Zweigleisig

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***

„Wenn jemand sucht, dann geschieht es leicht, dass sein Auge
nur noch das Ding sieht, das er sucht, dass er nichts zu finden,
nichts in sich einzulassen vermag,
weil er nur an das Gesuchte denkt, weil er ein Ziel hat,
weil er vom Ziel besessen ist.
Finden aber heißt: frei sein, offen stehen, kein Ziel haben.“
(Hermann Hesse, Siddhartha)

Ich erwachte aus einem unruhigen Schlaf. Die Bettdecke lastete feucht auf meinem Körper. Ein eigenwilliger Traum, das war es, an was ich mich erinnerte. Wie ein Echo aus der Dunkelheit des Schlafes. Ein Alp war er, der mir vorspiegelte, ich hätte in einem Schacht gelegen. Einem Bahnhofsschacht. Einen Schacht von nur einem halben Meter Breite. Und Erinnerungen an einen Fahrradunfall echoten in meinen Erinnerungen vom Traum, einen Unfall, den ich als Kind einmal hatte.

Eine wohlige feuchte Wärme umgab mich. Ich wollte mich in diese hinein strecken, mich in ihr aufgehen lassen, mir einen guten Start in den Tag bereiten. Meine Augenlider waren schlafverklebt und weigerten meinen Gedanken Folge zu leisten. Mein Wille war aber stärker. Lediglich, als ich die Augen öffnete, sah ich nichts. Dunkelheit bohrte sich in meine Netzhaut.
Langsam registrierte ich, dass ich gar nicht in meinem Bett lag. Und das Weiche war auch keine Bettdecke. Ich spürte, dass ich auf hartem Untergrund lag und offenbar in meiner Kleidung geschlafen hatte. Meine Bettdecke war lediglich meine Jacke.
Wie der Geist der Erkenntnis sein Licht in meine Dunkelheit raus sandte, da riss der stechende Schmerz in meinem Kopf mich komplett aus dem halbwachem Zustand. Die wattige Müdigkeit war wie weggeblasen, der stechende Kopfschmerz erfüllte mich komplett, die Erinnerung an meinem Zustand war zurück gekehrt: Ich befand mich noch immer in dem Schacht in der Dunkelheit fest.
Allein, warum dachte ich dauernd nur »Bahnhofsschacht«?

Mein Versuch meine Hände zu bewegen, schlug fehl. Beide lagen eingeklemmt von meinem Oberschenkel auf dem Boden. Es musste Beton sein. Ich bewegte meine Schultern und spürte, dass auch diese eingeklemmt waren. Zwischen zwei Betonwänden, wie ich vermutete. Meine ganzer Körper schien zwischen den Betonwänden eingeklemmt zu sein. Es waren keine senkrechten Wände, es waren schräg abfallende Wände, was mir das Gefühl gab in einer Art »Schraubzwinge« zu stecken. Ich hob meinen Po an, um Platz für meine Hände und Unterarme zu gewinnen. Mein Kopf drückte dabei auf den Betonboden und die Kopfschmerzen nahmen mir fast die Luft. Aber ich schaffte es, meine Arme so in Position zu bringen, dass ich meinen Körper hoch hebeln konnte. Vorsichtig richtete ich mich auf. Je höher ich kam, desto breiter wurde der Schacht. Irgendwann hörten die Wände auf, ich vermutet, dass sie an der oberen Stelle einen halben Meter voneinander entfernt waren. Meine Füße hatten wenig Platz zum Stehen, trotzdem bekam ich einen einigermaßen stabilen Stand. Halb aufgerichtet suchte ich links und rechts neben mir Halt, griff aber ins Leere. Einen Moment überlegte ich. »Mein Handy«, war mein erster Gedanke. Es hatte ein helles Display. Ich könnte es als Taschenlampe verwenden. Von diesem Gedanken ermutigt richtete ich mich komplett auf. Noch während des Aufrichtens spürte ich, wie mein Kopf gegen etwas metallenes stieß. Zu spät. Zu ungestüm hatte ich mich aufgerichtet. Mein Kopf rächte sich, die Schmerzen im Kopf wurden durch Schmerzen auf dem Kopf ergänzt. Gegen irgendetwas metallenes war ich gestoßen. Jetzt quietschte es und schien zu schwingen. Meine Hände ertasteten eine Nennröhrenhalterung.

