Kneipengespräch: Hashtag ‘Umweltsau’

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“Warum heulst du?”

“Ich?”

“Ich sehe da doch Tränen auf deinen Backen ins Kölsch laufen.”

“Ach?”

“Ja.”

Ich nahm mein Kölsch und betrachtete es genauer. Langsam verstand ich, warum es salzig schmeckte. Hätte ich eigentlich selber drauf kommen können.

“Und?”

“Und was?”

“Warum heulst du?”

“Ich habe in meinem Leben nie ein Auto besessen.”

“Nie? Wie? Seit mehr als einem halben Jahrhundert ohne eigenes Auto?”

“Ich habe auch keine Immobilie oder je eine besessen.”

“Nie? Biste Hartz Vier’ler, oder was?”

“Ich verdiene gut, bin Hedonist, keine Kinder oder alternativ Kinder-Patenschaften in der Dritten Welt, weder Frau noch Freundin. So isses.”

“Das ist allerdings ein dicker Hund. Aber es ist doch okay, wenn du schwul bist. Schwule sollten eh keine Kinder haben, denn da fehlt dann immer die Mutter.”

“Was?”

“Ich meinte, es gibt bereits eh genügend alleinerziehende Mütter, welche diskriminiert werden und dabei auch noch inzwischen Oma geworden sind.”

“Wie?”

“Nicht falsch verstehen, ich habe nichts gegen alleinerziehende Mütter. So im Spagat zwischen Kind und Beruf. Eine Scheiß-Situation.”

“Scheiß-Situation?”

“Ja. Nicht falsch verstehen. Nur, das ist doch Kacke. Man überlegt doch vor dem Bumsen, ob ich ein Kind gemacht bekommen möchte, oder etwa nicht? Seit wann gibt es Gummi und Pille, oder? Menschen sollten etwas Bildung haben, oder etwa nicht?”

“Was?!?“

“Boah, du verstehst mich komplett falsch. Diese Frauen haben ja immer auch eine Oma, die dann …”

“Was willst du mir erzählen?”

“Willst du noch ein Kölsch?”

“Was meintest du?”

“Also, du hast doch damit angefangen, dass du kein Auto hast.”

“Ja und?”

“Dann hast du auch keine Oma, oder?”

“Und deswegen bin ich schwul?”

“Hättest du als Babyboomer-Generationsangehöriger, also als Ü50iger, deine eigene Immobilie, deine eigene Frau, deine eigenen Kinder, dann hättest du auch deinen eigenen privaten Generationskonflikt mit den ‚friday-for-future‘-Kiddies. Du verstehst, Pubertätsprobleme. Denn nachher wollen die doch alle sein wie Papi oder Mami. Saturiert und wohl gelitten. Aber du hast dich dem ja wohl entzogen, nicht wahr.”

“Hallo? Ist dein Kölsch mit bayrischem Bier gestreckt? Tringst du Noagerl, oder was? Was erzählst du mir da für’nen verdorbenen Leberkäs?”

“Du hast doch Twitter, oder?”

“Ja.”

“Dann hast du doch auch den seit drei Tagen andauernden Shit-Storm wegen ‘Meine Oma ist ne Umweltsau’ mitbekommen.”

“Hab ich.”

“Und dann weißt du auch, was da gerade abgeht. Umweltsau Oma.”

“Okay, ich gestehe. Deswegen heule ich.”

“Ach.”

“Ja. Weil Omma nicht mit Doppel-M geschrieben wird. So wie es sich für Oppa gehört. Da geht ein Stück Kultur den Bach runter, auf den Rücksitzen der SUVs talwärts. So wie der Germanwings-Flug 9525 in den französischen West-Alpen, damals, direkt nach dem Urlaub.”

“Omma mit Doppel-M?”

“Immer mit Doppel-M. Mamma schreibt man schließlich auch mit Doppel-M.”

“Mamma mit Doppel-M ist aber die Brustdrüse und nicht die Mutter, woll.”

“Mir egal. Omma schreibt man gefälligst mit Doppel-M. Und wenn in ihrem Hühnerstall zuvor mit EU-Förderungsmitteln alle Küken geschreddert wurden, und die restlichen der älteren Geflügel zu Chlorhühnchen oder Brustfilets verarbeitet wurden, dann darf Omma auch im Hühnerstall Motorrad fahren, nicht wahr. Gleiches Umweltrecht für alle.”

Ich atmete kurz durch und fühlte mich ob meiner Argumentation voll logisch. Kurz starrte ich auf mein Kölsch und winkte darauf dem Wirt:

“Oberspielleiter, einmal zahlen, bitte. Kein neues Kölsch, aber Wechselgeld. Und nen Kölsch-Gutschein für meine Omma.”

Mein Nachbar starrte mich an und vermerkte schmallippig:

“Du bist ja nicht wirklich diskussionstauglich. Du hast ja nicht mehr alle. Kein Wunder, dass Deutschland sich abwirtschaftet. Bei der Diskussionseinstellung, die du an den Tag offen legst.”

Ich warf ihm einen scharfen Blick zu, ein Blick so scharf wie eine 50-jährige Rasierklinge halt sein kann:

“Weißt du, diese Twitter-Gockel sind Krähende auf den Gipfeln der eigenen Misthaufen. Und vergiss nie: Kräht der Hahn auf dem Mist, ändert sich’s Wetter oder es bleibt wie es ist. Allerdings kräht der Bauer auf dem Mist, dann der Hahn wohl im Urlaub ist. Und momentan ist nur gesichert, dass momentan nur einer keinen Urlaub hat: der Misthaufen.”

Ich legte den Zehner auf den Tresen.

“Wohin?”

“Ich hole meine Mudda aus Dortmund mit nem CarSharing-SUV nach München. Damit Omma und Umweltsau endlich eine Verbindung eingehen.”

