Das Corona-Tagebuch: Provinznotizen aus Deutschland Süd bei Südost (9)

Eine gute Nachricht: die Türsteher vor den Diskotheken haben eine neue Beschäftigung gefunden, nachdem die Clubs nicht mehr geöffnet sein dürfen. Diese Wächter der heiligen Pforten der Zerstreuung dienen jetzt als Türsteher vor den Supermärkten und regeln dort den Einlass. Allerdings dürften einige viele von denen jetzt ein wenig unterfordert sein, denn deren mühsam auswendig gelernten Sätze “das ist hier eine geschlossene Gesellschaft” oder “mit den Schuhen kommst du nicht rein” können sie nicht dabei anwenden.

In der Firma wird immer wieder über das Anrecht auf Homeoffice diskutiert. Ich hoffe, kein Homeoffice verordnet zu bekommen. Es würde mir die Chance auf menschlichen Kontakt nehmen. Zudem wäre meine Einzimmerwohnung der denkbar ungünstigste Ort zu arbeiten, weil ich dort an jeder Ecke Ablenkung hätte und mich nicht konzentrieren könnte. Aber wenn es angeordnet würde, könnte ich mich der Anordnung nicht widersetzen.

Der Kollege, der schnupft, schnieft und sich sein “Virulent” reintropft, sitzt in der Pandemieschleife fest. Er wollte seine Hausarzt telefonisch anrufen, um eine Krankschreibung für eine Woche zu erhalten. Der hat aber wegen der Pandemie jetzt einstweilen geschlossen. Also rief er dessen Vertretung an. Die hatte aber wegen der Pandemie jetzt einstweilen geschlossen. Daher rief er die inzwischen allesamt bekannte Nummer “11 6 11 7” an. Dort fragte er nach, ob er sich nicht auf CoVid-19 testen lassen könne. Die fragten ihn allerdings nur, ob er zu einem bereits infizierten Menschen Kontakt gehabt hätte. Er wüsste es nicht, war seine Antwort, da viele CoVid-19-Positive sich von den CoVid-19-Negativen nicht unterscheiden. Einen Kontakt zu einem nachweislich Infizierten hätte er nicht. Die Frau am Telefon beschied freundlich und geduldig, dann würde er nicht getestet werden und wegen der Erkältung solle er bitte den Hausarzt konsultieren, denn sie könne nur wegen CoVid-19-positiv eine Krankschreibung ausstellen lassen. Und so schleppt sich der Kollege mit der Erkältung wieder in die Arbeit, wo ihn der Arbeitgeber auffordert doch zu seinem Hausarzt zu gehen, um sich krank zu schreiben. Wir müssen uns Sisyphos als einen glücklichen Menschen vorstellen. Oder unseren Kollegen als einen Deppen, weil er auf die Frage nach Kontakt zu einem CoVid-19-Positiven nicht einfach JA geantwortet hatte. Aber er wollte auch gar nicht mit JA antworten, weil dann hätte er ja Quarantäne und dürfte aus seinem Haus nicht mehr raus. Und seine Ausgangsbeschränkungsrechte wolle er sich nun doch nicht nehmen lassen. Sagte es, nießte in seine Armbeuge und träufelte sich eine dicke Portion “Virulent” rein. 37% Vol. Alkohol. Ein kleiner Jägermeister hätte es wohl auch getan.

Apropos “raus wollen”: Da vernahm ich doch das fein lustige Gespräch von einer mittvierzigjährigen Frau mit einem jüngeren Mann – beide Hand in Hand – , welche sich zuerst über die uneinsichtige Jugend beklagte, die immer noch zu zwei oder zu dritt auf der Straße gingen, obwohl die dem Augenschein keiner gemeinsamen Kernfamilie angehörten. Man solle die wegen deren Rücksichtslosigkeit bestrafen. Am besten auf die Schrobenhausen’er Felder (westlich von Ingolstadt, also von AUDI-hausen aus gesehen) zum Spargelernten. Denn auf Spargel in diesem Frühjahr wolle sie nicht verzichten, weil eben das ja nicht sein müsse, das Verzichten. Kurz darauf erklärte sie dann noch, dass sie am Wochenende mit ihrer Familie in die Berge fahren wolle. Als ihr Partner anmerkte, dass das einerseits nicht okay sei und andererseits nicht den Ausgangsbeschränkungen entspreche, kam als ultimative, unwiderlegbare Gegenargumentation, dass sie erstens nur mit ihrer Familie rausfahren würde, was man doch wohl noch dürfe, und zweitens es “Ausgangsbeschränkung” und nicht “Ausfahrtsbeschränkung” hieße. Mehr hatte ich vom Gespräch auf der Straße aus meiner zwei Meter Abstandsentfernung nicht mitbekommen, denn ich bog die nächste Straße ab und die beiden gingen gerade aus weiter. Eins war mir klar: aus einer Familie stammten die beiden nicht. Und Spargel-Stechen ist garantiert nicht deren liebste Tätigkeit. Unter keinen Umständen. Dann doch lieber Aufseher beim Spargelstechen.

Es gibt Reizworte, die darf man in diesen Zeiten nicht mehr verwenden. “Reizworte” sind solche Worte, bei denen die Menschen schneller von 0 auf 100 als ein sportiver Formel-1-Rennwagen sind. Beispiele gefälligst? “Flatrate-Saufen”. Einmal kurz erwähnen und schon hast du dir den ersten Tadel als schlechtes Beispiel für die Jugend eingefangen, bevor überhaupt ein Formel-1-Bolide beim Start den ersten Liter Sprit verbrannt hat. “Prostitution”. Zack! Sofort erhältst du konkrete Hinweise darauf, wer alles Hurensöhne (Hopp und du), Schlampen (alle außer Mutti) und Frauenrechtler (jede Frau außer die Prostituierten und deren Sympathisanten) sind.

