Das Corona-Tagebuch: Provinznotizen aus Deutschland Süd bei Südost (53): Kriegsberichterstattung

Endlich!

Endlich!

Endlich!

Wieder Fußball. Die Krise ist vorbei. Wenn Werder am letzten Spieltag ne Packung vom FC bekommt und beide gemeinsam den Hamburger SV vorbei ziehen lassen, dann ist wieder aller erste Bundesliga im Land.

Aber zuerst noch ein wenig von der Corona-Front:

Die Verblödung des Volkes mit Verschwörungstheorien wird momentan nur noch ganz knapp von denen übertroffen, die vorgeben, Regierung machen. Während mit dem Beweis der ultimativen Beteuerung der Verschwörungstheoretiker mir jene weis machen wollen, dass die Regierenden nur einen Plan haben, versuchen mir die Regierenden klar zu machen, dass es mehrere Pläne gibt, als sich Verschwörungstheoretiker vorstellen können. Und beide halten sich für die einzig Wahren, welche daraus ausgewählt werden müssten.

Derweil haben die Verschwörungstheoretiker ihre Geschütze schon auf deren eigenen heimeligen Treibsand aufgebaut. Treibsand hört sich negativ an, weil darin ja alles verschlungen werden könnte. Nur in Wahrheit ist das einfach positiv zu sehen. Denn woher sollen die Verschwörungstheoretiker heute schon wissen, woher sie morgen der nächste Sandsturm verweht. Und die Verwehung passiert in deren Ansicht immer, bevor der Treibsand anfängt zu schlucken. Das hat der Machist mit seinen sexuellen Ansichten gemein: eine Person hat lediglich zu schlucken, damit die andere befriedigt ist. Daher fühlen sie sich auch so sicher vor dem Sumpf der eigenen Ansichten.

“Wie unfair, David!”, werden die Verschwörungstheoretiker an dieser Stelle aufstöhnen, weil deren Existenzberechtigung ihr Selbstverständnis ist, nie Goliath sein zu müssen. Wobei sie das Wort “David” nur nutzen, um jeden Piefke gleich zum Helden zu stilisieren, den man danach vom Sockel stürzen muss. Da staunt der Normalo, da erschrickt die Erkenntnis, da fürchtet sich das Schicksal.

Jene Verschwörungstheoretiker werden also ihre Meinungsverbreiterung wie Stalin-Orgeln aufstellen und aus den Rohren ihre Statements abfeuern, aus denen noch nicht mal der Pfeiffer mit den drei “f”s aus der “Feuerzangenbowle” ein Gute-Nacht-Kissen klopfen würde. Die Hoffnung, dass sich die Klischees der Verschwörungstheoretiker mit der Wirklichkeit decken würden, ist somit völlig unbegründet.

Als noch unbegründeter erwies sich die Hoffnung, dass Merkel, Söder und Laschet deren Publikumsgunst unbewusst wären. Unweit der Spree sah ich sie aneinander geraten. Ich stand auf einem Haufen der Patronen verschossener Argumente und musste alles mit ansehen. Die Laschets wüteten mit furchtbarer Raserei, bis deren Klingen so ausschauten, wie Verschwörungstheoretiker meinten, dass sie ausschauen müssten: krumm wie die Säbel arabischer Barbaren. Die Söders waren auch nicht besser. Denken war denen ein Graus. Es ging denen nur ums Outsourcing. Sie gaben somit zu denken. Und die Merkels? Die investierten ihr Geld in ein Holzbein, um es einen von den beiden auf die Stirn zu binden und dem Volke als gerade gefundenes Einhorn zu verkaufen.

Als dann dieses den Heere der Söders und Laschets in den Fernseh-Talk-Runden gewahr wurde, taten beide alles ihr Bestes, den Klischees der Verschwörungstheoretiker zu entsprechen. Denn aus den gewöhnlich unterbelichteten Kreisen der Verschwörungstheoretiker verbreitete sich aus deren Dunkelkammern fürs unterbelichtete Volk die schlecht entwickelte Meinung, die Söders und Laschets wüssten eh schon, was sie tun, bis jeder es merkelte.

Als die Verschwörungstheoretiker desweiteren auch noch mitbekamen, dass jene Feldherren der Tagespolitik lediglich Bananenzüchter derer eigenen Frühlingserwachen waren, wurde ihre Wut erheblich größer. Und so machte sich in den engen Denkrinnen jener Verschwörungstheoretiker etwas erheblich breiter, was dazu führte, dass etwas überschwappte und dabei auch noch durchsickerte. Dass die Verschwörungstheoretiker auf den erheblichen Nutzen eigener Bananenplantagen schwörten und die Bananenrepublik Deutschland nicht in dem Besitz einiger Bananenplantagenbesitzer wären, sondern in der Hand anderer Nicht-Bananen-Plantagen-Besitzer, das fanden die Verschwörungstheoretiker ganz uncool. Denn nur Bananenländereien gehörten in die Hand der Bananen-Plantagen-Besitzern, eben jenen ureigentlichen Verschwörungstheoretikern. Frei dem Motto: “Wen macht die Banane krumm? Immer nur die anderen.”