“Du bist eine Ü50ige Umweltsau!”

“Du mich auch. Leck mich.”

Ich verließ die postfaktische Diskussion in meiner Kneipe. Die Lust draußen war klar und kalt.

 

Benötigen Sie einen Weihnachtsmann? Ich bin Student.

Sein Bart war inzwischen nicht mehr weiß. Er war grau geworden, grau wie eine ungewaschene Gardine vor einem verdreckten Fenster. Eigentlich hätte er ja noch weiß sein sollen. Nur die Lisbet, die alte Sau, die hatte ihm Dinkelmehl ins Gesicht geblasen. Das solle Glück bringen, giggelte sie noch. Am liebsten wäre er ihr an die Gurgel gegangen, aber von der Lisbet kannte er kein anderes Verhalten. 92 Jahre, tendenziell dement, aber den Schalk einer sechsjährigen Göre im Nacken. Lisbet hatte das immer so gemacht. Jedes Mal. Immer. Würde er wählen dürfen, die Lisbet würde er nicht mehr besuchen. Nur Lisbet war die beste Freundin seiner Mutter.

Gewesen. Bis seine Mutter vor vier Jahren verstarb und sie ihn im Testament aufforderte, in dem Haus für betreutes Wohnen immer zur Weihnachtszeit den Weihnachtsmann zu geben. Weil er sie im Renten-Dasein allein gelassen und ins Heim abgeschoben habe, so erklärte sie. Sieben Jahre lang, so hatte sie es im Testament geschrieben. Falls er das nicht machen würde, würde sein Erbanteil auf ihr Heim überschrieben werden.

Er brauchte allerdings das Geld. Nicht dass er über dem Tode seiner Mutter seine Zukunft geplant hatte, er kalkulierte nie mit dem Leben und Sterben anderer Menschen seinen Lebenstandard. Er war Vertreter der Eigenverantwortlichkeit. Glück gab es nur, wer etwas dafür tat. Nur hatte ihn einfach das Pech eingeholt und dann auch noch rechts überholt. Erst der Verlust seiner gesamten Einlagen durch einen Kursrutsch, kurz darauf die Krise in seiner Branche und dann seine betriebsbedingte Kündigung. Mit der 5 vor seinem Alter wollte ihn bislang keiner einstellen. Zu unflexibel, zu undynamisch, nicht formbar, zu alt, zu viele Qualifikationen, zu wenig Qualifikationen, das falsche Geschlecht, die falsche Nase. Alles hatte er bereits gehört. Fachkräftemangel? Darüber konnte er nur lachen. Populistischer Scheiss, war seine regelmäßige Antwort auf dieses Schlagwort. Zu rebellisch und zu uninformiert, hatte ihm dann einer der Leiter irgendeiner Personalabteilung beim Bewerbungsgespräch gesagt und ihm die Tür nach außen hin geöffnet.

Zu unsexy, hatte ihn vorhin die Lisbet angekräht und ihm das Dinkelmehl ins Gesicht geblasen. Den Mehlstaub konnte er sich nur mühsam etwas aus seinen Klamotten und Bart klopfen. Das Rot seines Mantels sah nun blasser aus und sein Bart war grau geworden. Er sah sich im Spiegel des Aufzugs an und atmete kurz durch. Lisbet gehörte eigentlich nicht in dieses Haus, dachte er sich kurz. Sie hat doch einen Sohn in München, der lebt dort gut, ist Single, verdient dort wohl ein Schweinegeld und verprasst dieses mit Sicherheit in irgendwelchen hedonistischen Tempeln der unmoralischen Landeshauptstadt, macht aber dabei auf arm, wenn er darauf angesprochen wird, seine Mutter zu sich zu nehmen.

Die Aufzugtür öffnete sich. Er blickte nochmals in den Spiegel, zog seinen Bart zurecht und versuchte sich mit einem atonalen ‘HoHoHo’ in Stimmung zu bringen. Schlurfend bewegte er sich auf Wohnung Nummer 8 zu. Er hasste Wohnung Nummer 8. Zu Weihnachten erwarteten ihn immer dieses unsäglich doofe Rentner-Duo: Heinrich und Bernhard. Statt in Würden zu altern, glaubten die beiden, irgendein Anrecht darauf zu haben, ihn zu foppen, indem sie sich betont jugendlich gaben.

Die braune Tür vor ihm verriet nichts davon, was ihn erwarten könnte. Lediglich die musikalische Klangwolke, die durch die Tür diffundierte, gab ihm einen Vorgeschmack auf das, was ihn de facto erwarten würde. “Principles of Lust: Sadeness” von “Enigma” waberte ihm entgegen.

“90er Jahre Scheiß des letzten Jahrhunderts”, grummelte er, “und auf dem Wohnzimmertisch wahrscheinlich wieder ‘ne Packung Viagra.”

Sein Finger suchte die Klingel und fand sie. Er drückte kräftig und lang.

HoHoHo!

Die Tür öffnete sich langsam. Indigniert registrierte er, dass die Tür über eine Paketschnur geöffnet worden war und ihn keine Person direkt an der Tür begrüßte. Er trat ein, schloss die Tür und folgte dem Verlauf der Paketschnur langsam in das Wohnzimmer.

“Tschuldigung, wir benötigen einen Weihnachtsmann. Ist er Student?”, ulkte Heinrich ihm entgegen und Bernhard ergänzte meckernd lachend: “Früher war mehr Lametta!” Ein Kanon des Lachens umwaberte ihn.

“Könnten Sie beide, bitte, dieses Jahr nach meinem Auftritt hier netter zu mir sein? Ich gebe schließlich seit drei Jahren immer mein Bestes und jedes Mal erhalte ich von ihren Söhnen und Töchtern das Feedback, dass Sie beide mit mir nicht zufrieden gewesen wären. Und dann ziehen die mir wieder über 50% von meiner Entlohnung ab. Aber ich brauch das Geld. Ich bin immer noch arbeitslos.”

