Afrika zum Auslöffeln nah (Teil 4 und Schluss)

Da Löw und seine Schildknappen jedoch nicht beim diesjährigen Konföderationen-Pokal-Turnier in Südafrika mitspielen, hat der DFB beschlossen, der Löw solle doch mal mit seinen Mannen in China nachschauen, ob dort ein Sack Reis umgefallen ist. Vielleicht kann er mit seinen Untergebenen auch schon mal afrikanische Verhältnisse mit Eselfleisch in Dosen aus Botswana simulieren.

Unterdessen – man höre und staune – spielt aber Italien beim Konföderationen-Pokal mit und Berlusconi hat sich bislang noch nicht dazu geäußert. Allerdings steht zu erwarten, dass er sich auch solange nicht äußern wird, solange erstens die „Squadra Azzurra“ noch in Südafrika mitspielt und er zweitens noch nicht in Südafrika vor Ort ist.

Dann dort wird Berlusconi sicherlich zuerst die gesunde Bräune der Gastgeber, zweitens die straffe Organisiertheit der Bevölkerung durch private Mittelsmännern in den Townships lobpreisen und letztendlich darauf verweisen, dass in Europa Kinder mordend durch Schulen rennen, im Europaparlament deutsche Politiker mit SS-Rollenpotential sitzen und auf Lampedusa italienische KZs existieren. Also, alles in allem somit ein recht ungesundes Klima für Afrikaner. Afrikaner sollten lieber nach Lybien als nach Italien auswandern.

Und wir, wir werden uns königlich über die Dumpfbacke Berlusconi empören und amüsieren.
Aber Hauptsache, Löw und seine 17 Mannen verlieren im Fußball nicht gegen China und Saudi-Arabien.
Denn dann … ja, dann … dann kriegen wir noch mehr Krise. Dann spricht keiner mehr über die Rezession der Wirtschaft. Sondern jeder sorgt sich darüber, wer denn dann die Suppe für die Qualifikation zur WM in Süd-Afrika auslöffeln soll.
Aber Deutschland kann beruhigt sein. Absolut beruhigt.

Denn wenn alle Stricke reißen, dann haben wir ja noch unseren fränkischen Lothar Nationale, unsere deutsche Matthäus-Passion. Schließlich hat der Lothar Matthäus erheblich mehr Erfahrungen im Scheitern im Trainer-Dasein als Klinsmann und Löw zusammen. Sechsmal im Zwei-Jahre-Rhythmus ist er bislang an Mannschaften gescheitert. Wie Magath. Denn der Magath selber brachte es erst bei seinem siebten Trainerjob zur deutschen Meisterschaft mit Bayern München.

Entbehrungen und Ehefrau, so stellte auch Deutschlands größte Boulevard-Zeitung heute heraus, das seien die Erfolgsgaranten zur Meisterschaft Wolfsburg gewesen.

Gilt diese Regel auch für Matthäus (er hatte inzwischen ja mehr als nur eine Frau), dann ist mit Lodda uns der Weltmeisterschaftstitel noch vor der Eröffnung der WM 2010 in Süd-Afrika nicht mehr zu nehmen. Dank dem erfolgreichen von BILD aufgedecktem Erfolgsgeheimnis eines Felix Magaths. Und niemand – das sei dem Leser hier garantiert – niemand wird dann mehr über Bankenkrise oder gar Rezession reden.
Denn alles wird gut werden.

Amen.

Afrika zum Auslöffeln nah (Teil 3)

Südlich von Botswana, da liegt das Land Süd-Afrika. Süd-Afrika ist ja für uns Deutsche von unabdingbarer Wichtigkeit.
Der Grund?
Im nächsten Jahr findet dort doch die Fußball-Weltmeisterschaft der Herren statt. Da will doch der Herr Jogi Löw mit getreuen Knappen den Fußball-Weltpokal in Empfang nehmen.
Nun, Fußball in Süd-Afrika, das ist uns wichtiger als Flüchtlinge auf Lampedusa oder Eselfleisch in Dosen aus Botswana.

