalleluja! Luhja, sog i! Mei Lieber Luja!”) eine besondere Vergangenheit hat. Also noch eine speziellere als man dessen Vitae eh als besonders ansieht.

Was hat der Seppeli Aloisili gemein mit folgenden Personen? Franz Josef Strauß, Bruno Kreisky, Helmut Kohl, Hans-Dietrich Genscher, Norbert Blüm, Jürgen Möllemann, Edmund Stoiber, Roman Herzog, Horst Seehofer, Markus Söder?

Na? Ihr grübelt noch? Dann noch ein paar Namen zusätzlich: Andreas Gabalier, Heino, Till Schweiger, Thomas Gottschalk, Aenne Burda, Vitali Klitschko und Wladimir Klitschko?

Immer noch nichts? Keine Idee, was alle verbindet? Keine göttliche Eingebung? Ausnahmsweise noch ein paar Namen: Werner Finck, Vicco von Bülow, Sir Peter Ustinov, Ephraim Kishon, Emil Steinberger, Rudi Carell, Hape Kerkeling, Michael “Bully” Herbig, Dieter Hallervorden?

Nun, die alle und noch viel mehr, wurden sie von der Münchner Faschingsgesellschaft Narrhalla mit dem “Karl Valentin Orden” ausgezeichnet. Und der Ratzinger-Sepp hat ihn ebenfalls umgehängt bekommen (Foto). Der Grund? Seitens Ratzinger gab schon immer eine innere Verbindung zu Karl Valentin. Im Sommer 1948 ging er auf einer Pilgerfahrt nach Planegg zum Grab von Karl Valentin 15 km zu Fuß. Als er dann vierzig Jahre später seinen Ausspruch „Ich bin nicht befugt, aus dem Vaterunser ein Mutterunser zu machen“ tätigte, da war er fällig und die Münchner Faschingsgesellschaft fragte ihn, ob er den Orden haben wolle. Entgegengenommen hatte ihn während des Verleihungsfestakts allerdings Joseph Aloisius Ratzinger nicht persönlich, sondern seine Schwester Maria, welche dann auch Ratzingers Dankesredetext verlas. Darin erklärte er:

Eine närrische Ordnung, mit der wir uns selbst und die Ernsthaftigkeit der großen Welt verspotten, ist eine gute Sache. Und das ist auch der Grund, warum ich es gerne angenommen habe. Einige Leute haben Zweifel geäußert, ob das zu einem so seriösen Beruf wie dem meinen passt. Das scheint mir sehr gut zu passen, denn es ist bekannt, dass es das Privileg des Volkes ist, die Wahrheit sagen zu können. An den Höfen der alten Potentaten war der Hofnarr oft der Einzige, der sich den Luxus der Wahrheit LUXUS DER WAHRHEIT leisten konnte … Und da ich in meinem Beruf zufällig die WAHRHEIT sagen MUSS, bin ich sehr glücklich, nun in die Kategorie derer aufgenommen worden zu sein, die dieses Privileg genießen … „Wir sind Narren um Christi willen (1. Korinther 4:10)”.

Was hat der Valentin-Orden nun mit seinem Verzicht auf die Machtausübung als Papst zu tun?

Nun, am 11. Februar 2013 erklärte Ratzinger in seiner Rolle als Papst Benedikt XVI. seinen Verzicht auf das Regieren im Vatikanstaat für den 28. Februar.

Der 11. Februar 2013 war ein Rosenmontag. Es war der ROSENMONTAG, Rosenmontag, eine Fortsetzung der alten römischen Traditionen, in denen Sklaven und Diener für einen Tag zu Herren wurden, wo der klassische Topos der „Welt auf dem Kopf“ noch heute verwirklicht wird. Nebenbei: an einem Rosenmontag ist auch Karl Valentin 1948 (9. Februar) gestorben, zu dessen Grab Ratzinger 15 km zu Fuß hinging.

Ratzinger erklärte in einen seiner späteren Bücher, dass er sich nicht bewusst war, dass jener 11. Februar ein Rosenmontag war, obwohl er explizit zwei später die Liturgie zum Aschermittwoch geplant und durchgeführt hatte. Er meinte, er hätte das Datum auch gewählt, weil am 11. Februar 1858 gegen 11 Uhr 11 wohl die erste Lourdes-Erscheinung der 14-jährigen Bernadette Soubirous statt fand.

1858?

In den 50er Jahren des 19. Jahrhunderts fielen drei Straßenkarnevalsumzüge in Köln aufgrund staatlicher Restriktionen aus, zwei wurden gesplittet durchgeführt (weil sich die Jecken nicht auf einen großen Umzug einigen wollten) und die anderen beiden waren keiner Erwähnung wert. Erst 1858 wurde die Tradition des großen Straßenkarnevalsumzugs wieder durchgeführt, welche am Rosenmontag mit 34 Mottowagen, von Vier-, Sechs- und Achtspännern gezogen, umgesetzt wurde (… ob die Gäule danach im Rheinischen Sauerbraten Verwendung fanden ist nicht überliefert …). Mit dem Wieverfastelovend am 11. Februar 1858 um 11:11 Uhr begann der Kölsche Fasteleer.

Und am 11. Februar 1858 gegen 11:11 Uhr hatte Bernadette Soubirous ihre Vision. Natürlich in Lourdes und nicht in Köln. Seitdem gibt es dort Lourdes-Wasser In Kanister gegen teures Geld für Pilger, während Köln nur kostenloses Rhein-Wasser und Kölsch in Stangen zu bieten hat.

Interessant, welche Koinzidenzen es so in der Geschichte gibt. Das kann doch kein Zufall sein, da steckt sicherlich ein ganz großer Plan dahinter. Bill Gates kann es nicht sein, denn der wurde im Oktober geboren und Papst ist er auch nicht geworden. …

Nebenbei für die Historiker unter uns: in Bayern wäre an jenem Tag der “Unsinnige Donnerstag” gewesen, was die Bayern aber zu jener Zeit noch nicht wussten. Abends wurde in München am 11.Februar “Die heimliche Ehe” von Domenico Cimarosa zum zweiten Mal aufgeführt und alle schwelgten in Schöngeisterei. Tags zuvor veranstaltete der bayrische König Ludwig II. (ja genau, eben jener verrückte Neuschwanstein-Erbauer, welcher später im Starnberger See bei 20 Zentimeter Wasserhöhe ertrank) eine Schlittenfahrt mit einem Sechsspänner durch die Straßen Münchens, um mit seiner Gemahlin zu einem Abendessen zu gelangen.

Fasching selber wurde in München drei Tage später begangen. Als Künstlermaskenfest im ehemaligen Odeonssaal: eine italienischen Nacht im Beisein von König Ludwig II., mit dem damaligen “Prinz Carneval” (sic!) und als Höhepunkt dazu noch eine Depesche der Dresdener Künstler zum Lobe des bayrischen Königs.

Eine Verbindung zu den Visionen von Lourdes lässt sich bei allen Münchner Begebenheiten also getrost nicht feststellen. Luhja, sog i!

Zurück zu unserm Joseph Aloisius Ratzinger und seinem 11. Februar. Der 11. Februar, dieses Datum hat eine innere Verbindung, so schreiben Autor Seewald und Ratzinger in deren Buch “Letzte Gespräche” (2016; ISBN: 9783426276952; auch hier). Denn die Visionistin von Lourdes, jene Bernadette Soubirous starb am 18. April (1879; Gründonnerstag). Unser Ratzinger hat nun ebenfalls seinen Geburtstag an einem 18. April (1927; Ostermontag). Innere Verbindung.

So verbindet sich das eine mit dem anderen, das andere mit dem einem und alles mit allem, so dass Ratzinger seinen Ausspruch „Ich bin nicht befugt, aus dem Vaterunser ein Mutterunser zu machen“ tätigt und daher am 11. Februar seinen Abschiedsbrief mit zwei lateinischen Syntax-Fehlern veröffentlichte. Der katholische Teil des “Wir sind Papst”-Deutschlands hielt verstört in ihrem Helau und Alaaf inne und brachte stattdessen lediglich ein Feierbiest-trunkenes “Echt jetzt?” als Bäuerchen heraus.

Selbst von der BILD-Zeitung wird berichtet, dass sie es noch nicht mal schaffte, den naheliegenden Aufmacher “Wir Päpste treten zurück” in Schwarz-Rot-Gold zu bringen. Das wäre allerdings eh nicht so günstig gewesen, denn die Mainstream-BILDungsbüger-Leserschaft hätte einen solchen Aufmacher eh nicht verstanden. Stattdessen hätte sie ob der fehlenden Angabe der Richtung bloß ratlos auf die Buchstaben des Aufmachers gestiert, weil denen die Erklärung gefehlt hätte, gegen wen BILD mal wieder tritt.

Überhaupt ist die Geschichte vom angeblichen Rücktritt des Papstes Benedikt XVI. eh recht schwer verständlich, weil nach kanonischen Recht das Papsttum auf zwei Bereiche (munus und ministerium) sich erstreckt und er wohl nur einen Bereich aufgegeben hat. Oder einfacher, betriebswirtschaftlicher erklärt: das Papstamt umfasst CEO und COO. Der Ratzinger hatte wohl den COO-Bereich einfach abgegeben und den CEO behalten. Es könnte die Erklärung sein, weswegen der Kardinal Jorge Mario Bergoglio bei seinem Amtsantritt nur in Weiß erschien, statt sich in dem üblichen roten Papstroben gekleidet zu haben. Aber das ist nur eine herbeigeklaubte Vermutung, wie man sie nur an einem Donnerstag unsinnigerweise machen kann.

Egal. Fakt ist, der Papst war amtsmüde oder hatte keinen Bock mehr oder beides, und die kirchlichen katholischen Feierbiester mit Rang und Namen versammelten sich in der Sixtinischen Kapelle, um dort beim eintägigen Feiern den Zermonien-Meister Jorge zu inthronisieren. Früher wurden die Feierbiester dann auch schon mal zwei Jahre lang eingesperrt, wenn die sich nicht einigen konnten. Da war dann für diese Rock ’n Roller Feiern bei Wasser und Brot angesagt, im Jahre 1279. Sowas war damals in Rom noch machbar. Im Jahre 2013 waren die Hotelpreise für die Kardinal-Bedienstete in Rom erheblich höher, weswegen das ganze Abstimmen auch nur einen Tag lang dauerte. Man wollte ja nicht arm wie eine Kirchenmaus wieder in deren Kardinalshochburgen zurück kommen … .

Und was sagt uns das? Seit jenem Abend des 13. März 2013, noch kurz vorm Wetterbericht der Tagesschau, seit jener Zeit dürfen nun die Katholen an eine dreifaltige Gottheit (Vater, Sohn und Heiliger Geist) vertreten auf Erden durch ein zweifaltigem Papsttum (Sepp Loisl und Jorge) mit einfaltiger Einheit glauben. Einfaltig. Nicht einfältig. Also einfaltig eher so wie ein gefaltetes Blatt Papier.

Gefaltetes Papier. Wenn man gefaltetes Blatt Papier mit nem Locher stanzt, kriegt man doppelt so viel Konfetti, als wenn man es nur einfach stanzt. Dazu darf man dann aber auch nicht die Hände falten und beten, sonst wird das ganze private Konfetti-Stanzen richtig ineffektiv.

Und es wird wieder Zeit Konfetti zu stanzen. Der Elfte im Elften ist wieder eingetreten. Der Reigen beginnt erneut: Advent, Maria Empfängnis, Weihnachten, Wieverfastelovend, Rosenmontag und dann vielleicht wieder ein Rücktritt? Ratzinger war ja auch nur acht Jahre lang aktiver Papst. Warum sollte Jorge Mario Bergoglio in seiner Hauptrolle als Papst Franziskus es anders halten? Denn am Aschermittwoch soll doch alles vorbei sein. Warum auch nicht dann der jetzige päpstliche Fasteleer? Zumindest hätten dann der Seppl Loisl und der Jorge im März den dritten Mann auf Augenhöhe zum Skat spielen. Papst-Skat. Als Einsatz könnten die Einkünfte der “Brüder im Nebel” verwendet werden. Als Aschermittwoch-Spende. An darbende Personen im Vatikan. Überwiesen vom Kölner Erzbischof Kardinal Woelki, der während seiner geistlichen Auszeit sein volles Monatsgehalt von 13.700 Euro weiter erhält. Jene 13.700 Euro, die von den normalen deutschen Steuereinnahmen an ihn weiter geleitet werden. 

Und in der Tradition, dass alle acht Jahre ein Papst zurück tritt, dann wäre in acht Jahren drauf auch Schafskopfen möglich. Das würde den Bayer Seppl Loisl erfreuen. Wäre doch mal ne Anregung, für ein wenig Äkschn im Vatikan.

In der Zwischenzeit lasst uns jetzt Konfetti-Stanzen. Ist ja offiziell wieder Karneval. Und der Wieverfastelovend ist ja nicht mehr weit. Genießen wir also solange das Schisma, solange es noch lebt …

Der päpstliche Fasteleer (Teil 1)

Und es begab sich zu einer Zeit, als der Amtsinhaber seines Amtes überdrüssig wurde. Er wurde seines Amtes müde. Übermüde. So müde wie fast der Zuschauer beim Wort zum Sonntag jener müde werden kann, wenn Wetten-dass mal wieder vom Friedhof der Fernsehsendungen ausgebuddelt und als grandiose Leichenschau ausgestrahlt wurde. Und so wartete der Amtsinhaber Wetten-dass ab, wartete auf die Tagesthemen, hörte sich den Wetterbericht an, lauschte stumm der Ansagerstimme und verkündete dann die Weisheit.

Seinerzeit kam der Amtsmüde aus einem Land, in dem ab 62 für ihn beruflich Ende Gelände gewesen wäre. Nur, durch einen unglaublichen Schicksalsschlag, durch eine von der Vorhersehung unvorhergesehene Fügung, durch das unaussprechliche Wort seines angebeteten Gottes – ausgesprochen heiligerweis aber durch seinem eigenem Munde – musste der Weltenlauf in seiner Historie einen einschneidenden Moment erleben. Ein Momentum, was den Weltenlauf verändern sollte.

Dabei war die Grundlage der Weltenänderung doch so klar. Sie begründete auf den Elften im Elften eines jeden Jahres. Und nur der Heide unter den Heiden weiß nicht, was der Elfte im Elften eines jeden Jahres einläutet: das Sterben und die Auferstehung eines Sohnes eines Gottes. Direkt nach dem Wieverfastelovend. Dem Beginn des Straßenkarnevals. Der, der den Rosenmontag und den Aschermittwoch am Ende des karnevalistischen Umzuges mit dem Schlachtruf „De Zoch kütt“ folgt.

De Zoch kütt“ ist nicht nur Warnruf im Straßenkarneval für “Kamelle”-sammelnde Kinder, sich nicht überfahren zu lassen, sondern auch der Hinweis für die Katholen, dass darauf am Aschermittwoch alles vorbei sein wird. Es muss nochmals ordentlich gesündigt worden sein, denn danach folgt die Buße per Fastenzeit mit anschließendem Palmsonntag, Karfreitag, Karsamstag und Ostern. Genauer gesagt, errechnet sich der Aschermittwoch aus dem Ostersonntag, welcher Tag auf den Umlauf des Mondes in Referenz zum Frühlingszeitpunkt und dessen Stellung in Relation zur Erde und zur Sonne beruht.

