Fliegender Zwischenruf ins Unreine geschrieben


Eine Fluggesellschaft verabschiedet sich vom Markt. Air Berlin stellt den Flugbetrieb ein. Deren Flugzeuge werden von der Kranich-Fluglinie größtenteils übernommen und all jenes Personal, was keiner benötigt, darf sich beim Arbeitsamt melden.

Eine irische Billigfluglinie streicht ebenfalls ihren Flugplan zusammen. Es fehlen ihnen Piloten. Viele Flugzeuge, wenig Besatzung. Der Billigflieger ist nicht sehr beliebt. Seine Bezahlung ist gering. Es steht zu vermuten, dass sie sich in Bälde um die entlassenen Piloten und Flugbegleiter der Air Berlin kümmern wird, wenn jene erst einmal spüren, was Arbeitslosigkeit bedeutet.

Vor einem Monat hatte Air Berlin einen recht hohen Krankenstand bei ihren Piloten. Um trotz Insolvenz den Flugbetrieb weiter halten zu können, forderte Air Berlin seine Piloten auf, trotz Krankschreibung wieder zurück in das Cockpit zu kehren. Krankschreibungen waren als Protest von der Firmenleitung enttarnt und entsprechend wurde dieses auch nach außen hin mitgeteilt. Und so entstand – wieder mal – eine Stimmung gegen Piloten, als überbezahlte Zerstörer von Urlaubsträumen anderer. Kommentare zielten darauf ab klar zu machen, dass Piloten die Urlauber leiden lassen würden.

Interessanterweise herrschte nach dem Germanwings-Flug 9525 und dessen Absturz vor zweieinhalb Jahren in den Provenzalischen Alpen ein anderer öffentlicher Konsens: Piloten mit Krankschreibung sollten gar nicht erst in ein Flugzeugcockpit gelassen werden dürfen. Piloten tragen die Verantwortung über das Leben der ihnen Anvertrauten. Zu leichtfertig könnte das Leben der Insassen aufs Spiel gesetzt werden. Genau so leichtfertig wie es der krankgeschriebene Pilot des Germanwings-Flug 9525 mit seinen 150 Insassen in krankhafter und mörderischer Absicht tat.

Jedes Jahr das selbe Szenario: sie sammeln sich in Schwärmen auf zentralen Flächen und warten mehr oder weniger geduldig. Sie unterhalten sich, sie regen sich über paar andere Reisebegleiter auf, sie mustern ihre Umgebung und alle warten nur darauf, dass es los geht. Die Vögel auf den Feldern, die Menschen in den Flughäfen. Insolvenzen von Fluglinien sind lästig. Piloten ebenfalls. Bei Insolvenzen gibt es das Insolvenzrecht, welches die Urlauber schützt. Gegen Piloten gibt es das nicht. Und Piloten haben auch nicht krank zu sein. Pilot-sein und krank-sein, das ist in der öffentlichen Meinung ein Unrecht, eine Vorsätzlichkeit der Piloten und nicht konsensfähig. Und wenn der Pilot seine Krankschreibung zerreißt und trotzdem fliegt, dann ist es auch wieder nicht recht, wenn der kranke Mensch als Pilot seine Anvertrauten nicht überleben lässt.

Wichtig scheint eh nur eines zu sein: schnell weg von dort zu kommen, wo man ist, um baldigst dort zu sein, wo man noch nicht ist. Und man möge uns dabei bitte nicht im Wege stehen, um uns daran zu hindern. Up, up and away.

Wer nicht hören will, wühlt in fremden Haufen


Ein Gedanke entwickelte sich mir beim Lesen von Jules von der Ley (Trithemius) Blog-Feuilleton-Artikel „Wie alles angefangen hat – ein Ohrenzeugenbericht“: eine Person spricht, die nächste spricht lauter, um dessen Stimme über die der ersten Person zu lagern, was eine dritte Person als Anlass nimmt, seine Stimme über die der zweiten zu legen, während die vierte Person in Folge die dritte übertönt, was die erste Person zu Anlass nimmt, die vierte zu übertönen.

