Und überhaupt ist mal wieder alles klar, auf der Andrea Doria …

»Das Schiff sinkt!«

»Und woran möchtest du das bitte festmachen?«

»Das Bug hebt sich!«

»Das ist immer so, wenn ein Schiff beschleunigt. Der sehr starke Heckmotor haut rein, zieht das Schiff durch seine Pferdestärken im Dieselaggregat hinten runter und das ganze Schiff beschleunigt. Eine göttliche Power hat dieser Motor!«

»Aber hinten läuft kein Motor mehr.«

»Vergaseraussetzer. Kennt man doch. Scheiss Ingenieurskunst. Taugt ja alles nichts. Made in Germany war mal erheblich besser. Früher war alles besser. Und nicht so schrottig wie heute!«

»Aber die Leute da vorne, am Bug, die rutschen bereits zum Heck runter!«

»Ja und? Ist doch normal, wenn das Heck unterhalb vom Bug liegt. Das ist physikalisch normal. Dazu braucht es keine Wissenschaftler. Hätten die Leute dort jetzt bessere Schuhe, wäre das denen nicht passiert. Die sind selber Schuld dran, dass die jetzt rutschen und gegen die Wände schlagen.«

»Steuerbord habe ich bereits Wasser reinlaufen sehen.«

»Das Schiff hat Lenzpumpen. Die pumpen das locker weg. Ganz easy peasy locker. Dafür sind die ausgelegt. Zum Trockenpumpen.«

»Aber Backbord …«

»Du musst hier nicht den BigMac markieren, nur weil du ein paar Seemannsausdrücke kannst.«

»Mir egal. Backbord liegt oberhalb von Steuerbord. Ich will zu den Rettungsboten.«

»Es gibt keinen Grund für Rettungsbote. Erst recht keinen Grund zur Panik.«

»Wo sind die Rettungsboote? Auf halb achtern?«

»Angst zu verbreiten ist eine ganz miese Tour von dir! «

»Ich will überleben!«

»Wollen wir doch alle. Oder kannst du mir einen nennen, der nicht leben möchte?«

»Aber du sagtest doch, dass hier nichts untergeht! Stimmst du mir jetzt doch zu, dass wir sinken?«

»Na und? Wenn es um Rettungsboote geht, dann immer zuerst die Nicht-Schwimmer, nicht war. Das erfordert schon der Anstand. Anstand heißt, zu warten, bis alle Nichtschwimmer versorgt sind, wenn das Schiff untergeht. Dann können die Schwimmer, denn die können notfalls auch schwimmen.«

»Aber das Schiff geht doch unter!«

»Quatsch. Bleib gefälligst hier und hör auf Panik zu schieben. Nur weil einige um uns herum unbegründet den Untergang ausrufen?«

»Die ersten sind schon zu den Rettungsbooten unterwegs.«

»Ty-pisch! Immer diese, die alles unreflektiert glauben, statt es zuerst einmal zu hinterfragen! Und statt dann sich zu fragen, wer nicht schwimmen kann, …«

»Du kannst nicht schwimmen?«

»Nein. Also gehört mir zuerst ein Platz in den Rettungsbooten.«

»Aber du hast doch gesagt, dass das Schiff nicht sinkt, sondern nur beschleunigt.«

»Eben. Daher besteht auch kein Grund zur Panik. Wenn alle so ruhig bleiben würde wie ich, dann wäre hier keine Panik. Und man könnte die Rettungsboote im Ernstfall auch noch nutzen.«

»Oh Gott! Der Vorderteil des Schiffs ist abgebrochen! Um Himmels willen!«

»Siehste! Das macht die Panik. Alle sind nach vorne zum Bug gelaufen, weil keiner am Heck bleiben wollte. Der Bug wurde dadurch zu schwer und ist jetzt abgebrochen. Das sind die real existierenden Auswirkungen von Angst und Panik, hervorgerufen durch Menschen, die alles nachreden, was man denen vorredet. Statt sich erst einmal auch mit vernunftbegabten Menschen abzusprechen.«

»Das Schiff sinkt. Ich will zum Rettungsboot.«

»Ty-pisch. Statt erst einmal zu fragen, wer nicht schwimmen kann?«

»Nicht-Schwimmer?«

»Überzeugter! Ich lass mir doch von niemanden sagen, dass ich auf dem Lande schwimmen können muss. Nur weil einige wenige meinen, dass das Überleben im Wasser vom Schwimmen abhängt. Das Überleben im Wasser hängt ab von den anderen Menschen, die einem dann helfen. Niemand muss schwimmen lernen. Und wenn man schwimmen kann und dabei einen Beinkrampf bekommt oder Herzinfarkt oder Schlaganfall oder Krebs und deswegen ertrinkt, was hat es dann gebracht, schwimmen zu können? Schwimmen ist nicht erforderlich, weil es auf dem Land kein Wasser gibt.«

»Aber hier könntest du doch ein Bedürfnis danach haben, oder? Mach hinne, die Zeit rennt auch gegen dich! Renn um dein Leben!«

»Das Bedürfnis schwimmen zu lernen, wird doch von den anderen Menschen hervorgerufen, die dauernd Angst wegen dem Nicht-Schwimmen erzeugen wollen und am liebsten eine Schwimmpflicht hätten. Damit sie in den Schwimmbädern mit Schwimmkursen ein Heidengeld an uns Nicht-Schwimmern verdienen können. Auf unsere Kosten! Für etwas, was nicht über längere Zeit als wirksam überhaupt zu 100% bei jedem Menschen getestet wurde.«

»Soll ich dir jetzt etwa die Grundzüge des Schwimmens beibringen? Oder kommst du freiwillig mit zu den Rettungsbooten?«

»Nun mal keine Panik auf der Titanic. Ich lasse mir von dir doch keine Schwimmstunde aufdrängen, nur damit mir nachher eine Stunde Lebenszeit fehlt. Und außerdem ist es meine freie Entscheidung, in ein Rettungsboot einzusteigen oder nicht.«

»Dann verreck!«

»Moment! Du kannst nicht einfach meinen Platz im Rettungsboot einnehmen! Ich bin Nicht-Schwimmer!«

»Dann lern schwimmen!«

»Bin ich Fisch, oder was? Für sowas opfere ich doch nicht meine Lebenszeit! Das darf ich doch wohl noch selber entscheiden! Oder willst du mir meine Freiheit einschränken?«

