Das Corona-Tagebuch: Provinznotizen aus Deutschland Süd bei Südost (30): 35 qm Deutschland

31 Einträge bislang. Ein Monat später. Liest das überhaupt noch wer? Außer Rupi?

Was hat diese Blog-Serie aus mir gemacht? Was hat es aus allen gemacht? Wo stehen wir? Wo gehen wir hin? Wie oft muss man sich solche Fragen in Blogs durchlesen?

Basis dieses Blog-Eintrags: Prunotto Bansella. DOCG. 2017. 750 ml. 14,5% Vol.

Die Baustelle baut. Das Wetter wettert. Der Himmel himmelt. Die Krise kriselt. Die Wohnung mit Aussicht sichtet aus. Draußen dunkelt es dunkel.

Die monatlich bereinigten Arbeitslosenstatistiken, wie jeden Monat. Die monatlich unbereinigten CoVid-19-Statistiken wie immer. Trau, schau, wem du Expertenmeinung zugestehst.

Nach der Veröffentlichung der LEOPOLDINA-Papiere herrschte auf Twitter das Meinungschaos. Die Wischi-Waschi-Ansicht als pure Meinungsansicht gelesen in Auszügen. Oder über Drittquellen. Es hatte die Mehrheit der Twitter-Gemeinde blasenübergreifend erreicht. Das steht außer Frage. Aber wirklich sich selber jene Papiere durchzulesen, war wohl zu anstrengend, um sich eine differenzierte Meinung zu bilden. Das korrelierte zu der Forderung, die Jugend nicht in die Schulen zurück zu schicken. Weil man sich deswegen selber anstecken könnte. Und das gehe gar nicht.

Was eher konvenierte: den gemeinen Wald auch noch an den restlichen drei Ecken anzünden, um recht zu behalten, dass der Wald an allen vier Ecken lichterloh brennt. Besser er brennt an allen vier Ecken als nur an einer Seite. Es geht um Meinungsgewichtung.

Darf ich überhaupt Zweifel gegen die medialen Veröffentlichungen anmerken? Oder bin ich damit automatisch terroristischer Gefährder? Bin ich gar fehlgeleiteter Denker? Natürlich bin ich fehlgeleiteter Denker. Weil ich der Verfechter der populären These “Ein Geisterfahrer? Hunderte davon kommen mir entgegen!” bin?  Vox populi? Verschwörungstheoretiker? Dazu wird man schneller als ein Sonnenuntergang, wenn man sich eh nicht zuvor unter anderen Sonnen gebräunt hat.

Was ist Wahrheit? Es war vor ein paar Tagen Karfreitag. Also. Reicht mir meine Schale mit Wasser, um meine Hände in Unschuld zu baden. Um mich selber von meinen vorherigen  Entscheidungen frei zu sprechen. Vergesst aber bitte die Seife nicht. Ohne Seife, keine Virenbekämpfung. Das hatte in der Bibel eben jener dubioser Pontius Pilatus vergessen gehabt.

Ich bin kein Experte. Ich bin nur Expertenmeinungsverwutzer. Ist das okay? Nein? Dafür wurde ich inzwischen privat als “unmündiger”, als “Mainstreamgläubiger” wegklassifiziert.

Ich gnage an dieser abschätzigen Wertschätzung und versuche mich allein mir gegenüber, mich trotzdem zu rechtfertigen. Es klappt nicht. Ich stehe mir mit meinen Argumenten alleine gegenüber. Die daraus folgenden Grundsatzdiskussionen sind heftig. Weil, ich hätte ja wohl zuvor und überhaupt, da gab es Hinweise und andere hätten bereits gesagt und dann sind die aktuell anerkannten Experten und dann noch die nicht zu ignorierenden Schlagzeilen und dann die anderen die sowieso und ich bin ja eh dumm und unwissend und ohne hi und hott und dort gelesen zu haben eh unmündig und dann noch alles ohne Punkt und Koma geschrieben ist so wie eine Sahne-Creme-Torte anzurühren …

Ich schau aus dem Fenster. Es ist dunkel.

