Über Careca

Hang zur Satire, zur Ironie und zum Zynismus; Sinn für jeden Unsinn

Hautnah statt mittendrin?

Während die deutsche Fußballmannschaft gegen die Weltauswahl aus Aserbaidschan versucht, mit Toren einen gebührenden Abstand zu einer theoretisch machbaren Niederlage herzustellen, reicht es mir nicht.
Einfach nur dabei zu sein? Das reicht mir nicht.
Hautnah den deutschen Fußballern auf den Pelz rücken. Das isses.

Training ist vorbei. Die Spieler verlassen den Rasen, gleich geht’s zurück ins Hotel.

15 Minuten Halbzeitpause.
15 Minuten nachdenken, wie das zu schaffen sein könnte.
Was liegt näher als …

15 Minuten Rückfahrt, die Mannschaft ist zurück im Hotel. Gleich geht’s zum Abendessen.

… nein, doch nicht.
IM ARD … pardon, ich meine: … Im ARD läuft das Spiel zwar live. Kommentator und Co-Kommentator plaudern munter die Zeit der Halbzeitpause tot. Nur, das ist mir noch nicht hautnah genug.
Näher, oh näher zu dir, meine Mannschaft, will ich dir rücken!

Der Bus ist da, die Spieler auch. Philipp Lahm und Co. machen sich gerade warm.

Heureka!
Das isses!
Twitter!
Ich verfolge die Nationalmannschaft über Twitter!
„Näher dran“ gibt es gar nicht, wenn Podolski, Klose, Lahm und Badstuber abwechselnd mit Handy ihre Nachrichten ins WorldWide-SocialWeb abschicken.
Und wenn nicht unsere Stars, dann sicher der Niersbach in Vertretung der Mannschaft.

Die Mannschaften laufen ein. Gleich gehts los…

140 Zeichen Fußballlyrik.
Die Suche unter Twitter spukt mir als Twitter-Teilnehmer „DFB_Team“ aus.
Ich logge mich ein und lese …

Wiederanpfiff in Köln, die zweiten 45 Minuten laufen.

… und schließe die Twitter-Seite wieder.
Soviel spannende DFB-Hochlyrik ist mir zu tiefsinnig.
Das 4:0 fällt und ich lese die letzte Twitter-Prosa vom DFB.

Die Diagnose bei Mertesacker: Platzwunde unter dem linken Auge. Vorsichtshalber wird er zum Röntgen ins Krankenhaus gefahren.

Der ARD-Kommentator plaudert weiter wie ein Duracell-Häschen auf AC/DC in sein Mikrofon.
Hm.
Meine Entscheidung für die zweite Halbzeit ist gefallen:
Lieber ARD-Fußball statt DFB-Twitter.
Lieber mittendrin statt hautnah.

Quelle der Twitter-Zitate: hier

Schnellbucher ohne Rabatt

»Ich hatte aber eine Bestätigungsmail erhalten, dass meine Reservierung angenommen worden sei.«
»Wir haben an dem Abend über 1000 Anfragen erhalten. So schnell konnten wir gar nicht auf ‚Ausverkauft« aktualisieren, so wie die Reservierungsmails einprasselten.«
»Ich habe aber eine Reservierung-Bestätigungsmail erhalten. Und meinen Geschäftspartnern habe ich auch schon für den Abend zugesagt. Und heute Morgen erhielt ich dann die Absage. Was soll ich denen jetzt sagen?«

Ich stand in der gemeinsamen Vorverkaufsstelle der »Münchener Lach- und Schießgesellschaft« und des »Lustspielhauses« und wollte nur zwei Abendkarten für eine Aufführung am Wochenende einkaufen. Übers Internet wäre die Vorreservierung auch möglich gewesen. Aber manchmal bin ich altmodisch und will die Karten schon vorher in meinen Händen halten. Der Mann schaute die Frau ärgerlich an und die Frau hinter ihrem Tisch schaute den Mann hilflos an. Er hatte seinen Geschäftspartnern offenbar einen Abend in der »Münchener Lach- und Schießgesellschaft« mit Dieter Hildebrandts Soloprogramm versprochen und war dabei, diesen gegenüber das Gesicht zu verlieren.

