Wild und gefährlich (Teil 30): Der Ausblick auf die Europameisterschaft 2012

8. Juni 2012.
Freitag.
8 1/2 Stunden nach „halb zehn in Deutschlands“. Die Frühstückchen sind verspeist, die gepflegte Bierpulle steht auf dem Nierentisch, die Nase ist schwarz-rot-gold gepudert und die Fernbedienung vor der eigenen Ehefrau in Sicherheit gebracht.
Die EM 2012 beginnt.

Und wie wird sie, die Fussball-Eurpameisterschaft?
Ich tippe mal auf eine langweilige EM. Alle spielen sie betont defensiv (4:5:1), warten auf Konter, die Reporter an den Monitoren referieren über die heimische Hooligan-Szene Polens und der Ukraine.

Und was sonst noch passieren wird?
– Beim Eröffnungsspiel Polen-Griechenland wird der Ball gestohlen. Nein, nicht von Polen, sondern von Griechen. Später finden Ermittler den Ball bei Ebay im Angebot des Accounts der griechischen Regierung.
– Ronaldo demonstriert seinen neusten eingeübten 20-Meter-Freistoss-Trick: er nimmt jetzt vom Anpfiffpunkt Anlauf.
– Spanien reagiert erst kurz nach dem Eröffnungsspiel auf deren Austragungsorte. Sie wollen lieber posen statt Danzig.
– Ribery und Robben schlagen sich im Halbfinale mal wieder (wenn nicht auf dem Platz, dann vorher oder nachher in nem Hotel oder ner Disko).
– Italiens Fußballspieler werden vor dem Spiel kontrolliert, ob auch keine EM-Wettscheine in deren Gepäck sind
– Gruppe C wird mittels Münzwurf entschieden, nachdem alle Spiele 0:0 endeten.
– Die Schiedsrichter kriegen heuer besonders gelbe und rote Karten extra auf Hochglanz poliert.
– Beckenbauer und Dieter Nuhr bilden das Duo-Infernale der Experten mit Expertenwissen aus eigener Expertenerfahrung beim Experten-Bezahlsender Sky und interviewen gemeinsam Greenkeeper aller EURO-Stadien, treffen bei deren bezahlten Interview-Rundreisen in Tschechien aber keine Euro-Greenkeeper-Experten an, worauf SKY sofort das Experten-Fußballspiel der Tiere aus Walt Disneys „Die Tollkühne Hexe in Ihrem fliegendem Bett“ zeigt, um den Experten Beckenbauer und Nuhr mehr Zeit zum Auffinden von Experten zu geben.
– Delling und Scholl kommentieren ihre Bügelwäsche
– Poschmann kommentiert die Kommentare von Delling und Scholl über deren Bügelwäsche.
– Deutschlands Zeitungen nehmen kritisch Stellung zu den Bügelwäsche-Kommentare.
– Gauck verteidigt die Freiheit der Kommentare zu Bügelwäsche und der Bügelwäsche-Kommentare samt deren Kommentatoren.
– Merkel fragt bei Gauck nach, ob sie ihn mit seiner freiheitlichen Bügelwäsche auch entlassen könnte …

Zurück zur EURO 2012.
Der deutschen Mannschaft wird bei der EM eine Kernrolle bei den interessantesten und fernsehtauglichen Spielen zukommen:
– Beim Spiel „Wohnwagen-Schlepper gegen Moffen-Sausen“: Robben wird vier Elfmeter gegen Deutschland schießen, Schweinsteiger drei gegen Holland, und das Spiel endet trotzdem 0:0.
– Loew raucht permanent vor Aufregung im Sichtschatten der Kameras heimlich hinter der Trainerbank
– Jeder Nationalspieler wird beim Reporterinterview seine Antwort mit der DFB-abgesegneten Standardeinleitung „Äh, ja sicher, aber …“ anfangen.
– Lukas Podolski wird sich aufregen, dass seine PS3 nicht im EM-Modus läuft
– Dortmunds Spieler sieht man auf der Tribüne Doppelkopf (mit einem Pilsken dazu) spielen
– Bayerns Spieler spielen Schnick-Schnack-Schnuck, wer den Elfer schießen soll, und Schweinsteiger gewinnt dauernd (… ach ja, schrieb ich oben bereits …)

Alles in Allem:
Aber eines ist schon jetzt sicher. Das Endspiel findet statt.
Auch ohne deutsche Politikerdienstreisenbesuche auf den Haupttribünen.

