Der ganz normale Wahnsinn

Das Ziel ist nahe. 50 Feinde soll ich gemäß meines Auftrages töten. Und aber maximal nur 3 Zivilisten.

Ausgerüstet mit der israelischen Tavor Tar-21 und 420 Schuss Munition hatte ich mich auf die stattliche Anzahl von 48 erschossenen Feinden herangekämpft. Der Feind ist gnadenlos, selbst schwer verwundet feuert dieser auf mich. Ich befinde mich in permanenter Gefahr für Leib und Leben. Mehrere musste ich deshalb einen Fangschuss setzen. Nichts bleibt mir erspart. Der Feind besitzt auch noch arg bissige Schäferhunde. Sechs dieser treuen Gesellen musste ich erschießen, zweien habe ich einfach mit bloßen Händen das Genick gebrochen. Das Leben ist gnadenlos.

Der Kampf unter dem blauen Himmel Rio de Janeiros zieht sich hin. Christo Redentor
Noch zwei Feinde. Vom Corcovado lacht mir mit ausgebreiteten Armen der Christo Redentor entgegen. Auf der rechten Seite kann ich sogar den Zuckerhut erkennen. Mein Kampfgebiet ist eine Favela im Süden der Metropole Rio de Janeiro. Bewaffneten Feinde rufen mir immer wieder zu, dass ich gefälligst aus deren angestammten Zuhause abhauen soll, dass ich hier nichts zu suchen habe. Aber ich tue ihnen den Gefallen nicht. Auftrag ist Auftrag. Und es ist ein heherer Auftrag. Es geht nicht bloß ums Töten. Es geht um Frieden, Freiheit und Demokratie. Gegen die Diktatur einzelner Warlords.

Noch zwei Feinde. An der Munitionskiste versorge ich mich nochmals mit Munition und Handgranaten. Der Herzschlagsensor zeigt mir Feindaktivität hinter einer der Favela-Hütten an. Oder sind es Zivilisten? Der Sensor zeigt keinen Unterschied. Ich muss es riskieren. Nur ein toter Feind ist ein guter Feind. Handgranate entsichert und blind geworfen, drei hintereinander. Explosionen und Rauchwolken hinter der Favela-Hütte. Der Zähler der vernichteten Feinde erhöht sich um eins: 49 tote Feinde. Dummerweise auch Kollateralschaden: zwei Zivilisten hat es auch erwischt.

Pao de AcucarEgal. Auftrag ist Auftrag. Wir leben im Krieg. Entweder der Feind oder ich. Der Feind kennt kein Erbarmen. Wieso sollte ich?

Der 50. Feind wird auch noch dran glauben müssen. Wie seine 49 Kameraden zuvor. Das ist mein fester Wille. Erneut werfe ich Granaten Richtung Zuckerhut. Explosionen erschüttern die Umgebung. Und dann die Stimme: „Glückwunsch. Sie haben ihren Auftrag erfolgreich erfüllt.“

Der 50. Feind ist vernichtet, die Favela die reinste Leichenstätte. Zufrieden lehne ich mich zurück.

Der Feind ist vernichtet.
„Vernichtet“.
Was für ein schönes, beruhigendes, entspannendes Wort.

Die nächsten Aufgaben warten. Mit einem Sniper-Gewehr. Das Töten der infamen Feinde auf Distanz. Die Kugel aus der Entfernung in den Kopf des Feindes. Und wenn die dann noch zucken, gleich noch eine Kugel. So ist das PC-Spiel „Modern Warfare 2“. Ein Spiel um Leben und Tod. Auch unter der Sonne Rio de Janeiros, im Angesichts des huldvoll lächelnden Christo direkt am Zuckerhut.

Wie bitte?
Das Spiel ist brutal?
Es gehöre verboten?

Aber nie und nimmer, lieber Leser! Solange wir in der Realität im Auftrage der Bundesregierung am Hindukusch den Feind der Freiheit bekämpfen, solange wir zusammen mit unserer James-Bond-Inkarnation, dem Kriegsminister zu Guttenberg, in der realen Welt Krieg machen dürfen, solange darf ich in „Modern Warfare 2“ die Feinde der Demokratie und Freiheit auch virtuell mit allen waffentechnischen Mitteln bekämpfen. Denn um nichts anderes geht es in „Modern Warfare 2“.

Und kommt nun mir keiner, ich wäre ein potentieller Amok-Läufer. All die deutschen Afghanistan-Veteranen mit ihren physischen und psychischen Schäden werden noch weit bedrohlicher, wenn die erstmal feststellen, was die Bundesregierung bei den Pflegebedürftigen an Leistungen gestrichen haben wird. Da ist meine Frustration, wenn ich in „Modern Warfare 2“ wieder mal in einem Hinterhalt gerate und die Landschaft auf dem Bildschirm rot verschwimmt, diese Frustration ist dagegen noch ein schöner Erfolgsmoment.

Was ich persönlich als perverser empfinde?
„Modern Warfare 2“ oder die deutsche Kriegsbeteiligung in Afghanistan?
Die Antwort ist klar: Nicht das eine ist perverser als das andere. Denn beides liegt voll im Trend des Zeitgeistes. Militär ist wieder in. Noch nie war Verteidigung unserer deutschen Demokratie am Hindukusch so schmuck und gut angezogen wie zu Guttenbergs Zeiten.

Viva la destruction!
Viva le plaisir en déclin!
Viva la mort!

7 Gedanken zu „Der ganz normale Wahnsinn

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