“Richtig, früher war mehr Lametta,” echote Heinrich.

“Dieses Jahr ist der Weihnachtsbaum grün, naturgrün, frisch und umweltfreundlich. Mit ohne echten Äpfelchen dran.” Bernhard deutete vor sich auf dem Wohnzimmertisch, auf dem ein kleines Tännchen stand. “Der dicke Weihnachtsmann möchte uns jetzt ein Gedicht aufsagen.”

Beide starrten ihn erwartungsvoll an, nur sein Blick war wie festgenagelt auf dem Wohnzimmertisch gerichtet. Er wollte es nicht glauben, aber da lag eine Schachtel Viagra, geöffnet, und daneben noch drei Kamagra Oral Jellies, Geschmacksrichtung ‘Spekulatius’, … .

“Zickezacke Hühnerkacke”, entfuhr es ihm nur langsam und fast schon undeutlich.

“So, und jetzt wird ausgepackt. Und Herr Weihnachtsmann, sei wenigstens ein wenig gemütlich!” Heinrich zog hinter sich eine Flasche Haselnuss-Schnaps hervor. Bernhard deutete mir einer Fernbedienung auf den Wandschrank und die “Enigma”-Musik schwoll bedeutungsschwängernd an, derweil eine laszive Frauenstimme einen zittrigen Orgasmus in das Lied hinein intonierte. Er hasste das Lied: eine kommerzielle Verwertung des weiblichen Orgasmus. Das hätte völlig privat bleiben sollen. So etwas gehörte nicht in die Öffentlichkeit. Er mochte auch die Schauspielerin Meg Ryan nicht mehr, seitdem er sie im Film ‘Harry meets Sally’ in dem Cafe öffentlich ihren vorgetäuschten Orgasmus rausstönen sah. Schlampe.

“Ey, du Weihnachtsmann, werd’ mal locker! Du kannst doch nicht jedes Jahr so verkrampfen hier! Man könnte ja meinen, du würdest den Rest des Jahres im Sterbehospiz verbringen und nur Weihnachten ließe man dich in dieser Verkleidung zum Lustholen raus.”

Heinrich wedelte ihm mit einem doppelten Haselnuss-Schnaps vor ihm rum. Er griff zu, denn er wusste, was jetzt passieren würde. An Flucht war nicht mehr zu denken. Er war gefangen. Er hätte nie reinkommen dürfen. Nie. Niemals. Nicht. Eigentlich. Aber dann würde er auch das Geld für seinen Weihnachtmannauftritt nicht erhalten. Oder zumindest nicht jene um 50% gekürzte Aufwandsentschädigung. Und er brauchte das Geld. Denn jung war er nicht mehr.

“Also, nochmals: Könnt ihr beide wenigstens diesmal euren Söhnen und Töchtern erklären, dass ich gut war, damit wenigstens mein Geld in voller Höhe bekomme? Könnt ihr wenigstens diesmal nicht lügen?”

Bernhard lachte. “Das werden wir garantiert nicht erklären. Die sollen ruhig wissen, dass wir hier in diesem Kuhkaffviertel vor Dortmund dahin vegetieren, und dafür Gewissensbisse bekommen. Sonst haben die keine besinnliche Weihnacht. Solange die sich nicht bequemen, uns Weihnachten zu besuchen oder auf deren Kosten einzuladen, solange werden wir keines derer Geschenke wertschätzen. Weihnachten ist ein Familienfest und keine ‘ich-hoffe-es-geht-euch-dort-gut’-Veranstaltung!”

“Aber was kann ich dafür? Ich brauche doch das Geld, ich bin arbeitslos, keiner will jemanden der Ü50-Generation wie mich mehr einstellen.”

“Doch! Als Fachkraft! Eben als Weihnachtsmann. Wir haben Fachkräftemangel. Und nu chill mal, du junger Hüpfer! Same procedure as last year!”

“Same procedure as last year?”

“Same procedure as every year, Dickie, du Weihnachtsmann!”

Richard mochte es nicht, wenn er als ‘Dickie’ angeredet wurde. Es erinnerte ihn an Richard Nixon. Den nannte anfangs auch jeder ‘Dickie’, allerdings danach nur noch ‘Arschloch’.

Heinrich ergriff ein kleines Weihnachtsglöckchen, welches neben dem Tännchen, naturgrün, frisch und umweltbelassen, stand und läutete damit kräftig. “HoHoHo! Let’s get the party startet!”

Erinnerungen.

Wahrscheinlich erinnerte er sich nur noch deshalb an diese Konversation, weil Bernhard Heinrich seinen Satz nochmals wiederholte und seine Betonung dabei mehr auf ‘Dickie’ lag. Und dann war da noch der Satz, den Bernhard eindeutig zweideutig anpeitschend raushaute: “Digg your digger dick, Dickie!”

Richard sah die Schlafzimmertüre sich öffnen, zwei mitvierzigjährige Frauen in aufreizender Garderobe, zwei Silbertabletts auf ihren Händen, traten ins Wohnzimmer, auf jedem Silbertablett fein säuberlich neun weiße Linien gezogen. Heinrich riß sich ein Kamarga Jelly auf, steckte die Tüte in den Mund, sog den Inhalt in sich rein und schüttete sich einen Haselnussschnaps hinterher. Eine Frau bot Richard und Bernhard ein Papierröhrchen an. Beide griffen zu und beugten sich über eine der Linien der Silbertabletts … .


“Warum haben Sie mir schon wieder nur die Hälfte überwiesen?”

Blechern schallte es aus seinem Handy zurück: “Weil Sie ihre Leistung nicht erbracht haben. Wieder mal nicht. Eben drum.”