Meine Beleuchtungsanlage dimmt das Licht. “35 Quadratmeter Deutschland”. Null Balkon. Null Garten. Null Wohnungsluxus. Aber mit Blick nach draußen, gen Süden in die Sonne, das ist mein Anrecht an Ausgangsbeschränkung und Kurzarbeit. Hätte ich vormals ordentlich und fleißig gearbeitet, hätte ich wohl jetzt keinen Grund eben diesen anzumäkeln. Ich bin wohl faul, weil ich in der Innenstadt Münchens keinen Balkon oder Garten mir leisten konnte … ich hörte heute, wie großzügig Kollegenschweine dieses erklärten. Nur jene Fete der 50 Studenten wurde verurteilt, jene Party, welche die Münchener Polizei am Sonntag aufgelöst hatte. Unverantwortliches Gesocks. Und alle nickten. Eine normative Kraft des Faktischen ist so leicht herzustellen.

Meine Mutter ist 86. Am Telefon meinte sie, dass ihre Lebensqualität durch die Maßnahmen gekappt wurden. Warum würde ihr niemand deren letzten Jahre mit Kontakt zu anderen gönnen? Durch diese Verordnungen wäre sie noch einsamer als zuvor. Damit sie weiterhin in Isolation leben werde, um dann ohne CoVid-19-Einfluss zu sterben? Sie beklagte sich zuvor über wenige Kontakte. Und jetzt klagt sie durch die Social-Distancing-Parole aller anderen Personen (Bruder, dessen Sohn, dessen Frau, die Nachbarn) noch weniger Kontakte zu haben. Ich versuchte ihr zu erklären, wie brutal der Virus in der Lunge wüten würde und welche irreparablen Schäden der Virus anrichten würde, welche Qualen er hervorrufen könne, dass ihre Abgrenzung ihr paar Lebensjahre mehr bringen würden. Sie meinte, dass sie nicht für die Statistik leben würde, sondern für ihr Leben. Für ihre eigene Lebenserfahrung, für ihren Kontakt von ihr mit der Welt, von ihr Leben in dieser Welt.

Geht es nur darum, die statistischen Zahlen niedrig zu halten? Zahlen vor Kontakte? Ich gerate ins Grübeln. Ich hatte fahrlässig gegenüber meiner Mutter zu erwähnen vergessen, dass durch ihre Einstellung als unverständige 86-jährige die Gesundheitskosten unverantwortlich nach oben getrieben würden. Was nützt mir Tinder, wenn ich es im Sinne der Corona-Maßnahmen nur als reinen gedanklichen Austausch nutzen darf? Tinder ist keine Philosophenplattform, in der man alle elf Minuten seine Meinung wechselt, wenn man ein Foto sieht.

Verdammt. Was ist Gesundheit? Kann mir das mal jemand erklären?

Ist Gesundheit lediglich die Abwesenheit von Krankheit? JA! Genau das ist es. Das Ideal ist Gesundheit, ist die Norm. Und alles was krank ist, ist abnorm. Ausmerzenswert. Hallo? Darum schluck ich Sildenafil, Tadalafil, Vardenafil und andere, damit ich dem Idealbild eines gesunden Mannes entspreche. Schon mal wegen den fehlenden Wirkstoffen der Letzt Genannten von der Bettkante geschubst geworden? Nur mein Problem? Okay. Eure Meinung.

Nein? Nicht? Solltet ihr das nicht einordnen können, dann seid ihr empathisch negativ einzuordnen. Denn deswegen abgeurteilt zu werden, scheint nur für empathisch Unbedarfte ein “normal” zu sein. Denn “normal” braucht das nicht. Nicht in dieser Gesellschaft, welche “empathisch” als Kampfbegriff ohne jegliche Differenzierung nutzt. Wahrscheinlich, um direkt danach die Schublade der narzisstischen Dysfunktionalität zu ziehen.

Was ist gesund? Per definitionem ist “gesund” das, was die Wirtschaft am Wachstum nicht hindert. Seid ihr der gleichen Meinung? Oder habt ihr eine andere Version, welche Neoliberalismus nicht beinhaltet?

