Das Corona-Tagebuch: Provinznotizen aus Deutschland Süd bei Südost (27): Grabesruhe

Heute ist Karsamstag. Grabesruhe. Ruhe. Schweigen. Also, Bürgerpflicht.

Über allen Gipfeln
Ist Ruh‘,
In allen Wipfeln
Spürest Du
Kaum einen Hauch;
Die Vögelein schweigen im Walde.
Warte nur! Balde
Ruhest du auch.

Zwei Dinge sind heuer nicht erlaubt und das WARUM? dafür recht schwierig der Bevölkerung zu vermitteln: Fußball und Abseits.

Fangen wir mit dem einfachen an, der Abseitsregel.

Abseits ist dann, wenn jemand in der Nähe eines Zieles steht, wo er eigentlich ja auch hingehört, aber nicht sein darf, wenn ihm das Spielgerät zugespielt wird.

Verstanden? Nein? Dann nochmal.

Steht jemand extrem peripher kurz hinter dem letzten Vertreter der anderen Mannschaft und in diesem genauen Moment (und ganz genau dann und nicht später) wird das Spielgerät von jemanden abgegeben, der den Überblick auf dem Spielfeld komplett verloren hat und nur zu wissen meint, wo der “jemand” sich befände, und eben jener “jemand”, der gerade extrem peripher kurz hinter dem letzten Spieler und Vertreter der anderen stand, erhält eben jenes Spielgerät, dann darf jener “jemand” dieses im weiteren Verlauf nicht mehr verwenden. Dann wird abgepfiffen. Notfalls wird alles per Videoentscheidung mittels kalibrierten Linien in 8K-Auflösung aus 360 verschiedenen Blickwinkeln und mit Extrem-Super-Duper-SloMo überprüft. Dann ist das Spiel unterbrochen, der Schiedsrichter joggt zu seinem Online-Streaming-Monitor, schaut ne Runde Regelerklärung zum Abseits im Handbuch für Schiedsrichter nach, und wenn er dann im Abspann sieht “alles Nähere regelt ein Bundesgesetz” zuckt er die Schultern und überlegt sich ne Entscheidung. Währenddessen wirft die Mannschaft dem im Abseits Stehenden, also jenen “jemand” von oben, mangelnden Mannschaftsgeist vor, und das Publikum ärgert sich lauthals über die Deppen von Spieler und die Entscheidung von eben jenem, von dem alle wissen, wo dessen Auto steht.

Ich weiß, das war noch immer leidlich abstrakt und drum ist die Abseitsregel auch so schwer zu verstehen. Damit sich auch keiner im täglichen Leben mit solchen Regeln beschäftigen muss, wurde Fußball gleich mit verboten.

Gut, da gibt es jetzt sicher den ein oder anderen Besserwisser unter den Lesern, der sofort sagen wird: “Stimmt doch gar nicht! Ist doch alles wegen Corona, dass der Fußball nicht mehr geballert werden darf!”

Aber das ist so nicht so einfach. Ich versuche mal die Abseitsregel ein wenig praxisnäher zu beschreiben:

Man stelle sich vor, da hat es eine Mannschaft aus allen Bundesländern, also elf Spieler und fünf Auswechselspieler. Dann hat’s da noch einen Trainer und einen Physio. Und ein paar Mannschaftsassistenten. Und um die besten aller Bundesländer für die Mannschaft aufzustellen, nehmen wir … nein! nicht den FC Bayern München mit Flick, Mayer-Wohlfahrt und Konsortium! Wir nehmen die 16 Landespräsidenten, fünf davon dürfen ohne jeglichen Libero-len auf der Auswechselbank Platz nehmen, dann noch die Bundeskanzlerin, den Gesundheitsminister und alles, was sonst noch um Trainerin und Physio so rumjoggt.

Jetzt ist es so, dass für die Mannschaft momentan die Aufstellungsformation 1:9:1 gilt. Also, der Laschet als Spitze, neun andere als Abwehr und Söder als Torwart. Söder orientiert nebenbei seine Rolle als Torwart an der Torwart-Interpretation eines Manuel Neuers. Denn Von Bayern München lernen, heißt siegen lernen, so ist Söders Motto. Und daher kann es auch schon mal sein, dass übers Spielfeld eine 0,5:1:9:0,5-Formation rennt. Somit hat es den berühmt berüchtigten Bayern-Block, welcher dann alles zwischen sich nimmt und auf südliche Strategien einnordet. Also, gewissermaßen ein Ein-Mann-Block, ein Bayern-Tor-Block-Wart, der aufpasst, dass so viel gemeinsam wie möglich geschieht.

Doch zurück zum Abseits. Der Physio kontrolliert derweil per Ministerverfügung während des Spiels die Leistungsfähigkeit der einzelnen Mitspieler und erhält dazu Daten aus seinem dienstbaren Umfeld, also all denen, was sonst noch so um Trainerin und Physio rumjoggt. Jetzt dauert ein Spiel bekanntlich ja zwei Hälften lang und da keiner ein Zeiteisen mit sich führt, reagieren die Leute am Spielfeldrand erst einmal nur zeitlos auf Sichtweite. Das heißt, sie schauen sich den momentanen Zustand an, wie die Spieler so rumrennen. Der Sturmspitze, dem Laschet, war das aber nun mal nicht ganz so recht. Also rannte der in einer Atempause kurz ans Spielfeldrand, bestellte einfach mal mehr Analyse-Infos, ob bald denn bald die Halbzeit in Sicht sei, und schlurfte zurück auf seine Position.

