Postfaktische Weihnachten

Ein Kinderkoelsch

„Alles voll.“

„Alles voll?“

„Alles voll. Der Altpapiercontainer, die Biomülltonne, der normale Müllcontainer. Alles voll. Auch der Altglascontainer, der Gelbe und Altmetallcontainer daneben, ebenso am Überlaufen.“

„Weihnachten.“

„Jo. Frohe Weihnachten. Unser Mietsblock ersäuft im Müll.“

„Nur die Häppchen und Schnittchen angeschaut und dann alles weg geschmissen?“

„Schlimmer! Erst das zweistündige Essen und danach all die Verdauungsgetränke. Und kein einziges Kölsch dabei. Grauenhaft.“

„Ich hatte Rindsrouladen an einem Knödel mit Feldsalat und nen passablen Rotwein.“

Weiterlesen

Während heute Stephanus gesteinigt wird, …

„Du hast gar keine Chance, nicht zu leben. Du lebst heute schon woanders. Du lebst auf deinen Sohn, auf deiner Tochter. Du lebst auf allen Leuten, bei denen dein Herz etwas schneller geht.  Weiterlesen

Drei Wünsche frei (… da uns schlägt die rettende Weihnachtsstund; Ende)

Mit seinen flachen Händen klopfte Karl auf seine Jackentasche, fuhr kurz in seine Jackentaschen, strich sich über sein Hemd und hielt ein. In seinem Gesicht zeigte sich Ratlosigkeit. Etwas entsetzt murmelte ein „Nein, ich habe den Kugelschreiber nicht mehr“ und blickte hinter sich. Hatte er den Kugelschreiber etwa im Vortragssaal liegen lassen? Er überlegte. Ja, der Vortrag hatte ihn nicht mehr interessiert, deswegen hatte er die Tagungsunterlagen zugeklappt, in seine Stofftasche geschoben, hatte sich erhoben und zwischen den Stuhlreihen nach draußen begeben. Sein Kugelschreiber musste also noch an seinem Platz liegen.

Es war nicht ein x-beliebiger Kugelschreiber, sondern ein altes Erinnerungsstück. Er hatte ihn vor 25 Jahren während eines Praktikums geschenkt bekommen. Seine Arbeit im Praktikum war vielen so wertvoll gewesen, dass er als Abschiedsgeschenk eben diesen Kugelschreiber erhielt. Rebecca hatte ihn ihm überreicht, was seinen Wert für ihn noch gesteigert hatte. Rebecca war für ihn die Göttin seiner Praktikantenzeit. Er hatte es geschafft, sie einmal zu einem Abendessen einzuladen und es kam zu einem kurzen und intensiven Kuss. Weiterlesen

„Ha! Ha!“ said the Clown, … hoppla hopp, hoppla hopp, hoppla hopp …

Ich bedanke mich zur Erteilung des letzten Wortes an mich, bevor die Urteilsverkündigung des Hohen Gerichts erfolgt, Euer Ehren.

Jawoll, Euer Ehren, ich bekenne mich schuldig, im Sinne der Anklage. Ja, ich war hinterhältig und gemein und habe gegrinst.

Jawoll, Euer Ehren, gegrinst habe ich. Grinsen ist immer ein Eingeständnis von niedrigem Beweggrund. Immer. War nie anders. Der Angeklagte des Horror-Paares aus Höxter hatte gegrinst, als er den Gerichtssaal betrat. Schuldig. Sperrt beide weg, am besten ohne Verhandlung. Anders Breivik grinste bereits bei Prozessbeginn den Richtern ins Gesicht. Beate Zschäpe ließ es sich auch nicht nehmen, ihr breitestes Grinsen im Gericht zu präsentieren. Und somit schuldig, noch vor Urteilsverkündigung, weil gegrinst. Hat nicht sogar Saddam Hussein gegrinst, als er bereits unter seinem Galgen stand? Die Welt ist voll von Schuldigen, die es wagen, vor Gericht zu grinsen. Die es wagen, überhaupt zu grinsen. Grinsen ist der Beginn der Niedertracht, der verschlagene Hinweis einer hinterlistigen Attacke. Wer grinst, bestätigt seine Schuld und glorifiziert sie. So wie Heath Ledger als „Joker“ in „The Dark Knight“. Selbst Mona Lisa grinst auch nur noch so lange, bis wir herausgefunden haben, was sie in Wahrheit verbrochen hat.

Ja, Euer Ehren, zu allem Überfluss habe ich eine Visage wie aus einem Horrorgemälde: weder ist sie glatt und faltenfrei, noch ist sie jugendlich. Meine Zähne sind gelb und lückenhaft, die Eckzähne zu spitz und die Zahnlücken zu groß, weil meine Krankenkasse bei den Zähnen nichts mehr zahlt. Dazu fehlt mir das passende vital glänzende Haar, welches meinem Gesicht ein wenig Fasson geben würde. Es fehlt mir vollkommen. Ganz zu schweigen davon, bin ich nicht korrekt geschminkt, so wie es in vielen YouTube-Tutorials vorgemacht wird, um gemocht und beneidet zu werden.

