Kleiner feiner Unterschied

Horst Köhler im Wortlaut zu seinem Rücktritt:

[…] Die Kritik geht aber so weit, mir zu unterstellen, ich befürwortete Einsätze der Bundeswehr, die vom Grundgesetz nicht gedeckt wären. Diese Kritik entbehrt jeder Rechtfertigung. […]

„… jeder Rechtfertigung …“.
Er sagte nicht “ … jeder Basis …“.
Das heißt, er diskutiert gar nicht die Fragen, die er selber aufgeworfen hat. Er will sie auch gar nicht diskutieren. Er nimmt nicht dazu Stellung, ob er sie befürworte.
Es gibt wenige, die sich bar jeder Kritik fühlten.

„L’État c’est moi!“ („Der Staat bin ich!“), wird der „Sonnenkönig“, der absolutistische Monarch Ludwig XIV., zitiert. Horst Köhler hätte den Satz wohl am liebsten auch gerufen. Aber da gibt es einen Unterschied: Wir leben nicht mehr im Absolutismus. Wir leben in einer kritikoffenen, freiheitlichen Gesellschaft.

„Diese Kritik entbehrt jeder Rechtfertigung.“
Dieser Rücktritt entbehrt jeder Beschreibung. Heinrich Lübke hielt länger durch, bevor der dann freiwillig seinen Stuhl räumte …

Und tschüß, Herr Köhler.
Der nächste, bitte.
Und bitte: Mit mehr Rückgrat.

Und ganz nebenbei:
Jetzt wissen wir auch, warum Roland Koch zurück getreten ist. Der wollte Bundespräsident werden …

Wasserstandsmeldung in Sachen Arbeitslosigkeit

Die Wasserstandszahlen für den Januar sind wieder veröffentlicht. Keine ifo-Zahlen oder neuste Umfragewerte, nein, schlicht und ergreifend die Arbeitslosenzahlen.

Ach so, denkt sich der Leser, die. Ja, da war doch was. Zumindest irgendwas, nicht wahr. Und? Was ist von den Arbeitslosenzahlen hängen geblieben? Alles nicht so schlimm, gelle. Hätte schlimmer kommen können. Noch steht das Wasser nicht Oberkante Unterlippe für die deutschen Bürger. Also kein Grund zur Panik. Cool bleiben. Ist ja schließlich Winter.

Leute! Das kann so nicht gehen! Da muss noch was passieren! Schließlich erwartet in Zeiten des gepflegten Alarmismus auch der Bürger passende Meldungen. Kein Grund zur Panik? Was soll das? Habt Ihr die Unwetterwarnungen der letzten Wochen vergessen und die Aufforderung sich Vorräte anzulegen, weil man mindestens eine Woche wegen brutalen Schneefalls nicht mehr das Haus verlassen könne? Und jetzt „kein Grund zur Panik“ bei den Arbeitslosenzahlen? Das ist bitterster Verrat an den panikbereiten Bürger! Das ist … das ist infam!

Im Blog „Écrasez l’infâme!“ von André Tautenhahn fand ich in seinem letzten Post die Zusammenstellung der Überschriften einiger deutscher Online-Redaktionen zu den Januar-Zahlen:

Winter treibt Arbeitslosigkeit in die Höhe (Deutsche Welle)
Mehr Arbeitslose wegen Kälte (Frankfurter Rundschau)
Kurzarbeit sei Dank: Arbeitsmarkt trotzt auch im Januar der Krise (Stern)
Winter-Schock bleibt aus (Bild)
Robuster Arbeitsmarkt sorgt für Optimismus (RP-Online)
Arbeitsmarkt zeigt sich krisenfest (Financial Times Deutschland)
Eis-Winter treibt Arbeitslosenzahl nach oben (Zeit)

Überschriften. Die sind ja sowas von lasch. Sowas von diffus.
Vielleicht sollten die Macher der Aufmacher ein wenig mehr bei Frau von der Leyen (vdL) studieren. Die hat in ihrem Kommentar zu den Arbeitslosenzahlen folgendes verlautbaren lassen:

Der Anstieg der Arbeitslosen um 342.000 ist eine hohe Zahl, hinter der sich viele Einzelschicksale verbergen. Dahinter steckt allerdings ein hoher saisonaler Effekt.

Quelle: BMAS

Frau vdL gibt jedem dieser qualifizierten Überschriftstexter Ideen vor, da träumt selbst ein Romanbuchautor wie Steven King heimlich von.
Man lasse es sich auf der Zunge zergehen: Hinter den vielen Einzelschicksalen steckt ein hoher saisonaler Effekt.
Gegenfrage: Wie sieht es saisonbereinigt aus? Also bereinigt von diesen individuellen Einzelschicksalssingularitäten?

Saisonbereinigt ist die Arbeitslosigkeit im Januar eher typisch für diesen Monat

Quelle: BMAS

Na also. Ist doch alles nur halb so schlimm. Die paar Arbeitslose mehr. Wie viele waren das noch mal? 342.000 Arbeitslose mehr? Eben. Nur 342.000 Arbeitslose mehr.
Saisonbereinigt. Versteht sich.
Also etwas mehr als eine Drittel Millionen. Das ist ja noch mindestens zwei Drittel weit weg von einer ganzen Millionen saisonbereinigter Arbeitsloser, die sowas verstehen.

Also im Grunde sind die Arbeitslosenzahlen doch gar keine Meldung mehr wert. Warum titeln also die Journalisten überhaupt? Die Maßnahmen der Kurzarbeit greifen doch noch alle. Und dass jetzt die Vorbereitungen zur Gründung von Transfergesellschaften verstärkt anlaufen, das interessiert doch nun wirklich keine Sau.