Und somit entwickelten Verschwörungstheoretiker etwas, was jene in deren eigenen Langeweile immer gerne entwickeln: Ziele für deren Verschwörungstheorien. Mit dem ersten Hahnenschrei des folgenden Tages standen sie auf den Haufen, den sie sich als Verschwörungstheoretiker selber gelegt hatten und versuchten dabei nicht über jenen auch noch geschossen zu werden. Und falls doch, so wollten sie nur als Opfer und Märtyrer und Unverstandener zu erscheinen. Sie warfen alles in den Kampf, was sie fanden inklusive derer eigenen Unvermögen.

Und sie fanden, dass es Außenstehende gäbe, denen die ganze Schuld aufzuladen wäre. Also Nicht-Politikern, denen sie den Status der fehlbaren Allmächtigen verliehen. Oder Leute, die zu besonnen dafür erschienen. Eben drum hat deswegen ein Reichelt seine BILD sofort den Verschwörungstheoretiker aus reinem Mitgefühl neue Geschütze im Kampfe für deren Verschwörungstheorien öffentlich überreicht: der Russe, der Droste, der Wieler und die anderen Panikmacher seien Schuld, weil es gäbe noch andere wie Wordag und Co zum Zuhören. Lasst uns die Überbringer der schlechten Nachricht schlagen und die Wodargs mit Palmwedeln bei ihrerem Einmarsch in Jerusalem auf dem Sarg der wertlosen Botschafter bekränzen. Und freilich auch den damals für BILD heilsamen Wissenschaftler Manfred Köhnlechner (Gott habe ihn seelig) auferstehen lassen, der aus dem Mund der anderen unbeachteten Virologen spräche.

Deren BILD-unterstütze Argumente waren von Vorteil. Die Verschwörungstheoretiker, obwohl sie zuvor beteits getroffen wurden und deren beide Beine vom Knie abwärts zerschmettert waren, trotz allem sie bluteten wie die Schweine unter der Knochensäge. Für Gott und Verschwörungstheorie. Auffallend war, trotz fehlender Beine, sie fielen weder an den Rand der Grube, noch hinein, jene Grube, welche sie für andere tief und breit ausgehoben hatten.

Fernerhin hatten die Verschwörungstheoretiker festgestellt, dass in den hiesigen Zeiten jedes losgelassene Argumentationsgeschoss eine kostspielige Sache war. Jedes Geschoss war inhaltlich im Stande, eine Familie einen Monat zu ernähren! Das war den Verschwörungstheoretiker der Wohltat zu viel. Denn wer konnte schon bestimmen, ob jene begünstigte Familie nicht entgegen den Überzeugungen der Verschwörungstheoretiker lebte! Das wäre unverantwortlich und ganz und gar verkehrt. Also kehrten sie die These ‘Wer nicht mit Geld umgehen kann, hat keins’ in die revolutionäre These ‘Wer kein Geld hat, kann damit auch nicht umgehen, etst recht nichz fehlerhaft’ um, an deren Ende die Forderung ‚Spendet nur noch uns’ stand. Crowdfunding at its best!

Und so saßen die Crowdfunder in deren spanischen Villen, deren mobilen Lebesräume, deren Luftschlössern, und beklagten, dass die Kämpfer für deren Freiheit nicht mehr deren Herzblut auf dem Schlachtfeld der Verschwörungstheoretiker lassen würden. Und im Umkehrschluss somit, sich mit dem Feinde fraternisiert hätten.

An dieser Stelle senkte sich der Vorhang über das Kriegsgeschehen und der Reporter hatte den Handlungsschauplatz zu verlassen. Er entschuldigte sich mit einem ‘er müsse auch mal schlafen’, aber jeder weiß, dass der Kriegsreporter nur eine Nulpe hoch drei ist, wenn er nicht von Blut, Schweiß, Tränen und Verschwörungstheorien erzählt.

Stattdessen wanderte der Blick wieder zum unbedeutenden Anfang der Reportage und es war lediglich zu wiederholen:

Endlich!

Endlich!

Endlich!

Wieder Fußball. Die Krise ist vorbei. Wenn Werder am letzten Spieltag ne Packung vom FC bekommt und beide gemeinsam den Hamburger SV vorbei ziehen lassen, dann ist wieder aller erste Bundesliga im Land.