Wasserstandsmeldung in Sachen Arbeitslosigkeit

Die Wasserstandszahlen für den Januar sind wieder veröffentlicht. Keine ifo-Zahlen oder neuste Umfragewerte, nein, schlicht und ergreifend die Arbeitslosenzahlen.

Ach so, denkt sich der Leser, die. Ja, da war doch was. Zumindest irgendwas, nicht wahr. Und? Was ist von den Arbeitslosenzahlen hängen geblieben? Alles nicht so schlimm, gelle. Hätte schlimmer kommen können. Noch steht das Wasser nicht Oberkante Unterlippe für die deutschen Bürger. Also kein Grund zur Panik. Cool bleiben. Ist ja schließlich Winter.

Leute! Das kann so nicht gehen! Da muss noch was passieren! Schließlich erwartet in Zeiten des gepflegten Alarmismus auch der Bürger passende Meldungen. Kein Grund zur Panik? Was soll das? Habt Ihr die Unwetterwarnungen der letzten Wochen vergessen und die Aufforderung sich Vorräte anzulegen, weil man mindestens eine Woche wegen brutalen Schneefalls nicht mehr das Haus verlassen könne? Und jetzt „kein Grund zur Panik“ bei den Arbeitslosenzahlen? Das ist bitterster Verrat an den panikbereiten Bürger! Das ist … das ist infam!

Im Blog „Écrasez l’infâme!“ von André Tautenhahn fand ich in seinem letzten Post die Zusammenstellung der Überschriften einiger deutscher Online-Redaktionen zu den Januar-Zahlen:

Winter treibt Arbeitslosigkeit in die Höhe (Deutsche Welle)
Mehr Arbeitslose wegen Kälte (Frankfurter Rundschau)
Kurzarbeit sei Dank: Arbeitsmarkt trotzt auch im Januar der Krise (Stern)
Winter-Schock bleibt aus (Bild)
Robuster Arbeitsmarkt sorgt für Optimismus (RP-Online)
Arbeitsmarkt zeigt sich krisenfest (Financial Times Deutschland)
Eis-Winter treibt Arbeitslosenzahl nach oben (Zeit)

Überschriften. Die sind ja sowas von lasch. Sowas von diffus.
Vielleicht sollten die Macher der Aufmacher ein wenig mehr bei Frau von der Leyen (vdL) studieren. Die hat in ihrem Kommentar zu den Arbeitslosenzahlen folgendes verlautbaren lassen:

Der Anstieg der Arbeitslosen um 342.000 ist eine hohe Zahl, hinter der sich viele Einzelschicksale verbergen. Dahinter steckt allerdings ein hoher saisonaler Effekt.

Quelle: BMAS

Frau vdL gibt jedem dieser qualifizierten Überschriftstexter Ideen vor, da träumt selbst ein Romanbuchautor wie Steven King heimlich von.
Man lasse es sich auf der Zunge zergehen: Hinter den vielen Einzelschicksalen steckt ein hoher saisonaler Effekt.
Gegenfrage: Wie sieht es saisonbereinigt aus? Also bereinigt von diesen individuellen Einzelschicksalssingularitäten?

Saisonbereinigt ist die Arbeitslosigkeit im Januar eher typisch für diesen Monat

Quelle: BMAS

Na also. Ist doch alles nur halb so schlimm. Die paar Arbeitslose mehr. Wie viele waren das noch mal? 342.000 Arbeitslose mehr? Eben. Nur 342.000 Arbeitslose mehr.
Saisonbereinigt. Versteht sich.
Also etwas mehr als eine Drittel Millionen. Das ist ja noch mindestens zwei Drittel weit weg von einer ganzen Millionen saisonbereinigter Arbeitsloser, die sowas verstehen.

Also im Grunde sind die Arbeitslosenzahlen doch gar keine Meldung mehr wert. Warum titeln also die Journalisten überhaupt? Die Maßnahmen der Kurzarbeit greifen doch noch alle. Und dass jetzt die Vorbereitungen zur Gründung von Transfergesellschaften verstärkt anlaufen, das interessiert doch nun wirklich keine Sau.