In meinen Jackentaschen suchte ich mein Hände. Meine Vorliebe sind Jacken mit vielen Taschen. Was der Frau ihre Handtasche ist, das ist mir eine Jacke mit vielen Taschen. Das hat den Vorteil, dass ich alle wichtigen Dinge in der Jacke transportieren kann und keine extra Herrenhandtasche benötige. Es hat allerdings den Nachteil, dass einerseits die Jacke an entscheidenden Stellen recht bald ausgebeult ist, aber zu anderem auch, dass ich manchmal bestimmte Dinge nicht wiederfinde.
So wie jetzt. Geldbörse, Kinokarten, Notizzettel, Kugelschreiber, Bleistift, Schlüsselanhänger, Cent-Münzen, lose Papiertaschentücher, all das fand ich sofort und ohne langes Suchen. Nur mein Handy wollte einfach nicht von mir entdeckt werden. Hatte ich es verloren? Nochmals tastete ich alle Jackentaschen ab. Nichts? Wirklich nichts? Ich hielt inne und überlegte. Wann hatte ich es zuletzt verwendet? Und wo? Vergeblich suchte ich Antworten zu diesen Fragen, ratlos steckte ich eine Hand in meine vordere Hosentasche und stieß auf was hartes. Da war es. Erleichtert zog ich es hervor. Es war ausgeschaltet. Ich drückte länger auf den Einschaltknopf und mit einem Summen schaltete es sich ein. Gebannt blickte ich aufs Display. Es leuchtete auf, blendete mich, meine Augen musste ich zusammen kneifen.
Mein Handy suchte unterdessen Netzanschluss, suchte Verbindung zum Server. Nichts. Kein Netz. Ich hatte kein Netz. Ein Hauch von Ärger wollte Konkurrenz zu meinen Kopfschmerzen bilden.
Darauf ließ ich mich nicht ein. Ich wollte wissen, wo ich war, und hielt mein Handy wie eine Laterne hoch. Das Display beleuchtete fahl die Umgebung. Mit Verblüffung stellte ich fest, dass ich mich in einem Tunnel befand. Es musste ein Eisenbahntunnel sein. Etwas über zwei Meter war der Tunnel breit. Ich selber stand in einer U-förmigen, halben Meter tiefen Rinne, die sich vor mir im Dunkeln verlor. Rechts und links von mir befand sich eine Trasse, auf der jeweils Gleise lagen. Rostig waren die Gleise, also war schon länger kein Zug mehr auf den beiden Gleisen gefahren. Es waren keine gewöhnlichen Gleise. Die Spurbreite schätzte ich mit knapp einem halben Meter ab. An der Decke über den Trassen zwischen Spinnweben erblickte ich eine Installation, welche mich an Stromleitungen erinnerte. Die Trasse selber hatte eine lichte Höhe von knapp über einem Meter über den Gleisen.

Offensichtlich war ich in einem Bahntunnel. Aber das war kein gewöhnlicher Bahntunnel. Für einen normalen Zug war der Tunnel zu klein. Irgendetwas sagte mir, dass ich nicht durch Zufall hier wäre, und dass ich den Tunnel gesucht hätte. Die Kopfschmerzen ließen mir aber für Erinnerungsarbeit nicht viel Gelegenheit.

Ich schaute auf das Display. Kein Netz. Inzwischen wunderte mich das nicht mehr. Allein die Frage drängte sich mir in den Vordergrund, wo ich denn wäre. Sicher. In München. Aber in einem Tunnel? Vielleicht in einem Geheimtunnel? Aus der Zeit der Naziregierung? Oder …

Einer Intuition folgend suchte ich auf meinem Handy das Dateiverzeichnis meiner Speicherkarte. Ich öffnete den Ordner mit den Fotos und blätterte uninspiriert durch die Fotos. Dort fand ich Fotos von einer Party. Während in mir irgend eine Ahnung hoch stieg, wo ich den Abend zuvor war, stieß ich beim Durchblättern auf einen Plan:
Lageplan von 1927
»Juli 1927«. Ein alter Lageplan. »Elektrische Bahnen«. »Früheres Verkehrsministerium« las ich. Aber auch »Haupt-Bahnhof« und »Arnulf-Straße«. Dick im Plan eingezeichnet war eine doppelte Linie, welche an »Station I.« über »Zentrales Briefpostamt« zur »Station II.« führte.
Ohne Zweifel.
Der Plan zeigte eine Bahnlinie in der Stadt München.
1927. Aber es war keine normale Bahnlinie. Sie lag am Hauptbahnhof, an dem Bahnhofsflügel, der auch heute den Namen »Starnberger Bahnhof« trägt.

