Erziehungszeiten im Hause zu Guttenbergs

Mein Gott! Wirklich.War ich geschockt.
»Ai äm schoked«, wie der gepflegte Engländer zu parlieren weiß.
Was musste ich auf einer Seite der Internetseite von BILD.de bei der Suche nach Sportfotos und Fußballberichten lesen?
Stephanie zu Guttenberg in Latex?
Halbnackt auf Postern in Kinderzimmern?

Screenshot BILD--9-2010

Nein, Gott sei Dank, nein.
Zuerst einmal: Stephanie zu Guttenberg, das ist die Frau, die bekanntlich dauernd um ihren Gatten zittern muss, wenn der mal wieder für Fotografen und CSU den James Bond in Afghanistan mimt. Stephanie zu Guttenberg, die dadurch zu Everybodys-Yellow-Press-Darling wurde. Noch direkt platziert vor der tätowierten Gattin des Bundespräsidenten Wulfs.

Diese Stephanie zu Guttenberg also, diese hat nicht nur ein Buch geschrieben sondern es auch noch veröffentlicht: »Schaut nicht weg«, heißt der Titel. Darin schreibt sie unter anderem auch über »Pornografie«.
Nein, nein, sie will nun nicht dazu auffordern, Pornos zu schauen, statt sie nicht zu schauen. Eher ganz im Gegentum. BILD hatte deswegen gestern auch als Aufmacher ihres Blattes eine bedrohliche Überschrift gewählt: »Pornografie verdirbt unsere Kinder«.

Nun, jeder hat das Recht Bücher zu schreiben, besonders wenn sich diejenige Person allein, verlassen und unbedeutend fühlt. Wenn also der Banker Herr S. schreibt und dadurch zu Ruhme und Meinungsbildner bei BILD aufsteigt, warum dann nicht auch eine Stephanie zu Guttenberg? Wie soll sie sonst kompensieren, dass sie nur über den eigenen Ehepartner definiert wird?

»Schaut nicht weg.«
»Pornografie verdirbt unsere Kinder.«
Mein erster Gedanke war:
»Richtig so, Stephanie. Blase ins gleiche Horn wie jenes von Kriminellen durchsetzte Milieu, die sich selber als Experte sehen, was denn nu Pornografie sei und was nicht.«
Mir fiel sogleich Heinrich Böll ein. Böll hatte mal gesagt: »Katholisch sein, ist wie ein Leberfleck. Man kriegt ihn nicht spurlos weg«. Daher habe ich sofort meine Blicke zu Boden gerichtet und innerlich Abbitte gegen solche herätischen Gedanken gegen das Bodenpersonal des allumfassenden Christentums geleistet. Bekanntlich ist es zu vermeiden, Pornografie und Kirche in einem Wort zu erwähnen.
Upps, …
Insofern verwunderte mich doch schon ein wenig ein Zitat der guten Frau zu Guttenberg:

… mit ihren aus dem Rotlichtmilieu entliehenen Outfits gezielt auf Provokation zu setzen. Leder, Latex und Spitze auf der Bühne waren stets ein Garant für Schlagzeilen, vor allem dann, wenn im Hintergrund ein Kruzifix zu sehen war.

Da war sie wieder, die Verbindung von Pornografie und Kirche. Sobald ein Kreuz auftaucht, wird Rotlichtmilieu anstößig. Vorher nicht. Aber hallo, war das ein Geschrei aus Politik und Kirche, als Madonna sich in »Justify my love« auf MTV lasziv an einem Gekreuzigten schmiegte. Und selbst noch im März dieses Jahres griff die katholische Kirche unterstützt von Politikern die Satirezeitschrift TITANIC an, weil ein Priester auf Genitalhöhe eines Gekreuzigten dem selbigen eben auf Genitalhöhe zugewendet dargestellt wurde. Das fanden die gar nicht lustig und sahen sich durch die Darstellung in ihren religiösen Gefühlen gekränkt (s.a. hier).

Unproblematisch dagegen ist die Ehrung des Zeichners des dämlichen … äh, ich meinte, dänischen Mohammed-»Karikaturisten« Kurt Westergaard durch die Kanzlerin Merkel,neulich am 8. September in Potsdam.

»Das Geheimnis der Freiheit ist der Mut«, meinte Merkel zu dem 75-jährigen unweisen Kurt Westergaard.

Nun ja, die TITANIC wird auf so eine Auszeichnung ewig warten können, auch wenn sie sich über die Missbrauchsfälle in der Kirche lustig machen wollte. Es merke sich halt jeder in diesem unserem Kreuzeslande: Kreuze sind nur Steine des Anstoßes und nicht der Ehrung.
Außer sie werden am Bande und dazu militärisch vergeben.

Doch zurück zu unseren verhinderten Miss Moneypenny, die ihren James Bond im Dienste seiner Angela immer nur selten zu Gesicht bekommt und deshalb über ihre Vorstellungen zu Pornografie schreibt. Stephanie zu Guttenberg ist wegen dem Buch nun freilich nicht zur »Doktor-Sommer-honoris-causae 2010« ernannt worden. Aber sie scheint zu wissen, worüber sie schreibt, wenn es um Porno geht. Und sie weiß auch, wie Pornostars aussehen. Nein, nicht so wie sich der geneigte Leser einen Pornostars nun halt mal so vorstellt. In seiner schmutzigen einfältigen Phantasie. Also nackt. Und in Action. In allen Stellungen.
Nein, Pornostars sind vielmehr so wie Lady Gaga, Christina Aguilerra, Britney Spears, Heidi Klum …
Moment!
Heidi Klum? Echt? Heidi Klum sei ein Pornostar, das meint die zu Guttenberg? Doch sei sie wohl, könnte aus ihrem Geschreibsel heraus gelesen werden. Denn – so schreibt sie – bekleidet sei die Klum auch immer wieder mal mit Overknee-Lederstiefeln (im Volksslang auch »Fick-mich-Stiefel« genannt), Lederkorsett, und gleichermaßen knapp bekleidet sei sie wie die jungen Models ihrer Show.
Also, alles voll Porno für die gute Stephanie.

Da können Gina Wild, Kelly Trum oder Dolly Buster noch so viel GV stöhnend vor der Kamera haben, die wahren Repräsentanten der Pornostars sind für Stephanie zu Guttenberg der Snoop Dogg, der Rapper Nelly, Sido, Frauenarzt oder Bushido. Und deren Gesang würde deshalb auch zu Recht nicht in den Radios gespielt. Darüber könnte man sich jetzt theoretisch freilich ausgiebig streiten. Streiten dürfte man sich aber keinesfalls darüber, um wie viel schöner in den Ohren eines Radiohörers ein lateinisch orgiastisch gesungenes »In dulci jubilo« klingen muss. Oder ein karfreitäglich bluttriefendes »Oh Haupt voll Schmerz und Wunden«. Gesungen vielleicht auch noch von alkoholisierten Priestern, welche zusätzlich noch eine dunkle, unveröffentlichte kriminelle Vergangenheit haben könnten.

Egal.
Das sind nur meine verwerflichen, schwarzen Gedanken.
Stephanie zu Guttenberg hat die ihren. Erleuchtete. Allein ersonnen.

