Wasserstandsmeldung in Sachen Arbeitslosigkeit

Die Wasserstandszahlen für den Januar sind wieder veröffentlicht. Keine ifo-Zahlen oder neuste Umfragewerte, nein, schlicht und ergreifend die Arbeitslosenzahlen.

Ach so, denkt sich der Leser, die. Ja, da war doch was. Zumindest irgendwas, nicht wahr. Und? Was ist von den Arbeitslosenzahlen hängen geblieben? Alles nicht so schlimm, gelle. Hätte schlimmer kommen können. Noch steht das Wasser nicht Oberkante Unterlippe für die deutschen Bürger. Also kein Grund zur Panik. Cool bleiben. Ist ja schließlich Winter.

Leute! Das kann so nicht gehen! Da muss noch was passieren! Schließlich erwartet in Zeiten des gepflegten Alarmismus auch der Bürger passende Meldungen. Kein Grund zur Panik? Was soll das? Habt Ihr die Unwetterwarnungen der letzten Wochen vergessen und die Aufforderung sich Vorräte anzulegen, weil man mindestens eine Woche wegen brutalen Schneefalls nicht mehr das Haus verlassen könne? Und jetzt „kein Grund zur Panik“ bei den Arbeitslosenzahlen? Das ist bitterster Verrat an den panikbereiten Bürger! Das ist … das ist infam!

Im Blog „Écrasez l’infâme!“ von André Tautenhahn fand ich in seinem letzten Post die Zusammenstellung der Überschriften einiger deutscher Online-Redaktionen zu den Januar-Zahlen:

Winter treibt Arbeitslosigkeit in die Höhe (Deutsche Welle)
Mehr Arbeitslose wegen Kälte (Frankfurter Rundschau)
Kurzarbeit sei Dank: Arbeitsmarkt trotzt auch im Januar der Krise (Stern)
Winter-Schock bleibt aus (Bild)
Robuster Arbeitsmarkt sorgt für Optimismus (RP-Online)
Arbeitsmarkt zeigt sich krisenfest (Financial Times Deutschland)
Eis-Winter treibt Arbeitslosenzahl nach oben (Zeit)

Überschriften. Die sind ja sowas von lasch. Sowas von diffus.
Vielleicht sollten die Macher der Aufmacher ein wenig mehr bei Frau von der Leyen (vdL) studieren. Die hat in ihrem Kommentar zu den Arbeitslosenzahlen folgendes verlautbaren lassen:

Der Anstieg der Arbeitslosen um 342.000 ist eine hohe Zahl, hinter der sich viele Einzelschicksale verbergen. Dahinter steckt allerdings ein hoher saisonaler Effekt.

Quelle: BMAS

Frau vdL gibt jedem dieser qualifizierten Überschriftstexter Ideen vor, da träumt selbst ein Romanbuchautor wie Steven King heimlich von.
Man lasse es sich auf der Zunge zergehen: Hinter den vielen Einzelschicksalen steckt ein hoher saisonaler Effekt.
Gegenfrage: Wie sieht es saisonbereinigt aus? Also bereinigt von diesen individuellen Einzelschicksalssingularitäten?

Saisonbereinigt ist die Arbeitslosigkeit im Januar eher typisch für diesen Monat

Quelle: BMAS

Na also. Ist doch alles nur halb so schlimm. Die paar Arbeitslose mehr. Wie viele waren das noch mal? 342.000 Arbeitslose mehr? Eben. Nur 342.000 Arbeitslose mehr.
Saisonbereinigt. Versteht sich.
Also etwas mehr als eine Drittel Millionen. Das ist ja noch mindestens zwei Drittel weit weg von einer ganzen Millionen saisonbereinigter Arbeitsloser, die sowas verstehen.

Also im Grunde sind die Arbeitslosenzahlen doch gar keine Meldung mehr wert. Warum titeln also die Journalisten überhaupt? Die Maßnahmen der Kurzarbeit greifen doch noch alle. Und dass jetzt die Vorbereitungen zur Gründung von Transfergesellschaften verstärkt anlaufen, das interessiert doch nun wirklich keine Sau.

Im März, April können viele Firmen ihre Kurzarbeit nicht mehr verlängern. Und dann wird entlassen werden. Eisern. Viele Einzelschicksale sind dann wieder rhetorisch zu verbergen. Diesen individuellen Einzelschicksalen wird direkt Arbeitslosengeld I drohen. Oder aber Arbeitslosengeld-I-ähnliche Bezüge beim Übergang in einer zuvor gegründeten Transfergesellschaft.
Denn wenn der Arbeitnehmer selber zustimmt und nicht sofort entlassen werden möchte, dann hat die auf ein Jahr befristete Umlagerung eines Arbeitsnehmers in eine Transfergesellschaft sozialversicherungsrechtlich eine Verschiebung des Beginns der Arbeitslosigkeit zur Folge.
Im Umkehrschluss bedeutet das, die Entlassungswelle aufgrund der jetzigen wirtschaftlichen Krise wird sich bei den Arbeitslosenzahlen erst in 12 Monaten bemerkbar machen.
Im Mai 2011.
Im Jahr 2011 haben Wirtschaftsanalytiker vorrausgesagt, dass die Wirtschaft wieder auf dem Niveau Sommer 2008 sein wird. In einem Jahr also. Dann wird es so aussehen, dass Firmen bei reduzierter Belegschaft wieder volle Auftragsbücher schreiben, die Presse vollmundig verkünden wird, dass die Wirtschaft wieder stark anzieht, und dass das starke Ansteigen der Arbeitslosigkeit noch die Auswirkungen der Krise 2008/2009 seien. Dafür könne man nichts. Das wird uns dann als unabänderlich verkauft werden. Und außerdem sind brummende Firmen die Jobmotoren der Wirtschaft und es sei dann nur noch eine Frage der Zeit, bis das Land wieder sinkende Arbeitslosenzahlen feiern wird können.