»Dann verreck!«

»Ty-pisch! Ty-pisch Spalter! Diese Spalter müsste man ans Kreuz schlagen! Die spalten mit deren Mentalität die Schiffsgemeinschaft und sind Schuld, dass Menschen ertrinken. Nicht weil das Schiff sinkt, sondern weil die uns als Opfer in Kauf nehmen, indem sie uns zur Wahl zwingen wollen zwischen Ertrinken und Schwimmen-lernen! Die wollen uns zwingen, statt uns die freiheitliche Wahl zu lassen.«

»Niemand zwingt dich zu überhaupt zu etwas! Verdammt, das abgebrochene Heck rollt immer stärker! Ich bin dann mal weg, zu den Rettungsbooten! Ciao!«

»Dann hau doch ab zu deinen Rettungsbooten! Und lass uns Nichtschwimmer doch vorsätzlich allein, du asozialer Sack, du! Ich bleib hier. Das hier ist kein Schiffsuntergang. Dafür gibt es keine evidenzbasierten Beweise dazu. Alles wird gut. Alles wird wieder gut! Und ich werde recht behalten. Und euch Panikhansel wird kein Hahn überhaupt ein Kickeriki nachkrähen, wenn ihr in euren Rettungsbooten abgesoffen seid. Denn 10% von diesen ungetesteten Rettungsbooten kentern sowieso. Sowieso. Da! Da hinten, das gelbe Rettungsbott. Siehste! Eine Welle hat es gerade versenkt! Siehst du das, du Schlafschaf, das immer in der Masse schwimmen will, statt selbst mal zu denken?!?  Na. Da hatte ich doch recht. Das Bott ist untergegangen und die Insassen kämpfen jetzt sogar noch um deren Leben. Es gibt keinen Grund für Rettungsboote. Kein Grund. Nicht einen. Die wurden alle nicht getestet. Von wegen Schiffsuntergang! Kellner! Einen Martini-Cocktail, bitte! Aber bitte rühren und nicht schütteln!«

Ein Kellner-Tablett war im Begriff, auf den Holzplankenboden an ihm vorbei zu schlittern. Es trug zwei halb-volle Cocktail-Gläser. Einen Swimming-Pool und einen Martini. Er stoppte das Tablett geschickt mit dem linken Fuß und ergriff beide Cocktails, während der Kellner hinter ihm an ihm vorbei fiel. Der Blick des Mannes mit den beiden Cocktailgläsern in der Hand, fiel auch mich:

»Hey! Hey du! Was machst du da?«

»Ich schreib nur das alles mit. Für meinen Blog. Ein neues Post,« antwortete ich schüchtern.

»Hab ich das erlaubt? Hast du dafür meine Einwilligung? Das ist illegal! Du kriegst Post von meinem Anwalt!«

»Ich dachte, ich könnte weil … das hier ist eine Notsituation und …«

Er bewegte sich mit den beiden Cocktails bedrohlich auf mich zu:

»Notsituation?«

Ich überlegte fieberhaft meine Antwort. Und dann sprudelte es einfach so aus mir heraus, einfach so, während ich alles auf meinem Notebook abspeicherte, es herunterfuhr und in den wasserdichten Seesack stopfte:

»Nun ja, ich dachte, ich schreib mal mit, bevor hier alles voll Wasser ist. Einfach mal, bevor es keiner mehr lesen kann. Als Nachgedanken an die Nachwelt zum Nachdenken. Als etwas Historisches. Heroisches versus feiglinghaftes. «

»Und? Hast du keine Angst? Keine Panik? Willst du nicht das tun, wie hier alle tun?«

»N … n … n …ein, nein.«

Er lachte laut auf.

»Lobenswert! Du lässt dich nicht von der Panik der Masse anstecken und glaubst nichts vom dämlichen Narrativ der Ängstlichen. Von wegen Untergang. Pah! Du bist ein Mann nach meinem Geschmack, mein Bester! Hier, nimm einen Cocktail und lass uns auf das Leben trinken! Und auf diese Panikhansel spucken! PROST!«

Ich nahm den mir angebotenen Swimming-Pool, trank einen Schluck, hustete ein wenig, nahm den zweiten Schluck und danach wurde es dunkel. Absolut finster. Absolutes nichts.

Und so verschwand meine historische Geschichte für die Nachwelt im Orkus des Internets.

Für immer.

Ungelesen.

So war es, ich schwöre.

Parkbankgeschichte: Verantwortungslos

ER sitzt auf seiner Parkbank und schaut auf seine Pulle “THE DUKE”. Bio Gin durch und durch. Und dazu noch destilliert in seinem Minga, seinem München. Da sitzt ER nun im Englischen Garten und seine Gedanken kreisen um diese “42% vol”. Das hatte ER noch nie, diese nachdenkliche Seite an sich, diese zu entdecken, diese echte Nachdenkseite.

“42%? Vol? Was heißt das? Wenn die Flasche voll ist, hat sie 42%?”

Der Banknachbar packt vorsichtig seine “Münchener Currywurst besonders spezial” aus, jenes neue In-Gericht der “Young-Kitchen-Cooking-B30s”. Sechs Euro fuffzig ohne Semmel. Er zelebriert das Auspacken in der Weise als ob der das Gemälde “Jungfrau züchtigt das Jesuskind vor drei Zeugen” von Max Ernst freilegen würde. Dabei schaut er eher wie zufällig neugierig interessiert zu IHM rüber.

ER aber meditiert nachdenklich über das Etikett seiner Flasche:

“Nullkommasieben. Hm. Mit zweiundvierzig Prozent, wenn die Buddel voll ist? Mach wie viel?”

Sein Nachbar erhebt aufmerksamkeitsheischend seine Hand. Er war schon immer gut im Kopfrechnen. Nur merkt er, dass seine Expertise in diesem Moment nicht gefragt ist. Denn ER grübelt leise vernehmlich weiter:

“Wenn ich also von den Nullkommasieben die Hälfte trinke, dann sind es nur noch einundzwanzig Prozent, weil nicht mehr voll. Und dann davon die Hälfte, dann nur noch knappe elf Prozent. Dann noch zweimal die Hälfte jeweils, dann hat es nur noch den Gehalt eines Light-Bieres. Das ist ungefährlich.”

