Kneipengespräch: Statistisch gesehen, nur auf ein Kölsch (1)

»Moment!«

»Tür ist zu! Wir schließen gerade.«

»Ich hab’ noch ’nen Fuß drin! Oder beabsichtigen Sie, mir den abzuquetschen?!?«

»Dann ziehen Sie doch ihren Fuß zurück.«

»Ich weiche nicht! Lassen Sie mich rein! Mein Oberschenkel ist auch schon bei Ihnen drin! Und ein Teil meines Hüftknochens! Und …«

»Gut. Kommen Sie rein. Was wollen Sie?«

»Wer sind Sie?«

»Der Wirt. Und Sie?«

»Ich bin vom privaten Befragungsinstitut ‚Licht im Dunkeln am Tunnelende‘.«

»Aha. Kommt uns wieder ein Zug entgegen?«

»Vielleicht. Darum halte ich auch Ausschau nach dem deutschen Durchschnitts-Michel. Dem Otto-Normalverbraucher.«

»Dem Otto-Normalverwutzer? Wie soll denn der Otto so aussehen?«

»Körpergröße von exakt einem Meter und 72,5 Zentimetern. Gewicht bei 77 Kilogramm. Schuhgröße 40,5. Und durchschnittlich mit 5.205 statt der 7.000 Schritte pro Tag.«

»Bauchumfang?«

»97 Zentimeter. Also so in etwa.«

»Haarfarbe?«

»Im Schnitt ein dunkles Straßenköter-blond mit ca. 110.000 Haaren.«

»Bei welchem Intelligenzquotienten?«

»Also, 50 % liegen unter dem IQ von 100. Folglich mit 50-prozentiger Wahrscheinlichkeit immer eine unverkennbare, leicht dümmliche Intelligenz.«

»Eine leicht dümmliche Intelligenz?«

»Ja. Denn der deutsche Michel wählt aus reiner Dummheit immer falsch und lebt dummerweise immer über seine Verhältnisse.«

»Michel hamwa net.«

»Wie bitte?«

»Ich sagte: ‚Einen Michael haben wir hier im Lokal nicht‘. Und ‚Otto‘ ist im Übrigen auch aus. Denn mehr als 50 % hier in Bayern wählen bereits CSU, FW und AfD. Dafür benötigen die auch keinen IQ. Aber schauen Sie sich hier bei mir im Lokal ruhig um.«

»Hm, also wenn ich mich hier so umschaue, dann sehe ich hier alle mit einem adipösen Bauchumfang und wenig Haare. Interessanter Zusammenhang. Moment, ich notiere ‚Anzahl der Haare korreliert mit Bauchumfang‘.«

»Wer kopuliert?«

»Korreliert, guter Mann. Korreliert. Bei der Verteilung der Intelligenz haben Sie auch nicht ‚Hier!‘ gerufen, oder? Ich vermute, das hängt mit Ihren wenigen Haaren auf Ihrem Kopf zusammen?«

»Wo kein Mist eingearbeitet wurde, da kann auch nichts wachsen. Alte Bauernweisheit. Vielleicht gehöre ich auch nur zu den unter 50 %, welche schweigen und nicht laut sind?«

»Hm. So hatte ich das bislang nicht betrachtet. Interessante These, das mit dem Schweigen und den Haaren. Dabei sind die Glatzköpfe unter den Skinheads doch das bekannte Gegenbeispiel. Sie sind lautstark und denen wird auch immer das bedrohlichste gesellschaftliche Potenzial nachgesagt.«

»An ihrer Stelle würde ich lieber mal ein wenig tiefer bei ihren Untersuchungen anfangen. Sie sollten bei den Füßen anfangen, nachzuforschen. Diese Skinheads haben immer ungepflegte, lange, krumme Zehennägel und abartig beharrte Füße. Darum packen sie ihre Füße immer in dicken Springerstiefeln ein, damit das niemandem auffällt.«

»Das meinen Sie wirklich erst?«

»Sie als Statistiker müssten das doch besser wissen. Wussten Sie, dass jeder vierte Deutsche seine Unterwäsche nicht täglich wechselt und jeder dritte nicht täglich duscht? Braune Bremsstreifen in der Unterbux und das olfaktorische Problem sind etwas, was in der Statistik seine Spuren hinterlässt. Der Deutsche führt im Schnitt vier Lebenspartnerschaften in serieller Monogamie, hat aber in seinem ganzen Leben im Schnitt sechs Sexualpartner. Sechs minus vier, das macht ergo zweimal Fremdgehen, nicht wahr? Und von der Statistik wissen wir, dass jeder dritte Deutsche bereits einmal fremdgegangen ist, Frauen häufiger als Männer. Wir beide sind schon mal zwei. Sagen Sie mal, sind Sie verheiratet?«

»Und das alles wegen einer Unterwäsche, die nicht täglich gewechselt wurde?«

»Der Deutsche ist im Wandel. Weg vom Schweinefleisch, hin zur Kartoffel. Weg von der lebenslangen Ehe, hin zu der seriellen Partnerschaft. Der Deutsche ist hygienisch penibel, wäscht oder rasiert seine Haare von oben bis knapp unterhalb der Gürtellinie. Aber zugleich ist jeder dritte Deutsche pragmatisch, wenn es dabei deutlich unterhalb seiner Gürtellinie zugeht, sprich, was die Unterwäsche und die Kondomnutzung angeht. Der Deutsche lebt in einer alternden Gesellschaft, in der die Taillen breiter werden, die Nutzung von Kondomen abnimmt, der Verschmutzungsgrad der Unterwäsche zunimmt, während die Schritte weniger werden. Als ob sich sein Leben mehr in der eigenen Betthälfte als außerhalb davon abspiele. Kein Wunder, dass deswegen selbst die Briefwahl floriert. Was allerdings bleibt, das ist die Ungereimtheit mit den demografischen Daten. Wenn der Deutsche doch so sehr bettaktiv ist, und seiner Kondom-Intoleranz frönt, warum gibt’s dann nicht mehr Kinder?«

