In vollen Zügen: Das Experiment von Trithemius

Das Experiment bei Trithemius ist beendet. 13 Autoren haben sich beteiligt. Und die unterschiedlichen Geschichten faszinieren.
Hier findet sich der gesamte Beitrag:

Link

Lesen lohnt sich.
Ein eigener Beitrag von mir findet sich auf der nächsten Seite.
Aber ernsthaft: ich empfehle den Link oben.
Eben weil es sich lohnt.

Hatte ich das bereits gesagt gehabt, dass es sich lohnt dort zu lesen?

Hier mein Beitrag:

Laptop, Aktentasche. Alles dabei.
Umsteigen. Wieso eigentlich? Warum gibt es keine Direktverbindung?
20 Minuten Verspätung. Aber zwischen Köln und Frankfurt in einer Stunde an allen Tieffliegern der A3 vorbei geflitzt. Das ist der technologische Fortschritt. Man ist mit Verspätung schneller dort, wo der Bugatti-Fahrer erst in einer Stunde und mit mehreren geblitzten Geschwindigkeitsüberschreitungen später eintreffen wird.

Immer wenn ich von Karlsruhe nach Köln gefahren bin, dann kam ich zweimal über den Rhein. Bei jeder Rheinüberquerung habe ich meine Arme ausgestreckt. Knöllchenverdächtig. Na klar. Und mancher Autofahrer neben mir hat geschaut, als ob ich einen an der Waffel hätte. Aber das war mir egal. Der Rhein ist die Macht im Lande. Er hat so eine Kraft.

Was haben wir dem Fluss nicht schon alles zugemutet. Nach dem zweiten Weltkrieg in den fünfziger Jahren schäumte er. Bis Henkel den Schaumbremser für häusliche Waschmaschinen erfand und die Städte ihre Abwasser klärten. Da war Ciba Geigy in der Schweiz. Die haben mal ebenfalls ein wenig Chemie in den Rhein geleitet und ihn damit total geklärt. Der Fluss war biologisch tot. Kein einziger Fisch, keine Kolibakterie hatte diese chemische Keule überlebt. Trotzdem war das Baden verboten. Obwohl kein Gesundheitsamt beim Fischen nach Kolibakterien fündig geworden ist. Inzwischen hat der Rhein wieder Leben. Rhein auf, Rhein ab wird drauf geachtet, dass die Fluss-Belastung durch Menschen verringert wird.

Ich hab den Vater Rhein in seinem Bett gesehn.

Der Zug schleicht über die Deutzer Brücke. Dort auf der Seite, wo Ballauf und Schenk immer ihre Tatort-Pommes-Büdsche-Szene haben. Leere. Schade, es wird kein neuer Kölner Tatort gedreht. Es wird mal wieder Zeit für diese beiden Kommissare. War damals der Hamburger Tatort die Wolke, so belegt für mich der Kölner Tatort den Sehenswert-Platz meiner privaten Rating-Liste.

Behäbig fließt der Rhein in seinem Bett dahin. Ein Schlepper kämpft sich gegen die Strömung an.

In meinen Gedanken sehe ich mich an dem einen Ufer in den Fluss springen und auf das andere Ufer zu schwimmen und mich von der Strömung abtreiben. Vielleicht würde ich es in Köln Niehl schaffen ans andere Flussufer zu gelangen. Dort wo die FORD-Werke sind. Und dann direkt in Niehl bei dem Verwaltungsgebäude aus dem Fluss entsteigend mir dann direkt im Schulungsgebäude erklären lassend, wie man mittels eines 8-D-Berichts alle Kunden dieser Welt zufrieden stellen könnte.
FORD.
Ford wollte mit dem FOCUS das Weltauto schaffen. FORD schaffte es nicht einmal bis zum FOCUS Cabriolet. Zu schwierig gestaltete sich das Projekt: Ein FOCUS in Indien muss anderes aufweisen, als in der USA oder in der BRD. In der USA ist der FOCUS ein Studentenfahrzeug, weil es so klein ist (der SMART dagegen ist ein Floh). In Indien ist das Cockpit uninteressant, weil diejenigen, die sich einen FOCUS leisten können, sich chauffieren lassen. Da muss es hinten im Komfort stimmen. Bei uns muss es vorne stimmen, weil der Fahrer an sich permanent aufs Cockpit starrt und allen Komfort haben will. In Indien brauch der Fahrer nicht zwingend einen Air-Bag. Wir steigen nur in Fahrzeuge ohne Air-Bag ein, wenn es sich um einen echten Oldtimer handelt.

Der Rhein.