Inzwischen haben sich diese Reizworte in Zeiten eines Coronavirus erweitert. Einmal erwähnt und du hast tausendfach nur eine Meinung zum Zuhören. Die akteullen Reizworte: “Corona-Parties”, “Befolgung der Ausgangssperre”, “Versammlungen”, “Drink doch ene met” …  .

Ganz gefährlich ist ein ganz anderes Wort, was man nicht verwenden sollte. Wortart. Und dieses auch noch ein wenig zu schnell gesprochen. Da geht es dann aber ab. Man habe doch nicht alles Tassen im Schrank, eine Plattform für so etwas zu geben. Zensur sei noch zu milde dafür. Kein Wunder, dass die Infektionszahlen exponentiell nach oben gehen, wenn man dort im Internet nachschaue und den Scheiß auch noch glaube. Das seien garantiert Putin-finanzierte Quellen. Gehe gar nicht. Und so weiter und so fort. Ich hatte es nicht verstanden. Ich wollte doch nur sagen, dass es bei wortart.de gute Kabarett-CDs zu kaufen gibt. “HÄ? Was gibt bei dem zu kaufen, bei diesem Volksverhetzer?” “Wie Volksverhetzer? Das ist ein CD-Verlag!” “Du hast Wodarg gesagt!” “Nein, Wortart! Wort-art! Auf deutsch ‘Sprachkunst’!” “Spachkunst? Ach ja? Lern mal Deutsch oder besser deutlich zu sprechen!” “Ich hatte immer nur WORTART gesagt.” “Du willst doch nur provozieren.”

Endlich mal etwas nützliches: Prinz Rupi (Frieling) hat die gültigste Version vom veröffentlicht. Für alle Lebenslagen. Umwelttauglich, besonders wenn auf Umweltpapier gedruckt. Regierungsfreundlich, wenn einem Exekutivvertreter mit einem Lächeln übergeben. Und recyclebar, falls es wieder mal eine Pandemie geben sollte. Allerdings fand ich auf Rupis Seite keinen Antrag auf Erteilung eines Antragformulars zu Bestätigung der Nichtigkeit des Durchschriftexemplar, dessen Gültigkeitsvermerk von der Bezugsbehörde stammt zum Behuf der Vorlage beim zuständigen Erteilungsamt. Er meinte zu meiner Anfrage nur, ich solle doch im Zimmer 42, Haus 7, 12. Stock, 4. Gang von links, gleich neben der braunen Tür mit der Aufschrift „AFD“ fragen. Aber dort war die einzige Antwort nur “Lügenpresse!” und ein Merkblatt, wie sich wahre Deutsche mit wahren Impfmitteln gegen wahre Pandemien wahrlich impfen lassen können. Da der Zettel jedoch in Sütterlin geschrieben war, habe ich ihn auf einer öffentlichen Toilette neben dem Toilettenpapier abgelegt. Man weiß ja nie – ums Verrecken nie –, ob so etwas wenigstens nicht noch zum Arsch abwischen taugt. Denn merke: in der Not wischt der Teufel sich auch mit Scheißhausfliegen aus.

Das Corona-Tagebuch: Provinznotizen aus Deutschland Süd bei Südost (8)

Das Positive vom Tage? Ein Freund ist in der Gegend von Barcelona mit seinem Wohnmobil festgesetzt. Ich fragte ihn nach positiven Erlebnissen. Ich wurde abgebürstet. Für Bespaßung sollte ich den Fernseher einschalten. Mein Ansinnen nach positiven Erfahrungen bekräftigte er als pervers. Und was jetzt daran positiv ist? Zeitgleich lief der gewohnt depressive Tatort aus Köln. Der ließ sich abschalten.

Die neuen Regelungen für den Aufenthalt im Freien schränken mich weiterhin nicht ein. So ist das halt, wenn man alleine lebt und eh sich nur selbst versorgt. Und das wichtigste: Bayern dürfen weiterhin nicht auf Preußen schießen, wenn die alleine auf dem Trottoir vor sich hin trotten. Das ist doch mal positiv zu sehen.

Friseure müssen schließen. Das ist einstweilen das Ende jener Topffrisuren, wie meine Mutter sie damals von der Hitler-Jugend kannte und welche jetzt für die Alphas als männlicher “Undercut” firmiert. Aber ich wette, die Undercut-Fans machen es sich jetzt privat. Alphas lassen sich durch Schließungen doch nicht unterkriegen. Dafür sind sie zu Alpha.

Auf meinem Fußweg von einer Freundin nach Hause fand ich eine venezianische Maske. Ausgesetzt in einem Karton mit dem Zettel “zu verschenken”. Ich habe sie jetzt direkt neben meinem Kunststoff-Totenkopf versehen mit Perücke und Preußenhelm platziert. Vielleicht finde ich bald noch einen weißblauen Bayern-Seppl in Hirschkuh-Lederhose und auf dem Kopf ein Lammfell-Hut mit Gamsfeder dran. Der kommt dann direkt neben dem Ensemble daneben. Dan wäre es perfekt. Hollerö dö dudel dö. Das zweite Futura Sonnenaufgang …

Mich haben Kollegen gefragt, ob ich gestern um 18 Uhr auch mitgeklatscht hätte. Wovon die redeten, war mir nicht klar. Es wäre doch in allen sozialen Medien bekannt gegeben worden, dass jeder aus Solidarität um 18:00 klatschen und musizieren sollte. Es wurde anscheinend die Europa-Hymne gespielt. Irgendwie dumm, dass ich weder von dem Termin etwas wusste, noch etwas mitbekam. Doppelt dumm, dass ich kaum in den sozialen Medien vertreten bin. Automatisch ist man dann ausgeschlossen. Social distancing.