Nein, ich bin eher das lebende Gegenteil von „gemocht und beneidet“. Meine Eltern wussten bereits schon damals, dass ich im Alter hässlich wie ne Kohlrübe aussehen würde, und haben mich immer Sonntags in die Kirche geschickt. Aber das Beten hat auch nicht geholfen. Die Zeit hinterlässt ihre Spuren. Es stimmt schon, hätte ich Springerstiefel und Bomberjacke angehabt, dann würde man mich nicht einfach als einen „Horror-Clown“ abtun, sondern ich wäre lediglich Wutbürger mit individuellem Aussehen. Aber ohne diese entscheidenden Utensilien bin ich nun mal nicht wirklich gesellschaftskompatibel. Clowns waren noch nie gesellschaftskompatibel.

Ja, ich gestehe, Euer Ehren, ich war ein Tunichgut, ein Schrecken der Allgemeinheit, der Albtraum aller Schwiegermütter, die potentielle Apokalypse für Hubschraubermütter: Ausübender einer brotlose Kunst, über die niemand lachen kann. Ein Clown. Dabei wollte ich doch alle nur zum Lachen bringen. Eigentlich bin ich der „Dumme August“. Aber damals wie heute, solche will man nicht mehr. Ich höre immer nur, die Lage sei zu ernst, um über ernste Lagen Witze zu machen. Oder Satire? Die dürfe nicht alles. Erst recht nicht, wenn es auf die eigene Rechnung gehe, weil die keiner zahlen will. Überall Goldene Kälber. Darüber konnte ich nur grinsen. Aber über Goldene Kälber grinst man nicht. Und da wollte ich nicht mehr der „Dumme August“, jener Rotclown, sein, ich wollte der Besserwissende sein, der Weißclown.

Wissen Sie, Euer Ehren, in den Nuller-Jahren diese Jahrtausends, da hatte ich meine Hochzeit. All diese „Verstehen Sie Spaß“-Varianten im privaten Fernsehen. In einer dieser Versteckten-Kamera-Sendungen hatte ich die Rolle als Weißclown, so wie Tim Curry als „Pennywise“ in der damaligen Stephen Kings „ES“-Verfilmung. Als fieser Clown musste ich alte Omas mit Eierkartons in der Hand erschrecken, mit Baseballschlägern Kindergruppen aufscheuchen, mit nem Stecken Opas von Parkbänken vertreiben. Was haben die Zuschauer am heimischen Fernsehen Tränen gelacht, weil alle so blöd und panisch reagierten. Mein Vertrag war Gold wert und ein Sequel nach dem nächsten wurde abgedreht. Immer nach dem gleichen Muster. Die Einschaltquoten waren phänomenal. Bis das Interesse an jene Erschrecken-Spielchen erlahmten und die Quote einbrach.

Und jetzt Euer Ehren, so kurz vor Halloween, und so kurz vor dem neuen Start des Remakes des Films „ES“ im nächsten Jahr, dachte ich, ich könnte in der Marketing-Manege von diesem Zirkus um das Remake mit auftreten, ohne Anstellungsvertrag. Das war mein Fehler. Ich bekenne mich schuldig im Sinne der Anklage. Und ich verspreche, in Zukunft werde ich wieder der liebe nette Rotclown sein, der „Dumme August“, so wie ihn hier alle mögen und lieben, nicht wahr. Und ich schwöre, ich werde niemals mehr lachen oder grinsen, damit sich keiner mehr darüber beschweren mag, ich wäre ambivalent und übelst schlecht clownesk.

Euer Ehren, Sie haben mir bereits gesagt, dass Sie in Ihrer Studentenzeit auch mal Clown gewesen waren, aber ein ausschließlich Guter und auch nur beim Karneval bis Aschermittwoch, und ich solle mir von Ihnen etwas abschneiden. Ich habe es hiermit getan. Euer Ehren, ich bedanke  mich für Ihre Zeit und Ihre geliehenen Ohren: ich harre des Urteils, welches da kommen mag.

Soll ich Ihnen die Ohren nach dem Urteil zuschicken oder kommen Sie, um sie sich selber abzuholen?

Kneipengespräch: Westfalen unter sich

wp-1473278997275.jpg
„Und was trinkt ihr hier so?“

„Also … hier trinke ich Krombacher.“

„Ja, nee, is klar. Was trinkt ihr Leute hier im Dorf? Warsteiner? Veltins? Oder nur Krombacher?“

Nachdenkpause.

Weiterlesen

Wenn Extremisten und ihre Sympathisanten brutal zuschlagen, …

… dann ist es erforderlich, endlich mal Solidarität mit den Opfern  (< 80%) zu zeigen. Weiterlesen

Kneipengespräch: Und willst du nicht mein Bruder sein, breche ich dir das Nasenbein

Tresen 0

„Kenn ich dich? Stalkst du mich?“

Er saß neben mir und starrte mich bedrohlich drohend durchdringend an. Ich hatte ihm ungefragt in sein überhebliches, nationalistisches Geschwafel reingequatsch und sein unreflektiertes Alphamännchen-Gehabe gestört.

„Nein. Aber du wünscht dir nachher, dass ich du mich nicht kennengelernt hättest.“

„Du willst mir drohen?“

„Dir kann man drohen? Du bist es doch immer, der droht, wenn er meint, er sei in seiner Meinung bedroht, nicht wahr. Der Wutbürger im eigenen luftleeren Hirnraum.“

„Pass mal auf, Bürschlein, …“

„Bürschlein ist nicht mein Name. Etwa der deine?“

„Arschloch! Ich heiße Oliver.“ Weiterlesen