Unseren täglichen Ohrwurm gib uns, Leute …

umdada, umdada,
umdada,
uh ah
umdada, umdada,
umdada,
uh ah
umdada, umdada,
umdada,
uh ah
haaaaa, huaaa, huahuaaaa, hhhahahh
haaaaa, huaaa, huahuaaaa, hhhahahh
haaaaa, huaaa, huahuaaaa, hhhahahh
umdada, umdada,
umdada,
uh ah
umdada, umdada,
umdada,
uh ah
umdada, umdada,
umdada,
uh ah

Was das ist?
Nein, nix DADAismus.
Neee, das ist nur ein mistiger Ohrwurm.

Irgendso eine Pommesbude in so einem Fetenfeierviertel Münchens meinte gerade diesen Ohrwurm spielen zu müssen. Und jetzt bin ich schon seit Stunden mit Ohrenwattestäbchen dabei mir den Drecks-Ohrwum aus den Gehörgängen zu pulen. Und es klappt nicht.
Worum es sich hierbei handelt?
Um Roland Kaisers

Santa Maria,
Insel die aus Träumen geboren
Ich hab‘ meine Sinne verloren,
In dem Fieber, das wie Feuer brennt.
Santa Maria,
Nachts an deinen schnee weißen Stränden
Hielt ich ihre Jugend in Händen
Glück für das man keinen Namen kennt.

Was?
Ihr kennt es nicht?
Dann mal hierhin klicken!

Und hier noch das Original der Gebrüder „Oliver Onions“ im Grundton eine halbe Oktave tiefer, dafür im Gesang höher als „Modern Talking“:

Was ist also lieber? Pest oder Cholera?
Die „Heilige Maria“ von „Olivers Zwiebeln“?
Oder der „Schnitzelwagen“-Song von Roland Kaiser („Wittelsbacherstr. 18, 1000 Berlin 31“)?

Apropos „Schnitzelwagen“-Song. Ein Verwandter von „Der weiße Neger Wumbaba“. Wer es nicht weiß, was damit jetzt überhaupt gemeint ist, sollte das Video zu der Zeit-Stelle 0:55 vorspulen und kann dann eindeutig die Textstelle

„den Schnitzelwagen“

identifizieren.
Oder sich das hier herunterladen und in Ruhe mehrfach anhören:

Und das mit dem „Neger Wumbaba“, das ist ein Buch.

Wie gut, dass ich das jetzt für mich gefunden habe.
Das macht das Ohr frei.
So.
Jetzt geht’s mir schon besser …
Ein Ohrwurm weniger.

By the way:
He, noch mehr Wumbaba-Verständnisse hier: Link
:)

Blogereiblockade

Es kommt nichts.
Es kommt überhaupt nichts.
Da sitzt man im Biergarten und wartet auf einen Gedanken. Nur einen einzigen. Für den eigenen Blog.
Aber es kommt einfach nichts.
Doch. Die Bedienung kommt. Und bringt was. Den Mass eisgekühlte Spezie. Aber sonst nichts.

Und dann kam er.
Von der anderen Straßenseite her.
Wie ein Maikäfer.
Wie bei Polt.
Zuerst hat er sich aufgepumpt. Und dann sah ich ihn sich in die Lüfte erheben. Ein wenig unsicher. Nach links, nach rechts schwankend. Aber dann zielstrebig. Die Straße direkt überquerend. Direkt auf mich zu hielt er. Er propellerte sich immer näher. Er hatte den Mittelstreifen erreicht. Ich konnte schon den Odem des Gedanken spüren. Das dumpfe flatternde Geräusch wie er sich näherte. Und dann kurz bevor er den rettenden Bürgersteig erreicht hatte, …

woooooosch

… kam der Porsche. Es machte ein knuspriges Knatsch und der Gedanke zermaschte auf der Windschutzscheibe des schwarzen davonhastenden Porsches.