Ob man als deutscher apostrophierter abendländischer “Christ” sein Leben einem anderen opfern solle? Also, der Toten-Trage anderer zuvor zu kommen? Über Ostern habe ich die normative Kraft der Argumentation erhalten: Ein Verzicht auf das eigene Leben zugunsten eines anderen Menschen wäre Selbstmord und somit unchristlich. Das wurde mir von berufener christlicher Seite erklärt. Da ich ausgetreten bin, darf ich jene christliche Ansicht eh nicht verstehen. Ich versuchte darauf, gleich Oberst Klein anzurufen und ihm im Sinne des abendländischen Christen-Seins zu seiner Attacke in Afghanistan zu beglückwünschen. “Kein Anschluss unter dieser Nummer.” Der BND hat meinen Anruf wohl registriert.

Egal.

Ich gebe es auf. Es ist mir egal. Genauso wie jene die mir permanent erklärt hatten, ich solle heiraten, weil man dann im Angesichts des Todes nicht alleine sterben würde. Mein Vater starb auf einem Schrottplatz. Da hat es ihm nicht geholfen, dass er zuvor die goldene Hochzeit gefeiert hatte. Er starb einsam an einem Schrotthaufen, wo er wohl etwas für ihn wertvolles entdeckt haben mochte. Die Wiederbelebungsmaßnahmen des Rettungsteam des Rettungswagen kamen eine Stunde zu spät. Muss man heiraten, um sterben zu dürfen? Ab wann ist ein Tod menschenwürdig? Ist das abhängig von einem Virus? Ist menschenwürdig nur dann menschenwürdig, wenn die Statistik keinen Ausschlag zeigt? Was sind die krankheitsbereinigten Corona-Statistiken? Die Arbeitslosen-Statistiken werden immer bereinigt. die der Corona-Erkrankten nicht.

Verzweiflung macht sich bei mir breit. Ich will ja nur verstehen, nur verstehen.Bislang habe ich euch immer und überall verstanden. Nur versteht mich wer? 31 Einträge bislang. Ein Monat später. Liest das überhaupt noch wer?

Ich werde wohl diese täglichen Corona-Blog-Einträge reduzieren. Es ist eh kein Tagebuch-Blog. Nichts bedeutsames. Eher unbedeutsames.

Zudem, weil das kollektive Imperativ nur einen Gedankenkorridor (gemeinhin “framing” genannt) offen lässt.

Ich weiß nicht, ob ich CoVid-19 positiv oder negativ bin, aber in mir reift der Gedanke, als potentieller Muttermörder in die Geschichte einzugehen: indem ich meine Mutter umarme und sie dadurch glücklich mache, aber die Gesellen von Spahn bis hin zu Söder sonst unglücklich mache. Ihr Lebensende soll statistisch positiv in de Daten eingehen, so ist das gesellschaftliche Ansinnen.

Glück ist eine Sache, welche eh auf einem anderem Papier geschrieben steht. Statistisch unerfasst und gesellschaftlich meistzeit als “sektiererisch” gebranntmarkt.

Energie folgt der Aufmerksamkeit.

Ausgangsbeschränkung. Auf 35 Quadratmeter Deutschland.

Will wer tauschen?

Das Corona-Tagebuch: Provinznotizen aus Deutschland Süd bei Südost (27): Grabesruhe

Heute ist Karsamstag. Grabesruhe. Ruhe. Schweigen. Also, Bürgerpflicht.

Über allen Gipfeln
Ist Ruh‘,
In allen Wipfeln
Spürest Du
Kaum einen Hauch;
Die Vögelein schweigen im Walde.
Warte nur! Balde
Ruhest du auch.

Zwei Dinge sind heuer nicht erlaubt und das WARUM? dafür recht schwierig der Bevölkerung zu vermitteln: Fußball und Abseits.

Fangen wir mit dem einfachen an, der Abseitsregel.

Abseits ist dann, wenn jemand in der Nähe eines Zieles steht, wo er eigentlich ja auch hingehört, aber nicht sein darf, wenn ihm das Spielgerät zugespielt wird.

Verstanden? Nein? Dann nochmal.

