Der Plan

Sie arbeiteten monatelang, sammelten Zündhölzer und Klebstoff und opferten ihre Freizeit dafür. Unauffällig und unbemerkt.

Zündhölzer zu organisieren, das war kompliziert. Überall wurden ihnen nur Feuerzeuge angeboten. Angeblich, weil für deutsche Zündhölzer die Regenwälder gerodet würden und für Feuerzeuge kein einziger Baum gefällt würde.

Und Klebstoff. Richtig schwierig. An allen Ecken und Enden standen die bayerischen Schlapphüte aus Pullach vom BND unweit der Regale. Eifrig machten sie sich Notizen, wer wie viele Packungen und Arten von Klebstoff kaufte. Lagen zu viele Klebstoffflaschen im Einkaufskorb, zogen sie danach in deren Notizbüchern Linien auf kleinen Karten vom eigenen Standpunkt bis zur nächsten größeren Hauptstraße. Darum konnte nur Tübchen für Tübchen ganz unauffällig an den Kassen eingekauft werden.

Nach einem Jahr hatte es die Gruppe schließlich geschafft. Sie versammelten sich im Schein ihrer Smartphone-Taschenlampen in einer dunklen Ecke eines kleinen, muffigen, kahlen Raums.

Der Anführer erklärte vor den beiden anderen der Gruppe nüchtern:
— »Jungs, wir haben es geschafft! Morgen können wir den Anschlag durchführen!«

»Yeah!«

— »Jetzt müssen wir uns noch auf das Anschlagsziel einigen.«

»Hm.«

— »Irgendwelche Vorschläge?«

»Irgendeinen zentralen Punkt.«

— »Richtig! Mit Bedeutung, sonst bemerkt es keiner.«

»Ich würde sagen, am besten dort, wo es spannend ist. Also, was spannendes!«

»Ja! Und was zum Spielen!«

»Und mit Schokolade!«

— »Aber das sind ja gleich drei Wünsche auf einmal. Das geht nun wirklich nicht.«

»Hm. Jetzt wird das aber kompliziert.«

»Ja. Ehrlich. Warum einfach, wenn es kompliziert geht.«

»Als Genies geben wir uns mit einfachen Sachen nicht ab. Wir haben doch im letzten Jahr die Lage analysiert und festgestellt: Als Wutbürger kommste nicht weit. Worte sind schön, aber Hühner legen Eier.«

»Wir sind keine Hühner!«

»Ohne Eier keine Hühner.«

— »Leute, jetzt mal im Ernst: Wenn wir etwas mit Spannung, Spiel und Schokolade als Ziel auswählen, weiß doch gleich jeder, wer wir sind.«

»Ja? Und wer sollen wir sein?«

— »Kinder der 90er mit zu viel Fernsehkonsum.«

»Ü-Eier finde ich schon als Kind gut und jetzt immer noch. Dafür brauche ich keinen Mainstream oder Fernseher.«

»Wir müssten uns einen Namen machen.«

— »Richtig! Wir brauchen zuerst einen Namen. Einen unverwechselbaren.«

»Wie wär’s mit ‚Baby-Boomer-Bomberbande‘? Kann man auch hervorragend abkürzen: ‚BBBB’.«

»Och, nö. Das ist so abgegriffen, so linksintellektuell.«

»Wie wäre es mit ‚Bang Boom Bang‘? Kennt jeder, klingt nach Hollywood, und er spricht auch Rechtsintellektuelle an.«

— »Echt jetzt? Die Mitte-Intellektuellen beabsichtigen wir nicht anzusprechen?«

»Wie wär’s mit ‚Boom Bang-a-Bang‘? War bereits ein ESC-Hit und kann jeder Intellektuelle mitsingen.«

»Da finde ich ‚Baby-Boomer-Bomberbande‘ besser.«

»Nö. ‚Bang Boom Bang‘ ist griffiger.«

— »Ist alles Scheiße. Muss knalliger sein, mehr explosiv. Aber bitte keine Comic-Sprache.«

»Wieso nicht? Ich bin damit aufgewachsen. Wie wäre es mit ‚Alea iacta est‘?«

»‘Iacta alea est’

»Wie bitte?«

»‘Iacta alea est’.«

»Quatsch! ‚Alea iacta est‘! Habe ich doch bei Asterix gelesen.«

»Ach komm. Asterix ist so was von letztes Jahrtausend. Marvel Comics sind viel besser.«

»Ach ja? Und wie würdest du uns dann nennen wollen? ‚Avenger Action Group‘

»Hört sich an wie ‚Action Puppe’. So nach Sex-Toys für Männer, Epstein und so. Das ist ja so was von Baby-Boomer.«

»Aber explosiv sollte es schon sein? Also etwas Eruptives. Wie ein Vulkan.«

— »Vulkan ist eindeutig machistisch. Zu phallisch. Sexistisch. Geht gar nicht. Aber die Richtung stimmt. Es muss etwas sein, was Spannung vermittelt.«

»Ja, und spielerisch leicht ist.«

»Und mit Schokolade.«

— »Aber das sind ja wieder gleich drei Wünsche auf einmal. Das geht nun wirklich nicht.«

Stille. Eine peinliche Stille. Wie bei einem missglückten ersten Date. Die Stille griff um sich, schlich sich in die dunklen Ecken und verdunkelte die Lichter der Smartphones. Oder wurden lediglich deren Akkus schwach?

Jeder suchte nach Worten. Mit sich verdunkelnden Gesichtern schauten sie sich gegenseitig ratlos an.

»Ähem. Jungs, mal etwas anderes. Ich habe gerade gesehen, dass einige Tuben aus unserem Klebstoff-Vorrat abgelaufen sind. Deren MHD war Dezember letzten Jahres. Ihr hättet beim Einkaufen mal genauer hinschauen sollen. Jetzt müssen wir Ersatz besorgen.«

»Und Handschuhe. Habt ihr die Gefahrensymbole auf den Verpackungen gesehen? Wir sollten vorsichtig sein. Ansonsten geht beim Handling mit dem Klebstoff unser Anschlag nach hinten los.«

— »Ich denke, Atemmasken wären dann auch wichtig. Klebstoffe haben doch auch immer Lösungsmittel, oder nicht? Ich will keinen Lungenkrebs nachher.«

»Und ganz wichtig: Wir brauchen Trocknungsmittel, um die Streichhölzer zu lagern. Feuchte Zündhölzer nutzen uns nichts.«

»Stimmt. Für das Trocknungsmittel brauchen wir dann aber auch die passenden Handschuhe. Bock darauf, im Alter an Fingerkrebs oder so zu erkranken, hab’ ich nicht.«

— »Und wo lagern wir dann das Trocknungsmittel? Hier ist es zu feucht. Wir brauchen einen trockeneren Raum.«

»Stimmt. Mit Steckdose für unsere Smartphones. Mein Akku geht gerade zu Ende. Und er sollte größer als dieser hier sein.«

»Erreichbarkeit wäre nicht schlecht. Meine Familie sollte mich anrufen können. Wir könnten dann auch einen Kicker reinstellen. Work-Life-Balance, versteht ihr? Etwas mehr Spiel und Spannung bei unseren Besprechungen.«

»Und ich bring’ dann Schoki mit. Macht produktiver.«

— »Gut, dann treffen wir uns in sechs Monaten erneut hier. Und dann kann es wohl losgehen.«

»In sieben Monaten.«

»Sieben?«

»Im Juli habe ich Urlaub

»Ich im September. Weil Nebensaison. Die Preise sind dann billiger. Und du? Machst du denn nie Urlaub?«

