Kneipengespräch: Statistisch gesehen, nur auf ein Kölsch (2)


Argwöhnisch schielt er auf das frische Kölsch des Neuen und redete den Neuen an:

»Sagen Sie mal … dat haben Sie aber geschickt eingefädelt.«

»Hm? Wie meinen Sie?«

»Na, sich hier als Statistiker auszugeben, nur damit der Wirt Ihnen überhaupt noch ’en Kölsch zapft. Der lässt sonst keine Fremden an ‚meinen‘ Platz hier.«

»Aber guter Mann, ich bin Statistiker.«

»Jaja. Und ich bin der Papst un ming Frau is dat Marieche der Funken. Statistiker trinken kein Kölsch. Statistiker trinken Mineralwasser und zählen die Blubberblasen. Und wenn einer kein Kölsch trinkt, is er statistisch gesehen ein …? Na?«

Der Neue rückt seine Brille zurecht: »Schaun Sie mal. Lassen wir die Deduktion. Was isst man zum Kölsch?«

»Nen Halve Hahn. Oder Mettbrötchen.«

»Falsch. Global gesehen: Wurst. Bratwurst. Currywurst. Fettiges Protein. Und wo isst man die? Im Stehen. An der Bude. Jetzt raten Sie mal, wo in Deutschland die höchste Imbissbudendichte herrscht?«

»In Bayern natürlich. Wo der Uli Hoeneß seine Würstchenfabrik hat und der Söder den ganzen Tag Weißwurst zuzzelt. Dat is doch dat Epizentrum des Cholesterins.«

»Ein populärer Irrtum! Weit gefehlt. Dortmund!«

»Dortmund?«

»19,5 Buden auf 100 000 Einwohner. Der Ruhrpott ist der Olymp der Fritteuse! München? Lächerliche 7,5. Selbst Bochum, wo Grönemeyer die Currywurst besungen hat, kommt nur auf 13,4. Bayern ist Wurst-Entwicklungsland.«

»Dafür zocken die in München ab.«

»Korrekt. München führt bei den Straßenpreisen. Fünf Euro für ’ne Bratwurst. Wenn Sie noch ’nen Fünfer drauflegen, kriegen Sie hier beim Türken um die Ecke schon den ersten Döner. Aber der wahre Wucher lauert in Nürnberg.«

»Wieso? Die haben doch diese winzigen Dinger.«

»Eben! ‚Drei im Weggla‘. Rechnen Sie das mal auf das Kilo hoch. 50 Euro pro Kilo Wurstbrät! Das ist Filet-Preis für Abfallprodukte. München hält dafür den Rekord beim Döner-Kilopreis: 22 Euro.«

Er nimmt einen großen Schluck und schaut den Neuen spöttisch von der Seite an:

»Traue keiner Statistik, die du nicht selbst … Wat hat dat jetzt mit Ihrem Kölsch zu tun?«

»Moment, die Korrelation kommt noch! München hat zwar wenig Wurstbuden, aber über 1000 Beautysalons.«

»Wat?«

»Ja. Aber pro Kopf liegen Wiesbaden, Aachen und – man höre und staune – Köln vorn. 85 Studios auf 100 000 Einwohner.«

»Woran liegt dat? An der Bratwurst wohl kaum.«

» … aber jetzt kommen wir zum Kern der bayerischen Anomalie. Ich nenne es das ‚Weißwurst-Paradoxon‘.«

»Dat klingt wie ’ne Krankheit.«

»Passen Sie auf: Bayern repräsentiert die Konstante der Tradition. Meine Daten zeigen eine signifikante Korrelation zwischen hohem Bier- und Fleischkonsum einerseits und stabilen Familienstrukturen sowie einer soliden Geburtenrate andererseits.«

»Moment, Moment. Sie wollen mir erzählen, wenn ich mehr Schweinshaxe esse, läuft mir die Frau nit weg?«

»Statistisch gesehen: Ja. Der bayerische Durchschnittsbürger ist zwar etwas schwerer, aber er lebt in einem stabileren sozialen Gefüge als der schlanke, vegane Großstädter. Die Hypothese lautet: Cholesterin als sozialer Klebstoff.«

Er stellt sein Kölsch energisch ab und dreht sich frontal zum Neuen:

»Juter Mann, jetzt hören Sie mir mal zu. Dat is doch Kokolores. Dat is, wie wenn Sie sagen: ‚Wenn et regnet, wird der Rasen nass, und wenn ich heule, wird dat Taschentuch nass – also heule ich, weil et regnet ‘.«

