Seit ich ihn kenne, nannten sie ihn „KaBe“.
„KaBe“, dass sind die Inititalen seines vollen Namens. Den Leuten fiel nichts besseres ein und somit wurde „KaBe“ sein Markenzeichen.
Lange hatte ich nichts mehr von ihm gehört. Oder besser gesagt, hin und wieder sprachen wir miteinander.
KaBe ist das, was man einen Computer-Freak nennt. Jemand, der auf jede Computerfrage eine Antwort hatte. Er ist es nicht über Nacht geworden, sondern hat es sich vor etwa zehn Jahren angearbeitet. In vielen nächtlichen Sitzungen hat er DOS über WINDOWS angefangen, sich in die Untiefen von Hardware, Betriebssystem, Treibern und Systemabstürze eingearbeitet.
Ein System, das von ihm aufgesetzt wurde, das lief stabil. Naja, soweit es die Bluescreen-Tendenzen der Betriebssysteme zuliessen. Aber sie liefen unerklärlicherweise immer stabiler als selbstaufgesetzte Systeme.
Er war der erste von uns mit einem Intel PENTIUM-Prozessor, der erste mit Home-Page im Internet, der erste mit ISDN-Flatrate und der erste mit DSL. Der erste, der seine Hardware gnadenlos auf den neusten Stand brachte. Was andere noch in ihre Mopets investierten, dass steckte KaBe in seinen PC.
Ein Freak wie er im Buche steht?
Nun ja.
Nicht wirklich.
Vor zehn Jahren hat er auch geheiratet. Völlig bürgerlich, völlig noprmal. Eine schnuckelige Beziehung schienen beide zu führen. Und trotzdem hatte er für andere Computer-Probleme stets ein offenes Ohr.
Wir hockten auch immer wieder mal abends vor dem PC und waren am „Daddeln“. Computerspiele zocken halt.
Während er ein Studium an einer Uni begann, baute er zeitgleich im Internet eine Community auf.
Frau, Studium, Community. Er schien es hin zu kriegen. Neidisch schaute ich schon auf seine bewundernswerten Fähigkeiten des Multitaskings und Multithreadings, über die er scheinbar problemlos verfügte.
Wir sahen uns irgendwann berufsbedingt nicht mehr so häufig, aber wir telefonierten.
Naja.
Wenn nicht gerade bei ihm ISDN-Kanalbündelung angesagt war. Am Anfang war das selten, aber dann immer häufiger.
Ich besuchte ihn mal bei einer Gelegenheit. Er saß vor dem Rechner und sie schaute gelangweilt „Marienhof“. Beim Abendessen dann erzählte er mit leuchtenden Augen von seinen Erfolgen im Internet. Noch vor dem Dessert zeigte er mir noch schnell ein paar Finessen am PC. Als wir zum Tisch zurückkamen, hatte seine Frau das Moussee schon weggelöffelt gehabt und sich zum Duschen zurückgezogen.
Ich fragte ihn nach seiner Beziehung zu ihr. Und da war es wieder, das Leuchten in seinen Augen. Er schwärmte in höchsten Tönen von ihr. Und als sie dann im Bademantel hereinkam, endete dieser Hochgesang in einem langandauernden Kuss.
Ich fragte ihn nach seinem Studium. Und da veränderte sich ein wenig die Stimmung. Sie wurde ein wenig kühler und bemerkte, dass er wohl bis zur Zwischenprüfung erheblich mehr tun müsse. Sicherlich genau so viel Zeit müsse er investieren, wie für seinen PC. Damit war das Thema abgehandelt und KaBe zog mich danach zu seinem PC rüber, um mir ein paar Computer-Rollenspiele vorzuführen.
Vor zwei Jahren erwischte ich ihn wieder mal am Telefon. Am Anfang plänkelten wir in bedeutungslosen Small-Talk. Dann fragte ich ihn nach seiner Community.
Ach die, meinte er, das sei doch von gestern. Er habe was viel besseres. Das nenne sich „World-of-Warcraft“. Und das sei viel, viel spannender. Er erzählte mir von Clans, von Trainingseinheiten und von Dingen, die wohl dazu gehörten, die aber mir wie böhmische Dörfer erschienen.
Als ich dann nach seinem Studium fragte, wurde er auf einmal recht sachlich. Er stehe gerade vor dem Abschluss seiner Arbeit und am Ende des Monats wäre er diplomiert. Einen Job habe er auch schon in der Tasche.
Auf meiner Frage, wie es seiner Frau gehe, kam ein einfaches „GUT“ durch die Leitung und schon leitete er wieder auf „World-of-Warcraft“ über. Er habe darüber soviele tolle Menschen kennengelernt, die alle so seien wie er. Er hätte kaum was gedacht, schon hätte es sein Teammitglied XY schon in die Tastatur gehämmert. Er sprach von wahren Freunden und Geistesverwandschaften.
Ich wollte das Gespräch schon zwangshaft beenden, weil mich „World-of-Warcraft“ nun wirklich nicht sehr interessiert und ich mein Gegähne mühsam nur noch unterdrücken konnte. Aber bevor ich was sagen konnte, berichtete er mir, dass er jetzt keine Zeit habe und an einer Trainingseinheit seines Teams teilnehmen müsse. Denn es gehe schliesslich darum, ein anderes Team effektiv niederzumetzeln und da müsse man sich vorbereiten.
Ich legte auf und beschloss ihn vorerst nicht mehr anzurufen.
Heute rief ein alter Bekannter von mir an.
Ob ich mich noch an KaBe erinnere?
Ja freilich, antwortete ich.
Und da begann er mir die reale Geschichte von KaBe zu erzählen.