Im März, April können viele Firmen ihre Kurzarbeit nicht mehr verlängern. Und dann wird entlassen werden. Eisern. Viele Einzelschicksale sind dann wieder rhetorisch zu verbergen. Diesen individuellen Einzelschicksalen wird direkt Arbeitslosengeld I drohen. Oder aber Arbeitslosengeld-I-ähnliche Bezüge beim Übergang in einer zuvor gegründeten Transfergesellschaft.
Denn wenn der Arbeitnehmer selber zustimmt und nicht sofort entlassen werden möchte, dann hat die auf ein Jahr befristete Umlagerung eines Arbeitsnehmers in eine Transfergesellschaft sozialversicherungsrechtlich eine Verschiebung des Beginns der Arbeitslosigkeit zur Folge.
Im Umkehrschluss bedeutet das, die Entlassungswelle aufgrund der jetzigen wirtschaftlichen Krise wird sich bei den Arbeitslosenzahlen erst in 12 Monaten bemerkbar machen.
Im Mai 2011.
Im Jahr 2011 haben Wirtschaftsanalytiker vorrausgesagt, dass die Wirtschaft wieder auf dem Niveau Sommer 2008 sein wird. In einem Jahr also. Dann wird es so aussehen, dass Firmen bei reduzierter Belegschaft wieder volle Auftragsbücher schreiben, die Presse vollmundig verkünden wird, dass die Wirtschaft wieder stark anzieht, und dass das starke Ansteigen der Arbeitslosigkeit noch die Auswirkungen der Krise 2008/2009 seien. Dafür könne man nichts. Das wird uns dann als unabänderlich verkauft werden. Und außerdem sind brummende Firmen die Jobmotoren der Wirtschaft und es sei dann nur noch eine Frage der Zeit, bis das Land wieder sinkende Arbeitslosenzahlen feiern wird können.

Also alles kein Grund für Alarmismus.

Nur die Einzelschicksale, die aus den Transfergesellschaften entlassen werden, die werden feststellen, dass jenes eine Jahr mit den „Arbeitslosengeld I“-ähnliche Bezügen auf das dann zu erhaltene „Arbeitslosengeld I“ voll angerechnet wird. Der Arbeitslose wird dann wohl weiteren Konsumverzicht üben müssen, bevor im Folgejahr 2012 das „Arbeitslosengeld II“ droht.

Aber was kümmert es die Frau vdL. Schließlich sind das alles nur Einzelschicksale, die geschickt verborgen werden. Und dann steht ja jedem frei, seine Arbeitskraft als Leiharbeiter zur Verfügung zu stellen. Bei Schlecker beispielsweise. Als entrechteter Leiharbeiter. Und wenn das Geld nicht reicht, dann kann Leiharbeiter ja ein Buch drüber schreiben. So wie der Journalist Markus Breitscheidel es tat und seine Erniedrigungen als Leiharbeiter in seinem Buch „Arm durch Arbeit – Ein Undercover-Bericht“ festgehalten hat.

Aber was kümmert das die Frau vdL. Sicherlich kümmert es sie genauso wenig wenig wie den kochmützenlosen Koch aus dem hessischen Parlament. Ministerpräsident Koch hat lediglich Angst, die Arbeitslosengeld-II-Empfänger könnten arbeitslos bleiben, während er im Dienste der Bürger (und CDU) im Schweiße seines Angesichts für jene auch noch schuften muss. Und das empfindet er als ungerecht. Und sagt es ja auch. In alle Mikrofone, die er so um sich herum finden kann.

Vielleicht kannte er dabei auch schon die neusten Zahlen, die nicht so bekannt sind. Die neuen Januar-Zahlen der Hartz-IV-Empfänger:
Im Januar ist die Anzahl der Leistungsbezieher von „Arbeitslosengeld II“ nach ersten Berechnungen bei rund 6,48 Millionen Menschen angelangt. Gegenüber dem Vorjahreszeitraum stieg die Anzahl um 2,4 Prozent (Arbeitslosenquote-Steigerung im Januar: 0,8%). In den letzten 12 Monaten stieg zudem die Anzahl der Kinder unter 15 Jahren, die von Hartz IV abhängen, um gut 1,6 Prozent auf 1,68 Millionen.
Nur die Geburtenrate ist weiterhin rückläufig.