Das Ganze müsste logischerweise in einer brutal akustischen Rückkopplung enden. Klappt aber nicht. Die Biologie hat dem Menschen ungerechterweise stimmliche Grenzen gesetzt. Ist nicht fair, ist aber so. Weswegen diese Grenzen sich auch letztendlich auf Konzerten mit „Brüll-Techno“ im Stile von H. P. Baxxter („How Much Is the Fish?„, „Hyper Hyper„, etc. von Scooter) manifestiert hatten.

Es mag viele Leser geben, die dabei gähnen werden, und müde abwinkend erklären, dass der „Brüll-Techno“ von den teilnehmenden Bands des Wacken Open Airs (seit 1990) stimmlich abgekupfert wurde.

Nur Jules analysierte hierbei profunder, erheblich grundlegender: Diskotheken, Waken Open Air und Brülltechno lassen sich eindeutig auf eine Gruppe von vier Personen zurückführen, die in ihre eigene Stimme verliebt sind und jenes in einem Café ausleben. Somit wären also alle nachfolgenden, rebellenhaften Veranstaltungen entmystifiziert und auf jenen simplen Kaffeeklatsch unserer Mütter und Bierstammtische unserer Väter rückgeführt. Eine ganze Generation von Schrei-Rebellen entmystifiziert. Schön ist das nicht, nicht wahr. Wie soll denn dann rationale Pubertät funktionieren, wenn die Jugend das Gleiche unter gleichen Vorzeichen in stimmlicher Verausgabung mit Hoffnung auf Differenzierung so etwas durchführt? Pubertät ist, wenn Eltern Probleme mit ihren eigens Erzogenen haben. Alles andere wird sowieso eh als Jugendkriminalität klassifiziert.

Eigentlich.

Und uneigentlich?

„Uneigentlich“ beginnt alles mit einem Wort des dialektischen Widerspruchs. Am Anfang war das Wort. Sprach schon Herr „Bibel“: Bestsellerautor, welcher auf keiner SPIEGEL-Shortlist verzeichnet ist; bitte nicht verwechseln mit dem Autor Herr Bebel, Vorname August – gültig auch im Oktober -, bereits tot (gültig zeitlos) und beerdigt (gültig für einen Verein namens SPD punktuell zeitweise), jener seines Zeichens einer Partei in Deutschland zugehörig gerechnet, einer Partei, welche mit der näherkommenden 5-%-Hürde kämpft …. hab ich eine Lästerung vergessen? .. ach ja, er war nicht Hedonist …  …

Moment. Ich bin komplett und total abgeschwofelt, äh abgeschweifelt. Oder irgendwie grammatikalisch so …

Also.

Jener Herr Bibel (nicht „Bebel“) erwähnte damals bedeutungsschwanger das Wort „Logos“. Das Wort wurde knapp vor nach der Sintflut pränatal abgetrieben. Beteiligt waren daran weite Schichten der Überlebenden (Säugetiere, wirbellose Tiere, Insekten, Amöben und exakt zwei ahnungslose Menschen) nur irgend erheblich meine privaten Interpretation nach in jenem Land, wo so etwas ein absolutes No-Go ist.

Also wohl eher Logik …

(… uff; ein Danke den reichhaltigen Lesern meines Blogs, welche mir blind und unbedarft folgen und unnachdenkenderweise zustimmen und durch die nicht-Kommentar meinen verschwurbelten Gedankengängen nachgerade zustimmen …)

… bei der man entspannt ein „woll“ hinterher schiebt. Meiner Sprache ist es halt kein reines Hochdeutsch. Das muss man mir als komplett unintegrierter, halbschlesischer Ausländer der mitteleuropäischer Hemisphäre einfach bitte mal nachsehen. Konkret ausgedrückt, ist das das, wenn sich in einer U-Bahn jemand in persönlicher Beziehung mit seinem eigenem Handy unterhält, ich es nicht als braver Bürger auf einem DIN-A4-Zettelchen protokollieren kann.

Logisch.

Woll.