Fußball, das ist unser tägliches Elixier.
Die Frage nach den Geheimnissen des Gekickes von 22 Beinen allein gegen eine Kunstoffkugel gilt es zu klären. Was ist denn nun das Geheimnis für Erfolg?Wie muß so ein Lebensweg aussehen?
Zum Beispiel so?
In Hamburg, Nürnberg, Bremen, Frankfurt und Stuttgart berühmt berüchtigt geworden, in München wegen Erfolglosigkeit beurlaubt, dann nach Wolfsburg weiter gewandert.
Und das alles im Zwei-Jahre-Rhythmus.
Solch einen zeitlichen Verlauf kann nur der Fußball-Sport einem Menschen in dessen Lebenslauf diktieren. Ein typischer Lebenslauf eines flexiblen Wanderarbeiters, der für einen Job immer seinen Lebensmittelpunkt ohne Wenn und Aber einfach so verschiebt. Der selbst Beleidigungen wie „Quälix“ lächelnd überhört. Alle zwei Jahre. Richtig, dieser Wanderarbeiter in Zeiten der tiefen deutschen Rezession, der heißt „Felix Magath“.

Aha, denke ich mir da bei all der Lobpreisung in den Zeitungen, daraus muss du was lernen.
Erfolgsmodell „Magath“.
Ich bin ja selber Schuld, dass ich nicht so bin wie der Magath. Ich bin ja nicht flexibel, wechsle nicht alle zwei Jahre meinen Arbeitgeber und Arbeitsort und will dann zu allem Überfluss noch nicht mal Annehmlichkeiten eines sesshaften Lebens entbehren. So wie der Magath.
Statt eines üppigen Jahressalärs plus Dienstfahrzeug der oberen Mittelklasse fordere ich ja gnadenlos und kompromisslos ein einigermaßen normales Einkommen bei gleichzeitigem Anspruchsdenken, öffentliche Verkehrsmittel einfach so nutzen zu wollen. Bei solch einem unverantwortlich überzogenen Verhalten meinerseits ist es natürlich gerechtfertigt, dass mich die Rezession stärker ängstigt als beispielsweise einen flexiblen und entbehrungsreich lebenden Erfolgsmenschen wie Felix Magath.

Und weil Magath mit Gewinn der Fußballmeisterschaft durch Wolfsburg auch schon weit über seine Verhältnisse verwöhnt wurde, geht der auch gleich freiwillig wieder von dort weg. Immer dahin, wo die subjektiv gefühlte Not am größten und die Geldreserven eines nicht abstiegsbedrohten Vereins ausreichend sind. Diesmal also weiter nach Gelsenkirchen auf Schalke. Und niemand von den Personalchefs fragt ihn dort: „Ja, sagen Sie mal, Herr Magath, sie halten es wohl bei keiner Firma länger als zwei Jahre aus, oder?“ sondern wohl eher „In welcher Farbe und mit welcher Sonderausstattung hätten Sie denn gern Ihren Dienstwagen?“

Jetzt ist es ja nicht so, dass Magath ein Abzocker ist. Das ist der bei weitem nicht.
Aber im Sinne der deutschen Rezession erscheint es normal, dass kein etablierter, alteingesessener Bundesligaverein die Meisterschaftsschale haben wollte.
Schließlich stehen ja noch hehere Ziele an.
Zum Beispiel die Qualifikation zur Weltmeisterschaft in Südafrika.

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Afrika zum Auslöffeln nah (Teil 2)

Wir Deutschländer haben also nicht wirklich „Antipoden“. Da teilen wir das Schicksal Mittel- und Westeuropas. Erst die Chinesen und mittelöstlichen Russen können sich über die Existenz von eigenen Antipoden rühmen. Es sind die Menschen Argentiniens, Chiles, Uruguays, Boliviens und Süd-Perus.

Aber Afrika?
Afrikas Antipoden befinden sich auch mehrheitlich auf hoher See des Pazifiks. Nur Botswana hat eindeutig Antipoden und die sind uns erheblich sympathischer. Es sind die Menschen Hawaiis.
Aloha.

Das heißt jetzt aber nicht, dass sich der Eigentümer seines 50. US-Bundesstaats um seine Antipoden in Botswana liebevoll kümmern würde. Für sowas gibt es kein Naturgesetz. Daher machen es nun mal die Chinesen.

