Ein geschichtsträchtiger Moment, für die Nachwelt verloren (Fake der Woche)

Jeder hielt seine auf Holz gedruckten Buchstabe in der Hand und blickte konzentriert auf die Tischplatte vor sich. 10 Buchstaben hatten beide gezogen und gemäß den Regeln musste in jeder Runde ein neuer Buchstabe aus dem verdecktem Haufen gezogen werden. Eigentlich hatte es für ihn so gut begonnen. Der Schiedsrichter hatte für beide das Startwort »Schuldenkrise« mit Buchstaben als Ausgangspunkt gebildet. Er grinste die Frau ihm gegenüber an und stellte die Buchstaben zu »Schindelkurse« und um fügte ein »W« aus seiner Hand hinzu. Die Frau war sichtlich nervös und der kleine Mann hinter ihr ebenso. »Schwindelkurse«. Sie grübelte ein wenig und legte die Buchstaben erneut um. »Schundkreisel« hatte sie gebildet und nahm das »W« an sich um mit zwei weiteren Buchstaben auf der Hand ein »Wut« zu bilden.
Der Mann ihr gegenüber schaute die Frau an und rückte seine Reversnadel zurecht. Er hatte sie von seinem Vorstandsvorsitzenden erhalten. Als Talisman. Eine Nadel in Gold. Ein Symbol aus einem Quadrat und einem diagonalen Strich in deren Mitte.

Die Journalisten standen gebannt hinter dem Absperrband und versuchten mit ihren Teleobjektiven die Situation einzufangen. Aber offensichtlich störte der kleine Mann hinter der Frau. Einer rief ihm zu, er solle beiseite gehen, aber der kleine Mann antwortete in gebrochenem, fanzösisch-nasaliertem Deutsch: »Isch verschtähä nischt« und grinste spitzbübisch.

Das Spiel von dem Goldnadel-am Revers-Mann mit der Frau zog sich hin. Es herrscht Hochspannung. Der Schiedsrichter schien der einzige, der die Ruhe weg hatte. Mit einer Nagelfeile manikürte er sich diskret die Fingernägel, während er den Tisch aufmerksam im Auge behielt. Auf dem Spiel standen zwei Forderungen, welche sich beide zuvor in Schriftrollen feierlich übergaben. Jeder der beide hatte die andere Rolle zuvor studiert und es war zu merken, dass die Inhalte nicht ohne waren. Zumindest der der Frau, denn die wurde ein wenig bleich und biss danach nur noch verkrampft auf ihre Unterlippe herum.

Die Regeln waren klar. Sobald es jemand schaffen würde alle Buchstaben aus seinen Händen abzulegen, hätte der- oder diejenige gewonnen. Allerdings: Sollte es jemand schaffen aus dem letzten Wort oder Wörtern noch ein neues zu bilden, so hätte der andere gewonnen. Selbst wenn derjenige noch Buchstaben hätte. Es kam also drauf an, den letzten Begriff so zu wählen, dass der andere daraus durch Umstellung nichts neues bilden konnte.

Die Spannung knisterte. Die Uhr war inzwischen auf vier Uhr morgens fortgeschritten. Das Spiel schien noch weit vom Ende entfernt. Beide schenkten sich nichts. Der kleine Mann hinter der Frau hatte der Frau schon mehrfach das Wasser gereicht, während der Mann mit der Nadel am Revers immer wieder nervös auf sein Smartphone stirrte.
Auf dem Tisch lag der Begriff »Du Inselnerz« und der Mann war am Zug. Er starrte bereits seit zehn Minuten regungslos auf die beiden Worte. Er hatte noch vier Buchstaben auf der Hand. Die Frau trank erneut ein Wasser.

Und dann kam Bewegung in die Runde. Der Nadel-Mann richtete sich triumphierend auf und schob die vor ihm liegenden Buchstaben in eine neue Reihenfolge: »Zinsenluder«. Mit spitzen Finger legte er danach seine letzten Buchstaben davor, lächelte provozierend und zeigte zum Beweis, dass er keine Buchstaben mehr hätte, der Frau offensiv seine Handflächen vor.

