So eine Überschrift geht so einfach von der Hand.
Besser. Besser ist der Feind des Guten. Eben darum war besser früher anders. Nicht, dass das Heute schlechter wäre als früher, aber das Heute ist anders als das frühere Gestern.
Gestern wurde während eines Fußballspiels eine analoge Uhr (Hinweis: Das Wort »analog« war damals noch ohne weite Verbreitung) eingeblendet und zeigte die 30. Minute der zweiten Halbzeit an. Kaum zehn Sekunden später sagte Mister »Gutenabend-allerseits« (Heribert Fassbender): »Es sind in der zweiten Halbzeit 30 Minuten gespielt. Noch fünfzehn Minuten sind zu spielen.« Jetzt kommt maximal der Kommentar: »Noch fünfzehn Minuten! Kommt es noch zum Lucky Punch in der Box des Gegners vor dem aufziehenden Shoot-out?«
Heutzutage stellt sich immer die fußballerische Frage einer emotionalen Prokrastination statt nüchterner Fakten. Seit jener Rudi Völler dessen Bemerkung »Du sitzt hier locker und in aller Ruhe und hast schon drei Weizenbier getrunken…« auf die vorherige, emotionslose Feststellung eines unvollendeten Verständnisvorgangs von Waldemar Hartmanns »Ich verstehe die Schärfe nicht …« hat sich die Welt über hundertmal weitergedreht.
Im Nachgang der vorherigen Spiele der aktuellen WM fassen umstrittene Reporter von MagentaTV diese am nächsten Tag zusammen. Sie tun es in einer Weise, als ob das Spiel gerade erst vor vier Minuten in totaler Dramatik beendet worden wäre. Das Faszinierende dabei ist nicht, dass sie diese Aufgabe mit der Emotionalität einer Live-Berichterstattung durchführen. Das eigentlich Faszinierende ist am nächsten Morgen der vortragende Reporter nach seiner Pult-Live-Kommentierung der Bilder. Denn danach ist er wieder – ganz der alte – schlafmützig und in einer Tonlage tiefer weiterredend. Aber Hauptsache Emotionen. Darüber wird immer gerne geredet.
»Emotionale Intelligenz« und seine daraus abgeleiteten Schlagworte »Empathie« und »Empathiefähigkeit« gelten heutzutage für jeden Deutschen als die höchste Auszeichnung an sich. Das wird höher wertgeschätzt als das »Bundesverdienstkreuz« oder das »Eiserne Kreuz«. Wer jenes Level einer »Empathiefähigkeit« nicht erreicht, ist in den Augen jener nur »Schmutz«. Passend werden dann noch Schlagworte wie »Verrohung der Gesellschaft« ausgepackt und dann wogen die Emotionen an den Mauern der gesellschaftlichen Moral hoch.
Aufgeregtheit ist das neue Ideal, weil es sich so einfach mit dem diffusen Dunstkreis »Emotionale Intelligenz« verknüpfen lässt. Damit lassen sich Dinge konstruieren, die aus einem Zusammenhang gerissen wurden, um jemanden vorsätzlich zu schädigen, der eh schon einen dubiosen Ruf im Bereich Comedy hat. Dazu muss man sich auch nicht damit beschäftigen, in welchem Zusammenhang jener es gesagt hatte. Das ist vollkommen unnötig. Wenn es darum geht, eine unbedeutende Person zu beschuldigen, sich über niederträchtig ermordete Menschen lustig zu machen, warum hofieren dann all jene Kritisierenden solche Menschen wie Merz, Trump und so weiter, welche zum Thema »Niedertracht« eine zweite von eben jenen andere Meinung haben? Nun, Schnappatmung ist das neue Ideal. Es erhöht beim Luftschnappen den inneren Druck aufs Ohr, vermindert gleichzeitig die eigen Hörleistung, entzieht dem Hirn den Sauerstoff zum Nachdenken und gibt der Lunge den rohen Powerstoff zum Belegen der maßgeblich eigenen »Empathiefähigkeit«.
Früher war das anders. Sollte der Sohn des Ehepaars, welches jemanden besuchte, einfach mal die teuren Acryl- und Wasserfarben der Staffelei leer schlürfen, dann erforderte es bei vorsichtigem Protest (entsetzte Blicke waren das maximal Tolerierte, was damals akzeptiert wurde) mit dem Argument umzugehen, dass jenes Söhnchen die Freiheit haben sollte, in seinem Leben eigene Erfahrungen zu machen.
Hieß es früher noch »Bürger, lasst das Glotzen sein, reiht euch mit uns auf der Straße ein«, so heißt es bei den heutigen Älteren der damaligen Zeit nur noch prägnant: »Glotz nicht, oder Anzeige ist raus!« Vormals warnten sie noch: »Vorsicht, Big Brother is watching you«. Heute warnen sie lediglich: »Vorsicht, ich hab dich im Visier.«
Wurde bei den WM-Endturnieren vormals seitens Deutschland von deren Mannschaft Rumpelfußball gespielt und damit das Finale erreicht, dann akzeptierte es jeder der Babyboomer. Heute rumpelt es in der Mannschaft andauernd und die Gegner der Deutschen wissen nach dem Schlusspfiff nicht, wohin mit deren Freude darüber. Den Kindern der Babyboomer ist das egal. Für jene zählt nur das Ergebnis.
Das Wichtigste nach dem Ausscheiden bei der WM 2026 wurde uns jetzt klar präsentiert: verzagte Rumpelfußballer müssen gleich am ersten Tag ihres Erkrankens eine Krankschreibung vorlegen. Ansonsten scheiden sie sofort und unverzüglich aus. Und riskieren erhöhte Empörung, begleitet von Schnappatmung beim Normalbürger mit niedrigen Steuersätzen.
Hieß es vormals noch, dass man eine Erkrankung zu Hause kurieren sollte, um Kollegen nicht anzustecken, ist jetzt der Tenor, dass keine Krankheit so hart wie das Leben ist. Krankheit? So etwas darf keine Krankschreibung rechtfertigen. Und all die üblichen Verdächtigen bekommen dabei überhaupt keine Schnappatmung und verfallen auch nicht in Monologe zu einer überall erkennbaren »Verrohung der Gesellschaft«.
Arbeitsmoral. Im nächsten Atemzug sollte dann gleich das Totschlagwort der »Deutschen Tugenden« genannt werden. Als da wären: Pünktlichkeit, Disziplin, Fleiß, Ordnungssinn, Sparsamkeit und Pflichtbewusstsein. In der Sprache von »My-Baby-Fussball-balla-balla«, übersetzt für die Dutzenden Millionen deutschen Trainer an den heimischen TV-Geräten: Laufbereitschaft, Einsatzwille, physische Robustheit und mentale Stärke.
Und alle nicken dazu verständnisvoll, von jung bis alt. Weil früher hatten die deutschen Mannschaften das. Den früher?
Da war alles anders.
Als Feind des Guten.