»Wie kommen Sie jetzt da drauf?«

»Fragen Sie nicht mich. Sie sind der intelligente Statistiker der oberen 50 %. Meiner einer ist nur Befragungsmaterial. Oder kamen Sie her, um letztlich doch nur ein Kölsch zu trinken?«

»Sie haben mich überzeugt. Ein Kinderkölsch bitte.«

»Ihr Wunsch ist mein Befehl. Meine Umsatzstatistik wird es Ihnen ab jetzt zu 7 % mehr dankbar sein. Zum Wohlsein. Also zu meinem.«

»Prost.«

»Aber nur für die Statistik, woll?«

Kneipengespräch: Es geht zu Ende

»Wenn das Jahr zu Ende geht, machst du dann auch deinen Jahresrückblick?«
»Sicher.«
»Wann?«
»Nach dem nächsten Kölsch.«

Der Wirt schiebt ein Kölsch rüber.

»Jetzt?«
»Wie war Weihnachten?«
»Schön und kalt.«
»Gut beschenkt worden?«
»Nicht ein einziger Weihnachtswunsch, noch eine einzige Karte.«
»Ah. Dich mag wohl niemand.«
»Vor Jahren habe ich immer ein Weihnachtspaket von meinem Bruder erhalten.«
»Das ist doch schön von ihm.«
»Nachdem ich ihm eines geschickt hatte.«
»Hm.«
»Beim letzten Mal hatte ich ihn am 23sten aus einem nichtigen Grund angerufen und erwähnt, dass ich es gerade noch per Express geschafft hatte, sein Weihnachtspaket auf den Weg zu bekommen. Zwei Tage nach Weihnachten erhielt ich sein Paket. Und ein Tag darauf einen Anruf von ihm, wann denn sein Paket von mir wohl eintreffen würde.«
»Und wann hat er es erhalten?«
»Gar nicht. Ich hatte ihm keines geschickt. Seitdem ignoriert er mich an allen Feiertagen und bedeutenden Tagen, an denen er mich ignorieren kann.«
»Hm. Und wie war da Jahr sonst so?«
»Wie ein Glas Amarone. Schwer, mit charakteristischem Abgang. Jetzt warte ich aufs nächste Jahr.«
»Okay. Ich hab dieses Jahr mal was völlig Neues ausprobiert. RP im Internet mit GTA.«
»RP? GTA?«
»Rollenspiel. Du erschaffst dir ’nen Avatar und erkundest damit deine Mitwelt in der Spielumgebung von Grand Theft Auto, einem Computerspiel, mit dem man mit anderen zusammenspielen kann.«
»Rollenspiel? Und wie war’s?«
»Intrigen, Crime, Mord, Spaß, Totschlag, aufgedonnerten Mädels, schnelle Autos und jede Menge Trash-Talk mit anderen Spielern.«
»Also wie das wahre Leben.«
»Nur, dass wir alle lediglich virtuell unsere Rollen gespielt haben. Aber wie im wahren Leben.«
»Und hat’s was gebracht?«
»Ich wurde gebannt.«
»Ah.«
»Weil ich denen meine Meinung gegeigt hatte.«
»Bist schon ziemlich frech, oder?«
»Fast wie im richtigen Leben.«

Der Wirt schiebt ein weiteres Kölsch rüber.

»Und was gab es dieses Jahr sonst noch bemerkenswertes?«
»Da war der Sohn, der mit einer Haarbürste in der Hand seine Mutter vor mir fragte, ob jene Haarbürste neu wäre. Denn wenn es sie nicht wäre, dann wäre es jene, die er damals seiner Bekanntschaft anal eingeführt hätte.«
»Was?«
»Er sagte auch, dass er es respektlos empfände, wenn in Deutschland wie üblich verdientes Geld einem geneidet würde. Deutschland wäre halt eine Neidgesellschaft. Wenn er mit einem Lambo in ein ärmeres Viertel fahren würde und würde sich dann jemand abfällig darüber äußern, wäre das absolut respektlos. Er hätte für seinen Lambo ja schließlich sehr hart gearbeitet.«
»Mit welchen Leuten verkehrst du eigentlich sonst noch so?«
»Mein Autohändler hat mir erklärt, dass es keine Weihnachtsreifen mehr gibt. Diese Gender-und Sprach-Fanatisten Deutschlands hätten vor Jahren es bereits gesetzlich geschafft, dass diese jetzt Winterreifen heißen.«
»Du hast falschen Umgang mit falschen Leuten. Das sollte dir zu denken geben.«
»Hm.«
»Und was sagt uns das?«
»Sie trinken alle kein Kölsch.«
»Na denn, Stößcken.«

+ + + + BREAKING NEWS + + + + + Gesetz zur Grundsicherung Bayrischer Parlamentarier gescheitert + + + + BREAKING NEWS + + + + +

Gott hat mitgehacktIm Bayrischen Parlament ist ein Gesetz des Bundeslandes Bayern für die Grundsicherung bayrischer Parlamentarier gescheitert. Der Gesetzentwurf sah vor, dass bayrische Parlamentarier, die mehr als 3-mal hintereinander Parlamentssitzungen im Maximilianeum fernbleibt, keine jährliche Steigerung der eigenen Diäten-Grundsicherung um 7,65 Prozentpunkte erfahren. Zweimal scheiterte der Gesetzesantrag für die Grundsicherung bayrischer Parlamentarier beim Streit um die validen Prozentpunkte. Beim letzten Antrag konnte auch der Koalitionspartner der kleineren Koalitionspartei als die bayrische, Landes-führende Partei dem Gesetzesvorhaben zustimmen. Am Ende war es die Unterschrift des Ministerpräsidenten, an der das Vorhaben scheiterte.