Unruhe entstand im Saal. Vereinzelter Applaus war anfangs zu hören. Er wurde stärker, unterdrückte Jubelschreie waren im Hintergrund zu hören. Das Plöp-Geräusch eines Sektkorkens ertönte, Gläser wurden angestoßen.
Der Schiedrichter bat um Ruhe, schaute auf die Tischplatte und verkündete:

»Letzte Runde! Nur noch zehn Minuten Bedenkzeit!«

Die Journalisten fotografierten wie wild. Das Spiel schien gelaufen. Um vier Uhr morgens. Nach zehn Stunden. Noch zehn Minuten Bedenkzeit,. Zehn Minuten bis zur Entscheidung über Sieg und Niederlage.
Die Frau schien auf einmal erleichtert, völlig locker. Sie drehte sich zu dem kleinen Mann hinter ihr um und sagte ihm (während der Dolmetscher hektisch ins französische übersetzte):
»Schau mal, Nicolas. Die denken alle, ich wäre dumm, nicht wahr. Aber da täuschen die sich. Bereits nach dem Mauerfall hatte ich mir gesagt, ich will mal bedeutend werden. Und dafür habe ich mir meinen Berufswunsch ganz fett und dick übers Bett gepinselt. Und da liegt dieser Berufswunsch direkt lesbar vor mir«
Der Dolmetscher versuchte ihm das Wort auf dem Tisch zu übersetzen. Indessen drehte die Frau sich wieder um, lächelte den Mann gegenüber maliziös an und fing an seinen gebildeten Begriff umzuschieben.

Im Saal herrschte Totenstille. Auch der Nadelmann war erneut erstarrt. Dessen Augen weiteten sich entsetzt, als er sah wie die Frau die Buchstaben umschob. Er dachte, dass er mit dem »Bankzinsenluder« doch wohl gewonnen hätte.

Und vor aller Augen und unter Entsetzen des Nadelmannes schob die Frau aus dem »Bankzinsenluder« das neue Wort zusammen:

»Bundeskanzlerin«

Niemand war fähig diesen Moment zu dokumentieren, der Nachwelt zu erhalten. Und so gelangte dieser Moment nie in die Geschichtsbücher dieser Welt. Blieb ungewürdigt. Allein die Presseerklärungen danach blieben der Nachwelt erhalten:

»Wir haben heute Nacht gezeigt, dass wir die richtigen Schlüsse aus der Krise ziehen. Mir ist sehr bewusst, dass die Welt heute auf diese Beratungen geschaut hat. Jeder hat auf diesem Gipfel sein Beitrag geleistet. So wird es auch immer sein. Und solche Gipfel können nur zu Ergebnissen kommen, wenn alle einverstanden sind und alle ihren Teil dazu beitragen.«
Bundeskanzlerin Angela Merkel

»Beide Seiten sind bei dem Euro-Gipfel aufeinander zugegangen und haben im Interesse Europas einen befriedigenden Kompromiss erzielt.«
Deutsche-Bank-Chef Josef Ackermann

***

Danke für die Inspiration durch Trithemius und dem Ideengeber des Anagramms Heinrich