Steht jemand extrem peripher kurz hinter dem letzten Vertreter der anderen Mannschaft und in diesem genauen Moment (und ganz genau dann und nicht später) wird das Spielgerät von jemanden abgegeben, der den Überblick auf dem Spielfeld komplett verloren hat und nur zu wissen meint, wo der “jemand” sich befände, und eben jener “jemand”, der gerade extrem peripher kurz hinter dem letzten Spieler und Vertreter der anderen stand, erhält eben jenes Spielgerät, dann darf jener “jemand” dieses im weiteren Verlauf nicht mehr verwenden. Dann wird abgepfiffen. Notfalls wird alles per Videoentscheidung mittels kalibrierten Linien in 8K-Auflösung aus 360 verschiedenen Blickwinkeln und mit Extrem-Super-Duper-SloMo überprüft. Dann ist das Spiel unterbrochen, der Schiedsrichter joggt zu seinem Online-Streaming-Monitor, schaut ne Runde Regelerklärung zum Abseits im Handbuch für Schiedsrichter nach, und wenn er dann im Abspann sieht “alles Nähere regelt ein Bundesgesetz” zuckt er die Schultern und überlegt sich ne Entscheidung. Währenddessen wirft die Mannschaft dem im Abseits Stehenden, also jenen “jemand” von oben, mangelnden Mannschaftsgeist vor, und das Publikum ärgert sich lauthals über die Deppen von Spieler und die Entscheidung von eben jenem, von dem alle wissen, wo dessen Auto steht.

Ich weiß, das war noch immer leidlich abstrakt und drum ist die Abseitsregel auch so schwer zu verstehen. Damit sich auch keiner im täglichen Leben mit solchen Regeln beschäftigen muss, wurde Fußball gleich mit verboten.

Gut, da gibt es jetzt sicher den ein oder anderen Besserwisser unter den Lesern, der sofort sagen wird: “Stimmt doch gar nicht! Ist doch alles wegen Corona, dass der Fußball nicht mehr geballert werden darf!”

Aber das ist so nicht so einfach. Ich versuche mal die Abseitsregel ein wenig praxisnäher zu beschreiben:

Man stelle sich vor, da hat es eine Mannschaft aus allen Bundesländern, also elf Spieler und fünf Auswechselspieler. Dann hat’s da noch einen Trainer und einen Physio. Und ein paar Mannschaftsassistenten. Und um die besten aller Bundesländer für die Mannschaft aufzustellen, nehmen wir … nein! nicht den FC Bayern München mit Flick, Mayer-Wohlfahrt und Konsortium! Wir nehmen die 16 Landespräsidenten, fünf davon dürfen ohne jeglichen Libero-len auf der Auswechselbank Platz nehmen, dann noch die Bundeskanzlerin, den Gesundheitsminister und alles, was sonst noch um Trainerin und Physio so rumjoggt.

Jetzt ist es so, dass für die Mannschaft momentan die Aufstellungsformation 1:9:1 gilt. Also, der Laschet als Spitze, neun andere als Abwehr und Söder als Torwart. Söder orientiert nebenbei seine Rolle als Torwart an der Torwart-Interpretation eines Manuel Neuers. Denn Von Bayern München lernen, heißt siegen lernen, so ist Söders Motto. Und daher kann es auch schon mal sein, dass übers Spielfeld eine 0,5:1:9:0,5-Formation rennt. Somit hat es den berühmt berüchtigten Bayern-Block, welcher dann alles zwischen sich nimmt und auf südliche Strategien einnordet. Also, gewissermaßen ein Ein-Mann-Block, ein Bayern-Tor-Block-Wart, der aufpasst, dass so viel gemeinsam wie möglich geschieht.

Doch zurück zum Abseits. Der Physio kontrolliert derweil per Ministerverfügung während des Spiels die Leistungsfähigkeit der einzelnen Mitspieler und erhält dazu Daten aus seinem dienstbaren Umfeld, also all denen, was sonst noch so um Trainerin und Physio rumjoggt. Jetzt dauert ein Spiel bekanntlich ja zwei Hälften lang und da keiner ein Zeiteisen mit sich führt, reagieren die Leute am Spielfeldrand erst einmal nur zeitlos auf Sichtweite. Das heißt, sie schauen sich den momentanen Zustand an, wie die Spieler so rumrennen. Der Sturmspitze, dem Laschet, war das aber nun mal nicht ganz so recht. Also rannte der in einer Atempause kurz ans Spielfeldrand, bestellte einfach mal mehr Analyse-Infos, ob bald denn bald die Halbzeit in Sicht sei, und schlurfte zurück auf seine Position.