Botswana.
Die Bevölkerung von Botswana hatte im Jahr 1991 eine Lebenserwartung von stolzen 63 Jahre. 13 Jahre später beträgt die Lebenserwartung in Botswana lediglich nur noch 31 Jahre.
„31“ ist inzwischen auch die Zahl, die verwendet wird, wenn es darum geht, den Anteil der HIV-Infizierten zur Gesamtbevölkerung in Prozent darzustellen. Womit sich damit auch die geringere Lebenserwartung erklärt.

Dasjenige Land, welches mit Botswana intensiv Handel treibt und Botswana für sich als touristisches Ziel ausgebaut, ist im übrigen China. Im Gegenzug stellt eines der Hauptexportprodukte Botswanas nach China Eselfleisch in Dosen dar.
Freilich sind es auch Diamanten. Indirekt. Denn der hauptsächliche Diamantenhandel läuft aufgrund der Botswanischen Verträge mit der Firma De Beer noch über andere Märkte.

Nebenbei:
Die Debswana (ein Joint-Venture der Regierung Botswana und der Firma De Beer) hatte von Mitte Februar bis Mitte April dieses Jahres wegen geringeren Nachfrage den Diamantenabbau vorübergehend eingestellt gehabt. Soviel erstmal zum Thema „Weltwirtschaftskrise“ und Kurzarbeit in anderen Ländern.

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Afrika zum Auslöffeln nah (Teil 1)

Kennt jemand einen neuen Anti-Afrika-Witz? Vielleicht gibt es wieder was neues zum körperlichen Abschütteln vom Herren Ministerpräsident Berlusconi? Berlusconi, Italiens „personal manager“, der mit den erklärten Zuständigkeiten für die drei F’s:
Fußball, Fernsehen und Frauen.

Nun, mit Sicherheit hätte sich die Firma „Langnese“ jetzt mit ihrem neusten Werbespruch ihrer Produktreihe „cremissimo“ von den Desserttellern der Berlusconis und Lampedusaner gekickt:

„Afrika zum Löffeln nah.“

Keine Nation aus Europa will Afrika „nah“. Besonders nicht zum Löffeln. Weder zum Auslöffeln, geschweige denn will eine Nation in Löffelchenstellung mit Afrika überhaupt eine Nacht verbringen. Was das europäische Auge nicht sieht, tut schließlich dem kosmopolitischen Herzen nicht weh. Mit einem goldenen Löffel im Munde geboren zu sein, soll schließlich selbst erklärtes Anrecht für uns Europäer bleiben. Notfalls nehmen wir zum Vergolden der Löffel auch Gold aus Südafrika her.

Das nahe Afrika ist uns so fremd wie ein Mensch dem anderen, welcher auf der anderen Seite der Erdkugel dem einen gegenüber lebt. Die Griechen haben dafür uns den schönen Ausdruck „Antipoden“ vererbt. „Antipoden“, das sind die, die uns deren Füße entgegenstrecken.

Die entscheidende Frage ist nun für uns Deutschländer:
Gibt es Antipoden für Deutschland? Und ja, wie heißen die?

Nun, im Prinzip lautet die Antwort „Nein“. Denn dort wo unser geografisches Gegenstück liegen sollte, da ist nur Wasser. Und Meeresbewohner haben nun mal keine Füße. Außer sie leben auf Schiffe. Diese nennt man dann Seemänner.
Oder Piraten.
Beurteilt, je nach Art ihres täglichen Broterwerbs.

Auf alle östlich von Neuseeland und ganz knapp östlich der Datumsgrenze – da wo unsere Antipoden leben müssten, wenn sie denn unsere Antipoden sein wollten -, da wird weniger von Piraten als vielmehr von Weltenbummler auf Schiffen berichtet.
Wenn überhaupt.

Die sich anschließende Frage ist dann freilich, sollte dort nun jemand segelnderweise uns die Füße entgegen recken und die Datumsgrenze überschreiten, ist der dann von heute oder bereits von morgen.
Oder anders herum betrachtet: Leben wir in Deutschland aus Sicht des Seglers noch am gleichen Tag oder sind wir bereits von gestern?