Sein Nachbar winkte nicht mehr, sondern widmet sich leidlich konzentriert seinem Kochkunstwerk. Er stößt seine Holzgabel in eine der Weißwurstscheiben mitten in der gescheibten Curry-Weißwurst, führt die aufgespießte Scheibe zu seinem Mund, blickt dabei etwas irritiert durch seines Nachbars Worte zu eben diesen, verfehlt dabei im ersten Anlauf seinen geöffneten Mund rechts davon, korrigiert seine Handführung nach links und … . Ein leichter Windstoß umweht die Parkbank, er versucht deswegen ausgleichend seine Holzgabel elegant zu balancieren, aber die Scheibe enthüpft von der Gabel und landet auf seiner beigen YSL-Cargohose.

“Nur, wie komme ich an dieses 2,5% Gin? In der Zeitung las ich, Alkohol ist leichter als Wasser. Und er ist volatil. Also müsste es klappen, wenn ich die Flasche wie vorhin kopfüber trinke. Dann schwimmt der Alkohol oben, entfleucht in den Hohlraum darüber und der Geschmack bleibt unten. Und wenn die 42% der Nullsieben oben ist, dann kann ich ja über die Hälfte trinken, ohne dass ich Alk zu mir nehme.”

Sein Nachbar schaute entsetzt auf seine Hose. In Gedanken stellt sofort die logische Verbindung zwischen Wurstscheiben-Fall und dem irritierenden Gefasels seines Nachbarn her.

“Also”, grübelt ER weiter, “könnte ich doch dreiviertel der Flasche kopfüber trinken, der Hohlraum vergrößert sich, der Alkohol volatiert dahinein und dann habe soviel wie zwei Light-Bier-Mass in mir. Und irgendwer von den wichtigen Menschen in Bayern sagte damals doch, mit zwei Mass kann man noch fahren.”

Sagt es, öffnet die Flasche, stellt zwischen Po-Backen, Rückgrat, Hals und Flasche eine senkrechte Achse her und schluckt. Und schluckt. Und schluckt. Und verschluckt sich, behält aber einen Rest in der Flasche zurück. Den alkoholischen Rest, wie zuvor analysiert.

“So, das war jetzt die vierte Light-Gin- … Light-Gin-Pause. Ei, ein … eine geht noch”, artikuliert ER und platziert die fast leere Flasche zurück in seinen Rucksack zu den anderen Sechsen und holt die nächste Volle heraus. ER schaut sie kritisch an, öffnet sie, stellt die Achse her, setzt zuvor an, noch etwas tiefbewegendes zu sagen, kippt dabei urplötzlich nach links von der Bank, wie ein Brett, und rührt sich nicht mehr. Reglos liegt ER nun dort, neben der Bank unterhalb der Sitzfläche.

Der Banknachbar war in der Zwischenzeit wütend aufgestanden, hatte mit der Edel-Serviette versucht, seine Hose zu säubern, den Fleck aber nur vergrößert. Wutentbrannt hatte er den Rest des In-Gerichts “Münchener Currywurst besonders spezial” vor sich auf den Boden gedonnert, versuchte, dabei den Curry-Spritzern der hingeschmissenen Portion auszuweichen, sah mit wachsendem Entsetzen die Curry-Spritzer auf seinen Schuhen, kriegte mit, wie sein Nachbarn kippte, umkippte und dann regungslos liegen blieb.

Er geht zu IHM rüber und misst dessen Puls an der Halsschlagader, spürt kaum etwas, nimmt seine Finger vom Hals des Mannes und seufzt erbost:

“Typisch mal wieder. Deutschland eben! Unverantwortlich! Und wer bezahlt mir jetzt meine Reinigungskosten?”

Kneipengespräch: Die 3-J-Regel

Die Tür schob sich nach innen, ein Windstoß bewegte die Luft im Raum, ein Gast trat ein. Die anderen Gäste am Tresen schauten kurz auf und blickten darauf wieder auf ihre flache Kölsch-Schaumkrone in deren Stange.

Allein der Wirt stockte beim Kölsch-Stangen-Polieren und blickte fordernd den eintretenden Gast an. Der Gast bewegte sich auf den Tresen zu, ergriff sich routiniert den einzige leeren Stuhl, hockte sich drauf, nahm seine Maske ab und sprach die magischen vier Worte:

»Dun mer en Kölsch.«

»Früh, Reissdorf oder Päffgen?«

»Päffgen? Du hast Päffgen?«

»Und du schuldest hier noch drei fuffzich.«

Der Gast zog seine Geldbörse raus und legte dem Wirt einen 50iger auf den Tresen.

»Reicht das?«

»Päffgen ist aus. Reissdorf?«

»Okay, dann zwei.«

»Nimm Früh, kommt früher. Läuft besser.«

Der Nachbar schaute rüber.

»Na? Wette verloren?«

»Wie?«

»Beim letzten Mal war auf ihrem Kopf noch Vollhaar. Weiß, schütter und mittellang. Vormals alter grauhaariger, weißer Mann. Jetzt Glatzköpfiger aus dem Sonnenstudio.«

»Werter Gast«, unterbrach der Wirt und schaute den neu hinzugekommenen Gast an, »ich benötige noch ne Antwort auf dringende Bewirtungsfragen.«

»Akzeptiert. Du darfst mein Glas spülen.«

»Status?«

»Ich gehöre zu den Drei-Jott.«

»Drei Jott?«

»Jeimpft, jenesen und jetestet.«

»Aja?«

»Ich bin jenesen.«

»Nachweis?«

»Schau auf mein schütterndes Haar. Kann diese Glatze lügen?«

Der Wirt schaute ihm auf seine glänzende Billardkugel.

