Da uns schlägt die rettende Stund, Teil 5

[21.12.2018 06:01:17] „Hallo Kerstin und Gerd, mit Interesse las ich eure Anzeige, dass ihr Weihnachten nicht allein, sondern in einer größeren Gruppe feiern möchtet. Ist das noch aktuell? Frohe vorweihnachtliche Grüße, Careca“

[21.12.2018 13:21:49] „Hallo Careca! Super! Du bist eingeladen! Wir freuen uns. Grüße Kerstin und Gerd“

[21.12.2018 14:41:14] „Hallo Kerstin und Gerd, das ist schön. Was habt ihr denn geplant?“

[21.12.2018 17:05:33] „Hey Careca, Kerstins Großeltern mussten dieses Jahr ins Altersheim, weshalb wir beide Weihnachten nicht bei Ihnen verbringen können. Und ihre Eltern verweilen gerade auf den Kanaren, also ist da auch nichts und wir sind allein. Wir beide würden uns sehr freuen, zusammen mit dir in einer Gruppe bei jemandem den Heiligen Abend verbringen zu können. Gedacht haben wir, zusammen zu kochen, Wein zu trinken und einen Filmabend bei Kerzenschein und Weihrauchduft zu machen. Bislang haben zwei Paare, eine Frau und ein Mann zugesagt. LG Kerstin und Gerd“

[21.12.2018 17:59:11] „Hallo Kerstin und Gerd, das hört sich vielversprechend an. Habt ihr schon genauere Pläne? Wo wird das ganze stattfinden?“

[21.12.2018 18:55:21] „Hey Careca, wir haben eine Liste aufgestellt, was so benötigt wird. Die anderen haben bereits einiges schon abgedeckt und können es mitbringen. Für dich wären dann noch folgende Punkte zum Auswählen: Weihnachtsbaum (geschmückt), Weihnachtsgans (Bio), Bordeaux-Wein (bitte keine Billigmarken, die schmecken nicht). Filme und DVD-Player stellen Kerstin und ich. Die anderen stellen Beilagen, Salate, Biosäfte, ausreichend selbstgebackenes Weihnachtsgebäck und Joints. Und: wir suchen noch einen Ort für die Weihnachtsfeier. Ich hoffe doch sehr, dass es bei dir gehen wird. LG Kerstin und Gerd“

[21.12.2018 21:12:16] „Hallo Kerstin und Gerd, ich habe gerade eine Einladung zu einem Weihnachtsfest von einer Freundin erhalten. Ich wünsche euch noch viel Erfolg für euer Fest. Careca“

Da uns schlägt die rettende Stund, Teil 4

[20.12.2018 07:31:52] „Hallo sehr geehrte Familie, mit Interesse las ich ihre Anzeige, dass Sie Weihnachten einem einsamen Menschen anbieten, mit Ihnen Weihnachten zu feiern. Ist die Anzeige noch aktuell? Frohe vorweihnachtliche Grüße, Careca“

[20.12.2018 22:35:02] „Hallo Careca, das stimmt. Sie ist noch aktuell. Können Sie mehr zu sich schreiben? Aufgrund der Entwicklung in Deutschland der letzten Zeit müssen wir auf die Beantwortung der nachfolgenden Fragen bestehen: Wer sind Sie? Warum sind Sie einsam? Aus welchen Verhältnissen kommen Sie? Was machen Sie beruflich? Leben Sie zur Miete oder in einem Eigenheim? Welche Bekanntenkreise haben Sie und warum feiern diese keinen Weihnachten? Darüber hinaus: Können Sie sich auch bei der Bescherung am Heiligabend entsprechend beteiligen? Wir können Ihnen eine Wunschliste von meiner Frau, mir selber und unseren drei Kindern zuschicken, wenn Sie uns Ihren Wunsch für ein Geschenk (max. 30 Euro) übersenden. Darüber hinaus wäre eine Unkostenbeteiligung für das Festmahl inklusive Getränke von 50 Euro erforderlich. Mit freundlichen Grüßen Familie Bode“

[20.12.2018 23:54:32] „Sehr geehrte Familie Bode, es hat sich erledigt, ich habe gerade vorhin Verlobung auf Schloss Neuschwanstein gefeiert. Die Hochzeit wird am Freitag vor Heiligabend in der Münchner Frauenkirche stattfinden. Sehen Sie meine Anfrage als gegenstandslos an. MfG Careca (nach Diktat vereist, übrigens auch verreist)“

Da uns schlägt die rettende Stund, Teil 3

[19.12.2018 09:07:49] „Hallo, mit Interesse las Ihre Anzeige, dass Sie Leute suchen, die Weihnachten nicht allein feiern möchten und mit denen was unternehmen möchten. Ist das noch aktuell? Frohe vorweihnachtliche Grüße, Careca“