Voraussetzung ist, dass der Gesprächspartner jener Person nicht gegenüber sitzt, sondern überhaupt nicht im gleichen U-Bahn-Wagon. In den Zeiten, als es noch kein Handy gab – die Leser meines Blogs im Teenie-Alter (Quote jener Leser: –0,00001%) werden wohl jetzt ganz verwundert aufmerken –, als es noch kein Handy gab, hatte es maximal nur Telefonzellen außerhalb den eigenen vier Wänden. Also jenes Zeitalter, als Internet nur in gewissen amerikanischen Verteidigungsinstitutionen existierte und in den hiesigen Universitäten noch eine exotische Geschichte war. Auf Telefonzellen klebten damals immer zwei Aufkleber: der eine lautete „Wer die Telefonzelle beklebt, wird angezeigt“ und der andere lautete „Fasse dich kurz“ (bezog sich nicht auf das Aufkleben von Aufklebern).

Ich erinnere mich daran nicht nur, weil Alfred Tetzlaff eine anrufbare Telefonzelle vor seine Haustür hatte, die sich in inniger Feindschaft mit Frau Suhrbier teilte. Und eben dort klebte auch in der Fernsehserie der Aufkleber „Fasse dich kurz“, welcher den kleinwüchsigen Alfred Tetzlaff erregte …

… okay, ich schwelge in unwichtigen Erinnerungen, also weiter …

… wo war ich stehen geblieben? Bei welchem Hölzcken auf Stöckzcken? …

Uneigentliches?

Telefonie.

In den 80ern telefonierte ich häufiger mit Brasilien. Die Leitungen waren erstens analog und zweitens schlecht. Dazu muss man wissen, dass analog nicht gleich schlecht ist und digital nicht automatisch gut, auch wenn digital besser sein kann als analog, aber analog nicht schlechter sein muss als digital (… wer stellt hierzu die mathematische oder booolansche Gleichung auf? …).  Inzwischen sind digitale Leitungen allerdings so gut, dass die Telefongesellschaften in Gesprächspausen der Teilnehmer ein Kunstrauschen einflieseln lassen, damit die Gesprächsteilnehmer erkennen, dass die Verbindung noch existiert. Denn digital kann bei Sprachlosigkeit der Teilnehmer schon manchmal richtig brutal rauschfrei sein.

Lange Rede, kurzer Sinn: interkontinentale Telefonleitungen waren vor paar Dutzend Jahren  immer irgendwie verrauscht. Und jenes Rauschen konnte die Stimme auch mal locker übertönen, was mit erhöhte Lautstärke beim Sprechen oder Schreien in den eigenen Telefonhörer kompensiert werden konnte. Ein bekannter Studienkollege in Aachen wurde von seinem wütenden Nachbarn zusammengefaltet, weil er es einmal im Gespräch mit Brasilien zu Hause zu laut telefonierte, damit er in Brasilien verstanden wurde (Stichwort: Papierwände in einer Altbauwohnung).

Nochmals:

Langer Rede kurzer Sinn: immer wieder begegne ich Menschen, die laut in ihr Smartphone reden, so dass jeder mithören muss, weil die Telefonierenden meinen, Entfernung zum Anrufenden wäre proportional mit der eigenen Stimmlautstärke telefonischerweise zu kompensieren.

Und dann denke ich mir: „So laut wie die Person redet, die hätte nicht anrufen müssen. Die andere Person hätte jene von hier aus sowieso verstanden“.

Und wie von Zauberhand kam mir letztens bei so einem Gespräch einer anderen Person der Gedanke, warum die Geheimdienste so viel Geld in Abhörtechnologie investieren, wenn eh die ganzen Technologie-nicht-Verstehenden in die Hörermuschel ihren Brüll-Techno veranstalten. Aber dann fiel mir rettenderweise eine Volksweisheit ein. Und das zuvor gedachte war mir total wumpe und knorke:

„Wer flüstert, der lügt.“

Mit einem Mall fand ich George Orwells „1984“ , NSA und Hörgerätehersteller wieder völlig sympathisch.

