Der Tag, an dem ich Asterix überfuhr

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***

Mühsam wälzte ich mich aus der Hotelbettwäsche. Der Wecker fiepte unerbittlich.
7:30 Uhr.
Die Zeit für den ausgeschlafenen Angestellten.
Guten Morgen, Arbeit.
Zuerst jedoch eine freundliche Dusche. Aufwachen findet bei mir unter fließendem Wasser statt.

Ich hatte krude Träume gehabt. Normalerweise erinnere ich mich nicht an solche. Aber diesmal hingen mir einige Traumfetzen wie Gemälde in meiner Erinnerung nach. In einer Straße lief ich auf und ab. Papier umwehte mich. Bedrucktes Papier. Ich hatte versucht ein Papier zu ergreifen, aber es rutschte mir immer wieder aus meinen Händen. Auf einem konnte ich ein Pentagramm erkennen, auf einem meinte ich, das Wort „PentAgrion“ zu lesen. Auf wieder einem anderen las ich das Wort „Vanderford“. Ich hatte es versucht mit einem Kugelschreiber zu korrigieren, aber der Kugelschreiber in meiner Hand war ohne Miene und mein Versuch das Wort in „van de Voorde“ zu ändern, führte dazu, dass ich das Blatt zerstörte. Weitere Blätter umwehten mich und bildeten mit ihren Seiten ein Fünfeck. Letztendlich wachte ich auf. Und die Dusche war für mich die Gelegenheit mich von diesen wirren Traumbildern frei zu waschen.

Kaum war ich aus der Dusche raus, als das Handy läutete.

„Hör mal, nicht mehr Königswinter. Ich habe gerade einen Anruf erhalten, der kann nicht. Du musst nach Koblenz.“
„Koblenz?“
„Koblenz. Liegt auf dem Weg, etwas weiter als Königswinter.“
„Dahinter?“
„Ich glaub schon. Mietwagenschäden?“
„Null.“
„Sonst alles klar?“

Natürlich war alles klar. Ich notierte mir die neue Adresse, warf mich in Schlips und Kragen, und nahm die Jacke locker über den Arm gehängt mit. An der Hotel-Rezeption war der Schlüssel von der Mietwagenfirma bereits hinterlegt. Das Fahrzeug parkte direkt vor dem Hoteleingang. Minuten später gab mir das GPS-Gerät die Richtungsbefehle. Zwischenzeitlich hielt ich an einer Bäckerei und ließ mir zwei Croissants und Cafe-to-go aushändigen. Der Kaffeebecher passte wunderbar in dem Becherhalter. Nicht so gut war allerdings, dass kurz drauf mein Vordermann so hart in die Eisen stieg, dass auch mein Kaffee aus dem Becher schwappte und sich die der Kaffee über die Mittelkonsole verteilte. Der einzige Vorteil, dem ich dieser Sache abgewinnen konnte, war darauf der frische Kaffeeduft im ganzen Fahrzeug.

Knapp zwei Stunden und einem Raststättenaufenthalt später hatte ich Koblenz erreicht. Allerdings wurde mir dann an der Adresse mitgeteilt, dass man mich nun doch nicht erwarten würde, weil mein Kontaktpartner dringend fort musste. Kurz danach klingelte mein Handy.

„Hi, ich wollte dir nur Bescheid geben, der Termin in Koblenz hat sich erledigt. Mach dir einen schönen freien Tag. Mach dir nen Tag in einem Wellness-Club. Und dein Abendessen übernehme ich auch, okay?“
„Klar, Chef, mach ich.“
„Aber keine Schäden mit dem Mietwagen. Sonst übernehme ich nichts!“
„Verstanden, Chef, geht in Ordnung.“

Manche Chefs sind selbst in Krisenzeiten recht sympathisch, wenn sie den passenden Ton finden. Zumindest das beherrschte mein Chef. Wellness-Club?
Mal sehen, was mir Google dazu auf meinem Handy erzählen kann. So beschloss ich, auf eine Autobahn nach Köln zu verzichten und entspannt nahm die Bundesstraße B9 am Rhein entlang.

Seher.jpg Ich fuhr an einem Bundesstraßenrastplatz raus. Der Rhein lag unterhalb des Rastplatzes. Ich ging um mein Mietfahrzeug herum und sah, dass ich Asterix überfahren hatte oder vielmehr den Band „Asterix – Der Seher“. Mein rechtes Vorderrad hatte das Heft perfekt überrollt. Mit spitzen Fingern schaute ich nach, was von meinem Opfer noch zu retten war. Da war allerdings nichts mehr zu machen. Asterix‘ Seher lag schon länger auf dem nassen Asphalt. Die Seiten klebten aneinander. Ich überließ das Opfer dem natürlichen, zellulosen Verwesungsprozess.
R.I.P., Asterix und sorry dir auf dieser Weise zu deinem 50sten zu gratulieren. Aber auf dem Asphalt herrschen die Regeln des automobilen Gummis. Das ist nun mal halt so.

Ich ging an der Begrenzungsmauer entlang, bis ich zu einer Treppe kam, die zum Rheinufer führte. Rechts und links der Treppe lag Zivilisationsmüll. Ein halber Staubsauger, Zeitungen mit den Nachrichten von Vorvorgestern, Trinkflaschen, Papiertaschentüchern und noch andere Dinge, die von Menschen einfach entsorgt wurden. Aus den Augen, aus den Sinn und ab in die Rheinuferböschung. Beinahe direkt an der Wasserlinie erblickte ich eine Matraze. Ideales Strandgut der Kölner Rheinuferterassen, wenn der Rhein in nächster Zeit wieder Hochwasser führen sollte.

Ich hockte mich ans Ufer und schaute auf den Rhein, wie er in aller Ruhe sich in seinem Bett wälzte.
Ruhe. Keine Hektik
Als kleiner Knirps war ich einmal mit meinen Eltern bei Xanten am Rhein. Und mein Vater hatte mich mit meinem Bruder genau dann fotografiert gehabt, wenn sich ein sehr großer Lastkahn flussauf- oder flussabwärts kämpfte. Später hatte ich erfahren, dass diese Kulisse „Familienbild mit Schleppkahn auf Rhein“ zum Standardfotoprogramm vieler Familien gehörte.

Rheinschifffahrt
Einmal am Rhein und schon kommen die Erinnerungen wieder hoch: wie ich mit meinem Bruder breit lächelnd, brav gescheitelt, bildgerecht gekämmt in unseren damaligen Schlaghosen in Positur standen und hinter uns sich die Schiffe den Rhein lang kämpften …

Die Erinnerungen von damals waren in mir wieder lebendig geworden. Das Lachen mit meinem Vater, die Besorgnisse meiner Mutter, die Nickeligkeiten mit meinem Bruder, alles war wieder vor meinen Augen lebendig geworden.

Verträumt griff ich in meine Jackentasche. Meine Hand stieß auf Papier. Irritiert holte ich das Papier hervor und schaute es an. Es war das Faltblatt von gestern Abend. Unwillig drehte ich es hin und her. Mein Blick fiel auf die Rückseite, wo sich ein Pentagramm befand. Dort entdeckte ich in feinen Buchstaben ein „V.i.S.d.P.“ und den Ortsnamen „Remagen“.

Remagen.
Lag das nicht auf meiner Strecke der B9?
Remagen. Wieso nicht? Die Einladung von gestern Abend stand doch wohl noch.
Ich stand auf und ging die wilde Müllkippenstraße zum Fahrtzeug zurück.

(Fortsetzung hier)

Pech und Pentakel

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***

Dass ich nicht rheinabwärts nach Düsseldorf fuhr – wie von meinem Chef vorgesehen – sondern rheinaufwärts nach Remagen, das hatte einen besonderen Grund.

„Ich habe gerade den Anruf erhalten, dass Sie nicht in Düsseldorf sondern in Königswinter gebraucht werden.“
„Königswinter. Jawohl. Nicht davor und nicht dahinter. Wird gemacht, Chef. Irgendwelche Ratschläge oder Anweisungen?“
„Ja. Keine Schäden mit dem Mietwagen verursachen.“
„Wird gemacht, Chef.“

So ändern sich Pläne ganz spontan. Und als heutige Arbeitskraft ist man stets flexibel. Und wenn der Chef will, fahr ich auch nach Königswinter. In meiner Reiseplanung war eh der Wurm drin. Hindernisse pflasterten meinen Weg:

Es begann schon in München. Im strammen Dauerlauf von der verspäteten S-Bahn erreichte ich in letzter Minute den Check-In, um dann zu erfahren, dass mein Flieger vom Flugplan gestrichen worden war. Ich erhielt einen jener „Tut-uns-Leid“-Gutscheine im Gegenwert von Bockwurst mit Kartoffelsalat und einen Mittelplatz in der Maschine für den späten Nachmittag. Das Einsteigen im Flieger verlief noch problemlos. Nur als dann alle saßen, gab es ein „klitzekleines technisches Problem“. „Klitzeklein“ ließ sich zeitlich erfassen. Mit 40 Minuten Verspätung hob unser Flieger ab.

Am Kölner Flughafen erwartete mich dann die nächste Freude. Ja, ein Mietfahrzeug wäre gebucht. Nur, momentan sei keines in meiner Mietklasse verfügbar. Das wäre kein Problem, ich nähme auch ein Mietfahrzeug höherer Klasse, war meine Antwort. Aber dann gab es den Klassiker: „Ein Upgrade in einer höheren Klasse ist leider nicht machbar.“ Schön. Das weitere Gespräch enthielt nicht wirklich etwas, was der Nachwelt als Zitierbares erhalten bleiben sollte.
Ich hinterließ meine Handy-Nummer und mir war klar, wenn ich Mercedes fahren will, dann nehme ich mir ein Taxi.

So stand ich also nach der Taxi-Fahrt vor meinem Hotel in dem festen Glauben den Namen „Stijn van de Voorde“ gehört zu haben, als mein Handy klingelte. Ein freundlicher Herr am anderen Ende erklärte mir, dass mir ein Mietfahrzeug zu ermäßigten Sonderkonditionen zum Hotel zugestellt würde.

Später am Abend saß ich dann in dem Restaurant „Rodizio-Pantanal“ am Kölner Mediapark. Alleine. Mein Gastgeber rief mich an, er sei durch einen Termin verhindert. Er käme später. Ich solle schon mal ohne ihn anfangen. Überraschen konnte mich sowieso nichts mehr. Alles schien ja an mir vorbei zu laufen. Sollte ich an diesem Abend als einziger mit Lebensmittelvergiftung aus dem Restaurant rausgetragen werden – so redete ich mir ein –, es würde mich nicht sonderlich überraschen. Bei diesem Lauf, den ich an dem Tag hatte, wäre das voll normal.

