Mit Donald Trump in der Pommesbude

»Um Gottes willen, dreh dich nicht um. Donald Trump ist gerade hier hineingekommen!«

Doch meinem Kumpel interessierte es nicht die Bohne. Dabei ist eine Aufforderung, etwas nicht zu tun, doch gerade die beste Aufforderung, es doch zu tun.

»Was interessiert mich ein Donald Trump«, knurrte er, wischte mit seinem Holzgäbelchen eine Wurstscheibe über seinen Curry-Wurst-PoRoWe-Teller und schob sich die Scheibe zwischen die Backenzähne.

»Boah ey, echt, Donald Trump, wirklich! Schau nur! Zusammen mit Nina Chuba und Ski Aggu!«

»Wo???«

In Blitzesschnelle fuhr sein Kopf herum, die beiden zuvor genannten suchend.

So ist das mit den Nicht-Boomern. Sie haben einfach ihre eigenen Buzzwords. Dabei haben die Boomer doch jahrelang versucht, den Digital Natives der Gen Z auf solche Schlagworte wie »Robbie Williams«, »Beyoncé« und »Jürgen Milski« zu trimmen. Und was ist deren Mühe Lohn? Shirin Davis mit »Bauch, Beine, Po« oder Moliy & Silent Addy mit »Shake It To The Max (Fly)« als Sommerhits. Sollte es eine Schnittmenge der kleinsten Geschmacksgemeinsamkeiten geben, dann extrem äußerst maximal eine Taylor Swift beim »Off shaken« oder den »Auf uns«-Kevin Bourani. Tausendfach von denen gehört als Hintergrundmusik endloser Selbstoptimierungskurse mit Einzugsermächtigung als Dauerauftrag vom eigenen Konto. Während die anderen ihren Rücken und Knie beugen, um sich tanzend durchzuschütteln.

Da stand also Donald Trump in unserer Pommesbude, während aus musikalisch überforderten Lautsprechern der Pommesbude scheppernd verkündet wurde, dass der Zug keine Bremse habe. Dafür schmeckte die Currywurst mal wieder ausnehmend gut.

Aber ja, der Zug war auch mal wieder komplett voll abgefahren, über Weichen und harten Gleisen. Am Anfang langsam, dann aber mit rasenden Fortschritten. Wie beim Lernen von grundlegenden Zusammenhängen: am Anfang null Ahnung, aber dann geht der Wissensfortschritt durchs Lernen mit einem ab wie Lutzie. Das Selbstbewusstsein schießt in ungeahnte Höhen, weil erste Konzepte geglaubt, verstanden zu haben, und gedacht wird, das große Ganze wäre erfasst worden.

Das ist der Moment, in der wenig Wissen eine Illusion von Kompetenz erzeugt und den Glauben generiert, ein Experte zu sein. Derjenige, der weiter lernt, erkennt jedoch bald die wahre Tiefe des Themas. Alles erscheint kompliziert und das anfangs gewonnene Selbstvertrauen bricht ein. Viele geben dann frustriert auf und meinen, sie würden es nie wirklich verstehen.

Allein wer dabei bleibt, begreift mit der Zeit die wirklichen Zusammenhänge. Das Wissen setzt nach einer längeren Zeit des Studiums Stück für Stück zusammen. Dabei erwächst das Selbstvertrauen neu, diesmal auf einem erheblich stabileren Fundament. Der Weg von dem eigen-informierten Laien über einer längeren Studentenphase bis hin zum »Ich weiß, dass ich nicht weiß«-Professor dauert darum auch nicht von zwölf bis Mittags.

Die Psychologen David Dunning und Justin Kruger beschrieben hierbei den Effekt, der sich als übersteigerte Selbsteinschätzung aufgrund Eigen-Information zeigt. Im Jahr 2000 erhielten Dunning und Kruger für ihre Studie »Ungebildet und ahnungslos davon. Wie Schwierigkeiten, die eigene Inkompetenz wahrzunehmen, zu übersteigerter Selbsteinschätzung führen« den satirischen Ig-Nobelpreis. Der »Ig-Nobelpreis« wird in diesem Zusammenhang für Entdeckungen verliehen, welche zuerst zum Lachen und dann zum Nachdenken führen.