Diese Frage kann nicht sofort absolut beantwortet werden, sondern hängt eindeutig von der Segelrichtung des Seemanns ab, relativ betrachtet zum Greenwicher Nullmeridian in England. Die christliche Seefahrt hat sich deswegen den Merkspruch kreiert:

Von Ost nach West halt’s Datum fest,
von West nach Ost lass‘ Datum los

Wenn als irgendwer zum Beispiel im „Diercke Weltatlas“ nachschaut,
– der schwere überdimensionale „Diercke Weltatlas“, das wohl beliebteste Diebesgut ambitionierter Weltenbürger in der Schulzeit –
wer die Antipoden für uns Deutschländer sind, so endet das mit einem Schlag ins Wasser. Direkt neben Neuseeland.
Im Pazifik halt.

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Die Rache der Frauen zum Vatertag …

„Booaaaah, ist die Sara sexy!“, kreischt unterdrückt die Uschi vor dem Fernseher. Beate, Klarissa und Daphne klammerten sich sprachlos an ihren Prosecco-Gläsern und schluckten sichtlich schwer.

Und da rief Leon plötzlich einfach brutal „Ausziehn! Ausziehn! Ausziehn!“ dazwischen. Rainer, Dieter und ich kugelten vor Lachen vom Sofa. Das war klar. Das war eine eindeutige verbale Grätsche. Sowas zieht nen Platzverweis nach sich. Rote Karte für uns Viererbande.
Voll berechtigt. Da hatten wir doch bei Deutschland Reste-Rampe für unentdeckte Topmodels doch „sexy“ nicht aus weiblicher Sicht interpretiert. Pfui.

Wir verdrückten uns ins kleine Zimmer und Rainer fing an die DVD-Sammlung zu untersuchen.

Neidi Dumms knallharte Realisierung von Darwins Theorien mittels TV-Kameras bewegt die Herzen der Frauen einer ganzen Nation.
Es ist gewissermaßen jetzt die Rache an alle Fußballfans. Alle, die am Abend zuvor für mehr als vier Stunden die einheimische Fernbedienung mittels Fußball-Quarantäne wegblockten. Nur wegen Werder Bremens UEFA-Final-Bemühungen und Klinsmanns Exklusiv-Interview in RTL.
Und weil Rache richtig kalt serviert werden muss, da kam den Sendungsmacherinnen um Neidi Dumm nur ein Donnerstag in den Sinn.
Ein Feiertags-Donnerstag muss es sein.
Der Christi Himmelfahrt.
Der Tag, der mit dem Untertitel „Vatertag“ versehen wurde.

Und während Neidi Dumm MacDonalds-mäßig in die Kameras lächelt, verzieht Mann sich hinter dem Zweitfernseher oder Computer.
Ist eh ein zu hohes Risiko sich die Sendung anzuschauen.
Eine Bemerkung wie „Boah, die Sara sieht super geil aus“ provoziert doch nur den nächsten Ehekrach. „Typisch deutscher Mann. Die fahren immer auf farbige Schlampen ab“. Stimmt. Aber würde das der deutsche männliche Michel eingestehen?
Oder: Die Anmerkung „Mandy hat tolle blonde Haare“ ergibt doch nur ein „Ich weiß doch, dass du auf blonde Frauen stehst. Mich findest du ja häßlich“. Stimmt. Die blonden Haare von Gina Wild sagten vielen Männern zu …

So sitzen wir jetzt also vor dem Kleinstfernseher und schauen uns das „Leben des Brian“ an. Denn da sind wir uns sicher. Bei unseren verbalen Steinigungen sind keine Frauen anwesend. Die würden das eh nie verstehen. Wegen mangelnder Selbstironie.

Ach ja.
Und für männliche Frauenversteher sei auf den morgigen Freitag verwiesen. Da spielt die Frauenmannschaft FCR Duisburg im UEFA-Pokal-Finale gegen Swesda Perm aus Russland. Hört sich an wie Werder Bremen (nördlich von Duisburg) gegen Schachtjor Donezk (ebenfalls Russland). Das Ergebnis soll aber eindeutig positiv für Duisburg enden.

Kneipengespräch: Krisenflieger

– Ist denn schon wieder Vatertag?