Im März, April können viele Firmen ihre Kurzarbeit nicht mehr verlängern. Und dann wird entlassen werden. Eisern. Viele Einzelschicksale sind dann wieder rhetorisch zu verbergen. Diesen individuellen Einzelschicksalen wird direkt Arbeitslosengeld I drohen. Oder aber Arbeitslosengeld-I-ähnliche Bezüge beim Übergang in einer zuvor gegründeten Transfergesellschaft.
Denn wenn der Arbeitnehmer selber zustimmt und nicht sofort entlassen werden möchte, dann hat die auf ein Jahr befristete Umlagerung eines Arbeitsnehmers in eine Transfergesellschaft sozialversicherungsrechtlich eine Verschiebung des Beginns der Arbeitslosigkeit zur Folge.
Im Umkehrschluss bedeutet das, die Entlassungswelle aufgrund der jetzigen wirtschaftlichen Krise wird sich bei den Arbeitslosenzahlen erst in 12 Monaten bemerkbar machen.
Im Mai 2011.
Im Jahr 2011 haben Wirtschaftsanalytiker vorrausgesagt, dass die Wirtschaft wieder auf dem Niveau Sommer 2008 sein wird. In einem Jahr also. Dann wird es so aussehen, dass Firmen bei reduzierter Belegschaft wieder volle Auftragsbücher schreiben, die Presse vollmundig verkünden wird, dass die Wirtschaft wieder stark anzieht, und dass das starke Ansteigen der Arbeitslosigkeit noch die Auswirkungen der Krise 2008/2009 seien. Dafür könne man nichts. Das wird uns dann als unabänderlich verkauft werden. Und außerdem sind brummende Firmen die Jobmotoren der Wirtschaft und es sei dann nur noch eine Frage der Zeit, bis das Land wieder sinkende Arbeitslosenzahlen feiern wird können.

Also alles kein Grund für Alarmismus.

Nur die Einzelschicksale, die aus den Transfergesellschaften entlassen werden, die werden feststellen, dass jenes eine Jahr mit den „Arbeitslosengeld I“-ähnliche Bezügen auf das dann zu erhaltene „Arbeitslosengeld I“ voll angerechnet wird. Der Arbeitslose wird dann wohl weiteren Konsumverzicht üben müssen, bevor im Folgejahr 2012 das „Arbeitslosengeld II“ droht.

Aber was kümmert es die Frau vdL. Schließlich sind das alles nur Einzelschicksale, die geschickt verborgen werden. Und dann steht ja jedem frei, seine Arbeitskraft als Leiharbeiter zur Verfügung zu stellen. Bei Schlecker beispielsweise. Als entrechteter Leiharbeiter. Und wenn das Geld nicht reicht, dann kann Leiharbeiter ja ein Buch drüber schreiben. So wie der Journalist Markus Breitscheidel es tat und seine Erniedrigungen als Leiharbeiter in seinem Buch „Arm durch Arbeit – Ein Undercover-Bericht“ festgehalten hat.

Aber was kümmert das die Frau vdL. Sicherlich kümmert es sie genauso wenig wenig wie den kochmützenlosen Koch aus dem hessischen Parlament. Ministerpräsident Koch hat lediglich Angst, die Arbeitslosengeld-II-Empfänger könnten arbeitslos bleiben, während er im Dienste der Bürger (und CDU) im Schweiße seines Angesichts für jene auch noch schuften muss. Und das empfindet er als ungerecht. Und sagt es ja auch. In alle Mikrofone, die er so um sich herum finden kann.

Vielleicht kannte er dabei auch schon die neusten Zahlen, die nicht so bekannt sind. Die neuen Januar-Zahlen der Hartz-IV-Empfänger:
Im Januar ist die Anzahl der Leistungsbezieher von „Arbeitslosengeld II“ nach ersten Berechnungen bei rund 6,48 Millionen Menschen angelangt. Gegenüber dem Vorjahreszeitraum stieg die Anzahl um 2,4 Prozent (Arbeitslosenquote-Steigerung im Januar: 0,8%). In den letzten 12 Monaten stieg zudem die Anzahl der Kinder unter 15 Jahren, die von Hartz IV abhängen, um gut 1,6 Prozent auf 1,68 Millionen.
Nur die Geburtenrate ist weiterhin rückläufig.

Tja, das findet sich nicht als fette Überschrift in den Medien wieder. Das würde die Leser auch zu stark beunruhigen.
Zu viel des Alarmismuses.
Dann doch lieber die obigen Überschriften zu den Arbeitslosenzahlen.
Oder zu dem grauslichen Winter, der es in Zeiten der Klimaerwärmung auch noch wagt kalt zu sein.

Mein Tipp an die Medienmacher:
Feilt doch ein wenig mehr an Eure Überschriften. Sie sind noch nicht putzig genug, haben noch zu viele beunruhigende Sinnbeziehungen drin. Darum an dieser Stelle meine eigenen sinnfreien Vorschläge zu den obigen zitierten Überschriften der Medien. Mit ein wenig Umstellung lässt sich jeder der Leser von den 342.000 neuen Arbeitslosen ganz leicht ablenken:

für die DEUTSCHE WELLE: Arbeitslosigkeit treibt Winter in die Höhe
für die FRANKFURTER RUNDSCHAU: Mehr Kälte wegen Arbeitslose
für den STERN: Januar sei Dank: Krise trotzt auch im Arbeitsmarkt der Kurzarbeit
für die BILD: Schock-Winter bleibt aus
für RP-Online: Robuster Optimismus sorgt für Arbeitsmarkt
für die FINACIAL TIMES Deutschland:Arbeitsmarkt: Krisen-Fest zeigt sich
für die ZEIT: Arbeitslosenzahl treibt Winter-Eis nach oben

Wer braucht bei solchen Überschriften noch 342000 Arbeitslose?
Bei deren Arbeits-Los.
Eben.
Also kein Grund zur Panik.
Cool bleiben.
Ist ja schließlich Winter.