Der weitere Abend verlief ohne besondere Vorkommnisse. Außer vielleicht dem, dass ich nach einer halben Stunde das untrügliche Verlangen verspürte, dem Kellner das Zeichen zu geben, dass ich beim „All you can eat“-Fleischspieß-Essen nicht mehr teilnehmen konnte, auch wenn ich gerne weiter gemacht hätte. Aber irgendwann ist jeder Magen vollkommen gefüllt.
Und „natürlich“, dass mein Gastgeber sich entschuldigte, er könne nicht mehr kommen seiner Frau wegen.
Perfekt.

Ich ließ mir die Rechnung geben, zahlte und ging in den sozialen Bereich des Restaurants, einen vom Restaurant abgetrennten Bereich mit separatem Eingang. Ich ließ mich auf einem Barhocker am Tresen nieder. Der Kellner polierte geschäftig einige Gläser und nahm nebenbei meine Bestellung einer Guarana auf.

Es war nicht viel los am Tresen. Außer mir saßen noch drei andere Personen auf ihren Hocker. Alle waren wohl zuvor aus dem Restaurant und wie ich vollstens gesättigt.

Vor mir saß eine Frau, den Rücken mir zugewandt. Ein hübscher Rücken. Sie unterhielt sich mit einem anderen Gast. Nach dem Dialekt zu urteilen, war er ein Kölner. Ich schätzte ihn auf Ende 50, Anfang 60. Kurze Haare, dunkelgrau wie sein Oberlippenbart, normal gekleidet, mit deutlicher Bauchauswölbung. Die Frau vor ihm war deutlich jünger. Sie war definitiv keine Deutsche, dafür wies ihre Stimme den deutschuntypischen Klang auf. Offensichtlich war sie Brasilianerin. Sie drehte sich kurz, um zu sehen, wer sich hinter ihren Rücken gesetzt hatte und musterte mich. Weiche Gesichtszüge, ein Grübchen auf der linken Wange. Ihre hohe Stirn wurde von ihren Haaren umrahmt und ließ meine Augen tiefer gleiten. Ihre Augenbrauen waren gezupft, ihre Wimpern sauber sorgfältig moduliert, ihre Augen ließen mich innerlich nach Atem schnappen. Sie leuchteten in einem bezaubernden Hellgrün, wie es bei Brasilianerinnen aus dem mittleren Nordosten immer wieder vorkommt. Die Nase klein und fein ließ meinen Blick auf ihre Lippen rutschen. Blassrosa waren diese nachgezogen und dahinter leuchteten in einem makellosen Weiss ihre Zähne. Ich schätzte sie auf Ende 20 Anfang 30. Als sie sich von mir wieder abwendete, setzte ich meine Musterung ihres Profils fort. Ihr gelocktes kastanienfarbenes Haar fiel auf ihre hellbraunen Schultern. Sie besaß schöne schmale Schultern, einen festen kleinen Busen, schlanke Taille, schmale Hüften und einen runden sexy Po. Das trägerlose, blassgrüne Kleid gab ihre lange leicht muskulösen, glatten Beine preis. Ihre bloßen Arme waren venushaft schön mit zierlich kräftigen Händen.

Meine Blicke fielen erneut auf ihre Schultern. Von ihren Haaren leicht verdeckt auf ihrer rechten Schulter schaute ein kunstvoll verziertes Pentagramm hervor. Meine Blicke verfolgten die schwarzblauen Linien. Alle fünf Linien waren sauber ohne Übergang miteinander verbunden. Eine unendliche Strecke, ohne Anfang ohne Ende. Eine Spitze deutete auf ihren Kopf, während sich die unteren beiden Spitzen auf ihrem Schulterblatt abzustützen schienen.

Es war vielleicht nur eine kurze Zeit vergangen, in denen ich das Pentagramm angestarrt haben musste, das Zeichen hatte mich in seinen Bann geschlagen. Denn als die Frau sich erneut umdrehte und mich aus ihren zu Schlitzen verengten grünen Augen anblitzte, zuckte ich zusammen, als ob ich schon seit Stunden über jenes Pentagramm meditiert hätte.

„Was starren Sie mich an? Bin ich nur ein Objekt, das man einfach so anstarren darf?“

Ihre Sätze hatte sie mir furios scharf entgegengeschleudert. Ich fühlte mich ertappt wie ein Schuljunge beim Abschreiben. Aus mir kam nur ein Stottern.

„Was? Was ist? Könne Sie nicht vernünftig sprechen?“

Mir versagte die Stimme. Ihr Gesicht war ebenartig, ein Traum. Mir fehlten jegliche Worte. Sie blitzt mich erneut aus ihren Augen an, griff ihr Handtäschchen und ging Richtung Toilette.
Der Mann lächelte.

„Woll, die ist ne Wucht, nich?

Ich nickte.

„Meine Frau. Wir sind jetzt schon zehn Jahre verheiratet. Das Beste, was mir in meinem Leben passierte.“

Wir kamen ins Gespräch, während seine Frau auf dem Klo verweilte. Er hieß Jürgen und lebte mit seiner Frau südlich von Bonn, in der Stadt Remagen. Kölner war er nicht, aber er verstand es, den Dialekt zu imitieren. Wie er mir erzählte, lernte er seine Frau auf einem vierwöchigen Brasilienurlaub kennen und lieben, als er 54 Jahre war. Sie war damals 24. Wegen der Beziehung hätte er viele seiner Freunde verloren. Denn viele fanden nicht nur den Altersunterschied zu hoch, sondern verstanden auch nicht, dass er sich nicht eine deutsche Frau suchte, sondern eine Exotin. Viele hätten schon versucht, einen Keil zwischen ihn und seine Frau zu treiben, weil sie beide beneideten. Leider würden beide immer wieder solche Neider treffen. Er selbst sei schon deswegen häufig angefeindet worden, insbesondere weil er nicht die Figur eines Adonis habe.
Und dann gäbe es noch die, die meinen, die beiden wären doch nur wegen des Sex zusammen. Würden die beiden das aber bejahen, dann sei es solchen Leuten auch wieder nicht recht.
Die Toleranz der Leute sei zum Lachen und Heulen gleichzeitig.

Beide seien eine Einheit und wer das nicht akzeptieren würde, der sei unwillkommen. Diese Offenheit ließ meine Verlegenheit wachsen. Schließlich gestand ich ihm, dass mich das Pentagramm auf ihren Schultern verwirrt hatte.

„Ja, ja, das Pentagramm.“

Er lachte. Und er erzählte, wie oft schon dieses Pentagramm schon Anlass von Animositäten, Diskriminierungen und Streitereien geworden war. Insbesonders in Rheinland würden beide immer wieder auf erzkonservative Katholiken treffen, die offensichtlich damit ein Problem zu haben scheinen. Was hätte seine Frau nicht schon für Probleme bekommen, nur wegen des Pentagramms.

„Was bedeutet es denn bei Ihrer Frau?“, fragte ich vorsichtig.
„Wikka.“
„Was? Wicker?“
„Nein, Wikka geschrieben mit zwei ‚k‘ und am Ende ein ‚a‘.“
„Was ist das?“
„Eine religiöse Bewegung.“
„Eine Sekte?“
„Wie man will. Aber diese Bewegung hält sich nicht durch äußere Bande wie Aufpasser und Geldeintreiber zusammen.“
„Sondern?“
„Der innere Glaube. Die Einstellung.“
„Welche? Woher kommt diese Bewegung?“
„Es gibt sie überall. Sie ist global. Auch in Deutschland. Aber es gibt verschiedene spirituelle Ausrichtungen. In Brasilien schließen deren Anhänger aber die Existenz des christlichen Gottes nicht aus. Beiden gemein ist aber ein starker feministischer Zweig. Es ist zumindest keine patriarchalische Bewegung.“

Er erzählte mir, dass diese Bewegung sicherlich seltsam anmute. Insbesondere für Brasilien erscheint diese ungewöhnlich, weil sie auch keltische Elemente verwenden würde. Zudem verwirre der Begriff, weil im Portugiesischen kaum Wörter mit ‚k‘ existieren und erst recht nicht Doppel-‚k‘.
Und das Pentagramm? Es diene einerseits als Erkennungszeichen der Wikkana und symbolisiere Erde, Luft, Feuer, Wasser und Geist, das Zeichen für Unendlichkeit, Ewigkeit und andererseits vermittele es auch Schutz und positive Energie.

In dem Moment schob sich mir ein Faltblatt ins Gesichtsfeld.

„Lies das hier. Da steht alles über uns Wikkana.“

Sie war von der Toilette zurückgekehrt und offenbar hatte eine Zeit lang unser Gespräch zugehört. Ich ergriff das Faltblatt und klappte es auf. Es war eng beschrieben, immer wieder unterbrochen von Pentakeln und Fünfecken.

„Schatz, gehen wir?“

Jürgen nickte, zahlte und beide verabschiedeten sich von mir.

„Und sollten Sie mal nach Remagen kommen, dann besuchen Sie uns. Unsere Adresse finden Sie auf der Rückseite.“

Die Einladung kam einerseits für mich überraschend, andererseits ist das aber nichts Ungewöhnliches bei deutsch-brasilianischen Ehepaaren. Beide verließen das Lokal.

Ich schaute mich in dem Kneipenbereich um. Es war leer geworden, ich war der Einzige dort. Der Restaurantbereich hatte sich auch schon stark geleert. Das Faltblatt steckte ich ungelesen in meine Jackentasche. Ich war müde und entschloss ich mich, ebenfalls zu zahlen und zu gehen.
Der Abend endete versöhnlich. Keine weiteren Katastrophen waren auf meiner Reise zu verzeichnen. Selbst die Taxifahrt zum Hotel verlief unspektakulär.
An der Hotelbar nahm ich mir noch ein Schlummertrunk, ein „Kölsch“, mit hoch und stellte es auf das Nachtschränkchen.

Das letzte, woran ich mich noch erinnerte, war, dass ich mich aufs Bett legte, mit der Fernbedienung den Fernseher angestellt hatte und den Abspann von „Beckmann“ studierte.
Ich fiel in einen unruhigen Schlaf.

(Fortsetzung hier)

Kopflos in Düsseldorf und kopflastig in Remagen

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Remagens Appolinariskirche

Der Moment der Ruhephase gleicht einem Waffenstillstand. Alles um einen herum wird ausgeblendet. Es existiert nur noch das „ich“ und das, was das „ich“ erlaubt. In deutschen Kirchen lässt sich eine Vermischung aus dem Imaginären, Symbolischen und Realen studieren.