— »Im August. Gut. Dann treffen wir uns im November.«

»Och nö, Vorweihnachtszeit, geht gar nicht.«

— »Okay, dann nächstes Jahr im Januar, wie immer nach dem Heilige-Drei-Könige-Tag .«

»Gleicher Ort. Gleiche Stelle, gleiche Welle.«

»Alea iacta est.«

»Iacta alea est!«

»Besserwisser.«

»Rechthaber!«

»Klugscheißer!«

»Selber!«

— »Okay, dann wäre das geklärt. Also dann: In alter Frische, Tschüss bis zu unserem nächsten Dreikönigstreffen.«

Wasser, Wasabi und Würstchen: So schmeckt der Sommer

Kaum ist es wieder sonnig und warm, kommen sie reihenweise: Einladungen zum Grillabend. Einladungen in bunt und kindlich bebildert, da sollte man nicht ‚Nein‚ sagen, wenn man sich nicht Feinde in der Zukunft aufbauen möchte. Und Feinde brauche ich nicht. Im Kleingedruckten fand ich auch gleich praktische Tipps, was der Gastgeber von seinen Gästen denn so zusätzlich noch mitgebracht haben wollte:

»Bring bitte Bier mit – muss nicht gekühlt sein. Ich hab da einen Trick!«, stand in der Einladung. Beim Grillabend wurde gleich demonstriert, welchen Trick er meinte: in einer Wanne im Garten ließ er kaltes Wasser ein, fügte sechs Säcke »Crushed Ice« und zwei Pakete Salz hinzu, legte die Flaschen rein und nach ein paar Minuten gab es kaltes Bier. Länger dauert allerdings dann die Erklärung, warum das so einfach geht. 15 Minuten Referat über Physik für jeden, der ein kaltes Bier haben wollte.

»Einen gut angemachten Salat wäre auch gut zum Mitbringen. Aber keinen Kartoffel- oder Nudelsalat, den macht meine Frau schon. Nach Uromas Rezept. Grillgut geht notfalls auch.« Nach Uromas Rezept? Okay. Wahrscheinlich handschriftlich überliefert, vermutlich mit Füller und Gefühl – nur eben ohne Mengenangaben. Leider seit drei Generationen ohne Verbesserungen. Praktisch bestand der eine Salat aus Kartoffeln in Salz-Öl-Essig-Gemisch und der andere aus einer nudeligen Matschepampe mit fast aufgetauten Erbsen – wahrscheinlich für den Extra-Biss.

Ich nahm mir von beiden etwas – nicht aus Hunger, sondern aus purer Selbstverteidigung. Nichts beschwichtigt einen Gastgeber mehr als ein voller Teller beim Gast. Auf den prüfenden Blick des Gastgebers gab ich etwas Positives von mir wie »Hmmm, unvergleichlich« oder »Noch nie so etwas gegessen wie diesen hier«. Man will ja nicht lügen.

Das Highlight waren die handgeschnitzten Pommes, natürlich aus der »Ninja«, dem Thermomix unter den Fritteusen. Das achtjährige Töchterchen hatte seinen ganzen Ehrgeiz in die geometrische Form einer jeden Pommes-Stange gelegt. Ich erblickte das Töchterchen in einer Ecke des Gartens. Dort hatte es eine eigene Frisierstation für ihre zahlreichen Spielzeugponys eingerichtet – inklusive Glitzerbürste, Räucherstäbchen und selbstgemachter Kräuter-Maske. Töchterchen erschien ärgerlich: Eines der Stoffponys weigerte sich, die hingehaltene Pommes zu verzehren.

Die Gastgeberin kam auf mich zu und reichte mir ein Schälchen „Wasabi-Mayo“. Früher hatte sie Kunst studiert, erzählte sie beiläufig, während sie die Mayo noch schnell mit einem Löffelchen umrührte. Heute betreibe sie ein Kochstudio, weil Ernährung ja so wichtig sei. Aber Dosenravioli fände sie in der Geschmacksvariante ‚extra pikant‘ auch ganz toll.

Ich kleckste mir zwei Löffelchen von der Wasabi-Mayo auf meine Pommes-Sticks.

»Vorsicht, ist richtig scharf!«, raunte sie mir zu. Es britzelte… nichts.

Auf dem Weg zur Toilette sah ich, wie der Gastgeber nachfüllte – direkt aus einer grünen Flasche. Neugierig inspizierte ich sie später. Inhaltsstoffe: Brandweinessig, Spinatpulver, 0,01 % Wasabi-Pulver. Also ein Drittel Wassertropfen echtes Wasabi auf 300 ml Majo. Und das nannte sich »Wasabi-Mayo«.

»Scharf, ne?«, grinst mich der Gastgeber an. »Ja, schmeckt… grün.« »Willste mehr?« »Sind die Würstchen schon fertig?«

Meine Gastgeber servierten nicht nur tolle handschriftlich überlieferte Uroma-Rezeptsalate oder auch Mayo mit 0,01 % Wasabi aus der Flasche, nein, sie wollten uns Grillgästen auch deren neuste Grill-Errungenschaft vorführen. Der letzte Schrei unter den Grill-Monstern im Garten. Ein Rolls-Royce-Phantom-Kühlergrill zum Grill umfunktioniert und eine abgesägte Motorhaube als Deckel. Deren Töchterchen stand bereits am Grill, ein frisiertes Pony in der einen Hand, eines meiner mitgebrachten Würstchen in der anderen und grinste wie ein Honigkuchenpferd über sein allererstes Würstchen. Der Gastgeber lächelte auch, zuerst sein Töchterchen und dann mich an, reichte mir eines meiner Würstchen auf einer Stoffserviette (»Handgenäht! Von unserer Reinemachefrau«) und ich biss hinein. Ins Würstchen, nicht in die Stoffserviette.

»Kühlt der beim Grillen, dein Kühlergrill?« »Wieso?« »Das Würstchen hier, das ich mitgebracht habe, ist ja noch schattig im Innern.« »Noch nicht durch? Normalerweise habe ich das immer im Gefühl, wenn Würstchen durch sind. Was hast du denn für Würstchen mitgebracht?« »Pferdewürstchen. Vom Wochenmarkt.«

Wie von der Tarantel gestochen schrie das achtjährige Töchterchen entsetzt: »Pferdewürstchen?«, schmiss ihr Würstchen reflexartig über den Zaun in Nachbars Garten, verbarg ihr frisiertes Pony unterm Shirt und steckte sich sofort den Finger in den Mund. Während sich neben mir auf dem Boden geräuschstark ein kindlicher See aus Matschepampe, Kartoffelsalat und Pferdewürstchen bildete, schaute mich der Gastgeber nur höchst böse an. Ich zuckte mit den Schultern.

Die Grill-Party musste ich verlassen. Pferdewürstchen gehen nun mal gar nicht, wurde mir unmissverständlich zu verstehen gegeben. Ich wäre total unsensibel und hätte zumindest mal an deren Töchterchen denken sollen. Nun, das hätte ich ja gerne gemacht, aber Pferdewürstchen im Prinzessin-Lillifee-Design gibt es leid noch nicht. Dabei hatte ich doch bereits eine Tafel Schokolade mit Milchfüllung und eine Tüte Schoko-Reiswaffeln dem Töchterchen mitgebracht. Oder wäre Bärchenwurst erheblich angebrachter gewesen?

Beim nächsten Mal bringe ich zu deren Pommes einfach mal Wein mit. Pommes an Wein. Aus echten Trauben. Also mindestens 0,01 %. Versprochen.

