Wenn das Fernsehvolk Kunst- und Handgriffe erfährt

Die Raute der Macht

Die Hände sind zu einer Raute geformt, die Daumen stützen die Unterarme gegeneinander ab, die aneinander gelegten Finger deuten verhalten auf den Betrachter. Auch wenn sie leicht nach unten gerichtet sind, so sprechen sie den Betrachter offensiv an. Diese Geste ist inzwischen schon all bekannt, von der Kanzlerin Merkel eingeführt (s.a. hier und hier), nach ihren eigenen Worten, um nicht gebuckelt herumzustehen. Das obige Bild sind die Hände vom Bundespräsident Wulff. Zum ersten Mal hielt ein Bundespräsident seine Weihnachtsansprache stehend und umgeben von Menschen. Die WELT schrieb bereits applaudierend, dass Wulff damit bei der Bevölkerung gewonnen habe und seine Sympathie gesteigert hätte.

Weihnachtsansprache Screenshot #1

Ein Bild fast wie bei einer privaten Traueransprache: Der Pfarrer spricht zu der Gemeinde, die wortlos dabei steht. Fast. Denn vor den Füßen von Wulff hocken Kinder, die andächtig seinen Worten lauschen. Das Ganze hat etwas von den Votivbildern, die es vor dreißig Jahren zu Kommunion, Firmung oder Konfirmation gab: Jesus hält Ansprache vor seinen Zuhörern und die Kinder durften zu ihm kommen, während die Erwachsenen andächtig lauschten.
Ja, die Rede hatte ich mir angeschaut. So etwas kann bei mir keine Weihnachtsfeststimmung versauen, das haben bislang immer schon die vier Wochen zuvor geschafft (wie dieses Mal). Aber ich musste mir die Rede nicht nur einmal anschauen. Nicht wegen dem Gerede vom Wulff, sondern weil ich ein Déjà-vu-Erlebnis hatte. Als die laufenden Bilder noch nicht digital korrigiert wurden und Leia Organa in Star Wars von 1979 noch jene bescheuerte Schneckenfrisur hatte, da war es ein Sport festzustellen, welche Unstimmigkeiten es in den Filmen gab. „Goofs“ werden diese Fehler in den Filmen genannt. Mikrofongalgen im Bild (z.B. „Willkommen, Mister Chance“) oder schneller Schuhwechsel von einer Szene zur nächsten („Romancing the Stone“). Ein „Goof“ wird erst dann zu einem richtig guten „Goof“, je perfekter der Film ist. Auch zu den Festtagen liefen wieder diverse Meisterwerke im Fernsehen. Wenn Henry Fonda Charles Bronson im Zug gefesselt zurück lässt und sich dann mit seiner Gangsterbande buchstäblich aus dem Staube macht, dann erscheinen nach 85 Minuten „Spiel mir das Lied vom Tode“ bei der Kamerafahrt in den Hintergrund im Vordergrund die Reifenspuren des Kamerawagens.

Screenshot Once upon a time in the west

Auf dem Fernseher wirkt das nicht mehr so wie damals noch im Kino auf der Riesenleinwand, wo ich tief im Sessel gedrückt diesen genialen Höhepunkt des „Western“-Genres sah. Nun, auch bei der Weihnachtsansprache vom Bundespräsidenten Wulff finden sich „Goofs“. Der Regisseur der Rede hatte versucht, einen Querschnitt durch die deutsche Bevölkerung herzu stellen. Fast – aber auch nur fast – hatte ich den Eindruck aus jedem Sektor des deutschen Lebens hätten die Verantwortlichen ein Paar ausgewählt. So wie damals Noah auf der Arche. Fast so. Denn in Wahrheit waren es entweder drei oder eine Person einer Bevölkerungsgruppe. Fast ein jeder Bevölkerungsgruppe. Denn Gangsta-Rapper und Strauchdiebe fanden sich ebenso wenig wie Banker und Priester. Böse Stimmen könnten zwar behaupten, der Vertreter der letzteren Gruppe der beiden von mir Genannten wäre der Wulff sowieso und die letztere Gruppe versuchte er durch seine salbungsvollen Rede zu repräsentieren. Andererseits wurden diverse Bevölkerungsgruppen geschickt in Stereotypen verpackt um den Bundespräsidenten herum drapiert. So fanden sich in weißer Burka gesteckte Frauen wieder, welche sowohl das Christentum in seiner Asexualität wie die des Islams präsentierten. Soldaten als Repräsentanten der waffengläubigen Gewalt. Multikulti – was doch bereits Frau Merkel als für gescheitert erklärt hatte – repräsentiert durch entsprechende Alibi-Menschen. Und gerade diese Weihnachtsansprachen-Multikulti-Präsentation ließ mir die Goofs ins Auge springen. Schaut einfach mal die nächsten Bilder an:
Weihnachtsansprache Screenie #3 Weihnachtsansprache Screenie #2