Mächtig schaut er ja schon aus, so wie er mich da aus der Kuppel grüßt. Mit seinem Buch in der Hand. Gut. Ihn jetzt mal kleiner darzustellen, das hätte sich der Maler wohl nicht getraut. Wenn er schon mächtig sein soll, dann muss auch seine Darstellung in dieser Weise realisiert werden.

Goldener Hintergrund und schon ist eine beeindruckende Kuppelmalerei erzeugt. Trotzdem sollte man nicht gänzlich kopflos zur Kuppel gehen, denn davor lauert die Krypta. Und da liegt der Kopf von dem, dessen Rest in Düsseldorf liegt.

Nun, der zuletzt genannten Version entgegen steht handfester Protest rheinischer Würdenträger. So fuhr ein gewisser Rainald von Dassel – seines Zeichens Erzbischof von Köln und Erzkanzler Italiens ernannt durch Kaiser Friedrich I. Barbarossa – im Jahre 1162 rheinabwärts. Auf seinem Schiff hatte er außer drei Königen auch noch eine Ladung Beute aus Ravenna dabei. Erst hieß es ja, jene Beute wäre am 23. Juli in Remagen vom Schiff gelöscht und am gleichen Tag etwas später auch noch die drei Könige in Köln. Rein logistisch gesehen ist das für jene Zeit mehr als nur eine absolute Meisterleistung. Der Erzbischof will beim Löschen in Remagen außer einer Prozession noch einen Gottesdienst abgehalten haben. Eine oberirdische Leistung für jene Zeit. Drum wurde dann auch die Entladung der Drei Könige auf den 24. Juli korrigiert.

Nebenbei: Rainald von Dassel kann wohl als einen ausgesprochenen pathologischen Fall eines Diebes bezeichnet werden: Außer den Gebeinen des „Apollinaris “ und der „Drei Könige“ hatte er auch noch die von den als Heilige verehrte „Gervasius“ und „Protasius“ geraubt und diese beiden letzteren Raubgüter in Breisach am Rhein abgeladen. „Gervasius“ und „Protasius“ waren vor dem Diebstahl die Schutzheilige der Stadt Mailands. Nach deren Raub wurden sie es auch noch von Breisach.
Ironie des Schicksals: Außer gegen Harn- und Blutfluss sollen „Gervasius“ und „Protasius“ auch gegen Diebstahl schützen. Dass sie nach deren Raub nicht fristlos von deren Aufgabe enthoben wurden, mag auf dem ersten Blick verwundern. Dieses ist aber ein Phänomen, welches sich schon vom frühen Mittelalter bis in unsere Tage erhalten hat. Top-Manager können nun einmal soviel in ihren Aufgabenbereiche versagen, wie sie wollen, sie werden nie wirklich arbeitslos. Eine schöne Tradition.

Die Vermischung aus dem Imaginären, Symbolischen und Realen fasziniert nicht nur heute. Daher haben die Gebeine von Heiligen auch so eine große Bedeutung im Christentum der Katholiken. „Apollinaris“ ist ja auch so ein Fall. Als Gestorbener wurde er zum Patron von Ravenna befördert, erhielt dann noch die Stadt Remagen und letztendlich Düsseldorf-Stadt zu seinem Aufgaben im Kampfe gegen Gallen- und Nierensteine, Gicht, Geschlechtskrankheiten und Epilepsie.

Düsseldorf? Richtig. D-Dorf-Stadt. Die wollten auch etwas Bedeutsames in ihrer Stadt. Drum nahm Herzog Wilhelm I. von Jülich an einer Wallfahrt im Jahre 1383 nach Remagen teil und brachte ein Souvenir seiner Wallfahrt mit: die Gebeine vom Heiligen „Apollinaris“ hübsch verpackt. Als er dann alles an D-Dorf-Stadt weiter verschenkte, stellten die Beschenkten beim Öffnen entsetzt fest, dass die Remagener alles bis auf den Kopf eingepackt hatten. Düsseldorf hatte somit plötzlich einen Kopflosen mehr. Um dem entgegen zu wirken, wurde Düsseldorf zur Landeshauptstadt von Nord-Rhein-Westfalen ernannt. Das Motiv war Hoffnung. Des Düsseldorfers Kopflosigkeit sollte mit politischem Intellekt entgegnet werden. Aber inzwischen weiß man, dass auch hier der berühmte Lehrsatz „Gleich zu gleich gesellt sich gern“ gilt.
Remagen dagegen hatte somit seinen ersten Kopf, gut behütet in einem Sarkophag. Anfang des 20. Jahrhunderts erhielt Remagen noch einen zweiten Kopf auf Drängen der deutschen Generalität: einen Brückenkopf. Zusammen mit dem anderen Brückenkopf auf der anderen Rheinseite wurde eine Brücke über den Rhein gespannt. 27 Jahre fand die deutsche Generalität diese Idee aber nun doch nicht mehr so gut und zerstörte die Brücke.

Somit hat Remagen heutzutage zwei Pilgerorte: den Brückenkopf von Remagen und den Kopf des „Apollinaris“. Letzterer soll gegen Kopfprobleme helfen, der andere gegen eine leere Stadtkasse. Gesichert ist die touristische Wirkung des Brückenkopfes auf die Stadtkasse, beim „Apollinaris“ bleibt der Glaube.

„Nicht wahr, eine beeindruckende Malerei?“

Jene Frau war mir bereits beim Betreten der Kirche aufgefallen. Nicht etwa, weil sie der einzige Mensch in den Kirchenbänken der Apollinaris-Kirche war, sondern weil sie die Akustik der Kirche nutzte, ein Kirchenlied zu summen.
Ich blickte mich nochmals versichernd in dem Kirchenraum um. Überall waren die Wände mit ausdrucksvollen Farbgemälden überzogen.

„Es scheint, dass die Kirchenfürsten sich hier vor einem ‚Horror Vacui‘ der Wände fürchteten.“
„Horror vacui?“
„Die Angst, dass eine Wand noch weiße unbemalte Flecken aufweist.“
„Ja, die Angst ist nie ohne Objekt. Manchmal reicht ein Objekt klein a, um große Dinge zu erzeugen.“
„’Ein Objekt klein a‘?“
„Eine Schneekugel beispielsweise.“
„Eine Schneekugel?“
„Rosebud.“
„Ach so, sie beziehen sich auf Orson Welles Film ‚Citizen Kane‘.“
„Ein kleines unbedeutendes Wort hat einen großartigen Film erzeugt. Ein Objekt klein a. Die Schnittmenge aus dem Imaginären, dem Symbolischen und dem Realen.“

Ich schaute mich um.

„Wie die Gemälde hier.“
„Wissen Sie, der Appolinaris hier, der wurde durch die Gier seiner Räuber zu einem Kephalophor gemacht.“
„Sie meinen einen ‚Kopfträger‘? Soweit ich weiß, wurde der aber nie enthauptet.“
„Nun ein Kephalophor zeichnet sich letztendlich dadurch aus, dass der Enthauptete mit dem Kopf vor dem Körper zu seiner Grabstätte geht.“
„Hört sich ein wenig nach dem ‚Gespenst von Canterville‘ an.“

In meinen Gedanken fiel mir noch Störtebecker ein. Der hatte es aber einfacher, denn der rannte unbelastet ohne seinen Kopf an 11 seiner Piraten-Kameraden vorbei, bis er vom Henker klassisch weggegrätscht wurde. Und da ist noch die Geschichte des Raubritters Dietrich von Hohenfels. Der wurde zusammen mit seinen Söhnen anderthalb Jahrhunderte zuvor Ende des 13. Jahrhunderts wegen seiner Räubereien ebenfalls zum Tode verurteilt. Wie Störtebecker nach ihm rannte der Raubritter kopfbefreit an seinen Söhnen vorbei, um ihnen das gleiche Schicksal zu ersparen. Er brachte es auf alle seiner neun Söhne, womit also dem Störtebecker eindeutig der Eintrag im Guiness-Buch der Rekorde in der Disziplin „kopfloses Jogging“ gehört. Was aber den Fairness-Preis anbetrifft, so muss dieser dem Henker vom Raubritter Dietrich von Hohenfels zuerkannt werden. Dem Henker Störtebeckers gebührt nachträglich nur eine lebenslange Sperre, ein Berufsverbot, wegen Unfairness am Gegner.

„Die Patrone der Stadt Zürich, Felix und Regula, sind Kephalophoren. Als sie enthauptet wurden, sind beide schnurstracks den Kopf unterm Arm noch den Bergen hochgerannt, um den Enthauptern den letzten Wunsch nach deren Begräbnisstätte zu zeigen.“
„Geköpft den Berg hoch? Wie soll das gehen?“
„Auch der heilige Dionysius soll nach seiner Enthauptung seinen Kopf aufgenommen haben und dann mit dem Kopf unterm Arm sieben Meilen marschiert sein, eben bis zu jener Stelle, wo er begraben sein wollte. Das war in Paris. Der fränkische König Dagobert I. 623/624 baute dann dort die Benediktinerabtei Saint-Denis, wo sich später 25 Könige, 10 Königinnen und 84 Adlige beisetzen ließen.“
„Ich schätze mal, als der heilige Dionysius seinen Grabstätte erreicht hatte, führte er vor Freude mit seinem Kopf einen fußballerischen Torwart-Abschlag durch. Und dort, wo der Kopf aufschlug, da befindet sich heute der Anstoßpunkt des Stadions Saint-Denis.“

Sie überhörte meine Bemerkung geflissentlich.

„Kephalophoren tauchen historisch zwischen dem 8. und 17. Jahrhundert vornehmlich bei den Christen und im Gebiet links des Rheins und in Oberitalien auf. Apollinaris ist zwar nicht wirklich ein Kephalophor, aber er hilft ja wie alle anderen Kephalophoren bei Kopfschmerzen.“
„Ich finde die Geschichte interessant, wie die Apollinaris-Reliquien nach Remagen kamen.“
„Sie kennen die Geschichte des Überbringers Rainald von Dassel?“
„Ich hab davon gehört. Er war ein Erzkanzler Barbarossas und zugleich Erzbischof.“
„Sie wissen, welche Gebeine er angeblich den Rhein hinunter ins Heiligen Römischem Reiches Deutscher Nationen gebracht hatte?“

Ich nickte. Sie lächelte.