Die Drecksarbeit der Engel: Eine interessante Debatte

Als Schreiber von Blogartikeln ist es wichtig zu recherchieren und manchmal ist das nicht so einfach. Gestern Nacht hatte ich totales Glück. Auf dem Parkplatz des Walmarts im Münchner Norden ergab sich mir die goldene Gelegenheit zu profunden Recherchen.
In der weiten Leere des Parkplatzes sah ich zwei Gestalten: ein jüngerer sehr hip gekleideter Hopster und einen alten grauhaarigen Opa-Hipster im weißen Kittel. Und die bemühten sich verdächtig unauffällig um einen flachen Supersportwagen. In dessen Tank leerten sie mehrere blaue Dosen mit roten Bullen auf dem Etikett.
»Marty, nicht trinken! In den Tank damit!« »Doc, das ist nur zur Absicherung – falls er nicht mehr fliegt, fliege ich eben allein weiter.« »Jennifer hat dir das gesagt?« »Nein, Clara gab mir den Tipp.«
Bei den Namen »Jennifer« und »Clara« machte es bei mir KLICK-KLACK. Ich überriß kurz die Situation, sprintete zu denen rüber, schubste beide zur Seite, ergriff mir die restlichen Rote-Bullen-Blaudosen in dem schwarzen Karton, sprang in den DeLorean und ab ging die Luzi.

——

Interview #1:
»Guten Morgen nach München. Ich sitze hier am ersten Tag meiner Reise mit dem Schöpfer dieser Welt Adonai JHWH und mit einem sehr, sehr schönen Blick auf den Kontinenten Afrika. Allerdings zu den aktuellen Geschehnissen könnte der Kontrast kaum schärfer sein und über diese möchte ich jetzt mit Adonai JHWH an diesem Heilig Abend sprechen. Guten Morgen! Ausweisung ist in den aktuellen Zeiten ein schwieriges Thema. Ist das nicht sehr verlockend, dass ihre Erzengel jetzt die Drecksarbeit machen gegen eine Familie, die für sehr viele in der Welt als einen wirklich großen Störfaktor angesehen waren.«
»Person Careca, ich bin Ihnen dankbar für den Begriff ‚Drecksarbeit’. Das ist die Drecksarbeit, die meine Erzengel machen für uns alle. Wir sind von dieser Familie auch betroffen. Diese Adam-und-Eva-Sippe hat Tod und Zerstörung über die Welt gebracht, mit Lügen, mit Mord und Totschlag auch bei deren Kindern. Das wäre ohne Adam und Eva nie möglich gewesen. Und um es klar zu sagen: meine Hände wasche ich in Unschuld von diesem Dreck ab.«

Interview #2:
»Guten Morgen nach München. Ich sitze hier am zweiten Tag meiner Reise mit dem Statthalter des Römischen Reiches, Herrn Pontius P. aus J., und mit einem sehr sehr schönen Blick auf den Steinbruch und den Felshügel Golgatha. Allerdings zu den aktuellen Geschehnissen könnte der Kontrast kaum schärfer sein und über dieses möchte ich jetzt mit dem Statthalter des Römischen Reiches, Herrn Pontius P. aus J., an diesem Karfreitag sprechen. Guten Morgen! Kreuzigungen durchzusetzen, ist in den aktuellen Zeiten ein schwieriges Thema. Ist das nicht sehr verlockend, dass ihre Legion jetzt die Drecksarbeit macht gegen den Führer einer Gruppierung, die für sehr viele in der Welt als einen wirklich großen Störfaktor angesehen waren.«
»Plebejer Careca, ich bin Ihnen dankbar für den Begriff ‚Drecksarbeit’. Das ist die Drecksarbeit, die meine Legion macht für uns alle. Wir sind von dieser Gruppierung auch betroffen. Diese sektiererische Gruppierung hat die Negierung von Tod und Zerstörung über die Welt gebracht, mit Lügen, mit angeblichen Wundern und pazifistisch verseuchten Reden auch aktuell hier vor Ort. Das wäre ohne jenen Sohn eines Zimmermanns und Führer jener Gruppierung nie möglich gewesen. Und Position zur Kreuzigung zu beziehen: meine Hände wasche ich in Unschuld von diesem Dreck ab.«

Interview #3:
»Guten Morgen nach München. Ich sitze hier am dritten Tag meiner Reise mit Leiter der Religionsabteilung ‚Christenheit‘, den Herrn Papst Innozenz III, und mit einem sehr, sehr schönen Blick auf den Vatikanischen Hügel mit seinen titanisch ausgeschmückten Religiotheken (Kirchen), wo sich immer Tausende Feierwütige bei Wein, Oblaten und Musik versammeln. Allerdings zu den aktuellen Geschehnissen könnte der Kontrast kaum schärfer sein und über dieses möchte ich jetzt mit dem Herrn Papst Innozenz III an diesem Christi-Himmelfahrt-Tag sprechen. Guten Morgen! Der gerade stattfindende Kinderkreuzzug ist in den aktuellen Zeiten in Hinblick auf Nächstenliebe ein schwieriges Thema. Ist das nicht sehr verlockend, dass ihr Kinderkreuzzug gegen Jerusalem jetzt die Drecksarbeit macht, für die christliche Nächstenliebe, gegen die Besatzer einer Stadt, die für sehr viele in der Welt als einen wirklich großen Störfaktor in Sachen Nächstenliebe angesehen waren.«
»Bruder in Jesus Careca, ich bin Ihnen dankbar für den Begriff ‚Drecksarbeit’. Das ist die Drecksarbeit, die die Kinder im Dienste der Nächstenliebe machen für uns alle. Wir sind von dieser Besatzern Jerusalems auch betroffen. Diese ungläubigen Ketzer haben Häresie und Blasphemie über die Welt gebracht, mit Raub, Mord und Totschlag auch bei deren Kindern. Das wäre ohne jene Raubmörder in Jerusalem nie möglich gewesen. Und da sollten wir unseren Kindern dankbar sein. Und jetzt reiche mir mal die Schale des Pontius Pilatus, um darin meine Hände in Unschuld von diesem Dreck dort abzuwaschen.«

Interview #4:
»Guten Morgen nach München. Ich sitze hier am vierten Tag meiner Reise, mit einem Kandesbunzler Fritze März und mit einem sehr, sehr schönen Blick auf den die letzten Internet-Meldungen. Allerdings zu den aktuellen Geschehnissen könnte der Kontrast kaum schärfer sein und über diese möchte ich jetzt mit dem Kandesbunzler an diesem Fronleichnam-Tag sprechen. Guten Morgen! Wasser predigen und Wein saufen ist in den aktuellen Zeiten ein schwieriges Thema. Ist das nicht sehr verlockend, dass Sie jetzt die Drecksarbeit machen, in ihrem privaten Weinkeller, Drecksarbeit, die für sehr viele in der Welt als einen wirklich großen Störfaktor angesehen waren.«
»Herr Careca, ich bin Ihnen dankbar für den Begriff ‚Drecksarbeit’. Das ist die Drecksarbeit, die ich jetzt selber mache für uns alle. Wir alle sind davon auch betroffen. Dieser Weinkeller droht zu verwässern, durch Wasserrohrbrüchen, Starkregen, übertretenden Flüssen und allen anderen Überflutungen, die meinen sauerländischen Weinkeller am ‚Schwarzen Felsen‘ bedrohen. Da muss ich trinkend gegen Schädigung der Weine vorbeugen. Und um es klar zu sagen: meine Hände wasche ich mit Wein in Unschuld von diesem Dreckwasser ab.«
»Herr Kandesbunzler, …«
»Und übrigens ist heute nicht Fronleichnam, Herr Careca. Da liegen Sie mal wieder völlig falsch. Heute ist Pfingsten, da spricht der Heilige Geist zu uns, insbesondere zu mir in meinem Weinkeller. Denn es heißt ‚in vino veritas‘. Und nicht ‚in aqua veritas‘, besonders nicht bei uns im Sauerland.«
»Ich hatte kein Latein in der Schule.«
»So. Mal Klartext für Sie Ungebildeten. Übersetzt heißt das, solange Wein saufen, bis die Wahrheit ausgekotzt werden muss, Sie Dummbeutel!«

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Als mein DeLorean stoppte und ich wieder vor dem unbeleuchteten Walmart stand, rissen mich so ein junger Schnösel und so ein alter Sack gemeinsam aus meinem DeLorean, schimpften unartikuliert, schubsten mich weg und machten sich dann mit dem DeLorean blitzsauber aus dem Staub.
Während ich noch verdattert auf die brennenden Autoreifenspuren starrte, kam ein anderer vierschrötiger Schnösel, stellte sich mir mit seiner rechten Faust in meinem Gesicht als ‚Biff‘ vor, nahm mir meine letzte Rote-Bullen-Blaudose ab, leerte sie in einem Zug, rannte los, den Autospuren hinterher, hob ab und flog dem DeLorean hinterher.