 

 

 

 

Weihnachtsansprache Screenie #5

 

Weihnachtsansprache Screenie #4

 

 

 

 

Während der Rede herrschte also ein reger Positionswechsel und keiner hat es im Bild gesehen. Das ist doch mal ein Applaus an den Regisseur vom Wulff fällig, nicht wahr? Ehre, wem Ehre gebührt.
Weihnachtsansprache Screenie #6

Und dann war noch der fromme Wunsch eines 7-jährigen Mädchens: „Mer Zeit mit den Eltern“. Dem Kinde kann geholfen werden. Nicht nur bei der Rechtschreibung, auf welche der Regisseur und der Wulff garantiert geachtet hatten.
Bei momentan de facto mehr als 7,5 Millionen Arbeitslosen, da sollte es doch möglich sein, den Eltern des Kindes ebenfalls ein Platz im Heer der Arbeitslosen zu vermitteln. Und dann können die Eltern in deren Arbeitslosenzeit, dem Kind beibringen, dass ein „Mer“ nicht immer mehr ist, sondern das ein „weniger“ von allem unser aller Zukunft ist, was Hilfe durch den Staat angeht. Das glaubte ich zumindest vom Gesicht unseres Bundespräsidenten ablesen zu können. Oder ich habe es zumindest hinein projiziert. Oder sollte Wulff sich im nächsten Jahr an die Spitze der Gewerkschaften setzen wollen und die 35-Stunden-Woche mit vollem Lohnausgleich zur Ankurbelung der Binnennachfrage und der Wirtschaft fordern?
Aber sicherlich wird es nur so sein wie immer: Die Kinder werden gerne in den Mittelpunkt der Gesellschaft hinein gesetzt, um dann über ihre Köpfe hinweg zu reden. Und die Kinder langweilen sich, schneiden Weihnachtssterne aus und schreiben ihr „Mer Zeit“ drauf. So wie bei dieser Weihnachtsansprache.
Oder lernen von der Straße. So wie im wahren Leben. Und dürfen dafür auch an der nächsten Weihnachtsansprache in der Mitte stimmlos auf dem Boden hocken. Oder auch nicht. Dafür sorgen die Hände der Macht. Und das nicht nur die vom Wulff.

 

Die Raute der Macht

Kunst- und Handgriffe werden durch Hände geführt. Durch eine „Be hand lung“. „Eine Hand voll“. Die entsprechende lateinische Übersetzung dazu heißt „manipulus“. Im Deutschen entstand daraus das Wort „Manipulation“. Uns behandeln derzeit die „Hände der Macht“ auf allen Ebenen. Nicht nur im Fernsehen …

Quellennachweis: Bei allen Bildern handelt es sich ausschließlich um Screenshots aus den entsprechenden Video-Materialien.

Wie erkennt man einen Terroristen?

Was man schon immer wissen wollte, aber nie zu fragen wagte.
Politiker wissen jetzt schon ganz genau, wie man Terroristen erkennen kann:

http://www.youtube.com/watch?v=mSaNMDLrd04 :

Also, Leute, im Winter nur in Badehose ungebräunt sich einem Bahnhof nähern, denn dann ist man unverdächtig …

Die erste Million … und was danach noch kommt

Nee, was ist das wieder schön.
Das Stellensicherungsprogramm für Hebammen (weiblich) und Geburtshelfer (männlich) wurde wieder eröffnet. Was dem Rheinländer zur (biologisch beiläufigen) Vermehrung der Karneval ist, dass ist dem Bayern das Oktoberfest. Der Bayer lästert zwar gen Rheinland, dass der Bayer sich nicht Verkleiden müsse, um Sex zu haben. Nur schaut man sich die Bayern in deren Trachtengefummel an, dann bin ich mir dessen nicht wirklich sicher. Wahrscheinlich müssten die Bayern ohne Oktoberfest paar Österreicherinnen importieren, um als kulturelle Eigenart Deutschlands zu überleben.