„Nicht wahr, es waren fünf Gebeine.“
„Waren es nicht sechs? Zweimal für Breisach, einmal für Remagen und dreimal für Köln.“
„Nicht ganz. Im Jahre 1175 wurden die Gebeine des Apollinaris in Ravenna zweifelsfrei wiedergefunden. 13 Jahre, nachdem sie angeblich in Remagen von Rainald von Dassel gebracht wurden.“
„Und was für Gebeine liegen dann hier?“
„Welche liegen in Köln?“
„Nach den wissenschaftlichen Untersuchungen der letzten Jahre sind es definitv keine Knochen aus dem Jahrhundert in dem Jesus, gelebt haben soll.“
„Böse Stimmen behaupten, in dem Sarkophag lagern Jahrhunderte alten Hühnerknochen, die Pilger früher heimlich darin entsorgt haben sollen.“
„Also hat Rainald von Dassel nur wertlose Knochen mit auf seinem Schiff gehabt und diese dann mittels geschicktem Marketing den Städten untergejubelt?“
„Es ging vielleicht gar nicht so sehr um die Gebeine. Die Gebeine sind nur ‚Ein Objekt klein a‘. Das ‚Rosebud‘ für eine Jahrhundert-lang währende finanzielle Einnahmequelle. Die Gebeine hier kommen wahrscheinlich aus dem ehemaligen Apollinarisabtei des Ortes Burtscheid, jetzt ein Stadtteil Aachens, wo der Kaiser Otto III. im Jahre 1003 den Verehrungskult und irgendwelche Gebein-Reliquien aus Reims mitbrachte. Reims und Ravenna hatten damals ein Bündnis und tauschten auch Reliquien aus. Aber sie waren nicht katalogisiert, weswegen Otto dachte, er hätte die Apollinaris-Gebeine. In Wahrheit befanden die sich noch weiterhin in Ravenna. Und hierher wurden dann nur irgendwelche Gebeine zur Pilgerverehrung gebracht, aber jedenfalls nicht die von Apollinaris. Das ist aber nicht so wichtig, denn Hauptsache die Pilger hinterlassen ihr Geld im Klingelbeutel.“

Mir erschien die Geschichte plausibel. Warum sollte es damals anders gewesen sein, als es heute ist? Unwissenheit gepaart mit der Suche nach finanziellen Quellen, das kennen wir auch heute noch.

Die Frau hielt ein Gebetbuch in den Händen. Mit einem Finger hielt sie eine Stelle geöffnet, wahrscheinlich jene, in der sie vor unserem Gespräch las. Mit den mir gerade gemachten Erklärungen verstand ich eigentlich, warum sie überhaupt noch in der Kirche war.

„Sagen Sie mir eines: Warum sind Sie hier? Sie sehen mir nicht wie ein Pilgerer aus.“

Ihre Frage war herausfordernd an mich gerichtet. Ich zuckte mit den Achseln.

„Eigentlich wollte ich nach bestimmten Symbolismen Ausschau halten. Irgendwelche Hinweise auf mystische Symbole oder so.“
„Pentagramme?“
„Vielleicht.“
„Was genau?“
„Spuren der menschlichen Kreativität.“
„Kreativität? Die menschliche Art ist in der Erzeugung von Destruktivem besser, als es für die kosmische Ordnung gut wäre. Kurz gesagt: Der Mensch produziert zu viel Mist.“

Was hatte die Frau da gesagt? Den Satz hatte ich doch schon mal gehört. Aber wo nur? Ich versuchte, mich zu konzentrieren. Wo hatte ich den Satz schon mal gehört?

„Wissen Sie, der Mensch liebt es, seinen Werken zuzuschauen und in Vergangenheit zu schwelgen. Denn mit seiner Sprache ist er immer nur fähig, das Vergangene einigermaßen zu beschreiben.“
„Das stimmt nicht. Wir Menschen sind fähig, die Zukunft auch sprachlich auszudrücken.“
„Nachdem wir sie gedacht haben. Die Zukunft ist beim Aussprechen schon wieder Vergangenheit. Das Reale entzieht sich dem Sprechen.“
„Die Realität entzieht sich dem Sprechen?“
„Ich sagte nicht ‚Realität‘, ich sagte ‚das Reale‘.“
„Das ist eine Spitzfindigkeit.“
„Nein, überhaupt nicht. Überlegen Sie sich doch den Unterschied. Das Reale ist weder imaginär noch symbolisierbar. Dafür ist das Symbolische wie eine Sprache strukturiert, und das Imaginäre liegt im bildhaften Bereich. Alles zusammen wird durch ‚Ein Objekt klein a‘ angetrieben, dem unerreichbaren Objekt, welches der Mensch begehrt. ‚Das Objekt klein a‘ ist die mindeste kleinste gemeinsame Schnittmenge, welches das Reale, das Symbolische und das Imaginäre für immer mindestens verkettet hält.“
„Und was ist dieses Objekt?“
„Antrieb und Auslöser von Handlungen.“
„Was beispielsweise?“
„Sie kennen den Film ‚Casablanca‘ von Michael Curtis?“

Na klar, wer kennt den schon nicht.
It’s still the same old story, a fight for love and glory, a case of do or die. The world will always welcome lovers, as time goes by. Innerlich summte ich leise Sams Lied.

„Niemand sieht die Transit-Visa in dem Film. Aber sie funktionieren. Papiere sind immer ein Antrieb und Auslöser von Handlungen.“

Papiere? Sagte sie Papiere?

„Ich kenne da einen Fall, wo es um solche Papiere geht. Sie handeln über die Desktruktivtät und der Unvollkommenheit der menschlichen Sprache.“

Ihre Mimik veränderte sich schlagartig. Sah sie vorher gutmütig aus, so hatte ich den Eindruck, sie sei von dem, was ich vorhin gesagt hatte, in einer gewissen Weise angewidert worden. Sie musterte mich kurz abschätzig.

„Ach, Sie reden doch nicht etwa von den Papieren des PentAgrions?“
„Sie kennen die?“
„Da scheint ja momentan ein regelrechter Hype nach diesen Papieren ausgebrochen zu sein.“

Ihre Gesicht spiegelte Verachtung.

„Was steht in denen drin? Kennen Sie die?“
„Wie ich schon sagte, die menschliche Art ist in der Erzeugung von Destruktivem besser, als es für die kosmische Ordnung gut wäre. Und dabei hilft ihm die Sprache, der Antrieb und Auslöser sich unbedingt darstellen zu wollen. Der Versuch, sich in einem Spiegel wieder zu finden, den man glaubt, verloren zu haben.“
„Sie meinen die Suche nach dem Ich? Ist es das, was die Papiere des PentAgrions beschreiben? Das Finden des Ichs mittels einer Weltformel?“
„Wie bitte?“
„Die Weltformel. Eine Suche nach dem Baum der Erkenntnis.“
„Eine Gralssuche? Sie suchen die Papiere des PentAgrions?“
„Gibt es sie?“
„Es gibt sie nicht. Das ist ein Trugschluss. Sie jagen einem Phantom hinterher.“
„Es soll sie aber im Internet gegeben haben. Aber jetzt ist es nicht mehr auffindbar. Nicht mal über Archivdatenbanken.“
„Vielleicht gibt es ein zweites Internet? Eine zweite Realität aus Elektronen und Ladungsausgleichträgern, die nicht allen zugänglich ist?“
„Wie meinen Sie das?“
„Warum sollte es zu dem für jeden sichtbaren Internet nicht auch ein nicht-sichtbares Internet geben? Wie Materie und Anti-Materie. So etwas wie Antipoden des Internets?“
„Etwa ein weißes und ein schwarzes Internet?“
„Vielleicht.“
„Wo finde ich dort die Papiere des PentAgrion? Wissen Sie es?“

Die Kirchentür öffnete sich. Ein Gruppe Schulkinder quetschten sich durch die schwere Holztür. Deren Stimmen hallten in dem Kirchengewölbe wieder. Zwei erwachsene Begleiter folgten der Gruppe und versuchten durch diverse „Scht“-Laute die Ruhe des Ortes zu erhalten. Eine Seitentür öffnete sich und ein Pfarrer trat aus ihr hervor. Er ging auf die Gruppe zu. Die Frau hatte sich ebenfalls erhoben und schritt auf den Pfarrer zu, um ihn zu grüßen.

Ich blickte auf meine Uhr. Es war später Nachmittag. Es wurde Zeit für mich nach Köln ins Hotel zurückzukehren. Als ich die Kirchentür erreichte, warf ich einen Blick zurück. Die Frau stand mit dem Pfarrer und der Gruppe zusammen. Offensichtlich wurde denen gerade erklärt, wer in der Krypta begraben liegt. Oder zumindest, was man glauben sollte, wer dort liegt.

Auf meinem Leihwagen lag das erste Herbstlaub. Als ich die Wagentür öffnete, wehte der Wind das Laub vom Fahrzeugdach herunter. Die Luft war klar, es war leicht windig.

Lediglich in meinen Gedanken herrschten Sturm und Nebel zugleich. Ein Gefühl beschlich mich, immer ein wenig zu spät zu kommen, wenn es darum ging, Informationen zu bekommen. Worauf hatte ich mich eingelassen?

Sollten mich die Papiere des PentAgrions nicht mehr loslassen?
PentAgrion-Manie oder PentAgrion-Phobie?
Ich hoffe doch, weder das eine noch das andere.

(Fortsetzung hier)

Kölle, dat verlorene Klüngel-Jeföhl, und eine angekündigte Taxifahrt

Was vorher geschah: Prolog, Teil 1, Teil 2, Teil 3

***

„Sie kommen jetzt also direkt aus München? Nur um hier in einem Restaurant zu essen? Wie schräg ist das denn?“

Der Taxifahrer warf mir einen zweifelnden Blick zu.

„Das ist wirklich so. Ich habe ein Abendessen in Köln vom Radiosender „1Live“ gewonnen.“
„Das kann ja sein. Aber eine Flug gibt’s ja nicht umsonst. Und nur wegen eines Abendessens einen Flug zahlen?“
„Es ist ein sehr gutes brasilianisches Restaurant. Eine Churrascaria. Fleisch all you can eat.“
„Und deswegen nach Köln? Das können Sie meiner Oma erzählen.“
„Wo wohnt die?“
„Wer?“
„Na, ihre Oma.“
„Melatenfriedhof, Flur 72a.“

Warum sollte ich dem Taxifahrer sagen, weswegen ich hier war. Die Antwort „Geschäftsreise“ war mir zu langweilig. Aber wenn der mich unter der Erde sehen will, auf Besuch bei seiner Oma …
Die roten Bremslichter des vorausfahrenden Autos unterbrachten meine Gedanken. Mein Taxifahrer trat nur kurz in die Bremsen – ich flog nach vorne in meinen Sicherheitsgurt –, zog geschmeidig nach links rüber – ich bewegte mich in einem Kreisbogen, bis mich die Beifahrertür hart abfing – und zog stark beschleunigend an dem Fahrzeug vorbei – die Rückenlehne vom Sitz hatte mich wieder.