"Franz Josef Strauß" unter Sprengstoffverdacht …

Als ich gestern die diversen Online-Zeitungen durchlas, um mir mal ein Bild über die Terminal-2-Sperrung am Münchener „Franz-Josef-Strauss“-Flughafen machen zu können, fielen mir die unterschiedlichen Darstellungen der Geschehnisse auf:

– Der Täter schnappte sich sein Notebook und rannte weg.
– Der Täter schnappte sich nicht sein Notebook und rannte weg.
– Der Täter rannte ohne seine abgelegten Sachen und ohne Notebook weg.
– Der Täter zog sich an, schnappte sich sein Notebook und rannte weg.

Den Flughafen am „Terminal 2“ kenne ich genau. Dort fliegen alle Star-Alliance-Fluggesellschaften, also auch die Lufthansa, ab. Terminal 2 glänzt durch seine Nadelöhrfunktion nach den Kontrollen. Das heißt, die überprüften Passagiere aller Sicherheits-Check-Portale kommen nur durch einen bestimmten Gang zu den Gates, welche dem Flug innerhalb der EU dienen. Interkontinentalflüge oder Flüge in Nicht-EU-Länder haben ein weiteres Nadelöhr.
Hinter den Sicherheitsportalen stehen jeweils zwei bewaffnnete Bundesgrenzschützer, welche die Situation im Auge behalten.

Folgendes:
Zu jedem Notebook gehört eine Tasche, die berühmte Notebooktasche. Das Sicherheitspersonal sorgt dafür, dass das Notebook aus der Tasche entfernt wird und in eine gesonderte, blaue Kunststoffschale als Transportmittel des Notebooks verwendet wird. Geschieht das nicht, wird die Tasche vom Transportband zurückgefördert und vom Sicherheitspersonal heraus genommen und ein zweites Mal gescannt. Sollte das Sicherheitspersonal das vergessen, am Ausgang des Scann-Gerätes geschieht es auf alle Fälle.

Dieses ist das Prozedere in Sachen „Notebook“ am Münchener Flughafen. Ich kenne es inzwischen in- und auswendig.

Wer als Geschäftsmann schnell durch die Kontrollen will, vollzieht im vorbeugenden Gehorsam folgende Dinge:

– Armbanduhr abnehmen und in die Jackentasche stecken
– Hosentaschen entleeren und Hosentascheninhalt in Jackentasche ablegen
– Handys entweder in Jackentasche oder in einer blauen kleinen Kunststoffschale abgelegen
– Flüssigkeiten im Handgepäck werden generell vermieden. Falls doch, dann immer gleich im Kunststoffbeutel und maximal 100 ml als Menge.
– Hosengürtel wird direkt aus der Hose gezogen und mit der Jacke und anderen Westen, Regenjacken und so weiter in eine der Kunststoffschalen abgelegt.
– Schuhe mit metallischen Aufschlag werden gleich ausgezogen und aufs Band gelegt. Prinzipiell ist es besser immer die Schuhe aufs Band zu legen.
– Brille bleibt aufgesetzt.
– Handgepäck kommt direkt aufs Band.
– Im Falle eines Notebooks wird dieses ebenfalls sofort heraus geholt und in eine der blauen Kunststoffschalen gelegt.
– Die Boarding-Karte wird als letztes in einen der Kunststoffschalen abgelegt, denn vielleicht will der Sicherheitsmensch vor einem mal drauf schauen (geschieht sporadisch).

Somit gilt:
Jede Bemerkung des Sicherheitspersonals, welches der potentielle Fluggastanwärter mit „Ja“ beantworten muss, führt zu Verzögerungen im Prozess.
Jede Verneinung führt zu einer reibungsfreien Abwicklung seiner selbst als Risikopatients des reibungsfreien Flugverkehrs.

Und dann kommt der entscheidende Moment. Das Sicherheitsportal wird durchschritten (und das erst nach Aufforderung des Sicherheitspersonals!). Es ist der spannende Moment, bei dem das Gehör auf „Hab‘ acht!“ steht. Das nächste Geräusch kann entscheidend sein. Und der potentielle Fluggastanwärter stellt sich schon vorher die Frage, wie empfindlich wurde das Portal eingestellt. Fast jede Hose hat einen Metallknopf oder Metallreißverschluss. Die Brille ist metallisch. Oder das intime Piercing? Ist der Cockring abgelegt? Kein Witz, ich habe bereits welche kennengelernt, die sich extra ihren eisernen Cockring anlegen, damit sie vom Sicherheitspersonal befingert werden. :)

Ertönt kein „Piep“ vom Portal, hat der potentielle Fluggastanwärter die erste Hürde überwunden.
Piepst das Portal, stellt sich der Sicherheitsbedienstete einem direkt in den Weg und es heißt Arme und Beine ausbreiten und der Sicherheitsbedienstete fährt mit suchender Hand und einem Detektor den gesamten Körper ab, um die Ursache des „Pieps“ heraus zu finden.