Meine Kopfschmerzen hatte ich fast vergessen. Gedankenverloren starrte ich auf das Foto von jenem Lageplan. Es war zwischen all den Party-Fotos, die ich mit meiner Handykamera geschossen hatte. Ich blätterte durch die Fotos. Die Gesichter der Menschen auf den Fotos sagten mir nichts. Auf zwei der Fotos war auch ich abgebildet. Einmal mit einem Glas Absynth – allein die gedankliche Formulierung des Wortes trieb mir direkt den Geschmack wieder auf die Zunge – zusammen mit einer mir unbekannten Frau und einmal mit einem Rotweinglas über geheftetes Papier. Ich vergrößerte das Foto, konnte aber nicht erkennen, um was es sich dabei handeln mochte. Ich kramte in meinen Erinnerungen, aber da war nichts. Filmriss. Ja, ich hatte wohl einen Filmriss. Keine Erinnerung mehr. Die Fotos interessierten mich immer weniger, ich scrollte schnell durch und fast hätte ich das letzte Foto übersehen.
Fast.
Die abgebildete Person erinnerte mich an etwas. Es war ein Mann im mittleren Alter. Er machte mit der rechten Hand das Victory-Zeichen und hielt ein getipptes Manuskript im Schnellhefter in mein Handykamera. Fast routinemäßig vergrößerte ich das Bild und stockte. Das Manuskript konnte ich nicht lesen. Nur der Aufbau der Seite erinnerte mich an ein Manuskript, welches bei mir zu Hause herum lag. Die erste Seite von meinem Manuskript war ebenfalls getippt und mit handschriftlichen Bemerkungen ergänzt. So wie auf dem Foto. Da war ich mir sicher. Auf dem Foto war zusätzlich noch unter den handschriftlichen Anmerkungen jener Lageplan von 1927 geklebt, welchen ich wohl zuvor abfotografiert haben musste.
Ich wählte die maximale Vergrößerung des Fotos. Sie erbrachte die maximale Verpixelung. Augenfeindlich. Unansehbar.
Aber trotzdem. Ein Wort der Randbemerkungen sprang mir ins Auge. Mit krakeliger Handschrift war das Wort zwischen Lageplan und Getipptem vermerkt.
Andere würden sicherlich das Wort als anderes gelesen haben. Lediglich für mich war es klar. Es war mir zu bekannt. Es konnte nur ein Wort sein. Das Wort auf dem Foto, es war unzweideutig und eindeutig.
Nur ein Wort:

PentAgrion!

Fortsetzung Teil 21

Das Manuskript der Papiere des PentAgrions

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***

Denn die einen sind im Dunkeln
Und die andern sind im Licht.
Und man siehet die im Lichte
Die im Dunkeln sieht man nicht.
Berthold Brecht, Die Moritat von Mackie Messer, 1930

Herbsttage können lang sein. Sehr lang. Wenn es draußen regnet und der nächste Job auf sich warten lässt, gibt es keine bessere Zeit zum Lesen. Zeit hatte ich genug. Viel Zeit.
Und eines Abends fielen mir die Papiere wieder entgegen. Direkt aus dem Regal. Als mir das Papierbündel entgegenkam, fiel mir ein Satz ein, welche eine Frau mir einmal in einer Bibliothek sagte:

»Du suchst keine Bücher. Bücher suchen immer nur dich.«

Bücher haben mich aber kaum gesucht. Eher immer nur die anderen. Eine Freundin von mir fiel ein Buch aus dem Regal, direkt vor ihre Füße. Einfach so. Es muss wohl schlecht ins Regal eingeräumt worden sein. Aber das interessierte sie nicht. Sie las es einfach. Seitdem war sie überzeugte CDU-Anhängerin. Das gefallene Buch war eine Biografie Helmut Kohls. Seit jenem Zwischenfall schaute ich immer vorher, an welche Regale ich vorbei ging.

Ich mied politische Regale und hielt mich meistzeit in der Erotikabteilung auf. Aber nie fiel mir dort ein Buch entgegen. Ich musste sie immer verstohlen selber aus dem Regal ziehen. Sie fielen mir nie entgegen. Somit werde ich auch nie erfahren, was mir aufgrund solch eines nicht eingetretenen Ereignisses an sexueller Zukunft entgangen sein mag. Das Aha-Erlebnis bei einem Zusammenstoß mit einem Erotikratgeber wollte einfach nicht passieren. PentAgrion-Kodachrome
Stattdessen fiel mir aus meinem heimischen Regal die zusammengehefteten und bereits vergessen Papiere entgegen:

PentAgrion.