„Bergheimer! Mal wieder typisch. Nur weil der Michael Schumacher ein paar Mal die Formel 1 gewonnen hatte, glauben die dort alle, sie wären seine Erben. Aber Schuhmacher hat nie gebremst!“

Ich nickte wortlos und versuchte die vorherige Adrenalinausschüttung in meinem Körper zu verarbeiten.

„Sie waren schon mal in Köln?“
„Ich habe fast drei Jahre dort gearbeitet.“
„Und sind dann nach München gegangen?“

Bestätigend nickte ich.

„Da haben Sie richtig gehandelt.“
„Wieso?“
„Köln ist ein richtiges Drecksloch geworden.“
„So schlimm?“
„Köln wird inzwischen als die korrupteste Stadt Europas bezeichnet.“
„Aber Köln hatte doch schon immer seinen Klüngel.“
„Das ist nicht das Gleiche.“
„Sondern?“
„Der Übergang vom damaligen Kölner Klüngel zur jetzigen Kölner Korruption wurde dadurch begünstigt, dass eine geänderte Einstellung eine Profit- oder Erfolgsmaximierung bei gleichzeitiger Aufwandsminimierung sich verbreitert hat.“
„Wie das?“
„Schaun Sie nur mal, was hier abgeht. Die kümmern sich nicht mehr um die Belange der Bewohner. Jenen Kloochschesser da oben gehen ihre eigene Kölner doch total an deren Kackäsche vorbei. Da wird gelogen, betrogen und abgezockt, das ist schon nicht mehr feierlich.“
„Seit wann?“
„Seit mehr als zehn Jahren geht das so.“

Ein Krächzen drang durch den Funk des Taxifahrers.

„37, wo bist du?“
„Ich bin auf dem Weg zum Barbarossaplatz.“
„37, da will in der Nähe jemand ein Taxi. Dokumentenfernfahrt.“
„Übernehme ich.“

Das Krächzen verstummte. Der Taxifahrer konzentrierte sich kurz auf die Verkehrsschilder. Das Kölner Innenstadt-Schild hatten wir schon passiert. Über der Stadtsilhouette lugten vorwitzig die beiden Turmspitzen des Kölner Doms hervor.

„Bei den Kommunalwahlen gabs dann die Quittung.“
„Welche?“
„Alle Parteien unter die 30 Prozent, Wahlbeteiligung bei 50 Prozent.“

Mit finsterem Blick fixierte er die rote Ampel, an der wir standen. Eine der oberirdischen U-Bahnen passierte unseren Weg. Vier Waggons, recht lang und langsam, und als Dreingabe auch noch spärlich besetzt.

„Jetzt schauen Sie sich das an. Hauptverkehrszeit und keiner sitzt in der U-Bahn, aber dafür wird extra der ganze Verkehr aufgehalten.“

Mit seiner rechten Hand schlug er kurz und trocken verärgert auf sein Lenkrad. Er seufzte.

„Die machen sich hier überhaupt keine Gedanken, wie man diese Stadt nach vorne bringen kann. Und dann erst die Katastrophe mit dem Stadtarchiv in der Südstadt. Erst bohren die fleißig Brunnen im U-Bahn-Schacht, bis dass das Stadtarchiv einstürzt, und dann als erste Reaktion gleich: ‚Das waren wir nicht, da waren die Römer schuld. Wenn die damals aufgeräumt hätten, als sie gingen.‘ Tolle Politiker haben wir hier. Was soll der Driss mit einer U-Bahn hier? Die braucht niemand. Köln ist nicht mehr unsere Stadt.“
„Und warum sind Sie dann noch hier?“
„Es ist der Menschenschlag. Die Menschen halten mich noch hier. Ohne die wäre ich schon weg.“

Der Taxifahrer hielt vor meinem Hotel. Ich kramte meine Geldbörse hervor und beglich die Fahrtkosten. Der Taxifahrer stieg mit mir aus und öffnete den Kofferraum. Ich hob meinen Koffer heraus.

„Nebenbei: Wissen Sie überhaupt, wer auf dem Melatenfriedhof Flur 72a sein Grab hat?“
„Ihre Oma, so hatten Sie mir doch gesagt.“
„Jeck! Auf Flur 72a befindet sich das Familiengrab der Millowitschs. Schönes Grab. Schauen Sie es sich an, wenn sie Zeit haben.“
„Sind Sie etwa ein zum Taxifahrer umgeschulter Friedhofsgärtner?“

Er lachte und stieg ohne Antwort in sein Taxi. Ein Krächzen drang durch das geöffnete Fenster des Taxis.
„37, wo bist du?“
„Am Barbarossaplatz.“
„37, fahr zum Mediapark beim Cinedom. Vor dem Pizza-Hut steht einer mit einem großen gelben Briefumschlag, ein Herr Stein Vanderford. Der benötigt eine Dokumentenfahrt nach Brüssel.“
„Wird gemacht.“

Das Krächzen verstummte. Hatte die Stimme etwa „Stein Vanderford“ gesagt? Oder war es vielleicht doch eher „Stijn van de Voorde“? Dokumente nach Brüssel? Brüssel? Studio Brüssel?
PentAgrion?
Einen Moment lang wollte ich die Tür vom Taxi wieder öffnen, um sofort wieder einzusteigen und mitzufahren. Aber ich hatte für den Abend schon einen Termin. Im Restaurant „Rodizio-Pantanal“.
Ich holte meine Einladung aus der Jackentasche: „Rodizio-Pantanal am Mediapark/Cinedom um 19:30 Uhr“ stand drauf geschrieben.
Mist.
So ist das Leben.
Das Taxi blinkte kurz und zwängte sich in eine winzige Verkehrslücke. Sekunden später hatte der Feierabendverkehr das Taxi verschluckt. Ich ging ins Hotel.

(Fortsetzung hier)

Ein Schloss, ein König, erneut PentAgrion und dann die Zahlenmystik

Was vorher geschah: Prolog, Teil 1, Teil 2

***

Es war ein regnerischer Tag. Für Mitte Oktober war es eindeutig ein zu kalter Tag. Im Grunde war das einer der Tage, sich die Bettdecke über den Kopf zu ziehen und weiter zu schlafen.

Stattdessen stand ich an einem Schlossfenster und starrte auf den Hof. Bekannte hatten mich zu Schloss Neuschwanstein mitgenommen. Es war nicht das erste Mal, dass ich das Schloss besuchte, aber meine Hoffnung war, dass das Wetter dort vielleicht besser sein würde. Die Hoffnung stirbt zuletzt, heißt es. Sie starb.

Wir nahmen die Pferdekutsche, um den Weg zum Schloss zu bewältigen. Zu Fuß wollten wir nicht. Es fiel uns zu viel Regen. Oben am Schloss hatte es aufgehört zu regnen. Dafür schneite es. Die Sicht war bescheiden, die Berge nicht zu erkennen.
Selbst vom Schlossfenster aus war nicht viel zu erkennnen. Der Blick auf das Füssener Umland war das Einzige, was ein wenig lohnte. Aber das Bergpanorama fehlte mir nun doch ein wenig.

Im Hof vom Schloss befanden sich kaum Menschen. Die Besucher hielten sich im Torbogen zum Hof auf und warteten darauf, dass deren Tournummer angezeigt werden würde. Sprang die Anzeige um, dann setzte ein Schubsen und Stoßen ein, die Menge lebte auf und die Besucher versuchten, zu den Kartenlesern im Hof zu gelangen.

Der Reiseführer unserer Gruppe erschien mir ein wenig vergeistert. Seine Präsentation lief in einem Tempo ab, dass es eigentlich nur mit dem Wort „lahm“ beschrieben werden kann. Es ist nicht so, dass er Uninteressantes erzählte. Aber so gleichmäßig, so ohne bemerkenswerte Betonung, so wie er seinen Text rüber vortrug, er wäre der ideale Märchenvorleser für Kinder, die noch nicht müde sind. Er hatte ein gewisses Leuchten in seinen Augen, als er von der Wagner-Leidenschaft des Schlossbauherrn erzählte. Seine Stimme hatte einen salbungsvollen Unterton und seine Handbewegungen waren von ausgesuchten Andeutungsphasen.

So stand ich nun immer noch am Fenster, als der Reiseführer sich neben mich an das andere Fenster schob. Naja, er hat sich nicht direkt neben mich geschoben, ich würde es eher als schweben beschreiben. Ich blickte ihm kurz ins Gesicht, um mit einem Lächeln kurz Kontakt aufzunehmen. Aber er beachtete mich nicht.

Er streckte langsam seine linke Hand zu dem geöffneten Fenster aus. Es war, als ob er seine Hand durchs Fenster strecken wollte, um zu fühlen, ob es regnen würde. Langsam bewegte sich seine Hand durch das Fenster. Aber auf dem halben Weg hielt er inne. Seine Hand schien fast schwerelos zu verharren. Ich versuchte, sein jugendhaftes Gesicht zu lesen. Aber es war mir nicht möglich. Ich sah das gleiche vergeistigte Gesicht, das er während der Führung präsentierte. Wie lobotomiert. Genau so, wie, das von Jack Nicholson als „Randall Patrick McMurphy“ nach seiner Operation in dem Film „Einer flog über das Kuckucksnest“.

So verharrte er einen Moment. In diesem Moment passierte mir die Dummheit des Tages. Der peinliche Augenblick. Der Moment, wofür ich mich hätte, nachträglich Ohrfeigen könnte. Den Moment hätte ich mir sparen sollen. Ein innerer Drang ließ meine Lippen aufeinanderpressen und mit Innendruck auseinanderfliegen, die Zunge danach an meine Schneidezähne rutschen und den Rest des Wortes formulieren.

„PentAgrion.“

Das Wort war nicht mehr zurückzuholen. Das Wort bahnte sich seinen Weg und er musste es gehört haben. Er reagierte jedoch nicht. Sein Gesicht ließ keine Regung erkennen. Seine Hand schwebte für eine unendlich kurze weitere Zeit lang, dann zog er sie ganz langsam zurück, führte seine Hand an den Hosenbund und drehte sowohl Körper als auch Gesicht mir zu.

„Gibt es nicht.“

Seine Worte kamen so gleichförmig, so tonlos, so teilnahmslos. Er sah mich zwar an, aber seine Augen waren auf einer sanften freundlichen Art ausdruckslos, was mich unwillkürlich an Krankenhauspatienten unter Medikamentenauswirkung denken ließ.

Und dann fiel mir ein, dass der Reiseführer auch unter einer anderen Droge stehen könnte. Vielleicht hatte er sich vor der Führung eine Portion Richard Wagner reingepfiffen. Eine deftige Portion „Lohengrin“ oder „Parzival“? Kurz vor der Führung noch die volle Dröhnung „Ritt der Walküren“ oder „Tannhäuser“?