Also alles kein Grund für Alarmismus.

Nur die Einzelschicksale, die aus den Transfergesellschaften entlassen werden, die werden feststellen, dass jenes eine Jahr mit den „Arbeitslosengeld I“-ähnliche Bezügen auf das dann zu erhaltene „Arbeitslosengeld I“ voll angerechnet wird. Der Arbeitslose wird dann wohl weiteren Konsumverzicht üben müssen, bevor im Folgejahr 2012 das „Arbeitslosengeld II“ droht.

Aber was kümmert es die Frau vdL. Schließlich sind das alles nur Einzelschicksale, die geschickt verborgen werden. Und dann steht ja jedem frei, seine Arbeitskraft als Leiharbeiter zur Verfügung zu stellen. Bei Schlecker beispielsweise. Als entrechteter Leiharbeiter. Und wenn das Geld nicht reicht, dann kann Leiharbeiter ja ein Buch drüber schreiben. So wie der Journalist Markus Breitscheidel es tat und seine Erniedrigungen als Leiharbeiter in seinem Buch „Arm durch Arbeit – Ein Undercover-Bericht“ festgehalten hat.

Aber was kümmert das die Frau vdL. Sicherlich kümmert es sie genauso wenig wenig wie den kochmützenlosen Koch aus dem hessischen Parlament. Ministerpräsident Koch hat lediglich Angst, die Arbeitslosengeld-II-Empfänger könnten arbeitslos bleiben, während er im Dienste der Bürger (und CDU) im Schweiße seines Angesichts für jene auch noch schuften muss. Und das empfindet er als ungerecht. Und sagt es ja auch. In alle Mikrofone, die er so um sich herum finden kann.

Vielleicht kannte er dabei auch schon die neusten Zahlen, die nicht so bekannt sind. Die neuen Januar-Zahlen der Hartz-IV-Empfänger:
Im Januar ist die Anzahl der Leistungsbezieher von „Arbeitslosengeld II“ nach ersten Berechnungen bei rund 6,48 Millionen Menschen angelangt. Gegenüber dem Vorjahreszeitraum stieg die Anzahl um 2,4 Prozent (Arbeitslosenquote-Steigerung im Januar: 0,8%). In den letzten 12 Monaten stieg zudem die Anzahl der Kinder unter 15 Jahren, die von Hartz IV abhängen, um gut 1,6 Prozent auf 1,68 Millionen.
Nur die Geburtenrate ist weiterhin rückläufig.

Tja, das findet sich nicht als fette Überschrift in den Medien wieder. Das würde die Leser auch zu stark beunruhigen.
Zu viel des Alarmismuses.
Dann doch lieber die obigen Überschriften zu den Arbeitslosenzahlen.
Oder zu dem grauslichen Winter, der es in Zeiten der Klimaerwärmung auch noch wagt kalt zu sein.

Mein Tipp an die Medienmacher:
Feilt doch ein wenig mehr an Eure Überschriften. Sie sind noch nicht putzig genug, haben noch zu viele beunruhigende Sinnbeziehungen drin. Darum an dieser Stelle meine eigenen sinnfreien Vorschläge zu den obigen zitierten Überschriften der Medien. Mit ein wenig Umstellung lässt sich jeder der Leser von den 342.000 neuen Arbeitslosen ganz leicht ablenken:

für die DEUTSCHE WELLE: Arbeitslosigkeit treibt Winter in die Höhe
für die FRANKFURTER RUNDSCHAU: Mehr Kälte wegen Arbeitslose
für den STERN: Januar sei Dank: Krise trotzt auch im Arbeitsmarkt der Kurzarbeit
für die BILD: Schock-Winter bleibt aus
für RP-Online: Robuster Optimismus sorgt für Arbeitsmarkt
für die FINACIAL TIMES Deutschland:Arbeitsmarkt: Krisen-Fest zeigt sich
für die ZEIT: Arbeitslosenzahl treibt Winter-Eis nach oben

Wer braucht bei solchen Überschriften noch 342000 Arbeitslose?
Bei deren Arbeits-Los.
Eben.
Also kein Grund zur Panik.
Cool bleiben.
Ist ja schließlich Winter.

Schwarze Löcher und Grüße aus dem Schwarzen Internet

Was vorher geschah:
Prolog, Teil 1, Teil 2, Teil 3, Teil 4, Teil 5, Teil 6, Teil 7, Teil 8, Teil 9, Teil 10, Teil 11, Teil 12, Teil 13, Teil 14

***

Geduldig hatte ich auf eine Reaktion von Herrn Küfer gewartet. Aber es kam nichts. Nicht eine Reaktion. Ich beschloss, Herrn Küfer erneut aufzusuchen. Schließlich war ich mit 50 Euro für die Kopierkosten in Vorleistung gegangen. Und ich wollte langsam aber sicher etwas dafür sehen. Kopien der PentAgrion-Papiere.