Und wieder sass ich da und wartete.
In den Bierkrup mit meiner Spezie schaute ich. Und entdeckte nicht den Hauch eines Gedankens.
Luftbläschen sprudelnd spritzend befeuchteten mein Gesicht. Aber kein Gedanke meine Phantasie.
Die feuchten Kohlensäurespritzer meiner Spezie auf meiner Gesichtshaut, das waren wie Wassertropfen auf den heißen Steinen einer Wüste. Darauf konnte nichts wachsen.

Elende Ödnis.
Kein anregender Gedanke weit und breit.
Nicht mal eine holde weibliche Muse lachte mir ins Gesicht.
Nichts aber auch gar nichts.

Und dann diese Musik.
Dieser Ohrwurm.
Und jener Süd-Waliser Paul Potts.
Wahre Blogger kannten den schon, als der gerade seine ersten Töne der Turandot-Arie „Nessun Dorma“ von Puccini hervor quetschte, dann in Folge Publikum und Juroren zu Beifallsstürmen hinriss.
Wahre Blogger mussten beim ersten Ausstrahlen der „Deutschen Telekom“-Werbung nur gähnend schreiben: „Im Westen nichts neues.“

Alle anderen waren beeindruckt und begeistert und schauten zum ersten Mal die Dokumentation im Internet auf Youtube.com an.
Kriegten das Gänsehaut-Feeling nachträglich.
Bei jedem erneuten Schauen.
Und schauten schon bei der Telekom-Werbung schon nicht mehr bis zum Ende, um jenes Telekom-Dschingel mit dem verdammt hohen Wiedererkennungswert, jenes dumme, dumpfe „pling-plimm-pling-plimm-pling“, nicht hören zu müssen.

Die Werbung geht, aber der Ohrwum wird bleiben.
Und weiter sitze ich vor meinem Liter Spezie und versuche „Nessun Dorma“ zu summen, zu klopfen, auf dem Holztisch zu schrammeln. Aber nichts kommt. Nicht einmal die Worte. Aber die Musik, sie rauscht durch meinen Kopf, wie stürmische Wellen an einem einsamen Strand.
Weit und breit kein Mensch.

Allein.
Nur ich und der Ohrwurm.
Und kein Gedanke.
Nicht den Hauch davon.
Nichts für den Blog.

Schaffenspause?
Blogblockade ….

_____

Nessun Dorma

Und weg damit …

Da hatte ich mich gerade an eine neue amerikanische Comedy-Serie erfreut, die erfreulicherweise sogar ohne Lachen aus der Konserve oder Pseudo-Außenaufnahmen lebt, da muss ich lesen, dass sie auch gleich wieder abgesetzt wird.
Es geht dabei um die Serie „Mein Name ist Earl“. Sie handelt von einem Halunken, der das Gesetz des Karmas erkennt und beschließt nur noch gutes in seinem Leben zu tun und all die Halunkereien aktiv zu bereuen.
Die Serie lebt von Situationskomik und vom Wortwitz. Im Deutschen hinkt zwar das ganze ein wenig in der Synchronisation, es ist aber trotzdem ganz gut. Ein wenig erinnert das alles an „Al Bundy“. Es ist aber nicht „Al Bundy“. Es ist einfach „Mein Name ist Earl“.
Ungünstig ist der Sendetermin. Direkt nach Flachwitzreißer Mario Barth und seinen geistigen tieffliegenden Comedy-Volk. Freitag abend auf RTL um 23:30. Wer sich die ermüdenende Barth-Sachen reingepfiffen hat, der wird hilflos auf das reagieren, was da kommt. Denn dazu gilt es einfach, wach zu sein. Ansonsten verpasst man die Hälfte.
RTL hat beschlossen die nächsten beiden Folgen noch zu zeigen und dann stattdessen „Alles Atze“ zu wiederholen.
Der Grund? Fallende Einschaltquoten. Kein Wunder nach der brontalen Barthberieselung.
Tja. Für die wenigen Fans der Serie (gibt es die überhaupt außer mir?) bleibt dann nur danach im Internet zu suchen. Es gibt sie. Schon in der dritten Staffel auf Englisch mit asiatischem Untertitel.

