"Bildung für die besten" oder: Hauptsache, Werbung produziert Umsatz …

Lebewesentechnisch bin ich ein kleines Licht. Nicht mit übermäßig viel Intelligenz ausgestattet, dankbar zu leben, biologisch ein XY-Chromosom-Inhaber und auch sonst ein übliches gnadenlos männliches Alphatier, wenn es denn darf, so wie man es lässt.
Und heute durfte ich nicht.
In meinem Postfach befand sich ein Brief vom Verein »Management Circle ®«.
Ja, ich bin nun mal ein hochbezahltes »Manager«-Vieh mit einem sechsstelligen Monatseinkommen (inkl. Kommastellen). Und darum darf ich auch solche Briefe erhalten, mit denen Beratungsfirmen versuchen, Umsatz zu bolzen.
Nur manchmal, aber nur manchmal, vergess ich, dass ich ein geschult männliches Alpha-«Manager«-Tier bin, dann schließ ich mich als Mann in der Bürotoilette ein, falte orthodox deutsch mein Toilettenpapier und schnäuzte dann heftig in das selbige und führ mir solche Briefe nochmals zu Gemüte, wie ich ihn heute vom »Management Circle ®« erhielt:

Werbungsbrueller

(zum Vergrößern anklicken)

Oder ist das eine versteckte Einladung zum Gruppensex mit Team-Assistentinnen (vullgo: Sekretärinnen) und nur ich hab’s nicht kapiert?!?

Über Wassermassen, Persönlichkeiten und andere Kaventsmänner …

»Das ist aber ein Kaventsmann!«

Kaventsmänner sind einflussreiche Menschen, die aufgrund ihrer Position für andere bürgen können. Und meistzeit sind solche Menschen auch noch reiche Menschen, diese Kaventsmänner.
Als Kinder haben wir bei dem Wort »Kaventsmann« immer unsere Backen aufgeblasen und mit unseren Armen einen dicken imaginären Bauch von uns umrundet. Vor meinem inneren Auge sah ich immer einen speckrolligen Mann in Anzug, wenn ich an Menschen, an »Kaventsmänner« dachte.

Aber es gibt nicht nur menschliche »Kaventsmänner«. Es gibt sie auch umgangssprachlich in der Natur. »Monsterwellen« wurden schon seit langem in der Seemannssprache als »Kaventsmänner« bezeichnet. Als Seemannsgarn wurden die Erlebnisse mit »Kaventsmänner« auf See der Seemänner verspottet. Kam ein Schiffseigner zu seiner Versicherung und behauptete, ein »Kaventsmann« hätte sein Schiff versenkt oder beschädigt, dann zahlte die Versicherung keinen Heller. »Monsterwellen« waren nicht bewiesen und gehörten der vermeintlichen hellen Seemannsphantasie an. Niemand glaubte den Seemännern. Bis zu dem Zeitpunkt, als eine Ölbohrinsel sich urplötzlich einer Monsterwelle gegenübersah und dieses von den Kameras der Bohrinsel festgehalten wurde. Und bis das Kreuzfahrtschiff »Queen Elisabeth 2« von einer Monsterwelle getroffen wurde. Das geschah innerhalb von 10 Monaten, vor erst 15 Jahren. Bis dahin hielten es die Versicherungsexperten für ausgeschlossen, dass deren mathematische Berechnungen von Wellen nicht vollständig sein könnten. Denn gemäß den Berechnungen von Meereswellen durfte es keine Monsterwelle geben. Es konnte nicht sein, was nicht sein durfte. Bis es zu den Vorfällen im Jahr 1995 kam. Seitdem zahlen Versicherungen auch bei nachgewiesenen Zerstörungen am Schiff durch Monsterwellen.

Wissenschaftler fanden inzwischen heraus, dass Monsterwellen ihrer Natur nach eher den Beobachtungen der Quantentheorie folgen, also den Beobachtungen atomarer und subatomarer Zustände. Die Entstehung von Monsterwellen wies eine verblüffende Ähnlichkeit zu dieser Quantenmechanik auf. Dieses Phänomen der Monsterwelle ließ sich mit einer mathematischen Gleichung berechnen, welche zuvor ausschließlich für diese atomare und subatomare Bereiche verwendet wurde: die »Schrödinger Gleichung«.
Das Dumme daran ist nur, mit der Gleichung lässt sich wunderbar beschreiben, was geschehen war. Nur Vorhersagen lassen sich damit nicht erstellen. Die Kapitäne der Weltmeere werden auch weiterhin den Horizont genau beobachten müssen, um eine geringe Überlebenschance gegen das Unerwartete, das zerstörerische Moment des Meeres zu behalten.