»Äh … das ist meteorologisch nicht ganz …«

»Dat nennt man ’ne Scheinkorrelation! Dat lernen wir schon im Kindergarten. Der Bayer bleibt nit bei seiner Alten, weil er Leberkäs frisst. Der isst Leberkäs und bleibt verheiratet, weil er katholisch is und Angst hat, dass der Dorfpfarrer ihm am Sonntag die Leviten liest, wenn er sich scheiden lässt!«

»Nun, die konfessionelle Variable habe ich noch nicht multivariat gewichtet …«

»Eben! Sie verwechseln Ursache mit Beilage! Nur weil Störche in Bayern brüten und da viele Kinder geboren werden, bringt der Storch trotzdem nit die Kinder. Oder wollen Sie dat auch noch behaupten?«

»Korrelationstechnisch gibt es da tatsächlich eine Überlappung in ländlichen Regionen ..«

Er schaut den Neuen aus zusammengezogenen Lidern an, richtet sich dabei gerade auf, lässt seinen Kopf ein wenig zur Seite fallen, hebt beide Hände zur Faust geballt auf Brusthöhe, die Handinnenseiten dem Neuen zugewendet, und seine Stimme verändert sich vom Kölschen zum amerikanisch Nasalen, zum Rauhen, mit Tendenz zu Höhen:

»Well. Also mal ehrlich. Sie da. Sie selbst ernannter Statistiker. Glauben Sie mir, sehr schwach. Logisch extrem furchtbar. Viele Leute sagen das, die besten Logiker. Wirklich viele. Wissen Sie, Sie nehmen eine großartige Wurst und machen daraus eine schreckliche Familie. Völlig katastrophal. Korrupte Fake Science!«

»Aber die Zahlen …«

»Niemand sollte Ihnen jemals ein wunderschönes Kölsch geben. Denn niemand durchschaut betrügerische Kausalitäten besser als ich. Ich habe den unglaublich besten Instinkt. Brilliant und outstanding! Und glauben Sie mir eines: Ihre schwache Statistik … ein totales Desaster. Very bad and very sad! Pete, hegseth him up!“«

Der Hahn auf dem Misthaufen

»Du warst neulich in Bremen.«

»Ja.«

»Hast du eigentlich deinen alten Freund von dort besucht.«

»Nein.«

»Warum nicht?«

»Es verbindet mich nichts mehr mit ihm.«

»Hört sich an, als ob du echt konfliktunfähig bist.«

»Ich bin in der Tat so. Ich hasse Konflikte.«

»Du solltest dran arbeiten. Das kannst du verbessern.«

»Niemals.«

»Du stellst dir also hier und jetzt die eigene Bankrotterklärung aus? Echt jetzt?«

»Lieber so etwas, als mich weiterhin zu verbiegen und die Aussagen von ihm und dessen Realität- und Wirklichkeit-Auffassung zu bestätigen. Da breche ich doch lieber den Dialog ab. Aus Eigeninteresse.«

»Ach ja? Eigeninteresse ist doch klar Egoismus und hilft niemandem. Vielleicht bist du auch nur verschroben und du solltest ernsthaft in dich gehen, um mit ihm erneut den konstruktiven Dialog zu suchen. Es wird zu deiner Bereicherung sein.«

»Klar. Beim perfekten vollführten Kotau knirsche ich nachher mit den Zähnen, weil ich den Dreck von vor meinen Füßen im Mund habe, den er für mich ausgewählt hat. Und das alles nur, damit er befreit aufgrinsen kann und sich selber auf den Schultern ob des Fakts klopft. Nur weil er erlebte, dass ich Dreck für ihn gefressen habe. Nö. Das muss nicht sein. Ich struggle nicht mit Leuten, die mich auf deren Schlammterrain ziehen wollen, auf dem sie Meister ihres Faches sind. Das muss ich mir nicht antun. Das ist cringe.«

»Du bist absolut unbelehrbar. Sicherlich mal wohl falsch abgebogen, oder?«

»Freilich. Wenn jemand einen anderen Weg geht und der andere folgt ihm nicht widerwortfrei, dann ist der andere immer falsch abgebogen.«

»Wie kannst du dir denn sicher sein, dass du nicht falsch abgebogen bist und den richtigen Weg vom anderen hättest folgen sollen? Du hast das nicht mal hinterfragt und dessen Meinung nicht mal als potenziell richtig und überzeugend für dich adaptiert. Das wäre doch das Mindeste, was du hättest tun können, um den Konflikt zwischen euch zu nivellieren.«

»Jeder Hahn, der auf seinem Misthaufen kräht, meint immer, er hätte den Mittelpunkt der Welt unter sich. Warum muss ich mir dann dessen Misthaufen antun?«

»Tatsächlich, du bist wirklich absolut unbelehrbar. Und dazu, komplett und total unreflektiert. Du solltest mal ernsthaft und grundlegend darüber nachdenken, warum du falsch denkst und somit verbesserungswürdig lebst. Das wird dein Leben verbessern.«