Die erste Millionen Besucher soll auf dem Oktoberfest 2010 gewesen sein, schreiben heute bereits die Medien. Eine Million? Also 500 Tausend jeweils an den ersten beiden Tagen.
Eine Million? Das war die Zahl der Besucher der „Love Parade 2010“ in Duisburg. Anfangs sollten dort auch über 1 Millionen Besucher gewesen sein. Als die Katastrophe dann aber seinen Lauf genommen hatte, gestanden Veranstalter und Stadt Duisburg kleinlaut ein, es wären nur 300 Tausend und weniger Besucher gewesen. Die „1 Million“ sei nur eine Marketing-Zahl gewesen. Und genau so funktioniert das ganze Zeitung-Gejubel auf die „eine Millionen Besucher“ vom Oktoberfest.

Marketing, reines Marketing.

Gerne schreiben die Medien dann mitten in der Woche, dass die Zelte bereits am Nachmittag wegen den vielen Besuchern geschlossen werden müssten. Besucher, die allerdings an solchen Nachmittagen auf dem Oktoberfest waren, konnten mir dann aber das nicht wirklich bezeugen.

Über 6 Millionen Besucher sind für die 17 Tage Oktoberfest zum 200. Jubiläum prognostiziert worden, rein rechnerisch circa 350 Tausend Besucher pro Tag. Es soll eine „Rekord-Wiesn“ werden, ist der überall verstreute Optimismus. Das folgt einer jährlichen Tradition. Die Mär von „1 Millionen Besucher“ binnen zwei Tage klingt dem potentielle Besuchswilligen wie eine Verlockung, etwas verpassen zu können. Perfektes Marketing eben.

Selbst die ersten Fernsehbilder vom Fassanstich („O’zapft is“) folgten dieser Vorgabe. Die Kameras verfolgen, wie der Oberbürgermeister Ude dem Ministerpräsidenten Seehofer und dessen Frau die erste gezapfte Maß überreicht. Mit der Maß in den Händen wandten sich beide, der Seehofer und der Ude, samt Ehefrauen von links nach rechts immer wieder den Fotografen zu. Tapfer lächelten sie und unermüdlich prosteten sich dabei immer wieder für die Fotogallerie zu. Dazu kommentierte der Fernseh-Moderator, dass der Seehofer und der Ude als die Allerersten die Wiesn-Maß genießen würden. Nur die Fernsehbilder dokumentierten das Gegenteil. Die kamen gar nicht erst dazu, überhaupt einen Schluck zu nehmen, geschweige denn zu genießen.

Dafür war aber schon eindeutig im Hintergrund zu erkennen, wie die ersten Besucher fleißig ihre Maß kübelten, während Seehofer und Ude weiterhin für die Fotografen um die Wette lächelten und noch immer sich zuprosteten. Und hätte die Kamera nicht von schräg oben gefilmt, es wäre auch nicht entdeckbar gewesen, wie schlecht dem CSU-Seehofer vom SPD-Ude die Maß eingeschenkt worden war. Aber das muss nun wirklich niemanden von den Besuchern abschrecken. Schlecht eingeschenkte Bierkrüge gehören zu jedem Oktoberfest wie das „O’zapft is“ vom Oberbürgermeister und die erste „1 Million Besucher am ersten Wiesn-Wochenende“.

Beides ist genau so sicher, wie die Vollbeschäftigung der Hebammen und Geburtshelfer im Mai/Juni nächsten Jahres, wenn dann die Babys ihr persönliches „O’zapft is“ feiern.
Prost.

Hautnah statt mittendrin?

Während die deutsche Fußballmannschaft gegen die Weltauswahl aus Aserbaidschan versucht, mit Toren einen gebührenden Abstand zu einer theoretisch machbaren Niederlage herzustellen, reicht es mir nicht.
Einfach nur dabei zu sein? Das reicht mir nicht.
Hautnah den deutschen Fußballern auf den Pelz rücken. Das isses.