»Aha. Das Äußere deiner Gesinnung haste nu also haarklein angepasst? Balastbefreit?«

»Wie meinen?«

»Du Skinhead. Du Undemokrat.«

»Okay. Und was soll das jetzt darstellen?«

»Haarspalter mit rechtsextremen Argumenten. Spalter von Haaren. Auch mit ner Axt auf fremden Köpfen, wie für Patrioten üblich.«

»Na. Wir wollen doch nicht hier am Tresen Haare spalten, oder?«

»Wenn sich kein Haar in meinen Kölsch-Stangen findet und Gäste wegen rotem Kölsch sich beschweren … also: welches J haste?«

»Die Welt hat letztens sich selber entlarvend berichtet, die haben sich demaskiert …«

»Die Welt ist Medien-Mainstream und Medien-Lügenpresse. Bild-Niveau. Extra Reichelt-tiefergelegt. Wie bei Fahrzeugen: tiefergelegt geht schneller und nimmt keine Rücksicht auf nachhaltige Argumentationen. Die WELT vor unserer Haustür halt. Also. Welches J?«

»Jones.«

»Aja.«

»Indiana Jones.«

»Willst sagen, du hasst Schlangen. Dann kannst du dich jetzt in der Test-Schlange zwei Straßen weiter einordnen. Mit nem positiven Negativ-Test kriegste auch ein Kölsch.«

Der Gast lehnte sich zum Wirt rüber:

»Das letzte Gespräch zwischen uns hängt dir wohl noch arg nach, oder?«

»Gespräch? War eher ein Monolog.«

»Ja, nee, is klar. Die Wahrheit schmerzt, nicht wahr?«

»Nein. Nicht die Wahrheit, sondern deine verblendete Dummheit.«

»Die Wahrheit findest du im Internet bei den alternativen Medien …«

»PI? Nachdenkseiten? Russia Today?«

»WELT. BILD und BILD-TV.«

Der Gast fixierte den Wirt, seine Stirnfalten verkündeten Blitze und Donner.

»Wenn du dich nicht im Internet bei vertrauenswürdigen Medien informieren willst, dann ist das deines Geistes Schwäche. Du solltest mal auf andere hören statt nur den Mainstream-Medien-Lügen. Im Internet findest du die Wahrheit. Unzensiert. Wenn sie nicht gerade auf Youtube oder Facebook oder Twitter zensiert wird, dann auf den Kanälen der alternativen Medien.«

»Wie ich bereits fragte: auf den Seiten von PI oder den Nachdenkseiten?«

»Bei Leuten, die Statistiken mit deren ureigenem Wissen privat, deswegen Respekt und Vertrauen verdienen, das eigene Wissen analysieren und die verblüffenden Ergebnisse dann veröffentlichen!«

»Ureigenes Wissen? Selbst analysiert? Ist das eine Qualifikation? Hört sich nach Selbst-Referenzialität an. Hofnarren-Onanie der eigenen, nach außen verschleierten Überzeugung.«

Der Gast strich sich über seine Glatte Glatze, griff in seine Tasche und tauschte den 50er mit nem 5er aus.

»Sorry, aber du bist mir zu dumm. An dir ist Hopfen und Malz verloren. Mainstream-Trottel. Informier dich mal. Die Einsfuffzich sind für dich, Trinkgeld, aber nicht gleich alles versaufen, okay. Investier das Trinkgeld in deine geistige Zukunft.«

Der Wirt ergriff den 5er und grinste:

»Den 5er nehm ich doch glatt. Jetzt weiß ich, warum du dir ne Glatze hast machen lassen.«

Der Gast blickte skeptisch zum Wirt auf.

»Mit Glatze kann der Gedanke frei fliegen. Ohne von Haaren in seiner Freiheit beschränkt zu sein.«

»Ach ja? Und?«

»Kommt der Gedanke dann zu dir zurück, dann gehört er dir auf ewig. Nur, das wird nie passieren. Gedanken haben auch ihren Stolz. Denn du hast nur Käfige für deine Gedanken.«

Der Gast donnerte seine Faust auf den Tresen.

»Nur weil ich jetzt ein Glatzköpfiger bin, …«

Der Wirt unterbrach ihn: »Speakers room hinten rechts. Für alle, die glauben, dass hier eine Meinungszensur herrscht, Speakers-Room hinten rechts. Freier Zutritt nur für Bekloppte.«

»Nur weil ich Glatzköpfiger bin, …«

»Rasierstube ist zwei Straßen weiter rechts bei den türkischen Friseuren für die Generation U30.«

Der Gast erhob sich wortlos von seinem Hocker und schritt auf die Ausgangstür zu.

Der Wirt schaute in die Tresenrunde und fragte:

»Jemand noch ein Kölsch nach der 3-J-Regel?«

Einer hob seine Stange, dem Wirt zuwinkend:

»Hauptsach joot, jerad und jenau, dann passt et scho. Hauptsach drei-Jot.«

Leise gluckerte der Zapfhahn.

Kneipengespräch: Doppelt dumm gelaufen, du Ehrlicher, du!

Er brabbelte vor sich hin. Nicht laut, aber störend.

“Hey, kannste mal damit aufhören, hier rumzubrabbeln?”

Er starrte mich verwundert an. Wahrscheinlich schon im Delirium Tremens. Ich seufzte und wollte mir gerade das nächste Kölsch bestellen, als er spontan loslegte

“Ich lass mir nichts verbieten!”

Vorsichtig entgegnete ich: “Was bitte?”

“Ich’s bin’s nicht gewesen.”

“Ja?”

“Die anderen war’s.”

“Sie meinen Türkenhochzeiten? Oder Oma-Geburtstag? Motorrad im Hühnerstall?”

“Bürschchen, halt die Klappe.”

“Wie bitte?”

“Das ist momentan normal. Außer Verboten fällt denen nix ein.”

“Verbote? Wem?”

“Ich kenn keinen, den es in Wirklichkeit erwischt hat.”

“Okay …”

“Also wird es wohl nicht so schlimm sein.”

“Und?”

“Mich trifft’s nicht.”

“Echt?”

“Alles übertrieben. Total übertrieben.”

“Hm, warum?”

“Das ist wissenschaftlich nicht eindeutig erwiesen. Und irgendeiner hat’s in die Welt gesetzt, um mich zu unterdrücken. Great Resett. Weiß doch jeder!”

“Ähem, weiß wer?”

“Das Ganze ist lediglich ein primitives Machtinstrument. Ein Spiel der Herrschenden!”

“Ein Machtinstrument?”

“Die da oben gegen uns da unten! Mit Fake-News der Mainstream-Medien wie BILD, EXPRESS und so. Hör mal! Ich hab keinen Bock auf Verzicht!”

“Was?”

“Ich selber hab ein Recht, durch die Welt zu fliegen. Ein natürliches Anrecht auf meine Freiheit! Steht auch im Grundgesetz.”