Ich blickte zur Seite. Klar, wer da neben mir stand. Und noch klarer, wem als zweites dessen Aufmerksamkeit gehörte. Eine Handbewegung von ihm ähnlich eines schüchternden i-Dötzchens und der Wirt ergriff mit rechts einen Bierdeckel, stellte mit links ihm eine leuchtende Stange Kölsch drauf und erneut mit seiner rechten Hand holte er einen Maurerbleistift hinter seinem Ohr hervor und zog einen schnellen Strich auf dessen Deckel.
Seine Handbewegung und des Wirtes Reaktion drauf, das war nicht mehr nur „Just in time„, das war schon „Just in sequence„.

– Wieso Vatertag?
– Dich sehe ich auch nur noch hier am Tresen rumhängen.
– Na und? Nach einer Woche Abstinenz?
– Gibt’s denn nichts anderes außer Alk? Mach doch mal Sport, lies ein gutes Buch, spiel ein Instrument oder geh mal wieder ins Museum.
– Hört sich an wie ein Konjunkturprogramm für kulturell Unterbemittelte.
– Und?

Ich winkte ab.

– Ich brauche kein Notprogramm. Ich bin auch schon ohne kulturell unterbemittelt.
– So schlimm?
– Weiste, schlimm ist kein Ausdruck.
– Lächle es könnte schlimmer kommen.
– Ich lächelte und es kam schlimmer.
– Der Mensch denkt, Gott lenkt.
– Der Mensch dachte, Gott lachte.

Er nahm einen Schluck aus seinem Glas und grinste mich an. Sinnlos Phrasendreschen, darin sind wir inzwischen geübt. Vielleicht sollten wir in die Politik gehen.

– Du hast ja ne Art, dass jede Bundesregierung hoffnungslos Selbstmord begehen würde.
– Und würde es schaden?
– Kommt auf die gewählte Selbstmordwaffen an.
– FDP? Die Grünen? Die Linke? Wir sitzen doch alle im selben Boot.
– Ja, aber die einen geben den Rudertakt vor.
– Wie bei Asterix und Obelix auf der Galeere von Epidemais.
– „Ave Cäsar, lucrifacturi te salutant.“ Na? Welcher Band?
– Moment, ich hab’s gleich … „Asterix und Obelix – Die Odysee“, wahrscheinlich auf der achten Seite, oder? Übersetzt heißt das „Sei gegrüßt, Cäsar. Die sich bereichern wollen, grüßen dich.“
– Der Standardsatz der Bankers und der darbenden Automobilindustrie im Berliner Kanzleramt.
– Appetit gut, alles gut.
– Majestix im Band „Avernerschild“ als er zur Kur geht.
– Ohne Fleisch kein Preisch.

Mit leuchtendem Auge prosteten wir uns zu. Vor uns breitete sich unsere Jugend aus. Ja, mit Asterix und Obelix haben wir den Lateinunterricht und unseren genervten Pauker überlebt.
Es war der perfekte Moment und wir schwelgten schweigend in Erinnerungen.
Vor mir sah ich die Galeere und nicht weit davon das Piratenschiff, den erschrockenen Ausruf von Baba im Ausguck und dann die Selbstversenkung.

Der Wirt hatte eine alte Scheibe von Tom Waits eingelegt und ein Hauch von Whiskey-geschwängerter Luft umgab uns.

„It’s such a sad old feeling, the fields are soft and green it’s memories that I’m stealing, but you’re innocent when you dream when you dream, you’re innocent when you dream.“

– Ich war vor drei Tagen noch in Shanghai.

Er schaute mich an.