Die zur Umsetzung des Gesetzes erforderlich Unterschrift konnte ER nicht leisten, da ER durch Außer-Haus-Termine verhindert war und ER alle Hände voll zu tun hatte:

Beleg-Bild #1: Söder brät sich ne Wurst

Beleg-Bild #2: Söder präsentiert sich ne Wurst

(Quelle: x.com/Markus_Soeder)


Laut SEINEN eigenen Aussagen auf X ging es ihm um die Wurst bei einem anvisiertem erneuten Maskendeal mit Jens Spahn.

Beleg-Bild #3: Söder isst sich ne Wurst, zusammen mit Jens Spahn

(Quelle: x.com/Markus_Soeder)

Das Treffen wird allerdings wohl wiederholt werden müssen. Die Tochter des ehemaligen Bayrischen Ex-Finanzministers Gerold Tandler zog es vor, nicht anwesend zu sein. Wie aus gut unterrichteten Greisen zu erfahren war, säße dessen Tochter gerade mit Tandler-Amigos beim Tee-trinken in der Schweiz zusammen und würde das Aufräumen ihrer Wohnung in Davos durch Hausreinemachefrauen (Bürgergeldkandidatinnen aus dem Münchner Grünwald) beaufsichtigen. Immerhin: Wenigstens irgendwo wird noch gearbeitet, wie Kanzler Merz es öffentlich bereits gefordert hat.

Die Unterzeichnung von dem Gesetz der Steigerung der Grundsicherung von bayrischen Parlamentariern ist somit erst einmal aufgeschoben sein …

+ + + + BREAKING NEWS ENDE + + + + + Gesetz zur Grundsicherung Bayrischer Parlamentarier gescheitert + + + + BREAKING NEWS ENDE + + + + +

…. Hm? Ihr habt davon nichts in den Medien gelesen? Echt jetzt? Ihr vertraut dem Mainstream und seiner Informationsbereitschaft? Mal wieder typisch. Ts, ts, ts, ts …

Söder! Übernehmen Sie!

Servus, du Wurst-Zipfeklatscha!

Make Bavaria great again!Es ging um die Wurst. Die Söderin und der gelernte Wurst- und Metzgermeister Alois Rainer (CSU) konnten jetzt erst einmal durchatmen. Das »wurst case scenario« konnte abgewendet werden. Nach dem Verbot des Genderns von Amtswegen in Bayern wurde die nächste Bedrohung der deutschen Kultur gemeistert. Im Europäischen Parlament konnte das Verbot von nicht-fleischlichen Genüssen auf deutschen Verpackungsmaterialien in die nächste Instanz zum Verbieten gebracht werden.

»Eine Wurst ist eine Wurst. Wurst ist nicht vegan«, dozierte neulich der Sauerländer Merz als TV-Oberlehrer dem Volke vor der Glotze. Damit steckte er ganz klar Neuland-Terrain seiner Kernkompetenz ab: Definitionshoheit übers Würstchen-Grillen vom kleinen, ärmlichen Feuerchen an einem Flusslauf bis hin zu den Enders-/Weber-Luxusgrillmaschinen in dem Einfamilien-Villengarten.

»Es geht um Transparenz und Klarheit für den Verbraucher und um Anerkennung für die Arbeit unserer Landwirte«, sagte eine Abgeordnete der französischen Konservativen, Céline Imart. Im Europäischen Parlament gehört sie der EVP-Fraktion an. Von Europäischen VolksPartei zu Europäischen VerbotsPartei ist es immer nur dann ein kleiner Schritt, wenn es um die Wurst geht, bei der Schnitzeljagd gegen Sprachverwurstung. Transparenz und Klarheit. Und das bei Schnitzel und Wurst. Da bringt sogar eher das Palindrom »Vitaler Nebel mit Sinn ist im Leben relativ« mehr Klarheit und Transparenz unter einem angehobenem Wurstzipfel.

Eine Wurst ist eine Wurst. Basta! Das muss mal gesagt werden! Bettwurst, Erbswurst und Adenauers patentierte Sojawurst (»Kölner Wurst«, »Friedenswurst«) können sich schon mal nach neuen Namen umschauen.

Ja, und denkt an all die armen Würstchen unter uns. So viel Mostrich gibt es gar nicht, wenn die Sprachpolizisten diese verspeisen wollen. Weder Söderin noch andere werden diesen armen Würstchen eine Extrawurst braten. Sollten jene deswegen auf beleidigte Leberwurst machen wollen, sollte denen auch mal ganz klar gesagt sein: in Kalbsfleischleberwurst steckt mehr Schweineleber als Kalbsleber überhaupt. Denn genau genommen kann in Bayern statt Kalbsleber auch Jungrindsleder genommen werden, also die Leber von Rindern im Alter von acht bis zwölf Monaten statt von Kälbern bis zu deren achten Monat. Dann ist zwar keine Kalbsleber in der Kalbsleberwurst, … aber nun denkt doch mal nach! Seit wann ist im »Bayrischem Leberkäse« Käse und Leber drinnen? So etwas hat noch nie einen großen Geist aufgeregt. Das geht völlig in Ordnung in Bayern. Maximal Hanswürste wie ich verlieren Worte darüber. Denn der »Bayrische Leberkäse« gehört gemäß dem Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft (Minister: Alois Rainer, CSU) in die Kategorie »Brühwürste«.