Training ist vorbei. Die Spieler verlassen den Rasen, gleich geht’s zurück ins Hotel.

15 Minuten Halbzeitpause.
15 Minuten nachdenken, wie das zu schaffen sein könnte.
Was liegt näher als …

15 Minuten Rückfahrt, die Mannschaft ist zurück im Hotel. Gleich geht’s zum Abendessen.

… nein, doch nicht.
IM ARD … pardon, ich meine: … Im ARD läuft das Spiel zwar live. Kommentator und Co-Kommentator plaudern munter die Zeit der Halbzeitpause tot. Nur, das ist mir noch nicht hautnah genug.
Näher, oh näher zu dir, meine Mannschaft, will ich dir rücken!

Der Bus ist da, die Spieler auch. Philipp Lahm und Co. machen sich gerade warm.

Heureka!
Das isses!
Twitter!
Ich verfolge die Nationalmannschaft über Twitter!
„Näher dran“ gibt es gar nicht, wenn Podolski, Klose, Lahm und Badstuber abwechselnd mit Handy ihre Nachrichten ins WorldWide-SocialWeb abschicken.
Und wenn nicht unsere Stars, dann sicher der Niersbach in Vertretung der Mannschaft.

Die Mannschaften laufen ein. Gleich gehts los…

140 Zeichen Fußballlyrik.
Die Suche unter Twitter spukt mir als Twitter-Teilnehmer „DFB_Team“ aus.
Ich logge mich ein und lese …

Wiederanpfiff in Köln, die zweiten 45 Minuten laufen.

… und schließe die Twitter-Seite wieder.
Soviel spannende DFB-Hochlyrik ist mir zu tiefsinnig.
Das 4:0 fällt und ich lese die letzte Twitter-Prosa vom DFB.

Die Diagnose bei Mertesacker: Platzwunde unter dem linken Auge. Vorsichtshalber wird er zum Röntgen ins Krankenhaus gefahren.

Der ARD-Kommentator plaudert weiter wie ein Duracell-Häschen auf AC/DC in sein Mikrofon.
Hm.
Meine Entscheidung für die zweite Halbzeit ist gefallen:
Lieber ARD-Fußball statt DFB-Twitter.
Lieber mittendrin statt hautnah.

Quelle der Twitter-Zitate: hier

Da ist die Presse mal wieder zügig drauf abgefahren …

Jede Bahn hat ihren Sprecher und jeder Sprecher glänzt so gut er kann wie eine Sternschnuppe:
Erst Stern dann Schnuppe.
Oder so.

Man muss sich mal die Angabe über die Zunge zergehen lassen, was Jürgen Kornmann da binnen 15 Sekunden dem ZDF erzählt:
Auf 1440 Einsätze gab es 3 Ausfälle. Und Herr Kornmann bezog sich auf den Fall, dass es gestern dazu kam, dass Züge wegen dem Ausfall der Klimaanlage überhitzt waren und Passagiere wegen Dehydrierung vor Ort medizinisch versorgt werden mussten (s.a. Video von YouTube unten).

So und nun holen wir mal unsere Hauptschulabschlüsse heraus und fangen an zu rechnen.
Was bedeutet das? 3 ausgefallene Klimaanlagen auf 1440 Zugverläufe.
Erst einmal gar nichts.
Fällt bei einem ICE-Zugverbund eine Klimaanlage aus, so betrifft es im worst-case („schlimsten Falls“) ca. 800 Passagiere eines Zuges (von Klasse 1 bis Klasse 2 und Board-Restaurant). Sozusagen binnenklima-erwärmender Schrott auf Achse.

Die pharmazeutische Industrie hat eine international anerkannte Größe entworfen, die auch in der Automobilindustrie ihre Anwendung verwendet: „ppm“ (parts per million). „ppm“ sagt aus, wie viele Teile auf eine Million Teile ausfallen. 10 ppm sind also 10 fehlerhafte Teile auf eine Millionen Gesamtteile. Also 10 Tote auf 1 Millionen Menschen sind statistisch „10 ppm“. Umgerechnet sind also 3 Zugausfälle auf 1440 Zugvorgänge erst einmal absolut nichtssagend. Nehmen wir also der Einfachheit an, 3 Zügen mit defekten Klimavorrichtungen im gesamten Zugstrang (!) sind unterwegs. Wer die Bahn und ihre Fahrpläne kennt, kommt somit bei drei Zugverbünden auf maximal sieben Zugstrecken, also sieben Zugvorgänge.

