Die Festung Oktoberfest 2009

Nach der Haager Landkriegsordnung dürfen gegnerische Truppen eine zur „Festung“ deklarierte Stadt angreifen. Eine Stadt wird als „Festung“ bezeichnet, wenn in ihr entsprechend militärische Mittel zur Verteidigung vorhanden sind. Ob tatsächliche militärische Mittel vorhanden sind, ist unerheblich, wenn der Verteidiger eine Stadt zur Festung erklärt hat. Der Gegner ist nicht dazu verpflichtet, dieses vor einem Angriff zu überprüfen. Es gilt das Wort des Verteidigers.
Kampfhandlungen gegenüber einer Festung werden entweder durch Einnahme oder durch Kapitulation beendet.

Im Gegensatz dazu steht im Kriege eine „offene Stadt“. Eine solche Stadt gibt dadurch zu erkennen, dass sie wehrlos ist und dem Gegner offen steht. Entsprechend der Haager Landkriegsordnung darf so eine Stadt in keiner Weise angegriffen werden.

Aus strategischen Gründen können im Krieg bestimmte Städte zu „Festungen“ erklärt werden, um den Gegner aufzuhalten. Ein weiterer Hintergedanke, eigene Städte zu „Festungen“ zu erklären kann auch sein, jene Städte zu „bestrafen“, zum Beispiel weil die Stadtoberen nicht den Wünschen des Kriegsherren entsprechen.

Sonntag.
Bundestagswahl.
Montag.
Die Wahl ist gelaufen. Das Wahlergebnis entspricht nicht dem Wunsch eines Terroristen einer Terrorgruppe.
Dienstag.
Die vier Münchener Tageszeitungen AZ, TZ, SZ und BILD schreiben über die neu errichtete Festung „Oktoberfest“.

Bereits zuvor war klar, dass nach der Wahl die Sicherheitsbedingungen verschärft werden würden. Auch die auf dem Münchener Oktoberfest. Insbesondere nachdem ein Werbeflugzeug die Wiesn am Samstag überflogen hatte und einige schon an eine terroristische Attacke dachten.

Bei mir auf der Arbeit hat sich am Montag gegen 11:00 Uhr folgende Szene entwickelt:

A: Ein Kollege hat mich angerufen. Etwas stimmt mit dem Oktoberfest nicht.
B: Was soll denn sein?
A: Der meinte, es könnte eine Bombe explodiert sein.
B: Eine Bombe?
A: Oder eine Bombendrohung.
C: Die Terroristen?
A: Es soll alles voller Polizei sein.
C: Auf dem Oktoberfest?
A: Die sollen alles abgeriegelt haben.
B: Das ganze Gelände.
A: Sogar die direkte U-Bahn zur Wiesn soll gesperrt sein, die Züge sollen einfach durchfahren.
C: Oje, das heißt nichts gutes.

A kam zu mir.

A: Kannst du mal im Internet nachschauen, ob da irgendwas passiert ist?

Wir riefen die Seiten der Süddeutschen auf, die der FAZ, N-TV, N24, News-Google. Nichts. Rein gar nichts. AZ, TZ, TAZ. Nichts. Nullinger. Nada. Niente. Und bei BILD surf ich prinzipiell nicht vorbei.

A: Im Internet steht nichts.
B: Ja, wenn was passiert ist, dann werden die es nicht gleich verbreiten.
A: Meinst du?
B: Als 1980 der Nazi die Bombe gezündet hatte, kam auch erst nichts im Radio.
A: Die dürfen auch erst nichts verbreiten. Um Panik zu vermeiden.
C: Oh Gott, hoffentlich hat es jetzt nicht viele Tote gegeben.

Meine Suche nach einer WebCam vom Oktoberfest zeigte feiernde Leute in einem Bierzelt. Eine WebCam der Umgebung der Wiesn zeigte leere Straßen aber ein recht gut besuchtes Oktoberfest.

Ich: Die feiern dort alle ungehemmt.
B: Ja, wenn die nichts wissen.
A: Ich könnte ja mal den Rudi anrufen. Der hat mir gestern gesagt, der wolle heute früh auf die Wiesn.
B: Ja, ruf mal an. Ich bin jetzt auch beunruhigt.
C: Man ist nirgendwo mehr sicher.