Enttäuscht saß ich allein auf dem riesigen Parkplatz, warmer Wind pfiff mir um die Ohren. Ich schaute betroffen, sah den Vorhang für mich zu und alle Fragen offen.
Wie gerne hätte ich heute noch paar bedeutenden Feldherren und Politikern nur wiederholt eben jene eine Frage gestellt …

Make Drecksarbeit great again.

Nur zu Besuch, bei einem AfD-Wähler

Schalker Barock, war mein erster Gedanke, als ich den Couchtisch vor mir sah. Ein Nierentisch, wie ich ihn früher öfters sah. Nur Schalke lag weit weg, also musste es sich hier um Freiburger Barock handeln. Dieses niedrige Glastischchen stand mit bunter Vielfalt an Zeitschriften, Papieren und geöffneten und ungeöffneten Briefen bedeckt direkt vor der hellen Couch. Sie stand raumgreifend vor der breiten Wand, vielleicht vier, fünf Meter lang, mit der obligatorischen Menschen-Ablagefläche, die wie eine Zunge sich in den Raum rausstreckte und nur in einer Richtung wies. Und richtig, in der Richtung stand montiert auf einem Ständer ein Fernsehschirm an der Wand gestellt. Kein großer Fernseher, vielleicht ein 40-Zöller oder so. Dessen Kabel liefen auf die Couchzunge zu und verschwanden unter ihr. Wahrscheinlich befand sich die Steckdose hinter der Couch. Die Fernbedienung des Fernsehers konnte ich zwischen den Kissen auf der Couch ausmachen. Um sie herum lagen vielleicht anderthalb Dutzend Kissen herum. Zerknautscht, zerknuddelt oder zerdrückt von hohem Körpergewicht. Einige der hellen Kissen wiesen Flecken auf. Andenken an Kaffee, Tee oder anderen Malheuren.

Lediglich an den beiden Enden der Couch befanden sich jeweils zwei dunkle Kissen, ordentlich, aufrecht, drapiert mit dem berühmten deutschen Handkantenschlag, zwecks obligatorischen Kniff in deren Mitte. Diese vier Kissen erschienen wie straff organisierte wilhelminische Soldaten, Parade stehend und auf deren Einsatzbefehl wartend. Sie kannten wohl noch jene vergangene Zeit, als die Couch gesäubert und geordnet war. Es musste einige Zeit vergangen sein, denn ich glaubte, eine leichte Staubschicht auf denen zu erkennen.

Zwischen all den Zeitschriften und Papieren auf dem Couchtisch machte ich einen Teller mit Brotkrümeln aus. Daneben stand eine fast leergetrunkene Kaffeetasse mit einem Löffel drin. Der Rest Kaffee krustete am Boden und Rändern der Tasse und wartete auf den Abräumdienst des Hauses. Eine Zeitschrift lag umgedreht davor. Compact.

»Du liest Compact?«

»Man muss sich informieren.«

»Aber Compact …«

»Ich lese auch andere, nicht nur solche. Im Internet gibt es auch sehr interessante Magazine und Blogs, die wirklich lesenswert sind.«

»Aber …«

»Nur Mainstream-Medien lesen, echt jetzt, da verblödet man literally, das wollen die doch. Darum lese ich andere. Das heißt aber nicht, dass ich alles glaube, was ich lese. Klar, die machen ebenfalls deren Framing und Compact glaube ich auch nicht alles. Aber die schreiben tendenziell ehrlicher als die anderen, welche versuchen, mit deren Framing per Zeitung und Fernsehen ihre Ansichten in uns reinzupeitschen.«

»Das glaube ich nicht.«

»Das ist keine Sache des Glaubens, sondern des Wissens.«

»Du redest wie BILD-Zeitungsleser, die sagen, dass sie wüssten, dass BILD vorsätzlich belügt. Nur, der Sport-Teil sei super und zudem habe BILD den Finger am Puls der Zeit, was deren Überschriften doch klar beweisen würden, meinen die.«

»Dein Vergleich ist Quatsch!«

»Du liest BILD?«

»Natürlich nicht. Mainstream. Und nebenbei gesagt, der Sport-Teil von denen hat ja auch nachgelassen.«

»Aber dafür Compact, oder? Haben die auch einen Sport-Teil?«

»Also deine Ironie ist daneben, tatsächlich. Hast du mal ein Heft vom Elsässer gelesen?«

»Elsässer?«

»Ja. Ein kluger Kopf. Der wurde aber in der Pandemie zusammen mit Wodarg und anderen niedergemacht. Nur weil die nicht den Quatsch der Mainstream-Medien nachgeplappert hatten, sondern deren eigenen Kopf benutzt hatten. Und das konnte die nicht leiden und daher ihn und seinesgleichen permanent unsachlich ruf gemeuchelt.«

»Hm.«

»Die sprechen nun mal die unbequemen Wahrheiten aus, die andere nicht wahrhaben wollen. Und ich sag dir, es ist die Mehrheit in dieser Bevölkerung, die so denkt, nicht nur ich. Aber die da oben, wollen es nicht wahrhaben und ignorieren uns. Aber wir haben auch unsere Wege, die Realität zu erkennen und weiterzugeben.«

»Bist du sicher, dass es die Mehrheit ist? Anfang dieses Jahres gab es über Millionen, die auf die Straße gingen, um gegen solche irrigen Wahrheiten aufzustehen und zu demonstrieren.«

»Millionen? Weißt du, wie viel es hier hat? 83 Millionen. Damit erreichen deine Millionen vom Jahresanfang nicht mal die 5%-Hürde.«

»Die Millionen, die auf die Straße gingen, kannst du aber nicht vernachlässigen.«

»Eine Abstimmung mit den Füßen hat noch nie die Mehrheit repräsentiert. Du erinnerst dich doch auch noch daran, als wir beide in den 80ern gegen den NATO-Doppelbeschluss auf die Straße gingen. Erinnerst du dich noch an die Fünfhunderttausend 1982 auf der Rheinwiese in Bonn? Da dachten wir doch tatsächlich, wir wären literally die Mehrheit der Bevölkerung, der restlichen 60 Millionen. Nur leider haben Forscher mittlerweile eindeutig die Realität festgestellt, dass die Mehrheit der Bevölkerung für den NATO-Doppelbeschluss war, und jene Fünfhunderttausend 1982 auf der Rheinwiese in Bonn lediglich mehr Krach gemacht haben als die Mehrheit der 60 Millionen-Bevölkerung. Und dass die Pazifisten tatsächlich Träumer waren. Und heute ist es genau so, und nicht anders. Schau dir doch die Realität an und hör auf, Fantasiegebilden hinterherzulaufen.«