Somit hätten wir 21 Zugvorgänge mit defekten Klimaanlagen auf 1440 Zugvorgänge (s.a. Videointerview oben). Das macht dann 14583 ppm (also statistisch 14583 Ausfälle auf 1.000.000 Zugvorgänge).

Im Vergleich mit der Automobilindustrie mit dem Qualitätsziel 0 ppm für Ausfälle im Feld, also im Betrieb, (als Beispiel: unsere Firma liegt bei 1,5 ppm), das ist also eine gnadenlose Katastrophe.

Moment!

In einem Auto sitzen in Deutschland maximal fünf Leute (okay, die Polizei fischt immer wieder auch Autos mit acht Passagieren in einem Twingo bei brütender Hitze aus dem Verkehr), aber bleiben wir mal statistisch: In den meisten Fahrzeugen sitzen statistisch gesehen 2,5 Personen (Zeitung auf dem Beifahrersitz bei Berufsfahrern mal ausgeschlossen). In einem Zugverlauf sitzen aber maximal 800 Leute, was somit die ppm-Zahl auf 19 runter schrumpfen lässt.

19 ppm!

Da wird die Automobilindustrie neidisch. Denn schon im Innenraum eines Fahrzeuges sind laut Verträge für Zulieferer 300 ppm zulässig. Selbst wenn ich 6 Leute in das Fahrzeug stopfe, komme ich personenbezogen nur auf 50 ppm.

Was will ich damit total und überkandidelt ketzerischerweise sagen?
Ganz einfach.
Nachdem Deutschland schon nicht unter die besten zwei der FIFA-Fußball-WM kommen konnte und auch sonst kein Vollidiot etwas presse-würdiges verbrochen hatte, da musste die Bahn dran glaube.
Lesen wir mal die Presseberichte.
Wie viele waren von dem Ausfall der Klimaanlage betroffen?
Es wird von einem Teil einer Schulklasse gesprochen (max. 30 Schüler), in anderen Berichten von 40 Menschen. Gut, lassen wir es mal 100 sein. Seien wir mal realistisch: 1000 Menschen gemäß der Pfeifer’schen Regel „Nur 4% der Kunden beschweren sich über mangelnde Qualität“ (ISBN 3-446-18579-8). Was dann fast genau der Zahl derjenigen Anzahl der Zuginsassen entspricht, die in einem Zug gesessen haben könnten (nämlich 1000 Passagiere entsprechend den Angaben der Journailien). 1000 Passagiere statistisch gesehen auf drei Züge verteilt, denn der 2. Klasse ist es nicht erlaubt im Zugrestaurant, auf der Zugtoilette oder in der 1. Klasse herum zu lungern.

Und dann mal die spontan er-google-te Nachricht:

Auf der A9 bei Gefrees hat Freitag Mittag die Unachtsamkeit eines Lkw-Fahrers neben 100-tausend Euro Sachschaden auch einen 12 Kilometer langen Stau verursacht.

12 Kilometer.
Zweispurig.
Also 24 Kilometer rechnerisch.
Und sicherlich nicht nur dort.
Bei „Jugend forscht“ wurde ausgerechnet, dass auf 3 km Stau 500 Autos kommen. Ergo haben wir hier mal locker 4000 Fahrzeuge mit statistisch gesehen 2,5 Personen drinne (es ist Freitag Mittag bei brüllender Hitze (wer Klimaanlagen kennt, weiß, dass dies jetzt keine rhetorische Phrase sein muss), viele Berufstätige fahren nach Hause und das allein in Begleitung ihrer Tageszeitung auf dem Beifahrersitz), also 10.000 Personen (oder reduziert wegen dem Ich-Will-Jetzt-Nach-Hause-Pendler auf 8000 Personen).

Das sind locker mal 4 so viele Personen als in den ICEs und das bei brütender Hitze in deren Fahrzeugen, die KEINE gut funktionierende Klima haben. Wer nicht genügend im Monat verdient, weiß, was ich meine.

Hm.