Inzwischen hatte aber Söder bereits aus der zwischenzeitlichen 0:9:1-Formation eine 0,5:9:0,5-Formation umgemodelt und das Spiel neu geordnet. Laschet fand das bei seiner Rückkehr nicht wirklich toll. Aber auf mahnenden Zuruf der Trainerin Merkel, ordnete er sich dem Mannschaftsgeist unter, und die Mannschaft akzeptierte die neue 0,5:1:9:0,5-Formation.

Knappe fünf Minuten später regte sich etwas am Spielfeldrand. Ein Helfershelfer aus der medizinischen Sektion hatte in der Kürze die geforderten Informationen hastig zu einer Würze zusammen geschustert und von außen geschickt in die Mannschaft einwerfen lassen. Diese Info wurde dann wie eine heiße Kartoffel auf Laschet weitergeflankt. Eigentlich war jedem klar, dass eine Fünf-Minuten-Kartoffel wie ein Ein-Minuten-Ei wäre: noch nicht wirklich gar. Aber der Laschet erklärte die dampfende Kartoffel betrachtend, die Pause sei nahe, also auf alle Fälle nach Ostern.

Tja, und in genau diesem Moment hatte der Schiri abgepfiffen, auf mögliches Abseits entschieden und ging zu seinem Streaming-Monitor, um sich die Situation dort bei einer Folge “Traumschiff” in Ruhe anzuschauen.

Inzwischen erklärten alle anderen Spieler einmütig, der Laschet sei zu weit vorgeprescht und der Video-Entscheid sei okay, denn um Entscheidungssicherheit zu erhalten und der Bevölkerung Sicherheit zu geben, dafür wäre eine Videoentscheidung okay. Der Schutz der Bevölkerung stehe an erster Stelle. Derweil desinfizierten sich alle erst einmal die Hände mit Unschuld, wechselten ihren Mundschutz und Laschet erklärte, dass er betone, er habe gesagt “nach Ostern”, aber nie welches Jahr er meinte. Es sei wie mit den Terrormaßnahmen nach dem Attentat “09/11”. Der Terror sei auch nach 19 Jahren noch nicht besiegt und CoVid-19 würde ebenfalls einschränkende Maßnahmen weit bis ins nächste Jahrhundert erfordern.

Ein Mitspieler nickte beipflichtend in die Kameras der Reporter und erklärte: “Erst wenn sich die Situation auf dem Spielfeld deutlich und nachhaltig verbessert, werden wir die Schublade mit den sukzessiven Ausstiegsplänen weg von der 1:9:1-Formation ziehen. Sicher ist: Wir werden nicht von null auf hundert schalten.“ Und im Hintergrund hörte man es deutlich södern: “Es sollte so viel gemeinsam geschehen wie möglich. Leider scheren jetzt schon einzelne Mitspieler aus. Wir sollten aber die bewährte 0,5:1:9:0,5-Linie einhalten. Insofern muss auch das gemeinsame Konzept in der Mannschaft den unterschiedlichen Situationen gerecht werden.

Und was sagte die Trainerin dazu? “Ich habe gehört, ich habe 74 Beliebtheitspunkte, der Jens 59 und der Söder nur 72. Damit steht es also 133 zu 72, also fast doppelt so viel beim Söder. Wir müssen ganz, ganz vorsichtig vorgehen. Diese Verantwortung kann mir keiner abnehmen, aber in dieser Verantwortung muss ich agieren. Deshalb wird es wohl nie eine 100-Prozent-Lösung geben, sondern immer eine schrittweise Öffnung. Wir dürfen jetzt nicht leichtsinnig sein – wir müssen konzentriert bleiben – die Lage ist fragil.

Ihr habt jetzt die Abseitsregel verstanden?

Nein?