Morbide Nachtphantasien zu real existierendem Frischblut

„Schlagzeilen am Morgen, vertreiben Kummer und Sorgen.“

Diese alte Bauernweisheit wurde von bayrischen Agrarökonomen mit exorbitant riesigen Kartoffeln bei der Ernte vor fast 400 Jahren geprägt. In einem Anflug von brutalst möglister Innovation erschien in Deutschland die erste Tageszeitung 1612 in der Nähe der Innenstadt von München an einem lauschig kalten Herbsttag. In hölzernen Straßenkästen, erschaffen aus bester bayrischer Eiche, an der sich schon so manche deutsche Sau gerieben hatte, wurde sie öffentlich zum Verkauf angeboten und mit entsprechenden Aushängen davor beworben. Allein, die Bürger misstrauten dieser Nachrichten-Verabreichungsform. Nur die Bauern griffen beherzt zu. Ersetzte doch eine damalige Münchener Tageszeitung das schon zu jener Zeit sehr teure und nur selten per Bankenkredit finanzierbare Toilettenpapier. Wie gesagt, die Bussi-Bussi-Szene Münchens war diese Art der Nachrichtenübermittlung äußerst suspekt. Und so wurde das Projekt „Tageszeitung“ bereits nach 4,5 Ausgaben wieder eingestellt, bevor es überhaupt durch öffentliche Beachtung einen verbleibenden Vermerk in der Geschichte Bayerns, Deutschlands, Europas und der Welt erfuhr.
Lediglich ein Leipziger, der damals gerade versuchte etwas Allerlei auf dem Münchener Viktualienmarkt zu verkaufen, fiel das Projekt auf, nahm sich ein Herz und veröffentlichte seine Zeitung als Tageszeitung 1650 in Leipzig. Dort fand das Projekt erheblich mehr Beachtung. Und so gilt seit jenen Tagen im Jahre des Herrn 1650 nach Christi Geburt die Tageszeitung offiziell als Institution der öffentlichen Wissbegierde-Verbreiterung.

Morgens beschleichen einem immer die seltsamsten Gedanken. Zu einer Uhrzeit, in der eine Stadt gerade aus der Kälte erwacht und die Sonne in den Seitenstraßen Nebelschleier aufsteigen lässt. Solche Gedanken können zerstörerisch und ablenkend zugleich sein. Ein Horror-Unfall drängt sich in mein Blickfeld und meine schlafverwöhnten Gedanken versuchen aus der Schlagzeile ein Bild zu konstruieren. Schlagseite Vor meinem geistigen Auge sehe ich, wie ein Auto einen Meter über eine rot-aufleuchtende Ampel in Zeitlupe dahin schwebend auf die geöffneten Pforten des Hades – dem Reich der Toten nach griechischer Mythologie – zurast.
„Über die rote Ampel in den Tod gerast“.
Horror-Unfall? Jene Vier-Buchstaben-Zeitung verstehe ich nicht wirklich. Paar Tage zuvor prangte auf den Titelseiten noch das blutverschmierte Gesicht eines ehemaligen Diktators. Auf dessen Stirn war ein schwärzliches Kainsmal zu erkennen. Natürlich war es kein Kainsmal, auch wenn der Islam sich auf die selbe Weltgründungsgeschichte wie die Christenheit beruft. Es war das schwarz-rot-blutige Eintrittloch der Kugel, welches den ehemaligen Diktator Ghadafi von den Lebenden zu den Toten beförderte. Und während mir der Zeitungskasten von einem Horrorunfall oberhalb einer roten Ampel vor dem Toren des Totenreichs erzählt, findet sich im Innern der Zeitung nochmals die Leiche des Erschossenen. Fotografiert wie er in einer Kühlhalle zur Besichtigung von Neugierigen ausgestellt wurde. Und da wir ja hier alle für das Bruttosozialprodukt arbeiten müssen und nicht mal eben zum Nachschauen nach Lybien fliegen können, erhalten wir den Leichnam zwischen den Seiten einer Tageszeitung dar gereicht. Eben weil ich das nicht verstehe, kaufe ich sie mir auch nicht. Trotzdem lese ich deren Schlagzeilen im Vorbeigehen. Trotzdem schaue ich neugierig kurz rein, wenn sie irgendwo in der Firma rumliegt.
Immer wieder.