Nur eine gemeine Frage, warum 110 km nördlich von Kiew, in Prypjat, kaum jemand den Fernseher für die Europameister-Fussballmeisterschaft einschalten wird, diese Frage wird einstweilen niemand beantworten wollen. Schließlich sollen potentielle, reisende Schlachtenbummler ja nicht auf panische Gedanken kommen …

Eine präsentierende Bank, ein "Schuldensumpf" und "Börse im ERSTEN"

„Vielleicht wäre es ja alles nicht so schlimm, wenn es der Börse nur gut gehen würde.“ Es ist die unausgesprochene Frage, ob es denn so wäre, die jedoch niemand zu beantworten wagt. Auch nicht an entscheidener Stelle im Fernsehen. Denn wie soll jemand mit der Faust auf den Tisch hauen, wenn er seine Finger darin mit im Spiel hat.

Das ERSTE hat Börsennachrichten einen festen 2-Minuten-Sendeplatz mit „Boerse im Ersten“ eingeräumt. Die Einbettung innerhalb des Werbeblocks vor der Tageschau ist immer auch das „Große Glaubensbekenntnis“ auf Wall Street und Dax. ARD-Journalisten bringen den Zuschauern näher, warum es uns „so schlecht“ geht. Eben weil es der Börse so schlecht geht. Jedoch explizit sagen, das tun sie dort aber nun doch nicht. Sie vermitteln es uns lediglich.

Heute lies mich ein einleitender Werbe-Spot vor der Sendung aufhorchen:
„Die Börse im ERSTEN wird Ihnen präsentiert von der Hypovereinsbank der UniCredit-Group“ (oder so ähnlich)

Und nahtlos moderiert Boerse-Frontfrau Anja Kohl nach dem Jingle die Sendung an:
„Barcelona. Die pulsierende Hauptstadt Kataloniens …“

Frau Anja Kohl ist ein Sonnenschein. Deswegen ist sie auch gern gesehener Gast der ARD-Talkshows, wenn es darum gehen soll, die Probleme Europas mit ihrer EU-Währung zu erklären. Keine kann das Wort „Schuldensumpf“ so maliziös lächelnd aussprechen wie Frau Anja Kohl. Unsachlichkeiten der Frau Kohl in Talkshows gleicht diese mit einem Lächeln aus, welches Talkshow-Moderatoren fraglos fragwürdig dahin schmelzen lässt.
Auch heute ließ Frau Kohl es nicht aus, zu erklären, warum die EU durch Schulden so bedroht sei. Große Krisen fangen klein an, erklärt sie. Über den spanischen Immobilienboom hin zu platzenden Hauspreisblasen, erklärt sie, dass die Sparkassen nun auf „faulen Krediten“ sitzen und der spanische Staat sich immer weiter verschuldet, um die Banken Spaniens zu stützen.
Und dann zieht sie den Vergleich des Abends: die Mortgage-Krise der USA 2007, als dort ebenfalls eine Immobilienkrise platzte. Bevor aber der Zuschauer darüber zuviel nachsinnen könnte, betont Frau Kohl, wer die Opfer einer solchen Immobilienkrise sind:

„Eine Immobilienkrise schlägt zurück auf die Banken. Und dann auf den Staat.“

Schneller als „Boerse im ERSTEN“ kann auch ein Papst seine priesterliche Vergewaltiger nicht mit einem „Te absolvo“ frei sprechen und danach sofort zu bedauernswerten Opfern umzudengeln.
Sowohl in den USA als auch in Spanien haben die Banken versucht, durch billige Kredite an Hinz und Kunz gute Geschäfte zu machen. Ohne ausreichende Prüfung der Liquidität der Antragsteller, nur mit dem blinden Vertrauen auf stetiges Wachstum der Immobilienwerte und den eigenen reichhaltigen Boni vor den Augen wurden Kredite wie Karnevallskamelle heraus gehauen. Es war dann nur eine Frage der Zeit, bis die „Hauspreisblase“ platzte und ihren Eiter zum Vorschein brachte. Den Eiter, die „faulen Kredite“, will nun keiner mehr haben. Den soll die Allgemeinheit schlucken. Als neue finanzielle Schlank-Macher-Diät.