“Was hab ich denn getan?”

“Beide haben mir bestätigt, dass sie besoffen und verkokst waren, nicht mal ein Weihnachtsgedicht beherrschten und keine Stimmung gemacht hatten. Das haben Sie sich selber zuzuschreiben.”

“Verdammt, ich hatte Ihnen doch erzählt, dass die beiden Viagra, Koks, Schnaps und Milfs bei sich hatten. Sex, Drugs und Rock’n Roll und sie ließen es sich verdammt gut gehen.”

“Jaja. Wein, Weib und Gesang, die alte Mär. Erzählen Sie das ihrer Oma, aber nicht mir, okay. Mein Vater ist fast 70, Rentner mit schmaler Rente, rüstig, und lebt in einem Haus für betreutes Wohnen. Und Sie wollen mir weiß machen, der haut seine gesamte Rente für Koks, Weiber und Alkohol verantwortungslos raus, statt sein Geld für seine Enkel zurück zu legen? Das glauben Sie ja wohl selber nicht! Mein Vater ist ein Rentner, der jetzt nach seinem aufreibendem Arbeitsleben endlich mal Ruhe braucht und keine Sex- und Drogengelage. Mein Vater hat alles, was er zum Leben braucht: eine anständige, gesunde Betreuung, ein vernünftiges Zuhause und Zucht und Ordnung! Mein Vater ist ein ehrbarer Mensch. Seien Sie froh, dass ich Ihnen überhaupt etwas überweise, so wie Sie über meinen Vater lästern und Rufmord begehen, Sie Weihnachtsmann, Sie! ”

Wortlos beendet Richard den Anruf. An seiner Tür hatte es geschellt. Er schlurfte zur Tür und öffnete sie. Ein wesentlich älterer Mann stand vor ihm und nahm seine Mütze ab, blickte auf den Boden und murmelte gerade noch vernehmlich:

“Benötigen Sie einen Weihnachtsmann? Ich bin Student.”

Gedankensplitter: Wir sehn uns vor Gericht!

Der Feind meines Feindes ist mein Freund. Der Freund meines Freundes ist mein Freund. Der Freund meines Feindes ist mein Freundfeind. Der Feind meines Freundes ist … verdammt .. meine Ehefrau. Viva la familia. Ergo ist der Feind meiner Ehefrau mein feindlicher Freund. Der eheliche Feind fraulicherseits ist männlicherseits ein determiniertes Objekt. Auf deutsch: beleidigenswert. Und ein freundlicher Freund ist eine Provokation par excellence, sowieso. Während ein feindlicher Feind sich durch die routinierte, künstlerische Verfahrensweise des persönlichen Dissens identifiziert.

“Schurke, nimm hier meinen Fehdehandschuh.”

“Depp, der ist mir zu klein! Ein wenig mehr Respekt hätte ich schon von dir erwartet, was die europäischen Handschuhgrößen angeht!”

“Ich erwarte dich mit der Handschuhtabelle zu High Noon am Marienplatz!”

“Du bist wirklich respektlos! Marienplätze benötigen keine niveauloses High Noon, wie du es wohl brauchst! Hier, nimm dafür meinen normgetreuen Fehdehandschuh!”

“Wie? Du verweigerst meinen eigenen? Das geht gar nicht! Das bedeutet Fehde!”

“Fick deine Ahnen und Ahnen-Ahnen. Du hast keine Ahnung, was Fehde wirklich ist!”

“Und du die Ahnen-Ahnen deiner Ahnen-Ahnen-Ahnen! Wähl die Waffen!”

Ich klinke mich hier aus. Dieses seicht romantische, familiäre Soap-Gespräch findet in Fahrgewässern statt, in denen Flachköpper garantiert eine Kunstform darstellt. Direkt nach dem vorsätzlichen Selbstmord.

Man sagt, beide prügelten sich eben drum wegen deren Aussagen vorm Richter. Freilich sind die beiden nicht dümmlich. Aber nur extrem annähernd nicht. Aber wirklich ganz extrem …  . Beide haben von Onkel Sam und Väterchen Russland gelernt: Stellvertreter-Kriege für den Tanten-besuchten Grabplatz unter Mütterchen Erde sind besser als gegenseitiges Verständnis. Darum arrangieren beide Rechtsanwälte für sich als Stellvertreter vorm Richter. Sie nennen dieses dann juristisches Dissen.

Deutsch-Rapp ist der Anlass dazu. Also die Vorform gewissermaßen. Und das muss so sein. Denn jeder Gangster-Rapper will nur dann Gangster sein, wenn er auch den Rechtsstaat existierend weiß, um sich gegen die anderen Gangster legal zu behaupten. Es kann nur einen Gangster geben. Und glaubst du es nicht, geh der Herr Gangster mit dir vors Gericht.

Naja, das ist eigentlich gut zu wissen. Statt Gangster-Rapper an einem SUV hängend mit der Uzzi auf der Straße ballernd zu sehen, weil der zu viel Scorseses gesehen hat. Gangster-Rapper und Alpha-Männchen mit Rechtsanwalt vor Gericht, so etwas erscheint inzwischen normal wie Kaugummikauen. Nur so einen Schwachsinn will man sich selber kaum trauen. Zumindest nicht ohne Rechtsschutz.

Meine Kaffee präsentiert sich mir in meiner Tasse wie ein schwarzes Loch.

Ich zuckere nach.

Adventsgedanken für Arme

Drei Mädels stehen zusammen und schreien in ihr Mikrofon “Warum”. Warum? Ich gehe durch die dunklen Straßen Münchens. Weihnachtslichter der Wohnungen erhellen die Zwischenräume der Straßenlaternen, warm eingehüllt in meiner isolierenden Jacke schreite ich Richtung Zuhause. Warum?