A holt sein Handy raus und wählt. Warten.

A: Der nimmt nicht ab. Hoffentlich ist ihm nichts passiert.
C: Wenn der verletzt ist, dann kann der …
B: Oftmals hat es auf der Wiesn auch kein Netz.
A: Normal nimmt der immer sofort ab. Das ist schon seltsam.

Erneutes Wählen.

A: Der nimmt nicht ab.
C: Hoffentlich …
A: Rudi? Rudi? Bist du es?

Gespannte Stille.

A: Du Rudi, da hat wer hier gemeint, auf der Wiesn sei ne Bombe hoch gegangen. Stimmt das? Ja? Was? Ihr seid gemütlich am feiern? Aber ist da überall Polizei? Nicht? Nichts? Rudi, ich bin ja so froh, dass nichts passiert ist. Aber bist nicht ans Handy gegangen. Da dachten wir … Was? Die Musik war vorhin so laut? Jetzt ist Spielpause?
C: Gott, sei Dank.
B: Für einen Moment …
A: Rudi, noch viel Spass, ja. Servus, bis später!

In allen vier Münchener Zeitungen stand als Aufmacher, dass das Oktoberfest in eine „Festung“ verwandelt worden sei. Ein scharf überwachter Sperrgürtel ist um das Oktoberfest gebildet worden. Darin herrscht Parkverbot und Durchfahrverbot für Nicht-Anwohner. An den Polizeisperren solle es zu riesigen Menschenansammlungen kommen – so die Zeitungen – und man müsse damit rechnen, dass man länger brauche auf die Wiesn zu kommen. Zusätzlich würde man an den Eingängen der Bierzelte auf Wafffen abgetastet werden.

Gegen 18:00 kam mir die Idee, diese Menschensammlungen zu fotografieren. Ich wollte mich an den Zelteingängen abtasten lassen.
Aber nichts von alldem, rein gar nichts ist passiert bei meinem ersten Wiesnbesuch in diesem Jahr.

Die Polizisten behielten unaufgeregt und freundlich die Übersicht, patrouillierten wie Jahre zuvor über die Wiesn, schauten sich die Karussells an, fachsimpelten über Lebkuchenherzen oder dienten als Fotostaffage für Touristen.

Auch an den Zelteingängen war nichts ungewöhnliches. Die üblichen Sicherheitskontrollen des Sicherheitspersonals. Nicht nur beim reingehen wurden Rucksäcke überprüft. Auch beim verlassen. Und ein den Rücksäcken versteckte Bierkrüge einbehalten. Einige Münchener Diskotheken haben eine schärfere Tür als an den Wiesnzelten heute.

Ich war schnell auf der Wiesn und auch schnell wieder runter. Skandalträchtige Fotos waren nicht möglich. Schade. Und auch gut so. Die Presse kocht nun mal heißer als üblicherweise gegessen wird.

Zumindest die Zeitungen konnten auf ihren Titelseiten den alten Kriegsbegriff der „Festung“ wieder reaktiviert.
Für die Zeitungen befinden wir uns also im Kriegszustand. Das Oktoberfest wurde von Polizei und Medien unisono zur „Festung“ erklärt. Eine Heimatfront sozusagen.

Die Wirte der Bierzelte hoffen weiterhin, dass es eine friedliche Wiesn bleibt. Im alten Rom hätten das Wort „pazifisiert“ Verwendung gefunden.

The Kanzler remastered

Hamburg.

Dieser Tag in dem Bundestagwahlkampfes 2009 hatte alle Parteien überrascht. Weder Sprecher aus dem Adenauer-Haus der CDU haben bislang ihre Stimme wieder gefunden, um eine Stellungnahme abzugeben, noch war von SPD, Grüne und FDP etwas zu vernehmen. Es herrscht allenthalben Sprachlosigkeit.

Was war geschehen?

In vierjähriger mühsamer Kleinstarbeit haben Mitarbeiter des hochverschuldeten EMI-Musikverlages ein Vierer-CD-Box heraus gebracht, welches seinesgleichen in der Welt der Politik sucht:

„Helmut Kohl Remastered“
heißt diese Box und ist für 60 Euro ab sofort in jedem Online-Hörbuch-Portal zu erwerben.