Für weitere Informationen auf Deutsch:
Hier ist eine Fanpage und dort ne weitere Fanpage und den dortigen Foren.

karma

Und jetzt?
Weg damit, RTL!
Zuviel Comedy-Niveau überfordert bekanntlich den Fernsehzuschauer …

Die Mediengesellschaft

Die Wahrscheinlickeit, etwas Außergewöhnliches durch die Zeitung zu erfahren, ist weit größer als die, es zu erleben.
Mit anderen Worten: im Abstrakten ereignet sich heute das Wesentliche und das Belanglose im Wirklichen … .

Aus dem unvollendeten Werk „Der Mann ohne Eigenschaften“ von Robert Musil (geschrieben im Jahre 1932)

Der große Selbstbetrug

Er ist der wirklich wahre Sohn unseres Ex-Großkanzlers.
Locker bewältigte er das, was unter MS-WINDOWS als „Multitasking“ bekannt wurde, von Frauen aber schon seit Jahrtausenden praktiziert sein soll: des Großkanzlers beide Söhne ersetzend, Trauzeuge spielend, Chefredakteur seiend, Fotograf und Reporter in einer Person vereint. Zu solch einer Großtat ist lediglich ein großer Journalisten bei dem historischen gewesenen Großkanzler in einer großartigen Zeit fähig:

Herr Kai Diekmann.

Und Herr Kai Diekmann ist nicht nur Journalist oder lediglich Chefredakteur, nein, er ist auch ein Essayist von Gottes Gnaden in der Tradition eines Michel de Montaigne oder eines Sir Francis Bacon.

Hierzu muss man wissen, dass im Gegensatz ein Autor eines Traktates oder der Autor einer wissenschaftlichen Abhandlung der Schreiber eines Essays (eben jener Essayist) auf objektive Nachweise und definitive Antworten verzichtet.

So schrieb also Herr Kai Diekmann seine ur-eigensten Gedanken zur deutschen Bevölkerung in dem Buch „Denkanstöße 2009“ (Piper Verlag). Dieser Essay ist gewissermaßen der destillierte Klassiker seines Buches „Der große Selbstbetrug“.

Eindringlich warnt Herr Kai Diekmann in dem Essay immer wieder davor, dass wenn überhöhte moralische Standards das politische und gesellschaftliche Handeln bestimmen, es zu einem Selbstbetrug führt. Um es gleich zu sagen, damit meint er freilich weder christlich demokratische noch christlich soziale moralische Standards. Sondern er meint vielmehr, dass uneigennütziges Handeln kein Wert an sich und „gut gemeint“ allein eben nicht „gut“ sei. Und eine Antwort sei eben deshalb nicht falsch, weil sie auf der Hand liege. Eben dieses sage schon der gesunde Menschenverstand, wenn wir ihn nur lassen würden.

So denkt zumindest der 44-jährige Herr Kai Diekmann mit seinen Denkanstößen für das Jahr 2009, wenn er 45 sein wird.

Ja, damals wäre dieses Land noch arm gewesen und das Leben hart – so räsoniert weltmännisch der 1964 in Bielefeld geborene Ostwestfale (da wo das Leben noch immer hart ist, trotz dortigen Wohlstand und intensiven langjährigen Konfetti-Werf-Trainings während den Karnevalszeiten) – und idealistische Träumereien einiger weniger wären kein Problem gewesen.
Aber heute?
Verständniswahn, wohin der Herr Kai Diekmann auch schaut. Und es schaudert ihn. Pures Entsetzen schüttelt ihn über jahrelang betriebene Verharmlosung von Multi-Kulti, vorsätzlicher Duldung wahlloser Immigration in Deutschland und der schäbigen Aufwertung kommunistischer Regime.