44 Euro wechselten den Besitzer und ich erhielt meine beiden begehrten Eintrittkarten. Offenbar scheint jener Künstler nicht so viele Menschen zu interessieren, obwohl er bislang regelmäßiger und stürmisch gefeierter Gast der ZDF-Kabarettsendung »Neues aus der Anstalt« war.

Apropos »Neues aus der Anstalt«:
Am 1. September um Mitternacht begann der Vorverkauf für die 37. Folge von »Neues aus der Anstalt« am 19. Oktober im Münchener ARRI Kino. Nachdem Georg Schramm aus der Sendung ausgeschieden ist, um sich seinem Soloprogramm »Meister Yodas Ende« zu widmen, tritt Urban Priol mit Frank-Markus Barwasser (alias »Erwin Pelzig«) auf. Wie war Georg Schramms Reaktion auf die Auswahl von Barwasser als dessen Nachfolger?

»Ich begrüße es ausdrücklich, dass Herr Pelzig zukünftig in der ZDF-Anstalt versuchen wird, die zweifelhafte Autorität von Herrn Priol als Stationsleiter in Frage zu stellen. Ich habe ihn als einen Mann mit beträchtlichem Quälpotential ohne jegliche Bereitschaft zur Unterordnung kennen und schätzen gelernt. Ein Glücksgriff für die Anstalt. Herr Priol wird sich noch wundern.«

(Quelle: ZDF und Lustspielhaus.de)

Ich fragte nach, wie hoch die Chancen auf eine Internetbuchung für dessen Vorpremiere und für die Liveübertragung selber gewesen seien.

»Alle Karten waren bereits nach eineinhalb Minuten ausverkauft. Da kamen Bestellungen aus Frankfurt, Mainz, Hamburg, Berlin. Da will jeder dabei sein,« beantwortete sie meine Frage und kam meiner nächsten Frage gleich zuvor. »Aber vor der Live-Aufführung gehen manchmal immer wieder zwei, drei Karten an die Kasse zurück. Das ZDF hat ein festes Kontingent von 50 Karten für Sondergäste. Und immer wieder kommen nicht alle von diesen Gästen. Diese Karten gibt es dann an der Abendkasse zu 20 Euro das Stück.«
»Und wenn keine zurückgegeben werden?«
»Dann verpassen Sie die Übertragung im Fernsehen.«

Ein Grinsen konnte ich mir nicht verkneifen. Ich verstaute meine Karten in meinem Portemonnaie und verabschiedete mich.
Mein nächster Termin war für mich jetzt erst einmal fix, da bezahlt:
Samstag, 4.9.2010, 20:30 Uhr (also heute Abend).
Jochen Malmsheimer mit seinem Programm »Flieg Fisch, lies und gesunde«

Das wird ein Spass.

Und an dieser Stelle zum Vormerken:
19. Oktober 2010
22:15 Uhr im ZDF
»Neues aus der Anstalt«
mit Urban Priol und Frank-Markus Barwasser (alias »Erwin Pelzig«)
Gäste: Helmut Schleich, Andreas Rebers und Jürgen Becker.

Die E-Mail, das Bild, die Allegorie und die ultimative Schlussfolgerung

Stilleben_mit_Blockfloete

Schaut es euch an.
Das Bild der Harmonie.

Es soll mir Glück bringen, heißt es in meiner E-Mail. Und das, ganz im Gegensatz zu anderen. Wie bleistiftsweise den folgenden: Ein argentinischer Staatspräsident hatte die Email ungelesen gelöscht und acht Tage später starb sein Sohn. Ein anderer leitete die Mail an an 20 anderen Menschen binnen 13 Tagen weiter und gewann im Lotto, obwohl er in der inneren Mongolei gen Peking in einem 120 Kilometer Stau an seine Nägel kaute …

(Der Autor empfiehlt an dieser Stelle dem geneigten Leser, die innere Mongolei großzügig zu umfahren, um dem Stau auszuweichen. Und bei dieser Gelegenheit auch liebe Grüße an die Stauteilnehmer am Kamener Kreuz – Hallo, Stauer, ihr seid nicht vergessen – und nicht vergessen: Jeder immer nur ein Kreuz am Kamener Kreuz …)

… . Eine Sekretärin erhielt von Alberto Martinez den Auftrag, das Foto weiterzuleiten. Sie tat es nicht und wurde wegen Arbeitsverweigerung entlassen. Ihre Familie wollte danach auch nichts mehr mit ihr zu tun haben, da sie denen nur noch auf deren Tasche lag. Alberto Martinez jedoch merkte nichts von ihrem Unglück.