Erst wenn der Suchende zufrieden ist, geht es weiter. Auf dem Transportband taucht das eigene Eigentum aus dem Scanner auf. Drei Meter läuft es auf dem band, bis der Eigentümer darauf zugreifen kann. Und dann geht heißt es, sich wieder ankleiden, sein Handgepäck an sich zu nehmen und nichts in den Schalen zu vergessen.

Wer jetzt in Zeitnot ist, wird anfangen zu sprinten und erweckt durch sein Rennen die Aufmerksamkeit der Sicherheitsbeamten vom BGS. Vom Portal bis an an den bewaffneten BGS-Beamten (einer mit MP) vorbei sind es 10 Meter. Um aus dem Sichtkreis der BGS-Beamten im Nadelöhr zu entschwinden, sind es weitere 10-20 Meter erforderlich.

Ein paar Mal bin ich schon in Zeitnot gesprintet und immer reagierten die BGS-Beamten: Sie schauten mich an und schauten auf das Sicherheitspersonal, um die Lage abzuschätzen. Sie hatten dazu immer an die 5 bis 10 Sekunden Zeit.

Und genau dieses lässt mich bei der Berichterstattung stutzig werden.

Fall 1:

Der Täter schnappte sich sein Notebook und rannte weg.

Damit hätte der so genannte Täter seine Notebooktasche am Portal gelassen. Ein einzelner Mensch mit Notebook in den Händen fällt den BGS-Beamten auf, ist ungewöhnlich und verdächtig. Desweiteren verbleibt noch das gesamte Handgepäck, denn in der Regel wird zuerst das Notebook und dann der Rest aufs Band gelegt. Das Sicherheitspersonal achtet darauf.

Fall 2:

Der Täter schnappte sich nicht sein Notebook und rannte weg.

Damit hätte der Mensch also das als potentielles Sprengstoffpaket entdeckte Notebook an den Portalen hinterlassen. Dem Sicherheitspersonal ist das nicht abgeholte Notebook erst später aufgefallen und die BGS-Beamten fiel keine Auffälligkeit auf. Der Passagier war also ungefährlich. Warum also dann das „Terminal 2“ absperren und nach einem Notebook mit Sprengstoff suchen lassen, wenn das Notebook samt Tasche doch am Portal noch lag?

Fall 3:

– Der Täter rannte ohne seine abgelegten Sachen und ohne Notebook weg.

Es gibt nichts besseres, um die Aufmerksamkeit der BGS-Beamten auf sich zu ziehen, als im Winter frühlingshaft gekleidet an diesen vorbei zu laufen. Zudem blockieren die Handgepäckdinge noch das Portal. Die Beamten hätten das selbst auf jener Distanz schnell feststellen können.

Fall 4:

– Der Täter zog sich an, schnappte sich sein Notebook und rannte weg.

Es ist die einzig wahrscheinliche Variante. Denn dieses passiert nicht selten, wenn Passagiere in Zeitnot sind. So etwas ist nichts ungewöhnnliches.

Aber bei all diesen Fällen fällt eines auf:
Der Befund auf Sprengstoff kommt vom Scanner. Im Falle eines Verdachtbefundes wird von den Monitoren der Sicherheitsbedienstete durch die Scannersoftware genau die verdächtigen Stellen in rot gefärbt angezeigt. Wenn also das entsprechende Notebook aufgrund der Sensorik der Scanner als verdächtig für Sprengstoff angezeigt wurde, gibt es nur eine Möglichkeit, warum das Notebook nicht gegenkontrolliert wurde. Das Sicherheitspersonal hat schlichtweg gepennt. Denn sollte das Personal gemerkt haben, dass das Notebook vom System als verdächtig eingestuft wurde und der Passagier rennt deswegen weg, dann hätten ihn die BGS-Beamten ohne Zweifel gestoppt.
Es lag also kaum an ein Übeles wollenden Passagier.

Gesetz des Falles es war so, wie viele Zeitungen wissen wollten, dass ein Fluggastanwärter in Wahrheit ein Terrorist mit Sprengstoff im Notebook ein Flugzeug sprengen wollte, dann wäre spätestens bei dessen Flucht das Verhalten in den ersten drei Fällen mit Sicherheit und im letzten Fall wahrscheinlich den BGS-Beamten aufgefallen. Aber der Fluggast fiel niemandem auf. Nicht mal der Scan des Systems des Sicherheitspersonals.

Die Aufregung ist jetzt groß. Es wird wieder spekuliert, wie man die Sicherheit nun doch wieder verbessern kann. Der „Nacktscanner“ kommt wieder ins Gespräch. Aber auch die Bezahlung des Sicherheitspersonals wird angesprochen.

Nur eines wird nicht angesprochen:
Der vorbeugende Gehorsam des Sicherheitspersonals ihren Chefs gegenüber. Denn dieser muss wohl für so einen Job unbedingte Voraussetzung sein. Entsprechend ist dann auch die Humorlosigkeit und Freundlichkeit des Sicherheitspersonals.

Ich erlebte es einmal wegen 50 von mir mitgenommenen „Schlüsselanhänger“ (kleine Kettenglieder aus gehärtetem Stahl an dem Leichtmetallring). Diese wurden mit weggenommen, weil sie eine Waffe darstellen sollten. Der Sicherheitsangestellte reihte vier mit dem Leichtmetallschlüsselring an seinem Mittelfinger auf, ballte die Faust um die Kettenglieder und meinte nun könne härter zugeschlagen werden. Der herbeigerufene Vorgesetzte interessierte sich für die Schlüsselanhänger kaum, sondern beharrte darauf, dass der Untergebene richtig geurteilt haben müsse.
Dagegen dürfen weiterhin die Akkus von Notebooks mitgenommen werden. Die sind zwar scharfkantig und massiv stabil, aber generell keine Schlagwaffe.