Wieder saß ich in dem Bus, der mich zu der Wohnung von Herrn Küfer bringen sollte. Die Bushaltestelle hatte sich nicht verändert. Selbst der Schneematsch schien so auszuschauen wie vor einem Monat. Der Weg führte mich wieder zu dem Gebäude, wo der Herr Küfer wohnte. Mein Blick wanderte erneut zur ersten Etage hoch. Die Wohnung erschien mir heller. Eigentlich zu hell für meine Erinnerung. Und dann fiel mir auf, wieso die Wohnung heller war: die Wohnung war offensichtlich leer. Beunruhigt beschleunigte ich meine Schritte. An der Eingangstür suchte ich das Klingelschild von Herrn Küfer. Ich fand den Namen nicht mehr. Stattdessen fand ich ein leeres Klingelschild. Eine dumpfes Gefühl beschlich mich. Ein Bewohner verließ das Gebäude und ich nutzte die Gelegenheit, ihn zu fragen, ob in dem Haus eine Wohnung frei sei. Er nickte. In der ersten Etage sei seines Wissens kürzlich etwas frei geworden. Ich solle mich an die Wohnungsgesellschaft wenden, sollte ich Interesse haben.

Wieder zu Hause rief ich die Wohnungsgesellschaft an und erkundigte mich nach der Wohnung in jenem Gebäude. Ja, die Wohnung sei frei geworden, aber noch nicht vermietbar. Auf meine Frage, was mit dem Vormieter geschehen sei, kam nur ein schlichtes „Keine Ahnung“ als Antwort. Offenbar sei der Vermieter urplötzlich Ende Dezember ausgezogen. Die Wohnungsgesellschaft hatte wohl ein handschriftliches Kündigungsschreiben mit allen Wohnungsschlüsseln erhalten. Als der Hausverwalter nachsah, war die Wohnung leer und besenrein. Das Seltsame an der Geschichte – so die Frau der Wohnungsgesellschaft – sei gewesen, dass der Vermieter keine Kontaktdaten angegeben habe. Schließlich sei die Frage der Rückzahlung der Genossenschaftsanteile an den Herren ja noch offen.

Ich fühlte mich wie Sysiphos, der kurz vorm Ziel wieder von vorne anfangen muss. Herr Küfer war also weggezogen. Aus welchen Gründen auch immer. Damit blieben mir wieder nur die Kontaktdaten aus Remagen.

»Guten Abend, Jürgen, hier ist Careca. Wie geht’s?«
Jürgen erinnerte sich erst, nachdem ich ihm wieder in Erinnerung rief, dass wir uns damals in Begleitung seiner Frau in Köln getroffen hatte. Als ich ihn auf PentAgrion ansprach, verwies er mich auf den Herrn Küfer.
»Herr Küfer wohnt dort nicht unter der Adresse, die Sie mir gegeben hatten.«
»Verzogen?«
»Unbekannt verzogen.«
Am anderen Ende der Leitung wurde es still. Ich glaubte von Jürgen einen leisen Fluch zu vernehmen, sicher war ich mir aber nicht.
»Stimmt was nicht, Jürgen?«
»Nichts. Alles in Ordnung. Nur dass mir Herr Küfer noch die Kopien der Pentagrion-Papiere zahlen sollte.«
»Er sagte so etwas in der Art.«
»Ich hatte ihm eine komplette Kopie zugeschickt. Aber er faselte nachher etwas von Transportschaden und das er nicht zahlen würde.«
»Er hatte mir seine Kopie gezeigt. Sie war nicht vollständig.«
»Du hast sie gesehen? Und sie war nicht vollständig?«
Ich bestätigte es ihm und erzählte von meinem Besuch. Ich erzählte ihm von der ehemaligen S-Bahnstation Oberwiesenfeld am Olympiapark, von den ›Nuru‹ und dass nach Meinung von Herrn Küfer Verbindungen der ›Nuru‹ zu Stonehenge,Choquequirão und Machu Picchu geben sollte.
Jürgen lachte.

»Ja, ja, die ›Nuru‹-Geschichte. Schon gehört? Letzte Woche wurde Machu Picchu evakuiert. Regenfälle hatten Touristen dort oben eingeschlossen und es drohte denen, dass Erdrutsche sie verschütten konnten. Aber zurück: Stonehenge,Choquequirão und Machu Picchu sind schon immer ein Faible von Herrn Küfer gewesen. Hat er Ihnen auch über PentAgrions erweiterte Theorie über Schwarzen Löcher erzählt?«

Ich verneinte. Jürgen holte aus und begann mit Steven Hawkins und dessen Theorien über Schwarze Löcher. Er erzählte mir, dass nach der lang läufigen Meinung der Physiker keine Information verloren gehe. Eine Information verschwindet nicht einfach. Das Wissen, welches die Menschheit durch ihre Individuen erlangt habe, verschwinde nicht einfach mit dem Tode der Individuen. Sie wird nur transformiert. Es wäre wie mit einen Würfel, der mit einem Hammer zerschlagen würde. Mit den dadurch entstandenen Einzelteilen – seien sie noch so klein und pulverisiert – könne der Würfel rekonstruiert werden. Das wäre natürlich mühsam und zeitaufwendig, aber nicht unmöglich. Ebenso wie es heute bereits gelänge antike Schriftarten zu dechiffrieren und so den Inhalt erfahrbar zu machen, so würden die Informationen auch mit dem menschlichen Tod nicht einfach verfallen. Klar, es fehle noch der Code, um diese Informationen zurück zu gewinnen. Aber wer möge behaupten, dass es unmöglich sei? Ebenso wie man letztens herausfand, welche Hautfarbe die Dinosaurierechsen hatten, und ebenso wie inzwischen aus Genen liest, so werde es möglich sein werden, alte Informationen zurück zu gewinnen.

Jürgen hielt kurz inne und lachte.