Nun, um zu verhindern, dass ich argentinischer Staatspräsident, Stauteilnehmer bei Peking oder gar Sekretärin werden muss, habe ich mir das Bild jener Email zwangsweise angeschaut. Und das auch meiner alten Bekannten zuliebe, die sich von diesem Mail-Hoax Glück erhofft.

Was zeigt es mir?

Es zeigt eindeutig die karnevalistische Version vom Rattenfänger zu Hameln zur Karnevalszeit.
Deutlich im Vordergrund zu erkennen, kreisförmig um die Hauptdarsteller des Bildes angeordnet, sehen wir die Ratten, die sich als Blumen verkleidet haben. Ja, und diese Ratten sind schon begeistert auf die beiden Hauptdarsteller hinaufgeklettert ob des tonlosen Flötenspiels. In Harmonie in Kreisform. Wie hübsch anzuschauen. Und ihre langen grauen Schwänze haben die auch diszipliniert eingerollt, damit niemand die sieht (wie hinterhältig!).

Doch den Blick lassen wir nun von den Ratten abschweifen. Abschweifen in den Hintergrund hinein. Ab, hinein die Ferne.
Was fällt auf?
Richtig. Da oben in der Mitte im Hintergrund oberhalb der Flöte ist eine Lampe kaputt! Beim genauen Hinschauen sind es sogar derer zwei!!! Eine Schweinerei sondergleichen. Ich wette, auch der Hausmeister wird Job und in Folge Familie verlieren ob seiner eigenwilliger Energiesparmaßnahme.
Ansonsten erfreut sich das Auge an lieblichem Grün, Bäumen und Seen, die wie gemalt in der Landschaft stehen. Es befällt einem die Sehnsucht, in das Bild zu treten und mit roher Hand die geschwungenen Vorhänge brutalst möglich am jungfräulich weißen Pavillon aufzureißen, um ganz im besten Sinne vom alten Goethe „Mehr Licht!“ zu brüllen (spart die Lampen oben an der Decke), um dann vor dem von Arbeitslosigkeit bedrohten Hausmeister zu fliehen.

Doch schauen wir uns die beiden Hauptdarsteller an.
Beide tragen die für die Karnevalssession üblichen Offiziershelme der „Goldenen Funken an der Inde“. Jedoch sind ihre Jacken ein wenig aus der Art geschlagen, um nicht zu sagen, äußerst liederlich und unoffiziersmännisch gebunden. Dafür ist die Armhaltung des Linken bei der Querflöte einfach nur vorbildlich zu nennen. Die Hände greifen anmutig das Instrument, Lippen über dem Instrument auf Distanz, leicht gespitzt, der konkrete Blick in die unkonkrete Unendlichkeit gerichtet und der rechte Fuß locker um den linken Standfuß gewickelt.
Um wie viel weniger anmutig ist dagegen der Rechte der beiden Hauptdarsteller. Leicht debil lächelnd, Lippen komplett überschminkt, Pickel auf der Stirn (ja, hat der denn kein Clearasil?!?), Hände untätig runter hängend, mit beiden Füßen auf dem Boden und auch sonst nur untätig, dient diese Person als ideales Klettergerüst für die als Blumen verkleideten Ratten.

Nun, was will uns dieses Bild sagen?
Flötenspieler werden inzwischen so schlecht bezahlt, dass sie sich schon als lebende Denkmäler verdingen müssen, um nachher als Foto in einer Email auf Tournee gehen zu können. Das ist ein wenig bisschen zu wenig um den Grundstein für eine großartige Musiker-Karriere zu legen. Hätten beide etwas ordentliches gelernt, wie Banker, Versicherer oder Politiker, müssten diese nicht in der Vorkarnevalszeit mit als Blumen verkleidete Ratten posieren. Sie würden sich das Geld zur Verkleidung der Ratten locker einsparen können, könnten Bücher oder Biografien oder minderwertige Wertpapiere in den Umlauf bringen und definieren, wer Ratte ist und wer nicht. Aber so?

