Kneipengespräch: Krisenflieger

– Ist denn schon wieder Vatertag?

Ich blickte zur Seite. Klar, wer da neben mir stand. Und noch klarer, wem als zweites dessen Aufmerksamkeit gehörte. Eine Handbewegung von ihm ähnlich eines schüchternden i-Dötzchens und der Wirt ergriff mit rechts einen Bierdeckel, stellte mit links ihm eine leuchtende Stange Kölsch drauf und erneut mit seiner rechten Hand holte er einen Maurerbleistift hinter seinem Ohr hervor und zog einen schnellen Strich auf dessen Deckel.
Seine Handbewegung und des Wirtes Reaktion drauf, das war nicht mehr nur „Just in time„, das war schon „Just in sequence„.

– Wieso Vatertag?
– Dich sehe ich auch nur noch hier am Tresen rumhängen.
– Na und? Nach einer Woche Abstinenz?
– Gibt’s denn nichts anderes außer Alk? Mach doch mal Sport, lies ein gutes Buch, spiel ein Instrument oder geh mal wieder ins Museum.
– Hört sich an wie ein Konjunkturprogramm für kulturell Unterbemittelte.
– Und?

Ich winkte ab.

– Ich brauche kein Notprogramm. Ich bin auch schon ohne kulturell unterbemittelt.
– So schlimm?
– Weiste, schlimm ist kein Ausdruck.
– Lächle es könnte schlimmer kommen.
– Ich lächelte und es kam schlimmer.
– Der Mensch denkt, Gott lenkt.
– Der Mensch dachte, Gott lachte.

Er nahm einen Schluck aus seinem Glas und grinste mich an. Sinnlos Phrasendreschen, darin sind wir inzwischen geübt. Vielleicht sollten wir in die Politik gehen.

– Du hast ja ne Art, dass jede Bundesregierung hoffnungslos Selbstmord begehen würde.
– Und würde es schaden?
– Kommt auf die gewählte Selbstmordwaffen an.
– FDP? Die Grünen? Die Linke? Wir sitzen doch alle im selben Boot.
– Ja, aber die einen geben den Rudertakt vor.
– Wie bei Asterix und Obelix auf der Galeere von Epidemais.
– „Ave Cäsar, lucrifacturi te salutant.“ Na? Welcher Band?
– Moment, ich hab’s gleich … „Asterix und Obelix – Die Odysee“, wahrscheinlich auf der achten Seite, oder? Übersetzt heißt das „Sei gegrüßt, Cäsar. Die sich bereichern wollen, grüßen dich.“
– Der Standardsatz der Bankers und der darbenden Automobilindustrie im Berliner Kanzleramt.
– Appetit gut, alles gut.
– Majestix im Band „Avernerschild“ als er zur Kur geht.
– Ohne Fleisch kein Preisch.

Mit leuchtendem Auge prosteten wir uns zu. Vor uns breitete sich unsere Jugend aus. Ja, mit Asterix und Obelix haben wir den Lateinunterricht und unseren genervten Pauker überlebt.
Es war der perfekte Moment und wir schwelgten schweigend in Erinnerungen.
Vor mir sah ich die Galeere und nicht weit davon das Piratenschiff, den erschrockenen Ausruf von Baba im Ausguck und dann die Selbstversenkung.

Der Wirt hatte eine alte Scheibe von Tom Waits eingelegt und ein Hauch von Whiskey-geschwängerter Luft umgab uns.

„It’s such a sad old feeling, the fields are soft and green it’s memories that I’m stealing, but you’re innocent when you dream when you dream, you’re innocent when you dream.“

– Ich war vor drei Tagen noch in Shanghai.

Er schaute mich an.

– Du siehst auch noch irgendwie ganz mitgenommen aus. War’s schlimm?
– Bei der Einreise mussten wir einen Fragebogen ausfüllen, ob wir in letzter Zeit Kontakt mit Schweinen gehabt hätten. Dann haben die uns erstmal eineinhalb Stunden unter Quarantäne gestellt. Jeder wurde einzeln mit einem Laser auf Körpertemperatur gescannt. Die Typen sahen fast so aus wie im Film „Outbreak„. Du weißt, diesen Petersen-Film mit Dustin Hoffman. Genauso kam ich mir vor.
– Und? Haste deinen Sombrero rausgeholt und erstmal heftig in deine Papiertaschentücher gerotzt?
– Hm. Ich fand es nervig. Besonders nach den zwölf Stunden Flugzeit zuvor. Das ganze Flugzeug voller Chinesen, die sich hemmungslos deren Schuhe auszogen. Kennste noch den Geruch in den Umkleiden der Turnhallen an der Schule? Das war ein nur ein leichter Hauch. Im Flieger brannten mir die Augen. Nur die Chinesen schienen nichts zu riechen. Auf dem Rückflug genauso. Brutal.
– Ich hab schon gehört, dass die eine andere Kultur pflegen.
– Und dann der Anschlussflug in China. Der hatte eine Stunde Verspätung. Ich und mein Kollege waren schon die Treppe in Flieger gestiegen, als wir dann auf dem Rollfeld sahen, wie sich Passagiere fast mit der Flugzeugcrew prügelte. Die Polizei kam und verhinderte schlimmeres. Ein anderer Passagier übersetzte uns, dass die Passagiere dort draußen Schadensersatz für die Verspätung haben wollten und die Fluggesellschaft nicht zahlen wollte, da sind die den Piloten an die Wäsche gegangen. Auf dem Rollfeld. Ich dacht, ich werd‘ nicht mehr.
– Haste mit deiner Kamera mitgefilmt?
– Nein, die besten Fensterplätze waren schon von Chinesen besetzt, da war nichts mehr mit filmen. Leider.