Stefanie allein zu Haus.
Da kann schon mal ein Buch daraus entstehen. Wenn man allein mit sich und seinen eigenen Pornovorstellungen und Pornophantasien ist. Politikergattin sein, ist keine einfache Aufgabe. Das hat auch keiner behauptet. Schließlich warten wir jetzt alle noch auf ein Buch von der anderen Frau. Auch allein zu Haus. Der Bettina. Dem Wulf seine. Vielleicht schreibt die dann mal über ihre Erlebnisse mit Maschmeiers, deutschen Bankern und anderen Sportwagenbesitzern.

Doch erneut zurück zur Stephanie zu Guttenberg. Ich schweife einfach zu oft ab.
Erst heute ist mir dann der tiefere Sinn der BILD-Warnung »Pornografie verdirbt unsere Kinder« aufgegangen. Es ist eine weit angelegte Kampagne. Der beiden zu Guttenbergs. Eine Gemeinschaftsarbeit.

Fast jeder männliche Bürger hat vor nicht allzu langer Zeit noch die erste pornografische Erniedrigung im Alter von 18 bis 20 Jahren auf folgende Weise gemacht:

»Die Hose herunter. Okay. Und jetzt husten Sie mal.«
Seine Hand befand sich unter seinen Hoden und der Junge schaute in das ernste sachlich bemühte Gesicht eines Mannes.
»Nun drehen Sie sich um und bücken Sie sich.«
Der Mann schaute dem Jungen vor versammelter Mannschaft ins Gesäß. Und manchmal berührte er ihn auch intimer. Alles im Dienste einer höheren Weihe, versteht sich.

Solche Szenen haben sich immer wieder Jungen von der Musterung zur Bundeswehr erzählen können. Und eben diese Musterung will dem Stephanie zu Guttenbergs ihr Mann, der CSU-Politiker mit den vielen Vornamen im Pass, abschaffen. Das hat der heute erklärt. Somit kann es sich hierbei eindeutigerweise nur um eine Entpornografisierung der Bundeswehr handeln.

Aber das ist nicht das alleinige Ziel, welches der Ehemann der zu Guttenberg-Frau erreichen möchte. Der will die Bundeswehr zu einer exklusiven Schar Berufener machen. Eben Berufssoldaten. Dressed to kill statt Bürger in Uniform.
Aufgenommen werden dann nur die besten. Die moralisch saubersten. Diejenigen jungen Männer, die bei dem Wort »Porno« noch eine Erektion bekommen, und nicht nur anfangen, müde zu gähnen mit einem »Kenn ich schon« auf den Lippen. Diejenigen sollen es werden, die dem Tode todesmutig ins Auge schauen und ihn nicht fürchten, wenn sie ihn anderen zufügen, und das Ganze nachher auch noch als »Kollateralschaden« verkaufen werden.

Und dann, also wenn er das geschafft hat, eben dann schreibt der Karl-Theodor Freiherr von und zu Guttenberg ein Buch.
Nein. Keine Fortsetzung von Ian Flemmings Buch »Tschitti Tschitti Bäng Bäng«. Oder eine neue Episode von Ian Flemmings James Bond und dessen Miss Moneypenny.
Nein.
Nur ein 500 Seiten starkes Buch.
Schlicht und ergreifend. Mit einem Titel, der unter die Haut geht:

»Der Tod ist ein besonderes Aphrodisiakum«

Ich garantiere euch, das wird voll Porno, ey. Da können wir noch in vielen Gedenkgottesdiensten von zehren.

P.S.:
»Kirche« und »Tod« in einem Satz zusammen zu erwähnen, ist nicht anstößig. Darum passen Kirche und Bundeswehr auch so gut zusammen. Sie gehen sozusagen »Hand in Hand«. Was der eine liegen läßt, das sammelt der andere auf, um es zu segnen …
»Kirche« und »Porno« gehen dafür überhaupt nicht zusammen. Das ist pfui-bäh.
Außer das erstere sei mosaisch. Das ist dann doch nicht pfui-bäh. Das ist preiswürdig.
Aber das auch nur am Rande erwähnt.
Bereits zum zweiten Male.
Und das auch nur, um es euch hinterhältig einzubläuen … .

Wenn Glück zu Unglück wird …

Ein Autogewinn hört sich immer gut an. Jeder würde gerne gewinnen. Doch es gibt Menschen, denen wird ein Autogewinn zum Fluch. So geschehen bei einer Hartz-IV-Empfängerin aus Stolberg bei Aachen. Als die glückliche Gewinnerin der ARGE Stolberg ihren Gewinn meldete, wurde sie gleich zur unglücklichen Verliererin. Die ARGE strich ihr für ein Jahr die Zuschüsse, da der Autogewinn ihr als Einnahme verrechnet wurde. Als Folge davon konnte sie bereits ihre Miete nicht mehr zahlen. Klar, sie solle ihr Auto verkaufen, so die ARGE und von dem Geld leben. Andererseits ist die schwerbehinderte Gewinnerin auf ein Auto angewiesen, um einen Job zu bekommen. Ihr bleibt keine Freude an dem Gewinn. Die Gesetzeslage kennt dort kein „Gönnen“, und die ARGE nur Paragrafen.
Der gesamte Artikel findet sich hier:
http://www.freiepresse.de/NACHRICHTEN/THEMA_DES_TAGES_REGIONAL/7432750.php

HOPRECHT: Bei uns nicht! Bei uns in Deutschland, da is ’n fester Boden drunter, da is kein hohler Raum dazwischen, da kann nichts passieren! Anderswo vielleicht, wo det Jebälke faul is – da vielleicht! Sagen wa mal Russland zum Beispiel, da habense die Bestechlichkeit der Behörden, habense da – und denn die Muschiks, det sind nämlich Analphabeten, die wissen noch nich mal wie se heissen – und die Lasterhaftigkeit der höheren Kreise, und dann die Studentinnen, un det ganze schlechte Beispiel! Da kann was passieren, Willem, da is Bruch! Verstehste?! Bei uns is alles jesund, von unten auf – und was jesund is, det is auch richtig, Willem! Det is auf Fels jebaut!

VOIGT: So? Und woher kommt denn det Unrecht? Kommt det janz von selbst?

HOPRECHT: Bei uns gibt’s kein Unrecht! Wenigstens nich von oben runter! Bei uns geht Recht und Ordnung über alles, das weiss jeder Deutsche! […] Ick sag dir zum letztenmal: reinfügen musste dich! Nich mängeln gegen! Und wenn’s dich zerrädert – denn musste det Maul halten, denn jehörste doch noch zu, denn biste ’n Opfer! Und det is ’n Opfer wert!! Mehr kann ich nich sagen, Mensch! Haste denn keine innere Stimme, Willem? Wo sitzt denn bei dir det Pflichtgefühl?!

VOIGT: Vorhin – aufn Friedhof – wie de Brockn aufn Sach runterjekullert sind – da hab ick’s jehört – da war se janz laut, war se –

HOPRECHT: Wer? Was haste jehört?

VOIGT: De innere Stimme.[…]

aus „Der Hauptmann von Köpenick“ von Carl Zuckmayer

"Bundesanstalt für Arbeit"-Geschäftsbericht 2009 versus dem wahren Leben (ein Erfahrungsbericht)

Vorwort:
Mit »Infodump« wird jener Inhalt eines Textes bezeichnet, der den Leser bis zum Erbrechen mit Fakten füttert. Dieses werde ich mit diesem Text durchführen. Immer wieder unterbrochen wird die Darstellung von tatsächlichen Fakten von den Zitaten aus dem Geschäftsbericht 2009 der »Bundesanstalt für Arbeit« ( BA ), welcher bereits am 23. März 2010 geschrieben wurde, welcher aber erst jetzt beim SPIEGEL und durch ihn Aufmerksamkeit erregt hat. Wer »Infodump« nicht mag, könnte hier deswegen nen Hals bekommen. Leider. Ich konnte den Inhalt nicht anders aufbereiten. Leider.