Ein britischer EMI-Tontechniker erklärt hierzu: „Wir wollten der Versuchung nicht nachgeben, etwas Leben in den deutschen Wahlkampf zu bringen. Wir nahmen uns Rede um Rede von Helmut Kohl vor. Es ging uns nicht darum, den Inhalt der Reden zu verändern. Wir wollten sie vielmehr erstrahlen lassen.“

Nach dem EMI-Erfolg mit „The Beatles – Stereo Remaster“ ist jetzt „Helmut Kohl Remastered“ der zweite Coup des britische Traditionsunternehmen EMI.

Und so bietet die 4-CD-Box ungeahnte Einblicke in Kohls Redegewandheit. Die Reden klingen wie mit Perwoll und Doktor Beckmanns Fleckenspray gleichzeitig gewaschen:
Heller, klarer, farbiger, auch ein wenig schärfer, Kohls Stimme bekommt mehr Charakter, seine Stimme hat mehr Wucht.

Ein Meisterwerk ist insbesondere Kohls gesangliche Leistung. Die „Nationalhymne“ bei der Kundgebung am 10.11.1989 vor dem Schöneberger Rathaus war das Meisterstück des Kanzlers der deutschen Einheit. Waren zuvor Momper, Brandt, Wohlrabe und Kohls Stimmen kaum im Pfeifkonzert der Zuschauer zu hören, so wurde digital das Beste daraus gemacht.

Als Bonus-Track gibt es übrigens eine Dolby Surround 7.1 Version jener Schöneberger Rathaus „Nationalhymne“. Beim ersten Zuhören fühlten wir uns genau inmitten jener Wiedervereinigungsbegeisterung wie schon vor 20 Jahren direkt an der weltberühmten Mauer.
Dieser Bonus-Track ist ohne Zweifel ein Meisterwerk der Digitalisierung.

Technisch kamen hierbei nicht nur alle verfügbaren Loudness-Regler zum Einsatz. Unverkennbar haben Digitalmischpulte mit 64 Kanälen ihre klanggebenden Spuren hinterlassen. Blühender und kraftvoller erklingen die Kohlsche Reden. Reden, die offensichtlich damals mit analogen Magnetbandaufzeichnungsgeräten mitgeschnitten wurden.

Eine Nachbereitung und das Editieren der Stereo- oder Surroundsumme waren die Vorbereitung dieses technischen Remasters. Korrekturen am Stereoklangbild wurden ebenso vorgenommen wie das Glätten von Frequenzgänge, Anpassen von Pegeln und Entrauschungen. Filter, Equalizer, Kompressoren und psychoakustische Geräte wurden eingesetzt, um den klanglichen Eindruck und Kohls politische Reden entscheidend zu verbessern.

Zwischenrufe oder Zwischentöne wurden bei diesem Remaster belassen und digital herauspoliert, um den politischen Kohl nicht zu verfälschen. Es ist schon beeindurckend, wenn bei bestimmten Reden das Knacken von Eiern, das Platschen von Tomaten glasklar und digital aufbereitet ausgemacht werden kann.

Den ersten Passanten auf der Straße, denen Ausschnitte aus den CDs vorgespielt wurden, waren begeistert:
„So hört sich Kohl an? Ich dachte, der wär schon tot.“
„Die Merkel und der Steinmeier sollten sich daran ein Beispiel nehmen!“

Allerdings waren auch kritischere Stimmen zu hören. Der Verlag „2001“ ließ hierzu indigniert verkünden:
„An unserer Lübke-Veröffentlichung kommt dieses Remaster nicht im Entferntesten heran.“

Inzwischen wurden aus der Münchener Parteizentrale der CSU Pläne bekannt, demnächst in Zusammenarbeit mit der EMI auch eine „Digital Remastered“-CD der Reden aller ihrer Parteivorsitzenden zu veröffentlichen.

Unklar ist lediglich nur noch, ob Stoibers Reden darauf auch veröffentlicht werden oder ob ihm eine eigene Comedy-CD gewidmet werden sollte.

Militärischer Fünfkampf in München

Von Presse und somit von der Öffentlichkeit relativ unbeachtet findet momentan in München die 56. CISM-WM im Militärischen Fünfkampf statt (CISM = Conseil International du Sport Militaire). Vom 04.- 10. September 2009 kämpfen also Sportsoldaten und Sportsoldatinnen aus der ganzen Welt um Ruhm und Ehre. Bei diesem militärischen Ereignis des „Internationale Militärsportverbands“ auf dem Campus der Universität der Bundeswehr München nehmen rund 200 Athleten und Athletinnen aus 30 Nationen an den Wettkämpfen teil.