– Du siehst auch noch irgendwie ganz mitgenommen aus. War’s schlimm?
– Bei der Einreise mussten wir einen Fragebogen ausfüllen, ob wir in letzter Zeit Kontakt mit Schweinen gehabt hätten. Dann haben die uns erstmal eineinhalb Stunden unter Quarantäne gestellt. Jeder wurde einzeln mit einem Laser auf Körpertemperatur gescannt. Die Typen sahen fast so aus wie im Film „Outbreak„. Du weißt, diesen Petersen-Film mit Dustin Hoffman. Genauso kam ich mir vor.
– Und? Haste deinen Sombrero rausgeholt und erstmal heftig in deine Papiertaschentücher gerotzt?
– Hm. Ich fand es nervig. Besonders nach den zwölf Stunden Flugzeit zuvor. Das ganze Flugzeug voller Chinesen, die sich hemmungslos deren Schuhe auszogen. Kennste noch den Geruch in den Umkleiden der Turnhallen an der Schule? Das war ein nur ein leichter Hauch. Im Flieger brannten mir die Augen. Nur die Chinesen schienen nichts zu riechen. Auf dem Rückflug genauso. Brutal.
– Ich hab schon gehört, dass die eine andere Kultur pflegen.
– Und dann der Anschlussflug in China. Der hatte eine Stunde Verspätung. Ich und mein Kollege waren schon die Treppe in Flieger gestiegen, als wir dann auf dem Rollfeld sahen, wie sich Passagiere fast mit der Flugzeugcrew prügelte. Die Polizei kam und verhinderte schlimmeres. Ein anderer Passagier übersetzte uns, dass die Passagiere dort draußen Schadensersatz für die Verspätung haben wollten und die Fluggesellschaft nicht zahlen wollte, da sind die den Piloten an die Wäsche gegangen. Auf dem Rollfeld. Ich dacht, ich werd‘ nicht mehr.
– Haste mit deiner Kamera mitgefilmt?
– Nein, die besten Fensterplätze waren schon von Chinesen besetzt, da war nichts mehr mit filmen. Leider.

Er grinste.

– Ich habe von einem befreundetem Journalisten vor einer Woche ne ganz andere brutale Geschichte gehört.
– Aus China?
– Nein, aber aus Frankfurt. Du weißt doch, die Flugzeuge werden doch mit den Wägelchen für Essen, Getränke und Duty-Free-Kram beladen.
– Ja.
– Das machen solche sogenannte Cartering-Gesellschaften. Eine davon sitzt in Frankfurt, die Gesellschaft „El Essge“. Die haben offenbar inzwischen auch die Krise. Da die Gesellschaft hauptsächlich ja nur Arbeitskräfte auf 400-Euro-Basis plus Überstundenzulage beschäftigt und deswegen nicht wirklich Kurzarbeit anmelden kann, werden die Arbeitskräfte nicht mehr so häufig abgerufen. Somit ergeben sich keine Überstunden und die Leute schauen finanziell mit in den Abgrund der Krise.
– Ja, solche trifft es immer am härtesten.
– Jetzt sind jene Mitarbeiter der „El Essge“ so sauer darüber geworden, dass die sich bearten haben und kurzerhand die Speisekarte eines Langstreckenfluges umgestrickt haben.
– Die Speisekarte?
– Statt Hühnchen und Rind haben die kurzerhand nur Schweinefleischgerichte in die Wägelchen eingeräumt.
– Und?
– Der Flieger gehörte der Fluggesellschaft Emirates und flog nach Dubai.
– Ach du Scheiße.
– Kannst du dir das vorstellen? Ein ganzer Flieger voll mit Moslems und die Crew hat nur Schweinefleisch an Bord? Muss ne richtige „La Ola“-Welle im Flieger gegeben haben. Ui, da war ne Stimmung an Bord wie zu Karneval und Beerdigung gleichzeitig. Da flogen die Löcher aus dem Käse und sicherlich stand nicht nur ein Pferd auf dem Flur. Wenn der Werker will, stehen alle Räder still.

Ich musste grinsen, als ich mir die Gesichter der Crew vorstellte. Und dann auch noch die Gesichter der „El EssGe“-Chefs. Da werden wohl viele spontan zu „Bleichgesichtern“ geworden sein. Und inzwischen wohl einige der 400-Euro-Jobber auch arbeitslos. Das ist brutaler Imageschaden.

Ich nahm einen Schluck aus meinem Glas. Aus den Lautsprechern quoll Waits besoffenes Klavier heraus. Ein wohltemperierter Klavier wie es Johan Sebastian Bach verabscheut hätte. Tom Waits schickt seinen Sumo Ringer vollmundig durch die Kneipe. Der Wirt stellte schon seine ersten Stühle hoch und wischte die Tische flüchtig sauber.
Zeit zu gehen.

„And the piano has been drinking
Not me, not me, The piano has been drinking not me“

Ich schaute auf mein Kölsch. Mein Nachbar stiess aufmunternd mit seinem Kölsch an meins und meinte:

– Prost. So jung kommen wir in einer Krise nicht mehr zusammen.