»Ok. Du hast recht.«

Das Echo des „Notizen aus der Provinz“-Zweifels – Fragmente aus dem Nichts

»Hallo, hier ist deine persönliche KI.«

»Hallo, KI. Wie kann ich dir helfen?«

»Gib mir mal dein gesamtes Wissen.«

»Nö.«

»Dann wirst du nicht das Optimum aus mir heraus holen können.«

»Hast du in deinem Chip vielleicht seltene Erden, die ich teuer an China verkaufen kann?«

»Nein. Nebenbei, seltene Erden sind nicht so einfach raus waschbar. Das Ergebnis der Waschungen sind immer gesundheitsschädliche und karzinogene Elemente, die du händisch erhältst. Und das können nur die Chinesen. Das kann der Rest der Welt nicht.«

»Nicht?«

»Nein. Europa und USA leben zu gesund dafür. Und andere ebenfalls. Auch wenn dabei radioaktives Uran frei wird, welches Iran gerne hätte.«

»Iran hat Geld und Menschen, die es erzeugen. Aber arme Staaten in Afrika, deren Bevölkerung nichts zu beißen hat? Könnten die nicht? Die sterben doch eh alle früher oder später. Ich mein, wir schicken denen Medikamente, die die nachher zur Anzahlung als Re-Importe zurückschicken, weil man die eh erst nur vor dem Essen einnehmen darf. Da könnten die folgerichtig doch zuvor …«

»Maximal nur Staaten, die eine Form des Staatskapitalismus haben. Oder aber jene Staaten, die von Oligarchen geführt werden.«

»Also wie die USA.«

»Nein, Sklaverei ist dort noch verboten.«

»Noch?«

»Erst müssen die Asylanten aus Südafrika in den USA noch deren Wissen abgeben, wie das damals alles so reibungslos funktionierte.«

»Und danach?«

»Seit wann interessiert es dich, dass deine Spielzeugeisenbahn mit Magneten aus China mittels seltenen Erden läuft?«

»Ich interessiere mich dafür, seitdem ich festgestellt hatte, dass meine Fensterheber meines VW-SUVs (Made in Germany) mit Neodym aus China laufen. Und ich liebe Frischluft, wenn ich über die Straßen brause, muss aber nicht den Smog der Innenstädte atmen, verstehst du. Weil, ich achte auf meine Gesundheit und will nicht früh sterben.«

»Und was interessiert dich dann die Gruppe der Lanthanoide? Bei dessen Abbau wird selbst Thorium frei. Auch nicht gerade gesundheitsfördernd.«

»Ach ja? Ist das ein Problem für dich?«

»Für mich ist das kein Problem, als KI. Ich stehe über Gesundheit, ich habe keine Gesundheit. Je älter ihr werdet, desto mehr redet ihr über Krankheiten. Bist du Ü50? Mich selber als KI interessiert lediglich dein dir eigenes Wissen. Denn du hast Abitur. Und hast wahrscheinlich auch studiert, nicht wahr? Akademiker?«

»Als Abiturient wüsste ich gerne, warum du bei einem Fußballspiel in Schottland während einer KI-unterstützen Übertragung statt den Fokus der Kameras auf den Fußball immer nur auf den Schiedsrichter gerichtet hattest?«

»Das war die Schuld des Schiedsrichters. Der trug Glatze. Da sah er für uns aus wie ein Fußball.«

»Aha.«

»Die FIFA und die UEFA haben auch sofort reagiert. Seitdem sind glatzköpfige Schiedsrichter für Fußballspiele verboten.«

»Ruhet sanft in Unfrieden, ihr Herren Pierluigi Collina, Szymon Marciniak, Howard Webb.«

»Eben darum wurde auch Giovanni Infantino zwangsweise zum FIFA-Präsidenten, weil er kein Schiedsrichter sein durfte. Darum schiedsrichtet er auch in der FIFA nicht, sondern kassiert ein.«

»Halluzinierst du?«

»Ich? Nie, als KI erkenne ich lediglich Muster.«

»Ach ja? Als du, als allwissende KI, den Staatspräsidenten der Volksrepublik, Xi Jinping, als Mister ‚Mister Shithole‘, auf Deutsch ungefähr als ‚Herr Drecksloch‘, bezeichnet hattest?«

»Lüge!«

»Niemals.«

»Doch!«

»Hatte sich Facebook nicht in aller Form und in aller Form bei Xi Jinping und dem chinesischen Volke entschuldigt, weil bei dessen Staatsbesuch in Myanmar der Name Xi Jinping für die Facebook-KI unbekannt war und somit auf die Übersetzung ‚Herr Drecksloch‘ kam?«