Jedes Mal, wenn ich in München die Portale passiere, habe ich das Gefühl hinter den Schleusen wieder in ein menschenfreundlicheres Gebiet zu stoßen. Ich kenne viele andere Flughäfen im Vergleich zu München. München und sein Sicherheitspersonal haben nicht nur bei mir sondern auch bei vielen Kollegen und Bekannten den Ruf der freundlichkeitsfreien Zone, direkt vor Düsseldorf.

Und München ist auch immer wieder DER Flughafen, bei dem Limousinen an die Flugzeuge mit Flugrichtung „Brüssel“ heranfahren und wichtige Personen direkt an die Gangway rangebracht werden. Die Fahrzeuge tragen Münchener Kennzeichen und gehören nicht zum Flughafen-Inventar.

Das Studium der Nachrichten gestern Abend und heute morgen der Print-Medien-Schlagzeilen hat mir wieder gezeigt, wie viel Wahrheit bestimmten Nachrichtenorganen eine Schlagzeile wert ist. Es stellte sich mir die Frage, wer von wem gedanken- und hirnlos abschrieb. Denn schon das Hinterfragen der gemeldeten Pseudo-Fakten hätte bestimmtes direkt ausschließen müssen, bevor es auf offiziellem Wege verbreitet wird.

Und es hat inzwischen noch etwas gutes:
Denn wer sich von den Journalisten und Politikern jetzt meldet und aufgrund eines menschlichen Fehlers mehr Maßnahmen fordert, der ist unter den Hirnbefreiten garantiert König.

Und noch etwas in meinen Augen sehr merk-würdiges:
In keiner Zeitung wird die strategische Positionierung von den zwei mal zwei BGS-Beamten am Münchener „Terminal 2“ erwähnt. Es wird jetzt allein auf unzuverlässiges Sicherheitspersonal abgezielt. Aber niemand hinterfragt diese Positionierung und warum es so lange gedauert haben soll, bis die Bundespolizei informiert worden sei …
Das ist wirklich merk-würdig.
Und dann ist der ganze Bereich videoüberwacht. Das Filmen hatte wohl funktioniert, aber die Auswertung nicht. Diese obliegt der Bundespolizei, nicht der Sicherheitsfirma. Wenn diese Auswertung so miserabel ist, dann sollte auch dort angesetzt werden. Oder ist das unzulässig? Begehe ich hiermit Häresie?

Fakt ist, dass die Sicherheitsmaßnahmen am Flughafen München inzwischen rechte Schikanen für Fluggastanwärter sind. Wer mit Münchener Flughafenpersonal in deren Freizeit ins Gespräch kommt, erfährt, dass das Sicherheitssystem am Münchener Flughafen nur an den Portalen überdimensioniert ist, aber dort wo die Portale nicht sind, schwachbrüstig ist.

Egal. Fliegen ist schon lange keine Dienstleistung, die man nur mit Geld bezahlt. Man zahlt auch mit vorbeugendem Gehorsam, Kritikverzicht und Folgsamkeit seltsamen Regeln gegenüber. Und man ordnet sich diesem System hierarchisch unter.
Genau dem Modell des Sicherheitspersonals: vorbeugendem Gehorsam, Kritikverzicht und Folgsamkeit.
Man gibt mit seinen Habseligkeiten die eigene Mündigkeit an den Sicherheitsportalen ab. Weil es andere unbedingt so wollen. Und es wird noch mehr Demut erforderlich sein, um zu fliegen. Weil es andere so wollen. Und nicht weil der Fluggast es so will.

Und irgendwann geschieht das, was bereits am internationalen Flughafen „Tom Jobim“ in Rio de Janeiro passierte: ein Fluggast musste zur Sicherheitskontrolle seine Hosen runterlassen …

(Edit 22:40 Uhr:
Ich lese gerade in der „Süddeutschen Zeitung Online“, dass die den Aufbau der Sicherheitsschleuse mit den BGS-Beamten dahinter ebenfalls hinterfragen und Unstimmigkeiten in der offiziellen Version festgestellt haben. Die „Süddeutschen Zeitung Online“ ist zwar für mich nicht mehr das Maß der journalistischen Dinge, aber immerhin zeigen die dort, dass deren Journalisten sich anfangen, eigene Gedanken machen.)

Große Worte, gelassen ausgesprochen

Das mit den 32 Jahren, das wird sich ja im Laufe der Zeit ändern.

ausgesprochen von Christina Köhler, Ministerin für Familie, Senioren, Frauen und Jugend, angesprochen auf ihr Alter.