In der Nacht ist wohl ein wenig Schnee gefallen. Etwas, nicht viel, kaum des Boden bedeckenswertes. Fast gar nichts. Zumindest war es ungewöhnlich kalt. Irgendetwas unter Null Grad sicherlich. SchneemannAuf dem Weg zur Arbeit sah ich einen kleinen Schneemann unter einem Baum sitzen. Er wirkte überrascht und schien zu winken. Ich näherte mich ihm auf weniger als ein Meter fünfzig und machte mein Foto. Keine Ahnung, ob ihn noch jemand beachtet haben wird. Die erste Morgensonne wird ihn wohl kompromisslos weg geschmolzen haben.

Das Corona-Tagebuch: Provinznotizen aus Deutschland Süd bei Südost (7)

Es war verdächtig, dass heute die Medien verkündeten, die Neu-Erkrankungsrate an CoVid-19 sei zurück gegangen. Und seltsamerweise wurde das nicht hinterfragt. Jetzt am Abend wissen wir, es wurden nicht alle Daten zurück gemeldet. Das heißt, die aktuellen Daten waren zum Zeitpunkt der Verkündung nicht datenaktuell. Eine Krankheit, von der in den Medien dauern gepredigt wird, dass sie eine Inkubationszeit von sieben bis vierzehn Tagen hat, wird nicht von heute auf morgen aufgrund von Ausgangsbeschränkungen einfach mal ihre Schädlichkeit einstellen. Einer Krankheit sind Statistiken scheißegal. Krankheiten haben kein statistisches Gedächtnis. Genauso wenig wie Lottokugeln. Krankheiten passieren. Ganz einfach.

Darf ich das überhaupt schreiben? Also “Krankheiten passieren”? Eigentlich nicht. Jeder sucht doch den Schuldigen. An der Krankheit sollen die Chinesen SCHULD sein. Denn Schuld in Deutschland fordert Sühne. Richter und Henker. Fakt ist, jedes Mal, wenn sich Menschen auf Tiere eingelassen haben und sich zu nahe gekommen waren, dann endete das nicht gut für den Menschen an sich. Der Homo sapiens ist damit gemeint. Alle Pandemien der Historie lassen sich darauf zurück führen. Klar, es ist legitim zu erklären, dass hygienische Standards von einigen wenigen nicht eingehalten wurden und daraufhin die Mehrheit dafür büßen musste. Mich beschleicht aber der Gedanke, dass “hygienische Standards” aber immer dann von Menschen nicht eingehalten wurden, weil sie diese nicht einhalten konnten, weil denen die Mittel zum geregelten Überleben fehlten. Sollte es etwa wieder auf die alte Sache “Reicher Mensch, armer Mensch” zurück zu führen sein? Wenn die Armen schon kein Brot mehr zum Essen haben, warum isst dieses verlauste Pack dann nicht einfach Kuchen? Kuchen? Wenn das so einfach wäre, …

Am Freitag fiel mir in der Firma noch eine weitere Sache auf. Der Generationenkonflikt tobt. Die Mitvierziger schimpfen auf die Jüngeren, weil die nicht auf die Älteren Rücksicht nehmen, die Jüngeren schimpfen auf die Älteren, weil “verbieten” deren wahre Natur sei, die Älteren schimpfen auf alle Jüngeren, weil die Einfach deren Erfahrung nicht annehmen und stattdessen deren Tod in Kauf nehmen, und ich, ich sitz einfach dazwischen und hör mir deren “Argumente” an. Besonders witzig wurde es an der Stelle, als sich alle über die Toilettenpapier-Hamsterer und -Suchenden lustig machten. Diejenigen, die kein Toilettenpapier jetzt hätten, – fiel als Argument – wären selber Schuld daran, weil – als es losging – hätten die sich auch rechtzeitig bevorraten können. Sie hätte bereits genug Toilettenpapier für die nächsten vier Wochen. Aha. Erst selber klauen und dann den Chorgesang “Haltet den Dieb!” anstimmen. Das ist wahres Rechtsbewußtsein. Solche Menschen sind prädestiniert fürs “Social distancing”. Aber “Social distancing” meint inzwischen ja etwas anderes, nicht wahr.

Einer schrieb mir, die Menschen würde sich jetzt benehmen wie die Letzen ihrer Art. Er hatte nicht zu Ende gedacht. Wir sind die letzten unserer Art. Den Homo neanderthalensis hat der Homo sapiens ja bereits assimiliert und dann ausgerottet. Vielleicht macht es das alles besser, wenn wir uns als Homo habilis oder Homo erectus definieren. Dann könnten wir uns als Nachfahre von der Ausrottung der Homo neanderthalensis freisprechen, wenn wir postulieren, wir wären das Allerletzte an Menschen, was hier so rumläuft … .