Inzwischen hatte aber Söder bereits aus der zwischenzeitlichen 0:9:1-Formation eine 0,5:9:0,5-Formation umgemodelt und das Spiel neu geordnet. Laschet fand das bei seiner Rückkehr nicht wirklich toll. Aber auf mahnenden Zuruf der Trainerin Merkel, ordnete er sich dem Mannschaftsgeist unter, und die Mannschaft akzeptierte die neue 0,5:1:9:0,5-Formation.

Knappe fünf Minuten später regte sich etwas am Spielfeldrand. Ein Helfershelfer aus der medizinischen Sektion hatte in der Kürze die geforderten Informationen hastig zu einer Würze zusammen geschustert und von außen geschickt in die Mannschaft einwerfen lassen. Diese Info wurde dann wie eine heiße Kartoffel auf Laschet weitergeflankt. Eigentlich war jedem klar, dass eine Fünf-Minuten-Kartoffel wie ein Ein-Minuten-Ei wäre: noch nicht wirklich gar. Aber der Laschet erklärte die dampfende Kartoffel betrachtend, die Pause sei nahe, also auf alle Fälle nach Ostern.

Tja, und in genau diesem Moment hatte der Schiri abgepfiffen, auf mögliches Abseits entschieden und ging zu seinem Streaming-Monitor, um sich die Situation dort bei einer Folge “Traumschiff” in Ruhe anzuschauen.

Inzwischen erklärten alle anderen Spieler einmütig, der Laschet sei zu weit vorgeprescht und der Video-Entscheid sei okay, denn um Entscheidungssicherheit zu erhalten und der Bevölkerung Sicherheit zu geben, dafür wäre eine Videoentscheidung okay. Der Schutz der Bevölkerung stehe an erster Stelle. Derweil desinfizierten sich alle erst einmal die Hände mit Unschuld, wechselten ihren Mundschutz und Laschet erklärte, dass er betone, er habe gesagt “nach Ostern”, aber nie welches Jahr er meinte. Es sei wie mit den Terrormaßnahmen nach dem Attentat “09/11”. Der Terror sei auch nach 19 Jahren noch nicht besiegt und CoVid-19 würde ebenfalls einschränkende Maßnahmen weit bis ins nächste Jahrhundert erfordern.

Ein Mitspieler nickte beipflichtend in die Kameras der Reporter und erklärte: “Erst wenn sich die Situation auf dem Spielfeld deutlich und nachhaltig verbessert, werden wir die Schublade mit den sukzessiven Ausstiegsplänen weg von der 1:9:1-Formation ziehen. Sicher ist: Wir werden nicht von null auf hundert schalten.“ Und im Hintergrund hörte man es deutlich södern: “Es sollte so viel gemeinsam geschehen wie möglich. Leider scheren jetzt schon einzelne Mitspieler aus. Wir sollten aber die bewährte 0,5:1:9:0,5-Linie einhalten. Insofern muss auch das gemeinsame Konzept in der Mannschaft den unterschiedlichen Situationen gerecht werden.

Und was sagte die Trainerin dazu? “Ich habe gehört, ich habe 74 Beliebtheitspunkte, der Jens 59 und der Söder nur 72. Damit steht es also 133 zu 72, also fast doppelt so viel beim Söder. Wir müssen ganz, ganz vorsichtig vorgehen. Diese Verantwortung kann mir keiner abnehmen, aber in dieser Verantwortung muss ich agieren. Deshalb wird es wohl nie eine 100-Prozent-Lösung geben, sondern immer eine schrittweise Öffnung. Wir dürfen jetzt nicht leichtsinnig sein – wir müssen konzentriert bleiben – die Lage ist fragil.

Ihr habt jetzt die Abseitsregel verstanden?

Nein?

Dann dürfte es auch klar sein, warum Fußball momentan nicht erlaubt ist. Da säßen dann zu viele Unsachverständige im Rund, welche die ganze Situation eher verkomplizieren als vereinfachen würden. Wenn denn schon Sachverständige deren Forschungsergebnisse von einem Heinsberg nahe bei Laschetshausen nicht klar präsentieren können, was soll man dann schon von uns Unsachverständigen aus Deutschland erwarten?

Somit sollte endlich verständlich sein, was unsere Trainerin in ihre “Wir”-Verantwortung vor sich her trägt. So verständlich wie das Pfeifen im Walde, wie eben jenes bereits der Spatzen von deren Dächern. Und jeder hat schon von Kindesbeinen an gelernt: Lieber eine Taube in der Hand, als solche Spatzen auf seinem Dach.