»Das ist aber ein Kaventsmann!«

Den Satz hatte ich oft gehört. Dabei bin ich auf dem plattesten Land aufgewachsen. 400 Kilometer von jeder Meeresbucht entfernt. »Monsterwellen« war für mich ein Fremdwort. Maximal gab es die Monsterwelle, die Moby Dick dem miesepetrigen Gregory Peck als Kapitän Ahab vor dem Schiff erzeugte.
»Überschwemmung« an sich war für mich ein Fremdwort.
Fast.
Die einzige Überschwemmung, die ich erlebte, fand mitten im Sommer statt. Ein kleiner beschaulicher Bach in unserer Nähe wurde nach schweren Regenfällen zu einem reißenden Fluss. Er trat über seine ihm zugewiesenen Ufer und flutete ein Gebiet in der Größe von sieben Fußballfeldern. Und auf jenem Gebiet befanden sich unsere Kühe. Getrennt waren wir durch die Autobahn und zu diesem Gebiet führte lediglich die Autobahnunterführung, ein quadratischer Tunnel in Betonverschalung gegossen.
Diese Unterführung stand an jenem Nachmittag bis zu einem halben Meter unter Wasser. Der heftige Regen („Katzen und Hunde“-Regen) dauerte seit dem frühen Morgen und hatte nicht nachgelassen. Mein Vater kam mit der schlechten Botschaft heim, der Bach wäre über die Ufer getreten und die ganzen
Felder geflutet. Die Kühe wären erheblich unruhig und er befürchtete, sie könnten irgendwann in Panik ausreißen, weil bald alles unter Wasser stehen würde. Es war notwendig, die Kühe unter der Unterführung durchzutreiben. Es war so oder so nötig, sie am Abend zurück in den Stall zu treiben, also durch die Auobahnunterführung hindurch, damit sie gemolken würden. Aber zu jenem Zeitpunkt war es erst nachmittag und es war schon notwenig, sie bereits vorher zu holen.
Als wir kamen, hatten sie sich auf eine kleine Erhöhung auf der regengefluteten Wiese zusammen gestellt. Sie muhten um ihr Leben, aber wollten von der Insel nicht weg. In der Not ist mein Vater nach Hause, stieg auf seinen FIAT-Traktor, raste im Traktorengalopp durch die Unterführung und hielt auf die Kühe zu. Mit dem Traktor hatte er vor, sie auf die Unterführung zuzutreiben. Es mag bequem und faul klingen, auf einem Traktor Kühe vor sich herzutreiben. Nur zuvor war meine Mutter, mein Bruder und ich zu Fuß in Gummistiefeln zu jener Insel hin und wollten die Kühe mit bloßen Händen in Richtung Unterführung treiben. Aber die Kühe wollten nicht. Sie liefen immer wieder zu der stetig kleiner werdenden Insel zurück. Sie wollten einfach nicht weichen. Zum Schluss senkten sie dann auch noch die Köpfe und präsentierten angriffslustig die Hörner.
Das war der Zeitpunkt, als mein Vater sauer hupend mit dem Traktor auf die Kühe zuraste. Kompromisslos zu allem entschlossen. Die Kühe verstanden instinktiv, kapitulierten und rannten auf den ihnen bekannten Weg der Autobahnunterführung zu.
Dort lauerte bereits ein ernstes Hindernis: einen halben Meter tiefes Wasser. Wir hatten die Angst, die Kühe würden den Weg durch das Wasser meiden und stattdessen den trockeneren Weg über die Autobahn suchen. Wir flankierten die Autobahnböschung, bewaffnet mir Holzstöcken. Während oben der Autobahnverkehr lärmend im heftigsten Regen seinen Weg zog, hetzten wir unten neben den Kühen her. Kühe haben im Gegensatz zu Bullen den Vorteil, dass sie eindeutige Herdentiere sind. Es bleibt selten eine Kuh weit zurück. So eine kleine Stampede ist überschaubar in seiner Ausdehnung. Es gilt dabei, die zwei, drei Leitkühe der Herde zu lenken, die anderen folgen ihnen blind. Zudem sind Kühe Gewohnheitstiere, keine Individualisten. Und so kam es, dass die Kühe direkt in die Fluten unterhalb der gewohnten Unterführung hinein trabten, dann jedoch erkannten, dass sie keine Wahl mehr hatten: hinter ihnen jener hupende stampfende Traktor und vor ihnen das Ende des gefluteten Tunnels. Sie trabten halb schwimmend durchs Wasser. Während wir menschliches Fußvolk hinten auf den Trecker aufsprangen, schoben die Kühe eine selbsterzeugte Welle vor sich her, gewissermaßen eine »Monsterwelle« des Plattlandes. Mein Vater steuerte den Traktor mit gezogenem Vollgas durch die Fluten und schob die nächste »Monsterwelle« des Plattlands vor sich her. Die Kühe erreichten das Ende der Unterführung und kurz darauf ungeflutetes Festland. Wir hatten es geschafft. der restliche Weg war ein Klacks.
Es regnete die ganze Nacht durch. Ein eklig nasskalter Tag bei vielleicht 15° C endete glücklich für uns. Am nächsten Morgen schien die Sonne. Es war mitten im Juli und die Sonne knallte auf die überfluteten Wiesen und das Wasser lief langsam wieder in sein angestammtes Bachbett zurück. Nur die Wassermassen in der Autobahn-Unterführung blieben. Am Nachmittag kletterte das Thermometer auf 30° Grad. Es war der Tag, an dem ich unter der Autobahn unweit vor unserer Haustüre durchschwamm.
Im angrenzenden Dorf hatte es sich herumgesprochen, dass die Unterführung bis zu einem Meter unter Wasser stand. Leute brachten Schlauchboote mit und paddelten die knappen 40 Meter hin und her. Und irgendwann am nächsten Tag kamen auch die Jugendlichen, die schon ein Fahrzeug ihr Eigen nannten. Sie versuchten, in dem verbliebenen halben Meter ihre Fahrzeuge auf Amphibientauglichkeit zu testen. Zwei Fahrzeuge schleppte mein Vater mit seinem Traktor aus der Unterführung. Jene hatten Wasser in den Motor bekommen und waren mitten in der Überflutung abgesoffen. Danach gehörte die überschwemmte Überführung wieder uns Schwimmern und den Paddelbooten. Ein Freibad eigenwilliger Natur bei 30° im Freien. Über uns der Reiseverkehr gen Norden an die Nordsee, darunter wir schwimmend im Wasser.
Nebenbei, die regionalen Zeitungen hatten die Überflutung mit keinem Wort erwähnt. Einflussreiche Persönlichkeiten hatten darauf hingewirkt, dass diese Naturkatastrophe unerwähnt blieb. Denn die Natur zeigte nur zu deutlich jene Fehler auf, welche durch eine gewissenlose Flurbereinigung des Baches landschaftlicherseits gemacht worden waren. Der Bach wollte nur in sein altes Bett zurück. Genau in jenem leicht abgesenkten Streifen des alten Bachbettes, der vom neuen Bachbett hundert Meter entfernt lag, hatte die Flut auch ihren Höchststand erreicht gehabt.

