Joachim Gauck, ein Unfall und der Fahrradfahrer …

Erinnert sich noch wer an die letzte Woche vor der Bundespräsidentenwahl 2010?

Es ging darum, ob Joachim Gauck oder Christian Wulff der erste Mann im Staat werden sollte. Die Diskussionen schwankten zwischen Bewertung wie „Gold und Silber“, „Pest und Cholera“, „Menschenrechtsvertreter und Menschenrechtvertreter“.

Joachim Gauck, der Preisträger des Aachener Karlspreises als Europa-Wohltäter und ehemaliger Vorsitzender einer Behörde, deren neuer Name „Birtler-Behörde“ im Gegensatz zur „Gauck“-Behörde nicht wirklich der Renner ist.
Und Christian Wulff, als Kenner der Maschmeyer-AWD-Szene und der Koch-Merz-Bouffier-Öttinger-Connection, jenem „Anden-Pakt“, wie der SPIEGEL diese Männer-Macht-Freundschaften betitelte.

Und dann das:
Eine Woche vor der Wahl, er war ja nur bei der Münchener SPD, um für sich zu werben. Nicht mehr und nicht weniger. Das was jeder so vor der Wahl zum Bundespräsidentenamt so unternimmt. Und genau dabei gerät dem Fahrer des eigenen Wagens ein Radfahrer vor die Motorhaube des gepanzerten und mit Sicherheitsleuten ausstaffierten 7er-BMWs.

Ein Terrorakt?
Nein, freilich nicht, denn der Fahrradfahrer trug keinen Helm. Nach Angaben mehreren Zeitungen war der Fahrradfahrer nach dem Zusammenstoß sofort bewusstlos (… uff, Glück gehabt …).
Die „Süddeutschen Zeitung“ berichtet sogar, dass der Fahrradfahrer „sehr flott“ unterwegs gewesen wäre und der Bundespräsidentschaftsanwärter in dem BMW sollte kurz nach dem Unfall den verletzten Radler im Krankenhaus besucht haben. Von dem Klinikum hätte er denn auch erfahren, dass was er am Krankenbett des Schwer-Verletzten nicht mitgeteilt bekam: der Fahrradfahrer sollte den Unfall überleben. Das sagte eben jener nach dem Unfall am Abend in der ZDF-Sendung „Was nun?“. Da befand er sich bereits wieder in Berlin …

Natürlich meine ich hiermit nicht Christian Wulff sondern den anderen, der das nicht wurde, was der Wulff nachher wurde. Joachim Gauck hatte wohl irgendwie nur Pech. Und erst recht bei dem Unfall, so vermittelte es uns betroffen die Presse. Denn sein Fahrer fuhr normalerweise so 80.000 Kilometer im Jahr. Unfallfrei. Und nun das. Eine Woche vor der Präsidentschaftswahl. Ein Fahrradfahrer bewußtlos auf der Straße und Gauck kurz darauf am Krankenbett.

Was ist eigentlich aus dem Fahrradfahrer geworden?

Er betreibt ein Restaurant im Münchener Stadtteil Sendling, nicht unweit von der Stelle, wo dem Münchener Schmied von Kochel gehuldigt wird.

Der Schmied von Kochel ist eine Bayrische Sagengestalt. Er hat so in etwa die Stellung des biblischen Samsons, der einst fürchterlich stark war, bis ihm Delila einfach die langen Haare abschnitt. Und weil Samson gottesfürchtig war, erhörte die biblische Hauptperson des Buches seine Stoßgebete und in einem letzten Kraftakt soll Samson dann noch mal eben mit einem Eselskinnbacken 1000 Gegner niedergemeuchelt haben. Als Belohnung erhielt er für dieses Massaker das Amt eines Richters.
Für deutsche Geschichtshistoriker ist das nichts ungewöhnliches. Man gedenke nur des Tausendjährigen Nazi-Reichs, was sich geistig, moralisch und wirtschaftlich aufs Übelste und Makaberste schon nach zwölf Jahren vorsätzlich abgewirtschaftet hatte. Die Karrieren einiger der damaliger deutschen Nazi-Protagonisten wurden danach mit Richterposten und anderen Ehren entlohnt. Manche wurden sogar demokratisch gewählte Präsidenten mitteleuropäischer Staaten.
Also nicht wirklich neues, könnten da Historiker über Samson beruhigt konstatieren, auch für die heutige Zeit. Man sieht, die Bibel ist nicht in-aktuell in der Beschreibung der bestialischen Niederungen der Menschheit.