Leise hatte ich zu meiner hirnrissigen Idee in der U-Bahn meinen Banknachbarn gefragt. Der schaute mich seltsam an und äußerte seine Meinung, nicht zu wissen, was ich meinen wollte. Maliziös fragte er mich, was denn wohl ich gefragt hätte, denn wegen dem Laut-Telefonierer von Gegenüber hätte er mich nicht verstanden, meinte er …

Die U-Bahn hielt. Von meinem Platz beobachtete ich die Routine, sitzend bleibend: die Türen öffneten sich, blieben eine Weile offen und danach ertönte ein durchdringender Piepton und eine Stimme erklärte eindeutig für jeden vernehmbar im wunderbarsten Hochdeutsch in Bayern:

„Verrückt bleiben, bitte.“

Ich stieg nicht aus. Mein weißes Jackett ließ es nicht zu. Und die achtzehn Pfleger um mich herum und deren blauen Pillen, die ich dauernd mit BullWodka zu schlucken hatte, danach auch nicht.

That’s life.

Live.

 

2017-10-07 02_04_56-Störlem Shake - the next Level - YouTube.png

Anmerkung zum verlinkten Video:
der Karikaturist Dieter Hanitz zu Beginn des Videos, links vorne, sitzend

Anmerkung zum verlinkten Video:
der Karikaturist Dieter Hanitz zu Beginn des Videos, links vorne, sitzend

 

Ertrage die Clowns (7): Disziplin ist alles!


Im Jahr 1949 steckte sich der junge Joachim Fest einen Zettel ins Portemonnaie, den er bis zu seinem Tode mit sich führte. Auf dem Zettel stand der Satz:

„Ertrage die Clowns!“

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Ein beinahe glatt rasierter Schädel zeigte seinen Kopf, der gnadenlos als Charakterkopf durchgehen könnte. Ein wohlgeformter Schädel wie gemacht für einen Soldatenhelm. Er saß ganz unsoldatisch im Schneidersitz, aber mit makelloser Haltung. Gelernt oder abgeschaut. Buddha wäre neidisch gewesen. Seine Freundin saß neben ihm, aufrecht und zog sich mit beiden Händen einen Pferdeschanz in ihr Haar. Ihre Brust war durchgedrückt und es sah traumhaft aus. Den beiden hockte ein Paar gegenüber und hörte dem Charakterkopf aufmerksam zu. Zumindest machte es den Eindruck. Denn jeder hatte auch seine Aufmerksamkeit vor sich: entweder auf dem Boden oder in der Hand. Ein Dosenbier „Don Miguel“. Eisgekühlt. Die Perlen der Kälte glitzerten auf der Dose in der Sonne von Maspalomas.

„Weißt du, ich bin Oberleutnant und da spielen wir Bier-Pong, wenn wir Dienst am Wochenende haben, nicht wahr. Ihr wisst was Bier-Pong ist? Da werden zwei Kampfgruppen gebildet und die stehen sich gegenüber. Jeder hat vor sich eine Pyramide aus Bierbechern stehen. Also die Halb-Liter-Becher und nicht diese Kleinkinder-Becher. Ihr wisst, was Bier-Pong ist? Vor jeder Kampfgruppe mit so zwei, drei Kameraden stehen Becher stehen in einer Pyramide wie beim Kegelsport zusammen und jeder Becher enthält einen halben Liter Bier. Jetzt wird abwechselnd mit einem Ping-Pong-Ball auf die Becher der Gegner geworfen und wenn er in einen der Becher landet, muss der Becher von einem der Gegner leer getrunken werden. Und wer zum Schluss noch Becher mit Bier hat, hat gewonnen über die, deren Becher leer sind. Und dann gibt es Revanche. Auf alle Fälle. Am Anfang ist da ja jeder noch normal, aber nach den ersten Treffern wird es immer kameradschaftlich lustiger.“

„Da hat man ja schnell einen in der Krone“, warf der Mann des anderen Paares ein.