Immer wieder komme ich auch an einer Stelle vorbei, die mir irgendwann auffiel. Die Straße besitzt nur einen geteerten Fahrradweg und einen gepflasterten Fußweg. Quer über den Fahrradweg war neuerdings eine Schiene eingelassen worden, die bündig unauffällig mit dem Asphalt eine fast unsichtbare Einheit bildete. Allein deren Sinn erschloss sich mir nicht. Durch das Pflaster des Fußwegs waren erkennbar Kabel gelegt worden, welche zu einem Kasten an einem Lichtmast führten. Gerätselt hatte ich lange, was das sein sollte. Meine erste Phantasie war eine ausfahrbare Blockade. Nur, da der Weg Steigung aufweist, wäre so eine Straßenblockade mehr als nur leichtsinnig. Sie wäre mörderisch. Letztendlich kam ich auf die Idee nach dem Hersteller mittels einer Internetsuchmaschine zu suchen. Alsbald hatte ich in Erfahrung gebracht, dass die Schiene den Fahrradverkehr zählt und die Daten der Zählung online im Internet aufrufbar sind (s.a. die Seite http://verkehrsdaten.info/MunichSiteMap.htm). Welchen Sinn das jetzt macht, festzustellen, dass in der letzten Stunde mehr Fahrradfahrer gen Süden als Richtung Norden fuhren und warum gerade auch die westliche Fahrrichtung um diese Uhrzeit und Kälte die begehrtere Richtung sein soll, darüber werden sich die Historiker noch in hundert Jahren streiten.

Das Internet und sein Suchmaschinen-Star lösen mir viele Fragen. Ich wäre nicht ehrlich, würde ich behaupten, dass auch meine Frage nach Bilder vom toten Ghadafi nicht von Erfolg gekrönt war. Im Endeffekt hat es mich selber überrascht, wie kalt mich die Bilder jenes YouTube-Filmchens aus der Leichenhalle ließen. Und insofern überrascht es mich nicht, dass auch die BILD-Zeitung die Neugierde der Suchmaschinen-Unkundigen befriedigt. Und weiterhin überrascht es mich nicht, dass Franz-Josef Wagner in direkter Artikelnachbarschaft seine Abscheu über die öffentliche Präsentation des Toten in Lybien anklagte. Einer muss das ja tun.
Mir fielen die Namen Schleyer und Barschel ein. Die Veröffentlichung deren Totenbilder hatte eine riesige Empörung in deutschen Landen zu jener Zeit ausgelöst. Es wurden so beliebte Hüte wie „Anstand“ und „Moral“ zur Schlacht gegen die Missachtung der Totenruhe in den Ring geworfen. Oder waren es weiße Handtücher? Ich weiß es nicht mehr so genau. Die Zeit ist eine fiese Sache. Sie tupft die Erinnerungen fort. Sie werden immer bruchstückhafter, immer löchriger. Von Osama bin Laden Leichnam wurden Beweisfotos gefordert. So wie jene Belegfotos, die von Saddam Husseins Hinrichtung veröffentlicht wurden.

Die Fotos des toten Ghadafis wirken bei mir noch nach. Ein Kopf mit dem kleinen schwarzen Loch und den halb geöffneten Augenlidern aus jenem YouTube-Filmchen, in dem sich Lybier mit dem Leichnam wie mit einem Popstar in Pose bringen. So wie Touristen am Grab von irgendwelchen westlichen Popstars, welche sich ihr Popstar-Hirn selber auf die eine oder andere Art heraus gepustet hatten. Und dann noch die Bilder von dem öffentlich aufgebahrten Leichnam Ghadafis. Es sind die eigentlichen Horror-Fotos. Bin ich eigentlich degeneriert, darüber so halb anteilnahmslos schreiben zu können? Oder bin ich degeneriert, dass ich schon seit Jugend an mit Darstellung von zu Tode gequälten Körperdarstellungen groß geworden bin? Mahnende Stimmen gibt es zuhauf, die sich darüber aufregen. Auch der Popstar der BILD, jener Franz-Josef Wagner, der sich darüber beklagt, dass Araber so gefühlskalt mit der Totenruhe umgehen können.
Besser sind wir allerdings auch nicht. Einerseits, gäbe es Bilder vom toten Osama, wir würden sie im Internet suchen. Und andererseits, vor meinem inneren Auge kann ich mir unendlich viele Bilder von mit Stöcken und Dornen zerschundene, blutenden Körpern mit offenen Fleischwunden aufrufen. Bildnisse von jenem Mann, den eine ganzen Christenheit verehrt, weil er erst brutalst gequält und dann lebendig ans Kreuz genagelt wurde. Die Kreuzwege sprechen ihre Sprache der blutrünstigen Grausamkeiten. Da wirkt das Bild des toten Ghadafis fast schon wie morbider Romatismus dem Tod gegenüber.

