Opa Fred ist letztens rauf zur Ostsee. Ganz allein.
Was er da wollte? Seinen Traum verwirklichen: einmal Ostsee sehen und sterben.
Sterben? Yep. Da lag er wohl halb nackt im feuchten Sand, also ohne Hawaiihemd, ohne weiße Sportstrümpfe und ohne die obligatorischen blauen Adiletten.
Also fast nackt, lediglich in seinen beigen Bermudas. Am Strand. Regungslos.
Die ersten Passanten kamen vorbei und musterten ihn vorsichtig. Einer fasste sich dann ein Herz:
»Oppa, was machste denn hier am Strand? Ist doch viel zu kalt noch!«
»Lasst mich in Ruh. Ich will die Ostsee sehen und dann sterben.«
»Ostsee, Oppa? Aber das kannste auch daheim im Internet sehen. Dafür brauchste doch nicht hier am Strand. Hier ist kalt, hier holste dir noch den Tod!«
»Hier ist aber ruhiger, als bei mir zu Hause.«
»Oppa, das kannste aber nicht machen, hier am Strand sterben. Was sollen denn die ganzen Leute von dir denken? Wie alt bisste denn?«
»80.«
»80 ist doch kein Alter. Schau dir den Lindenberg, die Cher, den McCartney an, die hüpfen noch herum, wie Kinder auf ner Hüpfburg.«
»Ich will aber keine Hüpfburg.«
»Oppa, du musst vital bleiben. Du musst das Leben genießen. Rausgehen. Den lieben Gott einen Mann sein lassen. Sterben kannste später noch immer, aber jetzt doch nicht.«
»Lasst mich in Ruhe, die Ostsee sehn.«
»Und sterben haste gesagt? Denk mal nach. Also, einsam sterben kann doch kein Ideal sein. Das ist doch Mist, so einsam zu sterben.«
»Mir egal. Ich will hier nur in Ruhe liegen. Wollte ich im Beisein anderer Menschen sterben, wäre in die Ost-Ukraine gefahren. Aber ich wollte Ostsee und …«
»Oppa, ich rufe dir den Matthäser-Hilfsdienst, die werden dir hier weghelfen. Schatzi, mach mal.«
»Ich will aber nicht weg.«
»Die bringen dich zu den deinen, dann wirste das Leben wieder mit anderen Augen sehen.«
»Meine Augen wollen aber …«
»Ost sehen, ich weiß. Nur wenn ich dir tief in deine Augen schaue, dann sehe ich das sprühende Leben, diese Abenteuerlust, diese Vorfreude auf das Leben in der Gemeinschaft der deinigen.«
»Ich …«
»Da! Da kommen’se! Die Jungs vom Matthäser. Wie gerufen!«
»Lasst mich lieber allein. Ich will hier am Strand meine Ruhe, ich will …«
»Hallo. Wir sind vom Malteser Hilfsdienst, wie können wir helfen?«
»Sehr gut. Der halb nackte Oppa hier, der will hier allein am Strand liegen und sterben.«
»Oppa, das geht aber nicht!«
»Ich will doch nur …«
»Könnt ihr Jungs vom Matthäser nicht den fast nackten Oppa hier zu dem rechten Weg hin bringen…«
»Aber sicher. Der kommt bei uns auf die Bahre, wird festgeschnallt, und dann bringen wir ihn mit Lalülala gleich zu den Seinen.«
»Das hört sich gut an, das wird Oppa gefallen. Das wird ihn freuen. Nicht wahr, Oppa?
»Ich will aber nicht von hier weg.«
»Wir wuchten ihn auf die Bahre und dann geht’s mit ihm ins Altersheim.«
»Das ist gut. Der kann doch nicht hier allein am Strand sterben, nur weil es ihm so gefällt. Wie egoistisch ist das denn? Also mal ehrlich. Im Altersheim hat er’s sicher besser.«
Und so wurde Opa Fred auf die mitgebrachte Bahre gewuchtet, festgeschnallt und dann dort, wo Fuchs und Hase sich zur guten Nacht tot überm Zaun hängen, in ein unterbelegtes und überteuertes Altersheim verfrachtet. So wurde mir später erzählt.
Opa Fred soll noch protestiert haben, auf der Bahre, angesichts der Formulare, die er ausfüllen sollte. Trotzdem waren alle einstimmig der Meinung: Das wäre das Beste für ihn, da würde er nicht einsam sterben.
In der folgenden Nacht soll Opa Fred wohl ausgebüxt sein. Man fand ihn erneut wieder an der Ostsee-Küste. Tot im Wasser. Von Einheimischen beim morgendlichen Joggen entdeckt. Entsetzt waren jene auch, weil offenbar schon Möwen den Leichnam als Futterstelle nutzten. Um den Tourismus nicht zu stören, haben sie ihn gleich wieder ins tiefere Wasser gezogen, damit er ordentlich abtreiben sollte, und der Wasserpolizei Bescheid gegeben, dass man einen Leichnam in der Ostsee treiben sah.
Ein Fischerkutter barg ihn eine Woche später in dessen Fischerschleppnetz auf hoher See, als der Leichnam von Opa Fred wohl zu seiner letzten Ruhestätte unterwegs war. Gen Skagerak. Richtung Küste Dänemarks, Antholm. Opa Fred bevorzugte schon immer ruhige Gegenden.
Als der Leiter des Altenheims von Opa Freds Verbleib erfuhr, zuckte er nur die Schulter und kondolierte den Vorfall mit einem: »Leider hat der Opa Fred seine Chance zu unserer Freiheit nicht nutzen können.«
Tja. Das war die Geschichte von Opa Fred.
Und wenn ihr recht brav seid, dann erzähle ich euch als Gute-Nacht-Geschichte noch das Märchen von der Rettung des Wals »Timmy«. Oder »Hope«. Oder »Timmine«. Oder »Hopine«. Nun ja, über den Namen des Wals ist man sich jetzt momentan nicht mehr wirklich so recht einig, aber …
Opa blieb keine Wa(h)l.
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