Oder volkstümlicher beschrieben: der erste Sonntag nach dem ersten Vollmond nach dem Frühlingsanfang, der Tag ist der Ostersonntag. Seit nun fast 1700 Jahren ist das so. Die klassische Antwort auf die Frage vom westfälischen Lande im neumodischem Gewande: “Ich hab da noch ein paar alte Autoreifen und paar Kilo Landfolien vom Spargelanbau. Wann ist das Osterfeuer?”.

Wenn das Osterfeuer lodert und die Menschen andächtig in der schützenden Dunkelheit ihre Osterlieder – begleitet vom heimischen Blasorchester und Kirchenchor – wie bei “The Masked Singer” raushauen, dann schwingt die Seele gen Himmel und der CO2-Ausstoß des eigenen SUVs erscheint nicht mehr ganz so sträflich wie der, den das dem Christensohn gewidmete feuerliche CO2-Halleluja. Und ernsthaft: was macht schon den Unterschied zwischen einem deutschen Osterfeuer zur Abendstund im Verhältnis zu den täglichen brasilianischen Urwald-Rodungen. Genau, der Braten wird dadurch nicht fetter, wenn man hier 10.000 km entfernt mal ein paar Feuer zusätzlich anfacht.

Zurück zur angenehmeren Hinterlassenschaft der feierwütigen Gesellschaft. Also demjenigen, was alternative Medien nachdenkensweise seitenweis als unakzeptablen Hedonismus par excellence verteufeln. Verteufeln. Da sind wir gleich wieder bei der Kirche. Die sind die Experten in Sachen Teufel. Daher ist die Zeit vor Ostern auch eine ganz entscheidende. Denn da wurde eine edle Menschengestalt durch niedrigere Daseinsform mit verbrutzelten Engelsflügeln in Versuchung geführt. Dieser edlen Menschengestalt wurden SUV, Grundstücke, Aktien, Fliegzeuge und ultrakostbare Wertgestände angeboten. Diese Menschengestalt sollte sich – so liest man bei einem Zeitzeugen, der seine literarischen Ideen erheblich später in einem christlich-opportunistischem Buchverlag nach vorheriger Lektorierung und konstantinopolitanischer Geschmacksbewertung veröffentlicht bekommen hatte – also, jene semitisch-sektiererische Menschengestalt mit Passion zum Fabulieren ( – da hat er zumindest eine Basiseigenschaft mit mir gemein – ) hat drauf bestanden, dass jene verteufelte Zeit eine Fastenzeit über 40 Tage gewesen wäre. Worauf die nachfolgenden Profanmathematiker des Klerus im Vatikan runtergerechnet hatten: erster Vollmond, davor der Sonntag, minus vierzig Tage, dann ein Mittwoch, davor der Montag, dann der Donnerstag, und somit war der Wieverfastelovend fürn Donnerstag bestimmt, dann der Montag als Rosenmontag und der Mittwoch als Aschermittwoch.

Das eine bedingt das andere. Ohne Wieverfastelovend kein Rosenmontag, ohne Rosenmontag kein Aschermittwoch. Und ohne ersten Vollmond kein Ostern. Helau und Alaaf.

Kompliziert? Zur Berechnung der Daten gibt es sogar eine mathematische Formel, welche den Wieverfastelovend exakt bestimmt und somit auch Ostern.

Lange Rede, wofür der ganze Palaver jetzt?

Ein Kleriker hat immer genau zwei zentrale Daten im Kopf: Weihnachten und Ostern. Weihnachten ist für Kleriker in Deutschland trivial: am 24. Dezember wird die Kirche verdunkelt und am 26. Dezember wird jubiliert, damit man am 26. den Stephanus steinigen kann. Wer dabei fehlt, der hat es zu beichten (bei den Katholen) oder zu bereuen (bei den Evangelen am Buss- und Bettag). Vergebung wird gewährt, gegen geeigneter Spende.

Ostern ist dahingehend ein wenig komplizierter. Es verlangt für klerikalistische Anwärter zumindest einen Mathematik-Abschluss beim Abitur zuzüglich des Großen Latinums. Sonst wird man nie Landesbischof. Oder gar Papst.

Papst.

Wir sind Papst.

So titelte eine harmlose Tageszeitung mit dicken Buchstaben eines Tages protzend auf Seite 1. Der Aufmacher des Jahrhunderts. Und niemand hat es der BILD-Zeitung übel genommen. Nicht mal der Papst. Im Mittelalter wäre allerdings der gesamte Axel-Springer-Verlag dafür wegen Häresie abgefackelt worden. Und nicht nur allein die Redaktion, sondern gleich der ganze Verlag. In den 60ern des letzten Jahrhunderts wurde eben dieses seitens der Staatsmacht eben noch verhindert. Dass dann im folgenden Jahrzehnt eine Günther-Walraff-under-cover-Aktion als Reportage als Buch über die BILD-Machenschaften berichtete und Deutschland ein wenig schockierte … geschenkt … der Sportteil war dafür absolut gut … und das Mädchen auf Seite 2 … obwohl, da waren Playboy und Co in deren fotografischen Darstellung erheblich detailgetreuer …

Was Bundestagsabgeordneten abgeht, das geht auch den deutschen Bischöfen und Kardinälen ab: der Mainstream in Form dessen prägnantesten Vertreter, die BILD-Zeitung. Warum sollten Klerikale etwas anderen glauben, was tagtäglich kritische Gegenmeinungen aus den Axel-Springer-Redaktionen von BILD, WELT, etc, als non-Mainstream-Nachrichten und somit als vertrauenswürdige Nachrichten und Influencer-Statements übernehmen. Da kann man auch locker einem Bodarg oder Whakdi oder Perger glauben schenken, wenn eben jene bei jenen Springer-Mainstreammedien abschreibend ohne Quellenangabe einfach mal so widergeben.

Wie bereits von mir dem Leser insgeheim geframt, die Katholen sind recht pünktlich und genau. Besonders, wenn es um Karneval gibt. Denn ohne Sünde, gibt es keine Reue, gibt es kein Fegefeuer, gibt es keinen Stuhl der Trilliarden Gottesgerechten zu Rechten Gottes. Zu wissen, wann die Fastenzeit beginnt, das ist essentiell. Gerade in Bayern errechnete sich daraus zudem der Beginn der vatikanisch erlaubten Starbierzeit in der Fastenzeit.

Und damit niemand verpasst, wann alles vorbei ist ( – richtig: Aschermittwoch – ) rechnen die Klerikalen penibel deren Kalender durch. Denn gerade nach dem vielen Alk und der vielen Vögelei im Karneval heißt es immer: Bedenke, dass du Staub bist und zu Staub zurück kehren wirst. Daraus wurde dann der populäre Satz: “Ich kann nichts. Ich bin nichts. Gib mir ne Uniform”, der in jeden der Kriegen für die Crash-Test-Dummies eines Landes als Leitsatz postuliert wurden. Der Satz ist eigentlich ein Zitat. Das Original im Holländischen las ich in den 90ern auf einer Wand am Grenzübergang zwischen Vaals und Vaalser Quartier im Aachener Bereich.

Klerikale wissen, wann Aschermittwoch als Beginn der Fastenzeit geschlagen hat. Wann sie das Aschenkreuz in der Kirche zu verteilen haben.

Erstaunlicherweise gibt es aber einen, der es wohl nicht weiß. Begründung? Wir reden hier über Klerikale. Nicht über Menschen mit unzureichendem Bildungshintergrund. Da muss man schon aufpassen, woll!

Eben.

Amen.

Langer Reder kurzer Sinn: Wir sind Papst!

Wolln wir das? Zudem das Blatt mit der Zielgruppe derer bildungsnahen, aber denkensfernen Leser es uns allen angeklebt hat, dieses “Wir sind Papst!”?

Lassen wir doch unsern Ratziger Karl, jenem Papst in Ruhestand reden.

Ratzinger? Ist der schon tot?

Nein. Der alte Holzmichel lebt noch. Und er bildet die unsichtbare Leitplanke seines Nachfolgers. Unsichtbar allerdings auch nur dann, solange der neue Papst Franziskus (seit dem 13. März 2013) in der Spur bleibt. Als Autofahrer schätzt man Leitplanken: sie verhindern einen potentiellen Vollschaden. Allerdings beschränken Leitplanken wie Sicherheitsgurte bekanntlich als auch nachweislich die Freiheit des Menschen. Das haben die Covid-Impfgegner bereits eindeutig nachgewiesen. Nur Deppen, die Häretiker und Ungläubigen, die brauchen noch Zeit, um dies zu verifizieren. Aber die saubere Darlegung der Beweiskette aus Annahmen, Unterstellungen und Glauben, das ist nicht hier das Thema. Zumindest, wenn es um Covid geht. Religion oder Glaubensüberzeugungen sind ein anderes Themengebiet.

Ratzinger und “Wir sind Papst”.

Was hat das gemein mit dem Elften im Elften?

(Fortsetzung folgt)

Kneipengespräch: Die 3-J-Regel

Die Tür schob sich nach innen, ein Windstoß bewegte die Luft im Raum, ein Gast trat ein. Die anderen Gäste am Tresen schauten kurz auf und blickten darauf wieder auf ihre flache Kölsch-Schaumkrone in deren Stange.

Allein der Wirt stockte beim Kölsch-Stangen-Polieren und blickte fordernd den eintretenden Gast an. Der Gast bewegte sich auf den Tresen zu, ergriff sich routiniert den einzige leeren Stuhl, hockte sich drauf, nahm seine Maske ab und sprach die magischen vier Worte:

»Dun mer en Kölsch.«

»Früh, Reissdorf oder Päffgen?«

»Päffgen? Du hast Päffgen?«

»Und du schuldest hier noch drei fuffzich.«

Der Gast zog seine Geldbörse raus und legte dem Wirt einen 50iger auf den Tresen.

»Reicht das?«

»Päffgen ist aus. Reissdorf?«

»Okay, dann zwei.«

»Nimm Früh, kommt früher. Läuft besser.«

Der Nachbar schaute rüber.

»Na? Wette verloren?«

»Wie?«

»Beim letzten Mal war auf ihrem Kopf noch Vollhaar. Weiß, schütter und mittellang. Vormals alter grauhaariger, weißer Mann. Jetzt Glatzköpfiger aus dem Sonnenstudio.«

»Werter Gast«, unterbrach der Wirt und schaute den neu hinzugekommenen Gast an, »ich benötige noch ne Antwort auf dringende Bewirtungsfragen.«

»Akzeptiert. Du darfst mein Glas spülen.«

»Status?«

»Ich gehöre zu den Drei-Jott.«

»Drei Jott?«

»Jeimpft, jenesen und jetestet.«

»Aja?«

»Ich bin jenesen.«

»Nachweis?«

»Schau auf mein schütterndes Haar. Kann diese Glatze lügen?«

Der Wirt schaute ihm auf seine glänzende Billardkugel.

»Aha. Das Äußere deiner Gesinnung haste nu also haarklein angepasst? Balastbefreit?«

»Wie meinen?«

»Du Skinhead. Du Undemokrat.«

»Okay. Und was soll das jetzt darstellen?«

»Haarspalter mit rechtsextremen Argumenten. Spalter von Haaren. Auch mit ner Axt auf fremden Köpfen, wie für Patrioten üblich.«

»Na. Wir wollen doch nicht hier am Tresen Haare spalten, oder?«

»Wenn sich kein Haar in meinen Kölsch-Stangen findet und Gäste wegen rotem Kölsch sich beschweren … also: welches J haste?«

»Die Welt hat letztens sich selber entlarvend berichtet, die haben sich demaskiert …«

»Die Welt ist Medien-Mainstream und Medien-Lügenpresse. Bild-Niveau. Extra Reichelt-tiefergelegt. Wie bei Fahrzeugen: tiefergelegt geht schneller und nimmt keine Rücksicht auf nachhaltige Argumentationen. Die WELT vor unserer Haustür halt. Also. Welches J?«

»Jones.«

»Aja.«

»Indiana Jones.«

»Willst sagen, du hasst Schlangen. Dann kannst du dich jetzt in der Test-Schlange zwei Straßen weiter einordnen. Mit nem positiven Negativ-Test kriegste auch ein Kölsch.«

Der Gast lehnte sich zum Wirt rüber:

»Das letzte Gespräch zwischen uns hängt dir wohl noch arg nach, oder?«

»Gespräch? War eher ein Monolog.«

»Ja, nee, is klar. Die Wahrheit schmerzt, nicht wahr?«

»Nein. Nicht die Wahrheit, sondern deine verblendete Dummheit.«

»Die Wahrheit findest du im Internet bei den alternativen Medien …«

»PI? Nachdenkseiten? Russia Today?«

»WELT. BILD und BILD-TV.«

Der Gast fixierte den Wirt, seine Stirnfalten verkündeten Blitze und Donner.

»Wenn du dich nicht im Internet bei vertrauenswürdigen Medien informieren willst, dann ist das deines Geistes Schwäche. Du solltest mal auf andere hören statt nur den Mainstream-Medien-Lügen. Im Internet findest du die Wahrheit. Unzensiert. Wenn sie nicht gerade auf Youtube oder Facebook oder Twitter zensiert wird, dann auf den Kanälen der alternativen Medien.«

»Wie ich bereits fragte: auf den Seiten von PI oder den Nachdenkseiten?«

»Bei Leuten, die Statistiken mit deren ureigenem Wissen privat, deswegen Respekt und Vertrauen verdienen, das eigene Wissen analysieren und die verblüffenden Ergebnisse dann veröffentlichen!«

»Ureigenes Wissen? Selbst analysiert? Ist das eine Qualifikation? Hört sich nach Selbst-Referenzialität an. Hofnarren-Onanie der eigenen, nach außen verschleierten Überzeugung.«

Der Gast strich sich über seine Glatte Glatze, griff in seine Tasche und tauschte den 50er mit nem 5er aus.

»Sorry, aber du bist mir zu dumm. An dir ist Hopfen und Malz verloren. Mainstream-Trottel. Informier dich mal. Die Einsfuffzich sind für dich, Trinkgeld, aber nicht gleich alles versaufen, okay. Investier das Trinkgeld in deine geistige Zukunft.«

Der Wirt ergriff den 5er und grinste:

»Den 5er nehm ich doch glatt. Jetzt weiß ich, warum du dir ne Glatze hast machen lassen.«

Der Gast blickte skeptisch zum Wirt auf.

»Mit Glatze kann der Gedanke frei fliegen. Ohne von Haaren in seiner Freiheit beschränkt zu sein.«

»Ach ja? Und?«

»Kommt der Gedanke dann zu dir zurück, dann gehört er dir auf ewig. Nur, das wird nie passieren. Gedanken haben auch ihren Stolz. Denn du hast nur Käfige für deine Gedanken.«

Der Gast donnerte seine Faust auf den Tresen.

»Nur weil ich jetzt ein Glatzköpfiger bin, …«

Der Wirt unterbrach ihn: »Speakers room hinten rechts. Für alle, die glauben, dass hier eine Meinungszensur herrscht, Speakers-Room hinten rechts. Freier Zutritt nur für Bekloppte.«

»Nur weil ich Glatzköpfiger bin, …«

»Rasierstube ist zwei Straßen weiter rechts bei den türkischen Friseuren für die Generation U30.«

Der Gast erhob sich wortlos von seinem Hocker und schritt auf die Ausgangstür zu.