Aber es geht ja nicht um Samson.

Und um den Schmied von Kochel geht es hier auch nur am Rande. Denn jener lebt in der bayrischen Erinnerung als Held weiter. Lediglich mit einer Stange ausgerüstet, soll er das Stadttor von Belgrad erfolgreich zerstört haben. Dafür starb er dann in der Sendlinger Mordweihnacht 1705 in dem Bauernaufstand, einem Ausdruck des niedrigen Wutbürgertum gegen den Staat, als Vertreter von recht und Ordnung. Der Schmied von Kochel hat jetzt gegenüber der alte Pfarrkirche St. Margaret in Sendling sein Denkmal.

Und 300 Meter weiter hat das Unfallopfer von Joachim Gauck sein Restaurant seit Weihnachten eröffnet. „Ferry’s Holzofen Pizzeria“ in Sendling. Gut, das mag jetzt wie billige Werbung sich lesen. Aber darum geht es mir nicht.

In jener Pizzeria erzählte mir das Unfallopfer seine Geschichte.
Er sei prominentes Unfallopfer, meinte er.
Ich verstand nicht.
Ob ich nicht die Zeitungen gelesen hätte.
Nein, Boulevard lese ich eigentlich nicht. Und uneigentlich nur das Fett-Gedruckte zu meiner Belustigung. Unfallgeschichten sind nicht mein Metier.
Er erzählte mir die Geschichte von dem Unfall. Wie es ab lief, woran er sich erinnerte. Er erinnerte sich bis zum Zusammenstoß, dann endete seine Erinnerung.

Direkte Unfallzeugen gab es. Vier waren es auf alle Fälle. Und deren Aussage hatte erhebliches Gewicht: die vier Sicherheitsbeamten, die alle ähnlich lautend das Unfallopfer als Unfallverursacher belasteten. Zwei weitere, zivile Zeugen gab auch noch. Sie hatten den Unfall nur aus den Augenwinkel mitbekommen und konnten die Aussagen der Sicherheitsbeamten nicht direkt erhärten oder widerlegen.
Die Staatsanwaltschaft hatte die Ermittlungen gegen Gauck seinen Fahrer eingestellt. Die Aussagen der Sicherheitsbeamten wären eindeutig, die der beiden Zeugen schwammig und die Aussagen des verunfallten Radfahrers nicht stichhaltig.
Akte geschlossen. Prozess zu Ungunsten und zu Lasten des Radfahrers beschieden.

Drei Operationen am Kopf waren die Konsequenz aus dem Zusammenstoß mit dem 7er BMW. Der Radfahrer kam sofort für niemanden erreichbar auf die Intensivstation. Jede Operation dauerte länger als die vorherige. Die letzte dauerte neun Stunden.
An einen Joachim Gauck an seinem Krankenbett konnte er sich nicht erinnern. Auch keine andere Person konnte den Besuch bezeugen. Wie auch? Nur engste Familienangehörige würden die Chance haben auf die Intensivstation des Krankenhauses zu gelangen.
Wer hat denn da verbreitet, dass Gauck sich am Krankenbett des Verunfallten befunden haben sollte? Gauck, der mitfühlende Kandidat zum Bundespräsidentenamts. Das war opportun. Und wir alle haben es geglaubt. Können Politiker lügen? Oder Zeitungen? Oder beide?

Nur, das einzige, was der Verunfallte an seinem Krankenbett fand, war ein Blumenstrauß des SPD-Kreisvorsitzenden. In dessen Büro hatte Joachim Gauck vor dem Unfall noch für seine Kandidatur geworben.
Von Joachim Gauck persönlich hatte der Verunfallte nie mehr etwas gehört. Es mag sein, dass er sich vielleicht über seinen Zustand erkundigt haben mochte. Vielleicht über Mittelsmänner. Aber auch davon hatte der Verunfallte keine Kenntnisse erhalten. Nichts.