Da allergings das Publikum noch nicht bereit ist, zu gurren wie eine Taube, muss Fußball deshalb erst einmal abgesetzt werden. Über Geisterspiele, ausgestrahlt im bezahlten Fernsehen, kann man allerdings noch sprechen, nicht wahr.

Über allen Gipfeln
Ist Ruh‘,
In allen Wipfeln
Spürest Du
Kaum einen Hauch;
Die Vögelein schweigen im Walde.
Warte nur! Balde
Ruhest du auch.

Karsamstag. Ruhe. Grabesruhe. Schweigen. Also, Bürgerpflicht.

Das Corona-Tagebuch: Provinznotizen aus Deutschland Süd bei Südost (26): Karfreitag

Karfreitag.

Gibt es einen Gott? Und wenn ja, schaut er sich Karfreitags mit einer Tüte Popcorn Monumentalfilme über seiner Person als wichtigsten Nebendarsteller im Fernsehen an? Oder sitzt er lieber unter fast wolkenlosem Karfreitagshimmel in Bayern auf einer Parkbank und liest Terry Pratchetts “Good Omens”? Oder geht er statt des inzwischen völlig bierseeligen Alois Hingerls – Dienstmann Nr. 172 am Münchner Hauptbahnhof – in die Bayrischen Staatskanzlei, um dem bis heute vergeblich wartenden Söder und seiner ganzen Bayerische Regierung göttliche Eingebungen zu vermitteln? Oder kann es Gott deswegen nicht geben, weil Söder erklärtermaßen ohne irgendwelche Laschets und Merkels regieren will?

Zwei Rabbiner disputieren bis in die tiefe Nacht über die Existenz Gottes. Mit allerlei Bibel- und Talmudstellen beweisen sie jenseits allen Zweifels, dass es Gott nicht gibt. Als der Tag anbricht, macht sich der eine in die Synagoge auf. Der andere, verblüfft: “Ich dachte, wir hätten uns gestern geeinigt, es gibt keinen Gott.” “Ja, aber was hat das mit dem Morgengebet zu tun?”

Karfreitag in Zeiten von SARS-CoV-2 und CoVid-19.

Der Nächste. Zur Kreuzigung? Gut. Durch die Tür hinaus, zur linken Reihe, jeder nur ein Kreuz und zwei Meter Abstand halten, hm. Der Nächste.

Karfreitag. 30 Silberlinge. Geld oder Leben? Wie wäre es hiermit:

„Bringt eure Toten raus! Ich nehme sie in Zahlung! 3 Pens!“

Nun, unterschätze nie die Wichtigkeit einer gepflegten Panik. Auch nie im Krankheitsfall. Allerdings braucht niemand in diesem Theater unserer Welt Panik zu bekommen. Alle Notausgänge wurden eh bereits von außen verschlossen. Eine Panik – hier nicht mehr lebend heraus zu kommen – ist somit völlig unbegründet.

Um den Zustand der Menschheit zu verstehen, kann es ausreichen zu wissen, dass die meisten großen Triumphe und großen Katastrophen der Geschichte nicht darauf zurückzuführen sind, dass Menschen im Wesentlichen gut oder schlecht sind, sondern darauf, dass Menschen im Wesentlichen Menschen sind.

aus “Good Omens” von Terry Pratchett und Neil Gaiman

Das Corona-Tagebuch: Provinznotizen aus Deutschland Süd bei Südost (25): Gründonnerstag

Jetzt ist es wieder so weit. Das Letzte Abendmahl am Gründonnerstag. Aber es kann nicht statt finden. Versammlungsverbot, Kontaktverbot, Bewirtungsverbot und dann auch nur die Fußwaschung mit Wasser, statt Hände mit Wasser und Seife.

Daher kann dieses Event gemäß des §32 des Infektionsschutzgesetzes (IfSG ) eindeutig nur untersagt werden. Denn §32 des IfSG besagt, dass die Grundrechte der Freiheit der Person (Artikel 2 Abs. 2 Satz 2 Grundgesetz), der Freizügigkeit (Artikel 11 Abs. 1 Grundgesetz), der Versammlungsfreiheit (Artikel 8 Grundgesetz), der Unverletzlichkeit der Wohnung (Artikel 13 Abs. 1 Grundgesetz) und des Brief- und Postgeheimnisses (Artikel 10 Grundgesetz) insoweit eingeschränkt werden können. Denn es könnte zur Übertragung einer Krankheit gemäß §7 IfSG, Satz 1, Nummer 31a kommen und somit kann §73, §74, §75 und §76 des IfSG Anwendung finden.

Oder auf Deutsch: Abendmahl geht schon mal gar nicht. Das könnte sich bitter anfühlen für die 46 Millionen Christen, also der 55%-Mehrheit in Deutschland. Als Ausgleich gibt es jedoch zwei arbeitsfreie Tage, einen Frei-Tag und einen Montag, welche aber bitte dann in den eigenen vier Wänden zu verbringen sein sollten. Und die gibt es gnädiger Weise unter gleichen Bedingungen auch für die andere, jene 45%ige Minderheit.