Während für Deutschland nur eine Soldatin alleine antritt, geht es diesmal bei den Männern um die Krone. Im Jahre 2007 hatte die deutsche Soldatenmannschaft der Männer noch den dritten Platz inne, das Jahr 2008 darauf war es am Ende sogar der zweite Platz hinter China und jetzt strebt sie den ersten Platz an.

Disziplinen des Militärischen Fünfkampfs entsprechen den normalen militärischen Aufgaben eines Soldaten: Schießen, Hindernislauf, Hindernisschwimmen, Werfen und 8.000 Meter Geländelauf.
Beim Schießen wird mittels eines Scharfschützengewehrs auf 300 Meter entfernte Scheiben geschossen. Zehnmal binnen einer Minute und zehnmal binnen zehn Minuten. Hierbei war die deutsche Mannschaft hinter Nordkorea und China bereits auf den dritten Platz.
Beim Hindernislauf sind diverse Hürden bis zu 5 Meter Höhe zu überwinden. Die deutsche Mannschaft hatte sich schon auf den zweiten Platz hinter China vorgekämpft gehabt.
Beim Hindernisschwimmen befinden sich die zu überwindenden Hindernisse sowohl unter als auch bis zu einem halben Meter über Wasser. Nach dieser militärischen Disziplin liegt inzwischen die deutsche Militärmannschaft punktemäßig vor China und Nordkorea auf den ersten Platz.
Beim vierten Wettkampf, dem Werfen, wird ein zylinderförmiger Eisenrohling sowohl zielgerichtet als auch weit geworfen. Es besteht nicht unbegründete Hoffnung, den Vorsprung vor den Asiaten noch weiter auszubauen.
Und zu guter Letzt findet die Entscheidung bei einem 8 km langen Geländelauf statt. Entsprechend den bis dahin errungenen Punkten findet ein zeitversetzter Start der Mannschaften statt. Welche Mannschaft als erste über die Ziellinie gelangt, die wird den Weltmeistertitel erlangen.

Außer der Mannschaftswertung gibt es noch eine Einzelwertung für alle Sportsoldaten und eine Gesamtwertung.

Es ist übrigens ein übles Gerücht, dass der Oberst Klein durch seine Aktion am Hindukush am letzten Wochenende in der Disziplin „Feindbekämpfung“ wegen mangelnder Weitsicht mehr als 130 Verlustpunkte einbrachte. Verteidigungsminister Jung bestätigte, dass es bei den deutschen Soldaten keine Verluste gab.

An alle, die planen, an den verbleibenden Kampfdisziplinen als Schlachtenbummler für die deutsche Mannschaft teilzunehmen:
Der Militärische Fünfkampf in München wird ungestört vom Hindukush und in voller Mannstärke fortgesetzt werden.

Und für alle CISM-Begeisterte:
Im Jahre 2011 findet die Weltmeisterstadt in Rio de Janeiro statt. Ob dort aber die Wettkämpfe am lebenden kriminellen Objekt der dortigen Favelas durchgeführt werden, ist noch nicht klar. Die „Policia Militar“ Rio de Janeiros hatte sich noch nicht dazu geäußert.

Fake der Woche: Finanzkrise trifft Bayern München

Uli Hoeness hat es heute der Presse mitgeteilt, dass die Finanzkrise den Profi-Fussball erreicht hat.

Er hat jetzt für seine Spieler Kurzarbeit verfügt. Pro Halbzeit werden die ab demnächst nur noch 35 Minuten spielen.

Kneipengespräch: Wat mutt, dat mutt

Tresen 1 - klick mich an fuer die Grossansicht

Das Weissweinglas schwitzt. Kondensperlen rennen das beschlagene Glas herunter. So muss es sein. Wäre es nicht so, ich würde den Wein zurück gehen lassen.

– Wie? Kein Kölsch?
– Nein. Der Wirt hat ne Kiste portugiesischen Vinho Verde. Lecker, sag ich dir. Einfach nur lecker.