»Mitte der 90er hatte ich meinen ersten Computer. Einen 386er mit 40 Mega-Hertz. ›Mega-Hertz‹, wohlgemerkt, nicht Gigahertz. Und meine Festplatte hatte noch 20 Megabyte und der Speicher war üppig mit 2 Megabyte bestückt. Knapp 15 Jahre später habe ich jetzt schon Schwierigkeiten, meine Kopien des damaligen Betriebssystems jetzt noch zu nutzen. Aber mit den entsprechenden Kniffen ist es möglich. In weiteren 10 Jahren vielleicht nicht mehr. Und dann habe ich endgültig einige meiner auf CD lagernden Daten für immer verloren. Und das in nur einem Viertel Jahrhundert. Aber mit entsprechenden Tricks werden die Daten auch in der Zukunft auslesbar sein. Fragt sich nur, wen es dann noch interessiert. Meine damals angelegten Daten scheinen von ein Schwarzes Loch verschlungen zu werden. Aber wirklich verloren sind sie nie.«

Wieder lachte er. Er fuhr fort, mir von den Theorien der Schwarzen Löcher zu erzählen.

Steven Hawkins war der Wissenschaftler, der immer davon ausging, dass allein Schwarze Löcher die Macht hätten, Informationen zu zerstören. Letztendlich habe aber dieser Steven Hawkins dann seine Theorie – Informationen würden mit Hilfe eines Schwarzen Loches für immer verschwinden – widerrufen.

Ich versuchte Jürgen zu unterbrechen, denn ich verstand nicht wirklich, was er mir erzählen wollte. Jürgen war aber nicht mehr aufzuhalten.

»Stell dir vor, ein dicker, fetter Elefant käme in die Nähe eines Schwarzen Lochs. Der Elefant würde also im Begriffe sein, verschluckt zu werden. Automatisch würden die Körperteile des Elefanten, die dem Schwarzen Loch näher lägen, stärker angezogen als seine entfernteren. Angenommen wir hätten den Elefant im Fokus unseres Teleskops, wir würden sehen wie der Elefant sich zu einer Spaghetti verformen würde. Während einige Körperteile mit hoher Geschwindigkeit in das Schwarze Loch hineingezogen würden, hätten andere diese Geschwindigkeit noch nicht erreicht. Der Elefant würde in die Länge gezogen. Irgendwann würde dann der Elefant vom Schwarzen Loch verschluckt und absorbiert worden sein. Aber bereits als Spaghetti würden wir dem Elefanten den physischen Tod bescheinigen. Nur jetzt kommt das Phantastische.«

Er machte eine Kunstpause und ich stellte mir den Elefanten als Spaghetti vor, wie dessen Blutgefäße platzen würden, wie sich dessen das Elefantenhirn in die Länge ziehen würde, bevor es in viele kleine Fitzelchen in das Schwarze Loch fallen würde. Ein wenig von der imaginierten Filmwelt von Roberto Rodriguez, eine Prise Quentin Tarantino Vorstellungen und einen Schuss Splatter-Movie. Und alles vermixt in einem Schwarzen Loch im unendlichen Weltall. Mühsam konnte ich ein Gähnen unterdrücken.

»Der Elefant wird sich definitiv nie als Spaghetti sehen. Während wir meinen, er sei schon Tod, denkt sich der Elefant, er sei noch quicklebendig.«

Noch quicklebendig? Irgendwann hatte ich schon mal ähnliches gehört, dass die einen meinten, etwas sei tot, während es aber nicht wirklich tot war.

»Aber wird der Elefant nicht spüren, wie es ihn auseinander zieht, wie er zur Spaghetti wird?«

»Vielleicht wird er sich unwohl fühlen, vielleicht hat er Schmerzen, aber er wird sich als Einheit sehen, so wie er vorher war. Als dicker, fetter Elefant und nicht als Spaghetti.«

Mir erschien das unlogisch.

»Nein, das ist nicht unlogisch. Kennst du die Einsteinsche Relativitätstheorie?«

»Für die er den Nobelpreis erhielt?«

»Nein, dafür erhielt er nicht den Nobelpreis. Den erhielt er für was anderes. Die Relativitätstheorie handelt davon, dass von zwei unterschiedlichen Standpunkten aus, die Zeit unterschiedlich schnell vergehen kann.«

»Stimmt. Als Kind dachte ich die Vorweihnachtszeit bis Heilig Abend würde nie vorbei gehen. Als Erwachsener rast die Vorweihnachtszeit dahin und am 24. stehe ich dann immer in den letzten Einkaufsschlangen der Geschäfte mit meinen Last-Minute-Geschenken in der Händen.«

»Nein, das mein ich nicht. Ich meine, dass für den, der sich mit annähernd Lichtgeschwindigkeit bewegt andere Zeiten gelten, als der der den Sich-Bewegenden beobachtet. Der, der fliegt, für den dauern 10 Sekunden 10 Sekunden, was dem Beobachter mit festem Standpunkt aber als ein Jahr erscheint.«

»Sag ich doch. Vorweihnachtszeit.«

»Gleiches passiert auch in einem Schwarzen Loch sowohl mit der Zeit als auch mit der Dimension. Während die außenstehenden Beobachter meinen, der Elefant sei bereits tot, macht der Elefant gerade noch Pläne für einen Porzellanladenbesuch.«

Porzellanladenbesuch. So, so.