Während die Gewinnler der „Hauspreisblase“ sich zurücklehnten und nach neuen rentablen Geldanlagen umsehen, mussten sich Banken inzwischen hilfesuchend zu deren Staat vorbeugen, um von diesem mittels Steuereinnahmen abgestützt werden, um nicht vornüber zu fallen und alles zu begraben.

Während also das Volk Spaniens zum Sparen für deren Bankenwelt verdonnert wird, während Spaniens vermögende Sparer und Anleger ihre Gelder von den bedrohten Banken abziehen, in dieser Zeit wird durch bestimmte EU-Länder von Spaniens Regierung das Merkel’sche Credo des Sparens für die Rettung der Bankwirtschaft gefordert.
Auf Kosten der Bevölkerung. Welche durch ihre wachsende Arbeitslosigkeitsquote wiederum dem spanischen Staate entsprechende Steuereinnahmen „entzieht“, weswegen der Staat ja auch verstärkt sparen soll. Untergeordnet dem heiligen Ziele, dass die Finanzwelt nicht zusammenkracht und gegebenenfalls auch noch selber das Heer der Arbeitslosen mehrt.

Und da war sie wieder, die Verbindung von „Börse im ERSTEN“ und der „UniCredit-Gruppe“. Denn die UniCredit-Gruppe ist ebenfalls eine Bank, die nicht zu den Gewinnern der spanischen Bankenkrise gehört und sich bei der Immobilienblase Spaniens verkalkuliert hat. Sollte der spanische Staat nicht sparen, um das dabei Ersparte zur Rettung der spanischen Bankenwelt zu investieren, dann wäre von einem Finanzcrash auch die „UniCredit“-Gruppe betroffen.

Eine Sendung, die von einem Mitverursacher der spanischen Wirtschaftskrise präsentiert wird?
Das hat etwas davon, den Bock zum Gärtner zu machen.
Und besonders bei so einem Geschmäckle wirkt das Lächeln einer Anja Koch noch maliziöser, wenn sie das Wort „Schuldensumpf“ ausspricht. Zur Belohnung wird sie dann sicherlich wohl wieder in einer der diversen Talkshows als Finanzmarkt-Expertin auftreten und erklären, warum Staaten zu sparen haben, damit Banken nicht Not erleiden müssen. Denn wenn es den Banken wieder gut geht, erst dann dürfen wir uns auch wieder gut fühlen. Notfalls müssen wir uns dann nur noch flexibel die Absätze vorne an die Füsse annageln, damit wir zumindest wieder das Gefühl haben, dass es bergauf geht. Aber das wird uns sicherlich auch „Börse im ERSTEN“ per Experten erklären, wie so etwas denn geht.

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Update. Noch eine Anmerkung zu der Sendung:

Es ist erstaunlich, wie „boerse im ERSTEN“ immer wieder Recycling betreibt. Zum Beispiel, dass die oben erwähnte Sendung von 29.5.2012 aus Versatzstücken der Sendung vom 25.5.2012 gebildet wurde (inkl. 15 Sekunden gleichem Filmmaterials, deren Schnittfolge nur in andere Reihefolge gestellt wurde).

Meiner Meinung nach würde sich die Sendung „boerse im ERSTEN“ erheblich besser in einer Pay-TV-Programmstruktur einpassen. Denn „boerse im ERSTEN“ richtet sich an die Anleger unter den Fernsehzuschauern und nicht an die über 30 Millionen Mitbürger, die überhaupt kein Geld zum Verspekulieren haben. Für mich hat diese Sendung die gleichen Hintergründe, wie Sektenmitglieder hinter verschlossenen Türen ihrem goldenen Kalb huldigen und fleissig Geld in den Sektenklingelbeutel abdrücken, um ihr Seelenheil zu gewinnen.