»Das war damals kein Fantasiegebilde.«

»Jajaja, ich weiß doch: you may say, I’m a dreamer, but I’m not the only one, I hope someday you’ll join us and the world will live as one. Altbekannte Leier der Pazifisten und Realitätsverweigerer.«

»Das war mehr als das. Es ging um die Zukunft.«

»Zukunft? Träumereien. Wir leben in der Realität und die ist das, was beispielsweise in Solingen letzter Woche passierte. Tote und Verletzte durch einen Messerstecher eines Asylanten aus Syrien.«

»Messerstecher kommen auch aus Deutschland.«

»Ironischerweise ist ja Solingen gerade wegen seiner Messerqualität weltweit bekannt geworden, nicht wahr? Solinger Qualität. Aber jene unschuldig gemesserten Opfer hätten alle vermieden werden können, wäre er konsequent ausgewiesen worden. Oder jene Messerstecher gar nicht erst hereingelassen.«

»Vergiß nicht, Solingen wurde auch bekannt durch Rechtsextremismus, als Rechtsextreme dort per Brandanschlag fünf Tote und erheblich mehr Verletzte hinterließen.«

»Du willst doch hier nicht das bisschen deutsche Rechtsextremismus mit den illegalen, marodierenden Asylanten hier in Deutschland vergleichen, oder? Solingen letzer Woche war kein Einzelfall. Messernde Islamisten als Asylanten verkleidet traten doch schon mehrfach in Aktion. Hätte der CIA nicht aufgepasst, hätte es letztens bei dem Taylor-Swift-Konzert in Wien ne Katastrophe mit Zehntausenden Toten gegeben.«

»Illegale, marodierende Asylanten? Was ist jetzt das für ein Framing? Compact? Oder AfD? Und, die verhafteten Verdächtigen waren Österreicher, keine Asylanten.«

»Das waren keine Bio-Österreicher, sondern islamistische Immigrationskinder. Und was soll das überhaupt mit deinem ‚Framing‘? Was ist das für ein Framing, das Wort ‚Rechtsextremismus‘ so inflationär mit Zeitschriften oder Parteien zu verwenden? Ich sage dir, was das ist: Mainstream-Gelaber, so wie dieser Gender-Mainstream-Quatsch, mit denen wir weichgespült werden sollen, nur weil so kleine Grüppchen hier im Lande deren Süppchen kochen und uns damit deren Willen aufzwingen wollen.«

»Und deswegen wählst du jetzt AfD?«

»Politik lebt vom Mitmachen. Nur Politikverdrossene gehen nicht wählen. Wenn die herkömmlichen Parteien sich der Realität versagen, dann müssen die damit leben, dass die niemand mehr wählt. Wir sind halt die Mehrheit, weil wir uns informieren und nicht indoktrinieren lassen.«

»Und du bist sicher, dass du nicht durch deine Nicht-Mainstream-Medien manipuliert wirst?«

»Es ist wie mit dem Immunsystem. Wenn du es nicht trainierst, wirst du anfällig für Krankheiten. Und Informationen sind das Training für eine gesunde Immunität des Verstandes. Wer sich nicht informiert, wird krank im Kopf.«

»Das Immunsystem kann man nicht trainieren, es funktioniert nicht wie ein Muskel. Immunität kann man nicht trainieren. Wer hat dir denn diesen Quatsch erzählt?«

»Versuch mal selber zu denken und stopfe nicht alles in dir rein, was dir vorgekaut wurde. Dann wirst du merken, wer hinter solchen Aussagen steckt. Zum Beispiel die pharmazeutische Industrie, damit alternative Behandlungsmethoden keine Chance haben, deren Profit zu gefährden. Das ist Fakt und funktioniert bei dir doch wunderbar, wie ich sehe. Du denkst nicht, sondern gibst zu denken. Trainiere mal selber zu denken und du wirst die Realität erkennen.«

Ein Reihenhaus. Ein stinknormales Reihenhaus mit kleinem Schottervorgarten. Er hatte es von seinem Vater geerbt. Zusammen mit dem Geld. Sein Leben erfuhr urplötzlich eine Wendung um 180 Grad. Eigentlich könnte man sagen, bis in seine Rente hinein hat er wohl ausgesorgt.

Ich schaute die Straße hinab. Parkverbotsschilder überall, nur Anwohner mit Parkerlaubnis dürfen parken.

Er hatte seine Biotonne an den Straßenrand geschoben. Köpfe verwelkter Lilien schauten heraus. Dicke Brummer nutzten die Lücke zwischen gelbem Deckel und brauner Tonne, um sich im Dunkeln der Tonne mit allem Nötigen an Stinkendem und Verwesendem zu versorgen.

Vor seiner Garage glänzte ein neuer Klein-SUV vor sich hin. Hochglanzpoliert. Was für ein Unterschied im Leben. Vor vierzig Jahren besaß er kein Auto und schwor darauf, nie eine dicke Karre fahren zu wollen. Und kein Leben im Freiburger Reihenhaus wie seine Eltern. So bieder und so konservativ. Damals war er noch reichlich unsesshaft unterwegs.

Zeiten ändern sich. Menschen auch.

Ich ging zur Bushaltestelle.

Kein Blick zurück.

Neues vom Weltuntergang

»Guten Tag. Wo geht es hier zur Übernahme der Weltherrschaft?«

»Sind Sie Teil von The Pinky and the Brain?«

»Wie bitte?«

»Offensichtlich nicht. Dann bitte hier den Flur entlang, auf der rechten Seite den achten Gang, darauf nochmals die achte Option, diesmal als Tür, und immer rechts.«

»Danke.«

»Wie kann ich Ihnen helfen?«

»Ich möchte gerne die Weltherrschaft übernehmen.«

»Das hört sich doch vielversprechend an. Haben Sie das Formular 49 mit den Unterschriften von den Herren Biden, Stoltenberg, Putin, Xi Jinping, Jong-un, Macron, Sunak, Rutte …«

»Hab ich, hab ich. Hier.«

»Ah, danke… hm. Da fehlt etwas.«

»Was?«

»Die Unterschriften von dem Nabel der Welt. Da fehlen ja über 80 Millionen Unterschriften.«

»Dessen Vertreter hat dort unterschrieben. Zwischen Erdogan, Meloni und Orban. Sehen Sie? Man könnte es fast überlesen, sieht sehr unbedeutsam aus, war mir aber sehr wichtig.«

»Die 80 Millionen geben allerdings permanent verstehen, sie würden auf deren absolute Meinungsfreiheit bestehen. Und sie wollen, dass deren Meinung gefragt wird.«

»Was soll denn dieser woke Scheiß jetzt?«

»Ich bin nicht woke.«

»Da will ich einmal meinen Bestrebungen zu deren Wohle freie Bahn geben und jetzt ist es denen auch wieder nicht recht?«

»Ich möchte nochmals betonen, ich bin nicht woke.«

»Typisch! Mal wieder diese Cancel Culture, diese Wokeness-Blindgänger.«

»Ich fordere Sie auf, den Raum zu verlassen. Ich hatte Ihnen bereits gesagt, dass ich nicht woke bin.«

»Ach ja? Wahrscheinlich sind Sie auch so ein Schlafschaf, welches sich gegen die Überzeugungskraft von alternativen Fakten und Logiken wehrt.«

»RAUS!«

»War es nicht der richtige Raum?«

»Sprich mich nicht an, du Infodesk Fozzi-Bär!«

»Gerne. Und beehren Sie uns bald wieder. Haben Sie noch einen schönen Montagmorgen.«

»Leck mich!«

»Und gönnen Sie sich den Weltuntergang. Auf Wiedersehen.«

»FY.«

Kneipengespräch: Wenn zwei das Gleiche … rien ne va plus …

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„Jetzt haben die die ganze Münchner Innenstadt lahmgelegt!“

„Was?“

„Na die da, die jetzt den ganzen Verkehr behindern!“

„In der Innenstadt? Maxvorstadt?“

“Ja, total. Nichts geht mehr.”

