Im Jahr 1949 steckte sich der junge Joachim Fest einen Zettel ins Portemonnaie, den er bis zu seinem Tode mit sich führte. Auf dem Zettel stand der Satz:
„Ertrage die Clowns!“
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Nachdem sich die Fußball-WM in den letzten Zügen befindet und wir Deutschen wie die Jürgen-B-Klopp-ten wieder mit uns selbst beschäftigen können, fällt schon auf, dass sich dieser Plebejer-Sport verändert hat. Als sich unsere Patrizier Deutschlands noch bei Tennis, Pferderennen und Golf von den »Arbeitersportarten« distanzierten, hat sich seit den Boris-Becker-Fäusten und -Hechtsprüngen in Wimbledon 1985 einiges verändert.
Die Plebejer probten den Aufstand und die Patrizier rächten sich. Ein deutliches Beispiel ist der Umgang mit der damaligen »Punk«-Bewegung. Nachdem jene Bewegung weder beim After-Eight-4-Uhr-Tee übersehen geschweige denn verbieten konnte, wurde »Punk« einfach assimiliert und als neue Modebewegung einverleibt. Gloria von Thurn und Taxis hat »Punk« auch in den oberen Gesellschaftsschichten hoffähig gemacht. »Popper« und »Teds« als Jugendkultur kamen und gingen, nur der »Punk« an sich blieb als subversives Vergnügen der oberen Schicht, die sich beim gegenseitigen Einlochen derer Bälle in offenen Löchern anfing zu langweilen.
Und heute? Bei der diesjährigen Fußball-WM hat sich das Publikum in seiner Zusammensetzung deutlich verschoben. »Plebejer aller Länder, bleibt gefälligst draußen!« Wenn bei den Spielen Spielern applaudiert wird, dann hört man es deutlich.
Der Applaus ist anders geworden. Die Leute auf den billigen Plätzen klatschen wohl noch manuell, also mit ihren Händen. Jene Herrschaften auf den teuren Plätzen aber rasseln mit deren Juwelen. Das macht eine ganz andere Akustik. Dies klingt wie Musik in den Ohren der Infantinos und Trumps.
Und wer die Stunde 13,90 Euro brutto in Deutschland verdient, der bleibt lieber zu Hause und schaltet zum Zuschauen das Free-TV ein. Oder hat ein Abo bei Magenta-TV für einen Monat nur. Denn auch Public-Viewing-Plätze verlangen inzwischen Eintritt.
Fußball, das war mal eine Sportart für die Leute von unten. Inzwischen wird es von oben gemanagt und für die Vermögenden mundgerecht vorbereitet. Wenn bei solchen das Geld bündelweise zu Hause herumliegt, dann freuen die sich, dass es eine Gelegenheit gibt, es auszugeben, um Vermögenden (also Ihresgleichen) beim Einlochen von Bällen in vertikalen, quadratischen Löchern zuzuschauen.
Und einen smarten Effekt hat das Ganze auch noch: Bei den vermögenden Zuschauern ist es eher unwahrscheinlich, dass die als Hooligans nach dem Spiel marodierend durch die Straßen ziehen.
Niemand schaut Hooligans beim Verprügeln anderer Leute gerne zu. Außer die vermögenden Zuschauer freilich: Prügelnde in einem Drahtkäfig, sich mit bloßen Fäusten die Birne für ein Geburtstagskind vor dem Weißen Haus in den USA einschlagend, das ist en vogue.
Dafür zahlen Vermögende gerne, um live dabei zu sein. Oder wie jene Vermögenden, die im großen Krieg in Ex-Jugoslawien auf eine eigenwillige Art Safari gingen: per Barzahlung in Srebrenica mittels Scharfschützengewehr Straßenpassanten abzuknallen.
Man könnte meinen, das dynamic ticket pricing wäre unfair, weil somit die Eintrittspreise bei den WM-Spielen für Normalverdienende nicht mehr bezahlbar wären. Aber das System folgt nur den Marktprinzipien von Angebot und Nachfrage. Und wenn nach teuren Tickets eine Nachfrage besteht, dann gibt es kein Angebot für niedrigpreisige Eintrittskarten.
Bleibt nur zu hoffen, dass die Nachfrage bei denen da unten erheblich sinkt, damit die da oben sich bald wieder langweilen und zurück auf deren Golf- und Ternnisplätze gehen. Dann könnte auch Fußball für den 08/15-Bürger wieder interessanter werden. Aber das wird nicht passieren. Geld und Fußball sind ein Januskopf, so etwas wird sich wohl nicht trennen lassen.