Ich nehme bedächtig einen Schluck. Nur nicht zu schnell, nur nicht zu langsam, das richtige Timing ist erforderlich, denn sonst hätt ich mir auch nen Riesling hinter die Binde spülen können.

Das goldgelbene Nass fällt auf meine Zunge und …

Jung, spritzig, leicht!, schreien sie jetzt begeistert, die Geschmacksknospen meiner trockenen Zunge. Mein Gehirn meldet La-Ola-Wellen aus dem Mund.
Die Kehle meldet sich empört und erinnert, dass sie nicht den Wein genießen möchte, der dauernd über die Zunge gerollt sei. Der wäre zu warm.

Der Weissweinstrom setz seine Pilgerreise in den hinteren Gaumen fort. Das Zäpfchen jubiliert und der Gaumen wird vor Freude blutrot.
Allenthalben Begeisterungsstürme der Geschmackspapillen.
Der Strom erreicht die Kehle und rennt immer noch kühl gen Magen. Ein berauschendes Gefühl …

– Es geht aber nichts über ein kühles frisch gezapftes Kölsch!

Ich schaue sein Glas an. Auch jenes perlt. Er schließt die Augen, setzt an und …

– Wo warst du eigentlich die letzte Zeit?

Er schluckt langsam und genussvoll und öffnet die Augen.

– Aaaah. Das erfrischt. Nun, ich war in London.
– London? In der Kölsch-Diaspora?
– Wat mutt, dat mutt.
– Wat hasse da jemacht?
– Ich wollte mal wissen, wie man sich so fühlt, wenn man vor Menschenmassen Reden hält.
– In London?
– In London.
– Im Millennium Dome?
– Iwo. Im Hyde Park.
– Im Hyde Park?
– Speakers Corner.
– Ach komm.
– Doch. Da steht man und hält Reden und wen es interessiert, der hört zu.
– Du witzelst. Worüber haste denn geredet?
– Politik. Über die große Politik.
– Der englischen?
– Nö.
– Die der EU?
– Nö. Über die deutsche Politik.
– Du bist betrunken. Die ist nicht groß.
– Doch ist sie. Und sie hat deswegen ja auch ne entsprechende Koalition gebildet.
– Und worüber haste geplaudert?
– Geredet! Über die soziale Marktwirtschaft. Und über den Sinn von Bildung.
– Aha. In England. Sehr sinnvoll. Und haben sie dir aus sozialem Marktwirtschafts-Mitleid freiwillig was von der deutschen Lehman-Brother-Millionen ausgehändigt? Hat dich überhaupt wer verstanden?
– Ich glaub nicht. Die sprechen dort kaum Kölsch, vermute ich.
– Hätt‘ mich auch verwundert. Und du wurdest dort also zum Straßenfeger Londons?
– Läster du nur. Es hielten zwei Limousinen an und haben meine Reden aufgenommen. Eine war eindeutig aus Bayern. Schwarzer 7er BMW, mit getönten Scheiben. Sah mir aus wie eine von der Münchener CSU …
– Quatsch, sicherlich Schlapphüte aus Pullach. BND.
– … und die andere war ein schwarzer Audi A8.
– Okay, hast recht. Der BMW ist ein 750Li, Seehofers erster Dienstwagen. Wahrscheinlich hat er dir aus dem zugehört. Und im Audi A8, Seehofers Zweit-Dienstwagen, saß sein Staatssekretär und hat deine Reden mitschreiben müssen.
– Wie? Was? Der Seehofer hat zwei Dienstwagen? Einen Audi und einen BMW?
– Ein BMW und ein Audi kommen gemeinsam zum Einsatz für den bayrischen Ministerpräsidenten, damit sich keiner der beiden bayerischen Hersteller benachteiligt fühlt, hatte ja bereits damals schon Regierungssprecherin Daniela Philippi erklärt. Klassischer Kölscher-Proporz in München.
– Wie? Das ist ja schlimmer als die Gesundheits-Schmidt.
– Ein Mini-Präser aus Bayern darf das. Dafür hat ihn sich ja das bayerische Volk wahltechnisch übergestülpt. Mach dir keine Gedanken. Die Presse macht sich ja auch keine.
– Richtig. Wir denken nicht, wir geben zu denken.
– Eben. Bayern steht über allem, da werden nicht Positionen überdacht, sondern maximal Stadien.
– Weisste, ich liebe Seehofer, weil er kein zu heikles Gewissen hat. Daheim die Frau schmachtend im Bett am Warten und er zieht sich aus anderen Mäträzen zurück.
– Und ich liebe von Guttenberg, weil der überhaupt kein Gewissen hat und einfach Ideen von anderen kopiert und sie dann als Eigenleistung ausgibt. So wie mit der Zwangsverwaltung insolventer Banken durch die Steuerkasse. Der Schmarrn wurde schon bereits im März auch von der CDU/CSU abgelehnt.
– Das klassische Beispiel. Guttenberg lässt sich von einer Anwaltskanzlei Gesetze vorschlagen. Outsourcing im klassischen Sinne.
– Nur teuer. In Indien geht das billiger.
– Man sagt sich ja, wenn beim von Gutenberg das Telefon klingelt, dann streicht er sich erst mit dem Kamm durch die Haare, bevor er den Hörer abnimmt.
– Er macht Westerwelle Konkurrenz.
– Keine Chance, das „Clearasil“ und „Oil of Olaz“ Forschungslabor erprobt seine Produkte ausschließlich mit Westerwelle. Da droht dem nichts.
– Außer 18%. 18% auf alles. Außer Tiernahrung. Dafür hat sich Möllemann mit dem Gewicht seiner ganzen Person bis zuletzt eingesetzt!
– Hat eigentlich der geschädigte Bauer vom Getreidefeld liberale Entschädigung für den Aufschlag Möllemanns erhalten?
– Ja, einen Gedächtnisstein im Roggenfeld. Die Mähdrescher müssen jetzt aufpassen, dass nicht noch mehr Schaden angerichtet wird.
– Möllemann, the catcher of the rye.
– Es lebe der Zentralfriedhof.
– Du bist ein Zyniker. Einem Bauer ist jeder Acker heilig.
– Nein, ich meinte nicht den von ihm extra spektakulär neu eingeweihten in Marl, sondern den in Münster, dem von Appelhof.
– Jaja, seitdem streicht der Möllemann durch die FDP wie der Herr von Ribbeck auf Ribbeck im Havelland.
– Das waren aber keine Äpfel vom Hof seiner Gemahlin sondern Birnen vom Strand.
– Na und? Er war ja auch Vize-Kanzler vom Kohl, der deutschen Glüh-Birne ohne Glühfaden. Da darf die FDP auch mal fordern, dass Glühbirnen nicht EU-weit verboten werden.