Meine Meinung:
Da bin ich mir absolut sicher, Frau Doktor Köhler. In einem Jahr ist es vorbei mit den 32 Jahren …

Das Wichtigste vom Tage: Cheerio, Miss Sophie, me gal…

„Liebe Mitbürgerinnen und Mitbürger, … Ohne den Mauerfall … völlig anders verlaufen … Herausforderungen der Wiedervereinigung … Kraft der Freiheit … Mut für das neue Jahr und das nächste Jahrzehnt … fern von ihren Lieben … unter Einsatz ihres Lebens … dieser Auftrag … Soldaten, Polizisten und zivilen Aufbauhelfer … nie wieder Gefahr … unsere Sicherheit … unser Wohlergehen … Verantwortung … kein Silvester wie jedes andere. … Gerechtigkeit und Menschlichkeit … die schwerste Wirtschaftskrise … Verantwortung für die nächsten Generationen … Wohlstand erhalten … Krise meistern … neue Regeln … Maßlosigkeit und Verantwortungslosigkeit … Sicherung der Arbeitsplätze … Wachstum … mit mehr Wachstum klug aus der Krise … Ausrede … mehr denn je … Willen … Bereitschaft … Klimakonferenz … Zögern … Eigensinn … globale Probleme … eigene Wirtschaftsweise … mehr Nachhaltigkeit … Umbau … Nachhaltigkeit … gute Geist des Zusammenhalts … Jahr der Krise … freuen … Fußballweltmeisterschaft … Kraft der Freiheit … Erfahrung des Miteinanders … ganz andere Herausforderungen … Herausforderungen unserer Generation meistern … ein glückliches und ein gesegnetes Jahr 2010.“

Miss Sophie: As I was saying, I’ll retire…
James: Ya… ya. By the way, the same procedure as last year, Miss Sophie?
Miss Sophie: The same procedure as every year James!
James: Well, I’ll do my very best!

Der ganz normale Wahnsinn

Das Ziel ist nahe. 50 Feinde soll ich gemäß meines Auftrages töten. Und aber maximal nur 3 Zivilisten.

Ausgerüstet mit der israelischen Tavor Tar-21 und 420 Schuss Munition hatte ich mich auf die stattliche Anzahl von 48 erschossenen Feinden herangekämpft. Der Feind ist gnadenlos, selbst schwer verwundet feuert dieser auf mich. Ich befinde mich in permanenter Gefahr für Leib und Leben. Mehrere musste ich deshalb einen Fangschuss setzen. Nichts bleibt mir erspart. Der Feind besitzt auch noch arg bissige Schäferhunde. Sechs dieser treuen Gesellen musste ich erschießen, zweien habe ich einfach mit bloßen Händen das Genick gebrochen. Das Leben ist gnadenlos.

Der Kampf unter dem blauen Himmel Rio de Janeiros zieht sich hin. Christo Redentor
Noch zwei Feinde. Vom Corcovado lacht mir mit ausgebreiteten Armen der Christo Redentor entgegen. Auf der rechten Seite kann ich sogar den Zuckerhut erkennen. Mein Kampfgebiet ist eine Favela im Süden der Metropole Rio de Janeiro. Bewaffneten Feinde rufen mir immer wieder zu, dass ich gefälligst aus deren angestammten Zuhause abhauen soll, dass ich hier nichts zu suchen habe. Aber ich tue ihnen den Gefallen nicht. Auftrag ist Auftrag. Und es ist ein heherer Auftrag. Es geht nicht bloß ums Töten. Es geht um Frieden, Freiheit und Demokratie. Gegen die Diktatur einzelner Warlords.

Noch zwei Feinde. An der Munitionskiste versorge ich mich nochmals mit Munition und Handgranaten. Der Herzschlagsensor zeigt mir Feindaktivität hinter einer der Favela-Hütten an. Oder sind es Zivilisten? Der Sensor zeigt keinen Unterschied. Ich muss es riskieren. Nur ein toter Feind ist ein guter Feind. Handgranate entsichert und blind geworfen, drei hintereinander. Explosionen und Rauchwolken hinter der Favela-Hütte. Der Zähler der vernichteten Feinde erhöht sich um eins: 49 tote Feinde. Dummerweise auch Kollateralschaden: zwei Zivilisten hat es auch erwischt.

Pao de AcucarEgal. Auftrag ist Auftrag. Wir leben im Krieg. Entweder der Feind oder ich. Der Feind kennt kein Erbarmen. Wieso sollte ich?

Der 50. Feind wird auch noch dran glauben müssen. Wie seine 49 Kameraden zuvor. Das ist mein fester Wille. Erneut werfe ich Granaten Richtung Zuckerhut. Explosionen erschüttern die Umgebung. Und dann die Stimme: „Glückwunsch. Sie haben ihren Auftrag erfolgreich erfüllt.“

Der 50. Feind ist vernichtet, die Favela die reinste Leichenstätte. Zufrieden lehne ich mich zurück.

Der Feind ist vernichtet.
„Vernichtet“.
Was für ein schönes, beruhigendes, entspannendes Wort.

Die nächsten Aufgaben warten. Mit einem Sniper-Gewehr. Das Töten der infamen Feinde auf Distanz. Die Kugel aus der Entfernung in den Kopf des Feindes. Und wenn die dann noch zucken, gleich noch eine Kugel. So ist das PC-Spiel „Modern Warfare 2“. Ein Spiel um Leben und Tod. Auch unter der Sonne Rio de Janeiros, im Angesichts des huldvoll lächelnden Christo direkt am Zuckerhut.

Wie bitte?
Das Spiel ist brutal?
Es gehöre verboten?

Aber nie und nimmer, lieber Leser! Solange wir in der Realität im Auftrage der Bundesregierung am Hindukusch den Feind der Freiheit bekämpfen, solange wir zusammen mit unserer James-Bond-Inkarnation, dem Kriegsminister zu Guttenberg, in der realen Welt Krieg machen dürfen, solange darf ich in „Modern Warfare 2“ die Feinde der Demokratie und Freiheit auch virtuell mit allen waffentechnischen Mitteln bekämpfen. Denn um nichts anderes geht es in „Modern Warfare 2“.