Und weil das Abendmahl ausfällt, gibt es als Surrogat die Talkrunde am Sonntag Abend. Ein Pastor, ein Pfarrer und dazu ein einfühlsamer Moderator: “Wie haben Sie sich gefühlt, als Sie Gründonnerstag vorne am Altar standen, mit der Ausgangsbeschränkung und dem Versammlungsverbot, und dann nur leere Kirchenbänke sahen? Was hat das mit Ihnen gemacht?” “Ach, nichts besonderes. Leere Kirchenbänke waren bei uns schon immer die Regel.” “Aber es war doch Gründonnerstag.” “Ja und? Es wird ja nicht das letzte Letzte Abendmahl mit leeren Plätzen sein.”

Aber weg von leeren Plätzen jetzt zur vollen Allgemeinbildung. Wir deklinieren das Wort “Triage”. Das Wort “Triage“ kommt aus dem Französischen, bedeutet “Auswahl“ oder “Sichtung“ und ist bereits in aller Munde. Ergo muss es auch korrekt genutzt werden, nicht wahr. Also. Die Deklination – den Fachbegriff, ganz unter uns Kloster-Insassen mit Ausgangsbeschränkung gesprochen, können alle anderen Mitinsassen auch Flexion nennen –, also, die Deklination bedeutet, ein Hauptwort verbal durch die vier Kasus Nominativ, Genetiv, Dativ und Akkusativ zu jagen. Singular (Einzahl): die Triage, der Triage, der Triage, die Triage. Plural (Mehrzahl): die Triagen, der Triagen, den Triagen, die Triagen.

Sehr gut. War doch einfach, nicht wahr. Und jetzt zu Günther Jauch in “Wer weiß denn sowas”? Moment. Das Wort lässt sich ebenfalls wie ein Verb konjugieren. Man muss es nur wollen. Und genau dieser Wille wird momentan in den Medien durchkonjugiert: “Ich will nicht sterben”, “Du könntest statt meiner sterben”, “Don Giuseppe stirbt” …

Augenblick mal. Don Giuseppe? Richtig. So hieß der Priester, der katholische Erzpriester von Casnigo in Italien, der im Krankenhaus von Lovere aus eigenem Willen auf sein Beatmungsgerät verzichtete, um dieses einem jüngeren Menschen zur Verfügung zu stellen. Der Priester starb, der jüngere überlebte. Tja, das ist wahres Christentum.

Christen glauben an ein Leben nach dem Tode. Und nicht nur jene alleine. Lediglich 15% der Bevölkerung sind erklärtermaßen Atheisten und für die ist dann mit dem Ableben endgültig Schluss. Besonders, wenn sie kein Beatmungsgerät erhalten. Warum sollten also die 85% nicht dem Beispiel eines Don Giuseppes folgen? Nach dem Tod geht es ja weiter. Oder sollte es so sein, dass bei denen die Nächstenliebe nur von Zwölf bis Mittags eine Rolle spielt, ansonsten jeder andere auch gefühlter Atheist ist, aber im Grunde gerne nur viele Feiertage vom Staat erhalten und somit mehr Freizeit haben möchte?

Als am 1. November 1755 Lissabon durch ein Erdbeben und den dadurch erzeugten Tsunami getroffen wurde, darauf auch noch die Feuersbrünste fast alles in Schutt und Asche legten, war das Entsetzen groß. Wie konnte ein Gott einem so gottesfürchtiges Stadtvolk dermaßen hart bestrafen? Waren jene nicht fromm genug? Aber das Schlimmste an dieser Katastrophe war nicht diese Sache allein, sondern es war der Fakt, dass das Viertel der Sexarbeiterinnen “Alfama” weder durch Erdbeben, Tsunami noch Feuer zerstört wurde. Der “Sündenpfuhl” blieb verschont. Wie konnte Gott das nur zulassen? Vielleicht hatten die Prostituierten dort aber auch nur mit Erfolg zu St. Florian gebetet: „Heiliger Sankt Florian / Verschon’ mein Haus, zünd’ and’re an!

Doch zurück zur Gegenwart: “Triage” hat seinen Ursprung in den Lazaretten der Militärs, damit die fittesten Soldaten unter den Verletzten schnell wieder gesund gepflegt werden konnten, um sie dann zurück an die Front zu schicken. “Triage” ist jetzt die neue Heilsidee in Zeiten von Corona. Zusammengefasst werden kann das Wort “Triage” im Englischen unter dem Begriff “Survival of the fittest”, einen Begriff, welcher von Herbert Spencer, ein englischer Philosoph und Soziologe, geprägt wurde. Hierzulande sagt man einfach “Sozialdarwinismus” dazu.

Aber “Sozialdarwinismus” hört sich so negativ an. Lasst uns “Triage” stattdessen verwenden. Das hat eine edle Pseudo-Noblesse-oblige, einen Hauch von verpflichtende Verantwortung dem eigentlich “Lebenswerteren” gegenüber, gewissermaßen den diskreten Charme der Bourgeoise. Genauso hieß auch der Film von Luis Buñuel im Jahre 1972, der darauf dessen Fortsetzung “Das Gespenst der Freiheit” ins Kino brachte.