Meine Firma hat mir zwei Briefe geschickt. Ich hatte gedacht, in einem wäre ein Passierschein und in dem anderen mein Lohnzettel. Dem war nicht so. In jedem Umschlag ein Passierschein: “Arbeitgeberbestätigung für pandemiebedingte Ausgangssperre”. Da freu ich mich. 35 qm Deutschland sind halt nicht sehr angenehm. Wer Nudeln, Mehl und Toilettenpapier hortet, lebt garantiert nicht in einer kleinen Einzimmerwohnung. Zur Lagerung der Hamsterkäufe erfordert es mehr Quadratmeter. Und daher ist Ausgang eine nette Abwechselung, auch wenn jeder nach “Home-Office” schreit. Ich brauch das nicht. Bewegung schadet nicht und meinen täglicher Fußmarsch zur Arbeit gönn ich mir.

Ab demnächst ist die Ansammlung von drei Personen eine Gefährdung der Öffentlichkeit. Okay. Akzeptiert. Kriegt dann derjenige, der sein Leben allein fristet dann wenigstens einen Orden?!? Ich mein, der Single, der Solo, der ist doch das Paradepferd für die Harmlosigkeit an sich. Man sollte dann so etwas auch gewissenhaft honorieren, dass jene seuchenschutz-technisch alles erforderlich unternehmen, indem sie deren bisherige soziale Einsamkeit jetzt als gesundheitlichen Vorteil verkaufen können. Und kommt mir nicht mit “einsam sterben”, das ist in Corona-Zeiten ein Affront!

Ob ich Angst habe, wurde ich gefragt. Vorbeugend hatte ich “Nein” gesagt, insgeheim aber “ja” geantwortet. Das galt aber nicht der Krankheit, sondern den Mitmenschen. Besonders den Überzeugten mit felsenfester Meinung. Ich habe Angst von deren Felsen nicht erschlagen zu werden, weil ich deren nicht teile. Panik? Nein. Panik kriege ich immer nur vor Überzeugungstätern. Denn die haben immer Recht. Immer.

Das Corona-Tagebuch: Provinznotizen aus Deutschland Süd bei Südost (6)

In den sozialen Medien gibt es kein “Social distancing”. Bekannterweise geht es da ganz undistanziert zu Sache. Käme eine Fee vorbei und würde alle dort ausgesprochenen Wünsche und Verwünschungen wahr machen, wir hätten ganz andere Probleme als Corona.

Bei Twitter finden sich momentan die üblen Verwünschungen unter dem Hashtag “Ausgangsperre”. Und der Hashtag steht momentan auf Platz 1. Und somit ist es eigentlich auch nicht verwunderlich, dass sich Rechtschreibvermögen, was den Hashtag angeht, und Hamsterkäufe für Klopapier entsprechen. Hamsterkäufe offenbaren eine Dummheit, welche offenbar mit der generellen Rechtschreibschwäche für bedeutsame Wörter korrespondiert. Ich hoffe nur, dass ich dieses Post ohne Rechtschreibfehler beende, weil ansonsten mich ansonsten nichts von den #Ausgangsperre-Twitterer unterscheiden wird.

Draußen regnet es. Es ist arg schattig. 3 Grad. Kein Biergartenwetter. Vor meinem Fenster zum Hof gehen die Bauarbeiten für den Neubau weiter. Samstagsarbeit. Da brauch ich keinen Wecker, wenn die pünktlich um sieben Uhr anfangen. Mir war gerade danach die Floskel “pünktlich wie die Maurer” zu verwenden. Aber das stimmt nicht. Da wird nicht gemauert. Da wird betoniert, was die zuvor gezogen Stahldrahtkonstrukte hergeben: horizontal, vertikal, diametral, unilateral. Morgen ist Sonntag. Ruhetag. Dann spielen wieder die Krähen mit dem Baustellenmaterial.

 

Wer wissen will, wie sich Deutschland mit den ersten Ausgangsbeschränkungen generell verhält, der kann hier https://pkreissel.github.io/social_distance/ nachschauen. Der Wert für Münchener Hauptbahnhof (also Busse, Trambahn, S-Bahn, U-Bahn, DB-Reiseverkehr und deren Geschäfte dort und unmittelbarer Umgebung; ermittelt über  die Daten der Android Smartphone-Benutzer, die sich mit ihren Einstellungen von Google tracken lassen) lag gestern bei 27 % (100% bedeutet Vollauslastung) und liegt momentan bei 18%. Deutschlandweit war der Wert gestern 25%, momentan liegt er bei 34%.

Das Corona-Tagebuch: Provinznotizen aus Deutschland Süd bei Südost (5)

Jetzt ist es also passiert, wie ich gestern bereits schrieb: ein Art Ausgangssperre ist in Bayern verfügt worden. Ex pressis verbis: “Ausgangsbeschränkung”. Politisch hat der Söder dem Laschet mehr Schneid abgekauft, als es von Bayern aus ein Stoiber, Huber oder Seehofer ihren politischen Gegnern je konnten. Sollte der Söder mit seinem Vorpreschen entscheidenden Erfolg verzeichnen, dann wird er wohl in Zukunft der Erbe des Titels “Der Macher” von Helmut Schmidt werden.

Eigentlich hatte ich erwartet, dass nur den Bayern der Ausgang verwehrt würde. Denn dann könnten die Bayern ihre Schrotflinten heraus holen und vom Fenster aus endlich wieder auf alle Nicht-Bayern, den “Preußen”, schießen. Naja, das war nur meine sarkastische Phantasie. Die Ausgangsbeschränkung ist für alle da. Unabhängig von Nationalität, Hautfarbe, Sprache und Alkoholgehalt im Blut.

