Kneipengespräch: Postfaktische Ostereier


Tresen 0

“Und?”

“Genau.”

“Aber?”

“Ich habe es noch nicht verstanden.”

“Dem Manne kann geholfen werden. Herr Oberspielleiter, ein Kölsch für den Grübler an meiner Seite!”

Der Wirt blickte nur kurz auf, polierte eine Kölsch-Stange, füllte sie und schob sie neben dem anderen halbvollem Kölsch und widmete sich danach einer anderen Stange.

“Bassemauff. Da ist auf der einen Seite der US-Milliardär Robert Mercer”, er schob das volle Kölsch direkt neben dem halbvollem, “und da ist Cambridge Analytica und so”, er nahm das volle Glas, schüttete etwas in das halbvolle. Von dem nun aufschäumenden fast vollem Glas schüttete er wieder etwas in das jetzt dreiviertel Volle. Beide schüttelte er noch vorsichtig und schon schauten die Kölsch wie frisch gezapft aus, “und beide sollen die amerikanische Wahl beeinflusst haben?”

“Ja”, der andere schaute auf die beiden schäumenden Kölsch-Stangen, “die haben über Facebook die Wähler manipuliert.”

“Die sollen die amerikanische Wahl beeinflusst haben? Ich dachte, das wären die Russen. Da erzählt man mir dauernd, die Russen hätten Trump permanent in den amerikanischen Präsidentenstuhl gehievt, und jetzt wären es doch nur die Amerikaner selber gewesen? Was soll das denn sein? Demokratie?”

“Nein, nein, es waren schon die Russen, die die Wahl beeinflusst haben. Der Putin manipuliert alles.”

“Alles?”

“Al-les. Die Politik, die Fußball-WM, das Wetter. Das soll ja sogar bis in die Hochwasserstandsmeldungen der Elbe und im Oderbruch gehen.”

“Der Isar nicht?”

“Nein, die Isar ist sauber. Die brauchen wir in Bayern zum Bierbrauen. Solchen Manipulationen ist die CSU vor. Unser ultimative Bollwerk des Reinheitsgebots und gegen Manipulationen daran.”

“Vielleicht sollte man mal nachforschen, ob bei Cambridge Analytica nicht mindestens ein Russe sein Geld dort investiert hat und ob US-Milliardär Robert Mercer nicht etwa um paar Ecken russische Freunde hat. Vielleicht trinkt der ja bei Börsenschluss immer russischen Vodka mit echtem Beluga-Kaviar.”

“Komm, hör auf, drüber nachzudenken. Es waren die Russen! Das weiß doch jeder. Sogar mein Nachbar meinte, bald stehe wieder der Russe vor der Tür.”

“Mit Vodka? Vor der Tür? Serviert von US-Milliardär Robert Mercer und Cambridge Analytica? Oder mit ner Kalaschnikow als kleinen Gruß aus der russischen Manipulationsküche Putins?”

“Kalaschnikow geht ja gar nicht. Wenn, dann will ich meinen Russen mit einer AK-74 vor der Tür. Besser noch, weil aktueller, stilecht mit dem recht bekannten amerikanischen Sturmgewehr AR-15. Und während des Russen Finger sich um den Abzug krümmt, im Hintergrund eine Fanfare erklingt und eine freundliche Stimme ertönt, die da sagt: ‘Dieser böse, russische Amoklauf wurde Ihnen präsentiert mit freundlicher Unterstützung der freiheitlich-demokratisch fundierten National Rifle Association’.”

Ruhe. Beide tranken einen Schluck aus ihren Kölsch. Beim dritten Kölsch war der Schaum zusammen gefallen. Jetzt erschien es nur noch ein Drittel voll.

Ich nahm mir eines der russischen Eier, die der Wirt auf der Theke stehen hatte, und biss vorsichtig hinein. Die Remoulade eroberte sofort jeden Geschmacksnerv in meinem Mund. Zur Belohnung fiel noch etwas von dem rotem Fisch-Rogen mir auf meine weiße Hose. Wie zart doch diese Fisch-Rogen-Kügelchen ihre feinen Linien auf teurem Baumwollstoff ziehen können …

“Jetzt macht alles einen Sinn.”

“Wie?”

“Ich verlasse Facebook. Am 14. Oktober wird in Bayern gewählt. Manipulationen von Putins Russen nehme ich damit jede Chance. Ich will frei von Putins Manipulationen wählen dürfen!”

“Ach, komm. Und wie sollen wir uns dann ohne Facebook spontan auf ein Kölsch verabreden? Und was ist mit deinen ganzen Facebook-Freunden? Willste die einfach so verlassen? Du wirst einsam werden.”

“Stimmt. Hast auch wieder recht. Keine gute Idee. Also, auf unsere Facebook-Freundschaft. Prost.”

“Auf unsere Facebook-Freundschaft. Prostata.”

 

Wenn am Karfreitag die rote Sonne nie mehr versinkt …


“Könnten Sie bitte mal aus meinem WLAN rausgehen?”

“Wie bitte?”

“Sie stehen in meinem WLAN. Ich habe keinen Empfang und warte auf eine wichtige Nachricht von meiner Familie.”

“Ich stehe in Ihrem WLAN? Wie soll das denn bitteschön gehen?”

”Da! Sie haben gerade einen Schritt zur Seite gemacht und jetzt hab ich wieder WLAN. Könnten Sie bitte so stehen bleiben?”

“Ich glaube, Sie sind wohl ein wenig verpeilt, oder?”

“Jetzt stehen Sie schon wieder in meinem WLAN. Gerade haben Sie den Schritt wieder zurück gemacht und jetzt habe ich wieder kein WLAN.”

“Dann gehen Sie doch einen Schritt zur Seite.”

“Soweit kommt’s noch, dass ich für Sie einen Schritt zur Seite mache. Rücksicht auf den Mitmenschen ist nicht das ihre? Für Sie wohl ein Fremdwort, oder?”

“Ich mag Xenismen, wenn sie richtig verwendet werden.”

“Nun werden Sie aber mal nicht frech, ja? Was machen Sie da?”