Wobei ich mit Luis Buñuel jetzt wieder beim Letzten Abendmahl wäre. Elf Jahre vor dem Film “Der diskrete Charme der Bourgeoise” drehte er “Viridiana” mit der unübersehbaren Abendmahl-Szene. Dreizehn Bettler sitzen um einen Tisch und verzehren ein üppiges Mahl. Dreizehn sind es auch auf Leonardo da Vincis „Abendmahl“-Gemälde, eine exakte Parodie. Aus einem Grammophon tönt Händels „Halleluja“. Und dann sprengt das Mahl die erträglichen Grenzen eines Abendmahls.

(verlinkte Bild-Quelle: http://festivalcinesevilla.eu/en/films/viridiana)

Soweit wird es heuer nicht kommen. Abendmahl ist bekanntlich verboten: Versammlungsverbot, Kontaktverbot, Bewirtungsverbot und dann auch nur die Fußwaschung mit Wasser, statt Hände mit Wasser und Seife. Geht gar nicht.

Dafür aber wohltemperierte Triage-à-deux, statt heißer Ménage-à-trois. Den ersteres ist keine Ursünde, sondern ein militärischer Begriff für eine Entscheidung – wir befinden ja uns im Kriegszustand gegen Corona, nicht wahr – und zwotes ist erstens heuer verboten und dann auch eh noch eine der Wurzelsünden.

Denkt daran, wenn ihr euch zum Dreier heute verabreden solltet. Denn es ist Gründonnerstag.

Mahlzeit miteinander. Und: wohl bekommt’s.

 

Das Corona-Tagebuch: Provinznotizen aus Deutschland Süd bei Südost (24): Vermögensverwalter

Im Bekanntenkreis gibt es bereits die ersten, die mit ihren Vermietern zwecks Mietstundung in Kontakt getreten sind. Gesetzlich ist “Mietstundung” ermöglicht worden, wobei es doch eher “Mietaufschub mit prozentualen Versäumnisgebühren” heißen müsste. Es hat dann aber auch den Charakter eines Überziehungsspielraum wie beim eigenen Konto. Man zahlt dann halt die vereinbarten Überziehungszinsen. Der Vermieter wird somit zu einer Art “Bank” für den Mieter. Und wenn die “Bank” ziemlich mies drauf ist, dann lernt der Mieter den Begriff “Bad Bank” von einer ganz anderen Seite kennen und zwar in der Leidensform (als Erleidender) und nicht als passiver TV-Zuschauer einer Serie einer Streaming-Mediathek.

Jetzt ist aber nicht jeder Vermieter eine physische Person an sich. Es gibt auch andere Arten von Vermieter, also Immobilien-Gesellschaften, Wohnungskonzerne, Immobilien- und Versicherungsfonds. Gerade in den Innenstadtlagen beherrschen diese “Real Estate”-Immobilien- und Versicherungsfonds den Markt. Nachdem die Zentralbanken die Leitzinsen immer mehr Richtung 0% gesenkt hatten, flüchteten die Sparer in Fonds, welche sich aus Mietzahlungen von Mietern an eben jene Immobilienfonds ernähren. Und der Sparer will seine 7% Marge, damit er sich später einmal von einen solcher “Real Estate”-Konglomerate seine eigenen vier Wände finanzieren kann.

Wenn also Firmen, welche Geschäfts- und Verkaufsräume in bester Innenstadtlage gemietet haben, jetzt ihre Miete nicht mehr zahlen, dann trifft es kaum den privaten Vermieter, sondern vielmehr Immobilienfond-Konzerne. Diese wirtschaften auf Profit ausgerichtet, damit die Rendite derer beteiligten Sparer stimmt. Und der Sparer ist keiner, der auf Wertzuwachs verzichtet.

Fallen im Wohnungsbau Namen von Wohnungskonzerne wie “Vonovia”, “Deutsche Wohnen” oder “LEG”, dann hilft es sich zu vergegenwärtigen, dass dahinter u.a.a. solche Aktionäre wie “BlackRock” (größter Vermögensverwalter der Welt mit über 6,5 Billionen Dollar verwaltetes Vermögen), “Norges Bank” (Norwegens Staatlicher Pensionsfonds, der  größte Staatsfond der Welt) oder “MfS” (Massachusetts Financial Services als eine der ältesten Vermögensverwaltungsgesellschaften der Welt) stehen. Und diese haben das Ziel eines jeden Unternehmens: profitabel zu wirtschaften, um den Shareholder-Value zu steigern und den Shareholdern Dividende zu geben. Es geht nicht um die Allgemeinheit, es geht um den Kreis derer, die mit ihren Einlagen diese Firmen stützen.

Natürlich gibt es in München auch viele “Privat”-Vermieter und einige davon sind hauptberuflich Vermieter und leben davon auch ohne Nebenjob recht komfortabel. In einer Münchner Nachtkneipe begegnete ich kurz vor der Ausgangsbeschränkung jemanden, der mir bierseelig offen gestand, dass er in der Schule schlecht war, trotzdem das Abi mit Hilfe seiner Eltern irgendwie bestand, dann im BWL-Studium nichts zustande brachte, aber eine gesichert Zukunft habe: sein Vater besitze viele vermietete Immobilien in München. Davon könne die Familie sehr gut leben und er übernehme gerade die Verwaltung dieser Immobilien. So funktioniert Wirtschaft und Geldvermehrung. Manche haben halt den Silberlöffel im verlängerten Rücken stecken. Andere müssen den monatlich putzen.