Und dann heute die Schlagzeile am Zeitungskasten, am frühen Morgen. Horror-Unfall. Ich lese es, zucke gleichgültig die Schultern, formiere noch ironisch ein Bild vor meinen geistigen Augen und setzte meinen Tagesweg fort. Horror hat in diesen Zeiten mehr die tradierte Gefühlsanwallung. Er ist abstrakt geworden in unserer domestizierten Umgebung. Da kann es schon mal passieren, dass im bayrischen Sommerloch eine freilaufende Kuh zu einer Bedrohung und zu einem Freiheitssymbol zugleich für unbescholtene Bürger hochstilisiert wird. Da kann es auch schon mal passieren, dass ein Autounfall neben einem öffentlich zur Schau gestellten Leichnam zu einem „Horror“ wird.

Vielleicht liegt es aber auch nur daran, dass den BILD-Reportern das gleiche passiert wie mir: Sie gehen in die Läden und sehen, dass das Geschäft mit dem Tod saisonal floriert: Halloween ist in einer Woche. An jeder Ecke gibt es Kunstblut, Special Effect Make up, Totenmasken, Totenschädel, die reine Lust auf Morbidität.

Ach ja. Und in zwei Monaten ist Weihnachten.

Ich sag’s ja, ich bin degerniert: Weihnachten, Mord und Totschlag innerhalb weniger Zeilen verwurschtelt zu einer seltsamen Melange einer Misch-Realität.

1650 erschien die erste Tageszeitung in Leibzig. Und ehrlich, dass die erste Tageszeitung in München nach kurzer Erfolglosigkeit eingestellt worden sein soll, das beruhte auf meine Phantasie. Bayern an sich sind zu solchen Erfindungen nicht prädestiniert. Die Bayern sind sowieso die Asiaten Deutschlands. Asiaten, von denen man sagt, sie kopieren alles und jedes, um damit erfolgreicher als andere auf dem Markt zu werden.
Aber ich will jetzt nicht wieder auf die Geschichte von Stoibers Tochter und dem ach-so-dynamischen zu Guttenberg herumreiten. Das Pferd ist tot und solche toten Pferde – sprich: Geschichten – regen inzwischen niemanden mehr auf, sondern sie langweilen maximal. Etwas anderes muss her. Horror, wie man ihn mag. Frischblut halt muss her …

… Oh Pardon. Ich werd‘ wieder degerniert pietätlos …

Holz, ein begehrtes Baumaterial: damals für Pferde, heute für politische Wege

Die Straßen Bayerns sind nie wirklich dunkel. Das hehere Licht der Staatskanzlei und deren angeschlossenen Organen leuchtet bis in die letzten Winkel seines Landes. So erfreut sich insbesondere der Bürger Münchens eines hohen Sicherheitsniveaus.

Seitdem Anfang, Mitte der 1960er Jahre noch Studenten von der Leopoldstraße gen Norden joggten, um an der »Münchener Freiheit« rum zu trollen, so wissen doch die heutigen Studenten, wo sich das Leben abzuspielen hat: nur dort in der Leopoldstrasse, da wo es auch noch Universität hat.
Pardon, Elite-Universität wollte ich freilich schreiben. Denn die »LMU« ist auch so eine Leuchte Münchener Wissens. Letztendlich hatte im Bette mit seiner Mätresse diese Wissensanstalt ein bayrischer König verfügt, dass dort Wissen von Wissbegierigen angehäufelt werden solle. Von Rumdemonstrieren hielt der bayrische König weniger, weil es auch damals Leute gab, die sich nach seinem Geschmack zu sehr für sein privates Sexleben interessierten.

Die LMU wie auch andere Universitäten des »Freiheitsstaates Bayern« hat schon viele fähige Köpfe hervorgebracht, welche zwischen Frankenland, Walhalla und Alpenpanorama ihren Doktor gemacht haben. Dr. Franz-Josef Strauß, Dr. Max Streibel, Dr. Edmund Stoiber, Dr. Karl-Theodore zu Guttenberg, Dr. Ilse Aigner, Dr. Hans-Peter Friedrich.