Ich erhob mein Weissweinglas. Wenn einem soviel blödsinniger Quatsch erfährt, das ist ein Vinho Verde wert.
Er erhob sein Kölsch-Glas und drehte sich zu mir.

– Ich hab mir den neusten EULENSPIEGEL gekauft.
– Nicht möglich. Soviel Geld haste zur Verfügung?
– Wat mutt, dat mutt.
– Und?
– Du musst dir den Mittelteil rausfischen!
– Wieso?
– Deutschland sucht den Superkanzler! Demnächst auch in ihrem Wahllokal Ende September!
– Bis dahin wird noch viel Wasser der Berliner Spree runter fließen. Und bis dahin werden von einem auf dem nächsten Tag von SPD, CDU/CSU, FDP, Grüne – und wie sie alle heißen – noch ganz andere Standpunkte vertreten.
– Das mag schon sein, aber schließlich kann keiner die Parteien daran hindern, jeden Tag klüger zu werden.
– Oder die Wähler zu verdummen.
– Hauptsache, die CDU gewinnt und maximal die FDP darf dann mitspielen.

Das Gespräch ist an seinen Endpunkt angekommen. Die Witzeleien verpufft. Die Vorausahnung, dass die Wahl schon jetzt bereits entschieden sein könnte, lähmt jeden weiteren Gedanken.

Die Wasserperlen rannen nicht mehr, der Vinho Verde war getrunken, das Glas jetzt leer.
Kommentarlos stellt mir der Wirt ein kühles Kölsch hin und hält in seiner Linken eine weitere Kölsch-Stange.

– Der Tisch da drüben hat die Restbestände vom Wein aufgekauft. Ich denke, du magst dann sicherlich das Traditionelle. One for you, one for me. Prost.