Ich prostete lächelnd zurück und hielt einen Moment inne.
Tom Waits sang seinen rauchigen „Tom Traubert’s Blues“. Irgendwie der passende Soundtrack zum gehen. Ich trank aus und legte meine Geld auf dem Bierdeckel. Viel war es heute Abend nicht. Aber darauf kommt es an so einem Abend auch nicht an. Irgendwie wollte ich nur meinen Tagesrhythmus zurück und den Jet Lag besiegen.
Draußen fiel noch immer der Regen. Passend zur Musik. Ich ergriff mir meinen Schirm und verharrte den letzten Klängen von Tom Waits Lied zuhörend.

„And it’s a battered old suitcase to a hotel someplace
And a wound that will never heal
No prima donna, the perfume is on
An old shirt that is stained with blood and whiskey
And goodnight to the street sweepers
The night watchman flame keepers and goodnight to Matilda too
Waltzing Matilda, waltzing Matilda
You’ll go a waltzing Matilda with me“

Die Tür fiel hinter uns ins Schloss, der Schlüssel vom Wirt verrichtete sein Werk. Die Nacht hatte uns wieder.
Back to life …

Major Tom to ground control

Da stöbere ich in einem Bücherständer und entdecke das Schild „Esoterik“.
Nach der Plakatoffenbarung von heut morgen kann bekanntlich der Teufel nur mit dem Belzebub ausgetrieben werden. Ergo die PBC (!) mit Esoterika.
Und so finde ich direkt als Orakel des laufenden Daseins die folgenden unter Esoterik eingeordneten Buch-Titel:
„Das Mieterlexikon – das Nachschlagewerk“, „Die 15 Ergänzungssalze in der Schüsslertherapie“ und gleich darunter „Wir fressen uns zu Tode“.
Ich bin begeistert. Der Teufel steckt im Detail und die göttliche Liebe sympatisiert gerne mit den Details.

Wohl bekommt’s.

„Man muss die Leute belügen, damit sie die Wahrheit herausfinden.“
Wolfgang Neuss (* 3. Dezember 1923, + 5. Mai 1989)

Meine Seite zu Wolfgang Neuss:
http://www.geocities.com/SoHo/Coffeehouse/8947/neuss.htm

Ohne Angst

Und so lustwandelte ich denn in dunklen Gassen einer erleuchteten Stadt und gedachte keiner bösen Tat, als mich unvermittelt ein Plakat ansprach. Ganz unverblümelt und in aller Offenheit:
„Sei ohne Angst!“
Ich erschrak und dachte bei mir, ich solle sein ohne Angst? So gänzlich ohne? Einfach so? Was ist ist mit Schweinegrippe, Schweinepest und so? Was mit AIDS, Al Kaida, Hartz IV, Bier und Extasy?
„Sei ohne Angst!“, sprach das Plakat, „denn ich komme bald!“
Und da sprach es aus mir heraus, wer es denn seie, der da zu mir spräche.
Aber niemand erhörte meine Frage und so las ich Kleingeist die unfehlbare Antwort des Plakates:
„Jesus spricht, ich komme bald. Darum keine Angst vor der Partei von christlichen Bibeltreuen ( PCB ) und Armut und Gentechnik und Tod und Krieg und Krankheit und Drogen und Arbeitslosigkeit.“
Klar kenne ich PCB. Das sind giftige und krebsauslösende Polychlorierte Biphenyle und diese zählen zu dem dreckigen Dutzend seit 2001 nach der Stockholmer Konvention verbotenen organischen Giftstoffen. Aber wer vermutet schon, dass PCB als Partei zur Europawahl wieder fröhliche Urständ feiert?
Aber was sollte das andere sein?
Und so beschloss ich mit treuer Bibelfrist keine Angst mehr zu haben:
Ich verprasste mein Geld an der Börse, sähte Genmais massenweis, tötete meinen Bruder, zettelte mit meinem Nachbarn einen Krieg an und schmiss mir dabei Amphetamine rein, bis ich mich ohne Gummi krank gevögelt langzeit-arbeitslos melden musste.

Nein, Angst habe ich jetzt keine mehr. Als hirnbefreiter Plakatetexter der PCB-Bruderschaft.
Europa-Wahl, ich komme.
Amen.