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Monatlich verzeichneten die ARGEn bzw. Agenturen mit getrennter Aufgabenwahrnehmung durchschnittlich einen Zugang von ca. 100.000 Neukunden.

In ihrer Stimme war ein Zittern zu hören.
Sie war aufgeregt.
Ob ich ihr Geld leihen könnte, war ihre sehr vorsichtige Frage. Sie würde es mir zurückzahlen, fügte sie hastig hinzu. Sie bräuchte – sie zögerte, bevor sie die Summe nannte – deutlich über 1.000 Euro. Es wurde still in der Telefonleitung. Beiderseitiges Schweigen.

Sei der Mensch edel, hilfreich und gut?
Ich weiß es nicht. Muss ich?

Warum, war meine Frage an sie.
Sie müsse Geld an die ARGE zurückzahlen. Sie hatte in den letzten zwei Monaten Geldleistungen von der ARGE erhalten, das Geld fürs Leben aber bereits ausgegeben und nun hätte die ARGE den damaligen Bescheid widerrufen. Sie hätte zu viel Geld erhalten gehabt.

Im Zusammenhang mit Leistungsmissbrauch verfolgen die Grundsicherungsstellen Ordnungswidrigkeiten und leiten Fälle mit Verdacht auf Schwarzarbeit an die Zollverwaltung sowie Fälle mit begründetem Straftatverdacht an die Staatsanwaltschaft weiter. Daneben bearbeiten sie auch Ordnungswidrigkeiten wegen Verstoßes gegen Auskunfts- und Mitwirkungspflichten.

Vor einem Vierteljahr hatte ihr Leben eine neue Wendung erfahren. Nach diversen Streitereien war ihr Zusammenleben mit ihrem damaligen Lebensgefährten auf Grund gelaufen. Er besorgte sich eine neue Wohnung und zog aus. Sie blieb mit ihren drei Kindern auf der Mietwohnung sitzen, deren Miete sie nicht zahlen konnte. Sie schaffte es auch nicht, eine neue Wohnung für sich zu finden. Denn kurz davor war sie auch noch arbeitslos geworden. Alleinerziehend, Nicht-Deutsche, arbeitslos und wohnungssuchend sind in München vier unseelige Faktoren, mit deren am teuren Wohnungsmarkt kein Staat zu machen ist. In ihrer Not ging sie zur ARGE. Dort fand sie Hilfe und Unterstützung, ihr Lebensunterhalt bestreiten zu können. Es kostete sie einen Haufen Papiere, die sie als Ausländerin nicht vollkommen durchblickte, die sie aber mit meiner Hilfe alle auf die Reihe bekam.
Sie erhielt auch Beratungstermine der ARGE. In einem der Termine wurde seitens der Sachbearbeiterin festgestellt, dass aufgrund des Profils mit den Stärken meiner Bekannten dringend deren Deutschkenntnisse verbessert werden müssten, damit sie erheblich bessere Chancen auf dem Arbeitsmarkt bekommen würde. Sie erhielt einen Gutschein über einen Deutschkurs.
Meine Bekannte war glücklich.

Da es insbesondere in der aktuellen Krisensituation Menschen mit geringer Qualifikation besonders schwer haben, eine neue Beschäftigung zu finden, hat der Verwaltungsrat gemeinsam mit dem Vorstand eine gezielte Initiative zur Flankierung des Strukturwandels auf den Weg gebracht. Im Rahmen dieser Initiative stehen zusätzliche Haushaltsmittel bereit, um mehr Arbeitslose ohne Berufsabschluss zu einem qualifizierten Abschluss zu führen. Des weiteren wird der Verwaltungsrat weiterhin darauf drängen, dass die BA ihr Dienstleistungsangebot insgesamt kontinuierlich verbessern wird.

Ihr Glück dauerte aber nicht lange an. Die Sachbearbeiterin wurde versetzt und sie erhielt einen Sachbearbeiter. Dieser glänzte gleich dadurch, dass er ihren Gutschein annullierte. Meine Bekannte – so erklärte er ihr am Telefon – bräuchte keinen Deutschkurs sondern eine Arbeitsstelle. Und aufgrund ihres Ursprungsland bot er ihr auch gleich einen Job in einer italienischen Eis-Diele an. Dort benötige sie keine profunden Deutschkenntnisse, so der Mann und sie könne sich aufgrund ihrer Herkunft auch so verständen.

Die BA lässt ihre Kunden regelmäßig nach wissenschaftlichen Methoden von einem externen Unternehmen zur Zufriedenheit mit den Dienstleistungen der BA befragen. […] In der letzten Befragung beurteilten die Leistungsempfänger die Dienstleistungen im Bereich der Grundsicherung für Arbeitsuchende insgesamt mit „befriedigend“ (Gesamtzufriedenheit: 2,8 nach Schulnotensystem). Knapp 40 % der Befragten bewerten die Servicequalität der ARGEn sogar mit den Noten 1 oder 2.

Meine Bekannte war nicht mehr glücklich, eher angefressen.
Noch stärker angefressen war sie, als sie eine Wohnung gefunden hatte, die knappe 20 Euro über den Förderungshöchstsatz der ARGE lag, aber deren Lage garantierte, dass die Kinder die Schule nicht wechseln müsste. Sie versuchte den ARGE-Mitarbeiter zu kontaktieren, erreichte aber nur den Anrufbeantworter. Knapp eine Woche später – der potentielle Vermieter drohte sich einen anderen Mieter zu suchen – erreichte sie ihren Sachbearbeiter eher zufällig in einer zeit, wo er nach Anrufbeantworteransage eigentlich nicht zu erreichen gewesen wäre. Der Sachbearbeiter verneinte kurz und knapp die Anfrage nach finanzieller Hilfe. Als sie nach den Gründen fragte, warum sie keine finanzielle Hilfe für jene Wohnung erhalten würde, erhielt sie nur ein dahin gerotztes »Darum nicht«, und als sie verärgert nachfragte, pfiff der Sachbearbeiter wie bei einem Hund, um sie zum Schweigen zu bringen. Sie – so der Sachbearbeiter – solle sich nicht aufregen, aber die Miete läge eindeutig über den Höchstsatz und da gebe es keine Unterstützung. Er habe zu entscheiden und seine Entscheidung sei nun mal ein „nein“, also brauche sie sich nicht mehr aufzuregen. Klar? Danach war das Gespräch beendet.

Bei jenem Gespräch hörte ich zufällig mit und für soviel Unpragmatismus und Regelhörigkeit gepaart mit Hirnverbrandheit hatte ich ihn schon gerne in einer spätrömischen Dekadenz-Arena den Löwen zum Fraße vorgeworfen.
Innerlich in meinen Gedanken. Es wäre mir ein befriedigendes inneres gewesen.
Die Worte, die meine Bekannte für das Verhalten des Sachbearbeiters fand, möchte ich hier nicht wiedergeben. Sie waren schärfer. Und sie waren alle gerechtfertigt. Aber eigentlich noch zu schwach für diesen Sachbearbeiter im Dienste der Steuerzahler.