Ab jetzt beginnt wohl für mich 35 qm Deutschland. Ohne Balkon und mit nur einer Fensterfront. Die Deckenhöhe liegt bei 2 Meter 20. Ein-Zimmer-Wohnung. Einziger Ausgang stellt Arbeit und Einkaufen dar.

In der Firma wurden inzwischen eindeutige Anweisungen gegeben. Jeder muss eine Farbkodierung offen tragen und darf entsprechend nur bestimmte Wege auf dem Firmengelände nutzen. Zudem werden wir postalisch einen “Passagierschein” erhalten, der uns als Arbeitnehmer mit Berechtigung zur Nutzung der Öffentlichkeit außerhalb der eigenen 4 Wände ausweisen wird.

Heute morgen, auf dem Fußweg zur Arbeit kam mir eine maskierte Frau entgegen. Sie machte wortwörtlich einen großen Bogen um mich. Dafür betrat sie einfach den Fahrradweg. Ohne hinter sich zu schauen, ob der Weg überhaupt frei wäre. Er war frei. Und der Abstand zwischen ihr und mir war immer mindestens drei Meter.

Über die Webcams hatte ich mal die Stadt durchgeschaut. In einem Biergarten konnte ich Rudelbildung erkennen. Wildfremde Personen saßen gemeinsam beim Bier in einem Biergarten. Es waren Ü45iger. Keine Jugendlichen. Die Jugendlichen mussten wohl noch arbeiten, während die Älteren sich noch ordentlich einen in der Frühlingssonne verlöteten.

Der Generationenkonflikt wütet nicht nur durchs Internet, sondern auch quer durchs reale Leben. Was “die anderen” immer so falsch machen, was man “selber” ja nie falsch machen würde, ist dann das gruselige Thema. Besonders gruselig wird es dann, wenn sich fünf wildfremde Menschen als Gruppe darüber unterhalten und ihre Gesten eindeutig auf nicht anwesende Menschen deuten. “Die anderen” halt. Schuld sind dann immer wir anderen, die nicht mitdiskutieren.

Auf einem Nachrichtenkanal wurde berichtet, das durchschnittliche Alter der am Corona-Virus Gestorbenen wäre 47 und dahinter stand in Klammern das Wort „Median“. Kleine mathematische Aufgabe, ich gebe folgende Zahlen vor: 48, 27, 29, 47, 54. Was ist der Median? Zum Lösen muss man die Zahlen in einer aufsteigenden Reihenfolge bringen: 27, 29, 47, 48, 54. Der „Median“ ist der mittlere Wert, hier „47“. Ist die Anzahl der Werte nicht ungradzahlig, dann wird der Median aus den beiden mittleren Werten gemittelt und ist somit der durchschnittliche. Habe ich also die Werte 27, 29, 46, 48, 48, 54 ist der durchschnittliche Median „47“. Der reine gemittelte Wert (arithmetische Durchschnitt) beträgt aber „42“. Wer sich also beim Median „47“ für das Jahresalter der Gestorbenen sicher fühlt, sollte sich nicht verschätzen: der eigentliche Mittelwert könnte erheblich tiefer liegen.

Heute ist – ganz nebenbei angemerkt – Frühlingsanfang. Und das ist daher bemerkenswert, weil ich jemanden in einer Diskussionsrunde rufen hörte: “Man sollte sie zur Strafe zum Spargelernten schicken. Ich will keine horrenden Preise für den Spargel zahlen, nicht wahr, und Strafe muss sein!” Law und order. Fast wäre ich unter Tränen auf den Knieen zu diesem besonderen Menschen hingerobbt und hätte ihm die Schuhe geküsst. Aber das macht man in unserer Firma nicht. Gehört sich nicht. Wir Duzen uns ja alle.

Wahrscheinlich schließt morgen meine Weinhandlung. Es wird wohl heute meine letzte Chance sein, mich zu bevorraten. Ob das so ist, weiß ich allerdings nicht. Ein Online-Blumen-Versender schickt mir eine Email mit der dringlichen Aufforderung noch zu bestellen: “Verschenken Sie Blumen so lange es noch geht!” Das hört sich wie der Slogan der 80er-Jahre des letzten Jahrhunderts an, als es in amerikanischen Reisebüros nach dem damaligen NATO-Doppelbeschluss und dem Wettrüsten hieß: “Besuchen Sie Europa, solange es es noch steht”.

Die nächste Tankstelle mit Bier und Weinvorräten liegt fast zwei Kilometer entfernt, der Telekommunikationsladen mit Internet und Telefonen dagegen ist bei mir fast gegenüber. Aber ich wette, der wird wohl auch schließen müssen. Ich überleg, ob ich nicht doch noch Wein kaufe. Im Keller habe ich ein paar Flaschen gelagert, die dort noch ein paar Jahre lagern sollten. Ob ich sie jetzt trinken sollte? Sollte ich tödlich erkranken, habe ich von den Wein nichts mehr. Also jetzt trinken? Und was ist mit meinem Ersparten? Jetzt verjubeln? Aber wo? Es ist ja ab Mitternacht alles geschlossen …

Thema “Krankschreibung”. Es gilt bis zum 10. April ein vereinfachtes Krankschreibungsverfahren. Der Hausarzt oder die Hausärztin diagnostiziert per Telefon und stellt im Nicht-Corona-Fall die gelben Papiere aus, die dann dem Arbeitnehmer postalisch zugesendet werden. Die Versicherungskarte kann in der Arztpraxis nachgereicht werden, da die eigenen Daten bereits bekannt sind. Das wird allerdings nicht klappen, wenn ein Arzt oder eine Ärztin jemanden zuvor nie in Behandlung hatte. Es wird jetzt also schwierg, den Arzt oder die Ärztin zu wechseln. Ich habe im Internet bei meiner Hausärztin nachgeschaut: aufgrund der Corona-Pandemie geschlossen. Telefonisch geht auch nichts. Okay. Aber irgendwie bin ich mehr als nur begeistert. Sie wird einen Klienten verlieren. Sorry her.