[19.12.2018 09:07:59] „Sehr geehrter Interessent. Vielen Dank für Interesse. Wir sind ein international renommierte Vermittleragentur und haben uns darauf spezialisiert, gerade an Festtagen Menschen zusammenzubringen, die an solchen Tagen in ein schwarzes Loch der Einsamkeit zu fallen drohen. Wir kratzen an der Oberflächlichkeit, wie es kein Oberflächlicher dieser Welt bei seinem Bentley es zu wagen vermöge. Nach uns vorliegenden neuesten Statistiken steigt die Gefahr der Suizide wegen Einsamkeit unter deutschen Singles gerade an Festtagen wie Weihnachten, Silvester, Aschermittwoch, Karfreitag, Ostern und Allerheiligen überproportional. Wir haben uns als selbst erklärtes Ziel gesetzt, dieser Bedrohung etwas wirklich Handfestes entgegenzusetzen. Niemand soll sich an solchen Tagen unglücklich fühlen. Wir bringen Menschen zusammen und geben ihrem Leben wieder Lebensqualität und Lebensfreude. Wenn Sie uns heute noch per Direktüberweisung 50 Euro zur unentgeltlichen Verfügung stellen, erhalten Sie noch heute Zugriff auf eine Datenbank, in der Sie Gleichgesinnte in ganz Deutschland finden werden, die wie Sie darauf warten, mit Ihnen die kommenden Festtage sinnvoll zu verbringen. Lassen Sie sich nicht zu den Festtagen in ein Stimmungsloch fallen. Ihre Lebensfreude liegt uns am Herzen. Den Link zur Direktüberweisung finden Sie am Ende dieser Mail. Mit festtäglichen Grüßen Ihre Lebensfreude-Agentur“

Da uns schlägt die rettende Stund, Teil 2

[18.12.2018 14:30:21] „Hallo Detlev, mit Interesse las ich deine Anzeige, dass du Weihnachten nicht allein feiern möchtest. Ist das noch aktuell? Frohe vorweihnachtliche Grüße, Careca“

[18.12.2018 19:25:19] „Hallo Careca, die Anzeige ist freilich noch aktuell. Aber ich suche keine Single-Männer, lol. Ich suche Single-Frauen oder Paare, die sich Weihnachten mit mir treffen wollen und wissen, was man dann zusammen so macht, lol. Mit Männern treffe ich mich übrigens nicht, steh ich nicht drauf, bin total nicht schwul, lol. MfG Detlev“

Da uns schlägt die rettende Stund, Teil 1

[17.12.2018 09:16:31] „Hallo Anette, mit Interesse las ich deine Anzeige, dass auch du Weihnachten nicht allein feiern möchtest. Ist das noch aktuell? Frohe vorweihnachtliche Grüße, Careca“

[17.12.2018 11:12:11] „Lieber Careca, schön, dass du dich auf meine Anzeige gemeldet hast. Könntest du dich vielleicht ein wenig beschreiben? Anette“

[17.12.2018 12:03:48] „Hallo Anette, aufgrund des Endes meiner 30-jährigen Beziehung werde ich dieses Weihnachten unabhängig feiern. Doch so ganz alleine möchte ich nicht feiern und darum habe ich auf deine Anzeige reagiert. Ich bin über 50 Jahre alt, aber längst noch nicht zum alten Eisen gehörend. Für mich zählen Lebensfreude und Lebensbejahung. Neue Menschen kennenzulernen, ist eine spannende Sache für mich. Und Weihnachten ist genau die Gelegenheit mit neuen Leuten das Fest zu verbringen. Und selber? Grüße Careca“

[17.12.2018 14:43:07] „Liebster Careca, ich und meine vier Katzen sind auch total lebensfroh und suchen dieses Jahr eine andere Möglichkeit, Weihnachten sinnvoll zu verbringen. Das ewig Familiengetue ist nicht meins, darum habe ich die Anzeige geschrieben. Deine Beschreibung von dir ist supertoll. Ich mag aufgeschlossene Menschen. Was verstehst du unter Weihnachten? LG Anette“

[17.12.2018 15:57:47] „Liebe Anette, ich kann dir viel über Weihnachten schreiben und wie ich dieses Fest sehe. Es ist ein Fest voll der Heuchelei und Entmenschlichung. Meine Erfahrungen sind sicher nicht die besten und erst recht nicht die, welche mit dem ganzen Familienbrimbramborium zusammenhängen. Warum muss Weihnachten denn immer so eine Stimmung haben, wie auf dem Zentralfriedhof von München mit lediglich halb soviel Leben auf den Münchner Straßen? Ich denke, wir haben wohl da gleiche Erfahrungen gemacht. Ich würde ein Weihnachten mit mehr Aktion befürworten. Rausgehen, feiern und nicht vor dem Fernseher bei „Drei Haselnüssen für Aschenbrödel“ oder „Der kleinen Lord“ versauern, nicht wahr. Warum immer Bockwurst mit Kartoffelsalat an Heiligabend statt mal ein gutes, vier Gängemenü, das wäre doch mal der Burner. Weihnachten muss man doch nicht in deutscher Bräsigkeit verbringen, oder. Ich bin nicht so die Couch-Kartoffel, sondern will noch eine ganze Menge leben. Mit 50 Jahre muss man nicht schon ranzig leben, nicht wahr. LG Careca“