Egal, was er vorher sich eingeschmissen hatte, ich würde es nicht haben wollen. Ich wartete auf weitere Worte von ihm. Aber er sah mich nicht mehr an, sondern wandte sich den Besuchern wieder zu.

„Gibt es nicht“, waren seine Worte. Er hatte keine Anzeichen von Überraschung gezeigt, keine Anzeichen von Verwunderung, kein Hinweis darauf, dass er mit meinem so überraschend ihm zugeworfenem Wort „PentAgrion“ Schwierigkeiten hätte.

Ich atmete durch. Wie konnte er antworten, dass es „PentAgrion“ nicht gebe? Wäre nicht die normale Reaktion gewesen, zu fragen, wer oder was „PentAgrion“ sei? War seine Antwort nicht der Beweis, dass er das Wort „PentAgrion“ sehr wohl einordnen konnte? In mir wuchs die Überzeugung, dass der Reiseführer sehr wohl wissen musste, wer oder was „PentAgrion“ sei.

Der Reiseführer hatte seinen Erklärungen gemacht, verließ den Raum und schritt (schwebte?) zu dem letzten Schlossraum, in die Sängerhalle. Ich versuchte ihn einzuholen. Aber die vielen Besucher erwiesen sich als schwierige Slalomstangen. In die Sängerhalle kamen die letzten Erklärungen. Dann verabschiedete er sich von allen Besuchern und stellte sich neben der Ausgangstür, wie um sich von jedem Besucher zu verabschieden. Diskret hielt er dabei seine Hand auf und ebenso diskret drückten ihm die Besucher Geldmünzen in seine Hand. Mir kam der Gedanke in den Kopf, ob ich ihn nochmals auf unsere Begegnung am Fenster ansprechen sollte. Ich unterließ es und drückte mich bei dem Verabschiedungsritual an einem Besucher vorbei.

Meine Bekannten warteten am Ausgang auf mich an dem Postkartenständer. An den Wänden hingen Fotos vom Aufbau des Schlosses. Dessen Bauherr starb im Jahre 1886 an den Ufern des Starnberger Sees. Ertrunken. Gemäß bestimmten Quellen in 40 Zentimeter Wassertiefe. Noch heute streiten sich die Experten aller Couleur, ob er sich selbst ertränkte oder ermordet wurde. Die Bayern jedenfalls lieben ihren „King Lui“, König Ludwig II., im bayrischen Volksmund auch „Kini“ genannt. Für den Bau des Schlosses hat er sein Volk bluten lassen, aber es liebt ihn trotzdem. Für Bayern ist das nichts Ungewöhnliches. Herrschafts- und Gottes-gläubig, wie die sind, sehen sie die Regierenden immer als Gottesurteil und als Schwert Gottes. Schon seit der „Sendlinger Blutweihnacht“ 1705/1706, als der bayrische Kurfürst es sich in Brüssel gut gehen ließ und sein Bauernvolk vor den Toren Münchens abgeschlachtet wurde, das hat das Bayernvolk nicht wirklich von den Obrigkeiten entfremdet.

Aber warum sollte der „Kini“ sterben müssen? Drei Tage, nachdem er bereits entmündigt worden war? Wollte er was ausplaudern?
Eine Frau stand neben mir und sah mich in einem Buch über den angeblichen Selbstmord blättern.

„Er wurde umgebracht! Der Märchenkönig hätte sich niemals selber umgebracht!“
„Aber er war doch bereits entmündigt worden.“
„Das war eine Verschwörung. Da waren verkappte Revolutionäre am Werk. Die wussten das nicht und haben ihn deswegen umgebracht.“
„Wer?“
„Revolutionäre. Vielleicht die Preußen.“
„Die Preußen?“
„Schatz, unser Bus fährt gleich,“ sprach ein untersetzter Mann, packte die Frau am Arm und zog sie weg.
„Ja, wegen des Wissens, gutes Bier zu brauen“, konnte sie noch sagen.

Aber es klang nicht sehr überzeugend. Wegen des Bierbrauerwissens? Ich vermute, sie wollte was anderes sagen, aber der Mann hatte uns überrascht und unterbrochen. Meine Bekannten rissen mich aus meinen Gedanken und teilten mir mit, dass sie jetzt unbedingt zur Zugspitze wollten.

„Vielleicht finden wir ja nen Ötzi auf den Weg dorthin“, war die lakonische Bemerkung von mir.
Eisleichen? Früher durfte es diese wohl öfters an der Zugspitze gegeben haben. Aber heute?

Wir programmierten das GPS-Gerät auf „Zugspitze“ und ließen uns durch Satelliten leiten. Es ging durch Österreich. Der Regen wurde erneut zu Schnee und die Straßenbedingungen verschlechterten sich erheblich.Irgendwann tauchten die ersten Menschen mit Schneefräsen auf. Die Äste der Tannen bogen sich unter der Last des Schnees. Der Winter hatte am österreichischen Plansee Rast gemacht.
Als wir letztendlich am deutschen Elbsee ankamen, war es fünf Uhr nachmittags. Die Zugspitz-Seilbahn hatte schon geschlossen. Wir waren zu spät angekommen. Die Reise von 1000 Metern auf knapp 3000 Meter hätte 30 Euro gekostet. Erschwinglich, aber wir kamen zu spät.

Wir steuerten ein Restaurant an und setzen uns in eine Ecke der Stube. Es war ein seltsames Restaurant. Überall standen Bücher herum, die meisten sahen schon abgegriffen aus. An einem Tisch blieb ich stehen und nahm mir ein Buch. Ein Buch über Zahlenmystik und Numerologie. Ich fing an zu blättern und quer zu lesen.

Jedem Buchstaben ist eine Zahl zugeordnet. Das „A“ hat den Wert „1“, das „B“ die „2“, „C“ die „3“ und so weiter. Durch Addition dieser Zahlen und durch Bildung der Quersummen ergibt sich eine Zahl, welche die Pflichten für das eigene Leben ausdrückt. In einer Laune berechnete ich die Namenszahl für das Wort „PentAgrion“. Die Zahl, die sich ergibt, ist die „2“. Die Zwei steht für die Dualität, die Zweiheit. Ich war fasziniert, denn das Wort „PentAgrion“ trägt diese Dualität in sich. Der Bestandteil „Penta“ und „Agrion“. „Penta“ ist ein griechisches Zahlenwort und bedeutet „5“. Die Pythagoreer sahen die 5 als Zeichen der Ehe und geistigen Vervollkommnung. „Agrion“ ist eine Wasserjungfer-Libelle. Die Libelle ist der nordgermanischen Göttin Freya zugeordnet, welche wiederum die Göttin der Ehe ist. Trägt also der Name „PentAgrion“ eine Bedeutung, welche auf das Prinzip der so oft beschworenen Keimzelle der Gesellschaft? Die eheliche Gemeinschaft?

Mittels dieser Zahlenmystik rechnete ich noch die anderen Daten durch, welche Trithemius bei sich veröffentlicht hat:
PentAgrion soll vom 7. November 1999 bis zum 28. Juni 2009 sich auf der Erde aufgehalten haben. Diese beiden Daten nahm ich als Geburts- und Sterbedatum. Als Geburtszahl erhielt ich die „1“ und als Sterbezahl die „9“. Die Geburtszahl ist der Anfang, die Sterbezahl das Ziel, an dem das Leben seinen Zweck erfüllt hat.

Bei den beiden hier vorliegenden Daten, steht die „1“ steht das Unteilbare, das Göttliche. Die „9“ als Zahl drückt die höchste Vollendung aus. Die Zahl der Erleuchteten. Denn die 9 ist die Quadratzahl der „3“ und die „3“ gilt als heilige Zahl schlechthin. Nicht umsonst heißt es, aller guten Dinge seien derer drei. Die „3“ löst das Spannungsverhältnis der Zahlen „1“ und „2“ auf. Sie ist die Summe der beiden.

Im Endeffekt bestand nach dem Buch der Zahlenmystik, alles, was ich bisher von PentAgrion an Daten gelesen hatte, aus einer Kombination von den Zahlen „1“, „2“ und „3“. Eine fast schon zu einfache Deduktion einer Person, der bislang jeder nur über Dritte im Internet begegnete.
Zufall?

Als meine Bekannten gehen wollten, hatten sie mich kurz suchen müssen. Sie meinten nachher, ich sei total entrückt an dem Regal mit dem Buch in der Hand gestanden haben. „Irgendwie weggetreten“ soll ich ausgesehen haben. Meine Cola stand noch unberührt auf jenem Tisch, wo meine Bekannten zuvor gesessen und auf mich gewartet hatten. Sie wollten zurückfahren. Ich legte das Buch zurück, ging zum Tisch, leerte mein Glas in einem Zug, legte mein Geld hin und folgte ihnen zum Wagen.

Auf der Fahrt war ich wohl sehr unkommunikativ. Sie versuchten mich mit Witzen abzulenken, aber ich war von den Gedanken an das Gelesene vertieft. Eisleichen am Fuße der Zugspitze hatte ich nicht gesehen, aber das Gelesene im Restaurant ließ mich erstarren.
War das jetzt alles nur ein Zufall?

Der Mensch versucht, selbst im größten Chaos eine Ordnung hineinzuprojizieren. Ohne diese Ordnung des Chaos wäre der Mensch nicht überlebenswert. Er würde im Chaos untergehen und darin sterben. Darum sind viele Menschen auch für Verschwörungstheorien anfällig. Sie mögen denen von außen seltsam und unwirklich, ja, gar paranoid erscheinen, aber wenn der eigene Verstand plötzlich Linien in ein unübersichtliches Meer von Informationen zieht, wie soll er da noch sich orientieren und diesen Theorien nicht verfallen?

Der Mensch versucht, die Entropie des Chaos in einem höheren Energie-Niveau zu bringen. Sein Verstand beginnt, dem Körper die Energien zu entziehen, die er vielleicht für wichtigere Dinge benötigt. Nur, wo Energie fehlt, da stellt sich Kälte ein. Wenn alle verwertbare Energie verwertet ist, dann ist die Entropie null. Die Eisleichen der Berggipfel sind der Beweis dafür, dass Energie-Niveaus nichts mit der Höhe der Gipfel zu tun haben muss. Die Erfrorenen sind ganz Berg geworden. Nicht zu nutzende Energieformen. „Null-Entropie“ würde der Thermodynamiker lapidar sagen.

Wikipedia bezeichnet die Entropie auch noch als ein Maß für den mittleren Informationsgehalt pro Zeichen einer Quelle, die ein System oder eine Informationsfolge darstellt. In der Informationstheorie spricht man bei Information ebenso von einem Maß für beseitigte Unsicherheit. Je mehr Zeichen im Allgemeinen von einer Quelle empfangen werden, desto mehr Information erhält man und gleichzeitig sinkt die Unsicherheit über das, was hätte gesendet werden können.