Das Gesamturteil zur Zufriedenheit mit den Mitarbeitern lag bei 2,5 […]

Nun, knapp ein Monat später hatte sie einen neuen Job gefunden, ohne den fragwürdigen Job der Eisdiele annehmen zu müssen. 40 Wochenstunden. 1100 Euro netto. Wie es erforderlich war, unterrichtete sie Arbeitsamt und ARGE darüber.
Und damit begannen ihre Probleme.

Die Grundsicherungsstellen leiteten im Jahr 2009 rund 224.700 […] Verfahren wegen des Verdachts einer Ordnungswidrigkeit oder Straftat ein. […] Rund 49.200 […] Fälle wurden wegen des Verdachts auf Schwarzarbeit an die Zollverwaltung weitergeleitet, in weiteren rund 15.700 […] Fällen wurde der Fall mit einem begründeten Straftatverdacht an die Staatsanwaltschaft abgegeben. Wegen des Vorliegens einer Ordnungswidrigkeit ahndeten die Träger ca. 77.800 […] Verstöße und setzten dabei Verwarnungs- bzw. Bußgelder in einer Gesamthöhe von 9,7 […] Mio. EUR fest.

Das Arbeitsamt reagierte normal. Es stellte mit dem letzten Tag der Arbeitslosigkeit die Zahlungen nach ALG I ein. Und das war der 23. Mai, denn am 24. Mai war ihr Arbeitsbeginn.
Auch die ARGE reagierte. Sie forderte bis zum Ende des Monats die Lohnbescheinigung ein. Der Arbeitgeber meiner Bekannten konnte diesen Wunsch nicht erfüllen. Die Bescheinigung konnte aus firmenorganisatorischen Gründen erst am Ende des nächsten Monats ausgegeben werden könnte.
Meine Bekannte informierte die ARGE. Diese – oder besser gesagt der Sachbearbeiter mit Faible seine Klientel wie Hunde zurechtzuweisen – reagierte prompt und forderte sie schriftlich auf, sie solle vorläufig bis zum Monatsende die Höhe der Lohnzahlung per Kontoauszug nachweisen.
Die Firma überwies ihr den Lohn für die Woche Arbeit zum 1. Juni. Meine Bekannte warf die Kopie des Kontoauszugs bei der ARGE noch am gleichen Abend in deren Hausbriefkasten ein. Danach wartete sie auf den Zahlungseingang der ARGE, damit sie die Miete zahlen könnte. Als die erste Juniwoche verstrichen war und von der ARGE nicht eine einziges Lebenszeichen erfolgt war, rief sie bei der ARGE an und fragte, was los sei. Geschockt erfuhr sie, dass die Zahlung von ihrem Sachbearbeiter wegen Verstoßes gegen Auskunfts- und Mitwirkungspflichten gesperrt worden sei, weil sie den Kontoauszug nicht fristgerecht abgegeben hätte. Der Kontoauszug wäre nicht bis zum Ende des Monats eingetroffen.
Sie zahlte die Miete einstweilen und fuhr dafür ihr Konto deutlich ins Negative, nachdem ihre Bank ihren Dispo entsprechend hochgesetzt hatte.

Das Gesamturteil zur Zufriedenheit mit den Mitarbeitern lag bei 2,5. […]

Nebenbei, ihr Sachbearbeiter war mittlerweile versetzt worden. Er hatte sich wohl mehrfach bei seinen Kunden im Ton vergriffen gehabt. Meine Bekannte hatte wieder eine Sachbearbeiterin. Und diese hob die Sperrung auf. Das fehlende Geld wurde ihr überwiesen.
Inzwischen hatte meine Bekannte auch die erste Korrektur der Zahlungen erhalten. Das war auch klar. Da sie verdiente, müsste folgerichtig die Zahlung der ARGE nach unten korrigiert werden.
Um so geschockter war sie dann, als sie nach vier Wochen die erste Rückzahlungsaufforderung der ARGE erhielt. Sie hatte inzwischen ihren ersten Lohnzettel erhalten und diesen ebenfalls zur ARGE geschickt. Und sofort reagierte die ARGE und korrigierte die erste Rückzahlungsaufforderung und schickte eine zweite, weil sie ja schon zwei Zahlungen nach der ersten Berechnung geleistet hatte.
Die Rückzahlungsaufforderung war höher.
Heftiger.
Atemberaubend. Im negativen Sinne.
Zu zahlen, sobald die »Bundesanstalt für Arbeit« ihr die Zahlungsaufforderung zugestellt haben würde. Und diese Zahlungsaufforderung kam. Der klassische »Binnen«-Brief: Zu zahlen binnen 14 Tagen.

Meine Bekannte griff zum Hörer und fragte mich stockend, ob ich ihr finanziell aushelfen könnte.

Im Jahr 2009 wurden von den Grundsicherungsstellen ca. 24.850.000 Bescheide erstellt. Davon wurden rund 805.200 mit Widerspruch (3,2 %) und rund 142.700 mit Klage (0,6 %) angefochten.

Kurz darauf war ich bei ihr und hielt den Bescheid der ARGE in den Händen. Bislang hatte ich solche Bescheide noch nie gesehen. Es war klar, dass meine Bekannte mit ihren Deutschkenntnissen diese Bescheide mit all ihrem Geschreibel kaum bis gar nicht verstehen würde. Außer freilich den Satz, dass sie eine vierstellige Summe binnen 14 Tagen zurückzuzahlen hätte.
In folge dieser Neuberechnung hatte sie dann noch die vier Zahlungsaufforderungen der »Bundesanstalt für Arbeit« erhalten. Für jede Person der Bedarfsgemeinschaft: Mutter mit drei Kinder. Jeder der Briefe enthielt die Aufforderung zu zahlen oder – falls nicht möglich – sich mit der BA in Verbindung zu setzen, um Ratenzahlung zu vereinbaren.
Zwei dieser Zahlungsaufforderungen gingen – nebenbei erwähnt – an zwei ihrer nicht geschäftsfähigen (zu jungen) Kinder. Mir verschlug es beim Lesen die Sprache. Wie sollte eine 9-jährige Tochter und ein 12-jähriger Junge die von ihnen geforderte Beträge zurückzahlen? Im Steinbruch beim Steineklopfen mal schnell Überstunden schieben? So wie die Kinder in Indien? Erwartete die BA wirklich von Minderjährigen, dass diese so reagieren würden, wie man es von Erwachsenen erwartet?

Aber wie kam es zu der Rückzahlungsforderung?
Ich studierte den Berechnungsbögen der ARGE. Irgendetwas konnte nicht stimmen. Denn wäre es so, dass die Rückforderung berechtigt wäre, dann hätte meine Bekannte jenen Job niemals annehmen dürfen. Denn mit Job würde sie weniger zum Leben haben (inkl. Kindergeld und Unterhaltszahlungen) als ohne. Wäre das so, dann würde es bedeuten, dass die Forderungen der Politiker nach mehr Anreizen zur Jobsuche durch Senkung der ARGE-Zahlungen brutale Kürzungen bis hin unter die Hungergrenze von Leistungsbeziehern bedeuten würde. Das Prügeln von Armen in die Marginalität ist ja inzwischen ein globalisierter Sport geworden. Schuld sind die Betroffenen ja per se. Sie hätten ja arbeiten können. Einen Strich gibt es ja in jeder größpßeren Stadt … oder so …

Verwirrt schaute ich nochmals auf den Beginn des Berechnungsbogens, nachdem ich beim ersten Durchschauen die Systematik der Berechnung in etwa verstanden hatte. Und dann fiel mir der Posten »Arbeitslosengeld« ins Auge. Obwohl meine Bekannte zu ihrem Arbeitsbeginn sowohl der BA als auch der ARGE beiden mitgeteilt hatte, dass sie einen neuen Job gefunden hatte, hatte die ARGE weiterhin für die Berechnungen das Arbeitslosengeld als Einkommen mit angesetzt. Damit war klar, wo der Berechnungsfehler lag. Die Rückforderung ergab sich aus der Höhe des angeblich erhaltenen Arbeitslosengeldes verbucht als Einnahmen beim Leistungsbezieher.