Ein Vierteljahrhundert später – die Welt ist jetzt Internet-vernetzt. Jeder Nutzer hat Zugriff auf jede sinnige und unsinnige Information zum Selbststudium. Das findet sich nicht nur in der gesteigerte Experten-Anzahl bei den Wetten auf die Bitcoin-Entwicklung wieder, sondern auch in einer Flut an selbsterklärten Dunning-Kruger-Effekt-Fachpersonal.

Mahnende KI-Stimmen dutzender Videos auf den unterschiedlichsten Social-Media-Kanälen erklären dem geneigten Zuschauer den Effekt in allen Details mittels bunter Grafiken. Durch Verallgemeinerungen und Vereinfachungen, mit Emotionalisierung und moralischen Überhöhung, begleitet von einem elitären und herablassenden Ton plus den fehlenden konkreten Lösungen wird der Dunning-Kruger-Effekt für das eigene Framing verwendet: »Sie nutzen den Dunning-Kruger-Effekt gezielt als Machinstrument, um die Masse zu kontrollieren!« Als Beleg wird unter anderem der vor Selbstvertrauen strotzende Donald Trump angeführt. Mit klassischen, verschwörungstheoretischen Argumentationsstrukturen der Social-Media-Welt legitimierend.

Früher wurde so etwas noch »alternative Fakten« genannt. Der Begriff wandelte sich. Heute heißt es »Sozialisierte Wahrheit«. Denn der Hüter der Wahrheit soll ja im Besitz des einzig selig machenden Grals sein. Und wer würde nicht mal gerne ein Video lang Gott spielen?

Während meine Currywurst dampfend von mir vermampfend sich in Stücken auf meinen Teller reduzierte, trieb mich nur eine Frage um: War das dort der wirkliche Donald Trump, der da in unserer Pommesbude auftauchte? Ich fragte meinen Kumpel, ob er mal dessen Begleitung, also Nina Chuba und Ski Aggu, fragen könnte, ob das der wirkliche Donald Trump wäre. Er schaute mich entgeistert an:

»Wie kannst du nur glauben, das wäre Donald Trump? Haste nicht gehört, der fährt nächsten Freitag mit Graf Vlad Putin in Alaska Schlitten.«

»Echt? Ich dachte, dass die vielmehr gut Kirschen essen gehen. In Alaska ist gerade Kirsch-Saison. Die ‚North Star‘-Kirsche. Ist reif und schmeckt süß-sauer. Aus welchen Gründen sollten die sich sonst dort treffen?«

»Um Wahrheiten zu schärfen.«

Mein Blick ging zum Tresen. Ja, ich hatte mich geirrt. Die Person mit den orange wirkenden, gewirbelten Haaren war wirklich nicht Donald Trump. Der sah nur so aus. Und Nina Chuba und Ski Aggu waren die beiden anderen auch nicht, maximal dessen erwachsene Kinder.

Aber es hätte Donald Trump sein können.

Ich schwöre.

Beim heiligen Gral der Wahrheit.

Fliegende Farbe, lukrative Lügen und ein glänzendes Geschenk

In einem Universum vor unserer Zeit.

Es war eine dieser Nächte, in denen selbst der Mond wie ein müder Glatzkopf aussah.
Eine Frau schlich aus der Haustür, ein grauer Mantel hing an ihr wie eine Ausrede. Unter dem Stoff zeichnete sich ein Farbeimer ab, zu auffällig für Heimlichkeit, gerade unauffällig genug für Selbstbetrug.

Die Straße war leer, nur das Flimmern einer flackernden Straßenlampe begleitete sie. Ihr Ziel: eine Wand, so hässlich wie die Lüge, die auf ihr klebte, ein überdimensionales Plakat.

Sie blieb stehen, zog die Schultern hoch. Der Mantel fiel zu Boden, als hätte er die Hoffnung aufgegeben. Mit einem Ruck riss sie den Deckel vom Eimer und warf einen Schwall Farbe über orangen Schriftzug auf der Werbetafel. Das Firmensymbol der Reklame verschwand unter einem klebrigen, tropfenden Albtraum aus Rot.

Motorengeräusch. Eine schwarze Luxuskarosse glitt heran wie ein Raubtier auf leisen Pfoten. Bremsen quietschten. Zwei Männer stiegen aus.

Der erste, ein Typ im Maßanzug, so glatt, dass sein Schatten wohl auch gebügelt war. Ruhiger Blick, die Art Mann, der mit einem Kopfnicken ganze Deals abwickelt.
Der zweite, sein Assistent. Stumm. Ein geöffneter Aktenkoffer auf den Händen, wie ein Schmuckkästchen. Darin: ein einzelnes, makellos präsentiertes Tablet.