Der „Tisch da drüben“ feiert offenbar den Sieg von 1860 und die Weingläser klingen in Dur, fast so als ob Podolski zum zweiten Male nach Köln zurück gekehrt sei.

Ich schaue auf mein Kölsch. Es schwitzt.
Im Moment ist mir gar nicht nach Kölsch.
Mein Partner ist in regungsloser Starre vor seinem Kölsch verfallen.
War da was zuvor? Irgendein Gespräch?

Die Boxen spielen ABBA „Chiquitita“ und die prinzipielle Frage am Anfang des Lieds, was denn falsch liefe, Chiquitita.

Ich schaue auf die Uhr.
Zeit für heimwärts, Zeit den Superstars im Internet hinterher zu forschen.

DSDSuperkanzler

Poster abfotografiert aus dem Satiremagazin EULENSPIEGEL Ausgabe 08/09 (56./64. Jahrgang ISSN 0423-5975 86514)

Das kleine Banken-Einmaleins

Angenommen ich wär ne Bank. Und ich bräuchte mal eben 50 Millionen Euro. Was mach ich dann?

Gut, ich gehe am besten zu zwei anderen Banken und leihe mir von denen jeweils 25 Millionen Euro.
Somit habe ich meine 50 Millionen. Aber ich habe auch 50 Millionen Euro Schulden.

Also kaufe ich mir von den 50 Millionen mal auf der Schnelle 45 Millionen Euro Wertpapiere.
Von den restlichen 5 Millionen verleihe ich 3 Millionen Euro an eine dritte Bank.
Von den mir verbliebenen 2 Millionen Euro gebe ich jeweils 1 Millionen Euro an die beiden Banken zurück.
Somit habe ich bei den Banken nur noch jeweils 24 Millionen Euro Schulden. Insgesamt also 48 Millionen Euro. Also verkaufe ich dann die Wertpapiere, wenn ich 48 Millionen Euro Inwertstellung erreicht habe.

Von den noch ausstehenden 3 Millionen Euro werde ich die verbliebenen 2 Millionen Euro Schulden bezahlen.
Von der durch die Verleihgeschäfte gewonnenen 1 Millionen Euro kann ich mir dann ein Häusle bauen.

Mache ich 100 solche Geschäfte bis zum 31. Dezember habe ich ein hübsches Sümmchen Rente auf mein Konto, worum mich jeder beneidet, un zwar 99 Millionen Euro (logo, brutto, nicht netto).

So einfach geht das.

Oder doch nicht?

Wo liegt der Fehler?

Oder schreibe ich euch das in tiefer Reue als Ex-Banker der HRE?

Insolvenz – ein Laden hört auf zu existieren

Ausverkauft

Schluß, aus und am 14. August vorbei. Der Laden sieht geplündert aus.

Verkaufspersonal mit resignierten bis depressiven Mienen. Von Kundenfreundlichkeit nicht den Ansatz einer Spur, aber auch nicht von Arroganz.
Einfach nichts.
Horror vacui.
Greifbare Teilnahmslosigkeit.
Keiner macht unbedingt mehr, als er muss.

Eine Kundin schimpft darüber, und dass sie demnächst woanders einkäuft. Die Verkäuferin hört ihr nur mit halbem Ohr zu und sagt nichts, verzieht keine Miene.

Rabatt auf jeden Artikel von 30 bis 50 Prozent und es gibt beileibe nicht nur Billigramsch, wo es in den Regalen noch was gibt. Ich mache meine zwei, drei Schnäppchen. 50 Prozent gespart.

Die Kosmetikabteilung ist ausverkauft. Nur unter den Regalen auf dem Boden finden sich noch Restposten. Die Verkäuferinnen interessiert es nicht, nur eine Kundin bemerkt das „versteckte“ Lager und ein Kaufhausdetektiv beobachtet die Bodenaktion der Kundin interessiert.

Die Verkäuferin erzählt mir auf meine Nachfrage stockend, dass sie am 15. arbeitslos sein wird. Keine Transfergesellschaft wird sie auffangen. Und kein neuer Job im Anschluss. Nur das undankbare Arbeitslos-Los. Ihren Kollegen wird das gleiche bevorstehen.