Tja, das findet sich nicht als fette Überschrift in den Medien wieder. Das würde die Leser auch zu stark beunruhigen.
Zu viel des Alarmismuses.
Dann doch lieber die obigen Überschriften zu den Arbeitslosenzahlen.
Oder zu dem grauslichen Winter, der es in Zeiten der Klimaerwärmung auch noch wagt kalt zu sein.

Mein Tipp an die Medienmacher:
Feilt doch ein wenig mehr an Eure Überschriften. Sie sind noch nicht putzig genug, haben noch zu viele beunruhigende Sinnbeziehungen drin. Darum an dieser Stelle meine eigenen sinnfreien Vorschläge zu den obigen zitierten Überschriften der Medien. Mit ein wenig Umstellung lässt sich jeder der Leser von den 342.000 neuen Arbeitslosen ganz leicht ablenken:

für die DEUTSCHE WELLE: Arbeitslosigkeit treibt Winter in die Höhe
für die FRANKFURTER RUNDSCHAU: Mehr Kälte wegen Arbeitslose
für den STERN: Januar sei Dank: Krise trotzt auch im Arbeitsmarkt der Kurzarbeit
für die BILD: Schock-Winter bleibt aus
für RP-Online: Robuster Optimismus sorgt für Arbeitsmarkt
für die FINACIAL TIMES Deutschland:Arbeitsmarkt: Krisen-Fest zeigt sich
für die ZEIT: Arbeitslosenzahl treibt Winter-Eis nach oben

Wer braucht bei solchen Überschriften noch 342000 Arbeitslose?
Bei deren Arbeits-Los.
Eben.
Also kein Grund zur Panik.
Cool bleiben.
Ist ja schließlich Winter.

8 Gedanken zu „Wasserstandsmeldung in Sachen Arbeitslosigkeit

  1. :))
    Gut, der Beweis ist schlagend, Du bist entlastet. 45+x, Du wirbst also für die Linke … im Osten, interessant.

    Zynischer Populismus ist das richtige Wort. Er vergrätzt damit allerdings auch einen Teil der eigenen Klientel, auch wenn die Umfragewerte kurzfristig steigen. Das unselige Spiel kann sich auch gegen ihn wenden, es wäre nicht das erstemal, daß er sich komplett vergeigt. Warten wir es ab.

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  2. Ich doch nicht. Hier der Beweis:

    ***
    Westerwelle führt seine Stoßrichtung gegen die SPD-Wählerschaft. Denn sein Populismus verfängt und führt dazu, dass SPD-Wähler empört zur SPD schauen, weil von dort nichts kommt. Westerwelle nährt mit solchen zynistischem Populismus die Extremen. Und die alte Tante kommt kaum dazu zu reagieren, was Westerwilli mit Genugtuung registriert.

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  3. Zeig mal eben Deine Schuhsohlen her, falls sich irgendwo eine 18 findet, bist Du enttarnt.

    Übrigens noch so eine Irrsinnszahl: Irgendein seriöses Wirtschaftsinstitut hat ermittelt, daß 14 Prozent der Bundesbürger an oder unterhalb der Armutsgrenze leben. Das sind 11,5 Millionen Menschen. 11,5 Millionen, die in „anstrengungslosem Wohlstand“ und in „spätrömischer Dekadenz“ (Westerwelle) leben.

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  4. Ach du Scheisse … jetzt bin ich am Arsch! Hallo! Ich heiße weder mit Vornamen „Guido“ noch mit Nachnamen „Westerwelle“. Jules kann es bezeugen!

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  5. Ist eigentlich noch keiner unserer Politiker auf die Idee gekommen, die Arbeitslosen zum Schnee schippen einzuteilen?
    Das wundert mich; dann wären die Arbeitslosenzahlen ja noch besser … saisonbereinigt.

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