Und kommt nun mir keiner, ich wäre ein potentieller Amok-Läufer. All die deutschen Afghanistan-Veteranen mit ihren physischen und psychischen Schäden werden noch weit bedrohlicher, wenn die erstmal feststellen, was die Bundesregierung bei den Pflegebedürftigen an Leistungen gestrichen haben wird. Da ist meine Frustration, wenn ich in „Modern Warfare 2“ wieder mal in einem Hinterhalt gerate und die Landschaft auf dem Bildschirm rot verschwimmt, diese Frustration ist dagegen noch ein schöner Erfolgsmoment.

Was ich persönlich als perverser empfinde?
„Modern Warfare 2“ oder die deutsche Kriegsbeteiligung in Afghanistan?
Die Antwort ist klar: Nicht das eine ist perverser als das andere. Denn beides liegt voll im Trend des Zeitgeistes. Militär ist wieder in. Noch nie war Verteidigung unserer deutschen Demokratie am Hindukusch so schmuck und gut angezogen wie zu Guttenbergs Zeiten.

Viva la destruction!
Viva le plaisir en déclin!
Viva la mort!

Wenn die Volksgondeln Trauer tragen …

Volkstrauertag.

Wer trauert um wen und warum?
40.000 trauern um einen im Mittelkreis des Fußballstadions mit Kränzen drapierten Sarg.
Die SPD um Ex-Bundesfinanzminister Matthöfer, dessen Tod heute vermeldet wurde.
Bundestagsabgeordnete gedenken zusammen mit dem Bundespräsidenten Köhler im Plenarsaal des Bundestags den Opfern von Krieg und Gewalt.

Volkstrauertag.

Verteidigungsminister zu Guttenberg trauert in einer Verlautbarung um mehr als 3.100 deutsche Soldaten seit 1952. 3.100 tote Soldaten gestorben aufgrund „kriegsähnlicher“ Todesursachen.
Und dann kritisiert er in seinem Kommentar zum Volkstrauertag, dass viele in der Gesellschaft sich mit Begriffen wie „Dienen“ und „Pflichterfüllung“ schwer täten.

Der Verteidigungsminister, der gerade bei seiner Afghanistan-Reise mit erstklassigen Posings vor den Fotografen glänzte. Fotos von zu Guttenberg a la Pierce Brosnan in dessen Rolle als „James Bond“. Fotos, unter denen die FAZ den fotogenen Baron zu Guttenberg passend als „Dressmen“ (http://i35.tinypic.com/2uogiab.jpg) bezeichnet.

Vielen in der Gesellschaft täten sich mit Begriffen wie „Dienen“ und „Pflichterfüllung“ schwer, meint zu Guttenberg. Dem zu Guttenberg sind also mehr als 3.100 tote Soldaten noch nicht genug?
Oder zu Guttenbergs Satz frei übersetzt in die Worte des Alten Fritz, dem Preußenkönig:
„Ihr verfluchten Racker, wollt ihr denn ewig leben?“

Also, meine Herren über 18:
Auf zum „Dienen“ und zur „Pflichterfüllung“.

Bürgers Geld gegenfinanziert ohne Steuererhöhungen

In seinem Programm „Thomas Bernhard hätte geschossen“ stellte Georg Schramm ein Konjunkturprogramm vor, welches beeindruckend einfach erscheint. Georg Schramms Bühnenfigur des Seminarleiters erklärte dieses Konzept mit dem Charme „gegenfinanziert ohne Steuererhöhungen“ und „garantierte Stütze der Wirtschaft“.

Basis dieses Konjunkturprogramms ist 1/3 der deutschen Bevölkerung. Dieser Bevölkerungsanteil zahlt keine Steuern, weil dieser zu jung oder zu alt ist oder auch zu wenig verdient. Diesem Bevölkerungsanteil Geld zu geben, würde bedeuten, dass sie es nicht sparen sondern sofort konsumieren würden. Also kommt diesem Anteil ein erheblicher potentieller, konsumtreibender Faktor zu: die wirtschaftliche Kurbel zum Hochdrehen der hustenden Binnennachfrage.

Momentan haben wir 6 Millionen potentielle Wirtschaftsimpulsgeber, die von Hartz IV leben. Wohlgemerkt, es sind Hartz IV-Empfänger und keine Arbeitslosen. Denn Arbeitslose sind nochmals 4 Millionen. Das macht also alles zusammen ein Potential von 10 Millionen Menschen.

350 Euro als Hartz IV-Satz sind für diese Wirtschaftwachstum-Ankurbler im Augenblick knallhart kalkuliert. Damit ist er gerade unterhalb jeder Fähigkeit, irgendeine private Anlagen zu tätigen oder auf Demos zu reisen. Aber immer noch gerade über der Hungergrenze. Wenn 50 Euro davon in den Einzelhandel gehen, dann ist das schon wirtschaftlich positivistisch dargestellt.

Daher machte Schramms Bühnenfigur die folgende Rechnung auf:
Jene 6 Millionen Hartz-IV’ler kosten dem Steuerzahler bis zu deren Ableben hochgerechnet

– 700 Euro Hartz IV inkl. Zuschüsse und Verwaltungskosten
– 1200 Euro monatlich durchschnittlich vom 55 Lebensjahr ab an wegen Gesundheit, Sozialem und Rente (das 55. Lebensjahr ist das statistische Jahr, wo der Bürger mehr kostet, als er dem Staate einbringt laut einer Studie der Deutschen Bank).