Ganz staatsmännisch hatte Joachim Gauck sich auf seine Wahl konzentriert und seine Bemerkung in der ZDF-Sendung „Was nun?“ ist das, was medientechnisch über die Zeitungen dem Verkehrsopfer übermittelt worden war: „Es war so ein Schreck.“ (Joachim Gauck)

Das Restaurant hatte das Unfallopfer mit mehr als einem halben Jahr Verzug zu Weihnachten 2010 eröffnet. Als offizieller „Unfallverursacher“ muss er für alle Schäden des Unfalls aufkommen: der beschädigten gepanzerten 7er BMW, die eigenen Operationen, die Prozesskosten und die Kosten aufgrund der verspäteten Eröffnung. Er habe es bereut, dass er keine Rechtsschutzversicherung abgeschlossen hatte. Denn für einen Widerspruch im Prozess fehlte ihm das Geld. Also habe er das Urteil gegen ihn akzeptiert. Durch den Unfall habe er aber festgestellt, dass er ein „Steh-auf-Männchen“ sei und nicht aufgegeben hätte. Das Ergebnis sei schließlich sein Restaurant.

Nein, ich möchte an dieser Stelle nicht ins Horn von „Justizirrtum“ oder „Gesinnungsjustiz“ stoßen. Auch wenn es nach meinen vorherigen Bemerkungen danach schmecken könnte.
Was mich an dieser Geschichte im Restaurant so wortlos werden werden ließ, war einfach der Fakt, dass sich Gauck zuvor als der „Bürgerpräsident“ hingestellt hatte. Aber als es auf einen Bürger ankam, da war von ihm nichts mehr zu sehen. Selbst Thomas Gottschalk hat sich mehr um seinen verunfallten „Wetten, dass“-Gast gekümmert als Joachim Gauck um jenen Menschen. Beide waren betroffen, ohne eigentlich direkt schuldig am Geschehenen gewesen zu sein. Allein Gauck als Kandidat für das bedeutendste Amt der Bürgerschaft interessierte sich nur für seine Außendarstellung. Der Rest war ihm herzlichst egal.

Letztendlich wurde Christian Wulff der neue Bundespräsident und Gauck ging als schulter-geklopfter „Verlierer“ aus der Wahl hervor.
Christian Wulff ist vielleicht doch der ehrlichere, denn für ihn ist der Bürger ostentativ nur Staffage (siehe seine Weihnachtsansprache), während ihm die Maschmeyers näher sind als die Probleme vieler Bundesbürger, die er lieber in der Marginalität sehen möchte.

Früher hieß es in einer Waschmittelwerbung immer „Weißer geht’s nicht“. In einer Parodie wurde daraus „Weiter geht’s nicht“.
Doch es geht weiter.
Immer weiter.
Nach der heutigen, vernommenen Geschichte weiß ich, was immer Zukunft in diesem Land hat: Verarschung durch Medien und Politiker findet noch immer guten Nährboden zur fruchtbaren Verbreiterung …

Ach ja, dem Restaurantinhaber (ex-prominentes Unfallopfer) wünsche ich, dass sein Restaurantkonzept aufgeht. Das, was ich dort verzehrte, fand 1a (siehe auch hier). Meine Restaurant-Empfehlung.

Wintertag am Isarkanal

Kaltes klares Wasser … will denn heute keiner baden? Sonne scheint …

Von unterwegs mobil verschickt

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Staatsbürger ganz unikonform

Ich gestehe.
Ohne Vorbehalte.
Ganz offen.
Vollkommen ehrlich.
Ich habe sie nicht gesehen, die Neujahrsansprache unseres Kalle-Theo zum gutten Freiberg bei der Vierschanzentournee in Oberstdorf.

Wie bitte?
Die Vierschanzentournee war heute gar nicht in Oberstdorf? Sondern in Innsbruck?
Macht nichts. Wintersport interessiert mich ja auch nicht die Bohne. Nur, warum war denn dann der Kalle denn dort? Wollte der für die Oberstdorfer Kandidatur zu den Winterspielen mit seiner Neujahrsansprache werden?

Wie? Oberstdorf kandidiert nicht? Warum denn nicht? Und der Kalle war ebenfalls nicht dort? Die Neujahrsansprache hat er auch nicht gehalten? Aber wer hat denn dann der Nation die Neujahrsansprache gehalten? Der Vermittlungs-Heiner, die Geißel? Schrödinger? Von der Leine? Osterwelle?

Wer? Angela Merkel? Die schon wieder? Aber die hatte doch schon letztes Jahr …

Okay, da gehe ich ganz konform. Die darf das. Dafür wurde sie vom Bundestag ja gewählt. Als Stummelmutti der Nation. Und? Hat sie endlich die Wahrheit gesagt? Hat sie gestanden? So wie der Wulf? Nein? Nicht? Sie steht halt nicht zu dem, was sie sagt. Selbst Wulf traute sich vor der Kamera nicht, zu seiner Rede alleine einzustehen.