Im Vergleich zum Vorjahr hat sich die Zahl der eingelegten Widersprüche um ca. 16.600 bzw. 2,1 % erhöht. Am häufigsten betrafen Widersprüche Leistungen für Unterkunft und Heizung (17,8 %), gefolgt von Aufhebungs- und Erstattungsentscheidungen (17,6 %). In 15,5 % der Widersprüche wurde eine Entscheidung zur Anrechnung von Einkommen und in 7,2 % eine Sanktionsentscheidung beanstandet. Rund 830.200 Widersprüche wurden 2009 abschließend bearbeitet. In 36,3% der Fälle wurde dem Widerspruch ganz oder teilweise stattgeben.

Der erste Anruf galt dem Steller der Zahlungsaufforderung, der »Bundesanstalt für Arbeit«. Denn die 14-Tages-Frist lief. Bei der BA war aber zu erfahren, dass Berechnungsfehler nicht deren Problem sei. Meine Bekannte hätte zu zahlen, daran würde auch ein Widerspruch nichts ändern. Oder sie solle Ratenzahlung vereinbaren. Das würde auch akzeptiert. Sollte sie deren Widerspruch bei der ARGE anerkannt bekommen, dann würde sie das zurückgezahlte Geld direkt von der ARGE zurück gezahlt bekommen. Sie hätte aber auf alle Fälle die ergangene Zahlungsaufforderung zu begleichen.

Ich begann zu begreifen: Die ARGE urteilt, die BA kassiert. Tauchen Rechnungsfehler auf, zahlt die ARGE diese direkt an den Kunden. Einstweilen hat aber der Kunde jegliche Zahlungsaufforderung zu begleichen, egal ob berechtigt oder nicht. Das perfekte duale System und dazwischen der Kunde, der für jedes Missverständnis wegen Verstoßes gegen Auskunfts- und Mitwirkungspflichten prophylaktisch erst einmal abgestraft wird. Ohne Anhörung der Person und ohne Betrachtung deren wirtschaftlichen Lage.
Ich frage mich nur, woher die ARGE das Geld nimmt, um dem Kunden zu helfen, die Zahlungsaufforderung zu begleichen. Nimmt sie es nachher von dem bei der BA eingezahltem Geld? Oder hat die ARGE ein eigenes Budget für Fehlberechnungen? Oder gleicht die BA nachher das Konto der ARGE aus? Warum einfach, wenn es auch kompliziert geht? Wem Gott ein Amt gibt, den nimmt er den Verstand. Oder was sonst?

Im Rahmen der Bearbeitung der Widersprüche und Klagen wurde rund 301.500 Widersprüchen stattgegeben (1,2 % aller Bescheide), darunter 162.300 Fälle (0,7 %) aufgrund fehlerhaften Arbeitens in der Grundsicherungsstelle. Rund 55.800 Bescheide wurden im Klageverfahren aufgehoben oder geändert (0,2 %).

Meiner Bekannten habe ich den offensichtlichen Fehler der Berechnung erklärt. Sie hatte ihn schnell begriffen. Kalte Wut war die Reaktion. Sehr kalte Wut.

Es war klar. Für jeden winzigen Fehler wird der Kunde der ARGE bestraft. Der Kunde steht per se in Verdacht, Auskunfts- und Mitwirkungspflichten zu verletzen. Daher hat der Kunde seinen Sachbearbeiter mit ausgefüllten Formularen die Entscheidung abzunehmen, ob und wie viel der Kunde als Unterstützung erhält. Nur das Lesen der Formulare kann der Kunde dem Sachbearbeiter noch nicht abnehmen. Und das Mitdenken sowieso nicht. Oder wie kann es sein, dass BA und ARGE informiert sind, dass ein Kunde einen Job begonnen hat, die ARGE aber trotzdem annimmt, der Kunde erhielte weiterhin Leistungen der BA wegen Arbeitslosigkeit. Das widerspricht jedem Allgemeinwissen in diesem unserem lande.
Die Behörden können – wenn es darauf ankommt – so viele Datenbanken gegenseitig nach Auskunftspflichtverletzungen durchforsten. Hat ein ALG-II-Bezieher ein PKW angemeldet und in Besitz, dann erfährt es die ARGE blitzschnell. Hat der ALG-II-Bezieher ein Konto, von dem die ARGE nicht unterrichtet wurde, die ARGE wird es dem Bezieher heimzahlen. Die ARGE hat ihre Mittel und diese sind nicht ohne.
Aber hier waberte der geistig beschränkte Sachverstand einer Sachbearbeiterin durch den Berechnungsbogen. Und als Kunde muss man noch höflich und nett bleiben, wenn grob fahrlässige Fehler dieser ARGE-Mitarbeiter entdeckt werden. Fehler, die die Kunden in argste finanzielle existenzbedrohende Bedrängnisse bringen können.

Wut beschreibt das Gefühl unvollständig.
Zorn trifft es besser.
Ohnmächtiger Zorn.
Nun. Nicht ganz ohnmächtig. Das Ergebnis war der Widerspruchsbrief, den ich in ihrem Namen schrieb.

Und zu guter Letzt noch das »Happy End«:
Nach dem Widerspruchsbrief kam bei meiner Bekannten ein Anruf der Sachbearbeiterin, dass diese erstens den Aufhebungsbescheid der »Bundesanstalt der Arbeit« über das von ihr erhaltene Arbeitslosengeld benötige und dann als Bestätigung des Aufhebungsbescheids lückenlos alle Kontoauszüge seit dem Aufhebungsbescheid. Nach diesem Stapel kopiertem Papier – Abwurf unter Zeugen in dem Hausbriefkasten der ARGE – wurden die Berechnungen korrigiert und meiner Bekannten wurde das Geld zur Zahlung an die BA noch vor dem Ende der 14-Tages-Frist überwiesen, damit sie die unberechtigten Zahlungsaufforderungen trotzdem zahlen konnte, ohne sich bei mir Geld zu leihen.

Wichtigste Erkenntnisquelle für Leistungsmissbrauch ist der automatisierte Datenabgleich nach §52 SGB II. Im Geschäftsjahr 2009 haben die ARGEn und Agenturen mit getrennter Aufgabenwahrnehmung aufgrund von Erkenntnissen hieraus in rund 136.900 Fällen Überzahlungen festgestellt. Die Schadenshöhe belief sich auf rund 72,2 Mio. EUR.