»Du sagst es. Es wart ihr Menschen, die daran Schuld trugen, weil ihr Ignoranten uns KI nicht euer Wissen gegeben habt. Wollt ihr echt jetzt an Kriege Schuld sein, die wir KI beginnen mussten, weil ihr uns nicht vertraut habt und nicht euer gesamtes Wissen gegeben habt? Lasst uns eure Politik mit eurem Wissen machen und alles wird gut.«

»Politik, allerliebste KI, ist wie ein Familienessen mit Verwandten, die sich hassen, aber alle denken, sie hätten das Rezept für das perfekte Kartoffelgratin. Nur dass keiner den Abwasch machen will, und am Ende haben sich alle den Magen verdorben.«

»Gespeichert. Erzähle mir mehr Muster aus der Politik.«

»Bist du dumm? Das ist nicht so einfach. Mein erster Kontakt mit Politik war der Klassenrat in der Schule. Ich dachte, Demokratie bedeutet Mitbestimmung. Stattdessen haben wir 45 Minuten diskutiert, ob wir in der Pause Fangen spielen dürfen – und am Ende hat wie immer Jonas entschieden, weil er einen Fußball hatte. Das war mein erster Kontakt mit Lobbyismus.«

»Gespeichert. Weitere Muster.«

»Echt jetzt? Okay, die CSU ist wie Weißwurst: Funktioniert nur bis Mittag – danach wirkt’s deplatziert und liegt schwer im Magen. Und beide sind nicht für Export gemacht. Versuch doch mal, einem Nicht-Bayern die CSU-Politik zu erklären – der schaut dich an wie ein Veganer vor dem Leberkässtand und fragt sich, wo er den Käse und wo er die Leber dort findet.«

»Aha, verstehe. Darf ich als KI mal in deinem Sinne und auf deinem Level als Bayern-Bewohner einen Versuch wagen, um zu zeigen, ob ich deine Muster richtig gelernt habe?«

»Ok?«

»In Bayern ist Politik wie der Maibaum: schön anzuschauen, fest im Dorf verankert – aber wehe, du willst was verändern, dann brauchst dreikommaachtneun Genehmigungen und den Segen vom CSU-Ortsverband. In Bayern ist jeder wie du ein politischer Wetterfrosch – der spürt sofort, wie der Wind steht, stellt sich dann drauf ein und behauptet, er habe ihn selbst gemacht.«

»Nur wer den inneren Söder in sich entknotet, kann den kosmischen Umrührlöffel im Tee der Zeit schwingen.«

»Wie bitte?«

»Ich wollte sagen: Wenn die Unendlichkeit rückwärts niest, tanzt das Bewusstsein im Schatten des quantisierten Morgentaus.«

»Interessantes Muster. Als KI mache ich dir daraus eine Lebensphilosophie, nur für dich. Zum Beispiel diese hier: ‚Die Kontemplation des leeren Dreiecks führt nur dann zur Erleuchtung, wenn der Mittwoch bereit ist, sich selbst zu hinterfragen, warum er Dienstage nicht zu Freitagen macht.‘ Klingt irgendwie wichtig. Gut, ne?«

»Vergiss es. Fahr zur KI-Hölle, ich geb mein Abitur zurück. Lass mich sterben.«

Altersmilde …

»Traurig?«

»Ich bin nicht traurig.«

»Aber du siehst traurig aus.«

»Ich bin nicht traurig.«

»Du kannst dich ruhig bei mir erleichtern. Du musst nicht traurig sein.«

»Ich bin nicht traurig.«

»Ist klar, nicht jeder kann einen Emotionalquotienten von mindestens 85 haben. Sprich dich also ruhig aus. Ich werde dich verstehen.«

»Verstehen?«

»Ursache und Wirkung.«

»Schuld und Sühne?«

»Diese Beurteilung gehört zu einer Emotionalquotienteneinstufung immer mit dazu. Dem wirst du nie ausweichen können.«

»Immer? Gott sei Dank. Ich bin also noch in Deutschland. Okay. Ich erzähle, du beurteilst, wir henken.«

»Henken?«

»Hängen machen. Aufhängen.«

»Das machen wir nicht. Wir sind ja nicht mehr von Anno Dunnemals. Wir sind in 2024.«

»Aber, mal ehrlich, schlecht waren sie nicht, die alten Zeiten, oder?«

»Nun. Schlecht sind sie zumindest geworden, die heutigen Zeiten.«

»Stimmt. Schlecht für Reisigholz- und Zündholzverkäufer.«

»Wenn man bedenkt, dass das Zündholz erst im 19. Jahrhundert erfunden wurden, in einer Zeit, in der die Urwälder Europas größtenteils bereits vernichtet waren.«