Wie? Ich hab keine Ahnung? Okay. Da gehe ich ganz konform. Wie es sich eben gehört, für einen Staatsbürger ohne Uniform. Nie war ich in der Staatsschule. Bin vielmehr Angehöriger der PISA-Staatsbürgerkundler. Immer schon gewissenhaft drauf bedacht gewesen.
Drückeberger ohne Uniform.
Die Ablehnung dieser Köpenickiade zur Rückgrat-Ausformung im noch formbaren Alter, diese schriftlich niedergelegte Entsagung war mein Vergehen an der deutschen Demokratie, die damals an den Ostgrenzen zur DDR verteidigt wurde und jetzt – kusch, kusch, kusch – am Hindukush.
Stattdessen hatte ich – gewissenlos dem Staate gegenüber – gewissenhaft Tucholsky und seine Sätze gelesen:

„Da gab es vier Jahre lang ganze Quadratmeilen Landes, auf denen war der Mord obligatorisch, während er eine halbe Stunde davon entfernt ebenso streng verboten war.
Sagte ich: Mord?
Natürlich Mord.
Soldaten sind Mörder.“

Aber jetzt, ganz nach Kiesingers Leitbild stellt Kanzlerin und Bundesregierung die Bundeswehr so dar, dass wir 08-15-Michel denken sollen: „Donnerwetter, das sind aber ganze Kerle in Afghanistan“.
Haben denn unsere Jungs in Afghanistan fleißig Weihnachtspäckchen bekommen?

Ich weiß.
Päckchen gen Afghanistan bedeuten nur eines: Wohltat und Anerkennung des soldatischen Handwerks.
Päckchen im eigenen Land: Terrorgefahr.
Das zu lernen, ist des Staatsbürgers zweite Pflicht.
Direkt nach dem Schweigen.

Aber ich schweige nicht.
Denn ich gestehe.
Ohne Vorbehalte.
Ganz offen.
Vollkommen ehrlich.
Ich habe sie nicht gesehen, die Neujahrsansprache unseres Kalle-Theo zum gutten Freiberg bei der Vierschanzentournee in Oberstdorf.

Egal. Auch Merkels Neujahrsansprache, phantasielose Kamerafahrten von links (von Weitwinkel) nach rechts (zur Naheinstellung) und Wintersport haben bei mir die gleiche Chance wie eine Schneeflocke im Hochsommer: Und tschüss …

Eingefroren

Kette im Eismantel …

Gefroren

Expedition afrikanischer Ethnologen: »Das Fest des Huhnes«

Durch die Kommentatorin Eugene Faust (hier) wurde ich auf eine sehr interessante 6-teilige Dokumentation aufmerksam gemacht.

»Das Fest des Huhnes«

Wichtig und informativ!
Anschauen!

Teil 1: http://www.youtube.com/watch?v=ieRaqYq_8FE
Teil 2: http://www.youtube.com/watch?v=xgUlOPL_VEc
Teil 3: http://www.youtube.com/watch?v=4goi6AARnHw
Teil 4: http://www.youtube.com/watch?v=JS4VlNHy7Ow
Teil 5: http://www.youtube.com/watch?v=e7fGWlHukt0
Teil 6: http://www.youtube.com/watch?v=XKkTxD7H2CU

Mein Dank für diesen Hinweis gilt Eugene Faust (http://eugenefaust.twoday.net)

Die erste Million … und was danach noch kommt

Nee, was ist das wieder schön.
Das Stellensicherungsprogramm für Hebammen (weiblich) und Geburtshelfer (männlich) wurde wieder eröffnet. Was dem Rheinländer zur (biologisch beiläufigen) Vermehrung der Karneval ist, dass ist dem Bayern das Oktoberfest. Der Bayer lästert zwar gen Rheinland, dass der Bayer sich nicht Verkleiden müsse, um Sex zu haben. Nur schaut man sich die Bayern in deren Trachtengefummel an, dann bin ich mir dessen nicht wirklich sicher. Wahrscheinlich müssten die Bayern ohne Oktoberfest paar Österreicherinnen importieren, um als kulturelle Eigenart Deutschlands zu überleben.