»Ähnliches hatte ich schon mal gehört. Jetzt fällt es mir wieder ein: Schrödingers Katze.«

»Ja, beide Themen sind miteinander verwandt.«

»Aber bei den Schwarzen Löchern, hast du gesagt, bleibt jede Information erhalten, ist rekonstruierbar.«

»Wenn man den Schlüssel dazu hat. Die Antagonisten zu Steven Hawkins haben darauf hingewiesen, dass Schwarze Löcher Materieklumpen mit höchster Dichte und höchster Anziehung sind. Informationen, die solch ein gieriger Materieklumpen verschluckt, wird auf der Hülle abgebildet werden und könne theoretisch rekonstruiert werden.«

»Theoretisch.«

»Theoretisch schon, weil die Informationen nicht verloren sind.«

»Also, wird es möglich sein, Goethes Faust in einem Schwarzen Loch zu archivieren?«

»Theoretisch schon. Ein Schwarzes Loch ist wie ein Informationsspeicher der Materie, die es verschluckt hat.«

»Und Steven Hawkins?«

»Er meinte anfangs, die Informationen würden zerstört und durch die Hawkinsstrahlung in die Unendlichkeit des Weltalls unrettbar und unwiederherstellbar abgestrahlt werden, weil Materie und Information voneinander endgültig getrennt würden. Erst 2004 hat er diese Ansicht widerrufen, weil er diese These selber nicht mehr halten konnte. Er hatte sich in seinen Berechnungen selber widerlegt gehabt und dieses dann öffentlich eingestanden. Seit 2004 sind also unsere Informationen von uns allen nicht mehr verloren.«

Ich schnitt am Telefon Grimassen. Wie gut, dass mich Jürgen nicht sehen konnte. Er würde das Gespräch sofort beendet haben. Jürgen meinte, ich würde ihm folgen. So richtig schaffte ich das aber nicht mehr. Mehrfach hatte ich mich erwischt, wie ich gedanklich weggedriftet war. Beim Quentin Tarantino und den Hirnfitzelchen dachte ich unwillkürlich an die Szene, als die Gangster das Fahrzeug in ›Pulp Fiction‹ säuberten. Mühsam hatte ich mich aus diesem Gedanken wieder herausgerissen und versuchte Jürgen erneut zu folgen. Aber es war schwierig.

Was hatte er gesagt? Was wird zerstrahlt? Was von wem getrennt? Verschlucken Schwarze Löcher nicht alles?

Das Schwarze Loch als Archivschrank des Weltalls. Faszinierend. Die Idee gefiel mir. Da eröffneten sich ganz andere Dimensionen: Sollte ich mal etwas verlegt haben, dann bräuchte ich nur zum nächsten Schwarzen Loch und dort würde ich es … stimmt, ich könnte mal mein Schlafzimmer aufräumen. Noch immer lebte ich seit dem Umzug aus meinen Koffern. Den neue Kleiderschrank hatte ich noch nicht benutzt.

Bekannt war mir schon, dass Körper sich in quantenmechanische Begriffe zerlegen lassen. Masse, Ladung, Drehimpuls stellen einige Definitionsgrößen dar und beschreiben die Natur einer Information. Selbst dieser niedergeschriebene Satz ließe sich mittels Masse, Ladung und Drehimpuls kleinster Teilchen nachstellen. Und das was ich gerade denke, ebenfalls.

»Und was haben Schwarze Löcher mit PentAgrion zu tun?«

»Es geht um Informationen. Wo verbleiben diese? PentAgrion hatte in diesem Zusammenhang auch vom Schwarzen und vom Weißen Internet gesprochen.«

Das Schwarze Internet. Und das weiße Internet. Stimmt. Davon hatte ich gelesen.

»Und das Schwarze Internet ist jetzt nichts anderes als eines Schwarzen Lochs?«

Jürgen lachte auf.

»Beide haben etwas gemein. Die Eigenschaft als Informationsspeicher.«
»Wobei, wenn ich mich erinnere, dass es da eine These des Pataphysikers Costers gibt. Costers These ist, dass die wirklich wichtigen Informationen Zug um Zug ins schwarze Internet abwandern würden, soweit sie nicht vorher schon da waren.«

»Stimmt. Costers These. Er hatte sie auch in Hinblick auf den Belgier Stijn Van de Voorde erstellt. Stijn Van de Voorde …«

»… hatte die Papiere des PentAgrions ins Internet gestellt gehabt.«

Es wurde kurz still. Jürgens darauf an mich gerichtete Frage war von einer Atemlosigkeit begleitet, die mich gruselte:

»Du weißt davon?«

»Ich las im Internet davon. Und dass das von Stijn Van de Voorde ins Internet hineingesetzte Traktat von PentAgrion wieder verschwunden ist. Als ob es in ein schwarzes Internet abgewandert sei. Wie in einem Schwarzen Loch.«

Jürgen schwieg. Die Leitung war still, fast wie tot.

»Jürgen?«

Keine Antwort.

»Jürgen??«

Und dann wie aus einem Nebel dringend, hörte ich seine Stimme:

»Es existiert, es existiert.«

»Was existiert?«

»Das Schwarze Internet.«

»Okay. Mag sein. Aber was ist mit PentAgrion?«

»Er hatte darüber geschrieben.«

»Ich möchte es lesen. Im Original.«

Ich hatte meinen Wunsch ganz unverblümt wie eine Forderung gestellt und wartete auf eine Reaktion.

»Ich brauche von dir Adresse, Telefon- und Faxnummer.«

»Bitte nicht per Fax. Das killt nur meine Papiervorräte und Faxkartuschen. Schick mir die Papiere per Post.«

»Und wer zahlt mir die Kopie der Papiere?«

Das alt-bekannte Thema. Ich gab ihm meine Adresse, Telefon- und Faxnummer und im Gegenzug erhielt ich von ihm seine Kontonummer. Vereinbart hatte ich mit ihm, einen Vorschuss zu zahlen. 80 Euro. Den Rest würde ich nach Erhalt der Papiere überweisen. Er wollte mir die Papiere Mitte Februar schicken.