Typisches Erste-Welt-Probleme halt, mit was ich mich jetzt beschäftige  …

Energie folgt der Aufmerksamkeit.

Das Corona-Tagebuch: Provinznotizen aus Deutschland Süd bei Südost (4)

Energie folgt der Aufmerksamkeit.

Wenn in der Arbeit immer wieder auf dem Smartphone nachgeschaut wird, oder schnell die Internetseiten bekannter Nachrichtenkanäle nach neuen Nachrichten durchforscht wird, dann geht dort immer mehr Energie rein, als nötig sein sollte. Die eigene Arbeit leidet darunter. Klar, es gibt kein wichtigeres Thema als eben das Thema, wie geht es weiter, was passiert als nächstes, wie viele Menschen sind bereits erkrankt und ist auch keiner bei diesem schönen Biergartenwetter im Biergarten. Letzteres ist schwierig, weil es eine Art bayrische Konditionierung ist. Schönwetter = Biergarten = Geselligkeit. Nur jetzt ist anderes angesagt: Schönwetter = Kein Biergarten = Social distancing (auf deutsch: Deutlicher Abstand, bitte!).

Ein Bekannter zeigte mir das Foto eines offiziellen Dokuments auf seinem Smartphone. Seine Frau hatte es ihm geschickt. Sie arbeitet im Münchener Landratsamt. Das Papier sagt aus, dass sie die Erlaubnis habe, ihre Wohnung zu verlassen, um zum Landratsamt zu gelangen. Es scheint also wohl so dazu zu kommen, dass es eine wie immer geartete Art Ausgehsperre in München und vielleicht auch ganz Bayern geben wird. Wahrscheinlich wäre, dass diese ab dem Wochenende in Kraft tritt. Das Wetter soll eh gräuslich kalt und nass werden. Also kann sich jeder an seine Wohnung als Quarantäne schon mal eingewöhnen. Bei mir werden es dann knappe 35 qm sein, wobei nicht mal ein Drittel begehbar ist. Ich hoffe, mir wird nicht die Decke auf dem Kopf fallen.

In der Schweiz wird gerade darüber nachgedacht, Streaming Dienste zu verbieten, weil deren Netz in die Knie geht und somit geschäftliches Homeoffice-Arbeiten mittels Skype, Teamviewer und so weiter nur noch in schlechter Qualität möglich ist. Ich denke, die Diskussion sorgt für hohen Blutdruck bei Menschen in Quarantäne oder mit Ausgangssperre. Für Deutschland wird es spannend, wenn es zum “Lochdown” kommen sollte und jeder von zu Hause aus arbeiten soll, ob das Netz das durchsteht.

Ein “Lockdown” wird zum Grab aller “Casual Dating”-Seiten.  Keiner möchte sich alle 12 Minuten unglücklich übers Internet verlieben.Tinder-Dates zum “casual sex” oder ONS werden schwierig zu vollziehen sein. Gegen HIV gibt es Kondome, gegen SARS-CoV-2 hilft auch kein Intimspray..

Auf der Straße werden kaum Blicke ausgetauscht. Als ob Blicke töten könnten.

Energie folgt der Aufmerksamkeit. Unsere Energie gilt einstweilen Social distancing.

Das Corona-Tagebuch: Provinznotizen aus Deutschland Süd bei Südost (3)

Heute erhielt ich die ersten WhatsApp-Kettenbriefe zum Thema “Corona”. Alle 15 Minuten Wasser trinken und immer wieder mal für drei Minuten die Luft anhalten. Ersteres verhindert die Infektion mit den Viren und zweiteres zeigt an, ob man schon erkrankt ist und bald des Todes sein könnte. Das eine beruft sich darauf, dass Viren keinen Halt finden sollten, wo es feucht ist, und das andere führt die Lungenfibrose als Rechtfertigung für den Test an. Leider konnte ich den Verfasser der Nachrichten nicht finden. Wohlmöglich hat da früher mal “Euer Potus” drunter gestanden, wurde dann aber weggelöscht, um es mehr Seriosität zu verleihen. Das macht diese Kettenbriefe auch nicht besser.

Ein Tipp aus meinem Bekanntenkreis ließ mich heute früh zum nächsten DM gehen. Es stehe eine Lieferung von Toilettenpapier an. Meine vorletzte Rolle war bereits in Nutzung und ich benötigte Nachschub. Also stand ich in der Warteschlange. Vor uns war der Truck und dessen Fahrer lud ab. Und irgendwann kam dort eine Europalette mit Toilettenpapier zum Vorschein. “Jeder nur eine Packung! Und keine Diskussionen!”, schallte der Ruf der Marktleiterin nachher im Geschäft. Alle Kunden, die zuvor in der Schlange gestanden haben, gingen zuerst zur Palette im Geschäft. Auf dem Weg nach Hause fing ich einige Blicke auf. Keine Ahnung, wie viele mich mit meiner Packung als Hamsterkäufer oder Panikmensch oder lächerlich eingestuft haben mögen. Überfallen wurde ich nicht.