Wir aber besitzen im Luftreich des Traums
Die Herrschaft ganz unbestritten.

, spottete Heinrich Heine als es nach Beendigung des „Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation“ nur den Deutschen Bund und die Habsburger Donaumonarchie gab.

Herr Kai Diekmann sieht den Deutschen schon wieder beim Realitätsverzicht angekommen. Die Büchse der Pandora der Deutschen soll Ende der 60er Jahre geöffnet worden sein und das Schlechte, was aus dieser Büchse entwich, seien die Hoffnung auf Gleichheit, Solidarität und Liebe aller Brudervölker gewesen. Bevor jedoch auch Skepsis aus der Büchse entweichen konnte, wurde sie wieder geschlossen, so Herr Diekmann.
Und seitdem schlagen wir uns also mit Selbstbetrug herum.

Nun. Vielfach waren diese Selbstbetrügereien. Wir glaubten an das Gute und heraus kam dann beispielsweise …

… Milli Vanilli und mit diesem Popduo die Hoffnung, dass deren Gesang und Getanze wahrhaftig sei. Sie sahnten den amerikanischen Grammy Award ab. Biss dann Produzent Frank Farian die Hoffnung zerstörte und der Presse erzählte, dass andere für dieses Popduo gesungen hatten. Das erstaunte Entsetzen war groß. Und die öffentliche Abstrafung dann nicht minders.

… der ehemalige deutsche Immobilienunternehmer Jürgen Schneider und sein „Imperium der Hoffnungswerte“ (wie dessen Richter bei dessen Verurteilung formulierte). Uns blieb die Erkenntnis, dass Schein vor Sein geht, insbesondere bei deutschen Banken. Und dass „Peanuts“ hohe Geldbeträge sind, welche deutsche Banken locker verschmerzen können, wovon ein Kleinkreditnehmer nur träumen kann.

Spendenaffären und die Hoffnung, dass zumindest christliche Parteien aufgrund ihres christlichen Hintergrundes christlich handeln würden. Sogar in einem Koch setzte man die Hoffnung, er würde „brutalst möglich“ in den heimischen Küchen aufklären. Eben dort wo solche Suppen eingebrockt wurden. Aber auch von dieser Hoffnung durften wir lediglich träumen.

… die BILD-Zeitung mit dem Spruch „Jede Wahrheit braucht einen Mutigen, der sie ausspricht“ und der Hoffnung, die BILD-Zeitung wäre mutig. Aber die Hoffnung stirbt bekanntlich bei uns Herrschern des Luftreichs der Träume zuletzt. Und bekanntlich spricht BILD nicht, und Wahrheit ist bei denen so gefiltert wie gesiebte Luft (die Wahrheit ist ein wildes Tier).

Wie Herr Diekmann schon schrieb, die Büchse der Pandora der Deutschen entließ viele Hoffnungen. Zurück und unbefreit blieb die Skepsis.

Neben all diesen lässlichen Sünden einer gefestigten demokratischen Gesellschaft mit BILDungsbürgertum macht sich die Hoffnung breit, dass das kommunistisch-kapitalistisch-diktatorische System in China uns wenigstens authentisches zur Olympiade fernsehtechnisch anbieten würde.

Aber nein. Es erscheint als hätten die lediglich eine Kopie unserer hoffnungsvollen Lässlichkeit im Angebot.

Zur Eröffnung bieten die uns mit Lin Miaoke ein Milli-Vanilli-Plagiat an. Mit dem Reinschneiden von computernachbearbeiteten Feuerwerkexplosionen in die Eröffnungsshow wollen die als „Imperium der Hoffnungswerte“ erscheinen und in Sachen Bestechung sollen die unseren christlichen Standartenträgern in nichts nach stehen. Bewiesen ist zwar nichts, und niemand weiß genaues nichts. Zumindest ein Amerikaner wurde von einem Chinesen bestochen und verblutete.
Fakt ist, dass in China staatlicherseits Bestechung auch mit dem Tode bestraft wird. Der chinesische Mörder sparte Prozeßkosten und beging aufgrund seiner druchgeführten Bestechung im vorbeugenden Gehorsam Selbstmord.

q.e.d.