Andererseits passt die Sendung momentan dort hinein, wo sie programmtechnisch steht: in einem Werbeblock. Zur echten Information über Hintergründe der Wirtschaft taugt „boerse im ERSTEN“ genauso wie die damaligen „Qualitäts-Scouts“ der McDonalds Werbereihe aus den Jahren 2008/2009: Über das Finden von dicken Kartoffeln wird zwar bei „boerse im ERSTEN“ referiert, aber über die Hintergründe eines finanziellen Beute-Coups beispielsweise à la mode de Mark Zuckerberg und der Investmentbank „Morgan Stanley“ mittels dem Börsengang von „facebook“ wurde bei „boerse im ERSTEN“ inhaltlich und Hintergrund-erhellend absolut nichts berichtet.

„boerse im ERSTEN“ liegt nun einmal inhaltlich und niveaumäßig auf dem der sie einschließenden Werbung. Präsentiert von einer Bank.

Leiser Widerspruch … oder: Narr in Verzweiflung

„… auf Tisch und Wand mit Narrenherz und Narrenhand … „(F. Nietsche, 1882)

Eine Graffito-Meinung, entdeckt an einer Stahltür.

OhneWorte

Vorher war da noch das, aus dem Jahr 2008,

„‚Jump! You Fuckers!‘ Eine Ermunterung aus persönlichem Fehlverhalten Konsequenzen zu ziehen.“

Jump you fuckers

(Zitat von dem preußische Rentner Lothar Dombrowski alias Georg Schramm vom 25-November-2008 aus der ZDF-Serie „Neues aus der Anstalt“)

Unbequeme Eigenschaft. — Alle Dinge tief finden — das ist eine unbequeme Eigenschaft: sie macht, dass man beständig seine Augen anstrengt und am Ende immer mehr findet, als man gewünscht hat.

(F. Nietsche, 1882)

So gesehen …

… und das in einem Münchener Wahlkreis, der eine CSU-Hochburg ist. Solche politisch häretischen Forderungen einfach so in jugendlicher Unschuld an einem Sportgeländegrundstück … na, wenn das mal nicht wieder eine CSU-Wahlkreiskrise im Münchener Sendling auslöst? …

Privatgrundstueck

Mondgesicht

Fast Vollmond

Und da hinten – wenn ihr mit der Lupe ganz genau hinschaut – der vierte helle Pixel von rechts, der da so leicht violett schimmert, direkt neben den vier silbernen, das ist die amerikanische Flagge …

(Mondphase: 90%; Objektiv: 500 mm „Wundertüte“, 2x Tele-Konverter, 1.6-Crop-Faktor = 1600 mm; Kamera: Pentax K5; Raw-Foto mit Lightroom 4.0 entwickelt; Vergrößerung durch Anklicken)

Worte zum 1. Mai über die Entstehung einer neuen Welt (oder: Ängste der Finanzwelt …)

„Life as we know will change. Consider that, in the next 12 months, some trades will be reported to the public on a real-time base, bilateral margin requirements will be required by law, and it will be illegal to execute certain transactions over the telephone. We need to be ready for this new world and we need to understand, what it all means. We need to support and adopt those things that do make sense. And we need to try and change those things that don’t.“

aus der Eröffnungsrede auf dem jährlichen ISDA®-Treffen in Chicago vom 30. April bis 2. Mai 2012 durch Stephen O’Connor (Geschäftsführer und globaler Chef für außerbörslichen Kundengeschäfte der US-Bank „Morgan Stanley“, Vorsitzender der „International Swaps and Derivatives Association, Inc.“(ISDA®)

Übersetzung:

„Leben, wie wir es kennen, wird sich ändern. Bedenken Sie, dass der Öffentlichkeit in den nächsten 12 Monaten von Handel auf Echt-Zeit-Basis berichtet werden wird, dass zweiseitige Margenbedingungen gesetzlich gefordert werden und dass es illegal werden wird, bestimmte Transaktionen über das Telefon auszuführen. Wir müssen auf diese neue Welt vorbereitet sein und wir müssen verstehen, was das alles bedeutet. Wir müssen jene Dinge unterstützen und anpassen, die wirklich Sinn machen. Und wir müssen versuchen die Dinge zu ändern, die das nicht tun.“

In dieser Konferenz der ISDA® geht es unter anderem darum, um den vor zwei Jahren in der USA verabschiedeten „Dodd-Frank Act“ (ein Regulierungsgesetz, um eine Wiederholung der Bankenkrise 2008 zu verhindern). Hierin sehen die Finanzmärkte Hindernisse durch diese geforderte Regulierung.