Die erste Millionen Besucher soll auf dem Oktoberfest 2010 gewesen sein, schreiben heute bereits die Medien. Eine Million? Also 500 Tausend jeweils an den ersten beiden Tagen.
Eine Million? Das war die Zahl der Besucher der „Love Parade 2010“ in Duisburg. Anfangs sollten dort auch über 1 Millionen Besucher gewesen sein. Als die Katastrophe dann aber seinen Lauf genommen hatte, gestanden Veranstalter und Stadt Duisburg kleinlaut ein, es wären nur 300 Tausend und weniger Besucher gewesen. Die „1 Million“ sei nur eine Marketing-Zahl gewesen. Und genau so funktioniert das ganze Zeitung-Gejubel auf die „eine Millionen Besucher“ vom Oktoberfest.

Marketing, reines Marketing.

Gerne schreiben die Medien dann mitten in der Woche, dass die Zelte bereits am Nachmittag wegen den vielen Besuchern geschlossen werden müssten. Besucher, die allerdings an solchen Nachmittagen auf dem Oktoberfest waren, konnten mir dann aber das nicht wirklich bezeugen.

Über 6 Millionen Besucher sind für die 17 Tage Oktoberfest zum 200. Jubiläum prognostiziert worden, rein rechnerisch circa 350 Tausend Besucher pro Tag. Es soll eine „Rekord-Wiesn“ werden, ist der überall verstreute Optimismus. Das folgt einer jährlichen Tradition. Die Mär von „1 Millionen Besucher“ binnen zwei Tage klingt dem potentielle Besuchswilligen wie eine Verlockung, etwas verpassen zu können. Perfektes Marketing eben.

Selbst die ersten Fernsehbilder vom Fassanstich („O’zapft is“) folgten dieser Vorgabe. Die Kameras verfolgen, wie der Oberbürgermeister Ude dem Ministerpräsidenten Seehofer und dessen Frau die erste gezapfte Maß überreicht. Mit der Maß in den Händen wandten sich beide, der Seehofer und der Ude, samt Ehefrauen von links nach rechts immer wieder den Fotografen zu. Tapfer lächelten sie und unermüdlich prosteten sich dabei immer wieder für die Fotogallerie zu. Dazu kommentierte der Fernseh-Moderator, dass der Seehofer und der Ude als die Allerersten die Wiesn-Maß genießen würden. Nur die Fernsehbilder dokumentierten das Gegenteil. Die kamen gar nicht erst dazu, überhaupt einen Schluck zu nehmen, geschweige denn zu genießen.

Dafür war aber schon eindeutig im Hintergrund zu erkennen, wie die ersten Besucher fleißig ihre Maß kübelten, während Seehofer und Ude weiterhin für die Fotografen um die Wette lächelten und noch immer sich zuprosteten. Und hätte die Kamera nicht von schräg oben gefilmt, es wäre auch nicht entdeckbar gewesen, wie schlecht dem CSU-Seehofer vom SPD-Ude die Maß eingeschenkt worden war. Aber das muss nun wirklich niemanden von den Besuchern abschrecken. Schlecht eingeschenkte Bierkrüge gehören zu jedem Oktoberfest wie das „O’zapft is“ vom Oberbürgermeister und die erste „1 Million Besucher am ersten Wiesn-Wochenende“.

Beides ist genau so sicher, wie die Vollbeschäftigung der Hebammen und Geburtshelfer im Mai/Juni nächsten Jahres, wenn dann die Babys ihr persönliches „O’zapft is“ feiern.
Prost.

Erziehungszeiten im Hause zu Guttenbergs

Mein Gott! Wirklich.War ich geschockt.
»Ai äm schoked«, wie der gepflegte Engländer zu parlieren weiß.
Was musste ich auf einer Seite der Internetseite von BILD.de bei der Suche nach Sportfotos und Fußballberichten lesen?
Stephanie zu Guttenberg in Latex?
Halbnackt auf Postern in Kinderzimmern?

Screenshot BILD--9-2010

Nein, Gott sei Dank, nein.
Zuerst einmal: Stephanie zu Guttenberg, das ist die Frau, die bekanntlich dauernd um ihren Gatten zittern muss, wenn der mal wieder für Fotografen und CSU den James Bond in Afghanistan mimt. Stephanie zu Guttenberg, die dadurch zu Everybodys-Yellow-Press-Darling wurde. Noch direkt platziert vor der tätowierten Gattin des Bundespräsidenten Wulfs.