Ich wünsche den beiden noch viel Erfolg, dem Hausmeister, dass er schnellstens die Glühbirne austauscht und dafür seine Anstellung behält und mir, ja, mir Egoist, mir wünsche ich allein das Beste. Denn ich werde jetzt das Glück herausfordern und die Mail-Hoax löschen. Amen.

Tschö, wa.

Ein kleines bisschen Horrorschau

»Slum-Touren sollen Besucher anlocken«
Nein. Sie haben schon richtig gelesen. Da steht nichts von »Schlamm-Kuren« sondern von Rundführungen in Armutsvierteln.
»Slum-Touren sollen Besucher anlocken« so schrieb der SPIEGEL ONLINE am 31. August für den deutschen Fernwehgeplagten bezeichnenderweise in seiner Rubrik »Reisen – Fernweh«. Der Artikel handelt über eine neue Initiative in Rio de Janeiro. »Rio Top Tour« heißt das Projekt der 6-Millionen-Einwohner-Stadt. Mitgetragen wird es vom brasilianischen Staatspräsidenten Lula da Silva mitgetragen (Quelle: hier), der sich schon zu Beginn seiner Amtszeit das »Zero fome« (übersetzt: »Null Hunger«) für die in der Marginalität lebende Bevölkerung auf seine ToDo-Liste seiner Regierungszeit als Staatspräsident geschrieben hat. Das Projekt »Rio Top Tour« ermöglicht Touristen aller Welt auf einer Rundführung durch einer Favela Rio de Janeiros das Favela-Leben selbst hautnah zu erleben. Dass die Bewohner solcher Favelas (=Slums) zwar verarmt seien, aber ansonsten ganz normale Menschen seien, mit diesen Worten wird der Präsident von SPIEGEL ONLINE sinngemäß zitiert. Dass die Favela zusätzlich für Touristen größtenteils risikobefreit wurde, das geht auf das Konto des brasilianischen Militärs, welche die Favela und das leben dort kontrolliert

Zur Erinnerung:
In Rio de Janeiro – die Stadt ist geplanter Ausrichter der Olympiade 2016 und einer der geplanten Austragungsorte der FIFA WM 2014 – wohnt 1/3 der sechs Millionen Einwohner in Favelas. Viele „Favelas“ haben ihrem Ursprung eigentlich in illegale Hausansiedlungen. Deren Bewohner haben durch ihre Ansiedlungen Fakten geschaffen haben, die in ihrer Ausprägung einen eindeutigen Unterschied zwischen der Unterschicht und Mittelschicht und Oberschicht zieht.
Zynischerweise sollte man hinzufügen, dass die Bewohner ein autonomes, durch Favela-eigene Regeln organisiertes Leben führen. Fern ab staatlicher Autoritäten. Die Regeln werden meistzeit durch Drogenbarone diktiert. Oder durch einfallende Militärpolizisten, die vorgeben Drogenhändler zu jagen, aber eigentlich nur ihre eigenen Marktanteile sichern. So riegelte schon mal die Militärpolizei eine ganze Favela von der Außenwelt ab, weil die dortigen Drogenhändler in ein Militärlager eigebrochen sein sollten und dort Dutzende Waffen geklaut haben sollten. Später stellte sich heraus, dass militärische Befehlshaber unzufrieden mit dem erzielten Preis für militäreigene Waffen an die Drogenbarone gewesen waren. Und so wollten sie eben das Geschäft mit der militärischen Belagerung der Favela rückgängig machen. Nun besteht die große Mehrzahl der Bewohner einer Favela nicht nur aus Drogenbarone oder Drogenhändler, weswegen der Kollateralschaden an unschuldige Männer, Frauen und Kinder nicht unerheblich war. Das ist nun mal bei Militärs dieser Welt so üblich, wenn die mal ihre erlernte Arbeit verrichten. Das bewegt auch keinen großen Geist mehr. Nur, Journalisten fanden die wahre Geschichte heraus, warum die Favela belagert wurde, dass die gesuchten Waffen keineswegs geklaut waren sondern nur Handelsware. Die beteiligten Militärs der Waffenschieberei wurden pensioniert, die Toten verscharrt oder beerdigt und es herrschte wieder Eintracht zwischen Drogenbarone und Militärs.