“Ich dreh mir eine Zigarette.”

“Hallo, hier ist rauchen verboten!”

“Ja und?”

“Sie dürfen hier nicht rauchen!”

“Ich rauche ja auch nicht.”

“Aber Sie wollen es und ich persönlich werde das unterbinden. Rauchen ist hier in unserem Club verboten! Moment, jetzt sehe ich es gerade.”

“Ja? Was? Dass ich kein Feuerzeug in meinen Händen halte?”

“Sie haben einen Bart!”

“Echt jetzt? Sie sind wohl ein verkanntes Adlerauge, oder was?”

“Mitglieder unseres Elite-Clubs ist das Tragen von Bärten untersagt.”

“Sagt wer?”

“Die neue Satzung vom 1. März 2018.”

“Hab ich nicht gelesen.”

“Ging als Rundschreiben an alle Mitglieder heraus. Das Tragen von Bärten und Hipster-Frisuren ist seit dem ersten März untersagt. Glatzen habe eine Übergangsfrist von vier Wochen, bis zum 31. März. Dichte 3-Tage-Bärte bis zum 1. April.”

“Und das soll ich Ihnen jetzt glauben?”

“Was machen Sie da?”

“Ich glaube Ihnen nicht, ich rufe die Hotline vom Club an. Ich werde mir das bestätigen lassen.”

“Sie dürfen hier nicht telefonieren. Hier ist eine Ruhezone. Das ist über alle Maßen rücksichtslos von Ihnen! Privatgespräche sind hier nicht erlaubt!”

“Aber ihr WLAN ist noch okay, oder? ”

“Seien Sie nur nicht so spöttisch arrogant! Das mindert nicht ihr Fehlverhalten!”

“Wenn Ihr WLAN nicht funktionieren sollte, ich könnte ihnen ja anbieten, für Sie nach einem WLAN-Kabel mit Club-Rabatt zu fragen.”

“Jetzt stehen Sie schon wieder in meinem WLAN. Das ist unglaublich! Das machen Sie mit Absicht. Wie sind Sie überhaupt hier in unserem Elite-Club reingekommen? Mit Bart, mit ihrer Hipster-Frisur und ohne ordentliches weißes Hemd?”

“Weißes Hemd ist auch erforderlich?”

“Seit Palmsonntag. Also letzten Sonntag. Wenn alle ordentlich angezogen sind, dann vereint es den Menschen und bringt allen das Gefühl von Solidarität miteinander. Und Hemden sind der Anfang.”

“Durch ordentlich weiße Hemden? Übergangsfrist bis zum Weißen Sonntag?”

“Sobald Sie wieder aus meinem WLAN getreten sein werden, lasse ich dem Management eine Mail zukommen, in der ich auf ihr Fehlverhalten eingehe und es detailliert beschreibe. So etwas wie Sie hat uns hier gerade noch gefehlt!”

“Wieso? Sie haben mich doch. Nur, wenn das die Anforderung an die neue Elite ist, dann trete ich hiermit sofort aus, bevor ich mich durch Leute wie Sie kreuzigen lasse. Und rauche mir dann in Frieden draußen ein Zigarettchen. Sie gestatten?”

“Austreten geht nur mit zwölfmonatiger Kündigungsfrist, Sie verwahrloster Flegel! Und das Rauchen vor dem Club ist ebenfalls wie die Nutzung des Handys NICHT erlaubt! Sie sollten mal Rücksicht lernen! Merken Sie sich das, Sie Quertreiber! Und gehen Sie mal wieder zu einem anständigen Friseur der anständig Haare schneidet!”

Ein Stück vom Himmel


Immer wieder Sonntags kommt die Erinnerung. An den Montag. Es ist wohl der unbeliebteste Tag in der Arbeitswelt. Donnerstage und Freitage sind genau in jener Reihenfolge deutlich beliebter. Würde man jetzt daraus folgern, alle Werktage zu Freitagen zu deklarieren, es würde das Glücksempfinden vieler Menschen nicht wirklich steigern. Der Freitag lebt vom Samstag und der Samstag von der Fama des Sonntags, an dem der Weltenschöpfer seinen Kummer über das Vergessen der Abgabe seines Lottoscheins in billigen Messwein ersäufte. Und nicht, weil er etwa “Das Wort zum Sonntag” sah und dabei ins Koma fiel.

Und was passierte so in der Zwischenzeit? Also zwischen Vollrausch und Ausnüchterung? Ein Blick ins Internet hilft stetig weiter. Keine Nachricht, dass Aliens mit Zwillen wieder hässliche Steinsbrocken auf die Erde abschossen hätten und diese wieder mal nur knapp verfehlten. Die Sonntags-Presse kann also nicht mit exklusiven Bildern vom Weltuntergang schocken. Also bleiben nur Bilder aus Syrien.

Andererseits:

“Zwei Männer fahren Autorennen auf dem Frankfurter Ring”. Ein BMW und ein Golf seinen mit mehr als 100 km/h über den äußeren Münchner Ring geprescht. Dabei herrscht dort Tempolimit. Bis zu 50 km/h zwecks Luftreinhaltung. Es wurde aber nicht berichtet, ob es sich bei den Fahrzeugen um Dieselfahrzeuge handelte. Ist ja eigentlich auch unwichtig. Allerdings würden besorgte Wutbürger jetzt wohl gerne etwas über die Nationalitäten der Raudis am Steuer lesen, nicht wahr. Stattdessen findet sich darunter gleich die nächste Schlagzeile “Da mussten alle weinen – auch der Mitarbeiter vom Bundesamt für Migration”. Autorennen und Tränen. Da musste auch ich weinen. Ich hätte da eher mehr Feingefühl in jener Online-Redaktion erwartet. Also, eher so in etwa eine Schlagzeile wie: “BMW erklärt, Softwaremanipulationen bei BMW-Dieselmotoren waren im Gegensatz zu VW völlig unbeabsichtigt”. BMW gegen Golf.