Die OEMs machen jetzt der Reihe nach zu. Bislang dürfte jetzt an 75% des Firmenumsatzes wegbrechen. Ich denke, nächste Woche wird von meiner Firma Kurzarbeit angemeldet.

Ein Kollege von mir vom Büro gegenüber haut sich am Arbeitsplatz eine Portion “Virulent” nach der nächsten in den Kopp. “Virulent” ist ein homöopathisches Mittel mit 37% Vol. Alkohol. Er könnte sich alternativ auch eine Halbe nach der nächsten ex und hopp reinhämmern. Dann hätte er den Alkohol, die Homöopathie, die feuchte Kehle, könnte beim Trinken die Luft anhalten und gleich auf Lungenfibrose testen. Ich hab’s nicht gesagt. Denn er könnte auch meckern, dass ich mich stets verweigere, mir meine Hände mit der Pumpflaschenlösung an der Tür zu waschen.

Auf dem Firmenklo hat jemand das Bild eines T-Rex angebracht und da drunter geschrieben: “Hat sich nicht die Hände gewaschen. Ausgestorben.” Ich wollte schon handschriftlich vor dem Wort “Ausgestorben” ergänzen: “Zu viel Panzer, zu wenig Hirn.” Aber es ist unklug, in der Firma in diesen Zeiten sarkastisch zu sein. Zudem jetzt Städte nach dem Einsatz der Bundeswehr im Innern rufen.

NRW hat im Zuge der Corona-Pandemie Demonstrationen generell verboten. Was als recht normal in diesen Zeiten ausschaut, ist rechtlich aber eine ganz üble Sache. Denn die Demonstrationsfreiheit ist eine der basalen Sache unserer Demokratie, des Grundgesetzes. Sie kann und darf nicht verboten werden. Es können Auflagen gemacht werden (z.B. 1,50 Meter zwischen jeden Demonstranten; Vermummung ist verboten, aber Masken für jeden zwingend erforderlich; Plakate vorher eine halbe Stunde in Desinfektions- oder Chlorlösung tauchen; Parolen nur gemurmelt, da ansonsten zu viel Virenfreiheit; Träneneingas nur mit Desinfektionszusatz; usw. usf. ), welche eingehalten werden müssen. Nur etwas von einer Partei verboten zu bekommen, welche sich strickt gegen eine Verbieter-Mentalität positioniert hat (und sich sich demokratisch definiert), ist schon arg seltsam. Da werden zuvor Consulting-Büros beauftragt, um neue Anordnungen und Gesetze rechtlich zu überprüfen, und dann beweisen Partei und Rechtsanwaltsbüros, wessen Geistes Kind sie sind? Ich hatte schon genug Stimmen hören dürfen, die meinten, dass es die Chinesen besser hätten, weil die alles diktatorisch und zentralistisch verbieten könnten. Und wer nicht folge, ab in den Knast oder erschießen. Es geht schließlich um die Volksgesundheit und einen milden Verlauf der Krankheit, was den Unternehmen besser bekommt. Die Demokratie ist aber auch eine hinderliche Sache, nicht wahr? Bauchregentschaft, das ist die neue Staatsform. Am besten geleitet und geführt durch die Hohlblasen der Meinungsgesellschaft des Internets. Aber egal. Es ist, wie es ist.

Es ist eigentlich der Treppenwitz der Geschichte: Erst macht die EU die Außengrenzen dicht und setzt dafür ihre “Frontex”-Soldaten ein. Damit keine ungebetenen Gäste aus Afrika an die Gestaden Europas mit deren Boote landen. Und jetzt macht Afrika die Grenzen zu Europa dicht. Sie wollen keine Gäste aus Europa. Europa findet das nicht okay, schließlich sollen dort weiterhin die EU-Überschüsse der Landwirtschaft hin verkauft werden. Und außerdem ist Afrika Low-Cost-Country für bestimmte Produkte. Und jetzt sperren die einfach deren Grenzen zu Europa? Oder sollten die etwa reiche Gesundheitsflüchtlinge mit kleinen Dingelchen in der Luftröhre befürchten?

Die Großgrundbesitzer werden unruhig. Die Low-Cost-Country-Arbeiter wurden einfach ausgesperrt? Sollen die Landwirte jetzt etwa selbst den Knochenjob des Spargelerntens erledigen? Geht gar nicht. Aber demonstrieren dürfen die auch nicht. Ob die jetzt zum Protest etwa ihre Misthaufen anzünden? Einfach um wieder ein wenig mehr NOx und CO2 in der Luft zu bekommen? Warten wir es mal ab. Zumindest haben die Landwirte sofort eine Vision gehabt: Arbeitslose für paar Euro fuffzig in die Spargelfelder schicken. Mit der Vision gehören solche Landwirte gleich direkt zum Arzt in die Behandlung. Weil, Haluzis sind gefährlich.