Der Wirt schaute in die Tresenrunde und fragte:

»Jemand noch ein Kölsch nach der 3-J-Regel?«

Einer hob seine Stange, dem Wirt zuwinkend:

»Hauptsach joot, jerad und jenau, dann passt et scho. Hauptsach drei-Jot.«

Leise gluckerte der Zapfhahn.

Die Rückkehr der “Cui-Bono”-Krieger

Lasset uns konjugieren:

Mein Leben läuft. // Dein Leben läuft. // Sein/Ihr/Sein Leben läuft. //

Unser Leben läuft. // Euer Leben läuft. // Ihr Leben läuft.

Es ist ein reinster Lebenslauf, dass das Leben läuft. Manchmal geht es aber auch, das Leben. Oder schleicht. Und so am Ende des Lebenslaufs geht es wieder der Erde entgegen. Der reinste Lebenslauf? Na. So einfach sollte man es sich nicht machen. „Lebenslauf einfach“ geht schon mal gar nicht. Einfach einfach kann jeder einfach mal so einfach. Mal so. So.

Lebensläufe zu analysieren ist wieder total en vogue. Der Baerbocks ihrer. Geht gar nicht, derer ihrer einer. Voll der Fehler und der eindeutig eindeutigen Hinweise, die sie disqualifizieren für den Posten des Kehrpersonals der Republik. Wie schrieb irgend so ein pseudo-investigativer Journalist mal im Internet? „Kanzlerette“. Dabei ist die Baerbock noch nicht mal „Kanzlerin“, damit dieser despektierlich verwendete Ausdruck überhaupt auf sie passen würde. Aber abgeschrieben hat er es woanders, trotzdem. Weil er weiß, dass seine Leser nicht gerade die hellsten Kerzen auf seiner Torte sind.

Ach ja? Super! Voll toll! Machste hier eine Stimme des Widerstandes wieder nieder? Und überhaupt. „Die Baerbock“? Geht’s noch, Herr Schreiberling dieses Blogeintrags? „Die Baerbock“! Die hat einen richtigen Vornamen und der lautet bestimmt nicht „die“. Und Anstand und gute Kinderstube gebietet auch, zumindest ihre Anrede zu nennen: „Frau“, wenn schon der Vorname nicht genannt werden sollte. Herr Schreiberling! Capito, stupido?? Mann, Mann, Mann.

Hm.

Das war ich jetzt nicht.

Das war mein Über-Ich. Nicht ich. Solche Einwürfe schreibe ich nicht. Okay. Weiter im Kontext und das Über-Ich von mir, dieses kleine Monster der gewissen Gewissenlosigkeit, wieder weggesperrt, in den tiefsten Kerkern meines unbewussten Bewusstseins. Was andere schon längst können, kann ich schon länger.

Wo war ich stehengeblieben? Ach ja. Beim Lauf des Lebens. Der Lebenslauf der Baerbock ist inzwischen hinreichend bekannt, ausreichend durchgekaut und mehrfach ausgespuckt worden. Und all die meinungsstarken Schreiberlinge der vorherrschenden Medien und der selbst-ernannten alternativen Medien sind sich einig: Frisieren ist gleich fälschen, und Fälschen ist kriminell. So wie beim Theodore, dem Guttenberger. Oder jetzt wie bei jener, der Annalena, dieser Baerbock. Geht gar nicht. Folglich sieht jeder auch deswegen die automatische Disqualifizierung der Frau fürs Kanzleramt. Somit ist es auch völlig okay und bleibt unwidersprochen, die Baerbock als Moses, dem Oberverbieter von „laissez-faire, laissez-aller“, darzustellen. Klandestiner Antisemitismus geht. Immer. Dann schreit auch keiner auf. Weil: böses Weibchen, ganz böses Frauchen.

Gut. Ein Blick in den Lebenslauf von Armin Laschet, den jener als Kandidat für den Vorsitz der CDU Deutschlands abgab (Stand 28-Okt-2020, abrufbar in den Archivdokumentseiten der CDU im Internet und auf den parlamentarischen Seiten NRWs), lässt putativ ebenfalls auf Frisieren schließen.

Was auffällt ist, dass Laschet in seinem Leben weder Bundeswehr noch Zivildienst absolviert hat, sondern gleich nach dem Abitur gen München ins damalige Herrschaftsreich des Franz-Josef Strauß übersiedelte. Womit sich auch Laschets Verbundenheit zu München und damit zu Herrn Dr. Söder erklärt. Und es wird dann auch klar, warum das NRW-Kabinett deren Kabinettssitzung auf Veranlassung von Ministerpräsident Laschet am 12. März 2019 bei Ministerpräsident Dr. Söder in München durchführen ließ.

Nun, dass Laschet nicht ein Jahr zur Bundeswehr gegangen zu sein scheint oder alternativ 18 Monate lang Zivildienstleistender der Gesellschaft diente, das lässt zwei Schlüsse zu: Entweder wurde er wegen seinem Jura-Studium (erfolglos, da ohne Abschluss) zurückgestellt. Oder er wurde in NRW vom Kreiswehrersatzamt bei dessen Bemusterung als Vulnerabler ausgemustert. Also Klassifizierung „T5“ wegen der Feststellung einer schweren Gesundheitsstörung (will sagen: eine Besserung des Gesundheitszustandes stand nicht zu erwarten). Oder vielleicht auch „T4“. Wegen einer Zahnspange. Oder so.

Nun gut. Herr Laschet dokumentiert drei Tage vor dem 31. Oktober in seinem Lebenslauf, dass er Mitglied des Direktoriums zur Verleihung des Internationalen Karlspreises zu Aachen war. Das galt exakt bis zum 31. Oktober 2020. Danach schied er aus. Aus dem Direktorium. Wegen der Pandemie allerdings gehörte er informell bis zur Nachholung der Verleihung des Preises 2020 auch 2021 noch dem Direktorium an. Informell. Sagt das Direktorium. Formell wird er von diesem Verein auf seinen Internetseiten seit Dezember 2020 nicht mehr geführt. Und seinen Lebenslauf hat Laschet danach auch nicht angepasst.

Oder es fällt auf, dass etwas nicht vorhanden ist: es fehlt in seinem Lebenslauf, dass Laschet als Lehrbeauftragter an der RWTH Aachen Klausuren verlor und diese dann trotzdem benotete … gut, so etwas steht maximal in dessen Zeugnis: „Herr Laschet gab sich stets äußerste Mühe, seine Aufgaben pflichtgemäß zu erfüllen. Hierbei zeichnete er sich durch Proaktivität auch gegenüber der Zukunft seiner Studenten aus“. So etwas steht natürlich nie in einem Lebenslauf. Stimmt. Gehört auch nicht dort hinein.

Oder er umschreibt seine Lebensphasen: dass er hier in München seine „Ausbildung zum Journalisten“ machte. Nebenbei, das war beim Privatsender „Charivari“ und nicht beim „Bayrischen Rundfunk“ … Privatsender „Charivari“ … ja, nee, is klar, ne … `ne Ausbildung bei der Zeitungbeilage „Prisma“, die Beilage zum TV-Programm, wäre da schon erheblich journalistischer und investigativer …

Dafür ist er aber immerhin Mitglied der „Europäischen Akademie der Wissenschaft und Künste“ in Salzburg. Liegt bei München. Also genau genommen, inoffiziell sehr knappes Oberbayern. Das hört sich nobel an. So nach „Mozart“, „Mozartkugeln“ und „Salzburger Nockerl“. Und in dieser Akademie ist er in der Abteilung „Weltreligionen“ tätig.

Und? Cui bono? Wem tut’s gut? Wer ist ebenfalls mit ihm in der gleichen Abteilung jener Akademie? Richtig. Ein anderer Münchener: Richard Marx. Der zurücktreten wollte. Den der Papst im Vatikan aber nicht ließ. Richard Marx. Nicht zu verwechseln mit Karl Marx (kein Münchner, aber schon im Himmel). Oder gar jenem Rainer Maria Kardinal Woelki (nicht Münchner, nicht Himmelaner), der Nachfolger von Joachim Kardinal Meisner. Meisner das war der, den damals schon Jürgen Becker wegen seiner Managerfähigkeiten als “Nulpe” einordnete (“In der freien Wirtschaft würde er nur als Pförtner eingestellt.” Jürgen Becker, 2007, DFL-Kultur). Und Joachim Kardinal Meisner hat Maria Kardinal Woelki offensichtlich komplett beerbt. Der Apfel stammt nicht weit vom Fall …

Also. Jener Rainer Maria Kardinal Woelki, der an einem 18. Februar zum Kardinal zu Köln ernannt wurde. An dem Tag, an welchem Armin Laschet immer seinen Geburtstag feiert. An dem 18. Februar. An dem gleichen Tag, an dem im Jahre 2014 redaktionell niedergeschrieben wurde, dass Reinhard Marx auf Lebenszeit Kardinal bleibt und was dann am nächsten Tag vom Presseamt des Heiligen Stuhls im Vatikan schriftlich verkündigt wurde.

Wird jetzt klarer, warum die Öcher Printe ohne akademischen Jura-Titel, also eben jener Armin Laschet, mehr Münchner ist als es jener hiesige, nach München zugezogene Franke mit Doktortitel, ein gewisser Herr Dr. Söder? Warum Laschet somit das volle Recht hatte, mit seinem Kabinett in jenem März 2019 seine NRW-Kabinettssitzung in München abzuhalten? Und warum Söder fürchten muss, dass Laschet als Kanzler mit der Bundeswehr in München einmarschiert und das Straußoleum (die Münchner Staatskanzlei) einnimmt und Söder zum Postboten von Baerbock degradiert? Cui bono?

Na gut. Details hinter den aufgeführten Punkten in Laschets Lebenslauf kenne ich nicht im Detail. Aber ist das kriegsentscheidend? Gehören die bisher aufgezählten Dinge etwa nicht zum „Frisieren“? Nun, wichtig ist aber lediglich: Hauptsache, sie machen dicke Backen der Empörung. Dicke Backen wie hart gekochte Kohlenhydrate an gematschten Tomaten mit Olivenöl und feinem Grünzeugs drüber. Auf Deutsch: Spaghetti Napoli. Und Krieger brauchen Kohlenhydrate. Ansonsten verhungern sie im Krieg mit den Feind, noch bevor dieser sie hätte töten können. Warum die damals durch das Kreiswehrersatzamt ausgemusterten Vulnerablen nicht trotzdem genommen wurden … sie hätten ja als Pufferweichziele verwendet werden können … Cui bono?

Ich schaue in meinen Lebenslauf. Mein Lebenslauf. Frisiert? Frisieren? Wer ich?

Hm. Herr Schreiberling, was sehe ich da? Keine Lücken? Allerdings auch kein One-Pager wie jener Lebenslauf vom Laschet. Vielmehr ein Mehr-Seiter. Und verdammt viel Text. Sozusagen eine Bleiwüste als Lebenslauf getarnt. Jaja. Und dann noch ein halbes Jahr Südamerika-Praktikum. Soso. Niemals gekündigt und niemals in einer Führungsposition. Aha. Alles so rund. So verdächtig unverdächtig. Was soll verborgen werden? Wo ist der Lebenslauf frisiert? Aber dann der entscheidende Hinweis, nicht wahr: Geburtsdatum des Schreiberlings ist der 18. Februar. Jetzt wird’s aber extrem verdächtig, Herr Schreiberling! Cui bono? Eben! Erwischt! Der 18. Februar als Tag der Nulpen …

Nööööö, ich frisiere doch nicht! Ich nicht! Doppelschwör! Ich bin ehrlich. Wie meine Haut. So wahr, wie ich sie zu Markte trage. So abziehbar, wie die Panini-Klebebildchen in den Schokoladen-Häppchen vom Kiosk an der Ecke. So ehrlich wie Hinz und Kunz hier auch.

Wie Hinz und Kunz? Okay. Dann doch eher wie Kunz. Denn Hinz habe ich bereits kennengelernt. Der beherrscht Photoshop erheblich schlechter als Kunz. Und im Gegensatz zu Hinz hat Kunz auch das passende Druckerpapier für Fake-Impfausweise, also die inoffiziellen Hinzugehörigkeitspapiere der schlaflosen Außerparlamentarischen Fake-News-Opposition, der Abteilung der Trypanophobie-Adepten und sonstige Lebensphobiker …

Menno. Ich muss an dieser Stelle konstatieren: Kerkerwächter sind auch nicht mehr das, was sie mal waren. Alles muss man selbst machen. Gutes Personal ist heuer so schwierig zu bekommen, um sein überwaberndes Über-Ich eingesperrt zu halten.

Damals, ja, damals, da konnte man noch guten Gewissens das eigene Über-Ich wegsperren, zusammen mit all den Bruchstücken der eigenen Vergangenheit. Das war noch der berühmt berüchtigte Zeitgeist, der alles unter Kontrolle hatte. Richtig, daran war nur der Zeitgeist schuld. Der hat damals die eigenen Kerkerwächter vergütet und belohnt. Aber heuer? Wenn nicht mal der eigene frisierte Lebenslauf sicher ist vor den eigenen Ansprüchen, welche man gerecht zur Rache an andere Menschen setzt, …

Komm jetzt trau dich. Sag es schon. Na los. “Cui bono” kannste doch auch aus dem Effeff buchstabieren. Tu es. Trau dich. Du bist jetzt ein alter, grauhaariger weißer Mann. Du darfst jetzt. Soll ich dir den Anfang vorsagen? Das Stichwort geben? Gut: Früher. War. Alles. …

Besser? Nö, nicht wirklich. Früher war nicht alles besser. Eines ist sogar definitiv schlechter geworden. Die Doppelmoral. Die wurde verbessert. Sie fällt jetzt nicht mehr so auf.

Cui bono? Uns Nulpen halt. Frag nicht so blöd! Armin! Äh, „Amen“ wollt ich, äh, ganz lasch dahinrotzen …

Amen.

“Ashes to ashes, clay to clay, if the enemy doesn’t get you, your own folks may.”
(aus “The peacelike mongoose” von James Thurber)

König Kunde

»Könnten Sie bitte Ihre Maske aufsetzen? Der Aufenthalt hier ist ohne Maske nicht erlaubt.«

Er reagierte nicht, sah durch sie hindurch. Mit routinierten Handgriffen überprüfte er das, was er glaubte mit seinen eigenen Händen greifen zu können: die Frische der Brötchen.

»Ihre Maske, bitte.« Sie machte eine entsprechende Geste zu ihrem Gesicht und deutete auf ihre eigene FFP2-Maske.

»Was wollen Sie von mir?«

»Mein Herr, ich muss Sie leider nochmals auffordern, Ihre Maske aufzusetzen.«

»Was soll ich?« Sein Blick war weder fragend noch irritiert, er war herausfordernd.

»Der Aufenthalt hier in der Lounge ist ohne Maske nicht erlaubt.«

»Warum sollte ich eine Maske aufsetzen? Ich wurde in den letzten 48 Stunden negativ getestet. Extra für meinen Flug.«

»Würden Sie jetzt bitte Ihre Maske …«

»Warum sollte ich? Mein Test war negativ. Wo bitte ist denn der Ihrige, um mich zu schützen?«

»Wie bitte?«

»Sie quatschen mich hier von der Seite an, meine Maske aufzusetzen, dabei wissen Sie doch, dass jeder Passagier einen Test vorzuweisen hat, der diesen als negativ ausweist. Ansonsten kommt er doch gar nicht erst in den Sicherheitsbereich. Und ich selbst, ich bin negativ. Also brauche ich auch keine Maske hier!«

Er war lauter geworden, hatte sich provokant einen Meter vor ihr aufgebaut und starrte sie jetzt durchdringend an.