Na? Wo war der Fehler?
Richtig. Unser Problembär-Jäger und Transrapid-Einsteiger Stoiber und unser Innenminister und Bewahrer der inneren Sicherheit Hans-Peter Friedrich sind die einzigen mit einem Doktortitel und Ilse Aigner hat im Gegensatz zu allen anderen nur die Mittlere Reife. Aber der Rest hätte sich gerne mal mit einem Doktortitel geschmückt. Unser herzallerliebster Karl-Theodore auf und davon Guttenberg wollte einen, hat ihn sich kopiert und deswegen wurde dieser Titel ihm nicht mehr gegönnt. Stoibers Töchterle wollte auch dem Herrn Papa in Sachen Titel nachfolgen und wurde dabei im post-universitären Leben ebenfalls von ihrer Kopiererei schneller eingeholt, als es sich das Töchterlein dachte.

Nebenbei: freilich haben nicht alle an der LMU studiert, die jetzt in Bayern wichtige Staatsämter bekleiden. Aber hilfreich war es doch. Denn so konnten fähige Köpfe Bayerns entscheiden, dass die Geschichte auch für die bayrisch-rautenförmigen Gedankenmuster etwas eminent Wichtiges parat hatte: die Erlangung von Wissen von hinten durch die Brust direkt ins Auge. Geschichte zum Nacheifern. Historisches Kopieren in konservativer – also bewahrender – Tradition.

Denn da gab es mal ein Volk von Streitern, die wollten in eine Disko und der Türsteher sagte denen dauernd »Du kommst hier nicht rein«. Das hat die Streiter so genervt, dass die ein Holzpferdchen bastelten und es dem Türsteher brachten, der es sofort in die Abstellkammer verfrachtete, weil er damit nichts anzufangen wusste. Als dann die Disko geschlossen war, kletterten paar Illegale heraus und kurz darauf machten die Streiter spontan Fete in der Disko. Diese List ging in der Geschichte als das Pferd von Troja ein.

Mit »Du kommst hier nicht rein« kennen sich die bayrischen Politiker seit der Gründung der Münchener Nobeldisko »P1« zur Genüge aus. Also haben sie sich gedacht, das, was Odysseus in Troja schaffte, das würde die Staatskanzlei auch mit ihren zu verwaltenden Bürgern schaffen und programmierten folglich einen Trojaner.

Inzwischen hatte die bayrische Politikerin Ilse Aigner was ganz neues für ihren Beruf entdeckt: Datensicherheit. So kämpfte sie für die Verpixelung von Häusern bei Google-Street-View, auf das niemand mehr per Heim-Computer in fremde Wohnungen schauen sollte. Medienwirksam trat sie bei Facebook aus, besser gesagt, sie versuchte, dort ihr Profil zu löschen. Wer wissen will, was sie bei Facebook im Profil stehen hatte, kann bei Wikipedia oder Ilse Aigners neustem Twitter-Account oder http://www.ilse-aigner.de nochmals alles nachlesen.
Später pilgerte Uns-Ilse schließlich auch noch in die amerikanische Zentrale von Facebook (»Ilse who?«), um dort für die Datensicherheit ihrer Bürger zu kämpfen. Ihr persönliches Erfolgserlebnis war, dass der Facebook-Chef Mark Zuckerberg nach ihrem Besuch die »Timeline« für Facebook ankündigte, um jedermanns Leben somit zum öffentlichen Privatarchiv wandeln zu können.

Ilse Aigner zeigte sich daher über Facebooks neuen Zukunftsprojekte so erfreut wie letztens eben jener Rechtsanwalt, der die Festplatte seines Mandatens dem Chaos Computer Club (CCC) zur Analyse übergab. Und der CCC fand dort eine Art Holzpferdchen, mit dem wohl einige »Du kommst hier nicht rein«-Hasser sich auf jenem Computer breit gemacht hatten. Die Tarnung des »Bundestrojaner« war aufgedeckt. Aber darin täuschte sich der CCC. es war kein »Bundestrojaner«. Lediglich ein »Freistaat-Trojaner«, welchen der Mandant des Rechtsanwalts sich bei einer Kontrolle am Münchener Flughafen eingefangen hatte. Gut, der Zoll und die Sicherheitskontrollen am Flughafen unterliegen eindeutig dem Bund. Aber der Trojaner war eindeutig bayrischer Art. Typisch bayrisch vordergründig. So bayrisch wie Ilse Aigner, Franz-Josef Strauß, Edmund Stoiber und Karl-Theodor zu Guttenberg.