“Freiheit?”

“Jawohl, meine demokratische Freiheit ist wichtiger als irgend so ein Live time-Fußabdruck für paar Dagegen-Fuzies.”

“Fußabdruck? “

“Hömma, wir reden bekanntermaßen von einer Erfahrungsdimension, von vielleicht jetzt knapp ein Dutzend Monaten.”

“Okay. Erfahrungsdimension?”

“Hey, ein Wandel wird nichts sein, worauf man dann nach paar Monaten Einschränkung keinen Bock mehr hat. Das macht pessimistisch.”

“Dass die Menschheit das hinkriegt? Moment. Erklär mir mal: Worüber hast du gerade geredet? Über Corona an sich? Oder über den Klimawandel generell?”

”Herr Oberspielleiter, zwei Kölsch bitte!”

Das Leben ist voller Leid, Krankheit, Schmerz – und zu kurz ist es übrigens auch … (Woody Allen)

Das Spiel ist eröffnet.

Ein erneutes Match Mensch gegen Virus. Über vierzehn 24-Stunden-Runden. Der Sieger wird durch das Absterben des anderen gekürt. Ein Remis wird es nicht geben. Kampf ums Überleben.

Was ist der Virus? Was ist der Mensch? Ein Raubtier, ein Karnivor, ein Prädator? Ein unbequemer Gast auf dieser Welt? Die Krone der Schöpfung? Eine mit roten Blutkörperchen vollgestopfte Mammalia gesteuert mit ADHS im Hirn? Ein Attentat der Natur auf sich selbst? Eine schlechte Laune der Natur? Ist der Mensch souverän? Ist der Mensch autonom?

Nach Karl Marx, haben Philosophen immer nur die Welt interpretiert: Veränderung war nicht deren Metier. Allein der Kinder wegen müsste die Welt verändert werden. Nur eine neue Realität, die will keiner. Alle wollen nur die alte Realität. Wat de Buer nich kennt, dat frett he nich.

Und am besten ist, der Mensch partizipiert an der Situation. Die Besten sterben zuerst. Niemand will beim Sterben der Erste sein. Helden, sagt man, Helden sterben immer zuerst. Denn sonst wären es keine Helden. Und Helden sollen immer die anderen sein. Denn man selber hat gerade zu tun. Damit, beim Sterben nicht der Erste zu sein. Erster zu sein, das ist maximal im wirtschaftlichen Leben förderlich. Denn wer Erster ist, der kassiert die ganze Ziffer aus der Bruchrechnung. Und die besteht bekanntlich aus Nenner und Zähler. Die Nenner stehen oben, die Zahler unten und es wird alles gebrochen. Das, was dabei raus kommt, also das Wichtige dabei, das ist der Rest vor dem Komma. Diesen Rest gilt es zu bekommen. Zum Erreichen des Zieles tut es notfalls auch Bestechung.

Das Problem der Bestechung ist nicht das Ungewöhnliche oder das Verwerfliche. Denn eigentlich ist es ja das Normale. Das Ungewöhnliche ist vielmehr bei allen die vielfachen Fragezeichen hinter der Frage: Echt? Hat der so wenig genommen? War der wirklich so bescheiden? Es wird dann auch gar nicht mehr großartig verschleiert. Nein, verschleiern ist ja bekanntlich belügen.

Es wird einfach gemacht, durchgeführt, umgesetzt. Hauptsache, einträchtig einträgig. Immer als Beratertätigkeit abgerechnet. Ist eigentlich bewusst, dass das Justizministerium zur Erstellung von Gesetzen Beraterfirmen beauftragt? Und wenn das Gesetz später kassiert wird, ist die Tätigkeit bereits bezahlt. Und allenthalben erfüllt ein großräumiges Schweigen die enge Sprachlosigkeit darüber, dass sprachgewaltige Experten stumme Experten beauftragen, gemeinsames Experten-Know-How zu simulieren.

Show-Program for customers. Das Handgeschäft der Zauberer. Wenn allerdings echte, also wirkliche Experten komplizierte Sachverhalte einfach erklären, dann ist das Geschrei groß. Denn Zauberer erklären nie deren Tricks. Also ist einer, der erklärt, wie es geht, eben drum allen suspekt.

Denn wer schon alle Herr-der-Ringe-Film-Folgen und alle Avengers-Filme sich einverleibt hat, der gibt sich nicht mehr mit normalen Erklärungen zufrieden. Da ist dann zu wenig Chichi, zu wenig Krach-Bumm-Peng und zu wenig Dutzend tote Affen-Trinitäten. Die Realität ist zu ernüchternd. Und deswegen muss dagegen die eigene Stimme erhoben werde. Gegen die Experten, welche wirklich Ahnung haben. Denn wenn denen keiner widerspricht, dann könnte die Ahnung aufkommen, dass man selber erst recht keine Ahnung habe. Ich frag mich, für wie blöd halten eben solche ihre Mitmenschen eigentlich?

Richtig. Genau für so blöd, wie wir nun mal sind. Wissen ist Macht. Von Experten mit Wissen, davon war ja bei „Wissen ist Macht“ nie die Rede. Es geht darum, Meinung zu äußern. Auch gegen Expertenwissen. Und wenn jene Meinungen kein Gehör finden, dann ist es opportun von Meinungsdiktatur oder Meinungszensur zu reden. Wissen, das ist etwas ganz anderes.

“Ich weiß, dass ich nichts weiß”, sagte irgendwer im alten Griechenland, kurz bevor er den gereichten Schierlingsbecher leer trank

“Ich weiß nicht mehr, was ich gewusst habe”, sagte irgendwer im Mittelalter angesichts der Folterwerkzeuge, die ihm präsentiert wurden.

“Hehehe, mir sollte mal erst jemand beweisen, dass ich etwas gewusst habe”, sagen die Leute von heute, vertreten deren Ansichten felsenfest und pochen auf Meinungsfreiheit.