»Die Maske hier in der Lounge ist eine Pflicht!«

»Ach ja? Und Sie müssen sich nicht testen lassen? Und haben dann das Recht, mich so schwach von der Seite anreden zu dürfen?«

»Ich …«

»Wer sind Sie überhaupt?«

»Ich arbeite hier.«

»Dann sollten vor allem Sie einen Test vorweisen können, um nachzuweisen, dass Sie kein Risiko für uns Passagiere sind! Wir haben schließlich teuer für unsere Tickets und das Zutrittsrecht zur Lounge bezahlt! Da kann man doch auch wenigstens von den Bediensteten verlangen, …«

»Ich diskutiere nicht mit Ihnen. Sie haben Ihre Maske aufzusetzen oder ich muss Sie von hier entfernen lassen.«

»Ach ja? Und wer gibt Ihnen das Recht dazu? Wollen Sie mich etwa als einen dieser dämlichen Querdenker diffamieren? Oder als irgend so ein Leugner? Ich habe einen negativen Test und Sie konnten mir bislang keinen vorweisen, trotz meiner Aufforderung. Ich möchte umgehend Ihren Vorgesetzten sprechen! Sie behandeln mich unverschämt! Typisch Servicewüste Deutschland, mal wieder!«

Die letzten Worte hat er ihr mit lauter, fester Stimme ins Gesicht geworfen, zu ihr drohend vorgebeugt, mit dem erhobenen Zeigefinger fuchtelte er wie mit einem Degen vor ihren Gesicht erregt hin und her.

Eine uniformierte Frau tippte dem Passagier von hinten auf die Schulter: »Kommen Sie doch bitte mal mit. Ich bringe Sie direkt zu der Vorgesetzten unserer Mitarbeiterin. Kommen Sie bitte mit.« Freundlich, aber bestimmt nahm sie ihm beim Arm und schob ihn Richtung Ausgang.

Die Servicemitarbeiterin atmete tief durch, um ihren Ärger herunter zu schlucken. Die uniformierte Frau drehte sich noch kurz zu ihr um und erinnerte sie freundlich: »Und bitte, werfen Sie bitte alle Brötchen weg, die der Mann hier einfach so angefingert hatte. Die können keinem anderen Passagier mehr zugemutet werden.«

Sire, geben Sie Gedanken …

»Schwingen. Ottoschwingen. Unser Dorf heißt Ottoschwingen. Nicht Wringen, also nicht Ottowringen. Im Dreiländereck von Oberbayern, Franken und Schwaben. Nördlich der Donau, südlich vom Großen Brombrachsee.«

»Ah, ja so, ja, okay. Verstanden. Sie als Bürgermeister von Ottoschwingen haben ein vollkommen, neues Konzept, wie Sie und ihr Ort auf die Corona-Krise reagieren wollen.«

»Ja, das haben wir. Wir wollen mit Schwung in den wirtschaftlichen Aufschwung. Eine win-win-Situation für jedermann. Und erst recht wirtschaftlich für Ottoschwingen.«

»Könnten Sie unseren Hörern am Radio ein wenig ihr Konzept erläutern. Wie sind Sie dazu gekommen?«

»Nun, in unserem Rat hatten wir die letzten Umfragen vorliegen.«

»Die Infratest-Umfrage vom 1. April?«

»Also wo da Leute andere 100% der Leute gefragt hatten, was sie meinen, was andere über die Corona-Krise meinen. 24% von den 100% waren der Meinung, die Maßnahmen auf sich selbst angewendet müssen nicht erweitert werden. 48% meinten, die Maßnahmen für die anderen sind noch nicht weit genug.«

»Und 24% gingen sie zu weit.«

»Was verständlich ist. Bekanntlich stecken sich die einen ja immer von den anderen an. Wenn somit jenen 24% die eigenen Maßnahmen für sich selber verringert würden, und diese dann auf die anderen 74% der Spreader umgelegt werden würden, dann wäre allen 100% geholfen.«

»Worin besteht nun ihr Konzept in Ottoschwingen?«

»Wir bauen ein komplett neues Open-Air-Sportcenter für unseren Ort.«

»Ein neues Stadion?«

»Mit Blick von der Haupttribüne auf das neue Impfcenter. Wir verkaufen dazu Dauerkarten. Dauerkartenbesitzer können 24 Stunden pro Tag Impfcenter Binge Watching betreiben.

»Impfcenter Binge Watching?«

»Auf die Menschen in den Impfschlangen. Eine spannende Sache. Man weiß nie, wie es weiter geht, wie die Menschen reagieren, wenn wieder ein Impfstoff ausfällt. Wir planen schräg gegenüber des Impfcenters ein Supermarktcenter mit angeschlossenem neuartigem Übernachtungscenter.«

»Ein Hotel?«

»Nun, geplant sind modernste, gestapelte Komfort-Schlafkabinen inklusiver selbst reinigender Nasszelle nach neusten, hygienischen Standards.«

»Neuste, hygienische Standards?«

»Sie könnten darin beispielsweise reihenweise Leprakranke und Pestkranke unterbringen, der nächste Übernachtende wird davon nichts bemerken. Weder gesundheitlich, noch anderswie. Alles wird picobello sein. Vorher, wie nachher. Excellence ist unser Standard. Der Gast steht an erster Stelle.«

»Mit welchen Gästen rechnen Sie denn?«

»Nun, wir werden überregional zu Demonstrationen einladen, um zum Anti-Corona-Demo-Zentrums Deutschlands zu werden. Auf dem Sportplatz vor der Haupttribüne können jene ihre Demonstrationen auf nächster Distanz vor dem Impfzentrum ausüben. Die Journalisten erhalten schlagsichere, mobile Reporterkabinen, um hautnah von den Demonstrationen weltweit berichten zu können.«

»Organisierte, überregionale Demos in Ottoschwingen?«

»Es wird auch ein Blockadetrainingscenter geben, in der Übungen für Blockadeschulungen vor dem Impfcenter trainiert werden. Schwerpunkt: “Wie verhindere ich gewaltfrei mit aller Macht, dass Menschen gechipt werden und nachher zur Zombieapokalypse der Impfindustrie erwachen”. Der Bedarf ist enorm, die Nachfrage vorhanden, wie wir auf anderen Corona-Demos erfahren konnten. Organisiert ist die halbe Miete zum Erfolg und für internationale Beachtung. Der brasilianische Samba konnte auch nur mittels des Samabdromos in Rio seinen weltweiten Siegeszug durchführen.«

»Wie bitte? Sie wollen Blockadeschulungen …«

»Ich als Bürgermeister muss betonen, dass Demonstranten für uns Menschen sind. Selbst, wenn es jetzt lediglich die breite gut situierte Mittelschicht der wütenden Freiberufler und Selbständigen sind. Aber die sind es nun mal. Und nicht irgendwelche daher gelaufene Linke mit Stangenzelte, die auf morastigen Wiesen campieren. Nein. Es sind in erster Linie Menschen. Ja, Menschen! Und genau so werden wir sie behandeln. Wie Menschen. Also als Kunden und Konsumenten. Darum wird es neben dem Blockadetrainingscenter auch ein Eroscenter geben.«

»Sie meinen einen Puff gegenüber dem Impfcenter?«

»Und weil heutzutage Sexualität und Glaube eng miteinander verbunden sind, weil viele glauben, dass Sex nun mal wichtig ist, haben wir dort um der Ecke ein Glaubenscenter geplant.«

»Eine Kirche?«

»Und zusätzlich für alle Glaubenscenter-Anhänger, ganz in der Nähe, dort hinten neben der neuen, modernen Polizeistation, also dort hinten, da gibt es gleich die angeschlossene, einmalige heilige Wunderquelle.«

»Eine Wunderquelle zwischen Kirche und Puff?«

»Das musste so sein. Auf Anordnung vom bischöflichen Ordinariat. Sonst hätten es beim Eroscenter nicht zugestimmt. Und unserem Ort wären Fördergelder der katholischen Kirche entgangen.«

»Es wurde also die Lage der aufzubauenden Kirche anhand des Standorts der Eroscenters bestimmt?«

»Nun, wie Sie wissen, sind in heutiger Zeit, Kirche und Sexualität eng untrennbar miteinander verwoben. Ohne Sex, keine Sünde. Ohne Sünde, keine Beichte. Ohne Beichte, keinen Beichtstuhl. Ohne Beichtstuhl, keine Kirche. Unser Dorf hätte dann somit einen arbeitslosen Theologen und seine gesamte Entourage durchzufüttern. Solche Kosten kann sich niemand leisten. Zusätzlich hinter der Kirche entsteht auch noch eine Schule unter Leitung und mit Fördermitteln der Kirche. Ist so vertraglich abgemacht.«

»Aber dort, wo die Wunderquelle geplant ist, da soll doch das Entsorgungscenter errichtet werden. Das hatte mir zumindest ihr Stellvertreter im Vorgespräch am Telefon erklärt.«

»Entsorgungscenter?«

»Fäkaliencenter. Öffentliches Klo. Also die noch aufzustellenden, blauen Toilettenhäuschen, die mobilen Toilettenhäuschen mit Sickergrube für die Kirch- und Puffgänger.«

»Hm. Echt? Dann ist aber Kacke mit den Wunderquellen … und mit unserem Aufschwung.«

»Ach, kommense. Drauf geschissen. Danke für das Interview. Und damit gebe ich wieder ab, zurück in die Sendeanstalt. Auf Wiederhören.«

Ars gratia artis, oder: ein Münchner Nachmittag

Ein Aperol, ein Königreich für einen Aperol! Ein Königreich von hier bis zur eingehaltenen eins fuffzig Abstandregel.

Und über allem die Sonne. Die Sonne des Südens. Blauer Himmel. Eiswürfel im durchsichtigen Plastikbecher. Gedeckelt, in der Mitte führt ein Strohhalm durch eine Öffnung zum Aperol.

Ein Strohhalm. Nicht etwa aus Stroh, sondern einer aus Plastik. Aus wahrhaftigem Plastik. Keiner von diesen ökologisch wertvollen Trinkhalmen, die es jetzt überall zum Cocktail dazu gibt. Jener neuen aus Bambus mittels Kunststoffkleber konstruierten Trinkhalmen. Sondern einer aus purem echten PE, Polyethylen. Wenn man sie anzündet, riechen sie nach Wachs, so wie es sich gehört.

Und jetzt herausragend aus einem Aperol bei einem Cocktails-to-go. Bei jenen Cocktails, mit denen die geschlossene Innengastronomie außen wirbt. Cocktails-to-go.

Cava?, hatte er gefragt.

Cava, hatte die Frau am Tisch vor dem Restaurant lächelnd geantwortet. Das Lächeln war die Offenbarung pur. Nur solch ein Lächeln sagte die Wahrhaftigkeit.

Cava. Aperol mit Cava. Und Spritz? Ja, natürlich mit Spritz. Aus feinstem Alpenwasser. Garantiert. Und nicht jenes 15,8° dH des Sendlinger Viertels. Sondern ehrliches Alpenwasser.

Gut. München hat das beste Trinkwasser aus dem Wasserhahn, unbestreitbar den besten Kraneburger Deutschland-weit. Aber ein Aperol mit 15,8° dH, das ist wie eine Espresso-Maschine mit einem Sieb, welches keine Abstimmung zwischen Lochgröße, Druck und Temperatur hat. Ein Touristenfang. Espresso für Arme.

Ein Aperol benötigt mindestens 21,2° dH. Nicht jene 15,8° dH. Jeder wahrhafte Italiener schwört auf den maßgeblichen Geschmack 21,2° dH. Selbst ein Espresso mit dieser Wasserhärte wird vom Genussmittel zum wahrhaften Erlebnis für jeden Feinschmeckergaumen. Mehr Sinnlichkeit ist kaum darstellbar. Ein Erlebnis wie ein Orgasmus für die Sinne.

Wer Norditaliens handverlesene In-Gastronomen kennt, der weiß um deren Aperol-Geheimnis. Jene schöpfen das passende Wasser aus einer speziellen, geheim gehaltenen Alpenregion, unweit des Dreiländerecks Schweiz, Lichtensteins und Österreichs. Also dort, wo unwissende Deutsche meinen, sie hätten das Paradies entdeckt, genau dort schöpfen die Eingeweihten das Wasser und importieren es unter Umgehung der zollrechtlichen Abfertigung im gefrorenen Zustand an die Tische der wohlig entspannten Toskana. Und gegen Bares im Umschlag auch in der nördlichsten Stadt mit italienischen Flair …

… nein, nicht jene Donau-gespaltene Stadt von Johann Adam Weishaupt, dem Gründer der Erleuchteten, jener Illuminaten, die von Aperol nicht den blassesten Hauch eines gesunden Wissens hatten, haben oder jemals haben werden …

… auch in der nördlichsten Stadt mit italienischen Flair war dieses orphische Know-How vorhanden. Und nur die Crème de la Crème der Hinzugehörigen wusste darum. Sie genoss es im Stillen zufrieden, während das Plebs angesichts rosa gefärbten Sekts bereits in Ektase und Urlaubsschwurblereien geriet. Selbst jene Weltstädte wie Berlin, Stuttgart, Köln, Hamburg und Münster waren hinter dem Wissen des Wissens her, aber liefen kontinuierlich ins Leere und imitierten Aperol-Rezepte für deren eigene Adepten.

Nun. Ganz extrem wurde diese Sehnsucht nach italienischem Flair in jener nördlichen italienischen Exklave unter weiß-blauen Himmelsdach im Februar 2020. Da war es besonders schlimm. Schlimmer noch als das berühmt berüchtigte Stangenfieber in deren Englischem Garten.

Nachforschungen der “Aperol-Società per la verità e la saggezza” musste resignierend konstatieren, dass es kein Restaurant in München mehr gab, welches Aperol auf deren Karten nicht anbot. Schlimmer noch, die ersten Döner-Buden boten sogar veganen Aperol zum Knofi-Zaziki-Falafel-Menü im Knusper-Weissbrotbrötchen an. Dubios anmutende mexikanische Burrito-Food- Anbieter folgten. Als dann sogar ein stadtbekannter Weißwurst-Verwurstler seine biologisch-dynamisch hergestellten Weißwürste mit vegetarischen Aperol aus kontrolliert veganen Raubbau mit naturidentischem Bayer-Düngemittel zu angeblich niedrigen Discount-Preisen auf bekanntem Hartz4-Niveau anbot, da war Gefahr im Verzug. Wenn schon die Schickeria ihren Porsche-Gourmet-Sinn gegen einen Daimler-Smart umtauscht, dann muss etwas faul sein. Mitlaufen ohne Denken kann nicht gut sein, auch nicht für eine gute Sache.

Es musste etwas getan werden. Die Weishaupt-Nachfolgeorganisation konnte nicht eingreifen. Sie war in einem staatlich angezetteltem Rechtsverfahren über Auspuffe verhaftet und musste deren Rechtsvertreter von USA über Stuttgart, München bis Wolfsburg voll beschäftigen.