»Das ist aber ein Kaventsmann!«

Wir standen vor dem Findling und staunten nicht schlecht. Mein Vater hatte einen befreundeten Bauunternehmer gebeten, ihm mit dem Bagger zwei Findlinge aus dem Acker zu holen. Für mich war es normal, im Frühjahr über den kargen Acker neben dem Anhänger des Traktors herzulaufen und kleinere und größere Steine auf den Anhänger zu werfen. Die Äcker meines Vaters ließen viele Steine aus den Böden wachsen. Faustgroße bis fußballgroße Steine. Sogenannte »Findlinge«. Sie störten den Ackerbau. Sei es, weil die Pflugschare davon zerstört wurden, sei es, weil bei der Getreideernte Steine in den Mähdrescher gelangen und dessen Dreschwerk zerstören konnten. Die größten kamen immer als Ziersteine in den Garten, die anderen wurden auf dem »Steinhaufen« nahe des Waldes abgeladen.
Die meisten »Kaventsmänner« holte mein Vater beim Pflügen aus den Boden. Er konnte nicht einfach mit dem Traktor die Bahnen mit dem Pflug auf den Äckern ziehen. Immer hatte er seinen Fuß direkt auf der Kupplung, um den Schaden beim Auffinden solcher Kaventsmänner zu minimieren. Mit der Zeit hatte er sogar eine Technik heraus, wie er solche Findlinge frei pflügen konnte.
Nur bei zwei Findlingen hatte er keine Chance. Der Bagger kam und beförderte zwei Findlinge zu Tage, die sich auf knapp zwanzig Zentimeter Tiefe an die Erdoberfläche heran gearbeitet hatten. Der eine konnte noch auf dem Traktor-Anhänger verfrachtet werden. Er hatte den Durchmesser von einem Meter. Der zweite allerdings hatte die Form eines Hinkelsteins und eine Höhe von 1 ½ Meter. Der Bagger musste diesen Kaventsmann auf der Schaufel vom Acker tragen. Für den Anhänger wäre der Stein zu schwer gewesen. Die beiden Steine kamen in der letzten Kurve der privaten Hofzufahrt. Als Straßenbegrenzungssteine.
Besonders der letzte Stein hatte uns arg verblüfft. Es war ein Kaventsmann von einem Findling. Mir diente er als Kletterstein. Mein Mount-Everst in Kleinformat. Meinem Vater zu Ostern diente er immer wieder als Versteck für zu suchenden Ostereier.
Und jemand anderem diente der Kaventsmann als Stein des Anstoßes. Dieser Kaventsmann war ein einflussreicher Mensch des nahegelegenen Dorfes. Jener Mensch wollte den Findling bestaunen, so hatte er erst angekündigt. Aber meinem Vater wurde bald klar, was jener wirklich wollte. Der menschliche Kaventsmann wollte den steinernen Kaventsmann für seinen Garten als Schmuckstück. Der Mensch schaute sich den Stein an und meinte dann, dass der Stein gar nicht so dicht an der Straße liegen dürfe. Sollte jemand meinen Vater mit dem Fahrzeug besuchen und zufällig an den Stein kommen, dann wäre mein Vater haftbar und schuldig. Er sollte den Stein dort entfernen. Der Stein läge vorschriftswidrig zu nahe an der Straße. Der Stein müsse weg. Und er, der einflussreiche Mensch würde dafür sorgen, dass der Stein deswegen abgeholt werden würde. Jener bot meinem Vater auch noch ein wenig Geld an, den Stein vorher zu entsorgen, bevor der Stein auf Kosten meines Vaters entsorgt werden sollte. Nur, die Straße war ein Privatweg, der Stein lag auf Privatgelände. Mein Vater verwies den Menschen des Hofes. Dieser stieg wütend in sein Fahrzeug und fuhr drohend weg. Später erschien die Polizei und befragte meinen Vater, weil er angeblich an einem gesetzlichen Feiertag seinen Acker bestellt haben sollte. Der Ärger, den jener Kaventsmann verursachte, wurde so groß, dass mein Vater später in seiner Wut versuchte, den Stein mit einem Vorschlaghammer zu zerstören. Der Stein blieb ganz, der Vorschlaghammer brach.

Fünfunddreißig Jahre später stand ich wieder vor dem Stein. Er war definitiv kleiner geworden. Einerseits war er um zwanzig Zentimeter wieder in den Boden eingetaucht, aber zum anderen hatte der Stein seine Existenz an der freien Luft mit Erosion bezahlt. Früher war seine Außenoberfläche hart. Ein Hammer prallte ab, ohne überhaupt viel Schaden zu erzeugen. Nun jedoch konnte ich mit bloßer Hand Teile aus ihn heraus brechen. Regen, Eis und Wind hatten ihn mürbe gemacht, hatten ihm seine Größte geklaut. Beim Streicheln mit der Hand über dessen Oberfläche krümelte er bereits. Kleine Steinchen brachen aus ihm heraus. Sein kleiner Bruder dagegen, der zwei Meter weiter lag, hatte seine ursprüngliche Größe noch. Auch die anderen kleineren Findlinge, die vom Acker geholt worden waren, besaßen noch ihre Größe. Nur dieser Findling war geschrumpft. Er war nicht aus Granit wie die anderen Findlinge.