Warum? Warum ist die Banane krumm? Warum macht wen die Banane krumm? Warum ist krumm dumm?

Weihnachtsfeiern machen lustig. Weihnachtsfeiern machen seltsam duhn im Kopf. Ich sitze in gemeinsamer Runde und jeder analysiert das gleiche Thema aus seiner Sichtweise. Mein Steinkrug verdunstet das Kellerbier, wie meine Pflanzen zu Hause das Wasser verschlingen. Aber duhn ist nun mal eine menschliche Eigenschaft und keine pflanzliche. Da muss ich alleine durch.

Pflanzen zu Hause? Geht gar nicht! Geht überhaupt gar nicht, eben diese Phrase “geht gar nicht”. Packt mein Kind sechsmal unbedarft mit seiner Hand auf eine Herdplatte und ich warne jedes Mal: “Vorsicht, die Herdplatte könnte heiß sein!”, dann ist es schon in etwa verständlich, dass ich beim siebten Mal einfach nur noch schnauze “Das geht gar nicht!”“ und dessen Hand gewaltsam roh wegreiße.

Nur unter Erwachsenen gleich beim ersten Mal mittels einer Email mit großem Verteiler ein solcher Satzanfang, das ist Kindergarten pur. Oder eher Kita. Denn die werden staatlich bezahlt und da darf sich jeder rein rechtlich straffrei austoben und selbst verwirklichen. Insbesondere dann, wenn später jährlich über mangelnde Kommunikation innerhalb den Strukturen geklagt wird. Von eben gleichen Personen. Mit dem Angeschriebenen gleich zu reden, statt einer Email mit großem Verteiler in cc: zu verschicken … nun Firmenkultur kann auch umfassen, dass man sich darüber beklagt, das andere die gleiche Verhaltensweise wie man selber an den Tag legt. So wird das Klagen, Seufzen und so zum täglichen Qualifikationsnachweis.

Und warum sollte es auf einer Weihnachtsfeier denn somit anders sein?

“Basse ma’ uff. Wenn der eine klagt, dass hinter seinem Rücken gelabert wird und dieses auch hinter dem Rücken der anderen macht, warum soll er sich dann beklagen?”

“Verstanden. Nur wenn er sich als einziger nicht darüber beklagen darf, dann ist etwas oberfaul bei der offenen Kommunikation, nicht wahr.”

“Freilich. Wenn das Getuschele und Getratsche als Kultur anerkannt ist, aber das Ausgeschlossen-Sein vom Getuschele als Manko angeklagt wird, klagt derjenige sich dann nicht selber an?”

“Tratscherei umgibt sich nun mal nicht mit Plüsch und Samt. Getuschele ist und bleibt nun mal ein Gefühl.”

“Gefühle kistenweise. Und es sieht blendend aus. Nur, das Gefühl steht niemanden.”

“Eben. Das nennt sich Lebensqualität. Dinge sich anzueignen, welche man nicht braucht, mit Mitteln, die man nicht hat, um Leuten zu imponieren, die man erst recht nicht leiden kann.”

“Ja, der letzte Schrei als einzige Konstante im Wandel. Schreie verschwinden und gehen vorbei. Ewigkeiten kommen und gehen. So wie Sonderangebote bei Amazon. Immer auf den letzten Drücker, zum Sonderpreis als Ramschware. Rudis Resterampe als Lebensmotto der eigenen Kommunikationfähigkeit. Schreien ist laut. Flüstern leise. Wer flüstert, der lügt. Wer stille Post betreibt, betrett seit Jahrhunderten Niemandsland.”

Mein Blick wandert vom einen zum anderen, dann vom anderen zum einen, und dann wieder vom einem zum nächsten. Mir schwant, ich bin nicht mehr in meiner Firma, sondern auf einem Kongress der Kommunikationswissenschaftler. Und Kommunikationswissenschaftler sind dieZukunft der medialen Welt. Ohne Kommunikationswissenschaftlergerät man von einem Shitstorm-Regen in eine Shitstom-Traufe. Und wer Kommunikationswissenschaftler ist, der sagt dir auch, wie man seine eigene Marke am besten und schnellsten versenkt. Und dabei noch ordentlich klasse Kasse macht.

“Ich würde das Unausgesprochene nicht unausgesprochen lassen.”

“Wie belieben?”

“Was du nicht weißt, was ich dir sagen will, kann du nachher nicht mehr als Unwissenheit erklären.”

“Nur wenn alles Unaussprechliche ausgesprochen wird, wo bleibt dann noch der Schutz der Privatsphäre. Manches muss unausgesprochen bleiben.”

“Voldemort.”

“Oder 42. Der Sinn des Lebens.”

“Oder das unser Vorgesetzte weder das eine, noch das andere verkörpert.”

“Du solltest deine Gedanken zügeln. Das darfst du so nicht sagen.”

“Nicht? Okay, aber dann doch vielleicht noch ein Pfefferminzplättchen?”

“Dann lieber doch zur Kreuzigung. Gut. Durch die Tür hinaus, zur linken Reihe, jeder nur ein Kreuz.”

“Oh ja. Wenn es die Kreuzigung nicht gäbe, wäre dieses Land in einem solchen Zustand … .”

“Pöser Purche!”

Der Tisch wälzte sich vor Lachen in Erinnerungen.

Als das Kind Kind war, wusste es nicht, dass es Kind war, alles war ihm beseelt, und alle Seelen waren eins. Handke. Literaturnobelpreisträger. Zitiert aus dem Film “Der Himmel über Berlin”. Darf man das noch zitieren? Darf man Handke noch zitieren?

“Ich sag es mal so, über uns herrscht eine Phalanx aus Vorgesetzten. Die investieren 75% ihrer Arbeitszeit in Status-Quo-Erhaltung und den Rest in Arbeitsinhalte.”