“Gar nichts mehr?”

“Nullkommanull. Vor 14 Tagen konnten ich mit meinem Q4 noch raus und am Stadtrand meine Besorgungen erledigen. Aber heuer? Nüscht! Totale Blockade und die Staatsmacht schaut tatenlos zu, alles total voll zu, nichts ging mehr. Überall haben die ihre Stände hin geklebt und feiern ihre Autos ab.”

“Ah, Sie meinen die IAA in der Innenstadt, sagen Sie das doch. Dachte zuerst, Sie meinten diese Klimaterroristen mit ihren Sekundenklebertuben.”

“Ja, die IAA. Blockade total und keiner tut was, um uns davon zu befreien.”

“So etwas können Sie aber nicht so einfach dahin rotzen, als ob die Staatsmacht tatenlos zuschauen würde. Die schaut immer ganz genau hin. Wenn ein Stand nicht exakt aufgebaut und ausgerichtet worden ist, gibt’s sofort Ordnungsgeldbescheid. Pro überschrittenem Zentimeter. Oder falsche Schrauben, falscher Kleber, falscher Feuerlöscher, nicht gegen Steinschlag oder Hochwasser oder Erdbeben gesichert, Freibier ohne Pfand oder nicht genau auf Eichstrich, zack, Ordnungsgeldbescheid.”

“Wie viel?”

“Mindestens immer doppelt soviel wie einmal Falschparken.”

“Und was hilft es mir? Davon hab ich nichts. Meine Besorgungen bleiben trotzdem auf der Strecke. Im Streckenstau. Vorgestern, ich musste Omma zum Arzt fahren. Meinen Sie, das hat geklappt? Permanent nur Stau, nichts ging mehr, keinen Zentimeter.”

“Tja, diese Klimakleber auf den Kreuzungen.”

“Schön wär’s. Nur Stau wegen der IAA. Weil fast alle Straßen der Innenstadt für die Automobilmesse gesperrt wurden. Hey, vor uns war sogar ein Rettungswagen, Blaulicht, Sirene, der kam auch nicht weiter. Stau, Stau, Stau. Nicht mal Rettungsgasse für den Sani. Ich hoffe, der im Krankenwagen ist nicht gestorben, dann hätte die IAA den aber so was von auf dem Gewissen! Wetten, dass das dann keinen einzigen Staatsanwaltgeist berühren würde? Und dann letztendlich nach Stunden an der Arztpraxis, da konnten wir nicht mal parken. Wegen den anderen Klebern.”

“Ah, doch Klimakleber! Einfach eine Plage, jene. Gas geben und drüberfahren sollte man. Nur dann gibt’s wieder Ärger mit der Staatsmacht. Diese Kleberterroristen können einfach unsere Freiheit einschränken, haben dabei keinen Schaden, lediglich wir. Wir haben den Salat und müssen die von jenen uns eingebrockte Suppe auslöffeln.”

“Nee, nee. Die waren es nicht, das waren die vielen Wahlplakatkleber der AFD, FDP, VOLT, CSU und wie sie alle heißen. Die Plakate einfach auf den Bürgersteig geknallt, an Masten angeklebt, verkehrshinderlich, keine Chance zum Parken auf dem Bürgersteig. Absolut unglaublich. Vorher ging a bisserl immer was, aber heuer nüscht.”

“Und?”

“Musste in zweiter Reihe parken, Omma auf der Straße nur kurz aus meinem Q4 helfen und in die vierte Etage bringen. Gesundheit geht immer vor. Und wissen Sie, was in der Zwischenzeit passierte?”

“Was?”

“Strafzettel! Nur weil ich mich paar Dutzend Minütchen um die Gesundheit meiner Omma sorgte. Wegen so ner Bagatelle von Zeit, da schaut dann die Staatsmacht ganz genau auf ihre Sekundenzeiger. Aber bei den Stauverursacher, diese der IAA, da schaun’se weg, statt mal dafür zu sorgen, dass wir Stau-frei in der Innenstadt fahren können. Wofür gibt es eigentlich das Messegelände in München-Riem? Für Helene Fischer Konzerte?”

“Besser ein Dutzend Helene Fischer Konzerte als ein Dutzend Klimaterroristen, die einem am Fahren hindern und Stau erzeugen.”

“Staus gehen gar nicht! Die schränken die Freiheit ein!”

“Richtig. Staus erzeugen Klimaschäden, wegen den Abgasen. Wenn aber garantiert ist, dass jeder schnell fahren kann, dann ist die Klimabelastung kürzer, weil alle schneller ans Ziel kommen. Nur wer schnell ist, kommt eher ans Ziel als andere. Das sollte man nicht nur den Grünen und ihren Klimaklebern begreiflich machen. Aber das einzige, was jene begreifen, ist maximal Asphalt unter ihren Händen. Zu mehr Begreifen reicht deren Intelligenz nicht. Früher hätte man einfach Gas geben, über solche Klimakleber hinweg. Aber heute?”

“Eben, mit einem Aiwanger als Minipräsi in Bayern wäre in den letzten fünf Jahren alles besser gelaufen. Dann gäbe es auch keine dummen Wahlplakate mehr, die einem die freien Parkplätze wegnehmen.”

“Ähem. Bitte jetzt keine Wahlwerbung hier, okay. Politik und Kneipe zusammen, das sind für mich NO-GOs in ner Kneipe. Ich will entspannen, und nicht Politikgelaber hören.”

“Egal. Jetzt einfach mal Prost.”

“Dito, Prost.”

IAA, damit auch morgen andere Messen wieder kraftvoll gelesen werden können …

Oha. Zwei Menschen zusammen. Nähe Fahrbahnrand.

Protestpotential! Auf einer Parkbank. Nah an der Straße.

Moment, ich notiere mir in meiner Kladde: Parkbank am Stemmer Hof, Kilometer Nullkommazwei, Richtung Kölsch-Kneipe. Er, eins achtzig groß, blond, circa 30. Sie eins fünfundsechzig, 19 oder 20 … hm, eher 24. Halten sich an den Händen. Sie verdeckt zusätzlich einen verdächtig tubenförmigen Gegenstand in der Rechten, sehr verdächtige Tube … .

Lippenstift … hm. Protestpotential negativ. Eher wohl Liebespaar. Hetero. Keine Klimakleber.

Hier in München ist was los. Dabei mögen wir es hier in München doch eher beschaulich. Da hinten, am Hotel, da hat sich schon das “USK Bayern” einquartiert. “USK”, das steht für “Unterstützungskommando” und nicht für “Universitäts- und Stadtbibliothek Köln”, wie so ein Schwurbler in jener Kölschkneipe versuchte, Fake-Nachrichten zu verbreiten.

Nebenbei, Kölschkneipe. Ha. Eine Kneipe mit nicht-Münchner Bier. Das sollte hier nicht erlaubt sein in unserer traditionsreichen Stadt. Dieses pissgelbe Gesöff in Reagenzgläsern ohne Trinkkultur. Da kommt keine Beschaulichkeit auf, weil die Kellner immer rennen müssen, um für ihre Gäste immer neues von diesem Noagerl-Bier herbei zu karren.

Also, wie gesagt, USK heißt Unterstützungskommando und sie bekämpft organisierte Kriminalität, Schwerkriminalität und Drogenkriminalität. Jetzt hier in München.