Doch zurück zu »Rio Top Tour«, zu den »Slum-Touren sollen Besucher anlocken« von SPIEGEL ONLINE:
Diese Touristen-Sache in Favelas erinnert mich an Prinz Charles und Lady Diana. Prinz Charles führte Camilla schon in königliche mäträssenähnlicher Traditionen ins Königshaus ein und Lady Diana lächelte noch tapfer, bis sie dann mit nem Kaufhaussöhnchen auf Yachten poussierte und mit ihrem besoffenen Chauffeur der Pariser Peripherique entlangbrauste. Prinz Charles und Lady Diana entstiegen damals im Hafen von Rio de Janeiro der königlichen „Queen Mary“ und machten die erste staatlich organisierte Favela-Tour. Ich weiß nicht mehr, welche Favela es war, aber sie war zuvor staatlich gewaltsam pazifisiert worden. Die Militärs hatten ganze Arbeit geleistet und mit den Drogenbaronen ein Stillhalteabkommen zum Wohle der beiden Vize-Hoheiten abgemacht. Und so marschierten diese beiden damals winkend und lächelnd umringt von waffenstarrenden Bodyguards und Yellow-Press-Fotografen (dort ohne Motorroller) durch die Straßen einer Favela. Der Favela-Tourismus begann, gesellschaftsfähig zu werden.

Die Frage ist freilich, was die Gesellschaft denn in den heutigen Tagen so will. Offensichtlich will sie den „thrill“, den kalkulierten Nervenkitzel, das wohldosierte Entsetzen. In Deutschland und auch woanders haben Abendnachrichten und Tageszeitungen ihre Konsumenten bereits total konditioniert. Warum sollte nun im Urlaub auf diese tägliche Tagesration »Lebenshorror« verzichten werden?

Wasch mir den Pelz, aber mach mich nicht nass.
Ein kleines bisschen Horrorschau.
Damit der Verbraucher selber wieder merkt, wie gut es einem selber geht. Und damit der Mensch sich einprägt, wohin er nicht will, um drüber zu jammern, er könne dahin kommen, wo er doch so nass werden könne.
Das ist nicht irreal, sondern höchst real. Anhand der Lebenssituation anderer wird die eigene definiert.
Was dann noch auf solchen Touren fehlt, ist ein wenig Heimatverbundenheit. Ein Erdinger Weißbier, ein Becks oder eine Bratswurst. damit man das eigene Heimweh bekämpft. Und dann um dieses Fernweh nach Hause zu bekämpfen, das Ganze auf einer Terrasse mit romantischem Überblick über die Favela.

Warum?
Warum auch nicht!
Wenn schon ein DFB-Präsident während der WM 2002 (also der Maister-Vorfehler) meinte, langsam reiche ihm das ganze japanisch-koreanische Essen, ihm gelüste es jetzt nach einer echten deutschen Currywurst, wenn die Bläck Fööss damals schon folgerichtig sangen, beim Urlaub in Spanien sei alles so heimisch, es fehle nur noch der Ausblick auf den Kölner Dom, warum dann auch nicht das gleiche in den Favelas? Den Schweizern ihre Rivella, den Österreichern einen Heurigen, den Deutschen ein Becks oder Weißbier, den Amerikanern ein Bud und den Holländern ihr Heinecken. Nur indischen und chinesischen Touristen braucht nichts gesondert importiert werden: Chillies, Reis und steineklopfende Kinder hat es auch Brasilien …

Als die Brigitte Bardot in den 60ern vor den Parparrazis von Rio de Janeiro im 100 km weiter entfernten, unberührten Fischerdorf »Buzios« floh, da war es dort mit der fischenden Gemütlichkeit vorbei. Heute hat Buzios sich gewandelt. Buzios ist nicht mehr das Fischerdorf. Das war es einmal vor einem halben Jahrhundert. Heute gilt Buzios als das »Saint-Tropez« Brasiliens. »Strukturwandel«, wie der Politiker heute mondän verkünden würde.

