Sie arbeiteten monatelang, sammelten Zündhölzer und Klebstoff und opferten ihre Freizeit dafür. Unauffällig und unbemerkt.
Zündhölzer zu organisieren, das war kompliziert. Überall wurden ihnen nur Feuerzeuge angeboten. Angeblich, weil für deutsche Zündhölzer die Regenwälder gerodet würden und für Feuerzeuge kein einziger Baum gefällt würde.
Und Klebstoff. Richtig schwierig. An allen Ecken und Enden standen die bayerischen Schlapphüte aus Pullach vom BND unweit der Regale. Eifrig machten sie sich Notizen, wer wie viele Packungen und Arten von Klebstoff kaufte. Lagen zu viele Klebstoffflaschen im Einkaufskorb, zogen sie danach in deren Notizbüchern Linien auf kleinen Karten vom eigenen Standpunkt bis zur nächsten größeren Hauptstraße. Darum konnte nur Tübchen für Tübchen ganz unauffällig an den Kassen eingekauft werden.
Nach einem Jahr hatte es die Gruppe schließlich geschafft. Sie versammelten sich im Schein ihrer Smartphone-Taschenlampen in einer dunklen Ecke eines kleinen, muffigen, kahlen Raums.
Der Anführer erklärte vor den beiden anderen der Gruppe nüchtern:
— »Jungs, wir haben es geschafft! Morgen können wir den Anschlag durchführen!«
»Yeah!«
— »Jetzt müssen wir uns noch auf das Anschlagsziel einigen.«
»Hm.«
— »Irgendwelche Vorschläge?«
»Irgendeinen zentralen Punkt.«
— »Richtig! Mit Bedeutung, sonst bemerkt es keiner.«
»Ich würde sagen, am besten dort, wo es spannend ist. Also, was spannendes!«
»Ja! Und was zum Spielen!«
»Und mit Schokolade!«
— »Aber das sind ja gleich drei Wünsche auf einmal. Das geht nun wirklich nicht.«
»Hm. Jetzt wird das aber kompliziert.«
»Ja. Ehrlich. Warum einfach, wenn es kompliziert geht.«
»Als Genies geben wir uns mit einfachen Sachen nicht ab. Wir haben doch im letzten Jahr die Lage analysiert und festgestellt: Als Wutbürger kommste nicht weit. Worte sind schön, aber Hühner legen Eier.«
»Wir sind keine Hühner!«
»Ohne Eier keine Hühner.«
— »Leute, jetzt mal im Ernst: Wenn wir etwas mit Spannung, Spiel und Schokolade als Ziel auswählen, weiß doch gleich jeder, wer wir sind.«
»Ja? Und wer sollen wir sein?«
— »Kinder der 90er mit zu viel Fernsehkonsum.«
»Ü-Eier finde ich schon als Kind gut und jetzt immer noch. Dafür brauche ich keinen Mainstream oder Fernseher.«
»Wir müssten uns einen Namen machen.«
— »Richtig! Wir brauchen zuerst einen Namen. Einen unverwechselbaren.«
»Wie wär’s mit ‚Baby-Boomer-Bomberbande‘? Kann man auch hervorragend abkürzen: ‚BBBB’.«
»Och, nö. Das ist so abgegriffen, so linksintellektuell.«
»Wie wäre es mit ‚Bang Boom Bang‘? Kennt jeder, klingt nach Hollywood, und er spricht auch Rechtsintellektuelle an.«
— »Echt jetzt? Die Mitte-Intellektuellen beabsichtigen wir nicht anzusprechen?«
»Wie wär’s mit ‚Boom Bang-a-Bang‘? War bereits ein ESC-Hit und kann jeder Intellektuelle mitsingen.«
»Da finde ich ‚Baby-Boomer-Bomberbande‘ besser.«
»Nö. ‚Bang Boom Bang‘ ist griffiger.«
— »Ist alles Scheiße. Muss knalliger sein, mehr explosiv. Aber bitte keine Comic-Sprache.«
»Wieso nicht? Ich bin damit aufgewachsen. Wie wäre es mit ‚Alea iacta est‘?«
»‘Iacta alea est’.«
»Wie bitte?«
»‘Iacta alea est’.«