Ja, KaBe hatte eine Community aufgebaut. Aber je mehr er sich offenbar da hinein kniete, um so weniger Kontakt hatte er zu seinem damaligen Freundeskreis. KaBe fing an sich abzuschotten. Seine Frau hatte das anfangs noch respektiert, nach wohl fünf Jahren auch noch akzeptiert, aber dann ging wohl alles den Bach runter.
KaBe war offenbar in vielen Foren präsent und überwachte jedes auf mögliche Antworten. Stolz hatte er meinen alten Bekannten damals wohl erklärt, wie er zur bestimmenden Kraft in verschiedenen Foren wurde, wie er dort fast mit Hochachtung behandelt wurde. Was er dort schrieb, wurde oft als letztes Wort akzeptiert und respektiert. Wenn er jemanden niedermachte, wagte ihm niemand zu widersprechen. Er war wer. Sein Nick hatte einen Namen. Über Zweit-Nicks erfuhr er, dass sie über ihn mit Hochachtung sprachen und das erfüllte ihn mit Stolz. Das hatte er alleine geschafft. Diesen Respekt ihn gegenüber. Viel Zeit hatte er dazu Tag und Nachts aufgewand, um diesen Status zu erringen. Dabei pochte er niemandem gegenüber auf diesen Status. Die anderen Mitschreiber gaben ihm diesen einfach und er erhielt unaufgefordert Respekt. Und wer sich allerdings gegenüber ihm respektlos verhielt, den konnte er „eine verpassen“, wie KaBe es nannte.
Zwischendurch fing er dabei an ernsthafter zu daddeln.
Sein Studium schien darunter zu leiden. Mit Müh und Not schaffte er seine Zwischenprüfung, aber danach funktionierte fast gar nichts mehr. Letztendlich versuchte er sich an einer weiteren Prüfung und fiel insgesamt dreimal durch. Das letzte Mal war wohl kurze Zeit später, nachdem ich ihn angerufen hatte. Das Studium war damit für ihn beendet. Unwiderruflich.
Seine Frau hatte zu dem Zeitpunkt offenbar die Scheidung eingereicht. Zu den angesetzten Terminen erschien er nicht, weil diese Termine offenbar mit irgendwelchen Trainingseinheiten eines Spiels kollidierten, bei dem er offenbar zentrale Rollen übernommen hatte.
Mein Bekannter meinte, dass er erst kurz danach erfuhr, dass es sich um „World-of-Warcraft“ handeln würde.
Paar Monate später muss wohl irgendetwas mit seinem „World-of-Warcraft“-Team geschehen sein, so erfuhr er. Offenbar sei das Team in einem virtuellen Kampf vollkommen zerschlagen worden.
Zu dem Zeitpunkt lief inzwischen schon gegen KaBe eine Räumungsklage.
Und dann sei mein alter Bekannter KaBe persönlich begegnet und erfuhr die gesamte Geschichte. Das Bild, was er mir am Telefon von KaBe zeichnete, klang kaum nach dem KaBe, den ich zuletzt noch sah.
KaBe wohnt mittlerweile wieder bei seinen Eltern und die kämpfen jetzt gegen seine Internetsucht.
Ohne Internet – so meinte mein Bekannter – käme KaBe nicht mehr aus. KaBe hätte nach eigenem Bekunden so viele wahre Freunde im Internet. Die Menschen um ihn herum könnten diese ihm nicht ersetzen.
Mein Bekannter fluchte noch einige Zeitlang über jenes Endlosspiel „World-of-Warcraft“ und meinte solche Spiele gehörten auch ohne Amokläufer an Schulen verboten. Jawohl, ebenfalls auch „Counterstrike“. Politiker sehen immer nur lineare Zusammenhänge. Aber das, was nicht in Zeitungen ausgewalzt würde, darüber spräche niemand.
Der einzelne sei eh nicht fähig seine eigene immer heftig werdende Verstrickung udn Assimilierung (sic! Borg-Sprache) mit einem völlig virtuellen Leben zu erkennen.
Das obige ist nur ein Teil eines sehr langen Telefon-Gesprächs. Und ich erinnerte mich an ein paar anderen Fälle, von denen ich bereits immer wieder verstreut im Internet las. Immer wieder zeichnete sich eine Sache ab:
Das reale Leben eines einzelnen wurde vom virtuellen Leben absorbiert.
Emotional und physisch.
Das Verständnis und das Begreifen von Raum und Zeit wurde hierbei sukzessive zerstört.
Zurück blieb ein menschlicher Seelenkrüppel, der nur noch VL (= virtual life) funktionierte.
Im Endeffekt habe ich mich jetzt der Meinung meines Bekannten angeschlossen:
Endlosspiele wie „World-of-Warcraft“ oder „Counterstrike“ oder ähnliche gehören definitiv verboten. Und exzesives Internetten ist auch alles andere als sozial gesund.
Wenn harte Drogen als gefährlich bezeichnet werden, so sind es solche Spielereien erst recht.
Klar ist, dass solche Spiele nicht primär zu Amokläufen (wie z.B. an Schulen) führen, sondern primär den Menschen ernsthaft anders kaputt machen. Den Menschen aber asozial erschaffen.
Das Wort „Sucht“ umschreibt nur das Ende einer Entwicklung und wird den brutalen Ursachen nicht gerecht. Und mit der vordergründigen Argumentation „Jeder muss auf sich selber aufpassen“ kommt man da auch nicht weiter.
:(
Geschrieben in Andenken an den alten verstorbenen KaBe … :(
… und nicht sein mutiertes aktuelles Wesen
Get a life, liebe Leser, aber nicht das virtuelle …
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