Doch zurück zu Ilse Aigners Besuch bei der US-Facebook-Zentrale: Frau Aigner wollte klären, ob schon ein Klick auf einem Facebook-Like-Button genügt, um auf dem Computer für zwei Jahre ein Cookie abzulegen, um das Surfverhalten des Nutzers am PC aufzuzeichnen. Es ist der Traum für jeden Landes- und Bundespolitiker und besonders deren Exekutive.
Stand zum Fotografieren von Straßenzügen bislang nur hoch komplizierte Satellitentechnik zur Verfügung, während Google einfach Autos mit Kameras auf nem Stativ nutzte, so lässt gerade die Existenz eines bloßen Cookies Überwachungsträume ins Kraut schießen. Denn würde der Staat Straßen und deren Internet-Access-Points fotografisch und datentechnisch für eigene Zwecke dokumentieren, es würden nur überbezahlte und untermotivierte Schlapphüte zur Verfügung stehen (was die Satellitentechnik erklärt).

Also ein Cookie als Trojaner? Was für ein Traum. Wie macht Facebook das nur? Ilse wollte es in der US-Facebook-Zentrale genauer wissen. Facebook hat alle ihre Fragen zugelassen. Nur beantwortet hatte Facebook diese nicht. Wie unfair, Facebook.

Neulich hatte der Innenminister Hans-Peter Friedrich (ebenfalls bayrischer LMU-Absolvent und P1-Geschädigter) erst versucht, der Ministerin Aigner den Wind aus ihren aufgeblähten Segeln zu nehmen. Friedrich erklärte sich ex pressis verbis damit zufrieden, würde Facebook einer freiwilligen Selbstverpflichtung zur Datensicherheit nachkommen. Dieses ist insofern bemerkenswert, da die Datensicherheit den Aufsichtsbehörden der Länder unterliegt und nicht dem Bund. Somit also auch nicht dem Innenminister. Und erst recht nicht Ilse Aigner und deren beiden für die Sache »Internet« abgestellten Mitarbeitern. Zwei Mitarbeiter eines 900-Mitarbeiter-starken Verbraucherschutzministerium (s.a. ZEIT-Online). Was für ein Einsatz für ein Volk von durch Facebook bedrohte Bürger. Wird es jetzt klarer, warum der CCC nie einen »Bundestrojaner« aber dafür einen »Landestrojaner« finden konnte? Auf Bundebene fehlen entsprechende Arbeitskräfte.

Und jetzt sehen wir plötzlich, dass der CCC dem bayrischen Trojaner-Dreigestirn »König, Bauer und Jungfrau« (Innenminister Dr. Hans-Peter Friedrich, Bayrischer Innenminister Joachim Herrmann, Bundesverbraucherministerin Ilse Aigner) ein dickes Ei ins Nest gelegt hat: des Kaisers neue Kleider verhüllen nicht wirklich etwas, sondern zeigen eigentlich nur, wie lächerlich und janusköpfig dieser Pseudo-Kampf gegen Facebook und Co. ist.

Im Mittelpunkt steht wie üblich nicht der Anspruch auf Datenschutz der Menschen. Argumentativ vorgeschoben wurde die Terrorabwehr. Damit sollte der »Bundestrojaner« der Bevölkerung schmackhaft gemacht werden. Eingesetzt wurde jetzt staatlicherseits ein Abkömmling illegal zur Bekämpfung des Drogenhandels. Mehr als ein Schädlingssoftware-Programm ist dabei nicht herausgekommen. Ein Programm, welches zum einzigen Zweck der kompletten Internet-Überwachung verdächtiger Bürger erstellt wurde. Es bleibt die gute Hoffnung, dass jetzt das Programm den wohlverdienten Weg aller Schadprogramme erfahren wird: die Aufnahme in die Virendatenbanken der Anti-Viren-Softwarehersteller.
Jetzt fängt wohl die Nervosität der Einsatzzentralen jenes Trojaner-Programmes an: Wer hat diese Schadsoftware denn nun auf seinem Rechner? Wer entdeckt ihn?