[17.12.2018 21:17:59] „Careca, danke für deine Gedanken. Aber ich denke, dass wir nicht ganz auf der gleichen Wellenlänge liegen, um Weihnachten zu begehen. Ich weiß gar nicht, was du gegen „Drei Haselnüssen für Aschenbrödel“ oder „Der kleinen Lord“ hast. Das sind doch schöne und besinnliche Filme. Und danach um Fünf in die Christmette ist doch dem Tag mehr als nur angemessen, nicht wahr. Ich sehe auch nicht ein, warum man nach der Messe mit Traditionen brechen muss und statt den normalen Wienern jene unschmackhaften Bockwürste serviert haben will. Charles Dickens Weihnachtsgeschichte unterm Weihnachtsbaum und danach Bescherung ist eine passende, kontemplative Tradition. Außerdem läuft am 1. Weihnachtstag des Abends noch die Helene Fischer Show. Ich weiß gar nicht, warum man dann noch rausgehen muss. Zudem denke ich, du bist nicht mein Fall, um Weihnachten wirklich anständig zu begehen. Für die Zukunft wünsche ich dir alles Gute, Anette“

Krokodilschluss

»Schreib!«

»Ich kann nicht auf Befehl schreiben.«

»Ach ja? Das wollen wir mal sehen. Hier, frisch auf deinem Schreibtisch gefunden, ein ausgefüllter Anhörungsbogen der Polizei. Du bist mit 106 km/h durch die Alpendorfschaft gebrettert, da wo lediglich Tempo 30 war. Da konntest du doch auch auf Befehl schreiben. Tapfer. Also schreib.«

»Das ist doch was anderes. Da musste ich mich, meinen Führerschein und meine Freiheit verteidigen.«

»Was anderes? Glaubst du doch nicht in echt, oder?«

Er trat einen Schritt näher und drückte mir etwas in seiner Tasche seines Trenchcoats in den Rücken. Charakteristische Mündung. Eindeutig. Charakteristisch, wie es in Handbüchern zum Schreiben von Krimis empfohlen wird zu beschreiben. Zudem wahrscheinlich eine Glock, oder so. Die wird einem ja inzwischen an jeder Ecke angeboten. Will keiner mehr haben. Zu auffällig, zu bekannt. Seit den NSU-Morden will die niemand mehr. Oft gibt es zur Waffe noch Munitionspakete gratis oben drauf.

»Was wollen Sie von mir?«

»Schreib!«

»Ich schwör Ihnen, ich hätte nie die Tür geöffnet, wenn ich gewusst hätte, dass Sie nicht – wie Sie behaupteten – von den Zeugen Yehovas wären.«

»Schreib!«

Er schubste mich in meinen Schreibtischstuhl, drehte mich zu meinen Schreibtisch rüber, knallte mir eine Kladde vor die Nase, pflückte einen Kugelschreiber aus seiner Trenchcoat-Innentasche und klemmt diesen in meine rechte Hand.

»Zum letzten Mal: Schreib!«

»Ja, um Himmels Willen, was denn? Was soll ich denn schreiben? Mein Testament?«

»Das ist mir doch scheißegal. Mach was aufs Papier nieder, aber dalli! Etwas, was sich verkaufen lässt!«

»Ich bin doch kein Autorentalent, kann mir nichts aus dem Ärmel schütteln. Ich bin der total Falsche für so etwas.«

»Ach ja? Erzähl das deiner Oma.«

»Schon tot.«

»Willst du? Leg es nicht drauf an!«

»Verdammt, was soll ich denn schreiben?! Erpresserbrief? Rechnungen an Sie über angeblich gelieferte Waren?«

»Hömma! Mach hier nicht den Larry, woll. Du schreibst jetzt! Unser Start-up “Verlag kreiert erfolgreiche Autoren” hat dich ausgewählt, den nächsten Bestseller zu schreiben. Also tu was für unseren Shareholdervalue, woll, oder du bezahlst.«

»Okay, Sie haben die besseren Argumente in Ihrer Hand. Aber: Gewalt ist keine Lösung. Wäre es nicht besser, Sie würden ein Autorentalent für ihr Projekt auswählen? Nicht so ein Schreiberling wie mich? Jemand, der auf seine Entdeckung wartet? Der mehr Chancen auf den Deutschen Buchpreis haben wird als ich?«

»Laber nicht, Alter. Und: Gewalt ist immer eine Lösung! Krieg das in deinen Schädel rein. Geschichte haben schon immer die Gewalttätigen der Welt geschrieben.«

»Autoren sind keine Gewalttäter!«

»Die schärfste Waffe bleibt der Federkiel in der Hand eines Autoren!«

»Federkiel? Ich habe nur einen Kugelschreiber.«

»Links und rechts in die Augen und dann in die Kehle, darauf mit dem Knie ins Herz reindrücken. Das Opfer verstirbt röchelnd. Und du willst behaupten, ein Kugelschreiber sei harmlos? Präsidenten hassen die Dinger in den Händen der Autoren von Bücher und Zeitungen.«