Der Anzugmann trat näher, betrachtete das triefende Plakat und dann die Frau.
„Lady… wofür ist das hier gut?“ Seine Stimme war weich, aber hatte Rasierklingen im Unterton.

„Die Schweine haben ein Gratis-Tablet versprochen. Ich hab’ aber keins bekommen.“
Sie spuckte das Wort „Betrug“ aus, als wäre es etwas, das man nicht schlucken konnte.

Er nickte kaum merklich. „Komisch. Heute schon die sechste Frau, die mir das erzählt. Die letzte traf ich vorhin bitterlich heulend auf der Straße kniend.“
Er griff in den Koffer, nahm das Tablet heraus. „Vielleicht lesen die Leute einfach nicht gern das Kleingedruckte in unseren Social-Media-Werbeanzeigen.“

Er reichte es ihr. Kein Lächeln. Nur eine präzise Bewegung, wie ein Arzt, der eine Spritze setzt.
„Hier. Damit Sie heute Nacht besser schlafen.“

Ihr Zorn verpuffte wie Zigarettenrauch im Wind. Ein strahlendes Lächeln ersetzte das Knistern in der Luft. Die drei posierten kurz für die imaginären Zuschauer: Daumen hoch, Geschäft abgeschlossen. Das Leben kann doch so einfach einfach schön sein.

Die beiden Männer drehten sich um, stiegen ein, und der Wagen verschwand in der Dunkelheit.
Zurück blieben eine nasse Wand, der Geruch von Farbe; und das Gefühl, dass irgendwer hier gerade ein Geschäft gemacht hatte, und keiner war sich jetzt sicher, wer.

So oder so ähnlich sind die überall gegenwärtigen Social-Media-Werbeanzeigen einer chinesischen Firma mit Online-Marktplatz. Die wohl ursprünglich für den amerikanischen Markt gedachten Tablets fluten mutmaßlich als Gratis-Abgabe den europäischen Markt. Dank hoher amerikanischer Einfuhrzölle. Zehntausende neue Kunden, ein Aktienplus der Mutter-Holding von 20 % in den letzten zwei Monaten und doch noch losgewordene Tablets. Ein grandioser win-win-win-Traum jeder Firma dank erfolgreichen Social-Media-Werbeanzeigen.

Anderen Influencern dürfte das nicht entgangen sein. Wahrscheinlich sind bereits weiteres Social-Media-Werbeclips in Planung:

– Markus Söder und Alexander Dobrindt cruisen durch Bayern, überreichen verzweifelten Frauen am Existenzminimum ein Merkblatt mit QR-Code fürs eigene Tablet zur Erhöhung der Mütterrente, finanziert vom Bürgergeld. Lächeln. Händedruck. Fertig.

– Friedrich Merz und Jens Spahn landen im Doppelpack mit ihren Cessnas auf dem Zürcher Flughafen, treffen eine heulende Alice Weidel und schenken ihr zehn Meter zertrümmerter Brandschutzmauer. Sie lächelt betörend, Chrupalla und Höcke laden auf ihren Tablets schon fürs „Bauprojekt anti-migrantischer Schutzwall Deutschlands“ ein. Die ersten zehn Meter sind bereits in Planung.

– Ein Blogger begegnet auf dem einsamen Gehweg seinem eigenen Ich bei der Suche nach dem eigenen Niveau in seiner eigenen Schreibe. Der Blogger empfiehlt seinem eigenen Ich nach kurzem Nachdenken, sich ein Tablet zuzulegen. Gegebenenfalls auch bei jener chinesischen Online-Markt-Firma durch Anklicken derer Social-Media-Werbung. Zum Glücklich werden durch Geschichten-erfinden. Zum Blog-Besucherzahlen hochjazzen. Zum Kommentar-farmen.

Am Ende bleibt von solchen Kampagnen immer dasselbe zurück: eine nasse Wand, der Geruch von Farbe. Und das Gefühl, dass irgendwo jemand gerade ein Geschäft gemacht hat. Und manchmal ist der Einzige, der das merkt, ein Aktienkurs.

Oder vielleicht doch eher eine andere Quintessenz?

Jemand hatte nun ein Tablet, jemand weiteres seine Werbung und als einzige Person in der Geschichte ist lediglich eine Wand der Gewinner.

Sie hat endlich Charakter.