»Aber mach mir keinen Scheiß wie der Herr Küfer, Careca.«

»Dann schicke mir das ganze als Einschreiben mit Rückschein. Ich zahle das ebenfalls.«

»Okay.«

Jürgen und ich verabschiedeten uns. Überraschend schnell verlief der Abschied. Eigentlich sehr schnell, wenn ich mir das vergangene Telefongespräch dazu vergegenwärtige. Der Blick auf meine Uhr verriet mir, dass wir beide wohl an die drei Stunden telefoniert hatten. Mein rechtes Ohr glühte leicht.

Seufzend ließ ich mich in meinem neuen Fernsehsessel nieder. Hatte ich es jetzt endgültig geschafft, die Papiere des PentAgrions zu erhalten?
Das Surren meines Faxgerätes ließ mich aufschrecken. Offenbar wollte Jürgen meine Faxnummer wohl verifizieren. Mühsam stand ich aus meinem Sessel auf und nahm das Faxblatt in Empfang:

»Sehr geehrter Careca,
ich musste leider aus privaten, persönlichen Gründen die Stadt München verlassen. Ich habe sie nicht vergessen. Sie werden wie vereinbart die versprochene Kopie der PentAgrion Papiere erhalten. Sobald diese per Post bei Ihnen eingetroffen sein werden, bitte ich Sie mir die noch ausstehende Zahlung auf folgendes Konto [KNR. … BLZ …] anzuweisen.
Mit freundlichen Grüßen
Aloisius Küfer«

Wow.
Küfer lebte. Er war nicht spurlos verschwunden. Ich schaute auf den Kopf des Faxes, um die Nummer des Sender-Faxgerätes zu lesen.

»Copy-Laden Leineblick – Ihr Spezialist für Reproduktionsdienstleistungen – 051154«

Der Rest war unleserlich.
Küfer lebte. Und bald sollte ich zwei Exemplare der Papiere des PentAgrion in den Händen halten.

Erneut summte das Fax-Gerät. Während ich das vorherige Fax nochmals las – es war nicht von Herrn Küfer unterschrieben – nahm ich das neue Fax aus der Ablage. Flüchtig schaute ich über das Blatt und stockte. Ein auf der Spitze stehendes Pentagramm sprang mir entgegen und darunter in kleinen Buchstaben:

»Grüße aus dem Schwarzen Internet, dem Schwarzen Loch der -6Destruktiv—Informationen.«

Die Absenderfaxnummer lautete 0841-4071776. Die Nummer musste aus Ingolstadt stammen. Neben der Nummer konnte ich noch kryptisch die Buchstaben »MdCclxxvi« entziffern? Ein Rätsel?

Ich nahm das Blatt, schrieb schnell ein »Danke, wir kaufen nix« drauf und tippte die Ingolstädter Nummer ein. Mein Faxgerät zog das Blatt ein, surrte, wählte die Nummer und fing an, mit der Gegenstelle zu kommunizieren.

Ich ging mit dem Fax vom Küfer in die Küche, holte mir eine Cola aus dem Kühlschrank und schaute das Fax an. Bald würde ich in Besitz der Papiere des PentAgrions sein.

Im Wohnzimmer hörte ich mein Faxgerät wieder summen. Kurz darauf fiepste es zweimal. Ich ging zurück und schaute auf die Ablage. Dort lag wieder ein Fax mit einem Pentagramm. Ich hob es auf und schaute genauer drauf. Es war das Fax, welches ich mit meiner Anmerkung weggefaxt hatte. Unter meinem »Danke, wir kaufen nix« fand ich eine Zusatzanmerkung vom Absender. Ich hielt das Fax gegen eine Lampe. Die feinen Buchstaben wurden jetzt besser entzifferbar. Ich holte mir gerade eine Information aus dem Schwarzen Loch des Faxens zurück, dachte ich leicht ironisch und lächelte in mich hinein.
Anfangs glaubte ich nur Grüße zu lesen. Dann jedoch entzifferte ich immer mehr Buchstaben, bis ich letztendlich den Satz zusammen hatte.
Meine Überraschung war groß. Zweimal musste ich den Satz lesen, bis ich ihn nicht nur verstanden hatte, sondern auch dessen Inhalt erfasst hatte:

»Viele Grüße aus Ingolstadt.
Dein PentAgrion«

(Fortsetzung)

"Franz Josef Strauß" unter Sprengstoffverdacht …

Als ich gestern die diversen Online-Zeitungen durchlas, um mir mal ein Bild über die Terminal-2-Sperrung am Münchener „Franz-Josef-Strauss“-Flughafen machen zu können, fielen mir die unterschiedlichen Darstellungen der Geschehnisse auf:

– Der Täter schnappte sich sein Notebook und rannte weg.
– Der Täter schnappte sich nicht sein Notebook und rannte weg.
– Der Täter rannte ohne seine abgelegten Sachen und ohne Notebook weg.
– Der Täter zog sich an, schnappte sich sein Notebook und rannte weg.