»Solche schreiben auch längst nicht mehr mit Kugelschreibern, sondern am PC.«

»Nicht wahr. Oder schon mal von einer Neutralisierung eines Lebens per Tastatur gelesen? Darum hast du Papier und Kuli und ich den Peacemaker. Also keine falsche Hoffnungen. Ich bin hinter Dir und Du vor mir. Also schreib!«

»Worüber?«

»Worüber? Da wird aber mal einer witzig. Über 50 Jahre alt und kein Thema mehr? Das kannst du deinen Enkelkindern auf deinem Schoss erzählen, wenn Du an denen rumgrabbelst. Schreib! Eine wahre Begebenheit aus deinem Leben! Lass die Welt dran teilhaben.«

»Etwas Reales aus meinem Leben?«

»Schreib!«

Zwecklos. Er hatte die Macht und ich nur einen Kuli. Ich öffnete die Kladde, nahm den Kugelschreiber, kaute kurz auf dem Stift herum und fing einfach an zu schreiben:

»Das Folgende ist eine wahre Geschichte. Die in dieser Geschichte dargestellten Ereignisse beruhen auf einer Begebenheit, welche sich im Jahr 2018 in der romantischen Nähe der verführerischen Loreley vollzog. Auf Wunsch der Beteiligten wurden die Namen geändert. Und eben aus Respekt vor jenen Beteiligten wird der Rest der Geschichte genau so erzählt, wie sie sich zugetragen hatte. Vom Recherchieren, wer die Beteiligten waren, wird dringend abgeraten, wenn einem das Leben lieb ist.«

Ich schrieb …

Der tiefe Griff nach den Sternen

In jungen Jahren erhielt ich zum Eintritt in den Kindergarten Geschenke. In dem bunten kleinen Kindertornister waren ein Abakus, ein Welt- und Sternenatlas, ein Buch über die Astronomie und zwei Kurzausführungen des Grundgesetzes. Die Geschenke hatte ich begeistert angenommen und schon war ich in dem Kindergarten als Außenseiter und Streber verschrien, als einer der statt lieber mit flauschigen Hoppelhäschen und holzigen Brumm-brumm-brumm-Mähdreschern spielte, die Kindergärtnerin immer mit Fragen nach Papier und Buntstifte nervte.

Mit Hilfe dieser Bücher und dem Abakus errechnete ich binnen zwei Monaten, dass ich im Sternzeichen Wassermann geboren wurde. Dabei stellte ich auch noch fest, dass ich vom Widder aus gestartet bin und zur Waage unterwegs sein müsste. Der Weg dahin führte über das Schwert des Orion, Kassiopeia, den Reiterlein des Großen Wagens über die leuchtenden Plejaden hin zu dem Kreuz des Südens, um von dort aus die Unsichtbarkeit des Nordsterns zu erforschen.

Nach drei Monaten weiterer Berechnung war mir klar, dass ich Kassiopeia aussparen müsste, wollte ich alle meine Geschenke für den Kindergarteneintritt mitnehmen. Denn die zwei Kurzausführungen des Grundgesetzes wollte ich um keinen Preis zurück lassen und der Treibstoff meiner Rakete hätte für den ursprünglichen Weg nicht ganz ausgereicht. Zu meiner Schande muss ich allerdings gestehen, dass ich in der ersten Berechnung das Kreuz des Südens mit dem Kamener Kreuz verwechselte, weswegen ich zuerst mathematisch mir bewiesen hätte, dass mein Plan irrealistisch gewesen wäre. Aber dank des Weltatlas wurde ich meiner Verwechselung bewusst und konnte meine Rechenarbeiten nach fünf Monaten erfolgreich abschließen. Mir war klar, mein Lebensplan stand und mein Lebensweg sollte mich nach den Sternen greifen lassen. Per aspera ad astra.

Meine Eltern waren nicht sehr begeistert von den Plänen. Sie waren beunruhigt und nach Überweisung einer nicht unerheblichen Menge Geld für verbrauchtes Papier und Buntstifte an den Kindergarten wollten sie mir mein Vorhaben ausreden. Mein Vater wollte mir weismachen, dass Zugschaffner mein Traumberuf wäre. Statt vertikales streben nach Höherem, horizontal bogenförmiges voran schleichen. Meine Mutter fand dagegen den Beruf Feuerwehrmann für mich ideal, weil ich im Garten nach dem Kindergarten doch immer so gerne mit dem Gartenschlauch gespielt hätte. Aber ihr war nicht klar, dass ich lediglich Versuche mit dem Wasserschlauch betrieb, um meine Berechnungen zum Thema Antrieb durch Rückstoß zu verifizieren.

Als meine Eltern merkten, dass ich mich partout nicht von meinem Lebensweg abbringen lassen wollte, beschlossen sie mit mir zum Kölner Dom zu fahren. Ich hielt diese Idee für kindisch, denn ein Gott war in meinen Berechnungen nie ein Parameter gewesen. Ich kam ganz gut ohne ihn aus. Aber aus reiner Gutmütigkeit und mit dem Versprechen, unter dem Kölner Dom an der Imbissbude zwei “Rievkooche” mit viel Appelkompott zu essen, stimmte ich deren Plan zu.