Hauptsache unser Bier bleibt rein und es kommt uns auch nichts in die Wurst hinein. Also solch veganer Quatsch wie Gemüse, Obst oder anderes untierisches. Wobei Nitrite (E250), Nitrate (E252), Sorbin- oder Schwefelsäure (E200, E220), Phosphate, Emulgatoren und Antioxidationsmittel gelten nach bayrischem Verständnis nicht als vegan.

Hm? Antioxidationsmittel in einer Rostbratwurst? Ist das nicht ein Widerspruch in sich? Darf die Rostbratwurst denn noch so heißen, wenn das eisenhaltige Lebensmittel »Wurst« nicht mehr oxidieren kann, also dank Antioxidationsmittel nicht mehr rosten wird?!?

Herr Merz, bevor Sie in ihre Cessna steigen, könnten Sie nochmal eine Stellungnahme dazu abgeben?

»Eine Wurst ist eine Wurst. Wurst ist nicht vegan.«

Herr Söderin, was ist ihre Ansicht dazu?

»Ein Leben ohne Wurst ist möglich, aber sinnlos. Leberkäs statt Tofu-Tümelei.«

Alles hat ein Ende, nur … Herr Alois Rainer? Sie wollen auch noch ihren Senf dazu geben?

»Esst Fleisch fürs Klima und trinkt Milch für eure Gesundheit.«

Darauf ein Glas »Sonnenmilch« direkt aus dem Supermarkt, unweit des Kuhmilch-Regals. Daran stört sich doch auch keiner. Aber wehe, jemand sagt »Hafermilch« (oder „Mandelmilch“ oder »Sojamilch« oder etc.). Dann: Abmahnung geht raus! Weil? Weil »Sonnenmilch« hat einen Lichtschutzfaktor und »Hafermilch« eben nicht. Ganz eindeutige Verwechselungsgefahr mit gesundheitlichen Auswirkungen. Drum eben »Haferdrink« zum Schutze der Verbraucher. Im Supermarktregal, direkt neben den »Katzenzungen«.

»Esst Fleisch fürs Klima und trinkt Milch für eure Gesundheit«, erklärte uns unser Rainer Alois.

Logisch. Ja, ihm ist unser Klima halt wurstig. Herr Alois Rainer? Noch ein Nachsatz?

»Mir ist der Klimaschutz ein wichtiges Ziel. Das hat mit Fleischkonsum meines Erachtens nichts zu tun.«

Okay. Jetzt wird’s hier zu hanswurstig. Freilich, bayrisches Allgemeingut ist: Wurst essen ist Freiheit, Tofu ist Kommunismus. Und das Weißwurstfrühstück, das ist Bayern. Prost.

Apropos »Prost«. Was macht eigentlich der Ex-Bundesminister Ilse Aigner?

– Nur zur Erinnerung aller: Gendern ist in Bayern verboten, weswegen »Ex-Bundesminister« hier absolut richtig ist. »Woke« ist für die anderen, die Grünen! –

Also. Jene Frau, die Aigner Ilse, die das Reinheitsgebot beim Bier gerettet hat, bevor es die Grünen verbieten konnten, was macht die? Sie ist eindeutig darin ein Meister, weil im Jahre 2016 wurde auf ihrer Initiative hin das Bier-Reinheitsgebot zum UNESCO-Welterbe gemacht. Und noch eine Gemeinsamkeit, ja, sie hat wie Söderin beim Reden dauernd Schaum vor dem Mund (z.B. bei Brauerei- und Jahrmarktbesuchen) und rettet damit täglich das Bier nachweislich vor allen Grünen und Woken. Wenn es also um die Wurst geht, dann sollte unsere Super-Aigner, die Ilse, helfen können. Dann freut sich nicht nur die EU, sondern die ganze Welt darüber nachher wie ein Schnitzel. Garantiert fleischlich, also nicht-vegan.

Prost Mahlzeit.

Verloren, als ich mir den Weg zeigen musste

Es regnet. Ich stehe auf. Ganz nass. Der schwarze Asphalt. Es ist schon spät. Ich muss weg hier. Unfähig, den Weg selbst hinauszufinden. Suchen, finden, gesucht, gefunden und dann wieder verloren. Im grauen Alltag. Einen Weg hinaus?

Den Weg selbst finden? Oh, Heiliger Antonius, Franziskanerpater von Padua, wo ist deine Straße, die der herumirrenden Seelen? Oh, Heiliger Antonius, Beschützer der Verlorenen auf ihren Wegen, sag, führt deine Straße auch an Flüssen vorbei? Oder lediglich an Pfützen? Einer einfachen Laache? Laachen verboten? Ohne dieses „L“ wird daraus auch nur ein Ort mit heiß-warmen Quellen.

Aachen.

Das Ende der Autobahn 544 ist der Anfang von Aachen. Jedem Anfang wohnt ein Zauber inne, sagt man, springt doch dort ein Springbrunnen munter prächtig vor sich hin. Am Anfang war der Springbrunnen, und der Springbrunnen war beim Europaplatz, und der Europaplatz wart Sprungbrunnen.

Vierzig Jahre zuvor mündete die Autobahn direkt an dem Springbrunnen. Dessen Bordstein lauerte tückisch auf unbedarfte Autofahrer. Kerben im Bordstein erzählten von Fahrern, welche die Begrüßung Aachens auf ihre eigene Weise zelebrierten: als automobiler Badegast, getauft in Aachener Springbrunnenwasser. Mit allen Wassern gewaschen, am Europaplatz. Hoffentlich Allianz versichert.

Inzwischen ist der Bordstein nigelnagelneu. Die Abfahrt der Autobahn verläuft butterweich in den Kreisverkehr des Europaplatzes. Bei überhöhter Geschwindigkeit muss niemand mehr dran glauben – woran niemand glauben möchte –, aus der Spur zu geraten. Die direkte Möglichkeit, sich im Namen der hochheiligen Religionsgemeinschaft „Freie Fahrt für freie Bürger über Leichen, Stock und Stein“ im Springbrunnen selber zu taufen, sie existiert nicht mehr. Verschwunden gemacht.