Wehmütig erinnere ich mich an 1986, auf den BILD-Kästen Münchens war oberhalb die obere Hälfte der BILD mit ihrer Schlagzeile über Boris Becker zu lesen und darunter ein reißerischer Aufmacher über eine Geschichte innovativ recherchierter Lust. Oben stand „Boris: Ich bin schon ganz heiß auf McEnroe“. Und darunter die andere Ankündigung: „Großer Report: So treiben es die Deutschen im Bett“.

Bei so vielen schönen Nachrichten hilft nur noch das Abendprogramm. Was hilft gegen all das Negative im Fernsehprogramm? Der “Tatort” ist schon selber ein Tatort, an dem gegen Drehbuchschreiber ermittelt werden sollte. Es ist bezeichnend, dass dort inzwischen schon die letzten 15 Minuten so nachlassend sind, dass Leute schon lieber gleich umschalten. Nur, warum deswegen auf einem anderen Sendeplatz 15 Minuten vor Ende des Tatorts Dieter Nuhr sein Programm startet, kann lediglich damit zusammenhängen, dass man die Umschalter ein Alternativprogramm auf gleichbleibenden Tatort-Niveau zum Zeitpunkt der 75ten Minute bieten will. Also, bis Anne Will anfängt zu diskutieren. Oder um sich ins “heute journal” hinein zu retten.

Im “heute journal” wird uns wohl erklärt werden, dass im Eishockey das deutsche Team olympisches Silber geholt hat und Norwegen im Medaillenspiegel noch vor Deutschland steht. Da sieht man wieder, dass die Doping-Kontrollen bei Olympia nicht greifen. Alle hatten die Russen als Doper auf der Liste (Endspielgegner im Eishockey), aber die Norweger, diese hinterlistigen Norweger, … könnte man mal die Dopingproben von denen noch mal genauer untersuchen? Und die der Russen? Also, den ganzen Urin, der uns den ersten Platz auf dem Medaillenspiegel ruiniert hat? Einmal in der ganzen Jauche der Olypia-Teilnehmer wühlen, bitte.

Und so geht der Tag zu Ende. Als wäre nichts passiert?

Doch! Die Welt wurde heute früh gegen 0:00 Uhr gesprengt. Direkt nach dem Wort zum Sonntag. Aber niemand hat es bemerkt. Alle eingeschlafen. Seelig. Und nu?

Einfach weiterleben. Tun wir so, als hätten wir’s nicht bemerkt.

Interessiert ja sowieso niemanden, nicht wahr. Denn sonst hätte es auch gleich direkt in der BamS gestanden. Aber die prüfen die Nachricht noch, ob sie nicht von der Titanic an die BamS verschickt wurde

Inzwischen reserviere ich mir ein “Stück vom Himmel” (siehe Überschrift) und trinke mit Gott ein Konterbier. Damit ihm der Schädel nicht mehr so dröhnt. Einer muss den Job ja machen. Dies ist unsere Zeit.

Und beim zehnten Konterbierchen singe ich leise mit ihm “Das Leben” von Udo …

https://www.youtube.com/watch?v=jvxqzBeUj-w

 

 

Kneipengespräch: Luftige Gedanken


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“Große was?”

“Koalition.”

“Und was ist davon das Gegenteil?”

“Kleinkrieg.”

“Geht alles nicht. Hört sich nach dicke Luft an. Geht gar nicht!”

“Wem sagst du das. Ein Freund hatte letztens einen Job in der Bauleitung am Flughafen BER offeriert bekommen. Im obersten Baucontainer dort.”

“Wow! So ein Job ist zukunftssicher. Job mit Aussicht. Bis zu Rente Vollbeschäftigung. Sofort annehmen.“

“Er hat abgelehnt. Stattdessen ist er zu den Stadtwerken gegangen.”

“Schlechte Entscheidung. Wenn demnächst eh jeder sowieso umsonst fahren darf, im öffentlichen Nahverkehr. Bekloppte Idee. Völlig hirnrissig.”

“Idee ist die Entlastung der Straßen. Das schafft mehr Platz für unsere SUVs und andere Pferdestärken.”

“Ja, sicher. Mehr Parkraum für die Autos. Weil, die Bürgersteige werden nachts bei Schnee und Regen leerer. Wenn die ganzen miefenden Penner und stinkenden Junkies dann U-Bahnen, Busse und Straßenbahnen nutzen und mit ihrem Gestank alles verpesten. Nur, klappt das nicht. Denn so kriegste die Leute nur ruckzuck zurück in ihre SUVs und Diesel-Edeldroschken. Damit schaffste ÖPNV-Abstinenzler. Und wer soll dann das alles wieder zahlen, wenn jeder umsonst fährt? Schwarzfahrer als Gegenfinanzierung fällt ja dann auch weg.”

“In München nicht. Da brauchste ne Bahnsteigkarte, wenn du nicht in die U-Bahn einsteigst. Also, alle Leute ohne 40-Cent-Bahnsteigkarte kriegen wegen ungelöster Bahnsteigkarte ne Rechnung über 60 Euro. Einmal die Aufgänge für drei Stunden kontrollieren, finanziert einen Tag kostenloses U-Bahn-Angebot gegen. Und nach drei Tagen herrscht wieder bessere Luft in den Verkehrsmitteln. Nebenbei, Hamburg hat das gleiche im Angebot für ihren ÖPNV. Luftverbesserung dank kostenlosen ÖPNV dank kostenpflichtiger Bahnsteigkarte.”

”Ich bin begeistert. München ist Lenins Beweis für deutsches Revolutionsverhalten. Bahnsteigkarten als Lösung von Finanzierungsproblemen. Na, da sag ich mal ein Prosit auf die reine Luft. Hauptsache, das Rauchverbot in Kneipen bleibt bestehen, das Reinheitsgebot für unser Bier bleibt unangetastet und das Blech bleibt heilig. Prost.”

“Den Wind zum Trocknen reinholen. Sowas macht uns so leicht niemand nach. Made in Germany. Die letzte Revolution in München war die ‘Biergartenrevolution’, Anno Domini 1995. Da brauchte es aber auch keine Bahnsteigkarten für die U-Bahn. Noch ein Kölsch?”