War da was?
Eine Nachricht im ZDF?
In der ZEIT?
In der FAZ, der SZ, NHZ oder gar im Buxtehuder Werbeblatt?
Nicht?
Nüscht?
Gar nüscht?
Hm.
Und was war mit den Unwettern in NRW vor knapp 24 Stunden? Glaubt da wer Gutmütiger, dass deswegen weniger als 10 Flüge á 100 Passagiere nicht landen konnten? Das die gar nicht dort ankamen, wohin die wollten?
Kein Wort in der Journalie? Nada? Niete? Nullinger?
Ja, ist denn schon wieder saure Gurkenzeit?
Ja?
Dann taugt die Bahn genau als Depperle der Nation.
Zum Draufschlagen einfach.
Wenn schon ein Westerwelle nicht mehr Angriffsfläche in seinem Sommerurlaub bieten möchte …

Und nun meine Quintessenz?
Jürgen Kronmann ist ein verdammt schlechter Pressesprecher. Genau solch einer, den die Presse braucht, um einen Stellvertreterkrieg für die große Hitze mit irgendwem zu schlagen.
So ein Depperl.
Die Volksseele kocht.

Nicht allein im Stau auf der A8, der Dehydrierung nahe (kein ADAC oder Ramsauer verteilt Wasser gratis und auf den Raststätten gibt es auch nur Kraneburger Jahrgang 2010) fluchen alle auf die Bahn. Weder im Sommer noch im Winter sei sie fähig eine Klimakatastrophe in deren Waggons zu vermeiden.

Aber wir sind auf die Bahn ja nicht angewiesen. Mit dem „Mein-Bac-dein-Bac“-Feeling sicher für die nächsten 8×4 Stunden fluchen wir auf die Bahn und auf den LKW-Fahrer. Denn wäre der mit der Bahn transportiert worden, hätte es auf der A8 keinen Stau gegeben. Und als vorweggenommene Strafe hätte der dort geschmorrt, da wo die 40 bemitleidenswerten Leute im Zug schmorrten.
Mein Beileid. Meinen zumindest die acht bis zehntausend Stauteilnehmer …

Oder etwas anders ausgedrückt, so wie bei Jürgen Kornmann.
Do it again, Jürgen:

Und now to something completly different. Football …

Wir schreiben den 15. Juni 2010. Es ist 18:00 Uhr. Bis um 20:00 Uhr sind bislang bei der gesamten WM 20 Tore gefallen. In 13 Spielen. Vor vier Jahren gab es bereits bis zum 15. Juni in 19 Spielen 36 Tore.

Damit im Schnitt bei dieser WM mehr Tore pro Spiel als vor vier Jahren fallen, muss jetzt Brasilien gegen Nordkorea mindestens 7:0 gewinnen. Danach würde zwar jeder von einem erneuten Endspiel Brasilien-Deutschland träumen (inkl. einem 2:0 für Brasilien; mein Déjà-vu-Traum), aber es würde wenig an dem bisherigen Verlauf der WM ändern. Eine grottige WM mit Spielen, bei denen das Einlaufen der Mannschaften spannender als das Spiel an sich ist.

Oder?

Oder etwa doch? Oder etwa nicht?

Was meint Professor Hastig aus der Seamstraße dazu?

Professor Hastig am Schlafen

Professor Hastig? Professor Hastig! Hm. Na, gut. Dann machen wir mal weiter. Mit dem nächsten Spiel der WM: Brasilien gegen Nord-Korea.

Êbá BRASIL!!!!!!!!!!

Mostra-nos que vocês estão orgulhoso a ser brasileiros!

Wenn die Vuvuzuela viermal trötet …

Liebe Leser, liebe Leserinnen,

diese WM ist grottenschlecht, so etwas von grottenschlecht, ein Spiel langweiliger als das andere. Wundert es, warum der englische Torhüter Green, den Ball gegen die USA durchließ? Warum der algerische Torhüter Chaouchi am Ball vorbei griff? Die waren eingepennt. Mitten während dem langweiligen Spiel. Und als dann der Ball aufs Tor zu trudelte …
„Hey, aufwachen! Balli kommt!“ …
Verduzt geguckt. Aber zu spät. Da war der Ball auch schon drin.
Und das trotz der Warn- und Weckrufe der Zuschauer mit den Vuvuzuelas.
Die Franzosen und Argentinier haben sich beschwert, die hätten vor Vuvuzuelas ihr eigenes Wort nicht mehr verstanden. Quatsch. Die fühlten sich in ihrem Schlafwagenfußball gestört. Das ist die Wahrheit.

