Der große Selbstbetrug

Er ist der wirklich wahre Sohn unseres Ex-Großkanzlers.
Locker bewältigte er das, was unter MS-WINDOWS als „Multitasking“ bekannt wurde, von Frauen aber schon seit Jahrtausenden praktiziert sein soll: des Großkanzlers beide Söhne ersetzend, Trauzeuge spielend, Chefredakteur seiend, Fotograf und Reporter in einer Person vereint. Zu solch einer Großtat ist lediglich ein großer Journalisten bei dem historischen gewesenen Großkanzler in einer großartigen Zeit fähig:

Herr Kai Diekmann.

Und Herr Kai Diekmann ist nicht nur Journalist oder lediglich Chefredakteur, nein, er ist auch ein Essayist von Gottes Gnaden in der Tradition eines Michel de Montaigne oder eines Sir Francis Bacon.

Hierzu muss man wissen, dass im Gegensatz ein Autor eines Traktates oder der Autor einer wissenschaftlichen Abhandlung der Schreiber eines Essays (eben jener Essayist) auf objektive Nachweise und definitive Antworten verzichtet.

So schrieb also Herr Kai Diekmann seine ur-eigensten Gedanken zur deutschen Bevölkerung in dem Buch „Denkanstöße 2009“ (Piper Verlag). Dieser Essay ist gewissermaßen der destillierte Klassiker seines Buches „Der große Selbstbetrug“.

Eindringlich warnt Herr Kai Diekmann in dem Essay immer wieder davor, dass wenn überhöhte moralische Standards das politische und gesellschaftliche Handeln bestimmen, es zu einem Selbstbetrug führt. Um es gleich zu sagen, damit meint er freilich weder christlich demokratische noch christlich soziale moralische Standards. Sondern er meint vielmehr, dass uneigennütziges Handeln kein Wert an sich und „gut gemeint“ allein eben nicht „gut“ sei. Und eine Antwort sei eben deshalb nicht falsch, weil sie auf der Hand liege. Eben dieses sage schon der gesunde Menschenverstand, wenn wir ihn nur lassen würden.

So denkt zumindest der 44-jährige Herr Kai Diekmann mit seinen Denkanstößen für das Jahr 2009, wenn er 45 sein wird.

Ja, damals wäre dieses Land noch arm gewesen und das Leben hart – so räsoniert weltmännisch der 1964 in Bielefeld geborene Ostwestfale (da wo das Leben noch immer hart ist, trotz dortigen Wohlstand und intensiven langjährigen Konfetti-Werf-Trainings während den Karnevalszeiten) – und idealistische Träumereien einiger weniger wären kein Problem gewesen.
Aber heute?
Verständniswahn, wohin der Herr Kai Diekmann auch schaut. Und es schaudert ihn. Pures Entsetzen schüttelt ihn über jahrelang betriebene Verharmlosung von Multi-Kulti, vorsätzlicher Duldung wahlloser Immigration in Deutschland und der schäbigen Aufwertung kommunistischer Regime.

Wir aber besitzen im Luftreich des Traums
Die Herrschaft ganz unbestritten.

, spottete Heinrich Heine als es nach Beendigung des „Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation“ nur den Deutschen Bund und die Habsburger Donaumonarchie gab.

Herr Kai Diekmann sieht den Deutschen schon wieder beim Realitätsverzicht angekommen. Die Büchse der Pandora der Deutschen soll Ende der 60er Jahre geöffnet worden sein und das Schlechte, was aus dieser Büchse entwich, seien die Hoffnung auf Gleichheit, Solidarität und Liebe aller Brudervölker gewesen. Bevor jedoch auch Skepsis aus der Büchse entweichen konnte, wurde sie wieder geschlossen, so Herr Diekmann.
Und seitdem schlagen wir uns also mit Selbstbetrug herum.

Nun. Vielfach waren diese Selbstbetrügereien. Wir glaubten an das Gute und heraus kam dann beispielsweise …

… Milli Vanilli und mit diesem Popduo die Hoffnung, dass deren Gesang und Getanze wahrhaftig sei. Sie sahnten den amerikanischen Grammy Award ab. Biss dann Produzent Frank Farian die Hoffnung zerstörte und der Presse erzählte, dass andere für dieses Popduo gesungen hatten. Das erstaunte Entsetzen war groß. Und die öffentliche Abstrafung dann nicht minders.

… der ehemalige deutsche Immobilienunternehmer Jürgen Schneider und sein „Imperium der Hoffnungswerte“ (wie dessen Richter bei dessen Verurteilung formulierte). Uns blieb die Erkenntnis, dass Schein vor Sein geht, insbesondere bei deutschen Banken. Und dass „Peanuts“ hohe Geldbeträge sind, welche deutsche Banken locker verschmerzen können, wovon ein Kleinkreditnehmer nur träumen kann.

Spendenaffären und die Hoffnung, dass zumindest christliche Parteien aufgrund ihres christlichen Hintergrundes christlich handeln würden. Sogar in einem Koch setzte man die Hoffnung, er würde „brutalst möglich“ in den heimischen Küchen aufklären. Eben dort wo solche Suppen eingebrockt wurden. Aber auch von dieser Hoffnung durften wir lediglich träumen.