»Das ist aber ein Kaventsmann!«

Hier im Süden Deutschland höre ich das Wort selten. Und wenn ich es höre, dann stammt es von einem Nordmann. Südmänner nutzen das Wort offenbar weniger. Und wenn, dann scheinen sie auch eher mit Kaventsmann das zu verbinden, was ich als kleiner Junge damit verband: Kugelrunde Männer mit mit aufgeblasenen Backen und noch mehr Einfluss, die sich durch die Gegend schieben statt zu gehen. Als ich das Wort in München das erste Mal verwendete, wurde ich der Diskriminierung verdächtigt. Ich würde mit dem Wort korpulente Menschen aufs Schärfste beleidigen. Unsensibel und verroht sei ich deswegen. Den Ursprung des Wortes »Kaventsmann« kannten sie nicht. Selbst als Wort zur Bezeichnung von Monsterwellen war denen es unbekannt. Und erst recht die Vorstellung, dass dieses Wort zu dem normalen Sprachschatz einer Bevölkerung eines Landstrichs gehören könnte. So etwas passte letztendlich auch nicht in deren Anwurf, ich wäre diskriminierend. »Kaventsmänner« gibt es in Bayern nicht. Stattdessen nennt man solche Persönlichkeiten hier eher ironisch »Großkopferte«, Leute mit einem großen Kopf. Mit Köpfe wie »Kaventsmänner«. Ob hiermit eine Monsterwelle oder eine riesige Sache bezeichnet wird, ist dabei auch wieder egal. Denn der Bezeichnung »Kaventsmann« wie auch »Großkopferte« schwingt immer ein ironischer Unterton mit.

Nebenbei, das Wort »Kaventsmann« stammt von dem lateinischen Wort »cavent« ab. »Cavent« heißt »Bürge«. Und aus dem Wort »Cavent« leitet sich ein Wort ab, welches Wohnungsvermieter immer gerne sofort im Zusammenhang mit der Kaltmiete einer Wohnung benutzen: »Kaution«. Der Leistende einer Kaution wird somit zum »Kaventsmann« in eigener Sache. Aber das auch nur am Rande.

Und now to something completly different. Football …

Wir schreiben den 15. Juni 2010. Es ist 18:00 Uhr. Bis um 20:00 Uhr sind bislang bei der gesamten WM 20 Tore gefallen. In 13 Spielen. Vor vier Jahren gab es bereits bis zum 15. Juni in 19 Spielen 36 Tore.

Damit im Schnitt bei dieser WM mehr Tore pro Spiel als vor vier Jahren fallen, muss jetzt Brasilien gegen Nordkorea mindestens 7:0 gewinnen. Danach würde zwar jeder von einem erneuten Endspiel Brasilien-Deutschland träumen (inkl. einem 2:0 für Brasilien; mein Déjà-vu-Traum), aber es würde wenig an dem bisherigen Verlauf der WM ändern. Eine grottige WM mit Spielen, bei denen das Einlaufen der Mannschaften spannender als das Spiel an sich ist.

Oder?

Oder etwa doch? Oder etwa nicht?

Was meint Professor Hastig aus der Seamstraße dazu?

Professor Hastig am Schlafen

Professor Hastig? Professor Hastig! Hm. Na, gut. Dann machen wir mal weiter. Mit dem nächsten Spiel der WM: Brasilien gegen Nord-Korea.

Êbá BRASIL!!!!!!!!!!

Mostra-nos que vocês estão orgulhoso a ser brasileiros!

Wenn die Vuvuzuela viermal trötet …

Liebe Leser, liebe Leserinnen,

diese WM ist grottenschlecht, so etwas von grottenschlecht, ein Spiel langweiliger als das andere. Wundert es, warum der englische Torhüter Green, den Ball gegen die USA durchließ? Warum der algerische Torhüter Chaouchi am Ball vorbei griff? Die waren eingepennt. Mitten während dem langweiligen Spiel. Und als dann der Ball aufs Tor zu trudelte …
„Hey, aufwachen! Balli kommt!“ …
Verduzt geguckt. Aber zu spät. Da war der Ball auch schon drin.
Und das trotz der Warn- und Weckrufe der Zuschauer mit den Vuvuzuelas.
Die Franzosen und Argentinier haben sich beschwert, die hätten vor Vuvuzuelas ihr eigenes Wort nicht mehr verstanden. Quatsch. Die fühlten sich in ihrem Schlafwagenfußball gestört. Das ist die Wahrheit.

Vuvuzuelas.

Das ist jetzt das Stichwort bei uns in meiner Nachbarschaft.
Vor der Beginn hatte ich sie alle gesehen, wie sie am Kiosk gegenüber sich die Fantüte mit Vuvuzuelas und Mini-Deutschland-Fähnchen besorgten. Alle. Sei ja WM, meinten die. Der miese Spießer aus dem ersten Stock, der sein Toilettenfenster außen mit zehn Deutschland-Fähnchen geschmückt hat. Oder dieser gestrenge Alt-89-er, der seine Tür mit einer Deutschlandfahne aus Seide dekoriert hat. Oder diese linke Type aus dem Dachgeschoss, die sich seinen knatschroten SMART mit zwei Fähnchen bestückt hat.

Denen haben wir es gezeigt. Wir lassen uns nicht nachsagen, wir seien nicht für Deutschland. Wir nicht!