“Na, jetzt redest du aber wie ein Kommi. Den Kommunismus in seinem Lauf halten immer nur Kommunisten auf. Ergo, manisch ineffektiv. Bewiesen im letzten Jahrhundert. Mehrfach.”

“Geht nicht. Kommi-Klassifikation ist total vorbei. Denn dann hätte unsere Phalanx zumindest einen 5-Jahres-Plan. Aber die haben nur ihre Daseins-Berechtigung, wenn sie als Krisenmanager reüssierten.”

“Re-Ü-was?”

“Erfolg! Erfolg als Konsequenz von Leistung. Und Leistung in einer Leistungsgesellschaft muss sich bei uns lohnen. Das heißt, wer sich was leistet, wird belohnt. Flughäfen im Planungs-Soll zu eröffnen oder Versprechen zu realisieren, das kann jede Sau. Aber man muss das Undenkbare denken. Und nicht lang lachen. Einfach machen. So etwas nicht zu schaffen oder nicht zu erfüllen, dass musst du dir erstmal leisten können.”

“Das kann ich auch. Locker vom Hocker.”

“Nur gehörst du nicht zur Phalanx.”

“Nein, aber zur römischen Schildkrötenformation oder zu den im Hinterland rekrutierten Männern für das Kanonenfutter von Verdun.”

“Ich sag ja, du bist ein elender Kommi.”

“Steht etwa auf meiner Stirn ‘Mir doch egal’ ?”

“Keine Ahnung, aber auf der Weihnachtsfeier so gegen die eigene Firmenpolitik zu lästern, dann biste hier falsch.”

“Lästere ich nur, weil wegen paar Dutzend Hundert Betrügern in der Dieselindustrie eine positive Motorenentwicklung und deren Industrie momentan den Bach runter geht und Arbeitslose erzeugt?”

“Was willst du? Hat man in der Bankenkrise vor zehn Jahren die Betrüger tausendfach eingebuchtet? Hat man die Pleite von Thomas Cook jemals auf das spielsüchtige Pokern der Hedge-Fonts zurück geführt? Nur Uli Hoeness wurde Opfer seiner Spiel- und Wettsucht. Aber auch nur, weil jener den Staat mit seinen verbrieften Steuernabgaben außen vor ließ und ignorierte. Er ging nicht in die Landsberger Festung, weil er spielsüchtig war.”

“Stimmt. Die anderen Loser gingen leer aus. Die kriegten noch nicht mal Wasser, Brot und Weißbier in einer Notunterkunft, weil wir sparen müssen. Ist Spielsucht eigentlich eine anerkannte Krankheit? Ich meine, von jedem HIV-Erkrankten mit Sex-Libido verlangt man doch lebenslange Einzelhaft. Aber Alkohol und Zocken werden nie wirklich aktiv bekämpft. Aber Hauptsache, der Ehepartner oder Lebensabschnittspartner vögelt nicht fremd und wird nicht außerhalb der Familie der Pädophilie überführt.”

“Du wirst unsäglich unsachlich. Ekelig! Wundere dich nicht, dass bei so einer Einstellung niemand mit dir reden will. Fremdgehen und ein wenig Zocken sind zwei verschieden Sachen. Und HIV, Clamidien und Ebola sind bedrohlicher als diffuse Gestalten mit halbgefülltem Pils-Glas am Spielgeldautomaten. Und von der Börse profitieren wir letztendlich alle.”

“Und? Lebst du auch fair? Ich meine so in Richtung Fairtrade?”

“Ich versuche es. Ich finde es unerträglich, wenn in Pakistan Kinder Nike-Socken oder KIKA-Kleidung für eine Handvoll Cents stricken müssten.”

“Schaffst du es, 1% von deinem Leben in Fair-Trade-Produkte zu investieren? Ich nicht. Aber ich finde es okay, wenn ein Kind ein paar Cent verdient, statt in einer naßkalten, dunklen Behausung hungernd mit ein paar Steinbrocken die WM 2018 in der Ersten Welt vom Hören-Sagen hustend und hungernd nachspielen zu müssen. Das ist doch grausam. Da hat das Kind dann doch eine sinnvollere Beschäftigung, wenn es Kleider schneidert, nicht wahr. Besser als überhaupt keine Tätigkeit und tätigkeitslos dahin vegetieren. Das will selbst hier in unseren Breitengraden niemand.”

“Du bist ein elender, verkappter Kommi! Träumer! Gutmensch!”

“Naja, dann bin ich Kommi. Aber du als Kapitalist, oder besser Neoliberaler-Kapitalist mit Deregulierungsphilie, findest es besser, dass in Billiglohnländern die Komponenten deines PKWs erzeugt werden, damit du ihn dir leisten kannst. Oder deine Sneakers, Jeans, Jacken oder so. Weil hier beklagst du dich über zu hohe Lohnkosten, die dir die Produkte unerschwinglich machen würden.”

“Das ist hier eine Weihnachtsfeier! Du schaffst nur Unruhe und Unfrieden durch deinen Mist!”

“Und ehrlich, erst jetzt verstehe ich Dieter Nuhr, wenn dieser Karl Dall für Arme meint, dass ein Kampf gegen den Klimawandel schwerwiegende Krisen und Weltkriege hervorrufen könnte. Da hat er wohl Recht. Wer will schon für normale 08/15-Schuhe statt 50 Euro das Doppelte zahlen, wenn dann der eigene Lohn sinkt. Was nützt einem der Porsche Cayenne für 7.500 Euro, wenn durch konsequente Lohnsenkung der Monatslohn nur noch 500 Euro beträgt, wovon man 75% an Lebenshaltungskosten abziehen muss. Da werden Leute rebellisch, dass heißt Revolution. Wobei: Revolution heißt, Aufbegehren der Unteren gegen die Oberen. Oder wie es für Leute von hier und heute heißt: Terrorist.”