Die Papiere des PentAgrion.

Als ich sie suchte, wollte ich sie lesen.
Als ich sie fand, las ich sie nicht.
Zwischen Adolf Tegtmeier und Haruki Murakami packte ich das Geheftete. Und jetzt fanden sie mich wieder, sprangen mich direkt aus dem Regal an. Einfach so. Vielleicht hätte ich das Regal nicht rempeln sollen. Aber ich nahm die Herausforderung an, räumte Tegtmeier und Marukami wieder ins Regal und nahm mir die Papiere in meine Leseecke mit.

Ich erwartete alles und nichts. Einiges hatte ich bereits ja erfahren gehabt. Und Neugierde war bei mir latent vorhanden, das gebe ich offen zu. Eine Kanne Tee, ein paar Schokoladenkekse und mein obligatorischer Kugelschreiber, um mir Randnotizen zu machen. Die Blätter waren mit Schreibmaschine getippt, das Schriftbild unregelmäßig. Mal stärker, mal schwächer. So als ob das Farbband der Schreibmaschine schon aufgebraucht wäre. Beim Querblättern registrierte ich, dass Satzzeichen eher sporadisch verwendet wurden. Auch fehlten mir die Umlaute »ä«, »ö« und »ü«. Stattdessen fanden sich die Ersatzbuchstabenkombinationen »ae«, »oe« und »ue«.
Auf der jeder Seite fand sich die gleiche Überschrift:

»AHORNSIRUP AUF STRAGULA ODER COLABUECHSE AM WESTWALL«

Ahornsirup? Hatte ich noch nie.
Und was ist »Stragula«?
Und »Westwall«?
Ich befragte meinen Computer.

Stragula: »eine mit Teer imprägnierte Pappe«. So etwas diente als kostengünstiger Bodenbelag, bis der PVC-Bodenbelag Stragula in den 70er Jahren vom Markt verdrängte.
Westwall: »mit Panzersperren und Bunkern aufgerüstete Westgrenze des Deutschen Reiches«

Die Überschrift ergab keinen Sinn. In welchem Zusammenhang sollte eine klebrige Masse auf einem Bodenbelag mit einer Getränkedose auf militärischen Sperranlagen stehen? Es ergab weder inhaltlich noch bildlich einen Zusammenhang. Ich hoffte darauf, dass mir der Inhalt der Papiere die Antwort zu der Frage geben würde. Mir erschien es wahrscheinlich, dass es sich um eine Metaphorik handeln müsse.
Nur, die erste Seite hinterließ weitere Ratlosigkeit bei mir:

»- Potential von Erotik ist Abscheidung von materialisiertem sichentfernen.
– Erotik spannt Raum auf.
– Rechtsfreiheit loest Raum auf.
– Wirklichkeit steht zu Raum in dem Verhaeltnis dass Raum ihr Potential ist.
– Wirklichkeit ist was in Raum aktuell fixiert ist,
– Wirklichkeit in aktueller Besetzung ist Summe in der Zeit geleisteter Abscheidung des Sichentfernens.
– Manifestwerden von Wirklichkeit ist Funktion der Erwartungskonstanz von Energiefluss der zwischen Personen fliesst (Konstellation Energiefluss).
– Ueberall da wo Energie fliesst ist rechtsfreier Raum entstanden (abgekoppelt definierter Raum).
– Wirklichkeit wird sichtbar mit zusammenfallen der Groessen Verletztsein und Rechtsfreiheit.
– Verletzt zu werden heisst sich schuldig zu fuehlen.«

Verwirrt legte ich die Papiere beiseite. Die fehlenden Satzzeichen, die eigenwillige Groß- und Kleinschreibung und die verwendeten Worte. Das verwirrte mich stark. Und verstanden hatte ich fast gar nichts. Waren das logische Schlussfolgerungen, die aufeinander aufbauen sollten? Es las sich wie eine Mischung aus Physik, Mathematik und Psychologie.
Der Text erschien mir fremder als jenes, was ich bislang über die Papiere des PentAgrions gelesen hatte. Die Sprache erschien mir ebenfalls eine andere.
Andererseits, das was ich bislang über PentAgrion wusste, war auch nicht einfacher Natur.