Also nicht wegen den Biertrinkern, Und auch nicht wegen dem Biertrinker Aiwanger und seinem Flugblatt, an dem sich jener genauso detailliert erinnert wie ein Bundeskanzler Olaf Scholz an seine Cum-Ex-Geschichte mit der Warburg Bank. Oder wegen dem Biertrinker Dr. Markus Söder, der sich inzwischen auch nicht mehr daran erinnert, dass er als bayrischer Umweltminister in 2011 mal mit persönlichen Konsequenzen drohte, sollte der Atomausstieg in Bayern nicht vollzogen werden. Oder wegen der Biertrinker Clan-Tochter. Die aus dem Tandler-Clan. Jene Frau, die ihrem Vater nacheifert und nun ebenfalls es wegen mutmaßlicher Steuerhinterziehung vor Gericht geschafft hat. Oder etwa wegen Akten zu Kindesmissbräuchen vom Freisinger Papst, die eventuell in München zwischen Augustiner-Mönch-Bierfässern gelagert sein könnten. Nein. Ganz und gar nicht.

Die USK ist hier, weil München seit 2021 eine neue Messe hat. Zur Erklärung: Messe, das ist das, wenn etwas Goldenes herumsteht und alle drumherum tanzen. Nicht ein Kalb oder Bierfass, sondern das heiligs Blechle. Eine Blechmarke. Von damals. Mit ihr konnten sich damals städtische Arme eines Ortes als approbierte bestätigte Bettler ausweisen, mit jener Blechmarke. Heiligs Blechle. Heute ist das ein Nummernschild an dem Deutschen seinen unantastbaren Heiligtum.

Bis 2018 hatte Frankfurt zum heiligs Blechle noch die passende Messe dazu. Aber dann strampelte Bayern wie ein trotziges Kleinstkind (“Wir sind mal Papst gewesen!”) und plärrte “Wui I aa Messe!” (auf deutsch: “Will ich auch Messe!”). Frankfurt kapitulierte und seit 2021 hat München die IAA.

Ab morgen wird sie erneut gelesen, die Messe. Zu Ehren dem heiligen Automobil mit der ehernen Sankt-Christophorus-Plakette auf dem Beifahrer-Airbag-Deckel. Wenn der Airbag zündet, dann schützt die dem Beifahrer sich entgegenschleudernde Plakette dessen Seelenheil. Sobald die Münze im Kopfe klingt, die Seele in den Himmel springt. Alte katholische Redensart. Als letzte Segnung sozusagen. Jeder seinem Glauben nach. Nur für mich wäre das nichts, weil so eine Plakette auf dem Cockpit ist für mich ein absoluter höllischer Designfrevel.

Also, zurück zur USK: die USK ist zur IAA hier, um den Kriminellen gewissermaßen die Messe zu lesen. Genauer gesagt, also das heißt, eigentlich will die USK nur Autofahrer vor organisierten Schwerstkriminellen mit Sekundenkleber-Fläschchen schützen.

Mein Nachbar meinte zu mir, man wisse doch, was solch ein technologischen Event wie die IAA an Gesindel anlocken wird: Lehrer, Studenten, vegane Körnerfresser, streikende Schüler, Öko-Hausmänner, queere Tabakdampfer und im Gepäck noch nen Habeck und ähnlich schreckliches Zeug. Und? Wo bleibt dabei die Staatsgewalt? Eben, Fehlanzeige!

Nicht mal der deutsche Geheimdienst wird hier tätig und lässt sich beim Observieren blicken. Kein Wunder, meinte der Schorsch vom Internet-Stammtisch, der wird bereits schon passend auf Englisch übersetzt, als “go home service” bezeichnet. Und recht hatte er. Darum bringe ich mich aktiv ein, helfe aktiv mit. Beim Schützen. Gewissermaßen ehrenamtlich. Unentgeltlich. Schon seit drei Monaten.

In meinem Internet-Stammtisch hatten wir bereits vor den Sommerferien festgestellt, dass es erforderlich ist, eine klare Trennung zu vollziehen, also genau das, was sauber denkende Menschen wie Domenika Gruber, Detlev Nuhr und Hubert Einfanger bereits umgesetzt haben. Eine klare Trennung zwischen Politik und Sachverstand. Wir können doch Klimaklebern nicht die Politik der Straße überlassen und uns von denen bevormunden lassen. Wo kämen wir denn dahin, wenn die uns überall nur am Fortkommen hindern? Wir hätten somit einen Progressionsstau. Und will den wer? Eben.

Also, ich hatte mich danach direkt mit Kladde und Bleistift auf den Weg gemacht, notiere seither jede verdächtige Bewegung zur Straße hin, in allen Details. Notfalls mit Fernglas. Ich hab da keine Scheu, dass ich dabei gesehen werde. Tue Gutes und zeige dich dabei, ist mein Motto.

Und was soll ich Ihnen sagen? Es passiert nichts!

Und warum? Weil der Feind bereits unter uns ist.

Eben! Der weiß seine Klimakleberabsichten zu tarnen! Diese Wölfe getarnt als Schlafschaf, welches sich urplötzlich als stauerzeugendes Klebemonster entpuppt! Da muss man doch aufpassen, den Anfängen wehren!

Drum führe ich Buch über alles und jeden. Dabei gibt es immer interessantes zu notieren.

Beispiel: der Mann von gegenüber, der Herr Niederwörgl, 36, verheiratet, zweieinhalb Kinder, Weißbiertrinker, BMW 5er-Fahrer, Affäre mit einer Frau in Schwabing und einer weiteren in Hasenbergl, Wohnhausbesitzer mit nicht mehr allen Latten am Zaun und einige davon sind sogar geklebt! Also, klar, das ist nun doch zu eindeutig! Wer seinen Gartenzaun nicht in Ordnung hält, das ist doch oberverdächtig. Wer dabei klebt statt ordentlich schreinert, der will wohl auch noch Zeit sparen und das ist ein Risiko. Mit seiner eingesparten Zeit klebt der wohlmöglich nachher in Maxvorstadt auf der Leopoldstraße auf dem Asphalt und hält den Verkehr auf. Vielleicht sogar noch auf dem Zufahrtsweg zur IAA!

Ja, solche Beobachtungen sind eindeutig präventiv zu notieren. Und zu bewerten. Wenn die USK bei so einem die Personalien überprüft, dann kann man die Fakten der eigenen Beobachtung präsentieren und – schwupps – ist die Klebersau für vier Wochen in Präventivhaft. Und mit welchem Recht? Mit allem Recht! Zum Wohle der IAA und der Autofahrer, die auf der Zufahrt zur IAA mit deren heiligs Blechle nicht selbstverschuldet wegen Klimaklebereien im Stau stehen wollen.

Nebenbei, Frau Niederwörgl kenne ich persönlich. Man nennt sie auch das Sendlinger Tageblatt. Der Frau Niederwörgl habe ich im Cafe Schuttner vor einem Monat mal meine Beobachtungen mitgeteilt. Danach war in Sendling der Teufel los. Die Hölle muss wohl das reinste Paradies dagegen gewesen sein. Und schnell hatte ich von interessierten Frauen weitere Termine im Cafe Schuttner.

Das Ergebnis? Fünf Scheidungen, siebzehn außereheliche Beziehungen beendet, vier außereheliche Kinder aufgedeckt, acht Zivilklagen, drei Strafverfahren und ein gebrochenes Nasenbein. Aber das war es mir wert.

Ich mache weiter, so etwas hält mich nicht auf. Denn seitdem herrscht in unserem Viertel wieder Zucht und Ordnung. Alles ist jetzt wieder moralisch gefestigt und Gartenzäune werden auch nicht mehr geklebt, sondern ordentlich geschreinert repariert. Wir sind wieder auf dem Weg zum Vorzeigeviertel.