 

Der fehlende Gottesbeweis


“Da schau her. Guck mal, wer da kommt.”

“Ja.”

“Da schleicht er wieder zum Amt rüber. Die reinste Hölle dort, aber er versucht es ja wieder und wieder.”

“Jo.”

“Haste noch das letzte Mal in Erinnerung? Als er verkleidet wie Gandalf, der Graue, ins Amt ging und mit Beihilfe zum Mord prahlte, aber dessen Asylantrag trotzdem abgelehnt wurde?”

“Jaja.”

“Das vorletzte Mal hatte er sogar auf vorsätzlich unterlassener Hilfeleistung mit Todesfolge plädiert, um den Passierschein zu erhalten. Ich sag nur, allein das Wort ‚Hilfeleistung‘ versaut einem den Antrag. Eigene Dummheit halt. Er hat dafür kein Asyl erhalten.”

“Jau.”

“Hätte er mal einen richtigen Mord begangen. Oder wenigstens nachweisbar Massenmord. Wer in aller Munde sein will, darf vor Mord und Totschlag nicht zurückschrecken.”

“Jooh.”

“Nun gut. Auf Anstiftung zum jahrelangen Massenmord soll er es auch mal versucht haben. Hätte fast funktioniert, munkelt man. Nur konnte er weder Tatwaffe noch Tatausführung nachweisen. Der Ärmste. Richtig zu bedauern. Er hat’s ja auch nicht einfach, nicht wahr. Sohn ohne vernünftige Ausbildung, Mutter vorehelich geschwängert und überm Stiefvater hat schon kurzer Zeit später niemand mehr ein Wort verloren.”

“Jaaa.”

“Und immer nur Friede, Freude, Eierkuchen. Nicht mal ein winziges Skandälchen. Nur Heilige um sich herum. Keine einzige Hure. Sterbenslangweilig. Man sagt, die sollen dort sogar Weihwasser pinkeln.”

“Jou.”

“Ist eine arme Sau, ehrlich. Ich sag dir, ein Mord in Ehren darf niemand verwehren, nicht wahr. Es hat noch nie jemanden geschadet. Selbst ein kleiner Selbstmord pimmt die eigene Zukunft und trimmt sie in die richtige Richtung, nicht wahr.”

“Ja.”

“Guck mal, da schleicht er jetzt an uns vorbei. Du, bin ich froh, dass wir nicht bei dem sind. Da möcht’ ich nicht tot überm Zaun hängen oder gar begraben sein. Da würd ich mich lieber erschießen.”

“Jo.”

“Oder dich.”

“Johohoho.”

“Ich glaub, ich red’ ihn mal an. Was meinste? Soll ich? Ich mach’s, okay! Hey, Alter, war wieder nichts dort? Immer noch keinen Passierschein bekommen? Was haste diesmal versucht? Der eigene Sohn soll in ner Kirche paar Tische umgeschubst haben. Ey, Alter, dafür kriegste doch niemals Asyl beim Satan. Da hat ja schon jeder Zweigstellenleiter einer Bank heutzutage mehr aufm Kerbholz. Das reicht nicht fürs Sündenregister. Wie? Echt? Dir ist sterbenslangweilig? Dann beeil dich, Mann. Auf dem Weg zwischen Himmel und Hölle zu sterben, das geht mal gar nicht, verstehste? Wer soll dich denn dann wegräumen? Etwa ein Erzengel mit Kehrbesen? Hehehe. Was? Ja, du mich auch. Mach’s gut, lieber Gott, und viel Glück beim nächsten Versuch auf dem Highway to Hell, hahahaha, du Asyl-Erschleicher, du, Himmelsflüchtling, hahahaha … “

“Jahahaha.”

“Stimmt, manche sind einfach nie zufrieden, was sie haben. Soll Gott doch sein Asyl woanders beantragen. Im Nirvana soll’s noch Plätze frei haben. Obwohl, ist nur für resignierte Leute mit Geruch von Teen Spirit und Pulverdampf … “

https://www.youtube.com/watch?v=x2rQzv8OWEY

Reibereien


Eine leise Stimme, fast unhörbar, trotzdem klar vernehmbar. Ruhiger, rauer Singsang.

“… ich reibe mich, du reibst dich, er, sie, es reibt sich, wir reiben uns, ihr reibt euch, sie reiben sich. Ohne Reibung entflammt kein Streichholz. Nur mit passender Reibfläche. Ursache. Wirkung. Ohne Reibung spür ich doch nicht, wo ich entlang schramme. Schrammen gehören dazu. Schrammen machen auch Wärme, Wunden heilen. Warum gesteht mir das niemand zu? Immer nur happy und heititei und La-la-land. Das erträgt doch kein Mensch! Oder ist Reibung etwa nur als menschliche Wärme akzeptabel, wenn einer vom anderen überm Tisch gezogen wird, oder was? Würde sie doch mal akzeptieren, dass ich so bin, wie ich bin, und ich so etwas nicht zum Affront mache. Das bin ich und nicht sie …”

Leise brummelnd schloss er penibel seine dunkelgrüne, wattierte Jacke, setzte sich ein schwarzes Käppi auf und schubberte sich bedächtig seine Hände. Die Tür des Busses öffnete sich. Lautlos. Schnell. Ein Schwall kalter Luft enterte den überheizten Innenraum.

“ … und ich akzeptiere doch auch ihre ungünstigen Eigenschaften. Hab sie noch nie deswegen gedemütigt. Ganz im Gegentum, hab sie sogar deswegen gewertschätzt. Aber für sie ist es bei mir anders. Und dann einfach abzutauchen. …”

Die Tür schloss sich. Der massiv herabfallende Schnee zog einen Vorhang zwischen meinen Blicken und seiner Jacke in der Dunkelheit. Seine leise, dunkle Stimme hallte wie ein Echo in meinen Gedankengängen. Langsam ausklingend. Verschwunden. Nachdenklich rieb ich mir meine Augen, während sie in meinen Gedanken auftauchte.

Bilderstürmer


“Sie haben es wahr gemacht.”

“Was denn?”

“Sie haben das Bild aufgehangen.”