Karl hatte letzte Woche drei Vuvuzulea sich beim EDEKA errubelt, Heiner zwei am Kiosk gegenüber für 10 Euro die Deutschland-Fan-Tüte gekauft und ich, ich habe mir eine im BILD-Shop online bestellt. Genau. Dort, bei der BILD-Zeitung. Die im deutschen Fan-Paket. 3 Stück! Man weiß ja nicht, wie lang die halten.

Man will ja schließlich mitfeiern und nicht am Rande stehen.
Und was jetzt? Jetzt haben die hier alle die Vuvuzuelas beim Public Viewing verboten. Und gerade die BILD-Zeitung stänkert wütend gegen die Vuvuzulas. Aber selber im Shop online Vuvuzulas für gutes Geld verhökern. Geschäfte machen, ist wohl okay. Aber das Gekaufte nutzen? Verboten.
Deutsche Verbieteritis. Typisch. Einfach feierfeindlich. Was hat das mit Einigkeit, was mit Recht, was mit Freiheit zu tun?
Jetzt reden die Wichtigtuer sogar in den Zeitungen, den Internet-Foren, den Blogs und bei Twitter davon, die Südafrikaner sollten den Gästen Toleranz gegenüber zeigen und die Vuvuzulas verbieten. Schließlich seinen wir ja Gast in deren Land und man hätte uns auch so zu behandeln! Als Gäste eben. Haben wir die nicht so behandelt vor vier Jahren und denen gesagt wo unsere No-Go-Areas sind? Also! Sollen die mal unser No-Go-Area im deutschen Fernseher respektieren und ihre Vuvuzulas wegschmeissen. Meinen diese Internet-Nerds. Diese Fuzzis können meinen, sie seinen das Maß der Dinge, wenn sie den Süd-Afrikanern vorschreiben wollen, was Fußball-Kultur sei und was nicht. Aber nicht uns. Nicht mit uns, haben wir uns gesagt. Nicht mit uns.

Wir haben schließlich für die Fan-Pakete bezahlt und wollen feiern. Will man uns jetzt vorschreiben, wie wir lustig zu sein haben?

Bei mir haben wir uns gestern eingerichtet. Zwei Kästen Bier, eine Flasche Vodka Black Label und fünfzehn Dosen Red Bull. Wir haben uns versprochen, bei jedem deutschen Tor mit unseren Vuvuzuelas Deutschland hochleben zu lassen.

Der Polizist an der Türe meinte später, unsere Feierei sei Ruhestörung. Nur weil Deutschland viermal getroffen hat und wir viermal fünf Minuten feierlich getrötet haben? Schweinerei. Die Anzeige werden wir anfechten. Wir gehen in Berufung. Wir lassen uns doch von so miesepetrigen Deutschland-Abstinenzlern hier im Haus doch nicht unsere WM vermiesen. Soll uns schließlich niemand nachsagen, wir würden Deutschland nicht mit jedem Atemzug unterstützen.

Gestern vor dem Schlafengehen – Grün-Weiß-München war schon längst weg – haben wir dann noch zu dritt mit einer Siegesfanfare den Sieg Deutschlands gefeiert. Am offenen Fenster! In den erhabenen Nachthimmel hinein! Deutschland hat 4:0 gewonnen!
Die Klingel hatten wir vorsichtshalber abgestellt. Damit nicht – wie schon bei den vier Toren zuvor – uns dahergelaufene Hobby-Talibans im Hause mit hintervotzigen Klingelterror ärgern.

So.
Wir haben jetzt ausgeschlafen.
Gleich spielt Italien. Wir werden Paraguay unterstützen.
Heiner holt noch nen Kasten Bier. Wenn er erst mal aus meiner Wohnung rausgekommen ist. Irgendwelche dieser Hobby-Terroristen fanden es offenbar toll, unsere Eingangstür mit vier Schichten Eierkartons komplett zuzukleben. Wenn wir die erwischen. Den tröten wir was auf unseren Vuvus im Choral, diesen Spassbremsen!

Törrrrrröööööööööööööööööööööööööööööö!

Franzis wichtige Nachricht an die Welt

Und ich sag noch „Franzi, tu das nicht. Das interessiert keine Sau. Lass das aus dem Feed der Süddeutschen Zeitung heraus.“ Aber Franzi wollt nicht hören. Darum zwischen Unverständnis in Bayern und NRW ein unverständlicher Testartikel von Franzi.

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Hirn aus? Ja, Hirn ist aus!

Der Inhalt der Überschrift dieses Blog-Eintrages könnte sich so in etwa an der Theke eines Metzgerladens abgespielt haben. Wahrscheinlicher ist aber, dass dieser Kurzdialog letztes Wochenende bei der Klausurtagung der Regierungsparteien statt gefunden hatte.

Anders kann ich mir nicht ganz erklären, warum erwachsene, jahrelang studierte Menschen ein derartiges Ergebnis mit hirnbefreiten Sparkonzepten aus der Klausurtagung heraus gebracht haben.

Ja, das Hirn muss vor derer Klausurtagung ausgeschaltet worden sein. Direkt nach dem Ausschalten derer Handys, Blackberries und IPhones mit Flatrate und saftiger Grundgebühr. Wie bei Sitzungen halt so üblich. Wie anders kann man nur glauben, dass man dem Marktgeschehen ungestraft das Geld entziehen kann, ohne dass sich dieses auf das Allgemeinwesen auswirkt? Genau, sie glauben, es sei erforderlich dem Markt eben jenes Geld jetzt zu entziehen, das vorher schon den Banken mit Rettungsschirmen hinein gepudert wurde, welches jene bereits Jahre zuvor locker flockig bei ihren Wettenleidenschaften hirnbefreit verpulvert hatten. Bei irgendwem muss das rausgeschmissene Geld ja eingespart werden.