Beim Schreiben dieses Artikels fühle ich, wie ich diese zuvor erwähnte Entropie vergrößert habe. Es gibt ein nicht genau Definierbares, was sich mit Namen „PentAgrion“ immer mehr Raum greift, was immer mehr die Gedanken von mir beschäftigt.

Das, was die Zukunft bringen mag, werde ich betrachten und überlegen, ob es wert sei, darüber zu berichten.

(Fortsetzung hier)

PentAgrion und kein Ende

Was vorher geschah: Prolog, Teil 1

***

Am nächsten Morgen wachte ich mit leichten Kopfschmerzen auf.
„PentAgrion“, war mein erster Gedanke.
Mist. Der Name ging mir nicht aus dem Kopf. Wie mit einem Ohrwurm hatte der sich durch meine Gehörgänge gefressen und sich jetzt in irgendeinen meiner Hirnlappen festgesetzt.

PentAgrion.

Ich hatte mir im Internet die Seiten von Trithemius dazu durchgelesen. Verwirrt hatte mich der Inhalt und dazu animiert, ebenfalls zu kommentieren. Und die Kommentare wurden dankbar aufgenommen. Es schien, als ob sich meine eingeworfenen Bemerkungen in die Gedanken wie fehlende Puzzle-Teilchen passgenau einordneten.
Seit Dan Brown einen Erfolg nach dem anderen mit seinen „Fast-Food“ (Zitat Prinz Rupi) feiert, scheinen alle nach den verlorenen Illuminati zu fahnden. Der Illuminaten-Orden hat eine Faszination erreicht, die beunruhigt. Der Orden hatte sich damals der Aufklärung verschrieben. Die bayrischen Obrigkeiten empfanden dieses aber als nicht passend für deren Bevölkerung und verfügte die Einstellung jeglicher Ordenstätigkeiten im Jahre 1785.

Nach knapp neun Jahre mit dem Ziel der Verbesserung und Vervollkommnung der Welt hatte der bayrische Staat sich die Stammtischhoheit über allen Biertischen zurückgeholt. Das Ziel der Illuminati war eine herrschaftsfreie Gesellschaftsform. Diese sollte gewaltlos erreicht werden.

In Bayern?
Jawohl, in Bayern. Solche Zielsetzungen in Bayern sind automatisch verdächtig subversiv. Denn der Bayer an sich sieht solche Bestrebungen mit gewaltlosen Mitteln als eindeutige Gefährdung der eigenen Herrschaftsansprüche.
Als in den 80ern des letzten Jahrhunderts die Mehrheit der West-Deutschen gewaltlos gegen eine militärische Aufrüstung protestierte, war es der Bayer Friedrich Zimmermann (CSU), der diese gewaltlosen Bestrebungen 1983 mit einem einzigen Satz in die Illegalität verschob:
„Gewaltloser Widerstand ist Gewalt!“

Doch zurück zu dem PentAgrion.
Oder lieber doch nicht. Ich wollte das Wort vergessen. Aber wie sollte das gehen? Der geneigte Leser sollte folgenden Selbstversuch unternehmen:

Bitte denke nicht an das Wort „Fensterglas“!

Und? Hat es geklappt, nicht an „Fensterglas“ zu denken?
Nun, so erging es mir mit dem Wort „PentAgrion“.
Ich forschte und suchte, um etwas von dem wiederzufinden, von dem ich in diversen Blogs lesen konnte. Wer oder was ist „PentAgrion“? Alle wissen etwas, keiner alles und dann noch ein Video eines Hannoveraner Dachbodens. Und in einer Szene des Videos erkannte ich eine Krone. Ich setzte dazu einen Kommentar. Ein Kommentar als Versuchsballon, um erneute Informationen aus den Mitlesern heraus zu kitzeln. Aber wieder wurden Informationshappen gestreut. Mein Hinweis auf royalistische Tendenzen wurde nicht widersprochen.

Später las ich bei Trithemius über die Zunahme der Eisleichen auf den Gipfeln dieser Welt, weil die ganzen Bonus-Banker sich jetzt versuchen, sogar die höchsten Ziele zu erreichen. Dieses Bild amüsierte mich: Während jeder Politiker über eine Begrenzung von Bonus-Zahlungen nach oben spricht, reiben sich die Erben der Eisleichen vor Vergnügen die Hände, weil deren moderner Raubritter der Finanzen bei seiner hohe Zielsetzung auf dem Dach der Welt verfroren ist. So ist ja auch das Vermögen vieler Menschen entstanden. Wer damals ein mieser Raubritter und Ausbeuter war, den lieben die Nachfahren für deren angehäufeltes Vermögen.
Selten setzt so etwas wie Reue über vergangenes Raubrittertum ein. Denn Alt-Reiche haben einen diskreten Charme. Geld ist kein Gesprächsthema, es stinkt auch nicht, man hat es einfach. E basta! Wozu dann Reue? So wie beispielsweise bei der Familie Quandt, welcher fast die Hälfte von BMW gehört. Erst auf Nötigung von Journalisten wollte die Vergangenheit deren Vermögens untersuchen lassen. Dass ausgerechnet die Frau Klatten der Familie Quandt einem anderen Raubritter, dem „Frauenflüsterer Helg Sgarbi“ (Zitat BR-online vom 10.3.09), in den Fingern geriet, das ist letztendlich ein Treppenwitz der Geschichte.

Angesichts solcher Dinge ist so etwas wie PentAgrion eigentlich nebensächlich. Und erst recht meine Begegnung in der Kneipe und das Gespräch dazu, das Ganze war eigentlich nebensächlich.
Unbedeutsam.
Ich wette, zehn Kölsch mehr und vier, fünf Schabaus zusätzlich und ich hätte mich schon nicht mehr an das Kneipengespräch erinnert gehabt. Aber es fehlten diese vier, fünf. Und so schrieb ich es einfach nieder, nachdem ich überprüft hatte, dass jene „Papiere des PentAgrion“ kein MacGuffin waren.
Ein bisschen ausgeschmückt, ein bisschen aufgepeppt, und dann niedergeschrieben, um es los zu werden.
Fire and forget.

Aber nichts da.
Es geschah Weiteres.
Unbedeutsames.
Gerade soviel, um eine als Spielerei angesehene Vorstellung voranzutreiben.

(Fortsetzung hier)

Das Traktat des PentAgrion (Kneipengespräch)

Prolog

***

Tresen2

„Das Kölsch in der Hand ist aller Anfang Schand“, pflegte mein Vater zu sagen und trank am Wohnzimmertisch sein Altbier.

Das war damals. Wie der Vater so der Sohn. Damals hatte ich es auch gern getrunken. Mit einem Schuss Malzbier drinnen. Oder hin und wieder auch Himbeersaft. Selbst Berliner Weiße mit Himbeersaft war eines meines Lieblingsbiergetränke.

Berliner Weiße mit Himbeersaft und Trinkhalm. Strohhalm wurden diese vor 30 Jahren noch genannt. In frühester Jugend hatte ich manchen Fruchtsaft mit einem Halm aus echtem Stroh getrunken. Jene Halme hatten zwei Funktionen: zum Trinken von Säften im Sommer oder zum Basteln von Strohsternen im Winter.

Mit 16 Jahren kam für mich die Funktion „Berliner Weiße mit Schuss“-Trinken hinzu. Aber da waren die meisten Strohhalme schon aus Plastik und wurden fortan Trinkhalme genannt.

Altbier mit Schuss. Berliner Weiße mit Schuss. Später kam noch „Pils-Schuss“ hinzu. Und noch viel später lernte ich noch eine Spezialität des wilden Südwestens der Baadenser kennen: Hoepfner Weizenbier mit Bananensaft. Das war in Karlsruhe. Der Bananensaft machte das Weizenbier gerade noch genießbar. Die Karlsruher liebten das. Mir wurde jedes mal speiübel.

Wiederum etwas später verstand ich, dass Biere auch ohne „Schuss“, Trinkhalme oder Bananensaft schmecken können.
Bier pur sozusagen.
Aller Anfang ist halt schwer.

– Das Kölsch in der Hand ist aller Anfang Schand.
– Wie meinen?
– Das hat immer mein Vater gesagt, wenn er sein Altbier trank.
– Du weißt schon, wo du hier bist, oder?

Freilich wusste ich es. Der Wirt schaute mich fragend an und mein Nachbar hob herausfordernd seine Kölsch-Stange.

– Natürlich weiß ich das.
– Na also. Dann: „Prösterchen“.

Der erste Schluck Kölsch ist zwar immer der beste, aber nach der zweiten Stange ist das eh einem total egal. Und wir waren inzwischen schon bei der vierten Stange angekommen. Damit war das sowieso so etwas von total egal. Egaler ging es da schon nicht mehr. Hauptsache Kölsch. In meiner Münchener Kölschkneipe.

Er stellte seine Stange vor sich hin und drehte sich mir zu.

– Sag mal, hast du schon mal etwas total Verrücktes gelesen?
– Ich lese die BILD-Zeitung schon seit Langem nicht mehr. Maximal den Aufmacher und die Nackte von Seite 1.
– Nein, nein. Ich meine etwas, was jemand selber eigenhändig geschrieben hat.
– So wie das „Traktat vom Steppenwolf“?
– Jetzt nicht das Traktat von einem berühmten Schriftsteller wie Hesse oder so. Sondern von einer Privatperson.

Von einer Privatperson? Ich überlegte.

– Vor Jahren hatte mein Freund und ich mal eine Frau getroffen. Die hatte uns in einer Disko angemacht. Oder besser gesagt meinen Freund. Den hatte sie zu sich nach Hause abgeschleppt. Am nächsten Tag hatte mein Freund dann von ihr einen Packen Papier mitgebracht. So eine Art Traktat mit dem Titel „Himbeereis auf Stragula Oder: Colabüchse am Westwall“.
– Und?
– Ich hatte versucht, das Traktat zu lesen. Schon nach einer Seite musste ich kapitulieren. Es war so eine Mischung aus Hermann Hesse und Erich Fromm. Und absolut knochentrocken. Allein die vier Hauptwörter des Titels bestanden zur Hälfte aus mir unbekannten Worten. „Stragula“. „Westwall“. Das sagte mir alles nichts. Und der Inhalt war noch viel schlimmer. Dagegen ist Hesses Traktat vom Steppenwolf eine Wohltat zu lesen.
– Ja, so eine Situation kenn ich. Hast du das Traktat noch?
– Nein, ich nicht, aber vielleicht mein Freund.