Ilse Aigner und ihr Kampf gegen Facebook war bislang eine wohlfeile Show. Der Einsatz von staatlichen Trojanern dagegen ist das real existierende Handeln hinterm Vorhang. Offizielle Behörden haben es auf Inhalte abgesehen, die die von ihr verdächtige Bürger auf dem Monitor und auf der Festplatte haben. Einerseits. Andererseits gilt auch jetzt wieder der von Politikern dauernd propagierte Grundsatz »Wer stets rechtens lebt und nicht zu verbergen hat, der hat auch vor einem Staatstrojaner nichts zu befürchten«.

Genau. Warum dem Staat alles vorenthalten und als privat deklarieren? Warum mache ich aus meinen Computer-Sitzungen jeden Abend nicht auch immer gleich ein »Public Viewing« in meiner Straße? Hab ich etwas zu verbergen? Bin ich etwa ein Gefährder, etwa ein Schläfer, nur weil ich meine Daten von bestimmten Organisationen nicht wirklich erleuchtet und durchleuchtet sehen möchte?

Gut. Wenn all jene mit gutem Gewissen, ihre Computersitzungen auf Leinwände zeigen würden, zur Überwachung all dieser »Public Viewing«-Shows würde es viele Schlapphüte benötigen, die sich vor den Leinwänden fleißig Notizen und Fotos (sogenannte Screen-Shots) machen. Der gläserner Bürger. Dann wäre der Staat zufrieden. Das Idealbild einer wehrhaften Demokratie in der Gefahrenabwehr. Nur wäre dazu ein verdammt hoher Personalaufwand notwendig. Aufwand um jeden Preis. An dieser Herausforderung ist bereits schon einmal ein Staat vor mehr als 20 Jahren gescheitert.
Im Zeitalter des Computers geht es erheblich einfacher, Daten und Informationen abzugreifen. Was denn einem Trojaner auch gleich wieder seine Daseins-Berechtigung gibt. Das haben sich wohl auch viele Politiker gesagt und das Projekt freudig abgenickt (ergo: Politiker ungleich Bürger).

Der Trojaner als erleuchtende Lebensphilosophie.
Ein Leben im Hier und Jetzt in den Grenzen von Copy & Paste.
Insbesondere die Stoibers und Guttenbergs aus Bayern wissen viel dazu zu berichten. Offensichtlich eine bayrische Lebensphilosophie. Eine, welche jetzt den Trojaner im Dienste seiner vielen bayrischen Majestäten der Staatskanzlei gestellt hatte.

Und was hat das staatliche Copy & Pasten mit Trojanern jetzt politisch zu bedeuten? Wird es bald wieder eine Doktorenschwemme unter Politikern geben? Sponsored by screenschots? Made by Trojaner?

Trojaner. Nachempfunden der Kriegslist beim Kampf um Troja. Als mit Hilfe eines hohlen Holzpferdes eine Bastion geschleift wurde. Genau das haben die Bayern vor allen anderen zuerst aus der Geschichte gelernt. Und exemplarisch preußisch vorexerziert:
Mit Holzpferden kommt man am besten auf Holzwegen voran.
Auch wenn die Bretter vor der eigenen Stirn als Wege dazu herhalten müssen.

Das Schlusswort an dieser Stelle sei dem verstorbenen GröBaz Franz Josef Strauß (dem Politiktrojaner ohne Doktorhut und doppeltem Boden) vorbehalten:

»Von Bayern gehen die meisten politischen Dummheiten aus. Aber wenn die Bayern sie längst abgelegt haben, werden sie anderswo noch als der Weisheit letzter Schluss verkauft.«