… die BILD-Zeitung mit dem Spruch „Jede Wahrheit braucht einen Mutigen, der sie ausspricht“ und der Hoffnung, die BILD-Zeitung wäre mutig. Aber die Hoffnung stirbt bekanntlich bei uns Herrschern des Luftreichs der Träume zuletzt. Und bekanntlich spricht BILD nicht, und Wahrheit ist bei denen so gefiltert wie gesiebte Luft (die Wahrheit ist ein wildes Tier).

Wie Herr Diekmann schon schrieb, die Büchse der Pandora der Deutschen entließ viele Hoffnungen. Zurück und unbefreit blieb die Skepsis.

Neben all diesen lässlichen Sünden einer gefestigten demokratischen Gesellschaft mit BILDungsbürgertum macht sich die Hoffnung breit, dass das kommunistisch-kapitalistisch-diktatorische System in China uns wenigstens authentisches zur Olympiade fernsehtechnisch anbieten würde.

Aber nein. Es erscheint als hätten die lediglich eine Kopie unserer hoffnungsvollen Lässlichkeit im Angebot.

Zur Eröffnung bieten die uns mit Lin Miaoke ein Milli-Vanilli-Plagiat an. Mit dem Reinschneiden von computernachbearbeiteten Feuerwerkexplosionen in die Eröffnungsshow wollen die als „Imperium der Hoffnungswerte“ erscheinen und in Sachen Bestechung sollen die unseren christlichen Standartenträgern in nichts nach stehen. Bewiesen ist zwar nichts, und niemand weiß genaues nichts. Zumindest ein Amerikaner wurde von einem Chinesen bestochen und verblutete.
Fakt ist, dass in China staatlicherseits Bestechung auch mit dem Tode bestraft wird. Der chinesische Mörder sparte Prozeßkosten und beging aufgrund seiner druchgeführten Bestechung im vorbeugenden Gehorsam Selbstmord.

q.e.d.

Es drängt sich mal wieder der Eindruck auf, die Chinesen bieten nichts eigenes. Oder doch nicht? Etwa Hoffnung?

Ich stöbere im BILDeigenen Olympia-Blog und erhoffe mir, mutige BILD-Journalisten, die live aus China die Wahrheit aussprechen. Dort, wo die BILD-Reporter bloggen: „garantiert unzensiert“, wie die Seite vollmundig verkündet. „Direkt aus Peking. Direkt aus den Stadien. Direkt aus dem Deutschen Haus.“
Nun ja, in einem Artikel schreibt ein Journalist eine belanglose Rezension über die „China Daily“.
Aber ansonsten?
BILD weiß immerhin jetzt, wo der Ballermann Pekings sich befindet und verkündet wohlgemut und mutig die Wahrheit:

Das China, das wir hier sehen, hatten wir so nicht erwartet. Hier riecht es nicht nach Unterdrückung und Maulkorb. Hier riecht es nur aus der viel zu kleinen Toilette.

Wieder bin ich in einer Hoffung betrogen worden.
Und ich stimme jetzt Hern Kai Diekmann – dem Chefredaktuer der BILD-Zeitung – komplett zu, wenn der anfangs schreibt, dass die Aufwertung kommunistischer Regime schäbig sei.
China nimmt der Herr Diekmann später im Essay allerdings dabei aus – womit es auch klar wird, warum der Bild-Olympia-Blog so handzahm daher kommt:
Länder, die kein Wahlrecht kennen oder kaum Pressefreiheit besitzen, können nach Ansicht Herrn Diekmanns durchaus attraktiv und lebenswert sein, sofern sie nur kapitalistisch organisiert seien. Und als Beleg führt er das chinesische Hongkong und Singapur mit seinem hohen chinesischen Bevölkerungsanteil als Beispiele an.

Ich schlage den Essay von Herrn Diekmann zu und fühle mich wieder einer Hoffnung beraubt:
Dass China als 200% Feindbild für ein kommunistisches Regime taugen könne, war wohl nur eine trügerische Hoffnung.

Gut.
Wir brauchen halt China. Wegen den hiesigen Kaufhausprodukten und den Goldmedailien bei den jetzigen Sommerspielen in China.
Ohne China geht das halt nicht. Warum die Hand beißen, die uns gerade füttert? Wie Herr Diekmann in seinem Essay schrieb:

„Eine Antwort ist nicht deshalb falsch, weil sie auf der Hand liegt.“

Aus der wir uns gerade füttern lassen. Wenn China also die Antwort auf unsere Frage nach dem olympischen Gold ist, dann kann es gar nicht so falsch sein, wenn bei denen nur die Toiletten anrüchig sind. Und nicht deren kommunistisches System.