»Verletzt zu werden heisst sich schuldig zu fuehlen.«
Der letzte Satz des Gelesenen hatte es in sich. Er erschien mir wie der passive Bruder zu der aktiven Phrase »Wer sich verteidigt, klagt sich an«. Wer verletzt wird, fühlt sich schuldig. Weswegen? Warum? Sollte das stimmen?

Ich atmete den Duft meines Tees ein, um klarere Gedanken zu finden, mit denen ich den Faden in den ersten Sätzen dieses Traktats finden konnte.
Erotik, Raum, Rechtsfreiheit, Wirklichkeit, Energiefluss, Verletzt-sein.
Ich blätterte paar Seiten weiter, um zu prüfen, ob der Text in diesem Staccato der Begriffe weitergehen würde.

»Auf Kopfgeldjägerniveau wird Straßenraum gepflastert.«

Zweimal musste ich den Satz lesen, um mir sicher zu sein, dass ich mich nicht verlesen hatte. Er klang zu profan, zu ironisch, zu leicht.

Ich legte die Papiere zur Seite.

Wollte ich das wirklich lesen? War das nicht eher ein Traktat aus den Hirnwindungen eines einzelnen, welches für Fremde überhaupt noch nachvollziehbar sein würde?

In Gedanken versunken, stand ich auf und beschloss eine Dusche zu nehmen. Am Abend wollte ich zu der Vernissage eines Künstlers. Ein Bekannter hatte mir seine Einladung überlassen. Vernissagen – so meinte er – hätten als Höhepunkt immer nur eines: Prosecco und Schnittchen als Maßstab der Bedeutung der Vernissage: Je unbedeutender die Kunst, um so mehr Prosecco und Schnittchen gäbe es. Und jene Vernissage wäre unbedeutend und würde nicht in seinen Diätplan passen. Er wollte abnehmen. Daher drückte er mir die Einladung in die Hand.

»Geh ruhig hin, dann siehst du mal was anderes.«

Gut, ich beschloss, was anderes zu sehen. Das Traktat konnte noch warten.
Nur noch einen Satz wollte ich lesen. Und auch begreifen. Eine ganz einfache Herausforderung. Nicht mehr, nicht weniger.

»Wirklichkeit ist eine Fortsetzung des Maennergespraechs und wird durch koerperliches Interesse von Frauen an Maennern in Gang gehalten.«

Unter der Dusche war ich mir nicht mehr sicher, ob die Papiere zuvor zwischen Tegtmeier und Murakami gestanden haben könnten. Vielleicht standen sie auch zwischen Anaïs Nin und Pease. Ich musste bei nächster Gelegenheit einfach weiter lesen, war mein Beschluss. Ich würde mich schon noch durch das Traktat durchbeißen …

Fortsetzung

Umnächtigtes Erwachen

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***

Wann beide Züge in einen gemeinsamen Bahnhof einlaufen, ob es je geschieht, das ist eine offene Stelle in der Netzstruktur.