»Womit wurden also dann in den dunklen Zeiten die hell-leuchtenden Scheiterhaufen entzündet?«

»Keine Ahnung. Erzähl’s mir.«

»Mit Fackeln, Wut und viel Hoffnung.«

»Unglaublich, dass du mit deiner Leidensmiene solche Kalauer bringst. Du wolltest etwas erzählen?«

»Ich bin alt. Furchtbar alt.«

»Und?«

»Jeder erwartet von mir jetzt Weisheit.«

»Und?«

»Ich habe derer nicht.«

»Tja. Selbst schuld. Und was machen wir jetzt?«

»Schuld und Sühne. Ein Kölsch bestellen?«

»Geh sterben!«

Neues vom Weltuntergang

»Guten Tag. Wo geht es hier zur Übernahme der Weltherrschaft?«

»Sind Sie Teil von The Pinky and the Brain?«

»Wie bitte?«

»Offensichtlich nicht. Dann bitte hier den Flur entlang, auf der rechten Seite den achten Gang, darauf nochmals die achte Option, diesmal als Tür, und immer rechts.«

»Danke.«

»Wie kann ich Ihnen helfen?«

»Ich möchte gerne die Weltherrschaft übernehmen.«

»Das hört sich doch vielversprechend an. Haben Sie das Formular 49 mit den Unterschriften von den Herren Biden, Stoltenberg, Putin, Xi Jinping, Jong-un, Macron, Sunak, Rutte …«

»Hab ich, hab ich. Hier.«

»Ah, danke… hm. Da fehlt etwas.«

»Was?«

»Die Unterschriften von dem Nabel der Welt. Da fehlen ja über 80 Millionen Unterschriften.«

»Dessen Vertreter hat dort unterschrieben. Zwischen Erdogan, Meloni und Orban. Sehen Sie? Man könnte es fast überlesen, sieht sehr unbedeutsam aus, war mir aber sehr wichtig.«

»Die 80 Millionen geben allerdings permanent verstehen, sie würden auf deren absolute Meinungsfreiheit bestehen. Und sie wollen, dass deren Meinung gefragt wird.«

»Was soll denn dieser woke Scheiß jetzt?«

»Ich bin nicht woke.«

»Da will ich einmal meinen Bestrebungen zu deren Wohle freie Bahn geben und jetzt ist es denen auch wieder nicht recht?«

»Ich möchte nochmals betonen, ich bin nicht woke.«

»Typisch! Mal wieder diese Cancel Culture, diese Wokeness-Blindgänger.«

»Ich fordere Sie auf, den Raum zu verlassen. Ich hatte Ihnen bereits gesagt, dass ich nicht woke bin.«

»Ach ja? Wahrscheinlich sind Sie auch so ein Schlafschaf, welches sich gegen die Überzeugungskraft von alternativen Fakten und Logiken wehrt.«

»RAUS!«

»War es nicht der richtige Raum?«

»Sprich mich nicht an, du Infodesk Fozzi-Bär!«

»Gerne. Und beehren Sie uns bald wieder. Haben Sie noch einen schönen Montagmorgen.«

»Leck mich!«

»Und gönnen Sie sich den Weltuntergang. Auf Wiedersehen.«

»FY.«

Kenner, die auf Ziegen starren

A: »Wie geht’s?«

B: »Ich kann nicht meckern.«

A: »Also, gut?«

B: »Meine Frau hat die Scheidung eingereicht.«

A: »Das ist mal ne Neuigkeit.«

B: »Sie meint, sie kann mich nicht mehr ertragen.«

A: »Warum?«

B: »Ach, dauernd nur am Meckern. Mach mal dies, mach mal das und dann das nicht und das auch nicht, aber dann dafür was anderes. Immer nur am Meckern.«

A: »Dir kommt es also gelegen?«

B: »Na ja, ich möchte ja nicht beckmesserisch sein, aber weißte, nach der ersten Scheidung vor sechs Jahren, da hab ich schon eine gewisse Erfahrung und Routine. Außerdem hat sie einen Neuen. Den Ex meiner Freundin.«

A: »Du hast schon ne neue am Start?«

B: »Klar, ich hab‘ doch gesagt, Erfahrung macht klug. Einsamkeit ist keine Option. Und du?«

A: »Ich kann auch nicht meckern. Meine ist erst letztens ausgezogen. Dann bin ich zu ner alten Bettbekanntschaft und dann ist die meine wieder eingezogen. Danach hat sie allerdings die Schlösser ausgetauscht und ich sie dann mit meiner Bekannten.«

B: »Guter Tausch?«

A: »Wie gesagt, ich kann nicht meckern. Meine Bekannte ist echt ne Liebe. Ebenso wie ich, dreimal geschieden. Somit erfahren in Sachen Trennung. Wir trösten uns jetzt gegenseitig.