Wie Graf Orlok am Aachener Ponttor. In der Unterführung dort gab es früher ein Graffiti vom Grafen der Finsternis. Schemenhaft stand er dort hinter Gittern an der Wand. Heute fehlen die Gitter. Das gräfliche Graffiti in der Nische lässt sich kaum noch erahnen. Ein Schatten maximal nur. Eigentlich fast weg. Lediglich, wer in Besitz von damaligen Fotos ist, der weiß, dass dort Graf Orlok auf seine Freiheit lauerte. Inzwischen ist Nosferatu wohl auf freien Freiersfüßen in Aachen. Dort, wo er einkehrt, ist die Folge Leerstand und Leblosigkeit. Horror vacui.

Die Unterführung am Ponttor stinkt nach Pisse. Dabei wirkt die hineinführende Pontstraße selber so heimelig. So wie in den 90ern die dortige Aachener Mensa.

Die Innenstadt ist leer, mit Baustellen gepflastert. Lebloses Museum für Touristen. Das ehemaligen „Lust for Life“ der ins Jenseits verschwundenen „Horten“-Geschäftskette umgibt der bittersüße Hauch von verschimmelndem Beton tropischer Metropolen Südamerikas.

Der Platz für Wasserkunst im Zentrum am Aachener Fenster ist unerreichbar. Verrammelt und versperrt. Dort befand sich ein Kaiserbad. Der Quellen wegen. Beides verschwunden. Wie die Wasserkunst.

In der Fußgängerzone der Adalbertstraße glänzt nicht nur das nasse Pflaster, sondern auch Erinnerung an Zeiten ohne Leerstand. Nicht nur jenseits des Kugelbrunnens bewegt sich nichts mehr. Selbst der Kugelbrunnen ist ein Schatten seiner Vergangenheit.

Und dort, wo ich vor Jahrzehnten noch ein Ticket für meinen letzten in Aachen geschauten Kinofilm kaufte, ist jetzt der Eingang eines Hotels. Und nicht nur dort.

Das Parkhaus im Zentrum ist ebenfalls verschwunden, hinterließ ein Horror vacui für Stadtplaner. Für die Aussätzigen der Stadt, jene Alkoholiker und Drogenabhängigen, ist es eine Heimat. Wie die Empusa, das Schiff, mit dem Graf Orlok kam, wirkt die Freifläche am Büchel. Empusa, das war eine Dämonengestalt aus der griechischen Mythologie, welche sich als schöne Frau verkleidete, um Männer zu verführen und ihnen das Blut auszusaugen. Ethylen und andere Drogen schaffen gleiches.

Lediglich die Straße des Schutzpatrons für Verlorenes, die Antoniusstraße mit ihren Präsentationsfenstern für Sexarbeiterinnen, den Prostituierten. Es scheint ein eigenwilliges Bollwerk gegen Nosferatus Wirken in Aachen zu sein. In der Antoniusstraße scheint Graf Dracula, mit seinem Schiff Demeter dort gestrandet. Demeter, das war der Name der griechischen Göttin der Fruchtbarkeit, der Ernte. Eine Ernte, welche immer die Nachfahr-Grafen Draculas für sich einfahren.

Ob Orlok oder Dracula. In neoliberalen Zeiten gilt als ungeschriebenes Gesetz, eine Krähe hackt der anderen eben nun mal kein Auge aus.

Die Antoniusstraße hatte schon immer sein eigenes Publikum. Das kam regelmäßig nach den Predigten aus dem Aachener Dom. Es gilt der katholische Glaubensgrundsatz: ohne Sünde, keine Ohrenbeichte. Ohne Ohrenbeichte, kein Priesterbedarf. Somit ermöglichte erst die Antoniusstraße die Daseinsberechtigung und Beschäftigungsgarantie der Aachener Beichtpriester. Letztendlich wollten die ja auch ein wenig Spaß beim Beichten.

Dass damals auch ein Teil der Aachener Kunstszene in der Straße beheimatet war, darüber spricht heuer garantiert niemand mehr. Vernissagen und Ausstellungen im Puff. Darüber sprach niemand gerne. Und falls doch, dann nur vom Hören-Sagen.

Dass wiederum anderes Publikum nur zum Sex-haben dorthin ging, das blieb dann die offizielle, beliebte Version. Sie gefiel der Mehrheit, welche sich ja dort eh nie im Leben hinbewegt hatte, aber ebenfalls vom Hören-Sagen alles genau wusste. Selbst wer zu den Vernissagen dort hinging. Vielleicht hatte ja auch nur ein Beichtpriester zu seinen persönlichen Ministranten geplaudert …

Die Edelcafes wie Egmont und Café Kittel gibt es weiterhin. Und wer dort regelmäßig hinging, dem hing etwas halbwegs Intellektuell-elitäres in der Maschinenbau-Studenten-Stadt an. Aber das ist so wie mit einer Flasche Wein: Eine Flasche Wein macht nicht betrunken, man muss sie dafür auch erst einmal getrunken haben. Geändert scheint es sich dort nicht zu haben.

Gestolpert war ich, am Elisenbrunnen. Auf dem nassen Asphalt. Zum Hotel wollte ich. Zurück dorthin, wo einst das UFA-Kino war. Weg hier. Raus aus dem Pflasterstein-Dschungel, weg von den eigenen leblosen Erinnerungen. Aufhören, von alten Träumen zu leben. Das Leben war nicht das, was es schien. Laachen verboten.