Die Aussage ist deutlich: sollten Gesetze für die Finanzwelt nicht akzeptabel sein, dann wird versucht, den Politikern zu erklären, was Sinn macht. Was nicht passt, wird passend gemacht. Das ist gelebte Demokratie. Eine Art der gelebten Demokratie, so wie das Volk es sich nicht getraut, sie auszuüben (was politisch in Hinblick auf die Finanzmärkte auch gar nicht gewünscht ist).

Kneipengespräch: Neoliberales Tresenlesen zum Treffen der Finanzinvestoren in Chicago

Tresen2

»Halunken! Alles Halunken!«

Er saß wieder neben mir. Sein Deckel zeigte diverse Striche. Er stirrte in sein Kölsch und ich ging der Verführung ein, seiner Bemerkung Wert zu geben. Hätte ich gewusst, was danach kam, ich hätte ihm gleich einen ganzen Kranz Kölsch bestellt, um das Gespräch gleich zu ersäufen.

»Verbrecher! Alles Verbrecher!«
»Wie meinen?«
»Halunken! Unsicherheit und Schrecken verbreiten! Mit miesen und hinterhältigen Methoden Sympathie und Unterstützungsbereitschaft erzeugen, weil jeder meint, es gäbe keine Alternative.«
»Sie meinen die organisierte Kriminalität? Die Ölmultis und deren Benzinpreise?«
»Sie wollen unser System stürzen. Menschen zu Dingen zwingen, die sie von sich aus nicht wollen.«
»Terroristen?«
»Sie tagen gerade in Chicago.«
»Al Capone-Fanclub?«
»Al Capone müssen wir uns als einen Waisenknaben vorstellen. Es tagt heute die ISDA.«
»ISDA?«
»Die ‚International Swaps and Derivatives Association, Inc.‘. Die Organisation der Finanzverbände, welche sich für sicher und effizientere Finanztransaktionen einsetzt«
»Die was? Wer sind die?«
»Sie tagen seit heute in Chicago. Für drei Tage vom 30. April bis 2. Mai. Sie wollen aktiv an einem neuem Gesellschaftsmaodell mitwirken. Ein Modell, das alle Institutionen der Gesellschaft und Politik umformt. Eine Undurchschaubarkeit der Wirtschaft, …«
»Undurchschaubarkeit? Wie das Regieren auf Sicht, welches in der damaligen Krise als alternativlos propagiert wurde?«
»Lass mich ausreden! Sie wollen ein Verbot des Strebens nach Gemeinwohl. Weil derer Meinung nach eine grundlegenden Ungleichheit zwischen den Menschen existiert. Eine Ungleichheit, welche vertieft werden muss, damit das System des freien Marktes funktioniert.«
»Eine neue Denke?«
»Die Gedanken der Zukunft. Allein Profitgedanke und Konsum sollen das Leben der Menschen bestimmen. Staatliche Intervention und Bürokratie im Dienste der Freiheit der Wirtschaft.«
»Die Freiheit? Das hat doch die FDP auf ihrem letzten Parteitag als Fahne ihrer Philosophie geschwenkt.«
»Ja, die Fahne der Freiheit des Marktes. Der Markt regelt die Gesellschaft. Und nicht umgekehrt. Der Wettbewerb bestimmt das Leben miteinander. Und nicht umgekehrt.«
»Sie beziehen sich jetzt auch noch auf die Betreuungsgelddiskussion, nicht wahr? Hat deswegen auch Hannelore Kraft für die Zwangsbetreuung zwischen dem 1. und 3. Lebensjahr plädiert?«
»Eben weil mit der Befreiung vom eigenen Kinde die Frau und der Mann wieder dem Wettbewerb zugeführt werden können.«
»Das hat etwas von dem ‚Lebensborn‘ der Nazis. Und den Erziehungsmethoden der Chinesen und Nord-Koreaner.«
»Nazis waren bekanntlich national und auch eigenwillig sozial agierend: Grundlegende Ungleichheiten wurden vorsätzlich vertieft. Begleitet von einem System des freien Wettbewerbs um die billigsten Arbetskräfte. Die anderen wurden vernichtet, um irgendeinen Eindruck eines Gemeinwohlgedankens zu verhindern: Religiöse, Behinderte, Frauen und Kinder, unproduktives Humankapital.«