Den Flughafen am „Terminal 2“ kenne ich genau. Dort fliegen alle Star-Alliance-Fluggesellschaften, also auch die Lufthansa, ab. Terminal 2 glänzt durch seine Nadelöhrfunktion nach den Kontrollen. Das heißt, die überprüften Passagiere aller Sicherheits-Check-Portale kommen nur durch einen bestimmten Gang zu den Gates, welche dem Flug innerhalb der EU dienen. Interkontinentalflüge oder Flüge in Nicht-EU-Länder haben ein weiteres Nadelöhr.
Hinter den Sicherheitsportalen stehen jeweils zwei bewaffnnete Bundesgrenzschützer, welche die Situation im Auge behalten.

Folgendes:
Zu jedem Notebook gehört eine Tasche, die berühmte Notebooktasche. Das Sicherheitspersonal sorgt dafür, dass das Notebook aus der Tasche entfernt wird und in eine gesonderte, blaue Kunststoffschale als Transportmittel des Notebooks verwendet wird. Geschieht das nicht, wird die Tasche vom Transportband zurückgefördert und vom Sicherheitspersonal heraus genommen und ein zweites Mal gescannt. Sollte das Sicherheitspersonal das vergessen, am Ausgang des Scann-Gerätes geschieht es auf alle Fälle.

Dieses ist das Prozedere in Sachen „Notebook“ am Münchener Flughafen. Ich kenne es inzwischen in- und auswendig.

Wer als Geschäftsmann schnell durch die Kontrollen will, vollzieht im vorbeugenden Gehorsam folgende Dinge:

– Armbanduhr abnehmen und in die Jackentasche stecken
– Hosentaschen entleeren und Hosentascheninhalt in Jackentasche ablegen
– Handys entweder in Jackentasche oder in einer blauen kleinen Kunststoffschale abgelegen
– Flüssigkeiten im Handgepäck werden generell vermieden. Falls doch, dann immer gleich im Kunststoffbeutel und maximal 100 ml als Menge.
– Hosengürtel wird direkt aus der Hose gezogen und mit der Jacke und anderen Westen, Regenjacken und so weiter in eine der Kunststoffschalen abgelegt.
– Schuhe mit metallischen Aufschlag werden gleich ausgezogen und aufs Band gelegt. Prinzipiell ist es besser immer die Schuhe aufs Band zu legen.
– Brille bleibt aufgesetzt.
– Handgepäck kommt direkt aufs Band.
– Im Falle eines Notebooks wird dieses ebenfalls sofort heraus geholt und in eine der blauen Kunststoffschalen gelegt.
– Die Boarding-Karte wird als letztes in einen der Kunststoffschalen abgelegt, denn vielleicht will der Sicherheitsmensch vor einem mal drauf schauen (geschieht sporadisch).

Somit gilt:
Jede Bemerkung des Sicherheitspersonals, welches der potentielle Fluggastanwärter mit „Ja“ beantworten muss, führt zu Verzögerungen im Prozess.
Jede Verneinung führt zu einer reibungsfreien Abwicklung seiner selbst als Risikopatients des reibungsfreien Flugverkehrs.

Und dann kommt der entscheidende Moment. Das Sicherheitsportal wird durchschritten (und das erst nach Aufforderung des Sicherheitspersonals!). Es ist der spannende Moment, bei dem das Gehör auf „Hab‘ acht!“ steht. Das nächste Geräusch kann entscheidend sein. Und der potentielle Fluggastanwärter stellt sich schon vorher die Frage, wie empfindlich wurde das Portal eingestellt. Fast jede Hose hat einen Metallknopf oder Metallreißverschluss. Die Brille ist metallisch. Oder das intime Piercing? Ist der Cockring abgelegt? Kein Witz, ich habe bereits welche kennengelernt, die sich extra ihren eisernen Cockring anlegen, damit sie vom Sicherheitspersonal befingert werden. :)

Ertönt kein „Piep“ vom Portal, hat der potentielle Fluggastanwärter die erste Hürde überwunden.
Piepst das Portal, stellt sich der Sicherheitsbedienstete einem direkt in den Weg und es heißt Arme und Beine ausbreiten und der Sicherheitsbedienstete fährt mit suchender Hand und einem Detektor den gesamten Körper ab, um die Ursache des „Pieps“ heraus zu finden.

Erst wenn der Suchende zufrieden ist, geht es weiter. Auf dem Transportband taucht das eigene Eigentum aus dem Scanner auf. Drei Meter läuft es auf dem band, bis der Eigentümer darauf zugreifen kann. Und dann geht heißt es, sich wieder ankleiden, sein Handgepäck an sich zu nehmen und nichts in den Schalen zu vergessen.

Wer jetzt in Zeitnot ist, wird anfangen zu sprinten und erweckt durch sein Rennen die Aufmerksamkeit der Sicherheitsbeamten vom BGS. Vom Portal bis an an den bewaffneten BGS-Beamten (einer mit MP) vorbei sind es 10 Meter. Um aus dem Sichtkreis der BGS-Beamten im Nadelöhr zu entschwinden, sind es weitere 10-20 Meter erforderlich.

Ein paar Mal bin ich schon in Zeitnot gesprintet und immer reagierten die BGS-Beamten: Sie schauten mich an und schauten auf das Sicherheitspersonal, um die Lage abzuschätzen. Sie hatten dazu immer an die 5 bis 10 Sekunden Zeit.

Und genau dieses lässt mich bei der Berichterstattung stutzig werden.

Fall 1:

Der Täter schnappte sich sein Notebook und rannte weg.

Damit hätte der so genannte Täter seine Notebooktasche am Portal gelassen. Ein einzelner Mensch mit Notebook in den Händen fällt den BGS-Beamten auf, ist ungewöhnlich und verdächtig. Desweiteren verbleibt noch das gesamte Handgepäck, denn in der Regel wird zuerst das Notebook und dann der Rest aufs Band gelegt. Das Sicherheitspersonal achtet darauf.