“Welches Bild?”

“Das Bild von Abraham Bloemaert.”

“Abraham Bloemaert?”

“Ein niederländischer Maler des 16. Jahrhunderts.”

“Und welches Bild?”

“Jesus und die Samariterin.”

“Und?”

“Es war bereits von 1959 bis 1963 das Hochaltarbild der Kirche gewesen.”

“Und was ist daran so erwähnenswert?”

“Es wurde abgehangen. Einigen einflussreichen Gemeindemitgliedern war der Oberschenkel der Samariterin zu ausgeprägt und soll wohl zu viele Gottesdienstbesucher während den heiligen Messen abgelenkt haben.”

“Ein nackter Oberschenkel einer Frau in einer Kirche?!?”

“Nun, er war nicht nackt, sondern vom leichten Gewand jener Samariterin bedeckt. Allerdings, unter dem Gewand waren die ausgeprägten Formen des Oberschenkels eindeutig deutlich zu erahnen.”

“Wie obszön! Ich meine, die Vorstellungen jener Mitglieder bei so einem Bild.”

“Das Bild sollte sogar verkauft werden, als klar wurde, dass es ein echter Bloemaert ist. Der Plan schlug fehl, weil das Bistum die Monetisierung nicht erlaubte. Nun hängt es wieder im Hochaltar. Und die Erwachsenen starren wieder während der Predigt auf den prächtigen Oberschenkel. Die Bilderstürmer von damals leben nicht mehr.”

“Unvorstellbar. Sollten Gottesdienstbesucher geistig vor dem Bild etwa gewichst haben?!? Ich lach mich schlapp. Was hing denn dort eigentlich zuvor?”

“Das Bildnis der Abnahme Jesus vom Kreuz. Eines Unbekannter Maler mit barockem Malstil. Das Bild wurde damals in Kirchhundem eingekauft. Kreuzbrave Gegend dort. Alles koscher gemalt, äh, keuscher gemalt, barocker als vom holländischen Maler zuvor.”

“Nur für mich so zur Info. Die Abnahme Jesu vom Kreuz. Das heißt doch, der war doch komplett nackt dargestellt mit maximal einem Tuch um die Lenden, oder?”

“Stimmt. Aber dafür war die Mutter Jesu unterm Kreuz so komplett zugekleidet, wie es heutzutage in Österreich für Frauen einer bestimmten Religion verboten ist.”

“Tja. Die guten alten Zeiten auf dem Lande. Da herrschte noch Zucht und Ordnung …”

Don’t Pay The Ferry, Man …


In dem weltbekannten Fernsehstudio “Mirigardas VIN“ des kleinen europäischen Zwergstaats “Neekzistas” wurden die Abendnachrichten aufgezeichnet. Ein Moderator im blauen Wollanzug und eine Moderatorin im knappen Schwarzen saßen hinter dem beigen Moderationstisch vor einer riesigen grünen Leinwand und wurden nochmals schnell abgepudert.

Stimme aus dem Off: “Gut. Und jetzt den Beitrag aus Deutschland! Den Dialog lest ihr bitte vom Teleprompter ab. Lächeln nicht vergessen! Und seid natürlich. Klappe ‚Fortschritt, die Erste‘!”

Moderator: “Heute erreichten uns verwirrende Bilder einer ganz neuen Zerstörung durch die Terrororganisation ISIS. Katrina, was kannst du uns berichten?”

Moderatorin: “Tja, Charles, das waren sehr verstörende Bilder, die wir heute aus Deutschland erhielten. Es war klar, dass die Terrorgefahr durch versprengte ISIS-Terroristen auch dort hoch war, aber dass diese inzwischen schon Landstriche erobert haben …”

“Das ist beunruhigend, Katrina. Die Terrorgefahr scheint in Europa also immens zu wachsen und selbst gut überwachte Länder Europas kämpfen vergebens gegen diesen Virus des Wahnsinns.”

“Du sagst es Charles. Sie haben nicht nur christliche Kulturgüter in Syrien oder jenes UNESCO-Welterbe unseres christlichen Abendlandes wie Palmyra zerstört, nein, sie haben ihr destruktives Werk inzwischen perfektioniert und jetzt auch wohl nach Deutschland exportiert.”

“Das hört sich nicht gut an, Katrina.”

“Überhaupt nicht, Charles. Es erreichten uns heute Bilder, wie die ISIS mit zwei Baggern einen christlichen Dom Nahe Erkelenz mitleidslos niederrissen. Aus dem Dorf mit dem Namen ‚Immerlacht‘ waren zuvor bereits die Einwohner mit Sack und Pack geflohen. Augenzeugen berichteten, dass es sich um über 1500 Flüchtlinge aus dem Dorf handelte, welche in einem Flüchtlingslager namens ‚Immerlacht (Neu)‘ untergekommen sind. Nur weniger als ein Dutzend Menschen harren am Ursprungsort noch aus. Es soll sich hierbei um Alte, Gebrechliche und wahrscheinlich Kinder mit ihren Müttern handeln. Wir zeigen Ihnen hier im Hintergrund hinter uns diese uns überspielten Bilder einer unfassbaren Zerstörungswut einer absolut religiös verblendeten Minderheit, die auf nichts mehr Rücksicht nimmt. Nicht mal vor über 100 Jahren alten christlichen Bauwerken.”

“War denn dort keine deutsche Polizei vor Ort? Keine Bundeswehr?”

“Nein, Charles, Deutschland hatte die Bundeswehr dort nicht im Einsatz, da dieses das Grundgesetz verbietet, deren Einsatz im Innern nicht erlaubt. Polizei war zwar vorhanden und konnte einige tapfer gegen dieses Zerstörungswerk Protestierende vor der Barbarei der Islamisten in dem Dorf ‚Immerlacht‘ noch retten. Die Anzahl der Toten konnte bislang …”

Stimme aus dem Off: “CUT! CUT! CUT! Was soll denn der Scheiß? Wer hat denn den Dialog geschrieben? Ich krieg die Krise! Seit ihr denn von allen guten Geistern gefickt, oder was? Das betroffene Dorf heißt ‚Immerath‘, ihr Vollpfosten! Ihr wart wohl zu oft im Urlaub auf Mallorca, oder was? ‚Immer lacht‘ ist eine deutsche Schlagerschnulze für deutsche Urlauber, gesungen von Kerstin Ott. Der Ort heißt ‚Immerath‘, IM-ME-RATH, ihr analphabetischen Sackgesichter!”