Diese Stephanie zu Guttenberg also, diese hat nicht nur ein Buch geschrieben sondern es auch noch veröffentlicht: »Schaut nicht weg«, heißt der Titel. Darin schreibt sie unter anderem auch über »Pornografie«.
Nein, nein, sie will nun nicht dazu auffordern, Pornos zu schauen, statt sie nicht zu schauen. Eher ganz im Gegentum. BILD hatte deswegen gestern auch als Aufmacher ihres Blattes eine bedrohliche Überschrift gewählt: »Pornografie verdirbt unsere Kinder«.

Nun, jeder hat das Recht Bücher zu schreiben, besonders wenn sich diejenige Person allein, verlassen und unbedeutend fühlt. Wenn also der Banker Herr S. schreibt und dadurch zu Ruhme und Meinungsbildner bei BILD aufsteigt, warum dann nicht auch eine Stephanie zu Guttenberg? Wie soll sie sonst kompensieren, dass sie nur über den eigenen Ehepartner definiert wird?

»Schaut nicht weg.«
»Pornografie verdirbt unsere Kinder.«
Mein erster Gedanke war:
»Richtig so, Stephanie. Blase ins gleiche Horn wie jenes von Kriminellen durchsetzte Milieu, die sich selber als Experte sehen, was denn nu Pornografie sei und was nicht.«
Mir fiel sogleich Heinrich Böll ein. Böll hatte mal gesagt: »Katholisch sein, ist wie ein Leberfleck. Man kriegt ihn nicht spurlos weg«. Daher habe ich sofort meine Blicke zu Boden gerichtet und innerlich Abbitte gegen solche herätischen Gedanken gegen das Bodenpersonal des allumfassenden Christentums geleistet. Bekanntlich ist es zu vermeiden, Pornografie und Kirche in einem Wort zu erwähnen.
Upps, …
Insofern verwunderte mich doch schon ein wenig ein Zitat der guten Frau zu Guttenberg:

… mit ihren aus dem Rotlichtmilieu entliehenen Outfits gezielt auf Provokation zu setzen. Leder, Latex und Spitze auf der Bühne waren stets ein Garant für Schlagzeilen, vor allem dann, wenn im Hintergrund ein Kruzifix zu sehen war.

Da war sie wieder, die Verbindung von Pornografie und Kirche. Sobald ein Kreuz auftaucht, wird Rotlichtmilieu anstößig. Vorher nicht. Aber hallo, war das ein Geschrei aus Politik und Kirche, als Madonna sich in »Justify my love« auf MTV lasziv an einem Gekreuzigten schmiegte. Und selbst noch im März dieses Jahres griff die katholische Kirche unterstützt von Politikern die Satirezeitschrift TITANIC an, weil ein Priester auf Genitalhöhe eines Gekreuzigten dem selbigen eben auf Genitalhöhe zugewendet dargestellt wurde. Das fanden die gar nicht lustig und sahen sich durch die Darstellung in ihren religiösen Gefühlen gekränkt (s.a. hier).

Unproblematisch dagegen ist die Ehrung des Zeichners des dämlichen … äh, ich meinte, dänischen Mohammed-»Karikaturisten« Kurt Westergaard durch die Kanzlerin Merkel,neulich am 8. September in Potsdam.

»Das Geheimnis der Freiheit ist der Mut«, meinte Merkel zu dem 75-jährigen unweisen Kurt Westergaard.

Nun ja, die TITANIC wird auf so eine Auszeichnung ewig warten können, auch wenn sie sich über die Missbrauchsfälle in der Kirche lustig machen wollte. Es merke sich halt jeder in diesem unserem Kreuzeslande: Kreuze sind nur Steine des Anstoßes und nicht der Ehrung.
Außer sie werden am Bande und dazu militärisch vergeben.