“Dein ‘Karl Dall für Arme’ hatte einmal ganz treffend zu Leuten wie dir gesagt: ‘Wenn man keine Ahnung hat, einfach mal Fresse halten.’ Der Satz war bis vor paar Jahren noch bei dessen heutigen Kritikern ein bibelgleiches Gebot. Die größten Kritiker der Elche sind heute selber welche!”

“Stimmt. Nicht jeder schafft das erste Staatsexamen, um Lehrer werden zu dürfen. Das hat der Nuhr sich geleistet und jetzt hat er die offizielle Lehramtsstelle für alle ohne Schulabschluss in der Öffentlichkeit erobert. Quasi von unten übers Gymnasium und Uni auf die Bretter, die die Welt bedeuten. Und eben letztere hat er sich auf die Stirn genagelt, um Deutschland zu beglücken.”

“Was hat er sich genagelt? Die Welt?”

“Nein, eher das andere.”

Ich zutzle an meinem Weißbier und schlürfe meine Weißwurst vor mir in seinem Weißwurstsenf. Wie gerne wünschte ich mir beim Zuhören das Weiße weg. Es bliebe übrig: Bier, Wurst und Senf. Und von der bayrischen Flagge nur das Blaue vom Himmel.

Versprochen. Kein Weißes im Auge würde mehr stören. Und aus den grauhaarigen, weißen Männern würden nur grauhaarige Männer übrig bleiben, welche aussähen wie Morgan Freeman oder Samuel L. Jackson heute. Oder Schäuble, Seebacher-Brandt oder Seehofer. Oder so. Und nicht wie Scheuer, Söder oder Schröder, künstlich auf ungrau für-immer-jung gefärbt.

Ich erhebe mich und wünsche allen einen schönen Restabend. Bier, Wurst und Senf sind mir Wurscht.

Weiß eigentlich die Welt, dass Wiener aus den Resten von bayrischen Leberkäs zusammengesetzt werden? Und was von den Resten der Wiener Deutschlandweit übrig bleibt, kommt dann in den bayrischen Leberkäs. Ja, so ist der nachhaltige Kreislauf. Und seit dem Döner-Skandal, ist ja inzwischen bekannt, dass eine der Döner-Erzeugungszentren für Berlin in Bayern liegt. Die nehmen dann die Reste der gut gewürzten Dönerspiesse und füttern die wiederum in den Leberkäs. Eine unerschöpfliche Quelle des Wiener- und Leberkäsfrohsinns.

So ist das auch mit den bayrischen Noagerl des Oktoberfestes. Bekanntlich werden diese jeden Abend kurz vor Mitternacht  in Fässern zusammengeschüttet, von einem Vergeistigten gesegnet und nach Köln als Kölsch verschickt. Die Kölner verwerten dies dann im Karneval und der Rest davon kommt zurück nach München und wird später auf dem Oktoberfest wieder in Maßen ausgeschenkt, wo dann die Noagerl …

Ein ewiger nachhaltiger Kreislauf. Nur hin und wieder müssen dann deutsche Landwirte ihre Ernte diesen beiden Städten zur Verfügung stellen, damit er Verlust mit Frisch-Gebrauten ersetzt wird. Oder es wird ne Sau geschlachtet, die zuvor durch irgendein Dorf getrieben wird, damit die vegetarischen Döner-Spieße nicht so fleischlos daher kommen und die Wiener-Leberkäs-Connection nicht trocken wird.

Hauptsache, der Verbrauchende hat beim Essen und Trinken seinen alloholinduzierten, sättigenden Spass, woll. So wie in Mittelwest-Deutschland wie in Südost-Deutschland. Ganz ohne Brot und Spiele.

Hauptsache es ist ess- oder trinkbar und lässt sich in Senf versenken. Gott, wir sind dir dankbar für diesen unerschöpflichen Rohstoffkreislauf, der uns mit Stoff bei Weihnachtsfeiern versorgt. Und dank an unseren legalen Dealern, dass die unser Essen und Trinken immer wieder aufpimpen …

Warum klappt das nur nicht bei der Energieversorgung? Herrschafftszeiten, lasst Phantasie für Arme regnen!

In den Ohren isoliert mich das orchestrales Arrangement eines Liedes von einer der zusammen gecasteten, erfolgreichen Girl-Bands der End-90er von der Außenwelt. Neun Quadrate, zwei Gegenspieler, einer setzt die Kreuze, der andere die Kreise. Ein Spiel, was keiner verlieren kann, wenn man weiß, wie es geht. Tic Tac Toe. Warum? Es ist das Lied der Verzweiflung einer ehemaligen Girl-Band über eine verlorene Freundschaft, welche von Außen zerstört wurde, weil einer der beiden Freunde sich dabei verlor. Warum? “Warum Score 1” ist die orchestrale Version ohne viel Worte (hier oder hier oder Verlinkung auf Youtube-Video).

Die Straßen sind erleuchtet, die Gedanken irrlichtern zwischen den Lichtern der Straße in meinem Kopf. Die Stimmung ändert sich angepasst am Licht, das Lied wechselt. Über mir erstreckt sich ein silberner Mond und Silbermond feiert den Mensch und die Unterschiede und Kritiker krakeelen: Was wollen die Hippies nur?

Reichtum, der für alle reicht? Im Rhythmus des Liedes von Silbermond gibt meine Körperhülle den Resonanzkörper für mein Summen: “Alle Hände in die Luft für die Musik, für den Frieden. Mann, entspann dich, ich träum‘ ja nur …”

Weihnachtslichter und Straßenlaternen säumen meinen Weg.

Im Försterhaus die Kerze brennt.
Ein Sternlein blinkt: Es ist Advent.