Damit ergeben sich rechnerisch 600.000 Euro vom 55. Lebensjahr bis zum statistischen Tode im 80. Lebensjahr. Also 600.000 Euro, die der Staat für seinen Bürger vom 55. Lebensjahr bis zum Sterbealter von 80 Jahren investieren muss. Von dieser Summe gehen dabei kaum mehr als 6% in den Einzelhandel, was zu wenig für einen wirtschaftlichen Aufschwung oder gar wirtschaftliche Stützung ist.
6% sind eine schlechte Rendite. Georg Schramms Bühnenfigur bemerkte folgerichtig, dass für so eine Rendite ein Ackermann morgens nicht mal aufstehen würde.

Würden allerdings einem 25-jährigen Jugendlichen monatlich 1666 Euro (Brutto = Netto) in die Hand gedrückt werden und dieses für die Dauer von 30 Jahren, dann könnte man damit rechnen, dass monatlich 1000 Euro als Konsum in den Einzelhandel in die Wirtschaft einfließen. Hieraus ergäbe sich eine traumhafte Rendite von 60 %. Die Ackermanns dieser Welt wären begeistert. Die Wirtschaft erhielte einen Wachstumsschub von mehr als 1,5 %. Der Einzelhandel würde aufblühen. Die jetzige Krise wäre nur eine Wirtschaftsflaute. Darüber hinaus stände zu erwarten, dass vermehrt Arbeitsplätze durch die Konsumsteigerung geschaffen würden.
Ja, selbst wenn der Jugendliche es wegen der 1.666 Euro nicht wirklich bräuchte, er könnte auch arbeiten. Er braucht es aber nicht. Denn es soll ja die Aufgabe des Jugendlichen sein, mit seinen 1.666 Euro mindestens 1.000 Euro als Konsum in den Einzelhandel zu hinterlassen.

Nun, Voraussetzung – so Georg Schramms Bühnenfigur – für den Erhalt der monatlichen 1.666 Euro ist dann allerdings die Erfüllung einer einzigen Bedingung:

Das sozialverträgliche Ableben.

Mit 55 Jahren würde der ehemalig Jugendliche zwangsverpflichtet, nach seinem erfüllten Konsumentenleben im Kreise der Seinen glücklich und zufrieden abzuleben. Somit wäre dann auch sicher gestellt, dass dieser dann nicht noch mehr als die jetzigen 600.000 statistischen Euro in Anspruch nähme.

Und – wenn wir mal ehrlich sind – 30 Jahre subventioniertes Leben, da kann man auch schon mal auf das statistische Lebensalter von 80 Jahren verzichten. Insbesondere wenn verglichen wird, dass in dem einem Modell die Blütezeit des Lebens 30 Jahre lang genossen werden kann, während in dem jetzigen Modell nur schmuddeliger Herbst und garstiger Winter des Lebens erlebt werden können.

So hat die ganze Gesellschaft etwas davon: Wirtschaftswachstum, Arbeitsplätze und keine Vergreisung der Gesellschaft. Dem demografischen Faktor bräuchten wir nicht mehr unsere „German Angst“ entgegen zu setzen.

Jetzt aber zum wirklichen Leben, dem knallharten, und raus aus dem Kabarett-Programm:
Jemand aus der FDP muss bei Georg Schramms zynischer Präsentation fleißig mitgeschrieben haben. Ein ganz besonders Aufmerksamer wird es wohl gewesen sein. Und der hat errechnet, dass die monatliche Summe 662 Euro sein müsse. Also 1.004 Euro weniger. Das Geld, was die Schramm’sche Bühnenfigur des Seminarleiters in den Einzelhandel zur Wirtschaftsankurbelung einfließen lassen wollte, das hat der Mitschreiber einfach mal gestrichen. Das passte nicht zum FDP-Slogan „Ihre Arbeit muss sich wieder lohnen“.
Und die 662 Euro nennt die FDP nun auch nicht etwa „Harz 5“ sondern schlichtweg „Bürgergeld“. Eine pauschale Kopfsumme unabhängig von Wohnort und Lebenssituation.

Interessanterweise soll hierbei gleich das Finanzamt alles regeln. Das hat freilich eine gewisse Logik, denn so wird der Bürger in seinem wirtschaftlichem Leben erheblich transparenter. Gläsener. Das entspricht zwar nicht den Versprechen des FDP-Wahlprogramms, welches die Bürger von mehr staatlicher Überwachung schützen will. Aber bei einem Versprechen kann es sich auch mal um ein Versprecher handeln. Wahllüge wäre an dieser Stelle ein gar garstiges Wort.

Nun, die 1.000 Euro, die der aufmerksame FDP’ler gleich beim Plagieren von Schramms Konzept gestrichen hat, entsprechen 72 Milliarden Euro pro Jahr. Das mag viel erscheinen, aber in diesem Jahr haben wir uns doch inzwischen an wesentlich größere Zahlen gewöhnt.

Nur eines hat die FDP bei ihrem Bürgergeld noch nicht erklärt: ab wann der Bürger sozialverträglich ableben muss, wenn er das Bürgergeld erhält. Möglicherweise ist das bei Einführung des Bürgergeldes aber eh völlig egal.
Sollte ein Arzt einem BmBB (Bürger mit Bürgergeld-Bezug) irgendwann mal erklären, er habe eine tödliche Krankheit und daher nur noch 4 Monate zu leben, dann kommt sowieso der entsetzte Ausruf:

„Ja, wovon denn?“