Und der Lippenstift der Stadt? Knallig rot, verwischt auf aufgespritzten Lippen, in einem blass-rosa geschminkten Botox-Gesicht. Es macht mich nicht mehr an. Selbst nicht mit jenen Fünftel der Zeit meines bisherigen Lebens von damals. Die Stadt sagt mir nichts mehr. Sie spricht nicht mehr zu mir. Sie kommt nicht mehr, um mich zu holen. Sie hat mich stehen gelassen, sie hat mich verloren. Und jetzt wird sie mich nicht finden, auf meinem Weg hinaus.

PKWs aus Aachen tragen „AC“ als Kennung. Als ich die Stadt an dem Europaplatz-Springbrunnen vorbei verließ, kam mir bei dem gelben, mit rotem Balken durchstrichenem Ortsschild eine Abkürzung ins Gedächtnis: „ADAC“. Ausgesprochen als »AD AC«.

Das war es, mein letzter Kommentar zu jener Stadt.

Mit Donald Trump in der Pommesbude

»Um Gottes willen, dreh dich nicht um. Donald Trump ist gerade hier hineingekommen!«

Doch meinem Kumpel interessierte es nicht die Bohne. Dabei ist eine Aufforderung, etwas nicht zu tun, doch gerade die beste Aufforderung, es doch zu tun.

»Was interessiert mich ein Donald Trump«, knurrte er, wischte mit seinem Holzgäbelchen eine Wurstscheibe über seinen Curry-Wurst-PoRoWe-Teller und schob sich die Scheibe zwischen die Backenzähne.

»Boah ey, echt, Donald Trump, wirklich! Schau nur! Zusammen mit Nina Chuba und Ski Aggu!«

»Wo???«

In Blitzesschnelle fuhr sein Kopf herum, die beiden zuvor genannten suchend.

So ist das mit den Nicht-Boomern. Sie haben einfach ihre eigenen Buzzwords. Dabei haben die Boomer doch jahrelang versucht, den Digital Natives der Gen Z auf solche Schlagworte wie »Robbie Williams«, »Beyoncé« und »Jürgen Milski« zu trimmen. Und was ist deren Mühe Lohn? Shirin Davis mit »Bauch, Beine, Po« oder Moliy & Silent Addy mit »Shake It To The Max (Fly)« als Sommerhits. Sollte es eine Schnittmenge der kleinsten Geschmacksgemeinsamkeiten geben, dann extrem äußerst maximal eine Taylor Swift beim »Off shaken« oder den »Auf uns«-Kevin Bourani. Tausendfach von denen gehört als Hintergrundmusik endloser Selbstoptimierungskurse mit Einzugsermächtigung als Dauerauftrag vom eigenen Konto. Während die anderen ihren Rücken und Knie beugen, um sich tanzend durchzuschütteln.

Da stand also Donald Trump in unserer Pommesbude, während aus musikalisch überforderten Lautsprechern der Pommesbude scheppernd verkündet wurde, dass der Zug keine Bremse habe. Dafür schmeckte die Currywurst mal wieder ausnehmend gut.

Aber ja, der Zug war auch mal wieder komplett voll abgefahren, über Weichen und harten Gleisen. Am Anfang langsam, dann aber mit rasenden Fortschritten. Wie beim Lernen von grundlegenden Zusammenhängen: am Anfang null Ahnung, aber dann geht der Wissensfortschritt durchs Lernen mit einem ab wie Lutzie. Das Selbstbewusstsein schießt in ungeahnte Höhen, weil erste Konzepte geglaubt, verstanden zu haben, und gedacht wird, das große Ganze wäre erfasst worden.

Das ist der Moment, in der wenig Wissen eine Illusion von Kompetenz erzeugt und den Glauben generiert, ein Experte zu sein. Derjenige, der weiter lernt, erkennt jedoch bald die wahre Tiefe des Themas. Alles erscheint kompliziert und das anfangs gewonnene Selbstvertrauen bricht ein. Viele geben dann frustriert auf und meinen, sie würden es nie wirklich verstehen.

Allein wer dabei bleibt, begreift mit der Zeit die wirklichen Zusammenhänge. Das Wissen setzt nach einer längeren Zeit des Studiums Stück für Stück zusammen. Dabei erwächst das Selbstvertrauen neu, diesmal auf einem erheblich stabileren Fundament. Der Weg von dem eigen-informierten Laien über einer längeren Studentenphase bis hin zum »Ich weiß, dass ich nicht weiß«-Professor dauert darum auch nicht von zwölf bis Mittags.

Die Psychologen David Dunning und Justin Kruger beschrieben hierbei den Effekt, der sich als übersteigerte Selbsteinschätzung aufgrund Eigen-Information zeigt. Im Jahr 2000 erhielten Dunning und Kruger für ihre Studie »Ungebildet und ahnungslos davon. Wie Schwierigkeiten, die eigene Inkompetenz wahrzunehmen, zu übersteigerter Selbsteinschätzung führen« den satirischen Ig-Nobelpreis. Der »Ig-Nobelpreis« wird in diesem Zusammenhang für Entdeckungen verliehen, welche zuerst zum Lachen und dann zum Nachdenken führen.

Ein Vierteljahrhundert später – die Welt ist jetzt Internet-vernetzt. Jeder Nutzer hat Zugriff auf jede sinnige und unsinnige Information zum Selbststudium. Das findet sich nicht nur in der gesteigerte Experten-Anzahl bei den Wetten auf die Bitcoin-Entwicklung wieder, sondern auch in einer Flut an selbsterklärten Dunning-Kruger-Effekt-Fachpersonal.