»Sie meinen doch wohl nicht, Hannelore Kraft sei ein verhinderte Neonazi?! Und die Schroeder das Bollwerk der Freiheit, nur weil diese das Betreuungsgeld will?!«
»Das Betreuungsgeld verhindert doch nur die Einrichtung einer Gemeinwohl-Institution. Im Sinne eines unentgeltlichen Gemeinschaftsgedankens.«
»Das heisst Kraft und Schröder sind nur die gemünzten Seiten der gleichen Medaille?«
»Individuen sollen die Form eines Unternehmens haben. Entsprechend werden sie entlohnt. Gemeinwohlgedanken wurden bereits als „Gutmenschen“-Denke hinlänglich diskreditiert, so dass kaum einer mehr in die Richtung zu denken wagt. Frei nach „Don’t ask, what your country can do for you, ask what you can do for your country“.«
»Also folglich mit einer Haltung gegen das Betreuungsgeld? Und für Kitas?«
»Nein, lediglich fern ab gedacht von Betreuungsgeld und Kitas. Das ganze ist lediglich ein Nebenkriegsschauplatz zum Verwirren der Aussenstehenden. Auf jenen Plätzen lassen sich aber die Protagonisten für die Freiheit des Marktes identifizieren.«
»Nebenkriegsschauplätze sind auch Märkte. Freiheitsplätze der Eitelkeiten.«
»Nur ist das unwichtig. Denn der freie Markt formt bereits heute unser Denken. Wer unternehmerische Ideale und freiheitliches Unternehmertum verinnerlicht hat, der lebt richtig.«
»Also wie in jener Werbung, wo eine Frau sagt, sie sei Unternehmerin und Führungskraft in einem kleinen erfolgreichen, vierköpfigen Familienunternehmen, bestehend aus Frau, Mann und zwei Kindern?«
»Im Unternehmersinne funktioniert das Indiviuum integriert in die Markwirtschaft. Angebot, Nachfrage, Investition, Kosten, Gewinn. Im Fokus beständig die Ungleichheiten zwischen den Menschen.«
»Weswegen Hartz-4-Empfänger auch keinen Gewinn am Betreuungsgeld erhalten sollen.«
»Gewinn bestimmt das Denken. Leistung soll sich wieder lohnen. Das ist die Lebensrichtlinie, welche seitens liberaler Politiker der Bevölkerung eingebimst wird. In den 90ern gab es bereits die Sparkassen-Philosophie von ‚Mein Haus, mein Auto mein Boot, meine Dusche, meine Badewanne, mein Schaukelpferdchen, mein Anlageberater‘. Hartz-4-Empfänger belasten nur die Kasse, welche die Banken für sich reklamieren. Daher müssen wir die auch bekämpfen, die Feinde der Freiheit des Marktes, jene Nutznießer der noch vorhandenen Staatsquote, die zurück gehen soll.«
»Ich verstehe. Ein neues Denken und Verstehen des Begriffs der Freiheit.«
»Liberal ist nicht liberal im liberalen Sinne sondern im Sinne einer freiheitlichen Wirtschaft, welche nicht staatlich reglementiert ihre Mittel nutzen kann. Deswegen benötigt eine freiheitlichen Wirtschaft auch den Staat. Denn um jene Freiheit des Konsums zu garantieren und aufzubauen, müssen andere Freiheiten beschränkt werden.«
»Von Rosa Luxemburg lernen, heißt siegen lernen, oder?«
»Richtig. Freiheit ist immer Freiheit der Andersdenkenden. Und gänzlich anders denken die neuen Liberalen und fordern daher ihre Freiheit auf Kosten der anderen ein. Ganzheitlich wirtschaftlich. Und nicht nur in großen Dimensionen. Sondern auch bis runter zum Individuum.«
»Aber wenn allen aufgenötigt wird, das gleiche zu denken …«
»’Gleichschaltung der Meinungen‘? Sie wollten das doch wohl jetzt nicht in den Ring werfen, oder? Sie werden es nicht wagen.«
»Ein wenig Grass und schon setzt es was … .«