Das aktuelle Virus kann nicht nur die eigene Gesundheit ernsthaft angreifen, sondern es hat bereits ganz konkret die Wirtschaft infiziert und damit das Auskommen mit dem eigenen Einkommen der Menschen. Während nach dem physischen Gegenmittel zu dem Virus mit Hochdruck geforscht wird, bleibt das Forschen nach wirtschaftlichen Gegenmitteln auf der Strecke. Der Gedankenkorridor, der generell als zulässig erachtet wird, ermöglicht dazu nur ein Reagieren auf Sicht. Einen “Plan B” gibt es nicht, denn solch einer läge nicht im Bereich der zulässigen Ideen.

Die lange Schlange vor der Münchner Tafel von gestern erinnerten mich auch daran, dass Mieten in München alles andere als niedrig sind und der Wegfall des üblichen Einkommens die private Lage von Mietern von einen auf den anderen Tag schlagartig verändern kann. Da klingen mir die in den letzten Jahren und Monaten zuvor geäußerten Phrasen wie “wer arbeiten will, der findet auch einen Job” wie Zynismus. Natürlich fällt gerade in der jetzigen Situation gerne noch die Plattitüde “dass hier in Deutschland auf hohem Niveau gejammert wird”. Denn im Vergleich zu den Arbeitern wie jene in Neu-Delhi, die ihren Niedriglohn-Job verloren haben, jetzt auf der Straße vor den Bahnhöfen schlafen, weil sie deren Miet-Wohnungen verloren haben, und zurück zur eigenen Familie außerhalb Neu-Delhis wollen, nun aber wegen Einstellung des Bahnverkehrs das nicht können und dafür auf den Straßen von den Polizisten verprügelt werden, weil die dortige Ausgangssperre nicht beachtet wurde … das wird dann von denen geäußert, die mit der Krise noch keine Probleme haben, solange deren Aktienfonds sich weiterhin positiv entwickelt. Und sollte dann Mietzahlungen nicht kommen und der eigene Versicherungs- und Immobilienfond nicht den Gewinn produzieren, wie jener geplant wurde, dann ist deren Gezeter groß.

Jede Krise produziert Verwerfungen und macht Dinge sichtbar, welche vorher latent unter der Oberfläche gelauert haben. Bei der Finanzkrise von vor zehn Jahren platzte die Spekulationsblase der Banken, der Immobilien- und Versicherungsbranche und es wurde deutlich, wie sehr unser Leben von Hausse und Baisse der Börsen und deren Leidenschaft, auf unsere Lebensumstände zu wetten, geprägt wurde. Dass dabei Milliarden an Milliarden in systemische Banksysteme gepumpt wurden, zeigte damals bereits, dass Armut keinen systemischen Status hat, Reichtum und Besitz aber sehr wohl.

Vielleicht ist das Zynische an dem jetzigen Virus, dass es sich nicht für Vermögenswerte oder Wirtschaftssysteme interessiert (nebenbei, auch nicht für den Inhalt, den Blogautoren wie ich schreiben) lediglich rein biologisch agiert, und dass alle Menschen vor dem Virus gleich sind. Naja, zumindest was grauhaarige, ältere Männer angeht. Aber die will ja eh niemand mehr. Und da gibt es inzwischen ja genügend, die eh gerne dem “survival of the fittest” anhängen …

Das Corona-Tagebuch: Provinznotizen aus Deutschland Süd bei Südost (23): Triftige Gründe

Mit “triftigen” Grund war ich heute in der Innenstadt. Ich wollte mir bei Banken (die im Internet als “geöffnet” markiert waren) 50-Cent-Rollen einkaufen. Damit ich die Waschmaschine und den Trockner im Keller nutzen kann. Aber ich war zu gutgläubig. Banken hatten alle zu.

Mit dem Bus fuhr ich in die Stadt. Er kam an einer sehr langen Menschenschlange (geschätzt 100 Meter) mit “Hackenporschen” (Einkaufskörbe auf Räder) vorbei. Jeder der in der Schlange stand, hielt den Eins-Fünfzig-Abstand. Und am Kopf der Schlange standen zwei Männer mit Mundschutz und Schürze, welche die Schlange am Kopf instruierten. Auf deren Schürze las ich “Münchner Tafel e.V.”. Mir wurde klar, dass dort nicht die Toilettenpapier-Suchenden sich befanden. Sondern wahrscheinlich vielmehr die, welche jetzt plötzlich noch weniger zu beißen haben. Eigentlich habe ich es doch noch ganz gut erwischt, ging mir als Gedanke durch den Kopf.