In der Politik wird immer fatal deutlicher, dass in der Corona-Angelegenheit nie eine einheitliche Linie bestand. Vor zwei Wochen drohte Merkel noch, dass sie sich das Ganze in Deutschland keine vierzehn Tage mehr anschauen und dann reagieren würde. Hat Sie inzwischen auch. Sie denkt jetzt nach. Über eine gemeinsame bundesweite Linie der Länder zur Corona-Frage. Als Physikerin weiß sie, dass die kürzeste Verbindung zwischen zwei Punkten keine gerade Linie ist. Bewusst wird ihr allerdings wohl auch, dass momentan die kürzeste Verbindung zwischen zwei Punkten eher eine unbestimmte amorphe Linie ist.

Und weil eine gerade einheitliche politische Gedankenlinie nicht existiert, wird sie halt erdacht. Von anderen. Vorsätzlich konstruiert. Wo bestimmte Leute ohne Hosen da stehen, gefällt es den Züchtigen nicht und sie dichten denen eine gestrenge Hosennaht als Linie an. Damit dazu deren eigenes Denken quer gelegt werden kann. Eine erdachte Linie wird als real existierend erklärt. Ansonsten würde dem eigenen Querdenken überhaupt eine Orientierung fehlen. Man müsste dann zugeben, dass man im Denken amorph nachzugeben hätte, um gedacht quer zur Regierungslinie zu kommen. Was im Grunde ein ganz unsympathischer Gedanke ist. Eine schwabbelige undefinierte Linie als Basis der eigenen Querdenkerei.

Bereits damals hatten schon immer die Eltern ihren Kindern versucht zu erklären, der Klügere gibt nach. Der Klügere gibt nach und stellt sich nicht in die Quere. Der Klügere gibt nach und gönnt dem Denken das Verquere. Nur, Nachgeben ist ja nur etwas für Schwächlinge. Also jene, denen eben jene Herr-der-Ringe-, DC- und die vielen Marvel-Filme nicht gewidmet worden waren und die die Q-Denker jahrelang begeistert konsumiert hatten.

Das Prinzip “Der Klügere gibt nach” ist dumm, weil dann alle, die sonst nichts zu sagen haben, das Sagen haben werden. Aber nicht die Klügeren. Was den Querdenkern nicht gefällt. Auch wenn es denen nicht auffällt. Oder sollte den Eltern mal recht gegeben werden, dass sie doch recht hatten und die eigene jugendliche Pubertät nichts als die reine Pubertät war? So etwas geht gar nicht. Schließlich erklären bereits Psychologen, dass die Pubertät immer auch die Verneinung der Prinzipien in sich vereint, welche Eltern den Pubertierenden vorhielten, um sie in deren jugendlichen Handlungen zu entmündigen. Oder wie heißt es so schön: wir sind die, vor denen uns unsere Eltern immer gewarnt hatten. Und womit? Mit vollstem Recht.

Aber das zu erkennen, würde bedeuten, dass Superman, die Hobbits und die Avengers in Ricks Café in Casablanca sich bei einem alten Cognac unter den Augen eines Kommandanten nie die üblichen Verdächtigen zur Brust nehmen würden. So sitzen sie einträglich mit deren Experten am gleichen Tisch und planen die nächsten Predigten für deren Gläubige. Die Bergpredigt über Thanos seinen Finger-Schnipp.

Es werden keine “Glorreichen Sieben” am Horizont zu meinem Kampf “Against all odds” auftauchen und mir helfen. Kein Avengers, kein Batman, keine Wonder Woman, kein Superman wird sich neben mir stellen. Allein.

Der Sauerstoffgehalt liegt bei 98%, Puls bei 79, Temperatur erhöht, leichter Husten, der Blutdruck wie immer zu hoch und das Konto für mein 14-Runden-Match noch gedeckt. Wie geschaffen für ein Duell mit einem Virus, der mit N501Y klassifiziert wird.

Los geht’s.

Lebe geht wieder.

Ich hasse die Wirklichkeit, aber es ist der einzige Ort, wo man ein gutes Steak bekommt. (Woody Allen)

Über Hunde, die bellen, …

»Dritte Kasse, bitte!« Ich liebe diesen Moment. Meine Stimme allein im Verkaufsraum. Mit Recht gegen Bequemlichkeit und Kundenfeindlichkeit in einem Drogerie-Markt. Danach nur noch betretene Stille abseits den Verkaufsregalen.

»Dritte Kasse, bitte!« Prinzipiell werden Wünsche immer nur erfüllt, wenn der Nachdruck stimmt. Auf den Nachdruck kommt es an.

»Nu schreien Sie mal nicht so rum, junger Mann«, fiept eine Stimme zu mir rauf. Die alte Seniorin, Typ Hackenporsche-Schlepperin mit internalisierten 5-Promille-PS-DöSchwo-Motor, vor mir hat sich umgedreht und schaut mich jetzt entrüstet an.

»Ich schrei nicht. Ich will nur mein Recht auf schnelles Kassieren. Ich will nicht hier meinen Lebensabend verbringen«, ich tippe dabei auf meine Sportuhr und packe dem noch etwas nachdrücklich einen drauf: »Dritte Kasse, bitte!«

»Ja, is ja gut. Man hat dich gehört, Mann.« Ein junger Hipster in der anderen Schlange schaut mich vorwurfsvoll an. Mit seinen kleinen Finger rührt er in seinem rechten Ohr, als ob er gerade so etwas wie ein Knalltrauma erlebt hätte und sich den Rest vom Knall aus seinen Gehörgängen pömpeln wolle.

»Ja, nee, klar. Die Jugend mal wieder. Wie ihr über unsere restliche Lebenszeit mal wieder verfügen wollt, echt jetzt, das ist doch die reinste Arroganz.«

»Ey, Boomer, ist mir doch egal, ob du hier beim Warten krepierst, Hauptsache du kannst dann nicht mehr so rumtröten. Sei mal cool, Alter!«

»Ach ja? Am Wochenende sich mit R&B die Ohren voll knallen, aber hier auf Sensibelchen machen? Super. Tolle Zukunft. Dritte Kasse, bitte!«

»Wir haben es gehört«, tönt es enerviert von einer der Kassen.

»Ach ja? Und hat das Hören geholfen? Dritte Kasse, bitte!« Zeit für Kundenunfreundlichkeit statt mal etwas für den Kunden zu tun. Service-Wüste Deutschland.