Er nickte und nippte nachdenklich an seinem Kölsch.

– Soll ich ihn fragen, ob er es noch hat?
– Ich kenn jemanden, der ist offenbar auch auf so ein total schräges Dokument gestoßen.
– Ein Traktat?
– Es scheint so. Der Autor nennt sich selbst „Pentagramm“ oder „Pentagon“ oder so ähnlich.
– Pentagon? Ein Politischer? Aus den USA?
– Ein Holländer. Ich habs: „Pentagrion“ nennt der sich. Mit einem großen „A“ in der Mitte.

Er erzählte mir, dass dieser „PentAgrion“ seit 1999 zehn Jahre auf der Erde gelebt und seine Erfahrungen niedergeschrieben hätte. Es soll eine Studie im Auftrag der wissenschaftlichen Weltgemeinschaft des Planeten Usjh gewesen sein. Ins Internet seien dann diese Studien gelangt. Inzwischen seien diese aber dort nicht mehr auffindbar.

– Weißt du, als ich diese Studie zum ersten Mal las, dachte ich nur an eine Fiktion. So etwas wie die Bielefeld-Saga, nach der es Bielefeld eigentlich nicht gäbe. Oder wie jene Geschichte von den kleinen Leuten aus Swabedooda. Die mit ihren Pelzchen.
– Kenn ich. Eine süße Geschichte. Ich habe sie meinen Enkeln schon zum Einschlafen vorgelesen.
– Ein Stijn Van de Voorde hatte diese Studien ins Netz gestellt und nur durch Zufall fand ich in einem Unterverzeichnis seiner Homepage eine Übersetzung auf Deutsch.
– Hattest du dir die Studie abgespeichert?

Er verneinte.

– Ich hatte die Seiten eigentlich vergessen gehabt. Aber jetzt lese ich im Internet von einem Blog-Schreiber, dass der die Studie auch gelesen haben will.Und das wirklich Seltsame ist, der hat auch so einen komischen Namen gewählt wie jener „PentAgrion“.
– Welchen?
– „Tritterminus“ oder so. Ach ja, „Trithemius“ nennt der sich. Aber dann nicht nur das. Anfangs dachte ich, unter dem Eintrag des Trithemius wären nur dumme frotzelnde Kommentare zu jenem Beitrag.
– Was denn?
– Die fingen an, über schwarzes Internet und Illuminaten zu schwafeln.
– Illuminaten? Haben die zu viel Dan Brown gelesen?
– Hatte ich erst auch gedacht. Dan Brown ist ja momentan nach der Verfilmung seiner Bücher viel gelesen. Aber dann fingen die Kommentatoren an, immer wilder zu phantasieren.
– Wie das?
– Der Trithemius hatte ein Video in sein Blog reingestellt und darin tauchte ein Symbol auf mit zwei Buchstaben. Zwei „T“s. Aber zuvor war schon gemutmaßt worden, dass der PentAgrion mit dem Gründungsort des Illuminatenordens in Verbindung stehe.
– Mit Ingolstadt?
– Richtig. Und mit der großen Automobilfirma dort. Dem Audi.
– Na und?
– Die Diskussion begann just zu dem Zeitpunkt, als der Todestag von Jörg Haider sich jährte. Du weißt, das ist der, der in dem VW Phaeton in Österreich tödlich verunglückte.
– Und?

Er nahm einen Schluck aus seinem Kölsch. Fahrig wischte er sich seine Haare mit der flachen Hand zurück.

– Die graue Eminenz von VW ist doch der Piech, der Österreicher. Der hatte damals in Ingolstadt bei Audi sich hochgearbeitet. Und jetzt gehört dem quasi der VW-Konzern. Dort herrscht er wie Göttervater Zeus und hat dort seinen Phaeton in Dresdens Gläsernen Manufaktur erschaffen. Und mit diesem Phaeton soll er indirekt jenen anderen aufstrebenden Österreicher von der Straße gestoßen haben. Und dem VW-Konzern und somit dem Piech gehört doch die Ingolstädter Audi-Produktion. Und jetzt kommt es: Audi produziert seinen „Audi TT“ in der ungarischen Stadt Györ. Und jetzt ist Györ die Partnerstadt Ingolstadts! Und jetzt findet der Trithemius am Kamin seines Hauses die beiden „T“s wieder.

Ich schaute mir meinen Nachbarn an. Das waren mir entschieden zu viele „und jetzt“s, mit denen er anfing, mich zuzutexten. Er schien mir einen an der Waffel zu haben.

– Du glaubst, ich habe einen an der Waffel, nicht wahr?
– Du kannst Gedanken lesen.
– Warte erst einmal, bevor du urteilst. Du musst wissen, dass der berühmte Knigge bei Hannover lebte. Jener Adolph Freiherr Knigge. Der war auch mal ein Illuminat.

Die Geschichte langweilte mich langsam aber sicher immer stärker. Jegliches Verständnis dafür, was er mir überhaupt sagen wollte, das hatte ich schon lange nicht mehr. Ich trank mein Kölsch leer und orderte per Fingerzeig ein neues. Am Anfang war die Welt wüst und leer, bis jemand das erste Kölsch bestellte.

– Der Trithemius lebt auch in Hannover.
– Na und? Warum sollte er nicht? Aber was hat das mit Jörg Haider und seinem Todestag zu tun?
– Nicht Jörg Haider, sondern PentAgrion.
– Okay, PentAgrion oder wie der heißen mag. Was hat der damit zu tun?
– Sein Traktat. Ich hatte es damals auch im Internet gelesen.
– Wie schön für dich. Damit haste zweifelsohne dein Grundschulwissen angewandt, stimmts?
– Hör mal auf mich zu veräppeln.
– Ach ja?
– Als ich PentAgrions Studien gelesen hatte, zog ich gerade von Hannover nach Köln um. Ich hatte mir den Bookmark in Hannover gemacht, um die Studien nochmals zu lesen. Als ich in Köln meinen Computer wieder ins Internet brachte, führte der Bookmark ins Internet-Nirvana. Und kurz danach erhielt ich einen Job in Ingolstadt bei AUDI.
– Ach ja? Na, wie der Piech biste aber wohl nicht zum Chef von VW geworden, oder?
– Du nimmst mich nicht ernst!
– Wie sollte ich dich ernst nehmen? Wir sitzen hier zwischen Salzgebäck und Kölsch. In Münchens Kölschkneipe und nicht in Ingolstadt Kirmesbierzelt. Und du laberst etwas von erleuchteten Traktat-Autoren aus einer Stadt an der Isar.
– Donau!
– Oder Donau. Ist auch unwichtig, wenn es nicht der Rhein ist.
– Ingolstadt liegt an der Donau! Das Traktat selber wurde in Holland geschrieben.
– Und wenn die ganze Welt an der Donau liegt, es gibt keine Außerirdischen mit holländischen Sprachkenntnissen.
– Woher willst du das wissen?
– Weil E.T.s keine Wohnwagenführerscheine haben. Sondern sich maximal bei Steven Spielberg von Kindern an dem Mond vorbei schweben lassen.

Er schaute mich beleidigt an. Ja, sein Blick war regelrecht kalt geworden. Er nahm seine Geldbörse, kramte einen 20-Euro-Schein hervor, legte diesen auf den Tresen und ging wortlos.
Der Wirt schaute mich erstaunt an.

– Was ist denn mit dem los?
– Ach, der halluziniert.
– Komisch, das Fass Kölsch hatte ich heute Nachmittag extra frisch angestochen. Am Kölsch kann es nicht liegen.
– Der redete was von PentAgrion, Ingolstadt an der Oder und Traktaten von außerirdischen Holländern. Totaler Driss. Ich hoffe, der landet nicht demnächst in der Klapse.
– PentAgrion?

Der Wirt schaute mich ernst an. Nicht ein Minenzug schien mir Zustimmung zu signalisieren. Meine Verwirrung wuchs erneut.

– Du kennst doch nicht etwa auch den PentAgrion? Oder was?
– Ich lebte damals in Groningen in Holland. Meine Freundin rief mich damals am Sonntag Nachmittag über ihr Handy an. Sie wollte bei ihrer damalige Freundin in Amsterdam ein Manuskript abholen und daher dort übernachten. Sie fuhr daher spontan nach Amsterdam.
– Von Groningen nach Amsterdam?
– Es ist jetzt 17 Jahre her. Am 4. Oktober 1992, an dem Tag starb meine Freundin in der Wohnung ihrer Freundin. Der verdammte Flug El-Al 1862 krachte genau in den Amsterdamer Wohnblock. Genau dort, wo sich beide aufhielten. Ein Triebwerk der Frachtmaschine war genau in der Wohnung der Freundin eingeschlagen. Die Wohnung war komplett leergebrannt. Meine Freundin wollte nur kurz zu ihr hin. Am nächsten Tag wollte sie wieder bei mir sein. Sie meinte am Handy, es gehe um ein bedeutendes Manuskript. Eines holländischen Autors. Nie werde ich dessen Namen vergessen. Er hieß PentAgrion.

Komplett verwirrt starrte ich den Wirt an.
Wie komplett bescheuert muss denn eine Welt sein, dass alle plötzlich von jemandem mit einem total unholländischen Exotennamen reden, den die Welt nicht braucht?
Wut stieg in mir auf. Eigentlich wollte ich mich nur zerstreuen, ein paar nette Kölsch trinken und dann nach Hause. Der Abend war verdorben. Ich kramte mir einen 10-Euro-Schein aus meiner Geldbörse, legte ihn auf den Tresen und verlies wort- und grußlos die Kneipe.

PentAgrion. Mit einem großen „A“ in der Mitte.
PentAgrion. PentAgrion. PentAgrion.
Der Name ging mir nicht mehr aus dem Sinn. Kälte drang durch meine Jacke. Vor paar Tagen war es noch Sommer.
PentAgrion. PentAgrion. PentAgrion.
Mein Atem produzierte in der Kälte kleine Wölkchen. Der Winter war eingetroffen.
PentAgrion. Mit einem großen „A“ in der Mitte.

Schneeflocken tanzten um mich herum. Der erste Schneefall in München.

Der Wirt hatte mich total verarscht.
Hatte mir der andere nicht gesagt, dass PentAgrion erst ab 1999 in Holland lebte? Mal wieder klar: Wer nichts wird, wird Wirt und Geschichtenerzähler für Tresen-Hocker. Typisch. Und ich als dämlicher Gast glaubte ihm auch noch.

Der Abend war jetzt endgültig versenkt.

„Hoffentlich kann ich vor lauter „PentAgrion“ noch schlafen“, waren meine letzten Gedanken, als ich in den Kissen meines Bettes versank.

(Was danach geschah)