„Die Alten, also die 50-jährigen und so, die trauen sich ja nicht mehr mitzumachen, die schwächeln ja schon bald dabei. Die schaffen nicht mehr so viel. Aber wir, die Jüngeren, wir haben immer unseren Spaß. Das fördert den Zusammenhalt, die Kameradschaft. Es ist schade, dass Kameradschaft nicht mehr so gelebt wird.“

„Das stimmt“, pflichtete seine Freundin bei, „früher war es wohl besser, wie die Alten erzählen.“

„Die Abschaffung der Wehrpflicht war ein großer Fehler“, redete der Charakterkopf nach einem Schluck aus seiner weißen Miguel-Dose weiter, „da hat die Jugend noch gelernt, was Anstand und Disziplin ist. Heute will ja jeder besser sein als die Älteren und respektiert die nicht mehr. Aber Disziplin wollen sie dabei nicht haben, geschweige denn lernen. Wie wollen wir denn ohne Disziplin in der Welt weiter kommen? Ohne Disziplin lernen die nicht mal wie man im Studium erfolgreich ist. Beim Bund lernt man noch heute mal die Arschbacken zusammen zu kneifen und auf Disziplin, Anstand und Respekt zu achten.“

Das Paar gegenüber trank, schwieg und hörte aufmerksam zu. Es hatte auch keine Gelegenheit, im Sprachschwall ihres Gegenübers eine Lücke zu finden, um Einwände einzufädeln. Falls denen dazu der Sinn überhaupt danach stand.

„Ich bin ja Oberleutnant, also nicht Oberst-, sondern Oberleutnant. Und wenn mir dann so ein Gefreiter dumm daher kommt, dann stauch ich den zusammen. Damit er lernt, wer über ihm steht. Damit muss er selber klar kommen. So einer muss lernen, was Respekt ist. Wenn er mich respektiert, kann er von mir auch Achtung bekommen. Mich hat mein Hauptmann auch bereits mehrfach zusammen geschrien. Einmal, einmal hatte ich es gewagt, da habe ich zurück gebrüllt. Dafür habe ich dann gerechterweise meine Strafe erhalten. Drei Tage. War nicht lustig Aber danach habe ich seinen Respekt gewonnen gehabt und bin bis heute bei ihm geachtet. Das lernen die Jungen heutzutage nicht mehr. Die haben deren Jugendcliquen, Hotel Mama und brauchen für ihr Studium nicht mehr arbeiten. Morgens, mittags und abends wollen die Fleisch essen. Aber mal ein Butterbrot, das ist für die schon mal eine Zumutung. Damals im letzten Jahrhundert, da haben die morgens Haferbrei oder so gegessen. Mittags ein Brot mit Käse und Milchsuppe und abends vielleicht mal etwas Brot und etwas warmes wie Kartoffeln oder Gemüse. Lediglich am Wochenende gab es mal höchstens ein Stückchen Fleisch und ein kleines Bier oder so. Und an dieser Ernährung sind die von damals nicht gestorben. Ganz im Gegenteil. Da haben die mehr geleistet, als die meisten Jugendlichen heute. Da haben die noch Sachen gehoben, Dinge hergestellt, wo die heute nur noch einen Knopf drücken müssen. Und wenn dann mal etwas schweres zu heben ist, kommen die gleich immer mit Ergonomie oder so. Wir haben noch damals an unsere Mofas Kraft unseren eigenen Hände geschraubt, heute rooten die maximal ihr Smartphone oder installieren Windows-Rechner neu.“

„Ja, die Zeiten haben sich geändert, aber nicht alles ist schlecht“, warf die Frau des anderen Paares zaghaft ein.

„Ich weiß noch von meinen Eltern, wie die zur Schule gingen, immer zu Fuß, vier Kilometer weit“, meldete sich die Frau des Charakterkopfes, während jener zwei, drei Schlucke seines Bieres trank.