Es drängt sich mal wieder der Eindruck auf, die Chinesen bieten nichts eigenes. Oder doch nicht? Etwa Hoffnung?

Ich stöbere im BILDeigenen Olympia-Blog und erhoffe mir, mutige BILD-Journalisten, die live aus China die Wahrheit aussprechen. Dort, wo die BILD-Reporter bloggen: „garantiert unzensiert“, wie die Seite vollmundig verkündet. „Direkt aus Peking. Direkt aus den Stadien. Direkt aus dem Deutschen Haus.“
Nun ja, in einem Artikel schreibt ein Journalist eine belanglose Rezension über die „China Daily“.
Aber ansonsten?
BILD weiß immerhin jetzt, wo der Ballermann Pekings sich befindet und verkündet wohlgemut und mutig die Wahrheit:

Das China, das wir hier sehen, hatten wir so nicht erwartet. Hier riecht es nicht nach Unterdrückung und Maulkorb. Hier riecht es nur aus der viel zu kleinen Toilette.

Wieder bin ich in einer Hoffung betrogen worden.
Und ich stimme jetzt Hern Kai Diekmann – dem Chefredaktuer der BILD-Zeitung – komplett zu, wenn der anfangs schreibt, dass die Aufwertung kommunistischer Regime schäbig sei.
China nimmt der Herr Diekmann später im Essay allerdings dabei aus – womit es auch klar wird, warum der Bild-Olympia-Blog so handzahm daher kommt:
Länder, die kein Wahlrecht kennen oder kaum Pressefreiheit besitzen, können nach Ansicht Herrn Diekmanns durchaus attraktiv und lebenswert sein, sofern sie nur kapitalistisch organisiert seien. Und als Beleg führt er das chinesische Hongkong und Singapur mit seinem hohen chinesischen Bevölkerungsanteil als Beispiele an.

Ich schlage den Essay von Herrn Diekmann zu und fühle mich wieder einer Hoffnung beraubt:
Dass China als 200% Feindbild für ein kommunistisches Regime taugen könne, war wohl nur eine trügerische Hoffnung.

Gut.
Wir brauchen halt China. Wegen den hiesigen Kaufhausprodukten und den Goldmedailien bei den jetzigen Sommerspielen in China.
Ohne China geht das halt nicht. Warum die Hand beißen, die uns gerade füttert? Wie Herr Diekmann in seinem Essay schrieb:

„Eine Antwort ist nicht deshalb falsch, weil sie auf der Hand liegt.“

Aus der wir uns gerade füttern lassen. Wenn China also die Antwort auf unsere Frage nach dem olympischen Gold ist, dann kann es gar nicht so falsch sein, wenn bei denen nur die Toiletten anrüchig sind. Und nicht deren kommunistisches System.

So denn will ich also verstummen und mit jenem BILD-Blog das El Arenal Pekings ausfindig machen. Wenn dessen Reporter in Kaschemmen versinkt, die er so selbst nach vier Jahren Hamburger Kiez noch nicht kennengelernt hat, dann habe ich alles dort gelesen.
Bis zur bitteren Neige.
Wie „Glas leer!“
„Ganbei.“
Geleert.
Marcel Reich-Ranicki sagte mal, dass ein Buch wie eine Flasche sei. Es käme auf den Inhalt an. Das Buch an sich sei nur Transportmittel für den Inhalt.
Nun, von meinen Hoffnungen auf Inhalt bei Herrn Diekmann bin ich kuriert.

Danke, Herr Kai Diekmann. Sie werden nie Hoffnungsträger für mutige Wahrheiten werden.

… und die Flasche kommt jetzt in den Recyclingcontainer.