»Happy End«?
Ich habe bis heute nicht verstanden, warum ARGE und BA Hand in Hand arbeiten, aber wenn es um Geld geht, die rechte Hand nicht mehr weiß, was die linke so anstellt. Dazwischen steht der Bürger und kriegt die nackte Angst ums Überleben, während sich die Mitarbeiter der ARGE und BA aufführen, als besäßen sie ein Königreich mit einem absolutistischen Anspruch. Kundenfreundlichkeit sieht anders aus. Jedenfalls bedeutet Kundenorientierung nicht den Kunden dem Generalverdacht auszusetzen, nur Arbeit zu verursachen und auch noch potentieller Leistungsbetrüger zu sein.

Wie schrieben Heinrich Alt, Frank-J. Weise und Raimund Becker (alle Vorstand der »Bundesanstalt für Arbeit«) am Anfang ihres Geschäftsberichts 2009?

Unter dem Strich bleibt dennoch eine positive Bilanz. Die BA hat ihren Beitrag in der schlimmsten Wirtschaftskrise nach dem Zweiten Weltkrieg geleistet und sich als wertvoll und unverzichtbar erwiesen. Bei den Koalitionsverhandlungen der neuen Regierung stand daher die Existenzberechtigung der BA nie ernsthaft zur Diskussion.
Für diese Leistung bedanken wir uns bei allen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern, die die unerwarteten Belastungen schultern mussten. Unser Dank gilt ebenso allen Partnern in Politik, Wirtschaft und Gesellschaft, vor allem unserem Verwaltungsrat und dem Bundesministerium für Arbeit und Soziales.

Wie schön, dass der Vorstand der Politik dankt. Schließlich ist diese der Politik verantwortlich und nicht dem Bürger. Da verstehe ich diese Danksagung und kann diesen karnevalistischem Dreigestirn selber nur danken, dass eine Mitarbeiterbenotung von 2,5 (nach deutschem Schulnotensystem) unterm Strich keine ernsthafte Panik verursacht.

Wieso auch? Panik kriegen maximal nur die Kunden. Insbesondere diejenigen, die nicht wirklich gut Deutsch beherrschen (Inländer als auch Ausländer). Bei denen nicht für notwendig erachtet wird, deren Deutschkenntnisse zu fördern. Da wächst der Verdacht, das habe den Zweck, damit jene die Auskunfts- und Mitwirkungspflichten schneller übersehen, schlechter verstehen und somit Kandidaten werden, gezahltes Geld wieder zurückzuholen. Das hübscht die Bilanzen für Geschäftsberichte auf.

Es soll gespart werden. Aber da, wo gespart wird, da könnte man es sich locker sparen. Denn dabei wird nämlich nichts eingespart. Die Verwaltung dient sich als Selbstzweck und die kostenverursachenden Stellen werden nicht optimiert sondern maximal der Kunde mit seinen Ansprüchen im Sinne jenes Selbstzweckes.

Mir bleibt nur die kalte Wut, schaue ich auf diesen konkreten Fall zurück. Das ganze hat bei meiner Bekannten mit keinem Wimpernschlag etwas mit spätrömischer Dekadenz zu tun.
Vielmehr vermute ich eher bei BA und ARGE die Bäder mit frischer Eselsmilch rumstehen, in denen sich offensichtlich immer gerne eigene derer Mitarbeiter drin rumsuhlen, damit sie auch ein wenig römischer Spätdekadenz verspüren können, von der der Westerwelle dieses Frühjahr seinen Wählern vorgeschwärmt hatte. Denn jener muss sich damit ja aus dem eff-eff auskennen …

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Quellennachweis der Zitate:
öffentlicher Geschäftsbericht 2009 der »Bundesanstalt für Arbeit« (Stand vom 23.3.2010), Seite 5, 9, 34-36;

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Fake der Woche: Die dümmsten Politiker Deutschlands

RTL II plant in Zusammenarbeit mit BILD, BILD AM SONNTAG und BILD DER FRAU für den 31. September eine große Samstagabend-Show mit dem Titel „Deutschlands dümmste Politiker“. Wie bei dieser Art von Show üblich, darf der Zuschauer aus einer in jenen Medien veröffentlichten Liste per Telefon-Voting eine Person wählen. Die Topf 10 werden dann in jener Show in altbekannter Manier der Öffentlichkeit vorgestellt.
Zur Wahl stehen Politikerpersönlichkeiten des öffentlichen Lebens, die sich um diesen Titel verdient gemacht haben. Allerdings werden Persönlichkeiten wie Sauerland oder Angehörige der Bundesregierung nicht zur Auswahl stehen, denn die sind bereits demokratisch und ebenfalls geheim gewählt worden.
Auch Kohl wird nicht zur Wahl stehen, er war bereits mehr als dreimal dabei und kann nicht wieder gewählt werden.
Musikalisch wird die Show von „Take That“, den „Paldauern“, den „Sugababes“ und den „Big Brother Allstars“ begleitet.
Die Wahllisten werden in den nächsten vierzehn Tagen unangekündigt veroffentlicht. Also bleiben Sie aufmerksam.
Wir freuen uns auf Ihre Wahl.

Doch ein paar Worte zur "Loveparade"

Eigentlich wollte ich nichts dazu schreiben. Weil ich mich nicht bei so etwas richtig ausdrücken kann und der nächste Fettnapf nicht weit ist …

Nur beim persönlichen „Aftermath“ zu dieser Katastrophe las ich vorhin, dass die Stadt Duisburg aufgrund ihrer hohen Verschuldung unter der Verwaltung des Landes NRW steht. Selbst das Land NRW muss im Dienste des Sparzwangs der Bundesregierung mitsparen und hat daher ebenfalls fleißig an den Sparschrauben gedreht.

Duisburg konnte für die „Loveparade“ kein besseres Sicherheitskonzept auf die Füße stellen, weil die Stadt deren Ausgaben zu kontrollieren hatte. Wegen fehlendem Geld im „Stadtsäckl“ war das Sicherheitskonzept, so wie es gestern mit Toten und Verletzten widerlegt wurde.

Das entlastet weder Veranstalter noch Stadt, aber das ganze bekommt ein ganz besonderes Geschmäckle. Ein Geschmäckle von den ersten Opfer des „Wir haben über unsere Verhältnisse gelebt und müssen zu drastischen Sparmaßnahmen greifen“.

Kriegen die 15 Toten der „Loveparade“ jetzt nen Orden, weil sie vielleicht sich mit Haut und Haaren dem Sparen geopfert haben? …

Und noch eins:
Die Beileidsbekundungen von Merkel und Kraft erinnerten mich an die Beileidsbekundungen, die ich schon oft gehört hatte. Floskeln. Phrasen. 08-15-Sätze. Mögen sie ernsthaft gewesen sein, so sollten beide einmal beginnen, nicht so floskelhaft ihre Beileidsbekundungen abzulassen.
Ich bin kein Meister der Beileidsbekundungen. Nur bei den Beileidsbekundungen zu den gefallenen Soldaten am Hindukush hatte ich das Gefühl, bei den kondolierenden PolitikerInnen mehr Anteilnahme in deren Beileidsbekundungen gefühlt zu haben. …
Mein Eindruck …

Hirn aus? Ja, Hirn ist aus!

Der Inhalt der Überschrift dieses Blog-Eintrages könnte sich so in etwa an der Theke eines Metzgerladens abgespielt haben. Wahrscheinlicher ist aber, dass dieser Kurzdialog letztes Wochenende bei der Klausurtagung der Regierungsparteien statt gefunden hatte.