Dann dürfte es auch klar sein, warum Fußball momentan nicht erlaubt ist. Da säßen dann zu viele Unsachverständige im Rund, welche die ganze Situation eher verkomplizieren als vereinfachen würden. Wenn denn schon Sachverständige deren Forschungsergebnisse von einem Heinsberg nahe bei Laschetshausen nicht klar präsentieren können, was soll man dann schon von uns Unsachverständigen aus Deutschland erwarten?

Somit sollte endlich verständlich sein, was unsere Trainerin in ihre “Wir”-Verantwortung vor sich her trägt. So verständlich wie das Pfeifen im Walde, wie eben jenes bereits der Spatzen von deren Dächern. Und jeder hat schon von Kindesbeinen an gelernt: Lieber eine Taube in der Hand, als solche Spatzen auf seinem Dach.

Da allergings das Publikum noch nicht bereit ist, zu gurren wie eine Taube, muss Fußball deshalb erst einmal abgesetzt werden. Über Geisterspiele, ausgestrahlt im bezahlten Fernsehen, kann man allerdings noch sprechen, nicht wahr.

Über allen Gipfeln
Ist Ruh‘,
In allen Wipfeln
Spürest Du
Kaum einen Hauch;
Die Vögelein schweigen im Walde.
Warte nur! Balde
Ruhest du auch.

Karsamstag. Ruhe. Grabesruhe. Schweigen. Also, Bürgerpflicht.

Das Corona-Tagebuch: Provinznotizen aus Deutschland Süd bei Südost (26): Karfreitag

Karfreitag.

Gibt es einen Gott? Und wenn ja, schaut er sich Karfreitags mit einer Tüte Popcorn Monumentalfilme über seiner Person als wichtigsten Nebendarsteller im Fernsehen an? Oder sitzt er lieber unter fast wolkenlosem Karfreitagshimmel in Bayern auf einer Parkbank und liest Terry Pratchetts “Good Omens”? Oder geht er statt des inzwischen völlig bierseeligen Alois Hingerls – Dienstmann Nr. 172 am Münchner Hauptbahnhof – in die Bayrischen Staatskanzlei, um dem bis heute vergeblich wartenden Söder und seiner ganzen Bayerische Regierung göttliche Eingebungen zu vermitteln? Oder kann es Gott deswegen nicht geben, weil Söder erklärtermaßen ohne irgendwelche Laschets und Merkels regieren will?

Zwei Rabbiner disputieren bis in die tiefe Nacht über die Existenz Gottes. Mit allerlei Bibel- und Talmudstellen beweisen sie jenseits allen Zweifels, dass es Gott nicht gibt. Als der Tag anbricht, macht sich der eine in die Synagoge auf. Der andere, verblüfft: “Ich dachte, wir hätten uns gestern geeinigt, es gibt keinen Gott.” “Ja, aber was hat das mit dem Morgengebet zu tun?”

Karfreitag in Zeiten von SARS-CoV-2 und CoVid-19.

Der Nächste. Zur Kreuzigung? Gut. Durch die Tür hinaus, zur linken Reihe, jeder nur ein Kreuz und zwei Meter Abstand halten, hm. Der Nächste.

Karfreitag. 30 Silberlinge. Geld oder Leben? Wie wäre es hiermit:

„Bringt eure Toten raus! Ich nehme sie in Zahlung! 3 Pens!“

Nun, unterschätze nie die Wichtigkeit einer gepflegten Panik. Auch nie im Krankheitsfall. Allerdings braucht niemand in diesem Theater unserer Welt Panik zu bekommen. Alle Notausgänge wurden eh bereits von außen verschlossen. Eine Panik – hier nicht mehr lebend heraus zu kommen – ist somit völlig unbegründet.

Um den Zustand der Menschheit zu verstehen, kann es ausreichen zu wissen, dass die meisten großen Triumphe und großen Katastrophen der Geschichte nicht darauf zurückzuführen sind, dass Menschen im Wesentlichen gut oder schlecht sind, sondern darauf, dass Menschen im Wesentlichen Menschen sind.

aus “Good Omens” von Terry Pratchett und Neil Gaiman