Kneipengespräch: Die Keimzelle der Gesellschaft

– Ist das Rauchen hier jetzt eigentlich erlaubt?

Der Wirt sah mich an, grinste und reckte mir seine Hand entgegen.
Ein netter Wirt. In seiner Hand leuchtete mir ein Sargnagel entgegen.
Eigentlich wollte ich ja schon seit dreißig Jahren aufhören zu rauchen.
„Nur eine Zigarette nur. Ich muss ja nicht weiter rauchen“, hatte ich damals in der Raucherecke zu den Größeren gesagt.
Eigentlich.
Ein schönes Wort. Denn es impliziert gleich auch noch, dass es auch das Wort „uneigentlich“ gibt. Eigentlich wollte ich schon lange aufhören zu rauchen. Uneigentlich tue ich das heute noch immer. Das „aufhören wollen“. Und eigentlich schaffe ich es ja auch immer. Nach jeder Zigarette.
Wäre ich Kettenraucher, hätte ich kein Feuerzeug und würde mir vor dem Schlafengehen immer ein kleines Lagerfeuer vor dem Bett anzünden, damit ich am nächsten Morgen gleich aus der Glut mir eine neue Zichte anstecken könnte.
Ich bin aber kein Kettenraucher. Ich besitze ein ZIPPO-Feuerzeug. Allerdings gehen mir inzwischen die hohen Benzinpreise auf den Sack. Da wird das Nachfüllen vom Feuerzeug immer so teuer. Eigentlich sollte ich wirklich aufhören, um Geld zu sparen. Ich könnt ja ganz locker bei anderen mitrauchen.

– Eigentlich könntest du mir jetzt noch ein Kölsch machen.

Ich blicke neben mir. Typisch.
Er nu wieder. Sitzt neben mir und ist schon kurz vor zwei am Kölsch picheln.
An seine Gesundheit denkt der wohl nie.

– Hey, kein Bier vor vier!
– Kölsch ist kein Bier. Kölsch ist Kölsch. Und es immer später, als man denkt. Nur für Kölsch ist es nie zu spät. Eher früh.

Er musste immer recht behalten. Ein elender Rechthaber, dieser Früh-Kölsch-Trinker. Aber wo er recht hat, hat er recht. Also?

– Herr Oberspielleiter, mir auch ein Kölsch.

So saßen wir vor unseren angetrunkenen Kölschstangen und starrten den kleinen Gasbläschen zu, wie die sich eiligst mit dem Schaum vereinigten.
Eigentlich waren alles zwischen uns schon gesagt. Aber uneigentlich …

– Auf meiner Dienstreise war ich in Brasilien. In einem Internet-Forum habe ich dann scherzhaft behauptet, ich würde in São Paulo den Zuckerhut besteigen wollen. Das haben einige mir sogar wortwörtlich abgenommen und behauptet ich sei ein Depp.
– Hm. Und?
– Na, die hatten meine Ironie nicht verstanden.
– Und? Hast du ihn dort bestiegen? Du bist doch sonst so unsportlich. Du müsstest dich ja sowieso dann dort hochrollen. Wenn die da keine schmalen Türen haben, sollte es für dich kein Problem sein.

Nein, so wird das nichts mit der Konversation. Der weiß ja noch nicht mal, wo der Zuckerhut steht. Und außerdem bin ich nicht dick. Höchstens zu klein für meinen Bauchumfang.
Er nahm einen Schluck aus seinem Glas und dreht sich mir etwas seitlich zu.

– Ein Freund hatte mir neulich eine Geschichte erzählt. Ein wenig heftig. Er kam nach Hause und seine Ehefrau hatte starke Schmerzen. Ihre zwei Kinder standen untätig um das Bett herum, während sie nach den Notarzt verlangte.

Hm. Hört sich ja nicht nach fröhlicher Sonntagsgeschichte an. Ich drehte mein Glas und hörte ihm zu.