Bei Hochwasser steht auch die Produktion in den FORD-Werken von Niehl. Steht und unter Wasser. Geplant wird allerdings bei FORD in sicherer Distanz zum Rhein in Merkenich. FORD Merkenich wird unter FORD-Lieferanten auch „FORD merket nicht“ genannt. Nun ja.

Der Rhein.
Das stehen am Ende der Deutzer Brücke die beiden Reiter.

Frau Lüttchen war die gute Freundin meines damaligen Vermieters in Aachen (Karl Brzeskiewisc). Die wohnte nach dem zweiten Weltkrieg 1945 auf der Scheel-Sick. Sie musste rüber auf die andere Seite. Die Brücken lagen im Rhein und die Alliierten hatten notdürftig die Deutzer Brücke geflickt. Und nun musste Frau Lüttchen zum Ballettunterricht. Und sie wollte es. Auf die andere Seite. Und der Weg führte über die Brücke. Einspurig. Sie wartete den nächsten Zug ab und ging dann über die beiden Gleisschienen balancierend auf die andere Seite. Hoch über den Fluten des Rheins. Ein wenig Angst hatte sie schon. Aber es war nicht wirklich gefährlich. Die Schwellen zwischen den Gleisen erleichterten das ganze. Und so überwand sie die Strecke jedesmal.
Bis auf eines Mal. Ihr blieben noch 20 Meter, als plötzlich hinter ihr die Schienen vibrierten. Ihr überlief es eiskalt. Ein Zug war hinter ihr sich am Annähern. Sie versuchte schneller zu gehen und zu balancieren. Sie schaffte es schließlich bis auf Höhe des Ufers und sprang in die Uferböschung hinab. Sie lag unten im Dreck und über ihr fuhr der Zug vorbei. Geschafft. Verletzt aber lebend. Jene Ballettstunde musste sie ausfallen lassen, aber sie war jenes Mal nicht böse darum. Sie musste jedenfalls nicht in den Rhein springen. Zu viele sind schon in den Fluten gesprungen und abgetrieben und nicht mehr lebend heraus gekommen.

Also doch nicht schwimmen. Ich wische mir die Idee weg. Nein, das muss nicht sein. Ich stehe in gebückter Haltung und starre den Rhein entlang, den braunen Fluten. Trübe ist das Wetter und die Touristenschiffe liegen schaukelnd vereinsamt am Ufer. Der Kölner Dom schiebt sich mir majestätisch in den Blickwinkel. Der Reiter der Brücke. War das nicht derjenige, der half den Dom zu vollenden. Jenes Bauwerk, welches fast über 500 Jahre Bauzeit verschlang?

Der Dom, er steht da so majestätisch. Es ist die einzige Sehenswürdigkeit einer Stadt, die einzig und allein von deren Bewohner und deren Flair lebt. Köln, das ist die Stadt des Lebens. Keine andere Stadt hat diese Power.

Mein Handy geht los. Jemand versucht mich zu erreichen. Ich lasse es schellen. Mir doch egal.
Ich beschließe den Anschlusszug zu verpassen. Die Bahn hat eh Verspätung. Und statt dessen in den Dom zu gehen und dann zum „Früh Kölsch“ um die Ecke. Ein zwei Kölsch werde ich mir genehmigen.
Eine Frau hinter mir rempelt mich an und bohrt mir ihren Koffer in den Rücken.
Das Stahlskelett des Kölner Hauptbahnhofs schiebt sich vor dem Dom.
Gesichter ziehen draußen am Fenster vorüber.
Unzufriedene Gesichter, denn der Zug hat Verspätung.
Mir egal. Ich mach jetzt Pause.
Ich schiebe mich aus dem Zug raus und remple ein paar Ungeduldige an der Tür. Das muss sein. Das gehört inzwischen zur DB-Mentalität. Rempeln und nicht entschuldigen. Soweit habe ich gelernt.
Laptop, Aktentasche. Alles dabei.
Ich schlängle mich aus dem Bahnhofgewusel raus.
Ziel Domplatte.
Kölsch hier bin ich. Hier darf ich leben …

In memoriam: Karl Brzeskiewisc … Wider den Vergessen

Beim Entstauben meiner bescheidener Bibliothek fiel mir das hundert Jahre alte Buch mit seinen massivem Umschlag wieder in die Hände:
Eine Lutherbibel aus dem Jahr 1900.

Auf der ersten Seite finden sich Widmungsgedanken in Sütterlin vom 30. März 1902.

Ostersonntagswünsche.

Und dann fallen mir zwei Bilder heraus.

Der alte Mann und sein Mini und der alte Mann und sein Vorgarten.

Karl Brzeskiewisc.

Er war der erste Mensch, von dem ich meine ersten eigenen 14 qm mit Nachtwärmespeicherheizung mietete. 149 DM zahlte ich damals und das waren ungefähr ein Viertel meines StudentenBAFöGs. Das Zimmer war ohne Dusche aber mit Klo auf dem Gang und lag in einem alten Haus.