Zweite Stimme aus dem Off: “Regie? Hallo Regie! ‘tschuldigung, wir haben den Fehler gefunden. Der Text wurde von so einem langhaarigen Praktikanten mit Jesuslatschen aus unserem Ausbildungspool geschrieben. Wir haben ihn gerade gefeuert. Es tut uns leid, ihn eingestellt zu haben. Ehrlich. Wir werden als Ausgleich unentgeltlich Überstunden machen, okay. Ist nur fair, oder? Und wir laden jetzt den richtigen Originaltext auf den Teleprompter.”

Erste Stimme aus dem Off: “Ich glaub es nicht! Könnt ihr sowas nicht mal vorher prüfen, was ihr hochladet, ihr Schwachmaten? Hab ich es denn hier nur mit Vollhorsten zu tun? Ich gaub‘ es nicht! Idioten! Ist jetzt alles bereit? Katrina? Charles? Können wir jetzt?”

Zweite Stimme aus dem Off: “Gepudert? Schlips senkrecht? Dekolleté ausgerichtet? Okay? Deutschland-Berichte, die zweite!”

Erste Stimme aus dem Off: “Und jetzt keinen Fehler! Okay? Das Dorf heißt ‚Immerath‘, klar soweit? Und: Klappe ‚Fortschritt, die Zweite‘!”

Moderator: “Deutschland ist ein prosperierendes Land.  Wir alle wissen, wie alle Deutsche durch ihren Einsatz und ihren Arbeitswillen es zu einer großen Nation gemacht haben. Jetzt gibt es weitere Bilder von diesem unglaublichen Fortschrittswillen. Katrina, was kannst du uns berichten?”

Moderatorin: “Tja, Charles, das waren schon eindrucksvolle Bilder, die wir heute aus Deutschland erhielten. Es war klar, dass die Deutschen vieles für ihren wirtschaftlichen Wohlstand opfern. Aber das was jetzt passierte, war eindrucksvoll.”

“Das hört sich gut an, Katrina.”

“Absolut, Charles. Es erreichten uns heute Bilder, wie Deutschland mit zwei Baggern einen christlichen Dom Nahe Erkelenz opferten, um weiter dringend benötigte Rohstoffe aus dem Boden zu gewinnen. Aus dem Dorf mit dem Namen ‚Immerath‘ waren bereits die Einwohner in ihre neue Heimat mit dem Namen ‚Immerath (Neu)‘ umgezogen. Ein modernes Dorf mit einer hochpotentiellen Infrastruktur und den neusten Errungenschaften, wovon man in manchen Vierteln deutscher Millionenstädte nur träumen darf. Lediglich ein Dutzend Menschen harrten am Ursprungsort noch aus, um die reibungsfreien Abbrucharbeiten derer Gemeindekirche zu begleiten. Einem Gebäude, welches deren Vorfahren fast zärtlich als den ‚Dom von Immerath‘ bezeichneten, einem Bauwerk, welches vor 100 Jahren von eben jenen finanziert und erbaut wurde.”

“Das ist beeindruckend, Katrina.”

“Ja, wo sonst in der Welt geben Menschen sogar ihre religiöse Heiligtümer auf, um alles für eine florierende Wirtschaft zu tun? Bekannterweise drohen die Energieversorger, insbesondere die Braunkohlenförderer, in notleidende Situationen zu geraten und, um so mehr ist es den Anwohner mit Respekt zu zollen, dass sie zum Wohle dieser potentiell notleidenden Unternehmen auf ihre Heimat verzichten, sich pioniermäßig neu ansiedeln und durch ihr Verhalten den Energieversorgern eine Fähre durch unruhigen Gewässern als Hilfe angedeihen lassen.”

“Danke, Katrina, für diesen Bericht aus der Lokomotive der europäischen Union. Da kann unser Land und viele unserer Leute ja noch etwas davon dazulernen. Aber jetzt erst einmal eine kurze Werbepause.”

Erste Stimme aus dem Off: “CUT! Na, endlich! Hervorragend. Und jetzt die Nachrichten zur ansteigenden Kriminalität und der neuen Welle an Wohnungseinbrüchen in unser Land. Puder! Licht! Ruhe! 3, 2, 1, und … action! Klappe ‚Inlandsnachrichten, die Erste!’”

Don’t Pay The Ferryman …

Immerath:
Lesenswerte Ansicht zu Immerath: Teestübchen Trithemius
Screenshot der Bilder zum Abriss:
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Fliegender Zwischenruf ins Unreine geschrieben


Eine Fluggesellschaft verabschiedet sich vom Markt. Air Berlin stellt den Flugbetrieb ein. Deren Flugzeuge werden von der Kranich-Fluglinie größtenteils übernommen und all jenes Personal, was keiner benötigt, darf sich beim Arbeitsamt melden.

Eine irische Billigfluglinie streicht ebenfalls ihren Flugplan zusammen. Es fehlen ihnen Piloten. Viele Flugzeuge, wenig Besatzung. Der Billigflieger ist nicht sehr beliebt. Seine Bezahlung ist gering. Es steht zu vermuten, dass sie sich in Bälde um die entlassenen Piloten und Flugbegleiter der Air Berlin kümmern wird, wenn jene erst einmal spüren, was Arbeitslosigkeit bedeutet.

Vor einem Monat hatte Air Berlin einen recht hohen Krankenstand bei ihren Piloten. Um trotz Insolvenz den Flugbetrieb weiter halten zu können, forderte Air Berlin seine Piloten auf, trotz Krankschreibung wieder zurück in das Cockpit zu kehren. Krankschreibungen waren als Protest von der Firmenleitung enttarnt und entsprechend wurde dieses auch nach außen hin mitgeteilt. Und so entstand – wieder mal – eine Stimmung gegen Piloten, als überbezahlte Zerstörer von Urlaubsträumen anderer. Kommentare zielten darauf ab klar zu machen, dass Piloten die Urlauber leiden lassen würden.