In diesen Stunden der höchsten Not traf ein Abgesandter der Società auf einen Amerikaner in Schottland, der gerade versuchte, einen kleinen, weißen Golfball in ein etwas größeres, schwarzes Loch einzuputten. Anfangs war jener Amerikaner not amused, aber dann wurde der Pakt geschlossen. Auf Ruhm und Ehre. Klandestiner Ruhm und und noch mehr klandestine Ehre. Lunga vita alla patria plus München leuchtet und dazu noch America first. Nur so gelang der Società im Einklang mit der Schutzmacht Europas für amerikanische Produkte und Ideen, der unkontrollierten Ausbreitung einer Aperol-Mentalität auf unterstem Niveau zu verhindern. Ein voller Erfolg. Auf den Restaurantkarten gab es zwar noch Einträge, aber niemand konnte mehr diese bestellen.

Er sog an seinem Trinkhalm. Er spürte das Prickeln des Aperol Spitz. Die pure Erfrischung. Die Blicke der Vorbeigehenden registrierte er. Es waren neidvolle Blicke. Eindeutig. Neid musste man sich erarbeiten, Respekt gab es dann als Kleinod hinzu.

Er genoss diesen Moment der Unbeschwertheit. Die belebende Wirkung des Cavas, die 21,2° dH, die Bitternis des Zusatzstoffes, das Prickeln des Sodas. Alles war eins. Alles um ihn herum umgab ihn in wohligem Sein.

Die Sonne schien und wärmte den Frühling. Die Passanten, die ihn passierten, gaben ihn das Gefühl der Exklusivität. Ihre Blicke waren  neidvoll und bewundernd. Er fühlte sich als  Ausgewählter, als Kenner der Wahrheit, als Begünstigter seines Wissens. Und alle um ihn herum wussten nicht, was sie verpassten. Sie wussten nicht, was sie mit deren gewöhnlich trainierten Gaumen nie erfahren könnten. Würden sie wissen, wo man den Aperol bekommen könnte und wie er wirklich schmeckte, sie würden es selber erfahren können, wie erhaben er sich fühlte.

Die Sonne schien. Er fühlte sich wohl. Er schwebte. Wie ein Auserwählter. Einer der wahrlich Erleuchteten in der Masse jener, die nur einen Sonntag vor dem nächsten rigiden Lock-Down für deren niederen Intentionen nutzen wollten.

Die Sonne schien. Rot versank sie hinter dem Kirchturm Sendlings.

Er sog noch einmal am Trinkhalm. Ein Genuss mit 21,2° dH. Sowas gibt es nicht alle Tage, nördlich Italiens. Das kann nicht jeder haben. Das muss seitens jedem neidlos anerkannt werden.

Leer. Ein schwungvoller Wurf und der Becher landete im Mülleimer an der Ampel im Schatten des Kirchturms.

Dystopie 2035: Bodenstation an Major Tom, ist dort Leben auf dem Mars?

Im ganzen politischen Lärm landete letzte Woche ein Weltraumschiff. Im handlichen PKW-Format parkte es sich auf dem Mars. Seine blaue  Parkscheibe – von außen unverdeckt einsehbar – war schon vorher korrekt eingestellt worden. Potentielle Knöllchen, verteilt von irgendwelchen schreibwütigen Politeurs und Politessen der marsianen Parkraumbewirtschaftung waren im Raumfahrt-Budget nicht vorgesehen. Der US-Senat wollte sie aus Kostengründen nicht bewilligen. Auch sollte es auf den Namen “Mach mal hinne” getauft werden. Nur erschien der Name sperrig und hörte sich unverblümt fordernd an. Also beschloss man es ganz kurz “Perseverance” zu nennen.

Auf dieser Weise glänzte das weiße High-Tech-Gefährt einsam unter der strahlenden Sonne auf rostbraunem Untergrund. Es stellte seine 4K-HDR-Pixelshift-Selfie-Kamera auf und richtete seine beiden High-End-Puschel-Mikrofone auf die steinerne Öde aus. Indessen taten es dem Gefährt hunderte Selfie-bewegte Pandemie-Besorgte dieser Welt gleiches und bauten sich vor deren mit Schrumpffolien versiegelten Mikrofonen auf, schauten in 4K-HDR-Kameras und wedelten fahrig mit ihren Armen Hubschrauber-gleich, um die Spannweite der Virusbedrohung zu erklären.

Indessen startete das Mars-Gefährt mit seiner Kerntätigkeit: fahrend und munter propellernd mit seiner Drohne seine Umgebung zu erfahren. Und so funkte der Satellit aus seiner Parkbucht seine ersten 360-Grad-Impressionen und Open-Air-Takes zu dem einsamen Menschen an dessen Schaltpult. Der Weltraum, unendliche Weiten. Wir schreiben das Jahr 2021. Und jener wollte schon immer in die Unendlichkeit reinhorchen, wollte von der Menschheit unberührte Klänge erlauschen und so den Lebenssinn “42” mit Klängen erfüllen. Er wollte wissen, was denn sonst so das Thema andere Entitäten wäre, womit jene sich denn so beschäftigen, wenn die nicht gerade ihrer Radio-Soap “Corona-Nachrichten der Erde” lauschten.

Übernächtigt hörte jenes Menschlein sich die Tonspur an. Ein Pfeifen und Rauschen erfüllte seine Gehörgänge. Er hörte das Gleiche, wie wenn er einsam und alleine ohne Handynetz mit leeren Tank seines Chevrolet Bel Air Impala von 1958 auf dem Highway 66 bei praller Sonne stehen würde. Leise würde der Wind um seine Ohren wehen und sein Radio würde vergeblich einen Sender suchend undefinierbare Pfeiftöne von sich geben. Seufzend ob seiner Assoziation stellte also jenes Menschlein der Welt auf dem kleinen Drecksball Erde in deren Internet jene marsiane Tonspur zur Verfügung.

Habt ihr diese Tonspur gehört? Dann hört hier rein. Wenn man die sechste bis achte Sekunde und die zehnten bis zwölften Sekunde mit einem Open-Source-Software-Tool verzögert, passend pitched, dann noch mit passend kalibrierten Hochpass- und genau rebubierten Niederpass-Filter invers abspielt, dabei auch noch die höchsten Ultraschall-Höhen raus subtrahiert und den Infraschall-Bass ins Hörbare rein nivelliert, die violinartigen Mitten mittels Doppler-Effekt reduziert, dann hört man es ganz deutlich:

Verpiss dich, ey! Oder es setzt Haue, wa!

Das hatte der linke kleine Fels zum rechten großen Fels gesagt, der kaum verständlich ein “Ich geh ja schon” danach murmelte. Die beiden felsenfesten Gesteine sind auch auf dem ersten hochauflösenden, immersiven 360-Grad-Panarama hinten links (hier) zu erkennen. Und das witzige wird sein: Der rechte Fels wird der Ansage Folge leisten und in den nächsten vierhundert Jahren das Feld räumen.

Und wir werden weiterhin nach intelligentem Leben auf dem Mars suchen. Dumm gelaufen. Es hat halt mal wieder keiner aufgepasst. Genau wie in der Schule, als der Lehrer fragte, wer die Frage nach dem Sinn des Lebens beantworten würde, schauten alle wie beim Vokabel-Lernen ostentativ stumm vor sich hin, den Blick des Lehrers vermeidend. Dabei blieb ungesehen, wie der Lehrer in ein Stulle biss und Marmelade aus der Stulle aus seinem Mundwinkel zu seinem Doppelkinn rann …  .

War’s das?

Nö.

Am 16. März 2020 wurde auf dem Gefährt, dem “Perseverance Mars Rover” als Folge der NASA-Kampagne „Send Your Name to Mars“ eine Plakette mit einem freundlichen Symbol angebracht. Drei fingernagelgroße Siliziumchips, die an der oberen linken Ecke der Plakette eingefügt wurden, tragen die Namen von 10.932.295 Teilnehmern. Diese Namen wurden einzeln mittels Elektronenstrahl auf den Chips eingraviert. Am 31. Juli startete das Gefährt von der Cape Canaveral aus mittels einer Rakete als Transportmittel und landete dieses Jahr auf dem Mars am Tage meines Geburtstags um 21:55 Uhr, zwölfeinhalb Stunden nach meiner registrierten Geburtszeit.

Was daran so beunruhigend ist? Wenn Aliens kommen – und wir wissen ja alle, dass es sie gibt, also jene Aliens, Predatoren, Borgs, Skynets T-1000s, Fraggles, Pow Patrols und Co – dann stellen diese Chips später mal die natürlichsten Todesliste der Welt dar. Und mit diesen werden die Außerirdischen die Erde verwüsten, um jene 11 Millionen Selfie-süchtigen Narzissten zu neutralisieren, zu banalisieren und schließlich zu vaporisieren. Hasta la vista, Baby. Dabei werden sie halt nur die Erde verwüsten und dem Rest wird lediglich ein Heulen und Zähneklappern übrig bleiben …

Dystopie 2035.

Here am I floating round my tin can
Far above the Moon
Planet Earth is blue
And there’s nothing I can do

David Bowie

Perseverance boarding pass

Wartebankgeschichte: For we can fly, we can fly up, up and away …

Jetzt sitz ich hier schon seit knapp zehn Minuten und warte auf den Abflug. Die lassen sich heute aber mächtig Zeit, nicht wahr.

Yep. Die haben die Ruhe weg.

Ich bin schon über 60, da hab‘ ich nicht mehr so viel davon übrig, da könnten die ruhig mal ein wenig hinne machen, nicht wahr.

Na, so schnell werden Sie doch wohl nicht sterben, hier am Gate. Zumindest gleich doch nicht.

Weiß man‘s?

Nö.

Na also. Mich nervt es regelmäßig, wenn jemand von diesen jungen Hüpfern sagt, machen Sie ruhig, lassen Sie sich Zeit, nur Geduld, und so. Haben die überhaupt ne Ahnung, worüber die reden?!

Ach, für solche ist alle Zeit ewig.

Dorian Grays der Neuzeit. So verschwenderisch, wie die mit der Lebenszeit anderer Mitmenschen umgehen, das ist ja nicht mehr normal. Das grenzt an vorsätzlicher Nötigung!

Hm. Oder an nötigenden Vorsatz.

Vorhin in der Lounge, … also, ich mein das, das, was vorher sich mal sich Lounge schimpfte …

Senator-Lounge?

Hon-Circle!

Nicht schlecht. War ich auch mal. Aber jetzt bin ich Platin-Card-Member. Dort werden Sie so richtig wertgeschätzt. So richtig in einem Special-Platin-Room. For Members only. Ich hab sogar den Pan-AM-Kugelschreiber in Gold. Eine Rarität als Special Gift for Special-Platin-Members.

Echt? Ich benötige noch vier Flüge, dann erhalte ich auch die Platin-Card. Vier Flüge noch.

Tja, dann werde ich Ihnen persönlich die Hand geben. Jetzt aber nur den Ellenbogengruß. Sie kommen gerade aus der Hon-Circle-Lounge?

Naja, was sich vorher so Lounge schimpfte. Was ich noch dazu erzählen wollte: also, da meinte doch diese Thai, das Service-Mädl in ihrem kackbraunen Lounge-Kostüm, ich solle doch meine Tasse wegräumen. Meinte die. Einfach so. Zu mir.

Ernsthaft? Hat die wirklich gemeint, Tassen als Gast jetzt selber wegzuräumen, wäre okay?

Ja. Echt jetzt. Hey, bin ich etwa Lounge-Jobber?

Das hätte die mal zu mir im Special-Platin-Room sagen sollen, die wäre gefeuert worden. Direkt. Von jetzt auf gleich. Nur schneller. Hat die denn wenigstens noch gelächelt? So als Thai, meine ich?

Ein wenig. Ich hab‘ der Thai gesagt: Mai Ling, habe ich gesagt, Mai Ling, das heißt nicht nur „Bitte“, sondern „Bitte, bitte“, so viel Zeit muss sein, nicht wahr. Und außerdem, habe ich ihr noch gesagt, und außerdem, Mai Ling, dafür wirste doch bezahlt dafür, Mai Ling, nicht wahr, fürs Wegräumen und Putzen, nicht wahr. Oder ist hier auch Servicewüste Deutschland, hab ich gefragt.

Und was meinte sie dazu?

Die wurde doch glatt pampig! Wegen Hygiene-Maßnahmen und Corona und so, meinte die, da soll jetzt jeder Passagier seine eigenen Sachen selber wegräumen.

Nicht wirklich jetzt, oder?

Und außerdem hieße sie nicht „Mai Ling“ sondern „Frau Sibenjürgen“, das stehe doch auf ihrem Namensschild. Ob ich nicht lesen könne, und ich solle sie gefälligst auch so ansprechen.

Typisch. Lounge-Besucher als Analphabeten zu bezeichnen, geht dreimal gar nicht.

Und wegen der Bezahlung, polterte sie noch, wegen der Bezahlung würde sie nicht arbeiten, weil, das wäre ein Hungerlohn. Allein die zusätzlichen Dinge wie vergünstigte Flugangebote und die Trinkgelder würden den Lohn aufwerten.

Echt? So etwas nehmen die sich inzwischen raus? Wirklich dreist! Der Hon-Circle scheint ja inzwischen recht runtergekommen zu sein. Günstig „Urlaub-machen“ wollen, aber dann noch Passagieren deren Geld aus der Tasche schnorren. Unglaublich.

Nicht wahr? Ich versuche schon meine vier Flüge vor zu verlegen. Diese Zustände im Hon-Circle sind unzumutbar. Ich habe zu ihr gesagt: Mai Ling, habe ich zu ihr gesagt, erstens habe ich den Pflicht-Negativ-CoVid-Test der Fluggesellschaft als Lizenz zum Fliegen, habe also kein Corona, und ob sie mir überhaupt einen aktuellen Negativ-Test von sich zeigen könnte, und zwar von heute?

Yep, ich wette, die testen sich erst gar nicht.

Und zweitens, es wäre mir egal, ob sie „Ziegenwürgen“ oder sonst wie hieße, sie solle mal gefälligst honorieren, dass ich überhaupt mit ihr spreche oder dass sie überhaupt den Job in der Lounge erhalten habe.

Es gibt genug Arbeitslose, die sich nach ihrem Job die zehn Finger lecken würden.

Von mir würde sie jetzt kein Trinkgeld erhalten. Dafür erwarte ich besseres Benehmen. Schlechte Kinderstube erfährt von mir keine Wertschätzung. Ihre Mutter solle sich mal für sie schämen.

Haben Sie sich wenigstens über sie beschwert?

Nein, keine Zeit. Musste zum Gate hier, wegen dem Abflug. Nur um dann zu erfahren, dass der Flug Verspätung hat. Im Hon-Circle sagt ja einem keiner was. Und Sie?

Hm. Ich wollte mal ein wenig die reale Welt am Gate kennen lernen. Weil immer nur Special-Platin-Room ist ein wenig zu abgeschottet. Wie in einem schönen Ballon mit Baldachin in der Dämmerung. Trotz den Cocktails und der Schmankerl. Man muss auch offen bleiben für die Welt, Sie verstehen?

Absolut. Immer nur Lounge, immer nur diese Begriffsstutzigen dort, die ihren Job nicht richtig verstehen wollen, das ist nicht wirklich die Realität dieser Welt. Da muss man mal raus, aus dieser Komfortzone, diesem Hon-Circle-Kokon und das Echte genießen, nicht wahr.

Wohin geht’s?

Athen. Verhandlungen. Hoffentlich streiken nicht wieder irgendwelche Piloten. Ich will pünktlich ankommen.

Corona, Piloten, Saftschubsen, Bodenpersonal, Streik. Etwas ist immer. Und dann versagt auch noch vielleicht irgendwo in einem Flugzeug irgendeine Board-Software und dann werden wieder Flüge gestrichen, weil die Fluggesellschaften nicht genug Fliegmaterial haben …

Ja. Leicht hat es nicht in diesen Tagen.