Eine Hand legt sich leicht auf meinen Oberarm: »Ich muss Sie bitte, ein wenig leiser zu sein.« Eine Frau im Business-Outfit dreht mich zu ihr hin. »Wir haben Sie gehört, das hat meine Kollegin doch bereits gesagt. Es ist völlig unnötig, immer wieder das Gleiche zu fordern. Wir sind um unsere Kunden bemüht und …«

»Haben Sie mich angefasst?« Ihre Hand ergreifen, sie ruckartig von meinem Oberarm zu nehmen und weg zu stoßen waren mir ein wohltuender Reflex. »Haben Sie mich etwa angefasst? Sie sollten das unterlassen. Das ist eine Tätlichkeit, sie wissen das, nicht wahr.«

»Und Sie wissen, dass ich die Marktleiterin bin und hier das Hausrecht habe? Das sollten Sie sich merken. Wenn Sie sich nicht ruhig verhalten, sehe ich mich gezwungen, Ihnen Hausverbot zu erteilen.«

»Ach ja? Nur weil Sie uns Kunden mies behandeln wollen und keine dritte Kasse aufmachen wollen? Gewinnmaximierung durch Beschäftigungsminimierung, oder was?«

»Die dritte Kasse wird gleich geöffnet.«

»Und?«

»Und was?«

»Und deswegen müssen Sie gewalttätig werden und mich anfassen? Nur weil Sie sich weigern, eine dritte Kasse zu öffnen?«

»Ich war nicht gewalttätig. Das kann hier jeder erklären. Und ich hatte Ihnen doch bereits gesagt, dass eine dritte Kasse geöffnet wird. Und … «

»Absichtserklärungen, Absichtserklärungen, immer nur Absichtserklärungen! Worte sind schön, nur Hühner legen Eier. Statt Kunden auf solch mieser Weise zu behandeln. Kundenfreundlichkeit geht anders …«

Die Schlange bewegt sich. Die dritte Kasse war geöffnet worden. Die zwei Schlangen erweiterten sich um eine weitere, indem die Wartenden sich schnell an der neuen Kasse einreihten. Durch jene Marktleiterin war ich zu sehr abgelenkt, so dass mir nur wieder einer der letzten Plätze in einer der drei Schlangen blieb.

»Verhalten Sie sich ruhig, bitte. Sie hätten sich Ihr Hausverbot eigentlich redlich verdient gehabt. Ich lass aber noch einmal Gnade vor Recht ergehen. Verhalten Sie sich also ruhig«.

Die Marktleiterin dreht sich weg und verschwindet zwischen zwei Regalen inmitten von Pillen, Tampons, Gummis fürs Haar und achtlagigem Tissue-Klopapier aus grauen Recyclingpapier der Marke »Extra rau«.

Drei Schlangen verharren vor mir und ich starre die Schlangen an. Kaum Bewegung. Der Blick auf meiner Uhr ergibt, dass ich bereits knappe fünf Minuten in diesem Laden verweile, vier allein davon mit drei Deos in beiden Händen an der Kasse.

Vor mir allein diese drei Schlangen. Endlose Schlangen. Jede mindestens aus drei Leute gebildet. Erstarrt wie Salzsäulen eines Kunst-Happenings. Als ob die ganze Welt unendliche Zeit im totalen Überfluss besitzen würde. Als ob jeder die Unendlichkeit gepachtet hätte.

Drei Augenblicke hat diese Szenerie noch verdient. Drei. Mehr nicht. Kriegen die Kassierenden es nicht hin, die Scanner korrekt zu bedienen? Oder sind die Geldstücke für jene zu klein zum Nachzählen? Oder die Bankkarten alle unleserlich? Oder sammeln die Sammelpunktekarten die Punkte zehntelweise? Wissen die dort eigentlich, was die zu tun haben? Wer hat die geschult?

Noch einen weiteren großzügigen Augenblick. Keine Änderungen. Die Schlangen verlängerte sich bereits um jeweils eine weitere Person. Merkt eigentlich niemand, dass an den Kassen Zeitdiebe sitzen? Elendige Zeitdiebe, die die Kunden dafür zusätzlich noch abkassieren? Eigentlich müssten die Kunden für deren Warten bezahlt werden, für deren Geduld, für deren schweigendes Ertragen, für deren Murrenlosigkeit.

Ganz klar. Putative Notlagen hin oder her, so etwas erfordert deutliche und klare Ansagen. In meine Lungenflügel pumpt sich Luft, mein Brustkorb hebt sich, ich drücke den Rücken durch und lasse es vibrierend gen Decke ertönen:

»Vierte Kasse! Bitte!«

Sage mir, Mignon, kennst du das Land, wo …

Kennst du das Land, wo die Kennzahlen blühn,
Im reinen Licht der Mathematik glühn,
Ein milder Hauch der mächtgen Numerik,
Jed’ Bär wird still, jed’ Bulle seelig,
Kennst du es wohl?
Dahin! Dahin
Möcht’ ich mit dir, Arithmasthenie, ziehn!

Kennst du Mathe? Auf der Welt ruht ihr Dach,
Es glänzt die Zahl, gern als Wert auch mehrfach,
Kennzahlen-Bildner stehn und sehn dich an:
Was hat man dir, du armes Kind, getan?
Kennst es nicht wohl?
Damit, damit
Rechne, du Mathe unkundig’ Relikt.

Kennst du Wahrscheinlichkeit und Algebra?
Jed’ Rechner hat sein Abrakadabra,
Wartend mit Formeln, Ziffern und Zahlen,
Um Arglose ungnädig zu mahlen.
Kennst du es wohl?
Dahin! Dahin
Geht unser Weg. Oh Kennzahl, lass uns ziehn!