Des Deutschen Volkes Recht auf Selbstverstümmelung

In einem Bus von A nach B in diesem Land erklingen harmonisch angeregte Diskussionen. Diskussionen? Deutsche Diskussionen. Harmonisch?

“Guten Abend, auch du politischer Banause. Wir können hier richtig deutsch diskutieren, richtig deutsch. Wir haben Verbandszeug im Hause.” (Wolfgang Neuss)

“Das wird man wohl doch noch sagen dürfen!“

“Was denn?”

“Was Sie mir versuchen, mit ihrer Nazikeule zu unterbinden?”

“Sie meinen also, Nazis dürfe man nicht mit Keulen niederschlagen?”

“Keulen sind sowas von Neandertal! Barbarisch! Geht gar nicht!”

“Geht als Alternative auch Gas? Ich kann mal bei Bayer anfragen.”

Das Gespräch war auf Null. Von Januar Tausendneunhundertdreiunddreissig auf Null in weniger als einer Zehntel Sekunde. Kein Grund, die Redaktion von dem “Guinessbuch” anzurufen. Auf bestimmten Parteiversammlungen – nicht nur in Deutschland – werden immer Weltrekorde gebrochen, so dass die Redaktion vom “Guinessbuch” gar nicht mit dem Tippen nachkomme dürfte. Aber darf man das sagen? Wird man das noch sagen dürfen?

Natürlich nicht! Weil diejenigen, die das politisch Korrekte als politisch Unkorrekte anprangern, den Maßstab ihres Denkens beim letzten Vollrausch der eigenen Selbstbesoffenheit neu kalibriert haben. Fast so wie die Haschisch-Abhängigen. Dabei geht unsere Gesellschaft am gepflegten Alkoholismus der Darf-man-doch-wohl-noch-sagen-Brauerei zu Grunde. Friday-for-Future-Bashing a la Dieter Nuhr oder die Anklage an die Sonne für deren respektlose Wärmestrahlung a la AfD, Selbstbesoffenheit ist die neue institutionalisierte Ich-AG dieser offen geschlossenen Gesellschaft. Wer nicht mindestens 0,8 Promille von fremdinduzierten Giftstoffen übers Blut ins Hirn aufgenommen hat, der gilt als politisch inkorrekt und nicht gesellschaftsfähig. Einem gewissen gesellschaftsfähigen Prozentsatz wurde inzwischen schon den Führerschein entzogen. Allerdings nur aufgrund von alkoholinduzierter Besoffenheit auf E-Scootern während des Oktoberfests. Das sollte Bedenken hervorrufen, was aufgrund nicht-alkoholinduzierter nationaler Besoffenheit uns bedroht.

Führer-Schein. Welche Ambivalenz. Führerschein entziehen. Nun ja. Geht hier ja gar nicht, woll. Freie Fahrt für freie Bürger. Über Leichen, Stock und Stein. Freiheit kann so einfach sein.

Und der Rest der Selbstbesoffenen rennt weiterhin durch die Welt und salbadert von dem “Sündenfall der politischen Korrektheit”. Warum? Weil der Virus deren Hirne mit dem ‘Das-wird-man-doch-wohl-noch-sagen-dürfen’-ismus versetzte hat. Ja, freilich, behaupte ich auch, gleich im nächsten Satz: ‘Das wird man wohl noch sagen dürfen’. Demokratisch sein heißt, dass du alles sagen darfst. Demokratisch sein, heißt, dass eine Ansicht auch vor dem Pult des Richters vertreten und nachher unter dem Vorbehalt gesiebter Lust ertragen werden darf, wenn Grenzen der Meinungsfreiheit über Bord im Namen jenes “ismus” geworfen werden.

In einem Bus von A nach B in diesem Land erklingen Gespräche. Und ich setzte mir meine Ohrstöpsel ein und schalte ab. Lasse doch reden. Mein Nachbar wirft noch ein:

“Verlass dich darauf, wir werden das sagen dürfen. Meinungsfreiheit kommt. Eines Tages steht sie auch vor deiner Tür.”

“Dann bin ich nicht zu Hause, wie deren bekloppte Mehrheit auch. Wie schade, wenn dann niemand da ist und niemand dann solche Perversion rein lässt, woll.”

“Falls du dann nicht zu Hause bist. Kann keiner was machen, wenn du angesichts der Meinungsfreiheit emigrierst.”

“Keiner tut gern tun, was er tun darf. Was verboten ist, das macht uns gerade scharf.”

“Wie?”

“Sagte Wolf Biermann, kurz nachdem er einer Diktatur entfloh?”

“Diktatur der Kommunisten!”

“Hast Recht, Gehirnpygmäe.”

“Wie?”

“ ’Es genügt nicht nur, keine Gedanken zu haben, man muss auch unfähig sein sie auszudrücken.’ Und. ‘Clausewitz sagte: ‚Der Puff ist die Fortsetzung der Politik mit anderen Mitteln‘. ‘Wir alle, lügen wir nicht, wir alle hoffen darauf, im Kopf irgendeines deutschen Staatsmannes einen Strohhalm zu finden, an den wir uns klammern können’ .”

“Karl Marx?”

Ich schwieg. Es war ein weiteres Zitat von Wolfgang Neuss. 1965. Dann schob ich ich ein weiteres Zitat von ihm nach, weil es gerade in meinen Buch auftauchte:

“Unser Schlusswort zum Leben unserer Brüder und Schwestern in der intoleranten, geisttötenden, menschenverachtenden, selbstgerechten Ostzone wird niemals Amen lauten, sondern: nachahmen. “

Ich wurde bis B in Ruhe gelassen. Untypisch für die gängige Parole “Wir sind vielleicht ein Volk” .

Ich korrigiere: Ihr seid vielleicht ein Volk. Volk der Verbandskästen!