»Quatsch! ‚Alea iacta est‘! Habe ich doch bei Asterix gelesen.«
»Ach komm. Asterix ist so was von letztes Jahrtausend. Marvel Comics sind viel besser.«
»Ach ja? Und wie würdest du uns dann nennen wollen? ‚Avenger Action Group‘.«
»Hört sich an wie ‚Action Puppe’. So nach Sex-Toys für Männer, Epstein und so. Das ist ja so was von Baby-Boomer.«
»Aber explosiv sollte es schon sein? Also etwas Eruptives. Wie ein Vulkan.«
— »Vulkan ist eindeutig machistisch. Zu phallisch. Sexistisch. Geht gar nicht. Aber die Richtung stimmt. Es muss etwas sein, was Spannung vermittelt.«
»Ja, und spielerisch leicht ist.«
»Und mit Schokolade.«
— »Aber das sind ja wieder gleich drei Wünsche auf einmal. Das geht nun wirklich nicht.«
Stille. Eine peinliche Stille. Wie bei einem missglückten ersten Date. Die Stille griff um sich, schlich sich in die dunklen Ecken und verdunkelte die Lichter der Smartphones. Oder wurden lediglich deren Akkus schwach?
Jeder suchte nach Worten. Mit sich verdunkelnden Gesichtern schauten sie sich gegenseitig ratlos an.
»Ähem. Jungs, mal etwas anderes. Ich habe gerade gesehen, dass einige Tuben aus unserem Klebstoff-Vorrat abgelaufen sind. Deren MHD war Dezember letzten Jahres. Ihr hättet beim Einkaufen mal genauer hinschauen sollen. Jetzt müssen wir Ersatz besorgen.«
»Und Handschuhe. Habt ihr die Gefahrensymbole auf den Verpackungen gesehen? Wir sollten vorsichtig sein. Ansonsten geht beim Handling mit dem Klebstoff unser Anschlag nach hinten los.«
— »Ich denke, Atemmasken wären dann auch wichtig. Klebstoffe haben doch auch immer Lösungsmittel, oder nicht? Ich will keinen Lungenkrebs nachher.«
»Und ganz wichtig: Wir brauchen Trocknungsmittel, um die Streichhölzer zu lagern. Feuchte Zündhölzer nutzen uns nichts.«
»Stimmt. Für das Trocknungsmittel brauchen wir dann aber auch die passenden Handschuhe. Bock darauf, im Alter an Fingerkrebs oder so zu erkranken, hab’ ich nicht.«
— »Und wo lagern wir dann das Trocknungsmittel? Hier ist es zu feucht. Wir brauchen einen trockeneren Raum.«
»Stimmt. Mit Steckdose für unsere Smartphones. Mein Akku geht gerade zu Ende. Und er sollte größer als dieser hier sein.«
»Erreichbarkeit wäre nicht schlecht. Meine Familie sollte mich anrufen können. Wir könnten dann auch einen Kicker reinstellen. Work-Life-Balance, versteht ihr? Etwas mehr Spiel und Spannung bei unseren Besprechungen.«
»Und ich bring’ dann Schoki mit. Macht produktiver.«
— »Gut, dann treffen wir uns in sechs Monaten erneut hier. Und dann kann es wohl losgehen.«
»In sieben Monaten.«
»Sieben?«
»Im Juli habe ich Urlaub.«
»Ich im September. Weil Nebensaison. Die Preise sind dann billiger. Und du? Machst du denn nie Urlaub?«
— »Im August. Gut. Dann treffen wir uns im November.«
»Och nö, Vorweihnachtszeit, geht gar nicht.«
— »Okay, dann nächstes Jahr im Januar, wie immer nach dem Heilige-Drei-Könige-Tag .«
»Gleicher Ort. Gleiche Stelle, gleiche Welle.«
»Alea iacta est.«
»Iacta alea est!«
»Besserwisser.«
»Rechthaber!«
»Klugscheißer!«
»Selber!«
— »Okay, dann wäre das geklärt. Also dann: In alter Frische, Tschüss bis zu unserem nächsten Dreikönigstreffen.«