Parkbankgeschichte: Nachdenksaiten

„Lange Bank hier.“

»Stimmt. Eine lange, harte Bank.«

„Gestatten, mich neben Sie auf dieser langen Bank zu schieben?“

»Tun Sie sich keinen Zwang an.«

„Danke.“

»Auch gerade von der Demo gekommen?«

„Ich sag Ihnen, früher war das nicht so.“

»Früher?«

„Das mit den Demos.“

»Warum?«

„300 Leute, 500 Polizisten.“

»Macht 800 Demoteilnehmer. 100 mehr als beim letzten Mal. Fast ne vierstellige Zahl.«

„Als alles begann, waren wir nur 10.“

»Demoteilnehmer?«

„Demonstranten.“

»Bagida?«

„Auch. Den Menschen hier im Lande muss einfach mal ins Gedächtnis gerufen werden, wo sie leben.“

»Ja, man muss sie aufwecken, damit sie zucken. Kindern erzählt man Geschichten zum Einschlafen – Erwachsenen, damit sie aufwachen.«

„Jorge Bucay.“

»Genau Bucay. Geschichten helfen, sich dem eigenen Bewusstsein bewusst zu werden.«

„Eben. Bill Gates, Big Data, The Great Reset, Atlantikbrücke, Corona-Diktatur, Merkel, Söder, Drosten, Impfpflicht, Mainstream und so weiter. Ohne all den dazu erzählten Geschichten würden die Menschen doch gar nicht aufwachen und überhaupt etwas zu unternehmen. Die sollen ruhig mal etwas nachdenken.“

»Nachdenken ist immer gut.«

„Aber nicht zu viel. Denn zu viel Nachdenken ist nicht gesund. Ist kontraproduktiv.“

»Okay, dann ist es besser, das Ganze outzusourcen. Statt nachdenken, zu denken geben. Das ist produktiver. In anderen Ländern werden von den Menschen Positionen überdacht, in Deutschland bislang nur Fußballstadien.«

„Machen Sie mal keine satirischen Bemerkungen, mein Bester!“

»Hm?«

„Satire muss immer gegen die da oben gehen. Ansonsten ist es keine Satire mehr. Wer seinesgleichen undifferenziert mit Satire kritisiert, der hat die Satire an sich nicht verstanden. Satire verwenden, darf nicht jeder.“

»Eh klar. Sowas ist wohl eher reaktionär, schlechter Geschmack und hohlköpfig.«

„Falsche Verwendung macht die scharfe Klinge der Satire gegenüber die da oben stumpf!“

»Im Grunde sind all die Verschwörungstheorien nichts anderes als Satire, welche die da oben nicht verstehen.«

„Jetzt machen Sie mich aber traurig.“

»Etwa nicht?«

„Es gibt keine Verschwörungstheorien. Das ist alles Realität. Das Wort ‚Verschwörungstheorie‘ wird doch von denen da oben benutzt, um uns hier unten zu diskreditieren. Immer. Das FBI hatte damals in den 60ern das Wort geprägt, um damit gegen Kritiker der USA vorzugehen.“

»Wenn ich so drüber nachdenke, dann sind somit Verschwörungstheorien der da oben das Pendant zu der Satire von uns hier unten … «

„Tja, ich sagte Ihnen doch, nachdenken ist zwar hilfreich, aber zu viel des Nachdenkens ist schädlich.“

»Echt?«

„Hören Sie einfach auf damit. Denn freilich gibt es Verschwörungstheorien von Leuten, ähnlich wie wir sie sind. Aber die Erzähler solcher Verschwörungstheorien sind immer diejenigen, die noch pennen und  nicht aufgewacht sind, die die wirklichen Zusammenhänge noch nicht verstanden haben. Diese ewigen Gutmenschen, diese Versifften. Verstehen Sie?“

»Ihr Nachdenken bringt ganz neue Saitentöne hervor.«

„Das ist auch gut so. Neue Seiten beim Nachdenken sind okay, Nachdenkseiten haben noch niemals geschadet. Und wichtig zu begreifen ist, wenn nicht irgendwer für euch vor denkt, wer würde euch denn dann zum Nachdenken bringen? Diese unproduktiven „Ich denke, also bin ich„-Vollspacken braucht niemand. Die sind nur überflüssiger Ballast für das eigentliche Denken.“

»Noch mal zum Mitdenken, … «

„Falsch! Mitdenken geht gar nicht, tun nur Mitläufer! Wir brauchen keine Mitdenker in unserer Bewegung, sondern Nachdenker.“

»Und wer übernimmt dann die Vordenker-Rolle?«

„Das sollte man nur wenigen, dazu Qualifizierten, überlassen. Es sind ganz spezielle Fähigkeiten erforderlich. Dafür gibt es ganz harte Kriterien.“

»Zum Beispiel?«

„Dass solch ein Mensch sowohl zwischen Satire, wie Verschwörungstheorien, als auch Mainstream sauber unterscheiden kann.“

»Also muss er wissen, worüber er lachen kann?«

„Darf, mein Bester, darf. Nutzloses Lachen ist reiner Hedonismus, eine zügellose Art der zweckfreien Onanie. Geht gar nicht. Geht fast schon in miesen Narzissmus über. Das wahre Lachen ergibt sich nur aus der Erkenntnis eines richtigen Nachdenkens.“

»Ich dachte, Vordenken sei das wichtige?«

„Oh Mann, Sie müssen auch mal mitdenken! Nachdenken spielt beim Vordenken eine wichtige Rolle.“

»Aber wenn jemand nachdenkt, dann kann er doch nicht vordenken.«

„Ich seh schon, Sie können noch nicht mal mitdenken. Also überlassen Sie das Denken mal denjenigen, für denen das nicht so kompliziert ist. Die wissen, was sie denken.“

»Und ich soll deren Vordenken ohne Nachdenken übernehmen. Weil diese Vordenker-Gedanken eh bereits Produkt von Nachdenken-Gedanken sind, welche aus dem Vordenken resultieren und nicht aus einem Mitdenken. Wobei Denken zudem an sich anderen überlassen werden soll, die mehr Erfahrung beim Denken haben? Eh klar. Nur, wie soll dann das mit dem mitdenkenden, vordenkenden nachdenkenden Mitlaufen klappen?«

„Oje, das überfordert Ihr Denken. Sie sind noch in der Gedanken-Diktatur des Mainstreams gefangen. Kein Wunder, dass niemand erkennt, dass wir in einer Corona-Diktatur leben. Sie sind offensichtlich nicht anders als all diejenigen darin gefangen, denen man bedrohliche panikmachende Geschichten wie Impfbedrohungen und so erzählen muss, damit sie endlich mal aufwachen.“

»Zum Nachdenken?«

„Herrgottnochmalundwiezugenähtmussmanhirnlichsein, nein! Zum unabhängigen Mitdenken! Kapieren Sie das doch mal!“

»Ja doch.«

„Ach ja?“

»Ja. Kapiert von Anfang an. Durch die Bank.«

„Von Anfang an? Dann wiederholen Sie mal.“

»Lange Bank hier.«