Die Fußgängerzone in der Innenstadt erinnerte mich eher an “Sonntagmorgen” als an “Dienstag Nachmittag”. Ich war dort schon mal paar mal an Sonntagmorgen, nachdem ich aus Clubs kam. Im Vergleich zu heute stand damals aber die Sonne noch immer recht tief (oder es war noch dunkel) und nüchtern war ich dabei dann auch kaum. Aber jetzt strahlte die Sonne vom blauen Nachmittagshimmel. Jeder Mensch und jedes Paar in der Fußgängerzone war auf Sicherheitsabstand. Selbst entgegenkommende Polizisten waren näher an sich dran, als manch andere Passanten. Der Stacchus, der sonst vor Personen nur so wimmelt, war spärlich bevölkert von Leuten, die einfach nur die Sonne genössen. Die Imbiss-Geschäfte hatten auf, aber Stress sieht bei dem Personal immer anders aus. Sie verkauften wohl wenig bis nichts. Es stand kein einziger Kunde wartend vor denen. Langeweile beim Verkaufspersonal. Mir fiel die Menschenschlange an der Tafel von vorher wieder ein. Ein Kontrastgedanke.

Mundschutze werden immer häufiger sichtbar. Es gibt die einfachen, die hochwertigen, die Selbstgenähten und dann die stylischen. Und immer mehr erinnern mich solche an einen Maulkorb, so wie die getragen werden. Der Mundschutz als Unterstützung zur Ruhe, der ersten Bürgerpflicht. Es lässt das Seufzen undeutlich werden. Am seltsamsten wirkten Mundschutze jedoch bei diejenigen Menschen, die den Mundschutz runter gezogen haben, um zu rauchen. In deren Sinne gefährden sich jene Raucher doppelt und dreifach: weil sie den Schutz entfernen, weil sie rauchen und weil sie somit zur Risikogruppe zählen. Nur wirklich wichtig ist das nicht. Sonst wäre Rauchen ja auch schon völlig verboten.

Ich habe das Gefühl, es fahren wieder mehr Autos. An meiner Fußgängerampel unweit meiner Wohnung hatte ich diesmal auf mein “Grün” gewartet, welches den Verkehrsfluss der Autos zum Stocken brachte. Vor einer Woche konnte ich locker über die Straße gehen, da benötigte ich die Ampel nicht. In Autos fühlen sich die Menschen wohl sicherer als an der offenen Luft.

Der Tag kam, der Tag ging. Der Blick auf Zahlen ist mittlerweile Routine. Ebenso ihre weitere Entwicklung nach oben. Ansonsten?

Im Südosten nichts Neues.

Das Corona-Tagebuch: Provinznotizen aus Deutschland Süd bei Südost (22): Corona-App

Haben Sie schon die App? Nicht? Warum nicht? Seien Sie nicht unsolidarisch! Wenn jeder so denken würde wie Sie, können wir diese Pandemie nie besiegen. Und wir wollen dieses Scheiß-CoVid-19 doch besiegen, oder etwa nicht?

Denken Sie nur: die Pocken beispielsweise. Die Pocken tauchten ungefähr 160 n. Chr. in Europa auf und erst am 26. Oktober 1979 erklärte die WHO die Welt für pockenfrei. Pocken ausgerottet. Nach mehr als 1800 Jahren.

Kein Wunder. Die Leute hatten damals der App nicht. Hätten schon die alten Römer diese App gehabt, wären Pocken historisch nie ein Thema gewesen. Die Römer hätten die App aus dem Kapitol vom Jupiter runtergeladen und – zack – wären die Pocken zum Pluto, dem Herrscher der Unterwelt, geschickt worden. Nur, die Römer hatten bekanntlich der App nicht. Und das ist Fakt.

Und kommen Sie mir jetzt nicht mit Platon “Politeia” und seinem Sokrates. Als jener erklärte, nach der Demokratie entstehe aus deren Untergang die Tyrannenherrschaft, da gab es noch kein Internet. Daher kann der Plato gar nicht mitreden. Der hat die Pocken auch nicht mitgemacht.

Und kommen Sie mir jetzt nicht mit Grundrechten! Die Regierung denkt mit und hat das Bundesministerium für Gesundheit am 23. März dazu ermächtigt, durch Allgemeinverfügung oder durch Rechtsverordnung Vorkehrungen zum Schutz der Bevölkerung zu treffen und die Gesundheitsversorgung sicher zu stellen. Darunter fallen dann auch Vorschriften für den Reiseverkehr, für Melde- und Untersuchungspflichten. Das passierte alles zu dem Schutze Ihrer Grundrechte! Und wenn dann der Held der Helden, der Jens Spahn, erst einmal seine App auf unseren Smartphone hat, dann wird er in weniger als 1800 Jahre – wie weiland die WHO über die Pocken – stolz verkünden: “SARS-CoV-2 ist ausgerottet!” Und wir alle sollten dann dankbar applaudieren und uns den von angeblich auf Rechtswegen entledigten Rechte nicht grämen. Das ist halt Demokratie und die ist für alle da.

Installieren Sie jetzt? Wollen gerade Sie sich der App verweigern? Haben Sie etwa zu verbergen, mit wem sie sich immer treffen? Sind Sie etwa Terrorist, dass Sie die App nicht herunter laden wollen? Wenn jeder nur an sich denkt, dann denkt keiner mehr an jeden und das ist schlecht für uns alle. Und somit den Staat. Und wer ist der Staat? L’état c’est moi! Und lassen Sie sich meine freie Meinung ehrlich und schonungslos sagen: Sie sind ein unsolidarischer Egoist!