„Da wurde auch alles gegessen, was es gab“, fuhr der Charakterkopf fort, „da ekelte sich keiner vor ein bisschen Speck am Schinken oder Braten. Da war man froh, so etwas zu haben und hat sich nicht beschwert. In den 80ern, da kamen dann diese Grünen und haben erklärt, das wäre alles ungesund und vegetarisch zu leben wäre gesünder. Kein Fleisch mehr, haben die gesagt. Als ob das ungesund wäre. Dabei weiß doch jeder, dass man täglich tierische Proteine benötigt, um gesund zu leben. Und mit deren Vegetarismus und Gesundheitswahn ging die Disziplin den Bach runter. Das war nicht gut für uns. Denn das was richtige Disziplin ist, dass wissen die Jugendlichen von heute deswegen gar nicht mehr.“

„Ja, ein wenig mehr Respekt und Disziplin wäre manchmal nicht schlecht, nicht wahr“, sprach der Mann des anderen Paares, „heute macht ja jeder was er will, nicht wahr.“

„Ein Leben ohne Respekt“, fuhr der Charakterkopf nach einem kräftigen Schluck aus seiner Dose fort, „ist wie das, was man in Swinger Clubs immer wieder sieht: gefüllte und nicht entsorgte Kondome auf den Spielwiesen der Darkrooms in den Swinger Clubs.“

Drei Köpfe zuckten unwillkürlich nach oben. Keine Ahnung, wahrscheinlich meiner auch.

„Ach kommt, das habt ihr auch schon erlebt. Das ist doch ne Sauerei, sowas, nicht wahr. Das macht man doch nicht. Und so ist das auch mit Respekt.“

Schweigen. Der Charakterkopf öffnete eine neue Dose Miguel, nahm den nächsten Schluck und fügte leicht defensiv hinzu: „Gut, das war jetzt ein extremes Beispiel.“

„Du hast Recht. Karl und ich haben das auch schon oft bemerkt, nicht wahr, Karl?“, wandte die Frau des anderen Paares ein.

Karl nickte sofort heftig: „Eine absolute Schweinerei, stimmt. Können die denn ihre Gummis nicht selber wegräumen. Ist ekelhaft, wenn ich mit meiner Frau auf der Matte bin und dann die ganzen gebrauchten Gummis so sehe, die nicht entsorgt wurden.“

„Also, wenn ich so etwas mitbekomme“, pflichtete die Freundin vom Charakterkopf ein, „dann gehe ich gleich wieder. Wir waren letztens auf einem Swinger-Treff hier in Maspalomas im Jupiter-Club und mussten auf der Matte manchen Singlemann beiseite schieben, um an ein Paar zu kommen und da war einiges auf der Matte los. Gabi, erinnerst du dich an jene Renata, die aus Wolbeck, die mit ihrem Freund dort war und sich vordrängelte, um …“

Es war mir egal, was die Frau auf den Swinger-Treff im Jupiter-Club erlebt hatte. Einem starken Drang folgend verließ ich mein Handtuch und ging Richtung Meer. Abkühlung. Hätte ich jetzt noch Details aus deren Swingerleben anhören müssen, es hätte hart werden können. Ich hätte zum rettenden Meer robben müssen. Oder aber der Charakterkopf hätte wieder angefangen zu reden und es wäre anders hart geworden, was meine Disziplin und meinen Respekt für Diskretion anderen gegenüber betroffen hätte.

Das Meer und seine Wellen nehmen einem nicht nur manche Last von den eigenen Schultern, auch fühlt sich das eigene Gewicht nicht mehr so schwer gewichtig an. Die Wellen umspülten meinen Kopf, die Sonne streichelte meine Haut, Wärme umgab mich, Raum und Zeit gingen gemeinsam in der Unendlichkeit des Meeresrauschen baden.

Ich ließ mich auf dem Rücken treiben und aus purer Übermut von der Sonne gekitzelt, mit viel Lust und Laune rezitierte ich vor mich hin den alten Goethe und seine berühmten Wandrer-Nachtliedverse für Nichtschwimmer, hinein rezitierend, in den blauen Himmel, einen köstlichen Himmel mit seinen paar unscheinbaren bretterwandartigen Wolken:

Über allen Wellengipfeln ist des Meeresruh,
In allen Wellenwipfeln spürest du
Kaum einen Hauch;
Die Vögelein schweigen im Wellenwalde.
Warte bedächtig schwimmend nur, balde
Ruhest du auch.