Er grinste.

– Ich habe von einem befreundetem Journalisten vor einer Woche ne ganz andere brutale Geschichte gehört.
– Aus China?
– Nein, aber aus Frankfurt. Du weißt doch, die Flugzeuge werden doch mit den Wägelchen für Essen, Getränke und Duty-Free-Kram beladen.
– Ja.
– Das machen solche sogenannte Cartering-Gesellschaften. Eine davon sitzt in Frankfurt, die Gesellschaft „El Essge“. Die haben offenbar inzwischen auch die Krise. Da die Gesellschaft hauptsächlich ja nur Arbeitskräfte auf 400-Euro-Basis plus Überstundenzulage beschäftigt und deswegen nicht wirklich Kurzarbeit anmelden kann, werden die Arbeitskräfte nicht mehr so häufig abgerufen. Somit ergeben sich keine Überstunden und die Leute schauen finanziell mit in den Abgrund der Krise.
– Ja, solche trifft es immer am härtesten.
– Jetzt sind jene Mitarbeiter der „El Essge“ so sauer darüber geworden, dass die sich bearten haben und kurzerhand die Speisekarte eines Langstreckenfluges umgestrickt haben.
– Die Speisekarte?
– Statt Hühnchen und Rind haben die kurzerhand nur Schweinefleischgerichte in die Wägelchen eingeräumt.
– Und?
– Der Flieger gehörte der Fluggesellschaft Emirates und flog nach Dubai.
– Ach du Scheiße.
– Kannst du dir das vorstellen? Ein ganzer Flieger voll mit Moslems und die Crew hat nur Schweinefleisch an Bord? Muss ne richtige „La Ola“-Welle im Flieger gegeben haben. Ui, da war ne Stimmung an Bord wie zu Karneval und Beerdigung gleichzeitig. Da flogen die Löcher aus dem Käse und sicherlich stand nicht nur ein Pferd auf dem Flur. Wenn der Werker will, stehen alle Räder still.

Ich musste grinsen, als ich mir die Gesichter der Crew vorstellte. Und dann auch noch die Gesichter der „El EssGe“-Chefs. Da werden wohl viele spontan zu „Bleichgesichtern“ geworden sein. Und inzwischen wohl einige der 400-Euro-Jobber auch arbeitslos. Das ist brutaler Imageschaden.

Ich nahm einen Schluck aus meinem Glas. Aus den Lautsprechern quoll Waits besoffenes Klavier heraus. Ein wohltemperierter Klavier wie es Johan Sebastian Bach verabscheut hätte. Tom Waits schickt seinen Sumo Ringer vollmundig durch die Kneipe. Der Wirt stellte schon seine ersten Stühle hoch und wischte die Tische flüchtig sauber.
Zeit zu gehen.

„And the piano has been drinking
Not me, not me, The piano has been drinking not me“

Ich schaute auf mein Kölsch. Mein Nachbar stiess aufmunternd mit seinem Kölsch an meins und meinte:

– Prost. So jung kommen wir in einer Krise nicht mehr zusammen.

Ich prostete lächelnd zurück und hielt einen Moment inne.
Tom Waits sang seinen rauchigen „Tom Traubert’s Blues“. Irgendwie der passende Soundtrack zum gehen. Ich trank aus und legte meine Geld auf dem Bierdeckel. Viel war es heute Abend nicht. Aber darauf kommt es an so einem Abend auch nicht an. Irgendwie wollte ich nur meinen Tagesrhythmus zurück und den Jet Lag besiegen.
Draußen fiel noch immer der Regen. Passend zur Musik. Ich ergriff mir meinen Schirm und verharrte den letzten Klängen von Tom Waits Lied zuhörend.

„And it’s a battered old suitcase to a hotel someplace
And a wound that will never heal
No prima donna, the perfume is on
An old shirt that is stained with blood and whiskey
And goodnight to the street sweepers
The night watchman flame keepers and goodnight to Matilda too
Waltzing Matilda, waltzing Matilda
You’ll go a waltzing Matilda with me“

Die Tür fiel hinter uns ins Schloss, der Schlüssel vom Wirt verrichtete sein Werk. Die Nacht hatte uns wieder.
Back to life …

Ein Gedanke zu „Kneipengespräch: Krisenflieger

  1. Mir gefällt die Werker-Aktion. Sage mal keiner, man hätte keine Möglichkeit, sich mal zu zeigen. Viel verloren haben sie dann im Endeffekt auch nicht, wenn sie kaum noch Einsätze hatten (reduziere mal 400 Euro…).

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