Mahnende KI-Stimmen dutzender Videos auf den unterschiedlichsten Social-Media-Kanälen erklären dem geneigten Zuschauer den Effekt in allen Details mittels bunter Grafiken. Durch Verallgemeinerungen und Vereinfachungen, mit Emotionalisierung und moralischen Überhöhung, begleitet von einem elitären und herablassenden Ton plus den fehlenden konkreten Lösungen wird der Dunning-Kruger-Effekt für das eigene Framing verwendet: »Sie nutzen den Dunning-Kruger-Effekt gezielt als Machinstrument, um die Masse zu kontrollieren!« Als Beleg wird unter anderem der vor Selbstvertrauen strotzende Donald Trump angeführt. Mit klassischen, verschwörungstheoretischen Argumentationsstrukturen der Social-Media-Welt legitimierend.

Früher wurde so etwas noch »alternative Fakten« genannt. Der Begriff wandelte sich. Heute heißt es »Sozialisierte Wahrheit«. Denn der Hüter der Wahrheit soll ja im Besitz des einzig selig machenden Grals sein. Und wer würde nicht mal gerne ein Video lang Gott spielen?

Während meine Currywurst dampfend von mir vermampfend sich in Stücken auf meinen Teller reduzierte, trieb mich nur eine Frage um: War das dort der wirkliche Donald Trump, der da in unserer Pommesbude auftauchte? Ich fragte meinen Kumpel, ob er mal dessen Begleitung, also Nina Chuba und Ski Aggu, fragen könnte, ob das der wirkliche Donald Trump wäre. Er schaute mich entgeistert an:

»Wie kannst du nur glauben, das wäre Donald Trump? Haste nicht gehört, der fährt nächsten Freitag mit Graf Vlad Putin in Alaska Schlitten.«

»Echt? Ich dachte, dass die vielmehr gut Kirschen essen gehen. In Alaska ist gerade Kirsch-Saison. Die ‚North Star‘-Kirsche. Ist reif und schmeckt süß-sauer. Aus welchen Gründen sollten die sich sonst dort treffen?«

»Um Wahrheiten zu schärfen.«

Mein Blick ging zum Tresen. Ja, ich hatte mich geirrt. Die Person mit den orange wirkenden, gewirbelten Haaren war wirklich nicht Donald Trump. Der sah nur so aus. Und Nina Chuba und Ski Aggu waren die beiden anderen auch nicht, maximal dessen erwachsene Kinder.

Aber es hätte Donald Trump sein können.

Ich schwöre.

Beim heiligen Gral der Wahrheit.

Kiss to tell

Eine pikante Situation: während einer Veranstaltung mit digitalen Videoleinwänden werden die Personen hinter den Kameras aufgefordert, spezielle »Shots« zu produzieren. Dabei gibt es die beliebten »Beauty-Shots«. Bekannt aus Live-Übertragungen von Sport-Events. Besonders wenn ein Sport-Team aus Brasilien spielt und die Kameras die Langeweile auf dem Spielfeld überbrücken müssen. Dann werden Zuschauerinnen in der Arena ins Visier genommen. Am besten vollbusig und in Bikini und mit Hüftschwung. Wenn das Spiel schon die Fantasie der TV-Zuschauer langweilt, dann hilft eine Aufnahme aus dem Fanblock, um der Fantasie der TV-Glotzer auf die Sprünge zu helfen.

Bei Fußball-WM-Übertragungen sind gern geschaute Beauty-Shots immer Brasilianerinnen, weil nicht eintönig weiß, sondern mulattisch erotisch. Dunkle lange Haare gewellt bis zum verlängerten Rücken, Hüftschwung mit ausladendem Hinterteil und vollbusig bis in den nächsten Rang. Ein bisschen Kakao in der eintönigen Milch, da geht das ganze als Cappuccino schon beliebter über den Tisch. Die Erotik von Arsch, Titten und nicht-weißer und nicht-total schwarzer Hautfarbe ist per Stream oder TV zulässig. Bei Grenzern wie Frontex und Co. würde so etwas zu sofortigen Rückweisungen an Grenzen führen. Wie hatte mir mal einer vollmundig das Klischee zusammengefasst: »Ausländer raus. Außer freilich die guten Fußballspieler aus Brasilien und die sexy brasilianischen Mulatinnen.« Inzwischen hat sich das Bild gewandelt. Statt Brasilianerinnen stehen jetzt Rumäninnen und Ukrainerinnen hoch im Kurs. Sind ja auch Bio-Europäerinnen.

Und dann gibt es noch die Shots, die dann als Kiss-Cam verkauft werden. Die Personen hinter den Kameras wählen mutmaßlich Paare aus, welche dann von der Regie auf der Stadionleinwand präsentiert werden. Hintergrund ist die Präsentation von emotionalem Content. Emotionaler Content gilt als hochwertig und besonders gut präsentabel. Ob das Paar gerade frisch verliebt ist oder sich vorhin noch um die Bratwurst gefetzt hat … egal, Kiss-Cam.

Der Gier des Publikums nach emotionalen Bildern ausgesetzt, sollten sich die per Kamera Auserwählten küssen. Kiss-Cam. Vorhin noch mit komplett nicht zitierfähigen Wörtern untereinander bedacht, vor der Kiss-Cam, sollte das Paar, das perfekte romantische Paar der Regie-Auswahl darstellen. Und küssen sich beide live vor der Kamera (übertragen per Stream oder TV) seufzen alle »Ach, wie schön«.

Die Zuschauer produzieren die Vorstellung über eine bessere Beziehung mit deren eigenem Partner auf das abgefilmte Paar, schauen nach Betrachten der Bilder ihren eigenen Lebensabschnittsgefährten (-gefährtin) an und grummeln »Du könntest auch mal so sein, wie die beiden dort auf der Leinwand«. Die eigenen Erwartungen von der Leinwand projiziert auf das eigene unerfüllte Zweier-Leben.