So denn will ich also verstummen und mit jenem BILD-Blog das El Arenal Pekings ausfindig machen. Wenn dessen Reporter in Kaschemmen versinkt, die er so selbst nach vier Jahren Hamburger Kiez noch nicht kennengelernt hat, dann habe ich alles dort gelesen.
Bis zur bitteren Neige.
Wie „Glas leer!“
„Ganbei.“
Geleert.
Marcel Reich-Ranicki sagte mal, dass ein Buch wie eine Flasche sei. Es käme auf den Inhalt an. Das Buch an sich sei nur Transportmittel für den Inhalt.
Nun, von meinen Hoffnungen auf Inhalt bei Herrn Diekmann bin ich kuriert.

Danke, Herr Kai Diekmann. Sie werden nie Hoffnungsträger für mutige Wahrheiten werden.

… und die Flasche kommt jetzt in den Recyclingcontainer.

8 Gedanken zu „Der große Selbstbetrug

  1. Die Masse an platten Binsenweisheiten, die Herr Diekmann ins gläubige Volk abschiesst, wird allerdings von seiner Gattin noch übertroffen.
    Kommt der echt aus Ostwestfalen ? Das erklärt ja einiges…( sorry, eins meiner gehegten Vorurteile, konnte ich jetzt gerade nicht widerstehen )

    Liken

  2. Zum Glück nur ein Teil – hoffe mal der von diesem Medium bestimmte schrumpft weiter.
    Ich habe nichts gegen einfache Menschen die Gefahr sehe ich nur darin das diese sich, auf ihrem Niveau, nicht unabhängig informieren können da es Alternativen / Meinungsvielfalt ja nur in wenigen Großstädten gibt.

    Liken

  3. „Bestandteil“ nicht „einzige Realität unserer Gesellschaft“. Wir leben nun mal in einer Mediengesellschaft. Von Medien bestimmten Gesellschaft.

    Liken

  4. Die BILD-Zeitung und deren gefilterten Wahrheiten sind Bestandteil unserer täglichen Gesellschaft.

    Es muß da anscheinend irgendwo, in unserem Lande, eine Parallelgesellschaft geben zu der mir der Zugang (zum Glück?) versperrt ist – ich hab‘ allerdings, beim Blick in die Medien, öfter mal den Eindruck das ich in einer etwas anderen Welt lebe.

    Liken

  5. Ja. Man muss ihn kennen. Und man muss wissen, wer das Wort „Gutmensch“ mit Nachdruck geprägt hat und negativ konotiert hat. Nein, ich fand nicht heraus, ob Diekmann seit seiner ostwestfälischen Schulzeit einen Hass auf Brechts „Der gute Mensch von Szechuan“ schiebt und eben darum mit dem Wort „Gutmensch“ versucht unreflektiert und stümperhaft der 68-er Generation als alleinige Schuld in die Schuhe zu schieben. Wie gerne würde er lieber als positiv konotiert das Wort „Gut-Mensch“ verbreitet sehen. Aber da gibt es nur das andere Wort „Guts-Herr“ und das passt so ganz und gar nicht mehr in die urbane Gesellschaft. Und so hat er nach Gutsherrenart definiert, dass „Gutmenschen“ schlechte Menschen sind.

    Um es mal so auszudrücken: Die BILD-Zeitung ist nur ein Teil Diekmanns. Ich beschäftigte mich oben mit dem Ausschnitt aus Diekmanns Buch „Der große Selbstbetrug“ und dem in „Denkanstöße 2009“ veröffentlichten Essay von diesem Herren. Diekmanns Worte. Und Diekmanns Taten, das ist das, was die BILD-Zeitung veröffentlicht. Wer also sich mit Feuchtgebieten beschäftigt, kommt nicht zwangsläufig nur mit Sommer, Sonne, Strand und Meer in Kontakt, sondern auch mit den Sümpfen dieser Welt intensiv in Berührung. Eben womit auch er fleißig herum schlammt und scheint, Menschen vorsätzlich zu verdummen.

    Insbesondere bei der zweiten Hochzeit von Helmut Kohl trat der Mensch Diekmann als Trauzeuge auf und fotografierte und schrieb er fleissig als Reporter für jene Zeitung, der er als Chef vorsteht.

    Ja. Warum ignorier‘ ich diesen Boullevard-Buchstaben-Haufen-Veröffentlicher nicht einfach? Ich kann es nicht. Die BILD-Zeitung und deren gefilterten Wahrheiten sind Bestandteil unserer täglichen Gesellschaft. Ich gehöre dazu. Ich schwebe nicht über allen. Und eben darum beschäftige ich mich damit auch.
    :>>

    Liken

  6. Muß man diesen ‚Kai Diekmann‘ kennen – und wieso beschäftigst du dich mit ‚Bild‘ dachte das wäre nur was für Analphabeten und das du der deutschen Sprache in Wort und Schrift mächtig bist hast du hier ja schon des öfteren bewiesen – kann man ohne Fernglas da unten auf Bildniveau überhaupt was erkennen oder bist du noch so sportlich und kräftig das du dich so tief beugen kannst ohne in Gefahr zugeraten da untem im Schlamm stecken zu bleiben ;>

    Liken

Die Kommentarfunktion ist geschlossen.