Hirn aus?
Ja, Hirn ist aus.

Und auch die Opposition hat mal schnell deren Hirn ausgeschaltet und wettert nur darüber, dass die Sparmaßnahmen der Regierung lediglich die soziale Schere aufklappen lassen würde. Als ob das alles wäre. Gegen das Sparen an sich scheint die Opposition von Sonnenblumen-grün über Lachs-Häppchen-rot bis Fahnenschwenker-links ja nichts zu haben. Keiner scheint aber zu blicken, was das Sparen volkswirtschaftlich bedeutet. Das Geld, was der Binnenwirtschaft jetzt dadurch entzogen wird (besser gesagt: nicht zugeführt wird), wird nachher durch rückläufige Steuereinnahmen in den Haushaltsbudgetplanungen nicht einplanbar sein. Jetzt wird auf die Bremse getreten, damit sich nachher ein Jahr später jeder drüber beklagen kann, dass der Aufschwung so langsam einsetzt. Kennt ihr das berühmt berüchtigte, zarte Pflänzchen „Aufschwung“? Also vergesst all die Rufe nach Lohnsteigerungen bei der unteren bis mittleren Gesellschaftsklasse. Wird nicht sein. Könnt ihr schon heute vergessen. Spart euch das!

Nun, sparen wollen sie alle irgendwie. Man hatte sich ja bereits vorher darin geübt. Zu der Zeit, als Deutschland Exportweltmeister war und man sich sparte, diese Gewinnausschüttung der Allgemeinheit zu gönnen. Gewinne privatisieren, Verluste sozialisieren. Geteiltes Sparen macht halt doppelt soviel Spass. Und ist konstruktiv, sagt man uns seit zwei Tagen. Insbesondere die Regierung sagt jetzt, was wahrscheinlich ein Sarazin gerade sich denkt: wenn jemand der Magen knurrt, dann soll derjenige halt weniger essen, weil von dem nicht ausgegebene Geld kann derjenige sich dann was zünftiges zum Essen kaufen.
Vielleicht beim Metzger eine Portion Hirn. Vorher aber an der Theke nachfragen. Nur, was mach ich, wenn auf meine Frage „Hirn aus?“ die Antwort „Ja, Hirn ist aus“ folgt? Am besten sich selber ganz heftig in den Arsch kneifen und versuchen aufzuwachen. Vielleicht sitzt man ja in einer neuen Klausurtagung und erlebt, wie man dann von anderen selber in den Arsch gekniffen wird.

„Sparen“ heißt das Ziel der Regierung.
Sparen. Sparen. Sparen. Koste, was es wolle.

Hirn aus?
Ja, Hirn ist aus!
Haben sich die Politiker auch eingespart …

Da fällt mir noch ein mieser, dummer, niederträchtiger Kalauer ein, der muss jetzt sein:
Wenn ich morgen sterben sollte und Mediziner meinem Leichnam das Hirn für eine Organspende entnehmen sollten, würden sie wahrscheinlich 10.000 Euro mit meiner gräulichen Hirnmasse verdienen. Würden aber die führenden Politiker der hiesigen Parteien morgen allesamt versterben und Ärzte deren Hirne monetarisieren, sie würden damit Billionen Euros verdienen können. Wieso? Sind halt so gut wie ungebraucht …

Hirn aus?
Ja, Hirn ist aus!
Jetzt auch bei mir.
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Politprofi oder Seiteneinsteiger? Die Gretchenfrage

Vier Wochen vor der Wahl stellt die Münchener »TZ« schon einmal die neue First Lady Bettina Wulff vor. Die »TZ« sieht Deutschland schon von einem Wir-sind-Lena-Glück ins Wir-wollen-Bettina-Fieber taumeln. Unverblümt palavert die »TZ« ihren Lesern gegenüber von dem bereits »designierten Bundespräsidenten« Christian Wulff (Zitat von TZ-Plakaten an deren Münchener Zeitungskästen) und welche gute Wahl die drei Parteien CDU, FDP und die bayrische CSU getroffen hätten.

Doch inzwischen haben SPD und Grüne auch schon reagiert und zur Verblüffung einiger CDU-/CSU- und FDP-Mitglieder Joachim Gauck vorgeschlagen. Es ist nicht das erste Mal, dass Joachim Gauck zum Bundespräsidentenamt vorgeschlagen wurde. Bereits 1999 stand er auf der Wunschliste der CSU. Doch jetzt ist er der Gegenkandidat von Christian Wulff.

Dies Nominierung durch SPD und Grüne ist ein tiefgründiger Schachzug. Ohne Umschweife kann davon gesprochen werden, dass SPD und Grüne dem Regierungskoalitionsvorschlag einen dicken Stachel ins Fleisch setzen konnten. Und dabei ist Joachim Gauck keineswegs einer, welcher der linken Seite zugerechnet werden kann. Joachim Gauck selber ist nicht nur Mitglied der »Deutschen Nationalstiftung«, dessen Schirmherr Horst Köhler bis zu seinem Rücktritt war. Er ist auch Mitglied der »Atlantik-Brücke«, welche von so führenden Köpfen wie Kai Diekmann (BILD), Guido Westerwelle (FDP), Friedrich Merz (CDU), Martin Winterkorn (VW), Klaus-Peter Müller (Commerzbank), Jürgen Fitschel (Deutsche Bank AG) und Michael Frenzel (Preussag AG) beeinflußt wird. Aber auch Leute wie Helmut Kohl (CDU), Jörg Schönbohm (CDU), Hans-Dietrich Genscher (FDP), Karl-Theodor Freiherr von und zu Guttenberg (CSU) oder Jörg Allgäuer (Manager von UniCredit Bank AG) gehören der »Atlantik-Brücke« an.