Bahnhof.
Das war das erste Wort, dass mir einfiel, als ich langsam zu mir kam. Mein Kopf schmerzte, besonders vorne rechts an der Stirn. Mir war, als würde ich schwitzen. Ein Tropfen lief mir zäh am Augewinkel vorbei, die Backe runter, wo er verharrte. Ich registrierte, dass ich mit dem Gesicht nach unten auf einem Boden lag.
Die Kopfschmerzen verlangten kurzfristig wieder meine Aufmerksamkeit, stechende Kopfschmerzen, die wie Blitze von meiner Stirn auszugehen schienen und sich wie ein glühender Ring um meinen Kopf zu legen schienen. Die Schmerzen dauerten nur Sekunden, aber ließen mich innerlich verkrampfen. Etwas in mir sagte mir, mit jeder Muskelfaser meines Körpers dagegen anzukämpfen und alle Muskeln gehorchten. Einem Spasmus gleich verkrampfte sich mein Körper. Vor Schmerzen versuchte ich meine Augen gewaltsam zusammen zukneifen, mein Oberkiefer schien gewaltsam auf meinen Unterkiefer zu pressen, sodass mein Kinn auf meine Brust gedrückt wurde. So schnell, wie die stechenden Kopfschmerzen gekommen waren, so schnell waren sie auch wieder verschwunden. Mein Körper entspannte sich wieder, der Druck im Gebiss ließ nach, meine Augen entkrampften sich. Zögernd öffnete sich, aber ich konnte nichts erkennen, es war dunkel um mich herum. Die Luft schmeckte eigentümlich. Es war aber nicht die Luft, die so schmeckte. Es war eine Erinnerung, die in mir auftauchte und in meinem Mund diesen Geschmack hervor rief.
Ein Fahrradunfall in meiner Jugend.
Damals wollte ich den Abstandshalter vom Vorderradschutzblech vom Vorderrad wegbiegen, damit dieser nicht in mein Vorderrad geraten konnte. Stattdessen geriet ich mit meiner Hand ins Vorderrad. Wäre das im Stehen geschehen, es wäre keiner Erwähnung mehr wert gewesen. Es geschah aber in voller Fahrt. Aufgrund dieses Leichtsinns überschlug ich mich. Als ich nach dem Überschlag wieder auf der Straße liegend erwachte, hatte ich einen eigentümlichen Geschmack im Mund. Leicht steinig, erdig, mit einem bitteren Geschmack auf der Zunge und metallischen Nachhall an den Zähnen.
Es wurde für mich der Geschmack von Beton und Asphalt. Jedes Mal, wenn ich mit diesem Material näher in Kontakt kam, schmeckte ich ihn im Mund. Dafür brauchte ich noch nicht mal gewaltsam mit diesen Materialien in Kontakt kommen. Es reichte, wenn ich mich in Vollkontakt mit ihm begab. Dann tauchte der Geschmack auf, so wie das Amen in der Kirche.
Und wieder schmeckte ich ihn wieder, diesen Untergrund, im Dunkeln. Ich versuchte meine Hände zu bewegen und war im ersten Moment überrascht, dass ich nicht wusste, wo sie waren. Erst als ich meine Schultern bewegte, bemerkte ich, in welcher beengten Lage ich mich befand. Meine Arme waren mir an den Körper gepresst. Vermutlich lag ich zwischen zwei Wänden eingeklemmt, meine Ellenbogen drückten gegen diese und kaum hatte ich das bemerkt, meldeten sie sich mit einem leichten Schmerzgefühl. Für einen Augenblick ging ich der Frage nach, was zuerst war, der Schmerz oder der Gedanke, es müsse eigentlich Schmerzen geben. Ich ließ den Gedanken fahren und konzentrierte mich, meine Hände zu entdecken.
Es war ein eigentümliches Gefühl, jedes Körperteil gewissermaßen per Gedanken reaktivieren zu müssen. Und wieder hatte ich ein Déjà-vu. Diese Situation des Wiederentdeckens kannte ich bereits. Von meinem damaligen Fahrradunfall.
Nachdem ich alle meine Sinne wieder beisammenhatte, erkannte ich, dass ich wohlmöglich in einem Schacht lag, der wahrscheinlich nicht mehr als einen halben Meter Breite maß. Und, obwohl ich beengt lag, meine Ellbogen leicht schmerzten und mein Kopf auf Beton lag, fühlte ich mich nicht unwohl in meiner Position.
Einstweilen aber nur.
Zumal verstand ich nur Bahnhof, wo ich mich befand. Bahnhof. Mein Hirn fing emsig an, mit dem Wort »Bahnhof« zu arbeiten. Irgendetwas sollte das Wort sagen. Aber warum “Bahnhof” und nicht “Schacht”? Und überhaupt wie kam ich hierher?
Zu dem Geschmack von Beton und Asphalt mischte sich nun auch noch der Geschmack von Magensäure und diversen Alkoholika. Rotwein, Bier, Absinth. Und wieder Magensäure. Nein, mir war nicht übel, aber der Geschmack von Magensäure signalisierte mir unmissverständlich, dass es mir wohl vorher schon erheblich schlechter gegangen sein muss.
Ich versuchte leicht den Kopf zu heben und sofort setzte der stechende Schmerz wieder ein. Wie ein Blitzstrahl strahlte er auf meinen gesamten Kopf aus und umfasste ihn wie einen Schraubstock. Mein Körper verkrampfte erneut. Diesmal spürte ich, wie sich meine Hände in den auf denen liegenden Oberschenkel krallten. Ich wollte locker lassen, aber es ging nicht.
Kurze Zeit später verschwand der Schmerz, so wie er gekommen war. Mein Körper entkrampfte. Erleichtert seufzte ich. Wie schön, wenn Schmerz nachlässt. Gleichzeitig übermannte mich Müdigkeit. Ein wenig ruhen, nur noch ein wenig, nur ein wenig Schlafen, ein bißchen. Meine Gedanken wurden matter, erlahmten regelrecht und mein Körper fiel in ein schwarzes Loch aus unruhigem Schlaf.

(Fortsetzung)