Der Vermieter, Karl Brzeskiewisc, war die eigentlich gute Seele des Hauses. Alt war er schon, aber jemand von der Sorte, die man in der Rubrik „schrullig“ einordnete. Und gerade diese Schrulligkeit machte ihn so liebenswert.

Legendär und in meinen Erinnerungen eingegraben sind die „Vin de Pays de Herault“-Nächte, eben mit jenem Landwein (ALDI NORD für 1,99 DM). Im Sommer gab es den Wein pur. Im Winter wurde der einfach erhitzt, Nelken und Zimtstange rein und schon mutierte er zum erwärmenden Glühwein in der kalten Wohnung.

Dann erzählte er von seiner Gefangenschaft im 2. Weltkrieg, von dem zerbombten Köln und von anderen Geschichten, die man nie mehr wiederlesen wird. Geschichten, die nur er erzählen konnte.

Oder von seiner Leidenschaft für MINIs (damals noch nicht BMW sondern Rover) und seiner Leidenschaft für Käse aus Belgien. Er servierte mir einen Herveé (?), der eigentlich recht fad schmeckte, aber dann in Kümmel gewälzt sich vom grauen Mauerblümchen zur Geschmacksexplosion wandelte.

Allerdings war nicht jeder von seiner Käsebegeisterung ebenso begeistert. Ein Freund vom Karl versteckte so einen Stinkkäse ihm kurzerhand unters Bett. Wochenlang zog der scharfe Geruch von Käse durchs Treppenhaus, bis die Haushälterin von Karl den Käse entdeckte.

Im Jahr 1993 – es war zur damaligen Ostern-Zeit – hatte ich es geschafft, zum zweiten Mal in meinem Leben für vier Wochen nach Brasilien zu reisen. Ich schrieb ihm die versprochene Karte.
Vier Wochen später kam ich wieder zurück.

Durch den wie immer verwucherten Vorgarten trat ich wieder in das Hau ein.
Es herrschte eine seltsame Stille in dem Haus.
Ungeöffnete Post lag vor seiner geschlossenen Wohnzimmertür.
Er war wohl aus?
Aber irgendwas stimmte nicht.
Es lag was in der Luft, was ich nicht fassen konnte.
Wie eine düstere Schwingung.
Ich ging mit meiner Reisetasche auf mein Zimmer hoch.
Doch auspacken konnte und wollte ich nicht.
Wie gerne hätte ich mit Karl über meine Brasilienimpressionen geplaudert und ihm meine Geschichten erzählt.
Die Begegnungen und Eindrücke von dort, die wollte ich ihm mitteilen.
Ich ging runter zu seiner Wohnzimmertür und klopfte an.
Die Tür war offen, aber niemand war im Wohnzimmer drin.
Das alte seltene pneumatische Klavier stand staubfangend an der Ecke. Karl hatte original Abspiel-Rollen für das Klavier. Also Rollen, die von dem Komponisten vorher bespielt worden waren. Originale, keine Kopien. Eine Luftbombe im 2. Weltkrieg hatte die Schläuche des Klaviers zerfetzt. Er hatte es nie reparieren lassen.
Und auch der Eckschrank, in dem noch immer der Splitter einer Bombe aus dem 2. Weltkrieg steckte, erschien so wie immer. Und in einem Fenster des Eckschranks lugte auch meine Karte aus Brasilien hervor. Sie war also schon angekommen. Er hatte sie gelesen. Und sie hatte einen Sonderplatz erhalten. Schön …
Die Küchentür war auch geöffnet. Auf einem Tisch stand eine vertraute Flasche „Vin de Pays de Herault“.

Aber wo war Karl?

Meine Unruhre und Nervösität konnte ich nicht mehr unterdrücken. Ich rief die Haushälterin vom Karl am nächsten Morgen an.
„Was? Sie wissen es nicht?“
Karl war eine Woche zuvor an den Auswirkungen eines Schlaganfalls im Bett gestorben.
Karls Haushälterin fand ihn sterbend im Bett vor. Die eintreffenden Sanitäter und Notärzte konnten ihm nicht mehr helfen.

Karl Brzeskiewisc.

Es gibt Menschen, an die sich nur wenige erinnern.

Wie heisst es bei Plenzdorf „Die neuen Leiden des jungen W.“?
Der Mensch stirbt erst dann, wenn sich niemand mehr an ihn erinnert …

Wider den Vergessen an einen großartigen Menschen, den nur wenige kennengelernt haben:

Karl Brzeskiewisc

In memoriam Karl Brzeskiewisc.