Vuvuzuelas.

Das ist jetzt das Stichwort bei uns in meiner Nachbarschaft.
Vor der Beginn hatte ich sie alle gesehen, wie sie am Kiosk gegenüber sich die Fantüte mit Vuvuzuelas und Mini-Deutschland-Fähnchen besorgten. Alle. Sei ja WM, meinten die. Der miese Spießer aus dem ersten Stock, der sein Toilettenfenster außen mit zehn Deutschland-Fähnchen geschmückt hat. Oder dieser gestrenge Alt-89-er, der seine Tür mit einer Deutschlandfahne aus Seide dekoriert hat. Oder diese linke Type aus dem Dachgeschoss, die sich seinen knatschroten SMART mit zwei Fähnchen bestückt hat.

Denen haben wir es gezeigt. Wir lassen uns nicht nachsagen, wir seien nicht für Deutschland. Wir nicht!

Karl hatte letzte Woche drei Vuvuzulea sich beim EDEKA errubelt, Heiner zwei am Kiosk gegenüber für 10 Euro die Deutschland-Fan-Tüte gekauft und ich, ich habe mir eine im BILD-Shop online bestellt. Genau. Dort, bei der BILD-Zeitung. Die im deutschen Fan-Paket. 3 Stück! Man weiß ja nicht, wie lang die halten.

Man will ja schließlich mitfeiern und nicht am Rande stehen.
Und was jetzt? Jetzt haben die hier alle die Vuvuzuelas beim Public Viewing verboten. Und gerade die BILD-Zeitung stänkert wütend gegen die Vuvuzulas. Aber selber im Shop online Vuvuzulas für gutes Geld verhökern. Geschäfte machen, ist wohl okay. Aber das Gekaufte nutzen? Verboten.
Deutsche Verbieteritis. Typisch. Einfach feierfeindlich. Was hat das mit Einigkeit, was mit Recht, was mit Freiheit zu tun?
Jetzt reden die Wichtigtuer sogar in den Zeitungen, den Internet-Foren, den Blogs und bei Twitter davon, die Südafrikaner sollten den Gästen Toleranz gegenüber zeigen und die Vuvuzulas verbieten. Schließlich seinen wir ja Gast in deren Land und man hätte uns auch so zu behandeln! Als Gäste eben. Haben wir die nicht so behandelt vor vier Jahren und denen gesagt wo unsere No-Go-Areas sind? Also! Sollen die mal unser No-Go-Area im deutschen Fernseher respektieren und ihre Vuvuzulas wegschmeissen. Meinen diese Internet-Nerds. Diese Fuzzis können meinen, sie seinen das Maß der Dinge, wenn sie den Süd-Afrikanern vorschreiben wollen, was Fußball-Kultur sei und was nicht. Aber nicht uns. Nicht mit uns, haben wir uns gesagt. Nicht mit uns.

Wir haben schließlich für die Fan-Pakete bezahlt und wollen feiern. Will man uns jetzt vorschreiben, wie wir lustig zu sein haben?

Bei mir haben wir uns gestern eingerichtet. Zwei Kästen Bier, eine Flasche Vodka Black Label und fünfzehn Dosen Red Bull. Wir haben uns versprochen, bei jedem deutschen Tor mit unseren Vuvuzuelas Deutschland hochleben zu lassen.

Der Polizist an der Türe meinte später, unsere Feierei sei Ruhestörung. Nur weil Deutschland viermal getroffen hat und wir viermal fünf Minuten feierlich getrötet haben? Schweinerei. Die Anzeige werden wir anfechten. Wir gehen in Berufung. Wir lassen uns doch von so miesepetrigen Deutschland-Abstinenzlern hier im Haus doch nicht unsere WM vermiesen. Soll uns schließlich niemand nachsagen, wir würden Deutschland nicht mit jedem Atemzug unterstützen.