Das Leben wird immer härter. Meine Frau hat neulich die Scheidung eingereicht.

Mein Beileid.

Ach, nicht wirklich tragisch. Sie ist mit einem dieser Millennials der Generation Y liiert.

Generation Yps?

Nein, Generation Y. Also nicht wegen dem damaligen Comic-Heft, sondern das Wort wird englisch ausgesprochen: Why. Weil die jener Generation halt immer so viel fragen.

So einen hat sie sich an Land gezogen?

Yep, Baujahr der 80er/90er. Die stehen ja auf Milfs. Hatte den bereits ein halbes Jahr zuvor zufällig ohne ihr Wissen entdeckt. Nun ja. Aber jetzt, jetzt kann ich endlich mit meiner Freundin ganz offiziell auf Empfänge und in die Clubs oder so.

Clubleben und Empfänge? Ist das alles durch den Lockdown nicht weggebrochen?

Aber sicher gibt’s das noch. Im Platin-Member-Circle haben wir für so etwas eine Anlaufstelle, eine Adresse im Darknet. Da tauschen wir immer unsere aktuellsten Termine für so etwas aus. Wir haben das, wo von andere momentan nur träumen: Spass.

Wie letztens an Silvester in der Bretagne?

Musste ich leider absagen, wegen meiner Scheidungssache. Ich mein, sein wir doch mal ehrlich, keiner will diesen Lockdown, auch wenn er nötig ist. Niemand hier will ihn wirklich. Der Mensch ist ein Gesellschaftstier. Und wenn man, wie ich, auf die 70 zugeht, dann freut man sich über jede bessere Gesellschaft, die man noch bekommen kann.

Keine Angst vor CoVid-Ansteckung?

Iwo. Ich bin der Älteste in unserem Kreis.

Das ist gut, denn die jungen Hüpfer haben weniger Covid-Probleme als Boomer, nicht wahr.

Richtig. In unserem Kreis sind alle in etwa so alt wie meine Freundin, so U45. Also keine dieser alten, grauhaarigen, weißen Männer.

Das ist schön.

Wir sind alle ganz normal, haben auch paar Diverse und auch Colour of People im Kreis. Die Freundin meiner Freundin ist beispielsweise eine junge Brasilianerin aus Sansibar. Ihre Mutter war Deutsche.

Beneidenswert. Meine Frau hätte da was dagegen. Die ist eifersüchtig wie Hölle. Einmal falsch geblickt, schon habe ich ein schlechtes Wochenende. Da sind die Zustände in der Lounge im Vergleich dazu fast schon wieder paradiesisch zu nennen, nicht wahr. Sie kennen sich ja recht gut in Sachen Generationen aus.

Naja, in meiner Branche und im Leben haben Kenntnisse noch nie geschadet. Wussten Sie, dass die meisten Corona-Verschwörungstheoretiker aus der Generation X kommen? Direkt noch vor den Baby-Boomern. Generation X ist die Nachfolgegeneration der Boomer und hat den Ruf, immer vordergründig unabhängig von den Medien und deren Werbung sein zu wollen. “Nur tote Fische schwimmen mit dem Strom” war deren Slogan, damals in den 90ern.

Ich erinnere mich. Nein, ich erinnere mich nicht wirklich gerne an die.

Und auf der Generation X folgten die Millennials, die Generation Y, welche sich über den Streit zwischen Generation X und Boomer lustig machten, und gleichzeitig alles von denen hinterfragten. Eigentlich eine ganz vernünftige Generation, wenn Sie mich fragen. Weil die haben wenigstens noch das hedonistische Element mit einem gesunden Schuss Narzissmus in sich kultiviert.

Und die findet ihre Frau so toll, weil die auf Milfs stehen?

Scheidung, mein Bester, Scheidung hat immer was Gutes. Zum Beispiel ist jetzt der Euro wieder das Doppelte wert. Und der neue Platz im Haus für mich. Unbezahlbar. Habe mir letztens ein paar antike Amphoren aus der Türkei ins Haus gestellt.

Antike Amphoren aus der Türkei?

Original. Sorgfältig ausgegraben und vorsichtig gehändelt. 1a Handarbeit. 1a Antik.

Und? Selbst importiert?

Iwo. Darknet. Alles Darknet. Offiziell kriegt man sowas doch gar nicht. Einfach per Gepäck einführen, das gäbe nur Ärger mit den Behörden, obwohl es ansonsten hier doch jedem völlig egal ist. Außer dieser ‚jedem‘ kann es sich nicht leisten, dann ist das Geschrei groß. Dann kommt der Shit-Storm.

Ich sag nur Neidkultur.

Das können Sie aber mal laut sagen.

NEIDKULTUR!

Nu schreien Sie doch nicht so. Muss doch keiner wissen. Gibt nur Ärger.

Irgendwie ist das Gate recht verwaist.

Hm. Ob der Flug abgesagt wurde? Können Sie lesen was da steht?

Moment, ich muss meine Brille rausholen, ich seh nichts.

Und?

Verlegt zu Gate 12.

Gate 12? Am anderen Ende des Terminals?

Andere Möglichkeit gibt es nicht.

Doch.In drei Stunden geht von diesem Gate der nächste Flieger nach Athen. Lassen Sie uns umbuchen.

Umbuchen?

Ich lad sie in unseren Special-Platin-Room ein, weil Sie’s sind. Bis zum nächsten Flug können wir uns bei Cocktails und Snacks die Zeit vertreiben. Ich zeig Ihnen dann auch ein wenig vom Darknet. Besser als Parship und Tinder. Alle 10 Minuten treffen Sie im Darknet interessante Kontakte. Für jede Vorliebe. Zudem wird sicherlich noch die Bedienung Susanne anwesend sein.

Nettes Mädl?

Gute Kinderstube. Das wird entspannend. Kommen Sie schon, buchen Sie um. Nehmen Sie sich die Zeit, so schnell werden Sie doch wohl nicht sterben, als dass Sie dazu keine Zeit hätten. Fliegen können wir noch immer. Echte Geschäfte sind zeitlos. Selbst in Athen. Und? Wie wär’s? Ist das nicht ein faires Angebot? Die Welt ist ein schönerer Ort im Special-Platin-Room. Los! Auf, auf und weg von hier!

Reportage über einen außerordentlich ausgefallenen Karnevalsumzug

Liebe Närrinnen und Narren und Narrhalesen, sehr verehrte Faschingsmuffel und Faschingsmuffelinnen, liebe geneigte Mitleser*Innen.

Ich befinde mich hier gerade mitten in der Münchner Innenstadt.

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Heute feiert die “Narrhalla München Eeh Vau” ihren jährlichen Faschingsumzug. Dazu muss ich mal kurz allen Faschingsmuffel und Faschingsmuffelinnen, den andren Hiatakinda und Zuagroast*Innen erklären: Ja, es heißt hier nicht Karneval, noi, das heißt hier Fasching. Und ihr rheinisch- und preußischen-abstammenden Mitmenschen, euch sei gesagt, “Fastelovend” kenn ma hier net, nich woar. Und “Fasteleer” bezeichnet bei uns in Bayern maximal den Zustand eines fast in einem Zug ge-exten Bierfasserls, woll. Und für dieses “Mai san mia mia” wird Bayern ja auch so geliebt. Nicht nur in der Bundesliga.

Nachdem das jetzt mal geklärt ist und ich jetzt wahrscheinlich 98% der Fußballfans nicht mehr auf meiner Seite am Lesen habe, … ich steh hier auf dem berühmten Münchner Marienplatz, live und livehaftig, da wo der Bayern München demonstrativ den 1860iger Fans fast jedes Jahr mit der Meisterschale und anderem Fußballgold zuwinkt … und wieder 1% weniger Leser …

Es herrscht hier ausgelassene Stimmung bei diesem einmaligen Narrhalla-Umzug. Die Bundesregierung hat auf starkem Zuspruch von Söder und Bayrischer Co.KG – also der Bayrischen CSU-Ordnung mit derer KoalitionsGemeinschaft aus “Aiwanger undsoweiter-unbedeutend-zu-erwähnen” – den Marienplatz per Corona-Verordnung großzügig räumen lassen, damit keinem die Sicht auf das Faschingstreiben genommen wird. Das Publikum ist bereits – wie immer in München – geil, gamsig und hosad. Übersetzen werde ich das nicht, außer Sie schicken mir eine Kopie Ihres Persos oder Ihres Bayrische-Staatshinzugehörigkeit-Ausweis zu, damit Sie die Ü18-Verifikation bei mir bestehen.

Wie gesagt, es herrscht tollste Stimmung. In einer Ecke sieht man sogar zwei Faschingsgesellen, die sich als Straßenbettler verkleidet haben. Richtig real sehen die aus, mit Einkaufstüten als Hausstand zu deren Füß und trinken dort in aller Ruhe ihr Bier aus Flaschen. Ja – und auch das beherrscht der Münchner Fasching grandios – sie schunkeln! Corona-Regel-getreu schunkelt bei den beiden nur jeder zweite mit Abstand. Ja, so ist München. Immer einen Spaß auf der Kante und Bier überm Herzen, zum Gurgeln gegen böse Ansteckungsgefahren. Weitere wartende Zuschauer stehen auf dem Platz und haben lustige Schirmchen mitgebracht, was allerdings ein wenig die Aussicht auf deren phantasievoller Bekleidung erschwert. Das ist nicht so schön, aber was soll’s. Ist halt so. Jeder Jeck ist anders, gell. Hauptsache, Fasching is dahoam. Und dahoam is eh am gmiatlischsten und darum blaim ma ol dahoam und schaun uns an was auf uns zu kommt, woll.

Schaun mer mal, dann sehn mer scho.

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Und wie wir sehn, wir sehn erstmal nüscht. Aber das kann sich noch ändern. Im Fasching ist alles möglich. Da steppt der Bär schneller als Söder in Berlin ist, woll. Zumindest lässt der Bär auf sich warten. Er ist noch in Berlin bei den Preußn, habe ich mir sagen lassen.

Zumindest ist der Marienplatz noch tropfnass von der nächtlichen Putz- und Wischaktion “München muss sauber bleiben”, so dass wir locker vom Marienplatz bis zur nächsten Baustelle blicken können. Und das ohne Fön-Wetterlage. Und das ist doch auch schon mal was, oder.

Also warten wir geduldig.

Wir warten.

Und in der Zwischenzeit bis dass der Zug kommt, ein wenig Werbung für Ongomoier und seine neuen Faschingskostüme:

Ongomoiers Faschingskostüme repräsentieren wie nichts auf dieser Welt, das was den Münchner Fasching ausmacht: Ehrlichkeit, Durchblick und Wahrhaftigkeit. Ongomoiers Faschingskostüme sind das wahre Nichts. Sie sind sogar nachhaltig, biologisch einwandfrei ohne Schadstoffe, biologisch abbaubar, waschmaschinentauglich bei 95 Grad und können auf jeder Münchner Schaber-Nackt-Faschingsparty, in jedem Swinger-Club und an jedem FKK-Strand getragen werden. Sie tragen nicht auf, sie fallen überhaupt nicht auf. Selbst politisch sind sie auf bayrischer Linie, sie sind das sündigste Nichts seit Adam und Eva. Ongomoier Faschingskostüme sind so wunderbar wie unsichtbar. Man gönnt sich ja sonst nichts, nicht. Diese Werbung zur Faschingszeit wurde Ihnen präsentiert von Ongomoier. Nichts ist schöner als nichts.

So.

Wieder zurück auf Sendung und wir warten auf den phantastischen “Narrhalla München Eeh Vau”-Faschingsumzug. Er soll außerordentlich bemerkenswert werden, so wurde mir aus gut unterrichteten Kreisen erzählt. Und ich muss Ihnen gestehen, ich stehe hier schon seit Stunden und sehe wie unermüdlich die Münchner Polizei mit ihren Polizeiwägen mit Bamberger Kennzeichen das Gelände des Faschingszugs umsorgt und absichert. Bislang gab es noch keine Verstöße gegen die allgemeine FFP2-Maskenpflicht und dem Abstandsgebot, wurde mir versichert.

Die Bayrische Bevölkerung hat ja die Bayrischen Hygienemaßnahmen sehr gut angenommen, wie bereits unermüdlich öffentlich Söder betont. Damit luegt Söder richtig. Denn nicht jeder hat 250 Euro (Verstoß gegen die Maskenpflicht) oder 500 Euro (Verstoß gegen die Ausgangssperre zwischen 21 Uhr und 5 Uhr) täglich zur freien Verfügung. Das Lob Söders über die Annahme der Bayrischen Verordnung durch die Bevölkerung gilt somit auch ausnahmslos und uneingeschränkt für die verantwortungsvolle Münchner Stadtbevölkerung, mit Index knapp um die 48 heute. Also auf Hunderttausend Menschen insgesamt, also nicht was Boomer oder grauhaarige, weiße Männer mit Faschingswitzen angeht, woll.

Der Zug lässt noch auf sich warten.

Moment! Ich höre gerade über meinen Kopfhörer, der Zug ist schon vorbei gezogen! Jawohl, liebe Närrinnen und Narren und Narrhalesen, sehr verehrte Faschingsmuffel und Faschingsmuffelinnen, liebe restlichen 1% der geneigten Mitleser*Innen aus dem Fanclub “Bayern München e.V.”, der Faschingszug ist vorhin bereits über den Marienplatz hinweg gefegt! Es war ein atemberaubender Zug mit viel klandestin verteilten Freibier, Weißwürscht, Leberkäs und Lutschbonbons. Ein Umzug verkleidet als echter Geisterzug, wie man ihn noch nie gesehen hatte! Wahnsinn! Eine gelungene Vorstellung des Umzugs. Waaahnsinn! Da können sich die Kölner und Düsseldorfer und auch die Mainzer Faschingstreibenden dicke Scheiben abschneiden. Ein wahrlich gelungener Umzug! Waaaahn-sinnnnn!

Darauf ein dreifaches

Schluck auf Schluck! Muc, Muc, Muc! Narri Narro!

Danke für Ihre Aufmerksamkeit.