Nachdem Frau Merkel ihre Arbeitsministerin unbekümmert gegen die Wand knallen ließ, indem sie jene offensichtlich darüber im Unklaren ließ, dass von der Leyen im Gegensatz zu Christian Wulff nicht ihr Wunschkandidat ist, seit diesem Zeitpunkt wurde eigentlich klar, dass die Nominierung von Christian Wulff den Zweck haben soll, ihre Position als Bundeskanzlerin und Bundesvorsitzende der CDU zu stabilisieren. Christian Wulff wird dem Kreis eines Männerbundes (»Andenpakt«) zugerechnet. Neben Wulfff sollen diesem »Andenpakt« auch Franz Josef Jung, Günther Oettinger, Volker Bouffier, Elmar Brok, Hans-Gert Pöttering, Friedbert Pflüger, Christoph Böhr, Matthias Wissmann, Peter Müller und Friedrich Merz angehören. Diese Namen lesen sich wie ein Who-is-Who der Rücktritte oder Versetzungen in andere Ämter.

Diese Demissionen hatten gemein, dass jene Politiker sich aus dem direkten Machtbereich Merkels entfernten. Jetzt ist Wulff zwar nicht derjenige, der Frau Merkel ernsthaft das Wasser reichen könnte, nachdem alle anderen des »Männerbundes« der Frau Merkel nicht mehr gefährlich werden können. Christian Wulff, das ist die Antwort auf Unionsfraktionschef Volker Kauders Forderung »Wir glauben, dass wir jemanden mit politischer Erfahrung brauchen«. Nur, nachdem nach Köhlers Rücktritt jeder Berufene und Unberufene vor Journalistenmikrofonen inzwischen erklärt hat, was ein Bundespräsident zu leisten oder nicht zu leisten hat, sind unbequeme Wegpfosten als zukünftige Kriterien für den möglichen Bundespräsidenten Wulff eingeschlagen. Christian Wulff wird sich diesen Kriterien fügen, das hat er erkennen lassen. Und als verlängerte Werkbank der Bundesregierung soll er vor allem nett lächeln und fleißig den neuen deutschen Grußonkel mimen.

Seiteneinsteiger will die Merkel nach eigenem Bekunden nicht mehr. Es soll ein Politprofi sein. Welch Vorschusslorbeeren und Bauchpinselei für Wulff. Und, welche Gelegenheit für Wulff sich in eine bessere Position hinein zu manövrieren, bevor ihn nachrückende Seilschaften der CDU unter Druck setzen könnten. Der Männerbund »Andenpakt« soll ja bereits seit 2007/2008 nicht mehr funktionieren. Für Frau Merkel droht daher nach dem Rückzug von Koch im Grunde keine Gefahr mehr.

Aber jetzt kommt Joachim Gauck. Und es fängt vielen an zu dämmern, dass die Parole »Keine Seiteneinsteiger mehr« eher schädlich als nützlich ist.
Gauck ist parteilos, aber in seiner Zeit als »Bundesbeauftragter für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes der ehemaligen DDR« wurde eine ganze Behörde nach ihm benannt, die »Gauck-Behörde« (die jetzige »Birthler-Behörde«). Die Nominierung von Joachim Gauck überraschte nicht nur Gauck selber sondern auch die Regierungskoalition. Gerade jener Gauck, den die Regierungsparteien wegen dessen Arbeit immer gerne würdigten. Jetzt kommt einigen zu Bewusstsein, dass der Alleingang der Nominierung von dem Ministerpräsidenten Niedersachsens Christian Wulff gegen jemanden, der von den Regierungsparteien hoch geachtet ist, nun doch nicht das Richtige war. Beide Kandidaten erscheinen wie Antipoden zueinander in deren Positionen. Ein regierungsfreundlicher Grußonkel contra mutmaßlichen kritischen Kopf. Ein Dilemma, welches sich in den letzten Tagen in den Zeitungen Bahn bricht.

Der Vorschlag der SPD und Grünen zielt aber auch in eine zweite Richtung.
Nachdem die SPD und die Grüne die Partei »Die Linke« in Nordrhein-Westfalen in Sondierungsgesprächen medial vorführten (Hannelore Kraft: »Die Linkspartei in NRW ist weder regierungswillig noch regierungsfähig.«), folgt nun der zweite Schlag: Wird die Partei »Die Linke« Joachim Gauck unterstützen? SPD und die Grünen stellen der »Linke« erneut deren eigens in NRW formulierte Gretchenfrage: »Wie haltet ihr es mit der Vergangenheit der DDR?«. Gauck als Prüferlein für die sechste Partei im Staate.

Die »Linke« hat sich noch nicht gemeldet, sucht derweil einen eigenen Kandidaten. Peter Sodan wird es diesmal nicht werden. Vielleicht aber schlägt jene Partei auch niemanden vor. Die Zeit ist knapp und mehr als symbolisch wird eine solche Nominierung eh nicht mehr werden.