Doch zurück zu unseren verhinderten Miss Moneypenny, die ihren James Bond im Dienste seiner Angela immer nur selten zu Gesicht bekommt und deshalb über ihre Vorstellungen zu Pornografie schreibt. Stephanie zu Guttenberg ist wegen dem Buch nun freilich nicht zur »Doktor-Sommer-honoris-causae 2010« ernannt worden. Aber sie scheint zu wissen, worüber sie schreibt, wenn es um Porno geht. Und sie weiß auch, wie Pornostars aussehen. Nein, nicht so wie sich der geneigte Leser einen Pornostars nun halt mal so vorstellt. In seiner schmutzigen einfältigen Phantasie. Also nackt. Und in Action. In allen Stellungen.
Nein, Pornostars sind vielmehr so wie Lady Gaga, Christina Aguilerra, Britney Spears, Heidi Klum …
Moment!
Heidi Klum? Echt? Heidi Klum sei ein Pornostar, das meint die zu Guttenberg? Doch sei sie wohl, könnte aus ihrem Geschreibsel heraus gelesen werden. Denn – so schreibt sie – bekleidet sei die Klum auch immer wieder mal mit Overknee-Lederstiefeln (im Volksslang auch »Fick-mich-Stiefel« genannt), Lederkorsett, und gleichermaßen knapp bekleidet sei sie wie die jungen Models ihrer Show.
Also, alles voll Porno für die gute Stephanie.

Da können Gina Wild, Kelly Trum oder Dolly Buster noch so viel GV stöhnend vor der Kamera haben, die wahren Repräsentanten der Pornostars sind für Stephanie zu Guttenberg der Snoop Dogg, der Rapper Nelly, Sido, Frauenarzt oder Bushido. Und deren Gesang würde deshalb auch zu Recht nicht in den Radios gespielt. Darüber könnte man sich jetzt theoretisch freilich ausgiebig streiten. Streiten dürfte man sich aber keinesfalls darüber, um wie viel schöner in den Ohren eines Radiohörers ein lateinisch orgiastisch gesungenes »In dulci jubilo« klingen muss. Oder ein karfreitäglich bluttriefendes »Oh Haupt voll Schmerz und Wunden«. Gesungen vielleicht auch noch von alkoholisierten Priestern, welche zusätzlich noch eine dunkle, unveröffentlichte kriminelle Vergangenheit haben könnten.

Egal.
Das sind nur meine verwerflichen, schwarzen Gedanken.
Stephanie zu Guttenberg hat die ihren. Erleuchtete. Allein ersonnen.

Stefanie allein zu Haus.
Da kann schon mal ein Buch daraus entstehen. Wenn man allein mit sich und seinen eigenen Pornovorstellungen und Pornophantasien ist. Politikergattin sein, ist keine einfache Aufgabe. Das hat auch keiner behauptet. Schließlich warten wir jetzt alle noch auf ein Buch von der anderen Frau. Auch allein zu Haus. Der Bettina. Dem Wulf seine. Vielleicht schreibt die dann mal über ihre Erlebnisse mit Maschmeiers, deutschen Bankern und anderen Sportwagenbesitzern.

Doch erneut zurück zur Stephanie zu Guttenberg. Ich schweife einfach zu oft ab.
Erst heute ist mir dann der tiefere Sinn der BILD-Warnung »Pornografie verdirbt unsere Kinder« aufgegangen. Es ist eine weit angelegte Kampagne. Der beiden zu Guttenbergs. Eine Gemeinschaftsarbeit.

Fast jeder männliche Bürger hat vor nicht allzu langer Zeit noch die erste pornografische Erniedrigung im Alter von 18 bis 20 Jahren auf folgende Weise gemacht:

»Die Hose herunter. Okay. Und jetzt husten Sie mal.«
Seine Hand befand sich unter seinen Hoden und der Junge schaute in das ernste sachlich bemühte Gesicht eines Mannes.
»Nun drehen Sie sich um und bücken Sie sich.«
Der Mann schaute dem Jungen vor versammelter Mannschaft ins Gesäß. Und manchmal berührte er ihn auch intimer. Alles im Dienste einer höheren Weihe, versteht sich.

Solche Szenen haben sich immer wieder Jungen von der Musterung zur Bundeswehr erzählen können. Und eben diese Musterung will dem Stephanie zu Guttenbergs ihr Mann, der CSU-Politiker mit den vielen Vornamen im Pass, abschaffen. Das hat der heute erklärt. Somit kann es sich hierbei eindeutigerweise nur um eine Entpornografisierung der Bundeswehr handeln.

Aber das ist nicht das alleinige Ziel, welches der Ehemann der zu Guttenberg-Frau erreichen möchte. Der will die Bundeswehr zu einer exklusiven Schar Berufener machen. Eben Berufssoldaten. Dressed to kill statt Bürger in Uniform.
Aufgenommen werden dann nur die besten. Die moralisch saubersten. Diejenigen jungen Männer, die bei dem Wort »Porno« noch eine Erektion bekommen, und nicht nur anfangen, müde zu gähnen mit einem »Kenn ich schon« auf den Lippen. Diejenigen sollen es werden, die dem Tode todesmutig ins Auge schauen und ihn nicht fürchten, wenn sie ihn anderen zufügen, und das Ganze nachher auch noch als »Kollateralschaden« verkaufen werden.