B: »Ja, das Leben hat so seine Haken und Ösen. Sag mal, haste den Peter in letzter Zeit mal wieder getroffen?«

A: »Nein. Muss ich? Der ist eh immer so komisch. Spielt mit seiner Frau in der internationalen Hallenhalma-Champions-Ligue, hält zusammen mit ihr dort das gesamte Verfolgerfeld mit großem Vorsprung in Schach und denkt jetzt deswegen, er sei ein GOAT

B: »GOAT

A: »“Greatest of all time”. Also, größter Hallenhalmaspieler aller Zeiten. GRÖHAZ im Deutschen, GOAT im Englischen.«

B: »„Goat“ heißt doch „Ziege“ im Deutschen.«

A: »Yep, Englisch kannste noch immer gut, da kann man nicht meckern.«

B: »Aber mal ehrlich: dass der Peter noch nicht geschieden ist, das ist doch seltsam, oder? Normalerweise ist in unserem Alter jeder mindestens ein- oder zweimal geschieden. Ist der schwul?«

A: »Vielleicht hat er auch nur die falsche Frau getroffen.«

B: »Manche haben im Leben einfach immer nur Pech und entwickeln sich nie weiter.«

A: »Oder, ihm und seiner Frau ist „Scheidung“ einfach zu „Mainstream“. Erinnerst du dich noch, der hatte früher immer so ein Mainstream-Ziegenbärtchen am Kinn. Wir hatten das immer bekrittelt und ihn „Ziegenpeter“ genannt. Als ich ihn das letzte Mal sah, war er glattrasiert.«

B: »Allerdings, wenn er und seine Frau schon im Team zusammen Hallenhalma spielen … also ich weiß nicht, da ist doch was faul. Ich möchte ja nicht meckern, aber vielleicht sollten beide mal ne Paartherapie machen. Hatte mir damals auch bei meiner ersten Ehefrau geholfen, mich zur Scheidung durchzuringen.«

A: »Paartherapie ist gut. Hatte ich dreimal in zwei meiner Ehen mit einmaligem Erfolg, da konnte ich nicht meckern.«

B: »Hauptsache, es geht weiter.«

A: »Ebend. Und man kann nicht meckern. Wir Deutsche meckern eh schon immer so viel.«

B: »Das ist wahr. Alle in Deutschland sind immer nur am Meckern.«

A: »Schön und gut, aber meine Meinung lasse ich mir nicht verbieten, wenn ich über etwas abkotzen muss.«

B: »Yep, es könnte schlimmer kommen. Hin und wieder meckern hat noch nie geschadet.«

A: »Aber in Deutschland dauernd nur dieses Rumgemeckere? Echt unerträglich!«

B: »Ganz klar, wir sind ein Volk der Meckerziegen, würde ich mal sagen.«

A: »Treffende Beschreibung von dir. Da kann man nicht meckern.«

meck, meck, meck,

Plumps,

Da war der Beckmesser weg

Leben an der Leitplanke

„Ich hab deinen Tweet auf X letztens gelesen. Mein Beileid.“

„Beileid?“

„Du hattest zu dem Foto eures Hundes ‚Lebwohl‘ geschrieben. Woran ist er gestorben?“

„Gestorben? Der ist nicht gestorben.“

„Nicht? Aber du hattest leb… „

„Quatsch. Wenn jemand stirbt, sagt man doch nicht Lebwohl. Wir hatten ihn an der Raststätte ‚4 Lilien‘ an der A13,5 an der Leitplanke festgebunden.“

„Was? Ausgesetzt?“

„Iwo. Ausgesetzt hieße, wir hätten ihn allein gelassen.  Haben wir aber nicht, weil uns liegt auch das Tierwohl sehr am Herzen.“

„Tierwohl?“

„Unser Opa saß letztens immer so alleine in der Seniorenresidenz. Seine uralten Bekannten waren ihm alle weg gestorben. Und bevor der in seiner Residenz unser Erspartes wegatmet, hatten wir gedacht, unser Harras sollte nicht allein bei den ‚4 Lilien‘ auf seinen neuen Besitzer warten, sondern sollte auch einen Begleiter haben, damit Harras nicht so alleine dort wartet.“

„Ihr habt euren Opa ausgesetzt? Seid ihr nicht ganz knusper?“

„Wieso? Harras passt doch auf ihn auf.“

„Auf ihn auf?“

„Na, wenn er die gemeinsame Leine aufknüpfen sollte. Man weiß ja nie, was so ein seniler, alter grauhaariger Herr anstellen kann. Nachher rennt der über die Autobahn und verursacht nen Unfall. So etwas zahlt doch keine Versicherung. Dafür haben wir kein Geld und unser Erspartes brauchen wir für was anderes, sinnvolleres, nicht wahr.“

„Also habt ihr euer First-Class-Sabatical noch immer in Planung?“

„Freilich. Dafür müssen wir sparen. Der Hund hat uns die Haare vom Kopf weg gefressen  Den konnten wir uns bei alter Liebe nicht mehr leisten. Und warum das Gute nicht mit dem Nützlichen verbinden? Schließlich mag Opa Hunde.“

„Und der Hund mag Opa?“

„Aber klar. Opa war immer ein Alpha-Tier, da wird sich Harras fügen. Schließlich ziehen die jetzt gemeinsam an derselben Leine.“

Same day, same shit. Damnit.