Klar, wenn das jetzt mit den Favelas genauso funktioniert, dann wird es in einiger Zeit der gezielte Betrug an den Touristen. Eine Art besuchbare »Truman Show«. Allerdings, das wahre Favela-Leben mit seinem Kampf ums Leben und Überleben findet woanders fern ab den touristischen Trampelpfaden statt. Dort wo sich Drogenbarone und brasilianische Militärs mit tödlichen Waffen bis aufs Messer bekämpfen.

Nur eine Frage beschäftigt mich:
Wenn man jetzt in Brasilien in Favelas Urlaub als Abenteuer-Urlaub-Substitut buchen kann, würden dieselben Leute auch nach New York fliegen, um im schwarzen Harlem zu spazieren? Oder nach Sonnenuntergang im Central Park zu flanieren? Oder warum in der Ferne schweifen, wenn das Gute so nah? Saint Denise in Paris im Dunkeln hat ohne weiteres Favela-Flair. Oder die Trabantenstadt Chorweiler bei Köln. Oder in entsprechende Gebiete Berlins. Nachts sind alle Katzen grau, dafür benötigt es kein Fernweh-Flug um den Nervenkitzel zu bekommen. Würden dieselben Leute das auf diesem Kontinent auch tun? Würden sie? Nein, denn es fehlt das touristische Angebot, das Leben in der Marginalität hautnah erleben zu können.

Brasilienaufenthalte sind ja inzwischen nichts mehr wert, wenn dem Arbeitskollegen, dem Freund oder dem Nachbarn nicht erzählt werden kann »Ja, ich war in den Elendsgebieten, dort wo die Armut am größten ist, wo die Gewalt am Brutalsten. Und ja, ich habe dort den Sonnenuntergang bei einem Glas Bier erlebt.«

Brasilien zu besuchen, ohne sich auch noch zwanghaft für die Probleme der Armen zu interessieren, das ist in den Augen anderer ein Beweis von Verrohung, von Gefühlskälte. Das aufgedrängte schlechte Gewissen, man sei »nur« Tourist und auch noch gefühlskalt nagt bei vielen Brasilienurlaubern. Daher dient eine derartige »Rio Top Tour« als die klassisch ideale Gewissensbefriedung. Andere werden mit Schaum vor dem Mund den Besuchern solcher Touren allerdings wieder »Sozialromantismus« und »Gutmenschentum« vorwerfen. Der Tourist wird dann den Gewissensspagat für sich entscheiden müssen.

Nur Brasilien weiß das schlechte Gewissen der Ersten Welt inzwischen vorteilhaft für sich zu nutzen. Fußball-WM 2014 und Olympiade 2016 stehen vor der Tür. Das Angebot an den unterhaltungswütigen und mit Katastrophennachrichten verwöhnten Reisenden steht.
Hauptsache „Thrill“, Nervenkitzel und etwas über das später zu Hause berichten werden kann (statt einer langweiliger „Dia-Shows“ …) … . Wasch mir den Pelz. Aber mach mich nicht nass.

Abenteuer-Urlaub in der Realität anderer. In deren Marginalität. Eine Art Urlaub, um vielleicht sogar nachher den Vergleich mit heimischer und brasilianischer Armut zu tätigen und dabei lapidar festzustellen, dass es den Menschen hier noch viel zu gut geht.

Gewinner in diesem Spiel bleiben aber nur die Kassierer der Touristendevisen.
Alle anderen sind lediglich Statisten.
Oder Verlierer.