– Er rief den Notarzt und erfuhr von seiner Frau, dass die Kinder schon seit einer halben Stunde untätig herum gestanden hätten. Seine Frau musste dann direkt ins Krankenhaus. Magendurchbruch. Das eine der beiden Kinder ging mit seinem Vater täglich hin. Aber der andere, der wollte nicht. Der sagte lediglich, dass er nicht wüsste, was er dort im Krankenhaus tun solle. Er könne doch eh nichts für seine Mutter tun. Der Sohn der Mutter sagte das. Unglaublich, nicht?
– Ist er hingegangen?
– Nein. Als sein Vater meinte, der Junge wäre doch sicherlich auch froh, wenn er nicht allein gelassen würde, wenn er krank sei. Darauf entgegnete der nur, er wäre noch nie im Krankenhaus gewesen. Zudem hätte es ihn – seinen Vater – nicht zu interessieren, was er tue und was nicht.
– Und? Isser jetzt obdachtlos?
– Nö.
– Hätt‘ ich dem aber gegönnt, wäre er rausgeschmissen worden. Muss ja seinem Vater auch nicht interessieren, ob grauer Asphalt hart ist …

Die Welt ist schon turbulent. Und immer wieder passiert was unvorstellbares.
Es gibt nichts, was man sich nicht denken könnte.
Vielleicht ist es aber auch so, dass das Denken erschafft? Wie heißt es bei Dürrenmatts „Die Physiker“: „Was einmal gedacht wurde, kann nicht mehr zurückgenommen werden.“
Das Undenkbare wird denkbar. Am Anfang war das Wort und durch das Wort wurde die Welt erschaffen, heißt es in der Populärübersetzung der Bibel.
Und wenn es entdeckt wird, dass das Undenkbare geschehen ist, dann ist das Geschrei groß und erschafft noch viel mehr Undenkbares.
Als in der Münchener U-Bahn Jugendliche einen älteren Mann fast tot geschlagen hatten, da war das Entsetzen groß. Die Worte „Jugendkriminalität“ und „Ausländerkriminalität“ liefen die Medien rauf und bestimmten Politikern wie Honig runter.
Als dann kurze Zeit später sich ein Rentner von fröhlichen Jugendlichen urplötzlich bedroht fühlte und dann einen Jugendlichen vor die einfahrende U-Bahn schubste, da wartete ich nur noch auf den Leitartikler, der vom eröffneten Krieg der Generationen sprechen würde. Es passierte aber nichts. Politiker diskutierten auch nicht über „Rentnerkriminalität“ und ob man die „Renten“ als Prävention nicht gleich abschaffen sollte. Keine Renten, keine Rentner, keine Rentnerkriminalität mehr.

Aber da hatte ich mir wohl zuviel vorgestellt. Meine Worte erschaffen noch längst keine Wirklichkeit. Und von Realität ganz zu schweigen. Oder umgekehrt. Oder zugleich. Bin ich Gott?
Egal.

– Meinen Freund hatte diese Kälte überrascht. Denn der Junge hatte ihm schon mal erklärt, dass, falls jemand die Familie angreifen würde, er würde für sie kämpfen.
– Dessen Verhalten verwundert mich nicht.

Er sah mich verwundert an und ich nahm ein Schluck aus dem drogenhaltigen Geistesvernebler, das alle nur „Kölsch“ nennen.