Das Corona-Tagebuch: Provinznotizen aus Deutschland Süd bei Südost (2)

Die Firma hat eingesehen, dass die gestern eingeführte Idee, alle Türgriffe und so weiter mit Schaumstoff zu umwickeln und dann einfach nur mit Desinfektionsmitteln einzusprühen, weniger Genialität aufweist als Klopapierrollenhamsterkäufe. Sie wurden entfernt. Aber da das Klinkenputzen Geld kostet, taucht die Billiglohnkraft auch nur noch einmal am Tage auf, statt wie zuvor verkündet viermal am Tag. Stattdessen sollen wir es unterlassen, uns an Kaffeeautomaten zu treffen. Maximal immer nur einer und der Rest habe 2 Meter 50 Abstand zu halten. Den Verfasser dieses Verhaltensreglements sah ich heute. Er stand am Kaffeeautomaten und plauderte intensiv in nächster Nähe mit einem Geschäftsführer, der zudem seine Finger im Gesicht hatte. In einer Email hatte eben jener Geschäftsführer gefordert, man solle unter anderem auch einmal seine Finger aus dem Gesicht lassen. Vielleicht sind gerade mal ein Viertel der Angestellten in Homeoffice. Es reichte, dass jener Geschäftsführer dann schrieb, man solle nicht mehr so viel die Telefonleitung nutzen, den telefonischen Kontakt aufs mindeste zu beschränken, da sonst das IT-Netz zerbröseln könne.

Das wird diesen Sommer kein Sommermärchen geben. Die Fußball-EM ist verschoben. Dabei hätten vier Spiele hier in München stattfinden sollen. Mein Beileid an die UEFA für deren Entscheidung hielt sich in Grenzen. Die UEFA wird wohl dafür von den Nationalverbänden einen Rettungschirm einfordern, damit deren Manager nachher nicht an deren goldenen Hungertücher nagen müssen.

Meine Mutter beklagte sich am Telefon, dass die Gottesdienste allesamt verboten wurden. Meine Mutter ist 86. Der tägliche Gottesdienst war ihr einziger Trost. Glaube ist ihr wichtig. Nur ich konnte ihr nicht einfach sagen, dass die Schließungen eigentlich folgerichtig waren. Denn nachweislich interessiert sich keiner der Gottheiten mehr für diesen kleinen Globus in deren All. Denn sonst wären sie mit göttlicher Allmacht hier niedergefahren und hätten jeden einzelnen Virus persönlich zum Platzen gebracht. Aber bislang kam keiner der Allmächtigen, um sich um deren Schäfchen und Lämmer auf diesem Erdenrund zu kümmern. Also kann man deren Gedenkstätten auch gleich schließen.

In der Presse ist jetzt wieder viel über “Krieg” zu lesen. Krieg gegen einen Virus. Begeistert hätte ich fast “na denn mal los, ihr Heeresführer” gerufen. Jeder weiß doch, wie präzis Bomben, Raketen und Drohnen der obersten Heeresführer heute arbeiten. Die Verwender hatten bislang immer deren chirurgischen Präzision gerühmt. Aber die Heerführer sitzen zusammen, schütteln sich die Hände und wissen auch gleich, wer Schuld an dem ganzen Dilemma ist. Schuld sind immer wir anderen. Aber “Krieg” ist immer gut. Es fokussiert die Menschen und lenkt davon ab, dass Viren Armeen und Krieg recht schnuppe sind.

Beim Nachlesen in den sozialen Medien fällt mir ins Auge, dass der Generationenkonflikt verschärft weiter geführt wurde. Stand am Anfang “Friday for future” und die ganze Scharr der Älteren, die den Streik zum Schulschwänzen umgedeutet und damit auf Konfrontation mit den Jüngeren gingen, kam danach das “Okay, Boomer” und “alte grauhaarige Männer” gegen “ihr habt keine Ahnung” und “rotgrün-versifft” und “werdet erst einmal älter”, so kommt jetzt die betonte Lässigkeit der Jüngeren und die pingelige Bevormundung der Älteren. Die Älteren verlangen von den Jüngeren Disziplin und zu-Hause-zu-bleiben. Die Jüngeren machen dabei die Rechnung auf und erklären, der Virus wäre eh nur gefährlich für die Ü40-Boomer-Generation. Und die solle sich nicht so haben, denn sie müsse eh irgendwann sterben. Und so wogt der Generationenkonflikt in all seiner Gehässigkeit hin und her durch Twitter und Facebook. Warum sollten auch aller Hass und jede Hetze in Zeiten der Coronaviren aufhören?

Die Regale in den Supermärkten werden zusehends leerer. Es fällt das Word der „Asozialität” und das Fehlen von “Solidarität”. In den 80ern, zu Zeiten des NATO-Doppelbeschlusses, hat die Jugend damals den Älteren vorgeworfen, würde der Russe in Deutschland mit Panzern einfallen, würden die Deutschen schnell ihre Autos von der Straße in deren Garagen umsetzen, damit die nicht beschädigt werden, statt die eigenen Autos den Eindringlingen als Blockade in den Weg zu stellen. Die Älteren wären nicht fähig, etwas von sich selbst zum Wohle aller aufzugeben, war die damalige Erklärung dazu. Es beruhigt zu wissen, dass sich nichts in der Bevölkerung in den letzten 40 Jahren geändert hat. Brot für die Welt, aber die Butter bleibt hier. Wenn das Volk kein Brot mehr hat, soll es Kuchen essen. Und wenn es an Klopapier und Nudeln fehlt, dann sollen sie mehr Puderzucker essen. Dann ist erstens für Kalorien zum Überleben gesorgt und zweitens muss man auf dem Klo nur abstauben.

Homeoffice. Immer mehr in meiner Umgebung machen Homeoffice. Eigentlich bin ich froh, dass ich nicht dazu verdonnert wurde. Auf 30 qm Wohnung auch noch ablenkungsfrei arbeiten können? Ein unkeuscher Gedanke stieg in mir auf: Was macht eigentlich eine Prostituierte, wenn ihr Homeoffice verordnet wird … ?