Ein Geschäft von HERTIE schließt.
Öffentliches Sterben mit Rabatt und sanfter Kaufhaushintergrundmusik a la Kuschelrock.
Paradox, aber nicht absurd.
Irgendwie nicht wirklich unwirklich, aber trotzdem irgendwie wirklich irreal:

Kaufhaussterben in Deutschland.

Die gepflegte Panik

Von der Leyen: Mir geht es jetzt um den Kampf gegen die ungehinderte Verbreitung von Bildern vergewaltigter Kinder. Der Straftatbestand Kinderpornografie ist klar abgrenzbar. Doch wir werden weiter Diskussionen führen, wie wir Meinungsfreiheit, Demokratie und Menschenwürde im Internet im richtigen Maß erhalten. Sonst droht das großartige Internet ein rechtsfreier Chaosraum zu werden, in dem man hemmungslos mobben, beleidigen und betrügen kann. Wo die Würde eines anderen verletzt wird, endet die eigene Freiheit. Welche Schritte für den Schutz dieser Grenzen notwendig sind, ist Teil einer unverzichtbaren Debatte, um die die Gesellschaft nicht herumkommt.

Quelle: abendblatt.de

Frau von der Leyen in Höchstform der Gedankenlosigkeit?
Schon heute ist „hemmungslos mobben, beleidigen und betrügen“ rechtlich verfolgbar (und wird es auch) und „ein rechtsfreier Chaosraum“ existiert so nicht. Vielleicht sollte Frau von der Leyen sich mal ein wenig genauer informieren.

Sicherlich wird nicht jeder Mobber, Beleidiger oder Betrüger rechtlich verurteilt werden können, weil er nicht ermittelbar ist. Aber da steht das RL (= real life) dem VL (=virtual life) im nichts nach.
Obige Aussagen der von der Leyen implizieren einen Handlungsbedarf, den es so nicht gibt. Es erinnert eher an einer zur Zeit viel geliebten, grassierenden „Verbieteritis“.

So wie die Flatrate-Bordelle in Deutschland zu verbieten. Aus moralischen Gründen. Weil unmoralisch. Und dann auch noch weil Zwangsprostituierte drinnen sein sollten. Und die Prostituierte rechnerisch 60% mehr verdienen würden als ein Hartz-IV-Arbeiter. Und auch noch alles machen müssen für den Kunden … so wie vom Arbeitsamt vermittelte Hartz-IV-Arbeiter …

Die Polizei durchsuchte auf Veranlassung von Politikern diese Lokale auf illegale Verhältnisse, wurde aber nicht fündig. Geschlossen wurde diese dann mit Hinweis auf deren hygienischen Verhältnisse. Da dürften jetzt viele Hallen- und Freibäder und Fitness-Studios jetzt auch schon anfangen zu zittern, denn was meine Erfahrungen schon dort waren, das war alles andere als hygienisch. Oder doch nicht zittern, denn moralisch sind Hallen- und Freibäder und Fitness-Studios einwandfrei. Da können Klos und Duschen noch so beschissen sein …

Ach ja, nebenbei hat die Polizei dann noch 200.000 Euro von dem Bordellbesitzer (und rechtlicher Arbeitgeber!) eingezogen wegen dem Verdacht auf Sozialabgabenhinterzieherei. Das nur am Rande. Verdacht reicht ja gegen solche Etablissements. Hat man dem Zumwinkel eigentlich zuvor auch gleich sein ganzes Vermögen eingezogen? Nicht? Okay, Zumwinkel war ja auch kein Bordellbesitzer sondern arbeitete in einem anständigen Betrieb, wo er den Staat betrog …

Aber die Hauptsache in der letzten Zeit ist, es wird verboten, was Politikern nicht passt. Oder wovon die wenig Ahnung haben. Denn dann fällt deren Ahnungslosigkeit nicht auf.

Nur, richtig und fundiert gegen Missstände anzugehen, dass ist dann doch zuviel Arbeit für die Politiker. Da wird es diesen zu kompliziert. Lieber ein Stopp-Schild auf dem Monitor, als den Verbrechern direkt hinterher zu forschen und diese einzubuchten.

Aber ich wette, Frau von der Leyen benötigt noch die ein oder anderen Bildungsdienstreisen nach China. Denn die chinesische Regierung hat schon das voll unter der Kontrolle, was hier den Politikern noch völlig unkontrolliert durchs eigene Land rennt:
Die eigene Bevölkerung.