Würden Sie also jetzt bitte die App auf ihrem Smartphone laden? Oder haben Sie etwas zu verbergen? Ich meine, wenn Sie nichts zu verbergen haben, wohin Sie gehen, mit wem Sie sich treffen auf ein Bier oder zum Seitensprung, und welche amoralischen Orte Sie sonst noch so besuchen, dann können Sie sich die App ja herunter laden. Falls nicht, muss ich annehmen, Sie treiben illegales, unmoralisches, unsolidarisches. Und das kann ich nicht erlauben. Also. Entweder Sie installieren jetzt die App oder ich muss Sie leider melden!

Und dann wissen wieder alle
alles besser wia i.
Moana immer nur sich selber,
doch mitm Finger zoagns auf mi.
Koaner laßt si neischaugn,
manchmal kanntst as neihaun,
und i spür jetzt mehr und mehrer,
was bei uns im argen ist:
A jeder Deutsche is a Lehrer
und a Freizeitpolizist

(aus “Laß mi wieder falln” von Konstantin Wecker, 1986)

(geschrieben nach einer Idee von H.G.Butzko)

Das Corona-Tagebuch: Provinznotizen aus Deutschland Süd bei Südost (21): Palmensonntag

“Komm mal her, hey. Was ist das hier? Was ist das hier? Hm?”

“Ehrlich, es tut mir leid, wirklich. Ich habe extra alles veranlasst gehabt, dass du hier unerkannt ankommen kannst.”

“Und? Was ist das hier? Was soll das?”

“Keine Ahnung.”

“Überall Leute. Hatte ich nicht ausdrücklich angeordnet, keine großes Gewese um meine Ankunft zu machen? Hm, wozu bist du eigentlich nütze, hä?”

“Aber ich weiß doch auch nicht, warum es nicht funktioniert hat. Bitte, verzeih mir.”

“Ach ja? Und warum dann das schöne Wetter, diese frühlingshaften Temperaturen und diese klare, weite Luft? Weißt du überhaupt, für welchen Tag du das jetzt alles arrangiert hast?”

“Für einen schönen Sonntag Morgen?”

“Dummkopf! Palmensonntag!”

“Palmensonntag.”

“Ja, dämmert dir was? Bei solch einem Wetter wollen Leute raus und alles für den jährlichen Empfang bereiten. Und? Was meinst du, warum jetzt hier um uns so viele Menschen herum laufen, hä?”

“Keine Ahnung, es tut mir leid.”

“Das musst du doch wissen! Hast du etwa in der Schule nicht aufgepasst, oder was? Bin ich denn eigentlich nur von Ignoranten und Ungebildeten umgeben?”

“Verzeihe mir, aber ich hatte doch alles so geschickt eingefädelt gehabt. Der Virus, die weltweiten Ausgangsbeschränkungen und -sperren, …”

“Jajaja. Geschickt. Das ich nicht lache. Und jetzt geht das wieder los. Immer das Gleiche. Heute huldvoll von einem Steckenpferd lächeln, während ihr Kokosnüsse gegeneinander schlagt, Donnerstag gemeinsames Abschlussdinner, Freitag Kreuzigung, Samstag Ausruhen und Sonntag den Houdini geben. Langweilt mich, langweilt mich. Denkt ihr immer nur an euer Wohl? Typisch Egoisten. Warum gönnt mir nur keiner ein ganz normales Osterfest? Warum musst du immer dafür sorgen, dass ich im Mittelpunkt stehe?”

“Ich, äh, entschuldigung, äh, also, eigentlich war diesmal alles perfekt vorgeplant, äh, ich ..”

Das Gespräch konnte nicht mehr bis zum Ende verfolgt werden. Polizei betrat die Szene, verlangte die Ausweispapiere, weil gegen das Versammlungsverbot, die Ausgangsbeschränkung und die Kontaktsperre verstoßen wurde. Weil sich aber alle als mittellos ausgaben und für die Anzeige der Polizei keinen festen Wohnsitz vorweisen konnten, wurden sie einzeln abgeführt..

Und auf einer Mauer unweit der zuvor von Polizisten umringten Gruppe saß ein kleines Männlein und fragte mit piepsiger Stimme noch in sein Handy: “Kann ich mir die Belohnung nicht auch in bar bei Ihnen abholen?”

Ich glaube, Ostern wird dieses Jahr ausfallen.

Das Corona-Tagebuch: Provinznotizen aus Deutschland Süd bei Südost (20): Godot kommt gleich

Heute gibt es keinen besonderen Eintrag. Ein Tag, an dem nichts besonderes passierte. Eine gewisse Langeweile greift Raum. Zu sehen, dass das Wetter schön ist und die Sonne nur so frühlingshaft strahlt, hat mir nicht wirklich weiter geholfen oder mir einen Kreativitätsschub gegeben. So ist das, das Warten auf Godot.