Am Dom angekommen, sollte ich doch zu den Domtürmen hinauf. Mein Vater versuchte es mit dem lächerlichen Vergleich, die Türme seien die Raketen und oben wäre dann meine Atronauten-Kanzel und unter mir Gott, der auf mich aufpassen würde. Ich ließ mich letztendlich darauf ein, um meinen Eltern mal wieder eine Freude zu machen. Da beide aber nicht mit hoch wollten – sie meinten, sie wollten in ihrem Leben eh nie hoch hinaus, weil sie nicht schwindelfrei wären –, sprachen sie eine Gruppe mit derer Klassenlehrerin und Begleitperson an, ob sie nicht mich ebenfalls zusammen mit hoch nehmen würden. Der Mann und die Frau nickten und schon stiegen wir die ersten Stufen der Wendeltreppe hoch.

In meinen Berechnungen gab es keine Wendeltreppe aus Stein, sondern lediglich einen Aufzug aus Stahl. Und gequatscht wurde während des Aufstiegs gemäß meinen Berechnungen auch nicht, denn das hätte den Energieverbrauch nach oben getrieben und die Mission zum Kreuz des Südens gefährdet. So legte ich denn den Weg schweigend zurück und versuchte beharrlich zu ignorieren, wie ich jede Stufe mitzählte. Als jene energieraubende Wendeltreppe zu Ende war, erreichten ich eine offene Plattform, in dessen Mitte mich eine nach allen Seiten offene Stahltreppe erwartete. Angesichts jenes nur mit viel Kraft- und Energieaufwand zu bewältigenden Konstrukts war mir sofort klar, dass dieses Land einmal unter einer Energiekrise leiden würde und dem Wärmetod vorherbestimmt sein würde. Mit der Energiekrise sollte ich Recht behalten, als Ende November 1973 an vier Sonntagen ich mit meinen Eltern über leere Autobahnen spazierte. Mit dem Wärmetod ist es bei solch einer Entropieerzeugung auch nicht mehr weit hin, wenn bereits heute ach so aufgeklärte Menschen die Begriffe “Hitze” und “Dürre” im Gleichklang benutzen.

Nun ja, so stand ich also auf der Plattform und bestieg die Stahltreppe. Nach dem ersten Treppenabschnitt kam eine kleine Zwischenstahlplattform, nach dem zweiten ebenfalls und der dritte Abschnitt … sah für mich von unten nicht geheuer aus. Mein Blick nach unten verriet mir, welche Fallhöhe ich bereits gewonnen hatte. Der Mut sank und der Schwindel stieg. Der Lehrerin der Gruppe bemerkte es und stellte sich hinter mir, umarmte mich innig und versprach mich aufzufangen, sollte ich fallen. Mit Müh und Not bewältigte ich den Rest und kam letztendlich mit Schweiß auf der Stirn oben an. Vertigo.

Die Lehrerin nahm mit ihrer linken Hand tröstend meine rechte, drehte sie mit der Handfläche zu sich, während ihre rechte aufmunternd von meinem Schultern zu meinen Hüften samtig weich langsam runterstrich. Sie schaute konzentriert in meine Handfläche und bemerkte, dass dort eine Linie existieren würde, welche nur Wassermänner mit Aszendenten im Widder haben würden. Solche Männer seien willensstark, nie von ihrem Ziel abzubringen, Alphamänner sozusagen und daher sehr attraktiv für alle Mädchen und Frauen dieser Welt. Sie stockte kurz und mit gurrend freudiger Stimme erklärte sie mir, ich müsse vom Deszendenten auch noch Waage sein und diese Art Männer wären der absolute Hammer. Dabei drückte sie ihre Rechte in meinem Schritt, so dass sich bei mir das Blut staute und ich deswegen rot anlief.

“Komm, Karin,” hörte ich die vorwurfsvolle Stimme des männlichen Begleiters, ”du kannst doch nicht immer nur ans Vögeln denken!” Sprach es und zog sie von mir weg. Und so ließen sie mich alleine unbeaufsichtigt zurück, während weitere ankommende Turmbesteiger mich mit teils neugierigem, teils widerlich tadelndem Blick anstarrten.

Letztendlich stieg ich den Turm alleine wieder herunter und erreichte die sichere Erde, den festen Boden der Domplatte unter den Füßen. Meine Eltern waren außer sich vor Wut und Sorge. Hatten sie doch die Lehrerin und den Begleiter mit deren Schulgruppe auf der Domplatte ausgemacht und von mir war weit und breit keine Spur. Als ich dann so vor ihnen stand, mit feuchter Hose, leichtem Grinsen und befriedigt entspanntem Gesicht, hörte ich von denen nur im Befehlston ein “Komm her” und wurde dann von beschämten, peinlich berührten Gesichtern in Empfang genommen. Sie nahmen mich eng zwischen sich und gaben mir eine Einkaufstasche, mit der ich mich vorne bedeckt halten sollte. “Nächste mal sagste vorher Bescheid, wenn du musst! Klar?”