»Ein, der von seiner Mission durchdrungen ist, der will auch immer andere Unerleuchtete zur Erkenntnis des Lichtes zu führen. Die Gläubiger der wirtschaftlichen Liberalität sind nicht anders als die Salafisten und zeugen Yehovas. Sie glauben an etwas. Unsere Wirtschaftsgläubigen wollen ebenfalls immer auch bei anderen die Vorteile der Freiheit der Wirtschaft geben. Jene sollen profitieren, woran unsere Wirtschaftexperten glauben: sie sollen erkennen, was gut ist. Selbst wenn wir unsere Freiheit woanders dafür mit Waffengewalt verteidigen müssen. Die Freiheit des Konsums, der Märkte.«
»Kuwait befreien, hieß, der freien Wirtschaft Markt zu verschaffen? China benötigt keine Freiheit des Individuums, weil bereits die Freiheit der Wirtschaft existiert? Kuba ist Feind der Freiheit, weil dort keine liberale staatsunabhängige Wirtschaft vorhanden ist? Freiheit des Konsums?«
»Gedankenfreiheit ist zweitrangig und selbst in den Industrienationen hinderlich. Außer man holt sich das Urheberrecht an der eigenen Freiheit als Unterkapitel des ganz großen Buches der zugeteilten Freiheit. Urheber als Autor des eigenen Lebens.«
»Autor des eigenen Lebens? Von den Medien vorgeschrieben?«
»Die Medien sind gleichzeitig Lektor, Verkäufer und moralische Instanz der Zuteilung der Freiheit des Konsums. Die sind die Erzeuger eines permanenten Angstzustandes, in dem Besitzstandswahrung und die Ängste an den Verlust die treibende Kraft der Empörung sind. Wenn BILD darüber urteilt, ob jemand auf rechtlicher Basis beurteilt kein Unterstützungsgelder erhalten darf, weil er nicht die richtige Meinung derer meinung hat, dann wird recht zum reinen Willkürrecht,w elches Nazis und Stalinisten perfekt angewendet hatten. Mit Moral hat das nichts mehr zu tun. Oder verbietet wer das Rauchen, nur weil dran Menschen sterben?«
»Es erinnert mich an die Postkarten mit dem Jungen und seiner Bommelmütze und daneben der Satz: ‚Du fragst mich, was soll ich tun? Und ich sage: Lebe wild und gefaehrlich, Arthur.’«
»Das ist der heutige Neoliberalismus.«
»Hört sich an wie ein ‚Survivaltrainingskurs für Manager‘. Charles Darvins ‚Survival of the fittest‘.«
»Der meiner Meinung nach Flachdenker Dieter Nuhr drückte es mal unter Twitter so aus, dass es unverständlich sei, dass ‚Neoliberalismus‘ inzwischen ein Schimpfwort sei.«
»Ist ‚Neonazi‘ ein Schimpfwort?«
»Wenn der Beschimpfte es nicht ist, dann Ja. Eindeutig.«
»Und wenn Nein?«
»Ansonsten ist es die Wahrheit. ‚Ich bin der Geist der stets verneint! / Und das mit Recht; denn alles was entsteht / Ist werth daß es zu Grunde geht; / Drum besser wär’s daß nichts entstünde. / So ist denn alles was ihr Sünde, / Zerstörung, kurz das Böse nennt, / Mein eigentliches Element.’«
»Oh, wie schön. Ein wenig Schulbildung an der Theke. Das schmückt. Prost.«
»Wer hat’s erfunden?«
»Goethe.«
»Falsch. Die deutsche Marktwirtschaft, insbesondere die von Ludwig Erhard. Dann kamen die 80er mit Helmut Kohl und seiner antisozialen Politik. Die Ungleichheit der Menschen wurde vertieft, um der liberalen Marktwirtschaft Nachhaltigkeit zu geben. Und selbst Sozialdemokraten und Grüne waren sich nicht zu Schade, daran entscheidend mitzuwirken. ‚Deregulierung des Marktes‘ war das Zauberwort.«
»Ich weiß, ‚Deregulierung des Marktes‘, das war das Axiom des neuen Jahrtausends.«
»Mit dieser Phrase wurde die Gesellschaft zur Akzeptanz der neuen Armut verhext. ‚Deregulierung‘, dieses Wort lässt sich auch mit dem bekannteren Wort ‚Anarchie‘ übersetzen. Punks und Hausbesetzer forderten das bereits vor den Neoliberalen. Aber der Markt will ihre eigene Anarchisierung erhalten. Nicht die der Punks.«
»Die Anarcho-Szene als Vorläufer der neoliberalen Philosophie. Wenn die FDP das wüsste.«