„Also, wenn der da eben noch weiter geredet hätte, ich war kurz vorm explodieren. Ich sag dir, ganz im Ernst, noch ein paar Sätze von dem, Schatz, und ich hätte dem eine reingelangt, Schatz.“

Die Stimme kannte ich.

„Ich habe die ganze Zeit vorhin nur da gesessen und ihn angeschaut. Ganz ernst. Erst unterbricht er mich und dann hat er die ganze Zeit nur ohne Punkt und Komma geredet. Nur weil er einmal in einem Swinger-Club war. Der hat doch keine Ahnung. Er hätte uns fragen sollen, wir sind da doch die besseren Experten. Und als er beschrieb, wie er im Darkroom … also da wäre ich beinahe explodiert.“

Ja, da war er wieder. Der Oberleutnant. Ich drehte mich kurz um und erblickte ihn in seiner ganzen Herrlichkeit mit seiner Freundin. Wie konnte man nur so schamlos durchtrainiert sein, obwohl er während seines eigenen Vortrags zwei Dosen Miguel vernichtet hatte. Ich dagegen brauche heutzutage nur noch den Schaum eines Bieres anzuschauen und schon muss ich wieder zwei Kilometer joggen gehen. Aber dieses erledigte wohl der Charakterkopf – in dessen Rechten knapp überm Meeresspiegel ein neu geöffnetes Dosenbier – durch ununterbrochenes Reden mit seinem Unterkiefer. Er redete wie ein Wasserfall:

„Weißt du Schatz, ich bin der typische Antiheld. Ich bin immer da, wenn sich jemand in einer Schlange vordrängeln oder sich nicht anstellen will, dann bin ich da. Egal, wie lang oder wie kurz die Schlange ist. Da, wo der Staat nicht eingreifen darf, da sorge ich für Gerechtigkeit.“

Aufgeregt wie ein junger Hund strampelte ich auf den Strand zu: mit allen vieren versuchte ich Rückstoß zu erzeugen und nutzte jede Welle.Weg. Einfach nur weg. Ganz schnell. Höchster Alarm schrillte in mir. Denn ich hatte es gesehen. Knappe sechsunddreissig Meter von mir entfernt. Dieses Dreieck auf dem Wasser: schmal, schwarz, stark. Ganz ohne Zweifel, eine Flosse.

„Wenn sich schon keiner drum kümmert, dann tue ich es. Und ich erwarte dafür keine Anerkennung, weil ich tue es für das Allgemeinwohl.“

Die Flosse zerteilte fast lautlos das Wasser. Fast lautlos. Aber auch nur fast. Es war ein leichtes Zischen zu hören, das Zerteilen der Fluten. Wie ein Messer, das durch das Wasser der heimischen Badewanne fährt, um den Weihnachtskarpfen zu erlegen. Kaum hörbar, aber sehr deutlichvernehmlich. Ein leichtes Zischen in Fis-Moll mit leichten Anklängen an C-Dur.

Ich hatte bereits das flache Wasser des Strandes erreicht. Eine leichte Welle drückte mich nach vorne und ich machte einen gewaltigen Satz ins Trockene, in den feinen Sandstrand hinein.

„Das ist mir Anerkennung genug. Es geht mir nicht um Ruhm und Ehre, sondern das die Welt wieder gerächter wird …“

Am Stand liegend drehte ich mich um und sah gerade noch, wie der Oberleutnant komplett im Rachen des Hais verschwand, während er seine letzten Worte der aufrechten, felsenfesten Überzeugung, die er noch an seiner Freundin richtete, zu mir rüber drangen. Der Felsen verschwand im Bauch des Hais und der Hai im Meer und die Frau stand allein im Wasser.

Ein lautes, sirenenhaftes Geschrei der Frau übertönte das Rauschen des Meeres.

Und leise schaukelte eine halbvolle Dose Miguel undiszipliniert auf der Wasseroberfläche.