Seit jenem Tag wollte ich nie wieder Astronaut werden. Ich verbrannte meine umfangreichen Berechnungen heimlich in einem dunklen Wald – sie brannten ununterbrochen ungelogen zwei Stunden lichterloh –  und schwor dem vertikalen Astronautenleben ab. Mein Ziel war von nun ab völlig klar: ich wollte in die Schule. Unbedngt. Denn vielleicht hatte es dort auch solche Frauen wie damals oben auf dem Kölner Dom. Mehr als im Weltraum.

Nun, ihr möget euch sicherlich fragen, weshalb ich unbedingt die beiden Kurzausgaben des Grundgesetzes mit auf meiner galaktischen Sternenreise nehmen wollte?

Also, zu Tisch saß ich immer recht breitarmig und nahm mehr Raum ein, als mir zugestanden wurde, so beklagten sich darüber permanent meine Mutter, meine Tante und als auch meine Oma. Mit dem Grundgesetz unter den Armen durchs Leben gehend, so lernte ich, an reich gedeckten Tischen des Leben anderen Menschen deren Platz nicht streitig zu machen. Insbesondere, wenn Frauen sich ebenfalls am Tisch befanden. Heute brauche ich das Grundgesetz dazu allerdings nicht mehr. Auch nicht in der Kurzausgabe.

Wenn Sie in einem Aufzug sterben, achten Sie darauf, den Auf-Knopf zu drücken.

“Du dort, an dem Heidefelsen! Ich bin’s, Kati. Lass mich rein, durch dein Fenster.”

Erschöpft von der Wanderung an dem Felsen in der Heide war er kurz eingeschlafen. Ein kalter Wind wehte ihm Regengischt ins Gesicht. Es dämmerte, der graue Himmel tauchte die Landschaft in unwirklich graues Licht. Die Orientierung war ihm schon lange verloren gegangen. Er ärgerte sich, dass er sein Smartphone zum Anhören eines Hörbuchs genutzt hatte und beim Zuhören vergaß, dass er es noch zur Orientierung mittels einer Karte benötigt hätte. Erst als er bemerkte, dass er sich in der Heide verlaufen hatte, war es zu spät. Sein Smartphone schaltete sich ab. Eine Powerbank hatte er nicht mitgenommen, um notfalls den Akku aufladen zu können. Während er seine Nachlässigkeit bereut hatte, versuchte er sich an Steinen und Sträuchern zu orientieren, wo diese Moos führten und wo daher Westen sein könnte. Irgendwann, als der Himmel sich endgültig zugezogen hatte und zusätzlich zu dem scharfen Wind noch ein Sprühregen einsetzte, traf er auf einer Anhöhe den Felsen, der ihm Schutz vor den Regen gab. Er hockte sich leeseitig am Felsen. Er schwitze leicht unter seiner Windbreaker-Jacke und wollte nur ein wenig verschnaufen. Er blickte runter auf die Ebene und versuchte Hinweise auszumachen, die ihm die weitere Richtung weisen könnten. Aber der graue Himmel hing bis auf den Boden und der Sprühregen tat sein Übriges dazu, dass er nichts erkennen konnte.

“Du dort, an dem Heidefelsen! Ich bin’s, Kati. Lass mich rein, durch dein Fenster.”

Er war aufgeschreckt. Fenster? Er blickte um sich, aber da war kein Fenster. Er saß weiterhin am Felsen, die Sicht war schlechter geworden und sein Windbreaker war wohl doch nicht so gut, wie ihm der Verkäufer im Outdoor-Geschäft versprochen hatte. Er fühlte, dass sein Schweiß und die Feuchte des Regens, die in seinem Kragen herunterlief, in seinem Thermohemd eine unseelige Partnerschaft eingegangen waren.

“Kati? Katarina?”, murmelte er, “Katarina bist du’s?”

“Ich bin’s, Kati. Laß mich rein, durch dein Fenster.”

“Hier ist kein Fenster, Kati. Was machst du hier, Katarina?”

“Was machst du hier?”

“Ausruhen, Kati, ausruhen. Ich hab mich wohl verlaufen,” er lachte ein wenig und es klang verzweifelt, “ich, der immer behauptete, man solle ein Buch nehmen, wenn man dem Alltag entfliehen möchte. Ich hatte ein Hörbuch mitgenommen, jetzt habe ich dafür keine Karte mehr.”

“Bücher sind dafür da, um den Lesenden mit anderen Möglichkeiten im Leben vertraut zu machen. Für die Bildung, fürs Leben. Lebe in Übereinstimmung mit deiner Natur und verwirkliche deine Möglichkeiten.”

“Fängst du wieder mit den inneren Werten an, Kati? Darüber haben wir doch ausdauernd diskutiert. Die Sanftmütigen und die Großherzigen sind im Grunde selbstgerechter als die Tyrannen. Ihr jedoch strebt innerlich immer nach den Erhabensten.”