Er nahm einen tiefen Schluck aus seinem Kölsch-Glas.

»Halunken! Alles Halunken!«
»Wie war das nochmals mit der ISDA?«
»Es ist das Forum der Kassierer. Sie tagen heute. Am Vor-Tage des ‚Tages der Arbeit‘, am ‚Tages der Arbeit‘ selber und danach. Gesponsert unter anderem von der Bank ‚Stanley Morgan‘. Mit Rekordteilnahme. 850 verschiedene Finanzverbände werden dort zugegen sein und darüber beraten, wie finanzielle Transktionen sicherer und effizienter gemacht werden können.«
»Nehmen Politiker teil?«
»Politiker sind für diejenigen nur Mittel zum Zweck. Handlanger, die im entscheidenen Augenblick ihre Alternativlosigkeit bei Entscheidungen erklären. Damit das Volk folgt. Die ISDA steuert die Zentralbanken und die Zentralbanken die Regierungen. So ist deren Ablauforganisation. Der Putsch der Finanzwelt gegenüber die Demokratien dieser Welt. Unterstützt mit finanziellen Massenvernichtungswaffen, deren Einsatz bereits in der letzten Bankenkrise 2008 deutlich wurden.«
»Willst du mir Angst machen?«
»Die Auswirkungen der Waffen wirken. Weiterhin. Wie damals das Zünden der Atombomben im kalten Krieg. Sie haben ihre Finanzwaffen bereits einmal vor vier Jahren gezündet. Und jetzt heißt es für uns: sparen, sparen, sparen. Zum Wohle des Finanzstandortes. Auf Kosten der Völker. Verordnet von Politikern aller politischer Seiten. Begründet als ‚alternativlos‘.«
»Hört sich an nach Auswirkung von Terror. Jemanden für Banken sparen zu lassen. Oder für Subventionen zugunsten denjenigen, die das Geld eh schon haben. Das macht doch keiner freiwillig.«
»Das Betreuungsgeld ist nur ein netter Nebenkriegsschauspielplatz derjeniger, die immer schon einen Rückgang der Staatsquote in der produktiven Wirtschaft befürworteten, den Staat aber als Wohlfahrtsorganisation bei wirtschaftlichen Misserfolgen der Finanzwelt sehen.«
»Ich dachte, der Staat als Wohlfahrtsorganisation ist ein Relikt des Kommunismus.«
»Nicht nur. Er war es auch als Relikt des Kapitalismus.«
»Und jetzt?«
»Neoliberalismus. Das hat mit Kapitalismus nichts mehr gemein. Es ist komplett etwas neues, das was weder Kapitalismus noch Kommunismus vorher gesehen hatte. Eine neue Gesellschaftsform.«
»Und die Antwort?«
»Bestell mir noch ein Kölsch.«

Ich tat es.

An Tagen wie diesen …

… wünscht ich mir Unendlichkeit … kein Ende in Sicht …
An Tagen wies diesen

Grafitti an einem Berliner Haus