Klaus Peter Schreiner

Er war und ist der Mann der „Münchener Lach- und Schießgesellschaft“, welcher Texte für die verschiedenen Hausensemble der „Lach und Schieß“ von den 50er ab bis in die Gegenwart hinein schrieb und auch noch schreibt. Bis 1998 wirkte er „lediglich“ als Autor der Hausensemble mit. 1999 trat er dann selber mit dem „Lach und Schieß“-Hausensemble auf der Bühne auf. Inzwischen hat er sein eigenes Solo-Programm, in der er u.a.a. die alten (aber nicht minder aktuellen) Texte seines Kabarettlebens präsentiert.
Er ist der unumstrittene Grandseigneur des politischen Kabaretts Deutschlands. Der Mann der leisen Zwischentöne. Ein Meister des feinen sprachlichen Floretts im politischen Kabarett.
Mit Dieter Hildebrandt hat er nicht nur die Vergangenheit als Autor der „Münchener Lach- und Schießgesellschaft“ gemein, sondern auch das hohe Alter. Klaus Peter Schreiner ist 80, Dieter Hildebrandt 82. Und beide stehen noch aktiv auf der Bühne der „Münchener Lach- und Schießgesellschaft“ mit ihren politischen Kabarett-Solo-Programmen.

À la bonne heure!

Klaus_Peter_Schreiner

Klaus Peter Schreiners Internetseite: hier

Was bedeuten diese Bilder?

Stufen

Wolle

generiert via http://zxing.appspot.com/generator

Wenn Glück zu Unglück wird …

Ein Autogewinn hört sich immer gut an. Jeder würde gerne gewinnen. Doch es gibt Menschen, denen wird ein Autogewinn zum Fluch. So geschehen bei einer Hartz-IV-Empfängerin aus Stolberg bei Aachen. Als die glückliche Gewinnerin der ARGE Stolberg ihren Gewinn meldete, wurde sie gleich zur unglücklichen Verliererin. Die ARGE strich ihr für ein Jahr die Zuschüsse, da der Autogewinn ihr als Einnahme verrechnet wurde. Als Folge davon konnte sie bereits ihre Miete nicht mehr zahlen. Klar, sie solle ihr Auto verkaufen, so die ARGE und von dem Geld leben. Andererseits ist die schwerbehinderte Gewinnerin auf ein Auto angewiesen, um einen Job zu bekommen. Ihr bleibt keine Freude an dem Gewinn. Die Gesetzeslage kennt dort kein „Gönnen“, und die ARGE nur Paragrafen.
Der gesamte Artikel findet sich hier:
http://www.freiepresse.de/NACHRICHTEN/THEMA_DES_TAGES_REGIONAL/7432750.php

HOPRECHT: Bei uns nicht! Bei uns in Deutschland, da is ’n fester Boden drunter, da is kein hohler Raum dazwischen, da kann nichts passieren! Anderswo vielleicht, wo det Jebälke faul is – da vielleicht! Sagen wa mal Russland zum Beispiel, da habense die Bestechlichkeit der Behörden, habense da – und denn die Muschiks, det sind nämlich Analphabeten, die wissen noch nich mal wie se heissen – und die Lasterhaftigkeit der höheren Kreise, und dann die Studentinnen, un det ganze schlechte Beispiel! Da kann was passieren, Willem, da is Bruch! Verstehste?! Bei uns is alles jesund, von unten auf – und was jesund is, det is auch richtig, Willem! Det is auf Fels jebaut!

VOIGT: So? Und woher kommt denn det Unrecht? Kommt det janz von selbst?

HOPRECHT: Bei uns gibt’s kein Unrecht! Wenigstens nich von oben runter! Bei uns geht Recht und Ordnung über alles, das weiss jeder Deutsche! […] Ick sag dir zum letztenmal: reinfügen musste dich! Nich mängeln gegen! Und wenn’s dich zerrädert – denn musste det Maul halten, denn jehörste doch noch zu, denn biste ’n Opfer! Und det is ’n Opfer wert!! Mehr kann ich nich sagen, Mensch! Haste denn keine innere Stimme, Willem? Wo sitzt denn bei dir det Pflichtgefühl?!

VOIGT: Vorhin – aufn Friedhof – wie de Brockn aufn Sach runterjekullert sind – da hab ick’s jehört – da war se janz laut, war se –

HOPRECHT: Wer? Was haste jehört?

VOIGT: De innere Stimme.[…]

aus „Der Hauptmann von Köpenick“ von Carl Zuckmayer