Es ist, als ob Engelein singen, wieder von Frieden und Freud’

»Hallo, Careca am Apparat.«

»Opa? Opa, ich bin’s. Wie geht’s? Der Jörg!«

»Jörg! Wie geht’s dir? Lange nicht mehr von dir gehört.«

»Aber Opa, ich hatte dir doch erst im Oktober zum 83. Geburtstag gratuliert. Und dir ein Ständchen gesungen. Hast du das vergessen?«

»Nein, nein, mein Jörg, das habe ich nicht vergessen. Ich erinnere mich gern dran. Aber sonst meldest du dich auch so selten.«

»Ja, da hast du Recht, Opa, das ist mir auch aufgefallen. Seitdem Papa gestorben ist, du weißt, das bedrückt mich noch immer, der Verkehrsunfall. Einfach so. Von gestern auf heute.«

»Ja, mir wird’s noch immer schwer ums Herz, wenn ich dran denke, dass mein Sohn vor mir, von uns gegangen ist.«

»Ja, Opa. Er war schließlich mein Vater, nicht wahr. Auch wenn es bereits dreizehn Jahre her ist. Ich denke noch häufig an ihn. Ihr beide ward ja fast immer unzertrennlich. Drum dachte ich, ich meld’ mich mal.«

»Das ist lieb. Wie geht es dir?«

»Gut. Und dir?«

»Ach ja, ist hier ein wenig einsam im Altersheim in der Isolation, ohne Besuche wegen dieser Krankheit.«

»Ja, ja, das ist schlimm. Hoffentlich ist das alles bald vorbei.«

»Ja, hoffe ich auch.«

»Habt ihr schon mitgeteilt, wann ihr dort alle geimpft werdet? Stehst du schon auf der Impfliste?«

»Seit gestern. Nach Weihnachten soll es losgehen. Ich stehe auf Platz 19 der Impfliste.«

»Das ist schön, Opa. Du mit deinen 83 Jahren. Voll cool. Übrigens, ich habe gehört, dass die ganze Kacke bei jüngeren Männern als Langzeitfolge zu erektiler Dysfunktion führen kann. Haste schon gehört? Ganz schlimm. Wirklich schlimm. Total uncool.«

»Zu was? Erektiler Dysfunktion?«

»Du weißt, das ist das, wozu man nachher Cialis, Sildenafil, Levitra, Avana, Dapoxetine, Viagra und so weiter für teures Geld schlucken muss, damit nachher man als Mann ein Mann sein kann. Die Krankheit macht schlapp, weißte.«

»Echt?«

»Ja, hamse herausgefunden. Opa, ich werd’ im Februar doch erst 33, voll jung,ey. Ich will nicht wegen dieser uncoolen Kack-Krankheit von einer Sahneschnitte von Frau wegen eines Hängers im Bett gekreuzigt werden. Das wäre voll schlimm.«

»Hm. Schön wäre sowas nicht, aber …«

»Opa, heute will die Gesellschaft, dass Männer ihren Mann stehen. Ein Lappen will doch niemand. Noch nicht mal im Bett. Opa, kannst du mir deinen Impfplatz nicht einfach überlassen? Die Großeltern meiner Freunde werden das auch machen, haben die zugesagt. Ich mein, du wirst ja wohl eh kaum Sex im Altersheim haben, und ich bin doch recht jung, nicht wahr. Dann wäre ich gegen diese Kack-Langzeitfolge ‘Erektile Dysfunktion’ immun und ich könnte mich voll für die Gesellschaft einbringen. Niemand will einen Schlappschwanz, einen Lappen als Mann.«

»Also, hier hat es öfters regen Sexualverkehr …«

»Opa, echt jetzt? Das ist ja voll eklig. Außerdem kannst du eh nicht so oft wie ich. Also, wenn das in Ordnung geht und ich deinen Impfplatz bekomme, dann schicke ich dir auch ein Weihnachtsgeschenk, ein richtig dolles, da wird dich jeder drum beneiden: Ein Ipad5, dann können wir auch mal wieder so facetimen und du kannst auch privat im Internet per Apple surfen.«

»Face … was? Hm.«

»Du bist einverstanden, Opa? Danke! Ich bin ja so stolz auf dich! Ich schick dir das Geschenk per Paketdienst zu Weihnachten. Dann facetimen wir, wie wir das nachher machen, so mit deinen Impfplatz mir überlassen und so. Frohes Fest dir auch! Dicke Umarmung!«

»Jörg? Ich möchte, … Jörg? Hm. Aufgelegt. Super! Wahnsinn! Mein Enkel hat mich endlich mal wieder angerufen! Wow!«

Die Feder ist mächtiger als das Schwert, oder: Dummes Geschreibsel ist beängstigender als eine Hiebwaffe

Wir schreiben den 21. Dezember 2020. Der Tag ist grau. Nebelschleier verhindern den Blick zur Sonne. Heute ist einer der kürzesten Tage im Jahr: 8,35 Stunden sollte die Sonne theoretisch zu sehen sein. Dabei werden die Abende bereits seit dem 12. Dezember 2020 wieder länger. Nur mit den früheren Sonnenaufgängen wird es erst wieder ab dem 2. Januar 2021 wieder was werden. Das alles ist nur akademisch interessant. Für die meisten Menschen wäre das zu verwirrend. Darum zählt nur der Längenvergleich und nicht die wissenschaftliche Erklärung dahinter.

Als Kinder auf Klassenausflügen sangen wir in früheren Zeiten – die alten, weißen, grauhaarigen Männer und die alten, faltigen, Mask-Teint-ed Frauen werden sich noch dran erinnern – das Lied der Wissenschaft in hohen Tönen (weil noch kein Stimmbruch):

Die Wissenschaft hat festgestellt […], dass Marmelade Fett enthält, […] drum essen wir auf jeder Reise […] Marmelade eimerweise […].

Die Wissenschaft hat festgestellt […], dass Knackwurst Pferdefleisch enthält, […] drum essen wir auf jeder Reise […] heiße Knackwurst meterweise […]

Die Wissenschaft hat festgestellt […], dass Coca-Cola Schnaps enthält, […] drum trinken wir auf jeder Reise […] heiße Coca-Cola fässerweise […]

Uns so weiter und so fort. Es sollte jetzt ja niemanden wundern, warum aus meiner Generation so viele übergewichtig durch die Gegend schwanken oder beim Urlaub auf den Stränden der Kanaren und Karibik von Walretter-Organisationen ins Meer gerollt werden. Ganz zu schweigen von den Personen, die mit vor Geldscheinen strotzenden Geldklammern durch die Gegend laufen, weil sie gelesen haben, dass Euro-Scheine sehr stark mit Kokain belastet sind, und zu Hause dann jeden Geldschein gründlich ablecken. Nachdem zusätzlich auch noch rausgefunden wurde, dass mehr als 20 Währungen deren Geldscheine mittels tierischen Fetten herstellen, sind die veganen Geldschein-Lutscher ein wenig angefressen, weil sie jetzt deren Kokain beim Schwarzmarkthändler kaufen müssen, der ihnen nicht bestätigen kann, dass dessen weiße Substanz vollkommen vegan produziert wurde …

Es erstaunt mich immer wieder, wie ich es mit meinem Geschreibsel schaffe, in einem Absatz mehr als ein halbes Dutzend Halbwahrheiten und selbstgemachte Annahmen einzustreuen, nur um an den Knackpunkten der Vorstellung des Lesers zu arbeiten. Gut ist das nicht. Andere sind darin aber wesentlich besser.

Die können all ihre Ideen, Überzeugungen und Gedanken in 200 Zeichen packen und die Twitter-Welt überzeugen. Oder in Telegramm-Gruppen über all die Doofen unserer Gesellschaft sich aufregen.

All diese Echo-Kammern haben etwas von Selbst-Therapie-Gruppen. Zumindest wenn es darum geht, dass sich alle im Kreis auf Stühle hocken und deren Weltenjammer-Leid klagen. Sie reden nicht, nein, sie schreiben in ihren Gruppen und lesen Geschreibsel der anderen. Wichtig ist dabei, dass solche Pseudo-Schreibtherapie-Gruppen auch immer einen Gruppenleiter haben. Keinen Gruppenleiter mit einer grundlegenden wissenschaftlichen Ausbildung, nein, sondern einen, der zu wissen glaubt, wo man wissenschaftliche Arbeiten finden kann (und zwar in Buchhandlungen, statt in Universitäten) und der – weil er weiß, wo sich drei Buchhandlungen befinden (eine im Internet, die andere in der Innenstadt und die dritte bei seinem Guru) – schlichtweg Ober-Querdenker nennt. Der wacht dann darüber, dass alle Gruppenteilnehmer quer denken. Und zwar dermaßen querdenkend gleichgeschaltet, damit Gedankenfreiheit auch kontrollierbar wird. Denn wer nicht das Querdenken beherrscht, der ist zwangläufig – per definitionem – Mainstream-Denker und somit Schlecht-Mensch. Und das ist noch schlechter als Gut-Mensch. Im Sinne von quergedacht halt.

Nach unbestätigten Gerüchten sollen alle Gruppentherapie-Teilnehmer gemeinsam in ihren Echokammer das allgemeine Glaubensbekenntnis der Querdenker singen – so wie wir es damals auf den Schulausflügen in den Bussen fleißig zum Leidwesen der Busfahrer geübt hatten – :

Die Querdenker haben festgestellt […], dass Wissenschaft auch Ideologie enthält, […] drum besaufen sie sich auf jeder Reise […] mit ihrer Ideologie fässerweise […]

8,35 Stunden Sonne hinter Hochnebelschwaden. Ab morgen steht mehr Tageslicht zur Verfügung, diesen Hochnebel länger zu bewundern. Länger in den Abendstunden. In der berühmt berüchtigten Herrgottsfrüh wird das erst im nächsten Jahr möglich, wenn die Sonne wieder früher aufgeht. Bis dahin gilt für heute das Gleichgewicht der Kräfte: Tag- und Nachtgleiche. Und dazu: Hochnebelwetterlage ohne Durchblick bis zur Unendlichkeit und noch viel weiter …

Das jüngste Gesicht (Notizen aus der Provinz)

  • Op Schalke ham se nen neuen Trainer. Ohne fiel Federlesen wurde der braunhaarige, junge Mann durch einen beinahe weißhaarigen, alten Mann ersetzt. Dem “Welttrainer” Jürgen Klopp setzt Schalke jetzt den “Jahrhunderttrainer op Schalke” entgegen, Hub Stevens. Der Fußballnachbar aus Dortmund ging eine Woche zuvor den anderen Weg: einen grauhaarigen, alten Mann raus; einen straßenköterblonden, jungen Mann rein. Aber eigentlich hätte Dortmund ja gerne den “Welttrainer” Klopp gerne zurück, das beste aus zwei haarigen Welten: weißbärtig, straßenköterblond und Mid-Ager.
  • Die Regensburger Domspatzen werden an Weihnachten nicht im Regensburger Dom singen. Vielleicht wird eine Leinwand aufgespannt und jeder einzelne Domspatz pfeift von deren eigenen Dächern mittels “ZOOM” oder “TEAMS” oder so per Live-Schalte in den hygienisierten Dom und seine sozial distanzierten Gläubigen. Die mitternächtlichen Christmetten sollen übrigens schon um 19:00 starten. Somit wird manifestiert, was schon eh jeder wusste: in der Kirche gehen die Uhren anders als bei den anderen Menschen.
  • Im Online-Portal der Münchner TZ las ich folgenden Satz über den Münchner Marienplatz:
  • image(Screenshot tz.de am 18-Dez-2020: ”[…] Bis 1972 konnte man sogar noch mit dem Auto über den Platz fahren. Hier zu sehen auf einer Aufnahme um 1958.”)

    Auf einer Aufnahme von 1958 ist 1972 bereits zu sehen. Könnte mal schauen, ob wer auf einer Aufnahme von 2006 den leeren Marienplatz vom Lockdown 2020 sieht? Irgendwelche Fotos von 2020 mit Voraussagen zu 2034?

  • Ein neues Gesicht findet sich in einen der TATORT-Reihen wieder. Eigentlich ein altes Gesicht, aber ein neues als Wiedergänger. Spannend. Aber nicht wirklich neues für die Christenheit. Die hat sich in jährlichen Übungen daran in den letzten 2000 Jahre trainiert und wird den Neujahrs-TATORT gelangweilt anschauen. Nach Angabe von jüngeren Menschen schauen sich die TATORT-Sendungen eh nur die grauhaarigen, alte Menschen an, weil der Begriff “Tat-Ort” dem der “Tot-Art” nicht unähnlich ist. L’art pour l’art. Die Dracula-Geschichten haben sich auch damals schon immer nur die Älteren erzählt. Die Jüngeren haben dafür um so leidenschaftlicher die “Vampire Diaries” und die “Twilight Saga” studiert. Twen-Ager Geschichte für den leichten Schauer am Rücken unter der Bettdecke bei gezuckertem Popcorn, lauwarmen Glibber-Käse und schweißnassen Händchen.
  • Eine Schneebombe rollt auf Deutschland zu und München mitten drin. So lautet die Prognose mehrerer Nachrichtenkanäle für das Weihnachtsfest. Sollte also Süddeutschland in einer Schneekatastrophe eingeschneit werden, keine Sorge: es herrscht eh tagtägliches Ausgehverbot zwischen 21:00 bis 5:00 Uhr. Und in der Zeit dazwischen braucht jeder Mensch triftige Gründe, um als Schlachtenbummler eine Schneebombe anzuschauen zu dürfen. Die Schneeballschlacht-Vorschau in der prophezeiten Schneebombe gehört nicht zu der kriegerisch daher kommenden Wettervorhersage. Dafür erwarten andere Nachrichtenkanäle einen brutal auftretenden Sturm vor Weihnachten: einen An-Sturm auf die Lebensmittel-Discounter. Das ist nichts Neues. Im Westen. Am 24. Dezember noch einen umfassenden Einkauf zu tätigen, ist immer das erstbeste, nervenaufreibende Erlebnis nach Winteranfang. Gehört auf jede Bucket-Liste. Auch ohne Schneebombe.
  • In München gibt es an die 600 Obdachlose. Viele davon trinken dabei auch noch, oder kuscheln sich in der Kälte unter Münchens Brücken zusammen, während ihres Obdachlosen-Daseins. Von_hintenDas ist bekanntlich sowohl ungesund, als auch teuer. Denn: Verstoß gegen die Ausgangssperre des Nachts (500 Euro), dann noch Alkoholkonsum im Freien (150 Euro) und zu guter Letzt Kontaktverbot (150 Euro). Macht mindestens 300.000 Euro ins Münchner Stadtsäckl. Pro Tag. In solch klammen Corona-Zeiten ist jeder Stadtkämmerer um jeden zusätzlichen Euro dankbar. München auch. In den letzten drei Tagen wurden 49 Fälle des Verstoß gegen die Ausgangssperre registriert. Da scheint also noch ordentlich Luft nach oben. Oder sollte München und seine Ordnungsbeamten jetzt doch ein Herz für Obdachlose haben? Nachdem wegen Corona-Hygiene-Anforderungen die Schlafplätze in den Notunterkünften deutlich reduziert wurden? Wegen social distancing. Da wird einem warm ums Herz. Ich hoffe, meine Sätze über die Strafzahlungen wird nicht von einem Offiziellen gelesen und ernst genommen. Weil von jedem Ding nur der Preis und von keinem der Wert zählt (nach Oscar Wilde). Denn das obige, das schrieb nur die Zyne aus mir raus. Aus der Zyne für die Zyne …

Hundert Jahr

Gabi, Horst, Edgar und seine neue Freundin, die beiden Kleinen, Etienne und … und … verdammt, wie hieß nochmals der Ex von ihr? Und wird er kommen? Was hatte sie mir dazu am Telefon gesagt? Mir fällt sein Namen nicht ein. Als wär ich hundert Jahr.

Die beiden Kleinen. Wegen denen wurde doch alles aufgezogen. Diese kleinen Nervensägen. Nervensägen? Darf ich das denken? Darf ich überhaupt fragen, ob sie es sind? Ich frag doch nur. Der Weihnachtsbaum, der extra wegen den beiden Kindern aufgebaut wurde. Okay, auch wegen Etienne. Die wollte auch einen.

“Wir sollten eh nicht großartig feiern. Lass uns keine Keimzelle der Corona-Viren werden. Wir könnten es dieses Jahr auch mal ruhiger angehen lassen. Also ohne Großfamilie, oder so.”

“Bist du bekloppt? Weihnachten ist der einzigste Ruhepol im Jahr voller Hektik, in der man es zusammen heimelig und gemeinsam besinnlich haben kann. Und du willst den letzten sozialen Anker der Familie zerstören?”