Und sollte ich in der letzten Zeit auch keine verdächtigen klandestinen Klimakleber auf unseren Sendlinger Straßen beobachten können, so ist doch eines keinesfalls mehr von der Hand zu weisen. Man muss nicht alles gleich schlecht reden:

Die Klimakleber haben für unser Viertel eine ganze Menge Gutes gebracht.

Parkbankgespräch: Real virtuell im Virtuell-Realem

Parkbank»Ich weiß nicht, was ich sagen soll.«

»Dann lass es.«

»Aber ich muss es sagen. Es muss aus mir raus. Weil es hier ne Parkbank ist.«

»Dann sag es und gut ist.«

»Es regt mich auf.«

»Okay, was regt einen momentan eh nicht auf.«

»Aber das hier ist ernst.«

»Ernst ist das Kind von Verhütungsplanung. Ernst sein Vater ist jetzt geschockt, dass Verhütung nicht allein Frauensache ist. Nach zehn Jahren Rumbumsen ohne jeglichen Ernst …«

»Das mein ich nicht.«

»Sondern?«

»Eher das, was mit der Inflation vor Ort am gemeinen Essenslokal angepasst wird.«

»Die Preise von McDonalds?«

»Der Preis der Menschheit.«

»Ach ne, was du nicht sagst, du Hobbyphilosoph.«

»Ich hatte einen Freund …«

»Wer hatte den nicht.«

»… und der war auf seine Weise intellektuell.«

»Jaja, nee, ist klar. Hatte der jemals einen offenen Brief geschrieben? Nein? Dann ist der auch nicht intellektuell. Wenn jemand einen offenen Brief schreibt, dann muss er auch die augenblickliche Inflation der offenen Briefe im Auge behalten. Und der Reaktionen darauf. Und den Stand der Immobilienfonds im eigenen Portfolio. Ansonsten ist so einer nur Schwätzer..«

»Ich glaube, du verstehst nicht, was offene Briefe sind.«

»Briefe, die dem Postgeheimnis unterliegen, auf das der Sender des Briefes keinen Wert legen. Also so wie ein Wichtigtuer von Datenschützer, der mit Google-, Microsoft- und Amazon-Apps auf seinem Smartphone rumläuft, um wichtige Emails zu schreiben. Der allein schon beim Einloggen ins GMS-Netz seine Spuren für jedem hinterlässt.«

»Das ist Kappes, das meinte ich nicht. Eher das folgende: ich denke, also wissen wir.«

»Freilich. Wissen ist immer gut.«

»Wissern ist wichtige!«

»Okay, nur vom eigentlichen Wissen wissen wir immer zu wenig. Sagt bereits die Volksseele.«

»Was uns als Wissen aber fehlt, sind für uns Wissende die Wissenslücken.”

“Freilich. Wir sind Unwissende.”

“Es gibt Menschen, die behaupten aber nicht bloß, dass wir nichts von all dem wirklich wissen, was wir allgemein zu wissen glauben – sie behaupten sogar, dass sie wissen, wie es wirklich ist.«

»Kenn ich. Der Volksmund nennt solche Menschen schlicht und ergreifend: Wichtigtuer. Im Neudeutsch auch ‘Verschwörungstheoretiker’.«

“Somit lässt der Volksmund sie dort liegen, wo sich jene schon immer befanden: an den Rändern der gesellschaftlichen Kommunikation.«

»Mainstream eben.”

“Mainstream bedeutete ja ursprünglich kommerzielle, massentaugliche Oberflächlichkeit. Woraus sich in der Kritik eine gewisse Geringschätzung ergab.«

»Mainstream gab es für uns Boomer nicht. Das ist ein Begriff der ‘Gen Y’ ausgesprochen ‘generation why’. Boomer nannten das damals lediglich ‘Massengeschmack’. Also, etwas ohne besondere Würze und für jeden ohne Schluckauf schluckbar. Gen Y nennt es jetzt ‘Boomer Mainstream’.«

»Egal. Die radikalen Ränder haben nun eben diesen Boomer-Begriff ‚Mainstream‘ gekapert, nur um die gesellschaftlichen Mehrheit zu deren Feind zu erklären. Sie bezeichnen die gesellschaftlichen Mehrheit als Diktatur, weil die Mehrheit sie abweist und an den Rändern hält.«

»Und nu, was soll das? Ränder sind nun mal Ränder. Jede Pizza hat Ränder, auch wenn sie knusprig und lecker sind.«

»Eben jene Ränder sind nun nur deshalb sichtbar, weil die Mehrheit sich mit ihnen beschäftigt. Der Mainstream beschäftigt sich nun mal mit jenen.«

»Wahrscheinlich aus Langeweile.«

»Und das geschieht besonders immer in einer Demokratie. Demokratie setzt sich für so etwas ein, dass soziale Ränder möglichst nicht ausgegrenzt werden. Die Ränder mögen das nicht und schelten sie daher als Diktatur. Paradox.«

»Sie meinen also wohl eher ‘Demokratur’?«

»Nur, in einer Diktatur werden aber solche, wenn sie denn gefährlich zu werden drohen, direkt in Gefängnissen und Lagern isoliert. In der Demokratie lediglich in den verschiedensten Medien berücksichtigt und besprochen.«

»Ich hab noch ne Rollte Alufolie. Kann man locker nen Aluhut raus basteln. Für dich und deine Gefängnisse- und Lager-Argumentation. Du driftest ab in Verschwörungsmythen.«

»Nun. Verschwörungsmythen stellen auch Teil eines Unterhaltungsgewerbes dar.«

»Du meinst, mit wenig Aufwand eine Erschaffung von Gruppenzugehörigkeit und Weltbilder?«

»Und jene sind die irgendwo zwischen Gaming und Kino angesiedelt sind. Zwischen ‘Marvel Universe’ und dessen ‘Avengers’ und einem Krieg a la  ‘Call of Duty’, den erfolgreichsten Beschäftigungsprogrammen für Großhirne vor Monitoren.«

»Aha, beim Lästern bist du jetzt bei der Playstation und den privat finanzierten Fernsehkanälen angekommen? Dem allseits bekannten Kino für geistig Arme?«

»Kino und Internet haben in den letzten 30 Jahren ein ganzes Universum an Verschwörungen ausgedacht. Das Monster bei Karstadt lässt grüßen. Oder Bielefeld und seine Saga

»Und das Drei-Hasen-Fenster in Paderborn.«

»Viele Verschwörungsgläubige scheinen in dem einen oder anderen Blockbustern der eigenen Blasen hängengeblieben zu sein. Da ist das 3-Hasen-Fenster nur das kleinere Übel.«

»Okay, momentan gibt es viele Superhelden- oder Anti-Superhelden-Filme und Serien auf den Streaming-Kanälen. Das ist wohl der neue geistige Existentialismus im virtuellen Hirn, der real viral in solchen Köpfen hoch und runter stiefelt.«

»Nicht wahr? Im virtuellen Raum lässt sich das echt prima ausleben.«

»Wir beide sind hier aber auf einer Parkbank. Die ist nicht viral und auch nicht durch einen Virus verursacht. Und die Parkbank geht auch nicht hoch oder runter.«

»Das ist wahr.«

»Und was sagt das uns?«

»Nun ja. Das alt bekannte Rezept: lasst es uns öffentlich aussitzen.«

»Da vorne ist ein McDonalds. Wir könnten in der Zwischenzeit ja ne Apfeltasche mit Cola mit nem Milcheis danach zu uns nehmen.«

»Gerne. Wenn es danach nicht viral geht …«