Und jetzt passierte es, dass während eines Coldplay-Konzertes diese faktischen Übergriffigkeit der KISS-Cam zu Tage trat. Und die Reaktion? Sozialisierte Wahrheit. Social truth. Das Leben muss perfekt sein, die eigene Beziehung muss perfekt sein. Wessen Beziehung ein Makel habe, der soll sich zu Hause einbuchten und dran arbeiten, diesen Makel zu beseitigen. Eine Affäre zu haben, geht gar nicht. Eine Affäre ist ein Makel, der gesellschaftlich nicht gesellschaftsfähig ist. Gesellschaftsfähig ist nur die perfekte Szene für die Kiss-Cam. Alles andere ist abzulehnen.

Wieso eigentlich? Gilt die Fassade mehr als das eigene Leben? Der Mensch war nie monogam. Der Mensch an sich ist eindeutig polygam. Das sagen sogar die so verhassten wissenschaftlichen Untersuchungen, die dann immer als alternative Wahrheiten deklassifiziert werden. Monogam sind immer nur die diktatorischen Forderungen der mosaischen Religionen. Allein die Erwähnung von Philosophen wie die von La Mettrie und sogar der Begriff »Hedonismus«, so etwas bringt Aversionen zu Tage, vergleichbar mit Assoziationen zu Pest und Cholera.

Warum? Richtig, der Horizont eines jeden Menschen korrespondiert mit dessen geistiger Höhe. Und wenn die Höhe gleich dem Niveau der Schuhsohle eines amerikanischen Präsidenten ist, dann erklärt sich auch der Hohn gegenüber jenem Paar, welches bei dem Coldplay-Konzert von der Kiss-Cam dem Stadium-Publikum präsentiert wurde. Es hinterfragt keiner die Berechtigung der Kiss-Cam (richtig, durch die AGBs beim Ticket-Kauf als in Ordnung beim Kauf vom Käufer bestätigt), aber jeder hinterfragt, ob das gefilmte Paar das durfte, was es vor der Kiss-Cam machte und was die Kamera-Regie auf die Stadionleinwände übertrug. Der moralisch Schuldige ist freilich immer das Opfer der Kiss-Cam. Der Rest ist moralisch komplett unschuldig und fern ab jeder Reflexion. Denn dafür können die ja nichts, dass die Bilder in den Stream/TV übertragen haben. Der Sachzwang ist schuld. Und der Sachzwang ist Basis jeden Geschäfts. Sonst macht es ein anderer.

Moment. Ich muss gerade meine Schreiberei unterbrechen.

RTL oder SAT1 – oder war es gar Öffentlich-Rechtlich? Keine Ahnung, ich habe das nicht durch die Gegensprechanlage verstanden – wollen mich zu meiner Beziehung vor der Kamera live im Stream zu der Frau im Norden Bayerns befragen, während ich doch wohl offiziell mit einer Ur-Münchnerin zusammen bin … .

Der Sachzwang ist schuld …

Der Hahn auf dem Misthaufen

»Du warst neulich in Bremen.«

»Ja.«

»Hast du eigentlich deinen alten Freund von dort besucht.«

»Nein.«

»Warum nicht?«

»Es verbindet mich nichts mehr mit ihm.«

»Hört sich an, als ob du echt konfliktunfähig bist.«

»Ich bin in der Tat so. Ich hasse Konflikte.«

»Du solltest dran arbeiten. Das kannst du verbessern.«

»Niemals.«

»Du stellst dir also hier und jetzt die eigene Bankrotterklärung aus? Echt jetzt?«

»Lieber so etwas, als mich weiterhin zu verbiegen und die Aussagen von ihm und dessen Realität- und Wirklichkeit-Auffassung zu bestätigen. Da breche ich doch lieber den Dialog ab. Aus Eigeninteresse.«

»Ach ja? Eigeninteresse ist doch klar Egoismus und hilft niemandem. Vielleicht bist du auch nur verschroben und du solltest ernsthaft in dich gehen, um mit ihm erneut den konstruktiven Dialog zu suchen. Es wird zu deiner Bereicherung sein.«

»Klar. Beim perfekten vollführten Kotau knirsche ich nachher mit den Zähnen, weil ich den Dreck von vor meinen Füßen im Mund habe, den er für mich ausgewählt hat. Und das alles nur, damit er befreit aufgrinsen kann und sich selber auf den Schultern ob des Fakts klopft. Nur weil er erlebte, dass ich Dreck für ihn gefressen habe. Nö. Das muss nicht sein. Ich struggle nicht mit Leuten, die mich auf deren Schlammterrain ziehen wollen, auf dem sie Meister ihres Faches sind. Das muss ich mir nicht antun. Das ist cringe.«

»Du bist absolut unbelehrbar. Sicherlich mal wohl falsch abgebogen, oder?«

»Freilich. Wenn jemand einen anderen Weg geht und der andere folgt ihm nicht widerwortfrei, dann ist der andere immer falsch abgebogen.«

»Wie kannst du dir denn sicher sein, dass du nicht falsch abgebogen bist und den richtigen Weg vom anderen hättest folgen sollen? Du hast das nicht mal hinterfragt und dessen Meinung nicht mal als potenziell richtig und überzeugend für dich adaptiert. Das wäre doch das Mindeste, was du hättest tun können, um den Konflikt zwischen euch zu nivellieren.«

»Jeder Hahn, der auf seinem Misthaufen kräht, meint immer, er hätte den Mittelpunkt der Welt unter sich. Warum muss ich mir dann dessen Misthaufen antun?«

»Tatsächlich, du bist wirklich absolut unbelehrbar. Und dazu, komplett und total unreflektiert. Du solltest mal ernsthaft und grundlegend darüber nachdenken, warum du falsch denkst und somit verbesserungswürdig lebst. Das wird dein Leben verbessern.«

»Ok. Du hast recht.«