Der einzigste Ruhepol. Diesem gestelzten Empathie-Komparativ war nichts entgegen zu setzen. Und dann noch das Adjektiv sozial. Sozial. Der Mensch dein soziales Wesen. Mit sozialem Abstand. Eins fünfzig. Sozial. Ich hatte es kurz mal versucht, den Abstand nicht sozial zu halten. Das hatte mir gar nicht gefallen. “Du hast es nicht richtig versucht. Du musst dir klar machen, dass dieser soziale Abstand nur Methode der Oberen ist, dich einzuschläfern, dich zum Schlafschaf zu machen. Du musst da nicht mitmachen, erwachen musst du aber erwachen”, erklärte mir auf der Demonstration ein Teilnehmer (ohne Wachturm in der Hand). Erwachen du musst, junger Padawan, so flüsterte es in mir. Ich gab mir dann wirklich Mühe; aber das war nicht meins. Es wurde sogar richtig stressig. Auch wenn ich Lob von jenem Menschen für meine Mühe erhielt. Ich beließ es dann konsequent bei dem sozialen Abstand. Asoziale Nähe ist auch nicht die Lösung. Auch nicht bei Demonstrationen. Dann lieber social distancing zu solchen Mitmenschen.

“Chef, ich brauche dringend morgen einen freien Tag. Dringend.”

“Echt? Willst du vor dem neuen Lockdown noch wohl ein wenig Frischluft schnuppern? Gefällt dir unsere Büroluft nicht mehr?”

“Chef, Weihnachten steht vor der Tür!”

“Und? Du musst jetzt nicht unbedingt noch vor dem Lockdown noch Weihnachtseinkäufe machen. Das hättest du ja auch schon vor Wochen erledigen können, oder?”

“Chef! Woher sollte ich wissen, dass am 24ten Dezember wieder Weihnachten ist?!? Warum hat mir niemand vorher was gesagt?”

“Okay, okay. Aber bring uns keine Andenken in die Firma, okay?!”

Gestern hörte ich noch der mahnenden Worte. Man müsse doch nicht den letzten Tag vor dem Lockdown zu Einkäufen nutzen. Ich atmete tief durch, füllte meine Lungenflügel mit Frischluft. Die Ruhe vor dem Sturm. Für den Sturm vor der Ruhe. Sicherlich werden sich sowieso alle dran halten und nicht rausgehen. Ich meine, ich bin halt so doof und es passiert auch nur mir, dass ich dran erinnert werden muss, wann Weihnachten ist.

Geschenke. Gabi, Horst, Edgar, seine biedere neue Freundin, die beiden kleinen Nervensägen, sexy Etienne und … und … verdammt, wie hieß nochmals der Ex von ihr? Ob er kommt? Ich musste grinsen. In deren Ehe soll er ja nie gekommen sein, hatte Etienne immer danach erklärt. Wie hieß er? Pretox hatte sie zu ihm gesagt? Oder Prätorix? Pretorius? Mir fällt sein Namen einfach nicht ein. Als wär ich hundert Jahr.

“Wie alt sind denn die beiden?”

“Fünf und neun. Ich brauch irgendetwas, was die aufsaugt. Damit die mal nicht vor dem Tablet oder Computer hocken.”

“Oh, das ist schlimm.”

“Ja, deren Mutter hat aber nichts dagegen, dann hat sie ihre Ruhe. Hat meine Mutter auch damals immer gemacht.”

“Echt? Gab es in ihrem Alter überhaupt schon ein Nachmittagsprogramm außer den Telekolleg im Dritten?”

“Naja, meine Familie war nicht so reich. Meine Mutter hatte mich immer auf nem Stuhl vor dem Fenster gesetzt und dann habe ich den Blüten beim Blühen zugeschaut, den Fliegen beim Fliegen und den Vögeln beim … Völlern im Kirschbaum und dem Gras nun mal beim Wachsen. Geschadet hat es mir nicht, wie sie sehen. Ich habe meine Lehren draus gezogen, bin quietschfidel, lebensfroh und kinderlos. Das Leben muss ja nicht immer von Leid durchzogen sein, nicht wahr.”

Sie zeigte mir eine Art Blasebalg. Wenn man drauf hüpft, fliegt eine Gummirakete gen Decke. Also fast so schön wie ein Atomkraftwerk zum Selberbasteln. Nur halb so spannend.

“Das hält ihre Nervensägen bei Trapp und macht sie müde. Also elternfreundlich.”

“Echt? Ich dachte, es müsste fiepen, tröten und krachen, damit mich die Eltern in deren nächtliches Hassgebet mit einschließen.”

“Sie sind mir sympathisch. Wir sollten uns mal treffen.”

“Nein, keine Zeit, ich streiche bald meine vier Wände und schaue dann der Farbe beim Trocknen zu. Das erweckt Kindheitserinnerungen bei mir, Sie verstehen?”

Über meiner Schulter hängt mein Stadtrucksack, an meiner linke Hand zieht schmerzhaft eine Tüte und mit der rechten Hand versuche ich mir einen Weg durch die Menge zu schaufeln. Warum hat keiner dieser Vollspacken einen Fernseher zu Hause? Hat da nicht wer ganz klipp und klar und deutlich gesagt, man solle Rücksicht auf andere nehmen und zu Hause bleiben? Unsäglich, diese Massen von Querdenker! Rücksicht auf andere nehmen, das liegt denen nicht. Und wer sind diese anderen? Ich nun mal! Denn ich bin nicht wie die anderen, also bin ich ich! Einer der arbeitenden Bevölkerung, die sich mit Müh und Not beim Chef einen freien Tag nimmt, um in Ruhe seine Weihnachtseinkäufe zu erledigen. Und was machen die anderen? Warum wollen die mir alle beim Einkaufen zuschauen, diese Vollspacken? Haben wir denn nicht schon genug Covid-19-Infizierte, Erkrankte, Tote und sonstige Querdenker? Himmel. Vor hundert Jahr hätt’s das nicht gegeben! Hundert Jahr.

So langsam werde ich ungemütlich. Ich muss schließlich an meine Nächsten denken, statt wie an mich selbst. Da gibt es wichtigere Personen. Gabi, Horst, Edgar, seine ranzige Neu-Partnerin, die beiden nervenden Nervensägen, sexy Etienne und … und … Präkoxius? Prä … ach, quatsch. Predrag. Stimmt. Serbe mit serbischen Vornamen, den er damals als Baby in Serbien auf serbisch von seinen serbischen Eltern erhalten hatte. Der war eigentlich okay, aber ansonsten immer der viel zu nette. Immer freundlich, immer lächelnd. Keiner dieser schwarmdementen Spießer. Kein der Pharisäer, die gern drauf pochen, scheinheiliges Weihwasser zu pissen, um zu betonen, dass das die anderen nicht könnten. Keiner dieser, die die Wörter “Narrativ” und “Framing” mit Weihrauch und Talaren umgarnen, damit derer Zuhörer in unverständiger Bewunderung verharren und leichter zu verführen sind. Keiner dieser Denker neuer Quergeschäftsmodelle, um auf querdenkender Weise sich über Schenkungen Geld einzuverleiben, um sich dann jammernd auf hohem Niveau als unverstandener Heilsbringer bei der Mehrheit zu gerieren. Wohlbeleibt wie ein Buddha auf einem ohen Anstrengung bei anderen eingesammelten Batzen Geld. Money for nothing. Geld horten, wo es nur geht. Auf das eigene Konto. So wie schon vor hundert Jahren auch. Hundert Jahr.

“Darf ich Ihnen eine Parfümprobe geben?”

“Hm?”

“Der brandneue Volksduft. Riecht nach Blut, Schweiß und Tränen.”

“Wie riecht denn das? Mit Blut, Schweiß und Tränen kenn ich mich nicht so aus, verstehen Sie.”

“Ja, verstehe ich vollkommen. Aber das heißt ja nicht, dass man es nicht kennenlernen kann, nicht wahr. Zum Drangewöhnen. Ist ganz groß im Kommen.”

“Echt jetzt?”

“Echt. Besonders bei Männern.”

“Im Kommen? Oder beim Kommen?”

“Schnuppern Sie doch einfach mal. Der neue Zeitgeist. Frauen finden den Duft auch sexy. Riecht nach Tod. Und der Tod ist das beste Aphrodisiakum ever.”

“Hm. Riecht irgendwie nach nichts, aber jetzt, jetzt geht der monstermäßig ab.”

“Richtig. The familiar calm before the storm. You know.”

“Nö.”

“Der letzte Schrei vor der Ruhe vorm Sturm. Sozusagen die Ernte vom zuvor gesäten Wind.”

“Kostet?”

“So viel wie hundert Jahr zuvor auch. Lediglich den Verstand.”

“Okay, nehm ich.”

Der Platz in der U-Bahn ist eng bemessen. Ich blicke auf meine Füße. Wenn ich etwas in der Schule gelernt hatte, dann das auf-die-eigenen-Schuhe-Blicken. Hausaufgaben nicht gemacht? Vokabeln nicht gelernt? Formel vergessen? Wenn der Lehrer forschend in die Runde der Schülerschaft schaute und sich sein Opfer suchte, blickten nur die Streber den Lehrer erwartungsfroh an. Alle anderen blickten dann nur auf ihre Schuhe. Um unsichtbar zu werden. Um nicht aufgerufen zu werden. So sitze ich nun denn in der U-Bahn, schaue auf meine Schuhe und hoffe so dem Corona-Virus zwischen all den vielen Leuten um mich herum zu entkommen. Einfach nicht aufschauen. So wie vor zweimal hundert Tag, als der erste Lockdown auslief. Nicht hundert Jahr, nur zwei Hundert Tag.

Morgen startet der nächste Lockdown. Dann sind nur noch Lebensmittelgeschäfte geöffnet. Weihnachtseinkäufe gehen dann nur noch per Internet. Nur dass die Paketdienstleister dann die Pakete nicht mehr rechtzeitig ausliefern werden. Gut ist, dass mein Weinfachhändler geöffnet haben wird. Für Nachschub ist bei mir also gesorgt, den neuen Lockdown wein-seelig zu überstehen. Allein, die Dauer des neuerlichen Lockdowns ist zwar angekündigt, wird aber sicherlich nicht am 10. Januar enden. Das wird uns das Virus nicht gönnen. Dem ist es sowieso egal, welches Datum unsere Kalender anzeigen.

Vor Hundert Jahr endete eine Pandemie erst nach ihrer dritten Welle. Kurz darauf folgte jener Pandemie eine andere Epidemie, die sich zur Pandemie ausweitete. Kein physischer Virus, sondern die Idee einer Minderheit, die sich ungerecht behandelt fühlte und mit Legenden, Verschwörungs- und Verschwurbelungsgeschichten einen viralen Virus in Europa schuf, durch den dann mehrere Millionen Menschen starben. Weil die Menschen zu diesem grassierenden Virus in den Hirnen der Menschen kein social distancing haben wollten, sondern asoziale Nähe zu skrupellose Bauernfängern aufstrebend aus derer Minderheit, die sich an der Mehrheit erfolgreich ranwanzten, alle infizierten und zu begeisterten Tätern werden ließen.

Hundert Jahr.

Hundert Jahr.

War da was?

“Die Ruhe vorm Sturm. Sozusagen die Ernte des zuvor gesäten Windes.”

“Und kostet?”

“So viel wie hundert Jahr zuvor auch. Lediglich den Verstand.”

“Okay, nehm ich. Dann bitte jeweils einmal für Gabi, Horst, Edgar, seine ranzige Schranze, den beiden lieblichen Eltern-Nervensägen, für die Sexbombe Etienne und den impotenten Predrag. Der Weihnachtsgeschenk-Verpackungsservice ist hier doch auch gratis, oder?”

Komm zu mir

Komm mir nicht zu nahe. Aber bleibe nicht zu weit weg. Denke dran, alle elf Minuten verliebt sich ein Internet-Dater. Und alle zwölf Minuten wird ein Internet-Hating wegen Ghostings der Nicht-Antwort geboren.

Internet-Dater

Internet-Hater.

Internet-Dater

Internet-Hater.

Kommst du nicht zu mir, kommen wir zu dir. Influencer. Tictoc. Tictoc. Tictoc. Knock, knock. Who is there?

Leaf.

Leaf who?

Leaf me alone.

Das versteht kein Deutscher.Warum auch? Klopfen ist lautmalerisch.

Knock, knock, who is there?

Maradona?

Hand of God.

Give it back.

Mission fullfilled.

Geht nicht. Verstorben erst vorgestern. Herzinfarkt.

Mist! Echt jetzt? Nur ein “Verstorben erst vorgestern. Herzinfarkt”? Hast du nicht 36 Jahre zuvor am 4:3-Monitor gehangen und ihn bestaunt, du Sack? Und jetzt nur ein “Mission fullfilled”? Diego? Maradona? Fernsehstar der Fußball-Übertragungen?

Wer sonst nicht? Schlägt er nicht in deiner Magengrube als postmoderner Gangsterjogger Europas? Ist zwar schon 30 Jahre her. Aber biste kein ‘Okay-Boomer’ mehr? Die Jugend interessiert sich für Maradona weniger.

Egal.

Alle Boomer sind heuer eh Kandidaten für Schlaganfall und Herzinfarkt. Ist es besser mit 80 zu sterben? Oder mit einem Glas Schaumwein in der Rechten beim sexuellen Erlebnis? Katholisch, evangelisch, protestantisch, christlich, moslemisch? Oder evtl. atheistisch lustvoll?

Lautstarke Gegenposition. Unbedeutende, aber lautstarke Minderheit:

“Hallo? ‘It-Girl’? Hallo? Das ist wie ‘Sexworker’, aka wie ‘Hure’, wie ‘Nutte’, wie ‘Untergang des Abendlandes’, wie ‘das können wir noch eventuell in Unterausschüssen über minder schwere Verfehlungen’ erörtern und aburteilen. Aber bitte die aktuellen etablierten It-Girls der aktuellen Live- Camps berücksichtigen, okay.”

Ich grüble. Aus meinen Lausprechern erklingt Rammstein (ohne dich). Ich fixiere die Tastatur vor mir und deren einzelne Buchstaben. Rechtschreibung ist in der heutigen Zeit so imminent wichtig. Es kann in der Covid-19-Situation den Unterschied zwischen unglaubwürdige Systemopportunisten und Demokratie-Lügnern bei Querdenkern erklären. Die achten auf alle Signale, selbst die vom Himmel.

Ich atme durch. Unbegründet. Weil alle Argumentationen noch nicht durchanalysiert.

Mein Kühlschrank ist auf meinem Weg und ich kontrolliere zuvor meine Corona-App. Zwei Treffer. Aber ohne Besorgnis für mich. Es waren wohl Supermarkt-Begegnungen. Oder in der Weinhandlung, wo mir eh keiner näher als eine Armlänge kam.

Ich schau aus dem Fenster. Es ist fast 3 Uhr Nachts. Was glaubt ihr, was ich sehen könne?

Nichts.

Nullinger.

Nada.

Niente.

Niet.

Careca allein zu Haus.

Wen interessieren in der Situation noch Eierlikör-Rezepte, deren Ergebnisse der Autor selber kurz danach weggeschlürft hat? Ist anonym-gebloggter Alkoholismus gesellschaftsfähig? Oder wollt ihr BiVies eure Kinder so etwas unreines überhaupt lesen lassen?

Hasta la Vista.