– Wieso verwundert dich das nicht?
– Weil es unserer Gesellschaft entspricht. Wird die Gemeinschaft angegriffen, dann verteidigt sie sich. Bis zum letzten Blutstropfen. Aber kommt die Gefahr von innen, dann ist der Einzelne der Gemeinschaft hilflos. Er kann einfach nichts tun, weil ihn ja in der Gemeinschaft nichts bedroht. Ohne Bedrohung der Gemeinschaft kein Kampf. Das funktioniert so in der Familie, in der Schule, auf der Straße, im Staat. Greift jemand die Familie an, dann wird diese verteidigt. Wie oft habe ich schon den Satz gehört „Packt jemand einen meiner Familie an, dann mach ich den tot, ich schwöre“. Es ist ja auch einfacher die Gefahr von außen zu bekämpfen als die Gefahr von innen.
– Hm.
– Ich garantiere dir, würde jemand von außen das deutsche Gesundheitswesen angreifen, beispielsweise eine Art Hedge-Fond, dann wäre dieser unser Staat und seine Politiker richtig wehrhaft. Und die Bürger würden alles für ihr Gesundheitswesen unternehmen, dafür kämpfen. Aber wenn die gleichen Politiker, die alles verteidigen wollen, alles im Innern demontieren, dann regt sich nicht viel. Das wird fast gleichgültig hingenommen. Man sagt ja uns auch dauernd, dass es so sein muss.
– Die Gleichgültigkeit?
– Die auch. Weil in Deutschland ist Ruhe ja immer noch erste Bürgerpflicht.
– Was du da plapperst, erinnert mich an einen Baum. Der ist gegen Wind und Wetter wehrhaft. Aber vermodert der innerlich, dann bricht er bald. Dann fällt die stolze deutsche Eiche, an der sich jede Sau umsonst gerieben hatte.
– Mir sind die Amazonas-Riesen lieber als jene mickrigen deutschen Eichen.
– Aber an denen reiben sich inzwischen auch schon zuviel Säue. Mit deutscher Wertarbeit „Made by Stihl“ bereiten die denen den Garaus. Solange man gut verdient und nicht eine Gruppe von außen angreift, klappt doch sowas ganz passabel. Verteidigung ist nicht zu erwarten.
– Wenn die Armen ärmer werden und die Reichen reicher, dann ist das auch nicht so wichtig, wenn es von innen her kommt. Würde es von außen her kommen, dann wäre ein Zetermordio und ein Hauen und Stechen hier in Deutschland gegen den Feind, der die „Familie“ angreift. Aber das haben wir ja nicht. Die Armen sind ja selber an ihrer Armut Schuld. Sie arbeiten ja nicht wirklich richtig. Sagen die, die deren Armut festlegen.

Sein Grinsen ließ mich im Redefluss stocken. Er hatte plötzlich was schelmisches an sich. Und irgendwie hatte ich die Befürchtung dieses schwere Sonntagsgespräch würde in seichteres Fahrwasser stranden.
Er schaute mich grinsend an, während er zwei weitere Kölsch orderte.

– Ist ja auch klar. Nicht jeder erbt reich oder kann erster Klasse nach Lichtenstein fliegen. Und schon allein sowas zu organisieren, ist verdammt harte Arbeit. Weiß eigentlich ein Armer, wie teuer so ein privates Schwimmbecken in den eigenen vier Wänden ist? Die Unterhaltskosten? Der tägliche Wasserwechsel? Das Aufheizen auf 36°? Und dann die Küddel der eigenen Kinder rausfischen müssen? Oder jemanden finden, der so eine Drecksarbeit macht? Das ist nicht einfach. Davon macht sich ein Armer kein Bild, wieviel sowas kostet, wieviel man dafür arbeiten muss. Und dann noch all die vielen Biergläser, Sektflöten und Cocktails, die die Reichen in ihrer Freizeit per se vernichten müssen, damit man im Gespräch bleibt.

Der Wirt stellte uns zwei neue Stangen hin.
Wir prostete uns zu und ich ließ mir danach durch den Kopf gehen, dass wir wohl möglich gerade einem Reichen von seiner Last befreiten, in seiner kostbar teuren Freizeit sich um unsere Kölsch zu kümmern.
Besser ist das.
Nicht für so einen, aber für uns.

Hm.
Das Gespräch war abgestorben.
Stille machte sich breit, die die neuerliche Leere unserer Kölschstangen füllte.
Ob ich ihm jetzt nochmals von meiner Erstbesteigung des Zuckerhuts in São Paulo erzählen sollte?