Und dann, also wenn er das geschafft hat, eben dann schreibt der Karl-Theodor Freiherr von und zu Guttenberg ein Buch.
Nein. Keine Fortsetzung von Ian Flemmings Buch »Tschitti Tschitti Bäng Bäng«. Oder eine neue Episode von Ian Flemmings James Bond und dessen Miss Moneypenny.
Nein.
Nur ein 500 Seiten starkes Buch.
Schlicht und ergreifend. Mit einem Titel, der unter die Haut geht:

»Der Tod ist ein besonderes Aphrodisiakum«

Ich garantiere euch, das wird voll Porno, ey. Da können wir noch in vielen Gedenkgottesdiensten von zehren.

P.S.:
»Kirche« und »Tod« in einem Satz zusammen zu erwähnen, ist nicht anstößig. Darum passen Kirche und Bundeswehr auch so gut zusammen. Sie gehen sozusagen »Hand in Hand«. Was der eine liegen läßt, das sammelt der andere auf, um es zu segnen …
»Kirche« und »Porno« gehen dafür überhaupt nicht zusammen. Das ist pfui-bäh.
Außer das erstere sei mosaisch. Das ist dann doch nicht pfui-bäh. Das ist preiswürdig.
Aber das auch nur am Rande erwähnt.
Bereits zum zweiten Male.
Und das auch nur, um es euch hinterhältig einzubläuen … .

Hautnah statt mittendrin?

Während die deutsche Fußballmannschaft gegen die Weltauswahl aus Aserbaidschan versucht, mit Toren einen gebührenden Abstand zu einer theoretisch machbaren Niederlage herzustellen, reicht es mir nicht.
Einfach nur dabei zu sein? Das reicht mir nicht.
Hautnah den deutschen Fußballern auf den Pelz rücken. Das isses.

Training ist vorbei. Die Spieler verlassen den Rasen, gleich geht’s zurück ins Hotel.

15 Minuten Halbzeitpause.
15 Minuten nachdenken, wie das zu schaffen sein könnte.
Was liegt näher als …

15 Minuten Rückfahrt, die Mannschaft ist zurück im Hotel. Gleich geht’s zum Abendessen.

… nein, doch nicht.
IM ARD … pardon, ich meine: … Im ARD läuft das Spiel zwar live. Kommentator und Co-Kommentator plaudern munter die Zeit der Halbzeitpause tot. Nur, das ist mir noch nicht hautnah genug.
Näher, oh näher zu dir, meine Mannschaft, will ich dir rücken!

Der Bus ist da, die Spieler auch. Philipp Lahm und Co. machen sich gerade warm.

Heureka!
Das isses!
Twitter!
Ich verfolge die Nationalmannschaft über Twitter!
„Näher dran“ gibt es gar nicht, wenn Podolski, Klose, Lahm und Badstuber abwechselnd mit Handy ihre Nachrichten ins WorldWide-SocialWeb abschicken.
Und wenn nicht unsere Stars, dann sicher der Niersbach in Vertretung der Mannschaft.

Die Mannschaften laufen ein. Gleich gehts los…

140 Zeichen Fußballlyrik.
Die Suche unter Twitter spukt mir als Twitter-Teilnehmer „DFB_Team“ aus.
Ich logge mich ein und lese …

Wiederanpfiff in Köln, die zweiten 45 Minuten laufen.

… und schließe die Twitter-Seite wieder.
Soviel spannende DFB-Hochlyrik ist mir zu tiefsinnig.
Das 4:0 fällt und ich lese die letzte Twitter-Prosa vom DFB.

Die Diagnose bei Mertesacker: Platzwunde unter dem linken Auge. Vorsichtshalber wird er zum Röntgen ins Krankenhaus gefahren.

Der ARD-Kommentator plaudert weiter wie ein Duracell-Häschen auf AC/DC in sein Mikrofon.
Hm.
Meine Entscheidung für die zweite Halbzeit ist gefallen:
Lieber ARD-Fußball statt DFB-Twitter.
Lieber mittendrin statt hautnah.

Quelle der Twitter-Zitate: hier