Interessanterweise herrschte nach dem Germanwings-Flug 9525 und dessen Absturz vor zweieinhalb Jahren in den Provenzalischen Alpen ein anderer öffentlicher Konsens: Piloten mit Krankschreibung sollten gar nicht erst in ein Flugzeugcockpit gelassen werden dürfen. Piloten tragen die Verantwortung über das Leben der ihnen Anvertrauten. Zu leichtfertig könnte das Leben der Insassen aufs Spiel gesetzt werden. Genau so leichtfertig wie es der krankgeschriebene Pilot des Germanwings-Flug 9525 mit seinen 150 Insassen in krankhafter und mörderischer Absicht tat.

Jedes Jahr das selbe Szenario: sie sammeln sich in Schwärmen auf zentralen Flächen und warten mehr oder weniger geduldig. Sie unterhalten sich, sie regen sich über paar andere Reisebegleiter auf, sie mustern ihre Umgebung und alle warten nur darauf, dass es los geht. Die Vögel auf den Feldern, die Menschen in den Flughäfen. Insolvenzen von Fluglinien sind lästig. Piloten ebenfalls. Bei Insolvenzen gibt es das Insolvenzrecht, welches die Urlauber schützt. Gegen Piloten gibt es das nicht. Und Piloten haben auch nicht krank zu sein. Pilot-sein und krank-sein, das ist in der öffentlichen Meinung ein Unrecht, eine Vorsätzlichkeit der Piloten und nicht konsensfähig. Und wenn der Pilot seine Krankschreibung zerreißt und trotzdem fliegt, dann ist es auch wieder nicht recht, wenn der kranke Mensch als Pilot seine Anvertrauten nicht überleben lässt.

Wichtig scheint eh nur eines zu sein: schnell weg von dort zu kommen, wo man ist, um baldigst dort zu sein, wo man noch nicht ist. Und man möge uns dabei bitte nicht im Wege stehen, um uns daran zu hindern. Up, up and away.

Wer nicht hören will, wühlt in fremden Haufen


Ein Gedanke entwickelte sich mir beim Lesen von Jules von der Ley (Trithemius) Blog-Feuilleton-Artikel „Wie alles angefangen hat – ein Ohrenzeugenbericht“: eine Person spricht, die nächste spricht lauter, um dessen Stimme über die der ersten Person zu lagern, was eine dritte Person als Anlass nimmt, seine Stimme über die der zweiten zu legen, während die vierte Person in Folge die dritte übertönt, was die erste Person zu Anlass nimmt, die vierte zu übertönen.

Das Ganze müsste logischerweise in einer brutal akustischen Rückkopplung enden. Klappt aber nicht. Die Biologie hat dem Menschen ungerechterweise stimmliche Grenzen gesetzt. Ist nicht fair, ist aber so. Weswegen diese Grenzen sich auch letztendlich auf Konzerten mit „Brüll-Techno“ im Stile von H. P. Baxxter („How Much Is the Fish?„, „Hyper Hyper„, etc. von Scooter) manifestiert hatten.

Es mag viele Leser geben, die dabei gähnen werden, und müde abwinkend erklären, dass der „Brüll-Techno“ von den teilnehmenden Bands des Wacken Open Airs (seit 1990) stimmlich abgekupfert wurde.

Nur Jules analysierte hierbei profunder, erheblich grundlegender: Diskotheken, Waken Open Air und Brülltechno lassen sich eindeutig auf eine Gruppe von vier Personen zurückführen, die in ihre eigene Stimme verliebt sind und jenes in einem Café ausleben. Somit wären also alle nachfolgenden, rebellenhaften Veranstaltungen entmystifiziert und auf jenen simplen Kaffeeklatsch unserer Mütter und Bierstammtische unserer Väter rückgeführt. Eine ganze Generation von Schrei-Rebellen entmystifiziert. Schön ist das nicht, nicht wahr. Wie soll denn dann rationale Pubertät funktionieren, wenn die Jugend das Gleiche unter gleichen Vorzeichen in stimmlicher Verausgabung mit Hoffnung auf Differenzierung so etwas durchführt? Pubertät ist, wenn Eltern Probleme mit ihren eigens Erzogenen haben. Alles andere wird sowieso eh als Jugendkriminalität klassifiziert.

Eigentlich.

Und uneigentlich?

„Uneigentlich“ beginnt alles mit einem Wort des dialektischen Widerspruchs. Am Anfang war das Wort. Sprach schon Herr „Bibel“: Bestsellerautor, welcher auf keiner SPIEGEL-Shortlist verzeichnet ist; bitte nicht verwechseln mit dem Autor Herr Bebel, Vorname August – gültig auch im Oktober -, bereits tot (gültig zeitlos) und beerdigt (gültig für einen Verein namens SPD punktuell zeitweise), jener seines Zeichens einer Partei in Deutschland zugehörig gerechnet, einer Partei, welche mit der näherkommenden 5-%-Hürde kämpft …. hab ich eine Lästerung vergessen? .. ach ja, er war nicht Hedonist …  …

Moment. Ich bin komplett und total abgeschwofelt, äh abgeschweifelt. Oder irgendwie grammatikalisch so …

Also.

Jener Herr Bibel (nicht „Bebel“) erwähnte damals bedeutungsschwanger das Wort „Logos“. Das Wort wurde knapp vor nach der Sintflut pränatal abgetrieben. Beteiligt waren daran weite Schichten der Überlebenden (Säugetiere, wirbellose Tiere, Insekten, Amöben und exakt zwei ahnungslose Menschen) nur irgend erheblich meine privaten Interpretation nach in jenem Land, wo so etwas ein absolutes No-Go ist.