Vielleicht könnte die »Linke« auch eine perfide Strategie einschlagen und Wulff empfindlich beschädigen und Frau Merkel eine erhebliche Niederlage bereiten. Wie die Regierungsparteien in Berlin bereits nach der NRW-Wahl bekräftigten, würden Koalitionsverhandlungen in NRW mit SPD und Grüne nur geführt werden, wenn diese NICHT mit der Partei »Die Linke« reden würden. Diese Art des Politik-Verständnisses wurde noch vor über 20 Jahren den Grünen als Verweigerungspolitik und in der Presse den damaligen »Grünen« als destruktiver »Fundamentalismus« vorgeworfen.
Würden die Linken nun Christian Wulff unterstützen, so wäre dessen Wahl zum Bundespräsidenten gesichert. Insbesondere, nachdem sich bereits einige Teile der FDP und CDU vorstellen können, auch für Gauck zu stimmen. Und die »Linken« würden damit nicht nur ihr politisches Gewicht erhöhen, sondern sie könnten auch im Vorfeld Christian Wulff als Kandidaten schaden, weil damit bei der Wahl die Fundis der CDU-/CSU-/FDP-Parteien plötzlich zu Wahl-Abweichlern werden könnten. Der kollaterale Schaden für Frau Merkel wäre immens.

Andererseits könnten die »Linken« sich auch hinter Gauck stellen und damit jene erheblich ärgern, die die »Linke« gerne als politikuntauglich wegklassifizieren würden. Das Argument der »regierungsunwilligen und koalitionsunfähigen« Partei wäre fürs erste blockiert. Der Öffentlichkeit wäre es schwerer zu vermitteln, dass die »Linken« die Spitzbuben der Parteienlandschaft sein könnten. Allerdings – und das ist auch Fakt – wären sicherlich einige der Parteiangehörigen der »Linke« alles andere als glücklich über eine solche Entscheidung. Politik-Fundamentalismus findet sich auch bei der Partei »Die Linken« genauso wie bei den anderen Parteien.

Egal, für wen sich die »Linken« nun entscheiden, Verlierer der Bundespräsidentenwahl werden sie nur sein, sollten sie mit einem eigenen Kandidaten wuchern wollen. Ohne eigenen Kandidaten und mit aktiver Unterstützung eines der beiden Kandidaten können die »Linken« nur gewinnen. Und den Parteien schaden für deren Kandidaten sie sich entscheiden.

Der Ausgang der Wahl ist dabei nicht so zukunftsweisend wie die Wahl an sich. Die Wahl wird auf alle Fälle spannend. Und spannend wird auch werden, ob es die Regierungsparteien schaffen werden, in den verbleibenden vier Wochen ihren eigenen Kandidaten Wulff zu demontieren. Für unwahrscheinlich halte ich das nicht.

Georg Schramm und seine anderen Egos

»Georg Schramm gibt es nicht.«
»Auf der Bühne existiert er nicht.«
Georg Schramm

Der Name »Georg Schramm« ist seit der ZDF-Kabarett-Sendung »Neues aus der Anstalt« für viele Menschen in Deutschland ein Begriff. Bekannter als er selber sind aber inzwischen seine Spielfiguren: Lothar Dombrowski, Oberstleutnant Sanftleben, der alte Sozialdemokrat August und die rheinische Frohnatur des Pharmareferenten.
Wer aber ist Georg Schramm selber?
Lothar Dombrowski schrieb dazu in seinem Buch »Lassen Sie es mich so sagen … Dombrowski deutet die Zeichen der Zeit«:

»Ich habe all die Jahre Georg Schramm als Pseudonym benutzt, seine Vita erfunden. Er der Offizier Sanftleben und der alte Sozialdemokrat August sind Spielfiguren, Abspaltungen meiner Person, … . Im realen Leben gibt es nur mich, Lothar Dombrowski, …«

Es verwirrt.
Der Name »Lothar Dombrowski« an sich ist schon länger ein Begriff als der Name »Georg Schramm«. »Lothar Dombrowski« war ein ehemaliger Sprecher der »Tagesschau« (s.a. Bild links).
Aber wer ist jener »Lothar Dombrowski«, dessen Name von jenem Tagesschau-Sprecher entlehnt wurde und den Sprecher vergessen lässt?
Wer ist Georg Schramm?

Georg SchrammWer die Auftritte des unfreundlichen Lothar Dombrowski in der ZDF-Kabarett-Sendung »Neues aus der Anstalt« oder auch von Georgs Schramms letzten Programms »Thomas Bernhard hätte geschossen« her kennt, der gerät leicht in die Gefahr, diese Spielfigur mit der Person Georg Schramm gleich zu setzen.

Wer ist der Georg Schramm also? Hierzu findet sich viel Geschriebenes im Internet. Und es finden sich viele Videos über Georg Schramms Spielfiguren, sei es in der ZDF-Mediathek, sei es bei podcast.de oder bei YouTube.

Durch Zufall traf ich hierbei auf eine Sendung vom Deutschlandfunk aus dem Jahr 2008. Im Programm »Zwischentöne« hat Joachim Scholl mit Georg Schramm an die 90 Minuten ein lockeres Gespräch geführt: über die Figuren des Lothar Dombrowskis, des Oberstleutnants Sanftleben und des Sozialdemokraten August, über Georg Schramms vorherigen Programms »Thomas Bernhard hätte geschossen« und über die Sendung »Neues aus der Anstalt«.
Der Deutschlandfunk bietet dieses Gespräch noch immer in zwei Teilen zum Download im mp3-Format an:

Teil 1
Teil 2
Playlist

Es lohnt, sich die 1 ½ Stunden Zeit zu nehmen und hinein zu hören.
Es macht Lust auf Georg Schramms neues Programm »MEISTER YODAS ENDE – Über die Zweckentfremdung der Demenz« und tröstet auch darüber hinweg, dass Georg Schramm zum letzten Mal mit Urban Priol in drei Tagen am Dienstag, den 8-Juni-2010, in »Neues aus der Anstalt« auftreten wird (22:15 Uhr, ZDF; Gäste: Frank Markus Barwasser, Monika Gruber und Jochen Malmsheimer).