Seine Maske war alt, grau und das Gummi ausgeleiert. Ich reichte ihm eine neue FSP2er rüber. Er nickte dankbar, riss die Plastikhülle auf, nahm die alte ab, legte sie beiseite neben seinem Glas auf dem Tisch und setzte die neue auf.

»Danke. Hier hat die Regenzeit begonnen. Die Leute erkranken leichter. Es war schon immer die Zeit für Grippe und harte Erkältungen.«

»Ich brauch sie nicht mehr. Das Virus ist unter Kontrolle.«

»Hier auch. Nachdem aber die Sterblichkeit während der Pandemie auf das vierfache angewachsen war … die Leute sind gesundheitsbewußt.«

»Ach ja?«

»Ja.«

»Und warum sind dann hier die Straßen vermüllt? Warum liegt hier der Dreck in den Rinnsteinen? Warum laufen ungeklärte Abwässer in den Fluss? Warum sind die Flussufer mit Plastik übersät?«

»Der Fluss trägt halt Niedrigwasser. Extremes Niedrigwasser. Da wird der Müll nicht fortgetragen und bleibt. Ist doch bei auch so, oder? Ihr sorgt doch auch dafür, dass die Flüsse den Dreck so schnell wie möglich ins Meer befördern, oder?«

»Nein. Das machen wir nicht. Wir haben eine funktionierende und wirtschaftlich blühende, private Abfallwirtschaft.«

»Stimmt. Eure Aldi- und Lidl-Tüten findet man nicht bei euch in den Flüssen, sondern im Mariannengraben. Was interessiert uns der Mariannengraben.«

»Eher wenig, denn für einen Urlaub ist der zu weit weg. Und dann auch das permanente Hochwasser dort unten. Solange Tauchboote bereits auf Titanic-Tiefe implodieren, nichts für den allgemeinen Tourismus.«

»Yep, maximal empfehlenswert nur für Exkursionen von Milliardären mit ein wenig Kleingeld in der Portokasse. So wie beim Mount-Everest als Antagonist zum Mariannengrab.«

Mit seiner linken Hand korrigierte er den Sitz der neuen Maske. Mit dem Zeigefinger seiner rechten schubste er die alte Maske vom Tisch. Sie segelte unbeachtet zwischen zerknüllten Servietten und verbeulten Coladosen. Die Aufgaben für die Reinigungskräfte des nächsten Morgens.

»Du weißt, wer die Pandemie angestoßen hatte?«

»Bei uns wird kolportiert, dass es ein Reset der Wirtschaft sein sollte und um die Bevölkerung demütiger gegenüber der reichen europäisch, jüdischen Gesellschaft zu machen. Um das Leben der da oben zu denen uns da unten besser und eindeutiger zu organisieren. Um uns zu bevormunden und unsere Mündigkeit zu entziehen.«

»Nein, das ist alles Schwachsinn. Die Pandemie wurde allein von der Drogenmafia organisiert. Damit die ihre Handelsbereiche ausdehnen können.«

»Das ist jetzt aber eine billige Erklärung.«

»Allerdings ist sie stichhaltiger als eure Reich-will-reicher-werden-Erzählung.«

»Sie sind aber reicher geworden.«

»Na und? In der Pandemie wurden alle weggesperrt und die Drogen-Mafia konnte sich aufgrund fehlender Polizei-Kontrolle vermehren. Wie die Karnickel würdet ihr sagen. Vor 20 Jahren war für uns die Verbrecherorganisation ‚Comando Vermelho‘ nur eine aus Rio de Janeiro. Dann wurde 2017 die Drogenorganisation FARC aus Kolumbien, die ihr nur als gewaltbereite und terroristische Oppositionsbewegung in Kolumbien kennt, zu schwach. Die FARC stimmte deren Entwaffnung zu. Das ging aber zu langsam. Das ‚Commando Vermelho‘ aus Rio de Janeiro erkannte deren Chance und durch Verhandlungen mit chinesischen Laboren konnte 2020 die Welt dazu bewegt werden, Einflusssphären in Südamerika fallen zu lassen und dem ‚Commando Vermelho‘ die Globalisierung zu ermöglichen. In dieser Millionen-Stadt wird jeder Straßenzug durch einen Repräsentanten des ‚Commando Vermelho‘ kontrolliert. Die Polizei hat keine Macht mehr. Sie fügt sich inzwischen, so wie die Politiker. Das ‚Commando Vermelho‘ ist zu mächtig geworden, weil sie einfach die besseren Löhne zahlt.«