Gestern vor dem Schlafengehen – Grün-Weiß-München war schon längst weg – haben wir dann noch zu dritt mit einer Siegesfanfare den Sieg Deutschlands gefeiert. Am offenen Fenster! In den erhabenen Nachthimmel hinein! Deutschland hat 4:0 gewonnen!
Die Klingel hatten wir vorsichtshalber abgestellt. Damit nicht – wie schon bei den vier Toren zuvor – uns dahergelaufene Hobby-Talibans im Hause mit hintervotzigen Klingelterror ärgern.

So.
Wir haben jetzt ausgeschlafen.
Gleich spielt Italien. Wir werden Paraguay unterstützen.
Heiner holt noch nen Kasten Bier. Wenn er erst mal aus meiner Wohnung rausgekommen ist. Irgendwelche dieser Hobby-Terroristen fanden es offenbar toll, unsere Eingangstür mit vier Schichten Eierkartons komplett zuzukleben. Wenn wir die erwischen. Den tröten wir was auf unseren Vuvus im Choral, diesen Spassbremsen!

Törrrrrröööööööööööööööööööööööööööööö!

Georg Schramm und seine anderen Egos

»Georg Schramm gibt es nicht.«
»Auf der Bühne existiert er nicht.«
Georg Schramm

Der Name »Georg Schramm« ist seit der ZDF-Kabarett-Sendung »Neues aus der Anstalt« für viele Menschen in Deutschland ein Begriff. Bekannter als er selber sind aber inzwischen seine Spielfiguren: Lothar Dombrowski, Oberstleutnant Sanftleben, der alte Sozialdemokrat August und die rheinische Frohnatur des Pharmareferenten.
Wer aber ist Georg Schramm selber?
Lothar Dombrowski schrieb dazu in seinem Buch »Lassen Sie es mich so sagen … Dombrowski deutet die Zeichen der Zeit«:

»Ich habe all die Jahre Georg Schramm als Pseudonym benutzt, seine Vita erfunden. Er der Offizier Sanftleben und der alte Sozialdemokrat August sind Spielfiguren, Abspaltungen meiner Person, … . Im realen Leben gibt es nur mich, Lothar Dombrowski, …«

Es verwirrt.
Der Name »Lothar Dombrowski« an sich ist schon länger ein Begriff als der Name »Georg Schramm«. »Lothar Dombrowski« war ein ehemaliger Sprecher der »Tagesschau« (s.a. Bild links).
Aber wer ist jener »Lothar Dombrowski«, dessen Name von jenem Tagesschau-Sprecher entlehnt wurde und den Sprecher vergessen lässt?
Wer ist Georg Schramm?

Georg SchrammWer die Auftritte des unfreundlichen Lothar Dombrowski in der ZDF-Kabarett-Sendung »Neues aus der Anstalt« oder auch von Georgs Schramms letzten Programms »Thomas Bernhard hätte geschossen« her kennt, der gerät leicht in die Gefahr, diese Spielfigur mit der Person Georg Schramm gleich zu setzen.

Wer ist der Georg Schramm also? Hierzu findet sich viel Geschriebenes im Internet. Und es finden sich viele Videos über Georg Schramms Spielfiguren, sei es in der ZDF-Mediathek, sei es bei podcast.de oder bei YouTube.

Durch Zufall traf ich hierbei auf eine Sendung vom Deutschlandfunk aus dem Jahr 2008. Im Programm »Zwischentöne« hat Joachim Scholl mit Georg Schramm an die 90 Minuten ein lockeres Gespräch geführt: über die Figuren des Lothar Dombrowskis, des Oberstleutnants Sanftleben und des Sozialdemokraten August, über Georg Schramms vorherigen Programms »Thomas Bernhard hätte geschossen« und über die Sendung »Neues aus der Anstalt«.
Der Deutschlandfunk bietet dieses Gespräch noch immer in zwei Teilen zum Download im mp3-Format an:

Teil 1
Teil 2
Playlist

Es lohnt, sich die 1 ½ Stunden Zeit zu nehmen und hinein zu hören.
Es macht Lust auf Georg Schramms neues Programm »MEISTER YODAS ENDE – Über die Zweckentfremdung der Demenz« und tröstet auch darüber hinweg, dass Georg Schramm zum letzten Mal mit Urban Priol in drei Tagen am Dienstag, den 8-Juni-2010, in »Neues aus der Anstalt« auftreten wird (22:15 Uhr, ZDF; Gäste: Frank Markus Barwasser, Monika Gruber und Jochen Malmsheimer).