Anders kann ich mir nicht ganz erklären, warum erwachsene, jahrelang studierte Menschen ein derartiges Ergebnis mit hirnbefreiten Sparkonzepten aus der Klausurtagung heraus gebracht haben.

Ja, das Hirn muss vor derer Klausurtagung ausgeschaltet worden sein. Direkt nach dem Ausschalten derer Handys, Blackberries und IPhones mit Flatrate und saftiger Grundgebühr. Wie bei Sitzungen halt so üblich. Wie anders kann man nur glauben, dass man dem Marktgeschehen ungestraft das Geld entziehen kann, ohne dass sich dieses auf das Allgemeinwesen auswirkt? Genau, sie glauben, es sei erforderlich dem Markt eben jenes Geld jetzt zu entziehen, das vorher schon den Banken mit Rettungsschirmen hinein gepudert wurde, welches jene bereits Jahre zuvor locker flockig bei ihren Wettenleidenschaften hirnbefreit verpulvert hatten. Bei irgendwem muss das rausgeschmissene Geld ja eingespart werden.

Hirn aus?
Ja, Hirn ist aus.

Und auch die Opposition hat mal schnell deren Hirn ausgeschaltet und wettert nur darüber, dass die Sparmaßnahmen der Regierung lediglich die soziale Schere aufklappen lassen würde. Als ob das alles wäre. Gegen das Sparen an sich scheint die Opposition von Sonnenblumen-grün über Lachs-Häppchen-rot bis Fahnenschwenker-links ja nichts zu haben. Keiner scheint aber zu blicken, was das Sparen volkswirtschaftlich bedeutet. Das Geld, was der Binnenwirtschaft jetzt dadurch entzogen wird (besser gesagt: nicht zugeführt wird), wird nachher durch rückläufige Steuereinnahmen in den Haushaltsbudgetplanungen nicht einplanbar sein. Jetzt wird auf die Bremse getreten, damit sich nachher ein Jahr später jeder drüber beklagen kann, dass der Aufschwung so langsam einsetzt. Kennt ihr das berühmt berüchtigte, zarte Pflänzchen „Aufschwung“? Also vergesst all die Rufe nach Lohnsteigerungen bei der unteren bis mittleren Gesellschaftsklasse. Wird nicht sein. Könnt ihr schon heute vergessen. Spart euch das!

Nun, sparen wollen sie alle irgendwie. Man hatte sich ja bereits vorher darin geübt. Zu der Zeit, als Deutschland Exportweltmeister war und man sich sparte, diese Gewinnausschüttung der Allgemeinheit zu gönnen. Gewinne privatisieren, Verluste sozialisieren. Geteiltes Sparen macht halt doppelt soviel Spass. Und ist konstruktiv, sagt man uns seit zwei Tagen. Insbesondere die Regierung sagt jetzt, was wahrscheinlich ein Sarazin gerade sich denkt: wenn jemand der Magen knurrt, dann soll derjenige halt weniger essen, weil von dem nicht ausgegebene Geld kann derjenige sich dann was zünftiges zum Essen kaufen.
Vielleicht beim Metzger eine Portion Hirn. Vorher aber an der Theke nachfragen. Nur, was mach ich, wenn auf meine Frage „Hirn aus?“ die Antwort „Ja, Hirn ist aus“ folgt? Am besten sich selber ganz heftig in den Arsch kneifen und versuchen aufzuwachen. Vielleicht sitzt man ja in einer neuen Klausurtagung und erlebt, wie man dann von anderen selber in den Arsch gekniffen wird.

„Sparen“ heißt das Ziel der Regierung.
Sparen. Sparen. Sparen. Koste, was es wolle.

Hirn aus?
Ja, Hirn ist aus!
Haben sich die Politiker auch eingespart …

Da fällt mir noch ein mieser, dummer, niederträchtiger Kalauer ein, der muss jetzt sein:
Wenn ich morgen sterben sollte und Mediziner meinem Leichnam das Hirn für eine Organspende entnehmen sollten, würden sie wahrscheinlich 10.000 Euro mit meiner gräulichen Hirnmasse verdienen. Würden aber die führenden Politiker der hiesigen Parteien morgen allesamt versterben und Ärzte deren Hirne monetarisieren, sie würden damit Billionen Euros verdienen können. Wieso? Sind halt so gut wie ungebraucht …

Hirn aus?
Ja, Hirn ist aus!
Jetzt auch bei mir.
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Politprofi oder Seiteneinsteiger? Die Gretchenfrage

Vier Wochen vor der Wahl stellt die Münchener »TZ« schon einmal die neue First Lady Bettina Wulff vor. Die »TZ« sieht Deutschland schon von einem Wir-sind-Lena-Glück ins Wir-wollen-Bettina-Fieber taumeln. Unverblümt palavert die »TZ« ihren Lesern gegenüber von dem bereits »designierten Bundespräsidenten« Christian Wulff (Zitat von TZ-Plakaten an deren Münchener Zeitungskästen) und welche gute Wahl die drei Parteien CDU, FDP und die bayrische CSU getroffen hätten.

Doch inzwischen haben SPD und Grüne auch schon reagiert und zur Verblüffung einiger CDU-/CSU- und FDP-Mitglieder Joachim Gauck vorgeschlagen. Es ist nicht das erste Mal, dass Joachim Gauck zum Bundespräsidentenamt vorgeschlagen wurde. Bereits 1999 stand er auf der Wunschliste der CSU. Doch jetzt ist er der Gegenkandidat von Christian Wulff.

Dies Nominierung durch SPD und Grüne ist ein tiefgründiger Schachzug. Ohne Umschweife kann davon gesprochen werden, dass SPD und Grüne dem Regierungskoalitionsvorschlag einen dicken Stachel ins Fleisch setzen konnten. Und dabei ist Joachim Gauck keineswegs einer, welcher der linken Seite zugerechnet werden kann. Joachim Gauck selber ist nicht nur Mitglied der »Deutschen Nationalstiftung«, dessen Schirmherr Horst Köhler bis zu seinem Rücktritt war. Er ist auch Mitglied der »Atlantik-Brücke«, welche von so führenden Köpfen wie Kai Diekmann (BILD), Guido Westerwelle (FDP), Friedrich Merz (CDU), Martin Winterkorn (VW), Klaus-Peter Müller (Commerzbank), Jürgen Fitschel (Deutsche Bank AG) und Michael Frenzel (Preussag AG) beeinflußt wird. Aber auch Leute wie Helmut Kohl (CDU), Jörg Schönbohm (CDU), Hans-Dietrich Genscher (FDP), Karl-Theodor Freiherr von und zu Guttenberg (CSU) oder Jörg Allgäuer (Manager von UniCredit Bank AG) gehören der »Atlantik-Brücke« an.

Nachdem Frau Merkel ihre Arbeitsministerin unbekümmert gegen die Wand knallen ließ, indem sie jene offensichtlich darüber im Unklaren ließ, dass von der Leyen im Gegensatz zu Christian Wulff nicht ihr Wunschkandidat ist, seit diesem Zeitpunkt wurde eigentlich klar, dass die Nominierung von Christian Wulff den Zweck haben soll, ihre Position als Bundeskanzlerin und Bundesvorsitzende der CDU zu stabilisieren. Christian Wulff wird dem Kreis eines Männerbundes (»Andenpakt«) zugerechnet. Neben Wulfff sollen diesem »Andenpakt« auch Franz Josef Jung, Günther Oettinger, Volker Bouffier, Elmar Brok, Hans-Gert Pöttering, Friedbert Pflüger, Christoph Böhr, Matthias Wissmann, Peter Müller und Friedrich Merz angehören. Diese Namen lesen sich wie ein Who-is-Who der Rücktritte oder Versetzungen in andere Ämter.