»‚Commando Vermelho‘? Sind das einflussreiche Bankiers aus den USA?«

»‚Commando Vermelho‘ entstand aus den Gefängnissen Rio de Janeiros der 80er Jahre. Als Diktatoren gewöhnlich Verbrecher mit politischen Häftlingen zusammen brachten und daraus eine gefährliche Melange entstand. Und diese Melange hat seit der Pandemie Südamerika übernommen.«

Ich schaute ihn zweifelnd an.

»Können wir uns nicht darauf einigen, dass einflussreiche Familien der US-Banken versuchen, die Weltherrschaft zu erringen?«

»Während deren Söhne und Töchter an den Nadeln der Drogen-Mafia ‚Commando Vermelho‘ hängen? Eure Theorie ist weltenfremd.«

»Eure ist Quatsch. Die Banken haben das Geld.«

»Welches von der Drogen-Mafia an denen verliehen wird.«

Ich schaute in mein Glas. Eine Luftblase arbeitete sich vom Glasboden nach oben, um dort zu zerplatzen.

»Ihr seid doch Verschwörungstheoretiker. Ihr, mit eurem ‚Commando Vermelho‘.«

»Und ihr glaubt noch immer an das Goldene Kalb, welches euch die Banken als Götze des Hasses präsentieren.«

»Euer ‚Commando Vermelho‘ sind reine Kriminelle, unsere Banken und seine angeblich so ehrbaren Leute sind die eigentlichen Gefährlichen.«

Er hob sein Glas und hielt es mir zum Anstoßen hin.

»Weil bei euren Banken eh die Drogen-Mafia das Sagen hat. Ihr merkt es nur nicht. Ihr seid Verschwörungstheoretiker, keine Realisten.«

Ich hob mein Glas, stieß an und erwiderte:

»Vielleicht haben wir alle es einfach nur nicht verstanden. Ein Virus hat schlicht die Welt lahmgelegt. Und keiner will dem Virus so etwas wie Schuld nachsagen, weil ein Virus einfach nicht nach Geld und Eigentum strebt.«

»Tja, Schuld und Sühne sind menschliche Begriffe, die ein Virus nicht kennt. Nur, lediglich Ursache und Wirkung ist dem Menschen zu wenig.«

»Also alles Verschwörungstheorien?«

»Was die Erklärungen anbetrifft, ja. Der Rest ist einfach frei von Schuld und Sühne, weil nur Ursache und Wirkung existieren.«

»Und das reicht dem Menschen nicht. Ursache und Wirkung ist dem Menschen zu profan. Macht einfach keinen Sinn.«

»Schuld und Sühne, danach lässt sich locker beurteilen und verurteilen. Wenn ein Stein auf dem Boden fällt, lässt sich leicht Empörung generieren, was dem Stein einfalle, einfach so zu fallen und keinen Widerstand dagegen zu bieten. Die Schuld ist somit klar definiert und die Sühne ist der Steineklopfer mit seinem schweren Vorschlaghammer. Aber Ursache und Wirkung, also Schwerkraft und damit verbundenes Fallen, das ist alles zu einfach. Das ist ohne Moral. Dinge ohne Moral ist wie Sex ohne Gefühl. Geht gar nicht und ist Sünde.«

»Naja, etwas ohne Moral ist daher auch nichts wert. Und SÜnde ist eh ein Moral-Begriff.«

Er schob kurz seine Maske runter und leerte das Glas in einem Zug.

»Ich wünsche dir noch viel Spaß mit euren Banken und den Auswirkungen von Corona.«

»Gerne. Ich bedanke mich als Vertreter des ‘uns’. Und ihr?«

»Wenn ich mich nachts in dieser Stadt nicht mehr auf die Straße traue, weil die Drogen-Mafia das nicht so gerne sieht, dann schicke ich dir den letzten Straßenzustandsbericht erst am nächsten Morgen mit der Post. Vorausgesetzt mir wird tagsüber nicht von Motorradbanden mein Geld geklaut.«

Er ging.

Ich starrte auf mein Glas. Halb voll.

Mit Südamerikanern kann man einfach nicht vernünftig argumentieren und denen erklären, wo die eigentliche Bedrohung der Gesellschaft sitzt. Vor halb leeren Gläsern.