“Und Ihr immer nach Prunk und Gehabe.”

“Wir handeln aber immerhin in Übereinstimmung mit den Forderungen anderer! Und das ist unser Gott, unser Alpha und unser Omega. In aller Bescheidenheit gesagt.”

“Sei nicht so bescheiden, denn so eine großartige Person bist du nun auch wieder nicht.”

“Was du nicht sagst. Es macht dir wohl noch immer Spass, über unser christliches Abendland zu lästern?”

“Lästern? Der Holocaust lässt grüßen. Aber auch die Mongolei des WW2s, wo Menschen bei lebendigem Leibe gehäutet wurden, um sie mit Feuer und Salz zu foltern. Oder die amerikanischen Atombomben auf Hiroshima und Nagasaki vor über 70 Jahren. Deren Hitze zerstört die oberen Hautschichten und legt die Nerven blank. Deswegen laufen verbrannte Menschen breitarmig und breitbeinig durch die Gegend. Das Feuer dieser Bomben hatte bereits bei ihnen Höllenqualen ausgelöst. Ein weitere Kontakt auf der Haut würde das bereits quälende Gefühl, immer noch lichterloh zu brennen, verstärken. Feuer auf Menschen zu werfen ist die brutalste Qual für Menschen.”

“Du beschreibst Dantes Inferno.”

“Oder die Bilder von Hyronimus Bosch. Oder die Bilder der Bomben in Vietnam, Afghanistan, die Straße des Todes im Irak, Syriens Feuerbomben und so weiter, wo Menschen Kriege führen. Oder die andere Art des Tötens in Ruanda. In Ruanda wurden manche sofort getötet, anderen wurden die Achillessehnen durchtrennt, um die nun Hilflosen später langsam unter langen qualvollen Schmerzen zu töten. Oder heutzutage, wenn Menschen im Mittelmeer dem Ertrinken überlassen werden, wenn Drohnen oder hochtechnisierte Bomberstaffeln Feuer und Verderben den Feinden bringen.”

“Wie schön, dass uns die Reporter nicht mit Details über das Sterben der Menschen versorgen.”

“Wenn dann andere – wie deren exemplarischer Vertreter Donald Trump – gegen Reporter als Vertreter einer angeblichen ‚Lügenpresse‘ mit deren ‚Fake News‘ überbordend zürnen dürfen, dann ist das okay. Es scheint, als sei die Welt in gute und böse Menschen aufgeteilt. Die Guten schlafen besser, während die Schlechten die wachen Stunden viel mehr zu genießen scheinen, weil sie diese Stunden dann für deren Taten nutzen.”

“Kati, hör mir endlich mal zu: Warum tötet der Mensch? Er tötet, um zu essen. Und nicht nur, um zu essen: Häufig muss es auch ein Getränk dazu geben. Bei Gott, ich schwöre, Geld ist besser als Armut, schon allein aus finanziellen Gründen.”

“Dein ach-so-mächtiger Gott. Also schnell ein Gebet an ihn, nicht wahr, und alles wird sich ändern. Jedoch immer nur bei den anderen, die sich nicht dir entsprechend verhalten. Ein Vater, der Ausschwitz zulässt, hat nicht verdient, dass ein Kind ihm zuhört, oder? Warum ist überhaupt ein Gebet notwendig? Gott ist doch allwissend. Er müsste doch von dem detaillierten Übel besser Bescheid wissen, als alle Reporter dieser Welt zusammen.”

“Was willst du von mir, Katie? Was habe ich dir getan?”

“Diese deine Diskussionen, dein ewiges Das-wird-man-wohl-noch-sagen-dürfen, das hat mich getötet. Immer ein wenig mehr. Tag für Tag. Ich gebe sie dir zurück. Zu meiner Entlastung.”

“Kati, so verstehe doch! Du bist nicht so wie diese Gutmenschen. Du bist meine Kati. Meine Katarina.”

“Du sagtest vorhin, du hättest ein Hörbuch auf deinem Smartphone angehört?”

“Um ein wenig der Welt zu entfliehen, ja. Um abzuschalten beim Wandern. Wuthering Heights.”

Wuthering Heights? Dann hast du sicher auch das folgende gehört, oder? Erinnere dich. Lass es mich für dich rezitieren:

Catherine Earnshaw, mögest du dich nicht ausruhen, solange ich lebe. Du hast gesagt, ich hätte dich getötet – verfolge mich dann. Die Ermordeten verfolgen ihre Mörder. Ich glaube – ich weiß, dass Geister über die Erde gewandert sind. Sei immer bei mir – nimm jede Form an – mach mich verrückt. Nur lass mich nicht in diesem Abgrund, wo ich dich nicht finden kann! Oh Gott! Es ist unaussprechlich! Ich kann nicht ohne mein Leben leben! Ich kann nicht ohne meine Seele leben!

Du erinnerst dich? Erinnerst du dich? An was erinnert es dich?”