Diese Demissionen hatten gemein, dass jene Politiker sich aus dem direkten Machtbereich Merkels entfernten. Jetzt ist Wulff zwar nicht derjenige, der Frau Merkel ernsthaft das Wasser reichen könnte, nachdem alle anderen des »Männerbundes« der Frau Merkel nicht mehr gefährlich werden können. Christian Wulff, das ist die Antwort auf Unionsfraktionschef Volker Kauders Forderung »Wir glauben, dass wir jemanden mit politischer Erfahrung brauchen«. Nur, nachdem nach Köhlers Rücktritt jeder Berufene und Unberufene vor Journalistenmikrofonen inzwischen erklärt hat, was ein Bundespräsident zu leisten oder nicht zu leisten hat, sind unbequeme Wegpfosten als zukünftige Kriterien für den möglichen Bundespräsidenten Wulff eingeschlagen. Christian Wulff wird sich diesen Kriterien fügen, das hat er erkennen lassen. Und als verlängerte Werkbank der Bundesregierung soll er vor allem nett lächeln und fleißig den neuen deutschen Grußonkel mimen.

Seiteneinsteiger will die Merkel nach eigenem Bekunden nicht mehr. Es soll ein Politprofi sein. Welch Vorschusslorbeeren und Bauchpinselei für Wulff. Und, welche Gelegenheit für Wulff sich in eine bessere Position hinein zu manövrieren, bevor ihn nachrückende Seilschaften der CDU unter Druck setzen könnten. Der Männerbund »Andenpakt« soll ja bereits seit 2007/2008 nicht mehr funktionieren. Für Frau Merkel droht daher nach dem Rückzug von Koch im Grunde keine Gefahr mehr.

Aber jetzt kommt Joachim Gauck. Und es fängt vielen an zu dämmern, dass die Parole »Keine Seiteneinsteiger mehr« eher schädlich als nützlich ist.
Gauck ist parteilos, aber in seiner Zeit als »Bundesbeauftragter für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes der ehemaligen DDR« wurde eine ganze Behörde nach ihm benannt, die »Gauck-Behörde« (die jetzige »Birthler-Behörde«). Die Nominierung von Joachim Gauck überraschte nicht nur Gauck selber sondern auch die Regierungskoalition. Gerade jener Gauck, den die Regierungsparteien wegen dessen Arbeit immer gerne würdigten. Jetzt kommt einigen zu Bewusstsein, dass der Alleingang der Nominierung von dem Ministerpräsidenten Niedersachsens Christian Wulff gegen jemanden, der von den Regierungsparteien hoch geachtet ist, nun doch nicht das Richtige war. Beide Kandidaten erscheinen wie Antipoden zueinander in deren Positionen. Ein regierungsfreundlicher Grußonkel contra mutmaßlichen kritischen Kopf. Ein Dilemma, welches sich in den letzten Tagen in den Zeitungen Bahn bricht.

Der Vorschlag der SPD und Grünen zielt aber auch in eine zweite Richtung.
Nachdem die SPD und die Grüne die Partei »Die Linke« in Nordrhein-Westfalen in Sondierungsgesprächen medial vorführten (Hannelore Kraft: »Die Linkspartei in NRW ist weder regierungswillig noch regierungsfähig.«), folgt nun der zweite Schlag: Wird die Partei »Die Linke« Joachim Gauck unterstützen? SPD und die Grünen stellen der »Linke« erneut deren eigens in NRW formulierte Gretchenfrage: »Wie haltet ihr es mit der Vergangenheit der DDR?«. Gauck als Prüferlein für die sechste Partei im Staate.

Die »Linke« hat sich noch nicht gemeldet, sucht derweil einen eigenen Kandidaten. Peter Sodan wird es diesmal nicht werden. Vielleicht aber schlägt jene Partei auch niemanden vor. Die Zeit ist knapp und mehr als symbolisch wird eine solche Nominierung eh nicht mehr werden.

Vielleicht könnte die »Linke« auch eine perfide Strategie einschlagen und Wulff empfindlich beschädigen und Frau Merkel eine erhebliche Niederlage bereiten. Wie die Regierungsparteien in Berlin bereits nach der NRW-Wahl bekräftigten, würden Koalitionsverhandlungen in NRW mit SPD und Grüne nur geführt werden, wenn diese NICHT mit der Partei »Die Linke« reden würden. Diese Art des Politik-Verständnisses wurde noch vor über 20 Jahren den Grünen als Verweigerungspolitik und in der Presse den damaligen »Grünen« als destruktiver »Fundamentalismus« vorgeworfen.
Würden die Linken nun Christian Wulff unterstützen, so wäre dessen Wahl zum Bundespräsidenten gesichert. Insbesondere, nachdem sich bereits einige Teile der FDP und CDU vorstellen können, auch für Gauck zu stimmen. Und die »Linken« würden damit nicht nur ihr politisches Gewicht erhöhen, sondern sie könnten auch im Vorfeld Christian Wulff als Kandidaten schaden, weil damit bei der Wahl die Fundis der CDU-/CSU-/FDP-Parteien plötzlich zu Wahl-Abweichlern werden könnten. Der kollaterale Schaden für Frau Merkel wäre immens.

Andererseits könnten die »Linken« sich auch hinter Gauck stellen und damit jene erheblich ärgern, die die »Linke« gerne als politikuntauglich wegklassifizieren würden. Das Argument der »regierungsunwilligen und koalitionsunfähigen« Partei wäre fürs erste blockiert. Der Öffentlichkeit wäre es schwerer zu vermitteln, dass die »Linken« die Spitzbuben der Parteienlandschaft sein könnten. Allerdings – und das ist auch Fakt – wären sicherlich einige der Parteiangehörigen der »Linke« alles andere als glücklich über eine solche Entscheidung. Politik-Fundamentalismus findet sich auch bei der Partei »Die Linken« genauso wie bei den anderen Parteien.

Egal, für wen sich die »Linken« nun entscheiden, Verlierer der Bundespräsidentenwahl werden sie nur sein, sollten sie mit einem eigenen Kandidaten wuchern wollen. Ohne eigenen Kandidaten und mit aktiver Unterstützung eines der beiden Kandidaten können die »Linken« nur gewinnen. Und den Parteien schaden für deren Kandidaten sie sich entscheiden.

Der Ausgang der Wahl ist dabei nicht so zukunftsweisend wie die Wahl an sich. Die Wahl wird auf alle Fälle spannend. Und spannend wird auch werden, ob es die Regierungsparteien schaffen werden, in den verbleibenden vier Wochen ihren eigenen Kandidaten Wulff zu demontieren. Für unwahrscheinlich halte ich das nicht.

Der Kommentar aus der Vergangenheit zu Merkels Vorschlag für die Zukunft

16. Juni 1992: Bundespräsident Richard von Weizsäcker kritisiert die Parteien

„Nach meiner Überzeugung ist unser Parteienstaat von beidem zugleich geprägt, nämlich machtversessen auf den Wahlsieg und machtvergessen bei der Wahrnehmung der inhaltlichen und konzeptionellen Führungsaufgabe.“