Also wohl eher Logik …

(… uff; ein Danke den reichhaltigen Lesern meines Blogs, welche mir blind und unbedarft folgen und unnachdenkenderweise zustimmen und durch die nicht-Kommentar meinen verschwurbelten Gedankengängen nachgerade zustimmen …)

… bei der man entspannt ein „woll“ hinterher schiebt. Meiner Sprache ist es halt kein reines Hochdeutsch. Das muss man mir als komplett unintegrierter, halbschlesischer Ausländer der mitteleuropäischer Hemisphäre einfach bitte mal nachsehen. Konkret ausgedrückt, ist das das, wenn sich in einer U-Bahn jemand in persönlicher Beziehung mit seinem eigenem Handy unterhält, ich es nicht als braver Bürger auf einem DIN-A4-Zettelchen protokollieren kann.

Logisch.

Woll.

Voraussetzung ist, dass der Gesprächspartner jener Person nicht gegenüber sitzt, sondern überhaupt nicht im gleichen U-Bahn-Wagon. In den Zeiten, als es noch kein Handy gab – die Leser meines Blogs im Teenie-Alter (Quote jener Leser: –0,00001%) werden wohl jetzt ganz verwundert aufmerken –, als es noch kein Handy gab, hatte es maximal nur Telefonzellen außerhalb den eigenen vier Wänden. Also jenes Zeitalter, als Internet nur in gewissen amerikanischen Verteidigungsinstitutionen existierte und in den hiesigen Universitäten noch eine exotische Geschichte war. Auf Telefonzellen klebten damals immer zwei Aufkleber: der eine lautete „Wer die Telefonzelle beklebt, wird angezeigt“ und der andere lautete „Fasse dich kurz“ (bezog sich nicht auf das Aufkleben von Aufklebern).

Ich erinnere mich daran nicht nur, weil Alfred Tetzlaff eine anrufbare Telefonzelle vor seine Haustür hatte, die sich in inniger Feindschaft mit Frau Suhrbier teilte. Und eben dort klebte auch in der Fernsehserie der Aufkleber „Fasse dich kurz“, welcher den kleinwüchsigen Alfred Tetzlaff erregte …

… okay, ich schwelge in unwichtigen Erinnerungen, also weiter …

… wo war ich stehen geblieben? Bei welchem Hölzcken auf Stöckzcken? …

Uneigentliches?

Telefonie.

In den 80ern telefonierte ich häufiger mit Brasilien. Die Leitungen waren erstens analog und zweitens schlecht. Dazu muss man wissen, dass analog nicht gleich schlecht ist und digital nicht automatisch gut, auch wenn digital besser sein kann als analog, aber analog nicht schlechter sein muss als digital (… wer stellt hierzu die mathematische oder booolansche Gleichung auf? …).  Inzwischen sind digitale Leitungen allerdings so gut, dass die Telefongesellschaften in Gesprächspausen der Teilnehmer ein Kunstrauschen einflieseln lassen, damit die Gesprächsteilnehmer erkennen, dass die Verbindung noch existiert. Denn digital kann bei Sprachlosigkeit der Teilnehmer schon manchmal richtig brutal rauschfrei sein.

Lange Rede, kurzer Sinn: interkontinentale Telefonleitungen waren vor paar Dutzend Jahren  immer irgendwie verrauscht. Und jenes Rauschen konnte die Stimme auch mal locker übertönen, was mit erhöhte Lautstärke beim Sprechen oder Schreien in den eigenen Telefonhörer kompensiert werden konnte. Ein bekannter Studienkollege in Aachen wurde von seinem wütenden Nachbarn zusammengefaltet, weil er es einmal im Gespräch mit Brasilien zu Hause zu laut telefonierte, damit er in Brasilien verstanden wurde (Stichwort: Papierwände in einer Altbauwohnung).

Nochmals:

Langer Rede kurzer Sinn: immer wieder begegne ich Menschen, die laut in ihr Smartphone reden, so dass jeder mithören muss, weil die Telefonierenden meinen, Entfernung zum Anrufenden wäre proportional mit der eigenen Stimmlautstärke telefonischerweise zu kompensieren.

Und dann denke ich mir: „So laut wie die Person redet, die hätte nicht anrufen müssen. Die andere Person hätte jene von hier aus sowieso verstanden“.

Und wie von Zauberhand kam mir letztens bei so einem Gespräch einer anderen Person der Gedanke, warum die Geheimdienste so viel Geld in Abhörtechnologie investieren, wenn eh die ganzen Technologie-nicht-Verstehenden in die Hörermuschel ihren Brüll-Techno veranstalten. Aber dann fiel mir rettenderweise eine Volksweisheit ein. Und das zuvor gedachte war mir total wumpe und knorke:

„Wer flüstert, der lügt.“

Mit einem Mall fand ich George Orwells „1984“ , NSA und Hörgerätehersteller wieder völlig sympathisch.

Leise hatte ich zu meiner hirnrissigen Idee in der U-Bahn meinen Banknachbarn gefragt. Der schaute mich seltsam an und äußerte seine Meinung, nicht zu wissen, was ich meinen wollte. Maliziös fragte er mich, was denn wohl ich gefragt hätte, denn wegen dem Laut-Telefonierer von Gegenüber hätte er mich nicht verstanden, meinte er …

Die U-Bahn hielt. Von meinem Platz beobachtete ich die Routine, sitzend bleibend: die Türen öffneten sich, blieben eine Weile offen und danach ertönte ein durchdringender Piepton und eine Stimme erklärte eindeutig für jeden vernehmbar im wunderbarsten Hochdeutsch in Bayern:

„Verrückt bleiben, bitte.“

Ich stieg nicht aus. Mein weißes Jackett ließ es nicht zu. Und die achtzehn Pfleger um mich herum und deren blauen Pillen, die ich dauernd mit BullWodka zu schlucken hatte, danach auch nicht.

That’s life.

Live.

 

2017-10-07 02_04_56-Störlem Shake - the next Level - YouTube.png

Anmerkung zum verlinkten Video:
der Karikaturist Dieter Hanitz zu Beginn des Videos, links vorne, sitzend

Anmerkung zum verlinkten Video:
der Karikaturist Dieter Hanitz zu Beginn des Videos, links vorne, sitzend