Er erinnerte sich. Mehrfach hatte er während dieses Gesprächs um sich geblickt, um zu sehen, wo sie war, von wo sie aus zu ihm sprach. Aber er sah sie nicht. Hinter sich war lediglich der mächtige, regenfeucht glänzende Heidefelsen, wie er sich klar gegen den immer dunkler werdenden Himmel abzeichnete. Aber keine Katarina.

“Kati, ich hab noch eine Flasche Lambrusco im Wanderrucksack. Ich hatte ihn in einem Kühlakku gepackt gehabt.”

Er musste bei diesen Worten innerlich lachen. Den Kühlakku hatte er mitgenommen, dabei reichte das jetzige Wetter allein schon aus, um den Lambrusco richtig zu temperieren. Er öffnete den Rucksack und holte die Flasche heraus. Sein Blick fiel auf den Kühlakku. Ihm wäre eine Powerbank für den Smartphone-Akku jetzt lieber.

“Willst du einen Schluck? Wein direkt vom Erzeuger aus der Region Emilia-Romagna importiert. Ich habe ihn vorgestern erst erhalten. Frisch abgefüllt.”

Er drehte den Verschluss der Flasche auf und hielt die Flasche anbietend von sich weg. Ob sie das Angebot annehmen würde? Dann würde er sie sehen, dann würde sie aus ihrem Versteck hervorkommen und er könnte sie bestrafen, dafür dass sie wieder mit diesen bereits ausdiskutierten Themen anfing und ihn nervte.

Er wartete. Nichts regte sich. Er beschloss selbst einen Schluck zu nehmen. Der Wein war prickelnd, kühl. Aber auch seine Hand war bereits durch die kalte Flasche abgekühlt. Er spürte den Regen, wie er als Rinnsal seinen Unterarm entlang in seine Kleidung hinein lief.

“Kati, willst du einen Schluck?”

“Du dort, an dem Heidefelsen! Ich bin’s, Kati. Lass mich rein, durch dein Fenster.”

“Kati, hör auf mit dem Quatsch. Du musst sehen, wie die Welt wirklich ist, Kati. Du bist doch nicht wie die anderen. Durch Schmerz und Einsicht geläutert, vermögen Menschen manchmal von den nichtigen Dingen des Daseins loszukommen. Aus Schaden wird man klug und Leid formt den Charakter immer in positiver Weise. Wer dem Leid flieht, wird nichts. ‘Per aspera ad astra’ wie der Lateiner zu sagen pflegt: Durch Ungemach zu den Sternen. Survival of the fittest, Kati. Diese Ansichten sind nicht neu, es hatte sie bereits vor dem Mittelalter gegeben. Du kannst es nachlesen.”

“Ja, ich weiß. Und diese Beschreibung wurde vom mittelalterlichen Klerus als Warnung vor dem Ende der Welt interpretiert. Und alle waren danach sehr enttäuscht, als der Montag ankam und man wieder arbeiten musste.”

“Kati, spotte nicht. Du bist selbstgerecht. Ungerecht. Unerfahren. Erinnere dich an uns in Venedig. Willst du einen Schluck vom Lambrusco? Katarina? Willst du?”

Er streckte seinen Arm mit der Flasche wieder aus. Sein Hand fühlte sich eisig an. Er spürte, die Kälte aus seiner Hand den Unterarm erobern, den Ellenbogen passierend, seine Schulter erreichend.

Eine kleine feine Klaviermusik ertönte. Eine hohe Stimme dazu singend vernahm er. Neben ihm. Eine eindringlich Stimme. Er verstand sie nicht, konnte die Worte nicht zuordnen. Es kam aus seinem geöffnetem Rucksack, den er neben sich stehen hatte. Sein Blick wanderte hinein in dessen Dunkelheit, tastete sich an dem gegerbten Rindsleder entlang, nach unten, immer tiefer und ganz unten sah er seinen alten MP3-Player. Das Display leuchtete gelb-orange, eine halbe Iris konnte er erkennen, japanische Schriftzeichen und eine Frau, die sich an dem Holzgestell eines riesigen Papier-Flugdrachen festhielt und aussah, als ob sie an einem Kreuz hing. Aber jene hing dort herausfordernd, lasziv. Er glaubte einen Tritt in sich tief drinnen zu verspüren. Kate? Kati? Katarina?

“Lass mich dir deine Seele wegnehmen. Ich bin’s, Kati. Komm nach Hause. Mir ist so kalt. Lass mich rein, durch dein Fenster.”

Schwarze Schriftzeichen erschienen auf dem Display. Auch dieser Akku hatte sich wohl geleert. Das Gerät fuhr herunter. Das Display verlöschte. Der MP3-Spieler wurde stumm. Der Regen drang in seinem Rucksack und bedeckte das Display vollständig.

Er rutschte etwas zurück und lehnte sich an den Heidefelsen. Den Lambrusco weiterhin von sich gestreckt haltend starrte er hinaus in die dichter werdende Dunkelheit.

“Kati? Katarina?”, murmelte er fast unhörbar, “Kate, bist du’s?”