Fall 2:

Der Täter schnappte sich nicht sein Notebook und rannte weg.

Damit hätte der Mensch also das als potentielles Sprengstoffpaket entdeckte Notebook an den Portalen hinterlassen. Dem Sicherheitspersonal ist das nicht abgeholte Notebook erst später aufgefallen und die BGS-Beamten fiel keine Auffälligkeit auf. Der Passagier war also ungefährlich. Warum also dann das „Terminal 2“ absperren und nach einem Notebook mit Sprengstoff suchen lassen, wenn das Notebook samt Tasche doch am Portal noch lag?

Fall 3:

– Der Täter rannte ohne seine abgelegten Sachen und ohne Notebook weg.

Es gibt nichts besseres, um die Aufmerksamkeit der BGS-Beamten auf sich zu ziehen, als im Winter frühlingshaft gekleidet an diesen vorbei zu laufen. Zudem blockieren die Handgepäckdinge noch das Portal. Die Beamten hätten das selbst auf jener Distanz schnell feststellen können.

Fall 4:

– Der Täter zog sich an, schnappte sich sein Notebook und rannte weg.

Es ist die einzig wahrscheinliche Variante. Denn dieses passiert nicht selten, wenn Passagiere in Zeitnot sind. So etwas ist nichts ungewöhnnliches.

Aber bei all diesen Fällen fällt eines auf:
Der Befund auf Sprengstoff kommt vom Scanner. Im Falle eines Verdachtbefundes wird von den Monitoren der Sicherheitsbedienstete durch die Scannersoftware genau die verdächtigen Stellen in rot gefärbt angezeigt. Wenn also das entsprechende Notebook aufgrund der Sensorik der Scanner als verdächtig für Sprengstoff angezeigt wurde, gibt es nur eine Möglichkeit, warum das Notebook nicht gegenkontrolliert wurde. Das Sicherheitspersonal hat schlichtweg gepennt. Denn sollte das Personal gemerkt haben, dass das Notebook vom System als verdächtig eingestuft wurde und der Passagier rennt deswegen weg, dann hätten ihn die BGS-Beamten ohne Zweifel gestoppt.
Es lag also kaum an ein Übeles wollenden Passagier.

Gesetz des Falles es war so, wie viele Zeitungen wissen wollten, dass ein Fluggastanwärter in Wahrheit ein Terrorist mit Sprengstoff im Notebook ein Flugzeug sprengen wollte, dann wäre spätestens bei dessen Flucht das Verhalten in den ersten drei Fällen mit Sicherheit und im letzten Fall wahrscheinlich den BGS-Beamten aufgefallen. Aber der Fluggast fiel niemandem auf. Nicht mal der Scan des Systems des Sicherheitspersonals.

Die Aufregung ist jetzt groß. Es wird wieder spekuliert, wie man die Sicherheit nun doch wieder verbessern kann. Der „Nacktscanner“ kommt wieder ins Gespräch. Aber auch die Bezahlung des Sicherheitspersonals wird angesprochen.

Nur eines wird nicht angesprochen:
Der vorbeugende Gehorsam des Sicherheitspersonals ihren Chefs gegenüber. Denn dieser muss wohl für so einen Job unbedingte Voraussetzung sein. Entsprechend ist dann auch die Humorlosigkeit und Freundlichkeit des Sicherheitspersonals.

Ich erlebte es einmal wegen 50 von mir mitgenommenen „Schlüsselanhänger“ (kleine Kettenglieder aus gehärtetem Stahl an dem Leichtmetallring). Diese wurden mit weggenommen, weil sie eine Waffe darstellen sollten. Der Sicherheitsangestellte reihte vier mit dem Leichtmetallschlüsselring an seinem Mittelfinger auf, ballte die Faust um die Kettenglieder und meinte nun könne härter zugeschlagen werden. Der herbeigerufene Vorgesetzte interessierte sich für die Schlüsselanhänger kaum, sondern beharrte darauf, dass der Untergebene richtig geurteilt haben müsse.
Dagegen dürfen weiterhin die Akkus von Notebooks mitgenommen werden. Die sind zwar scharfkantig und massiv stabil, aber generell keine Schlagwaffe.

Jedes Mal, wenn ich in München die Portale passiere, habe ich das Gefühl hinter den Schleusen wieder in ein menschenfreundlicheres Gebiet zu stoßen. Ich kenne viele andere Flughäfen im Vergleich zu München. München und sein Sicherheitspersonal haben nicht nur bei mir sondern auch bei vielen Kollegen und Bekannten den Ruf der freundlichkeitsfreien Zone, direkt vor Düsseldorf.

Und München ist auch immer wieder DER Flughafen, bei dem Limousinen an die Flugzeuge mit Flugrichtung „Brüssel“ heranfahren und wichtige Personen direkt an die Gangway rangebracht werden. Die Fahrzeuge tragen Münchener Kennzeichen und gehören nicht zum Flughafen-Inventar.

Das Studium der Nachrichten gestern Abend und heute morgen der Print-Medien-Schlagzeilen hat mir wieder gezeigt, wie viel Wahrheit bestimmten Nachrichtenorganen eine Schlagzeile wert ist. Es stellte sich mir die Frage, wer von wem gedanken- und hirnlos abschrieb. Denn schon das Hinterfragen der gemeldeten Pseudo-Fakten hätte bestimmtes direkt ausschließen müssen, bevor es auf offiziellem Wege verbreitet wird.

Und es hat inzwischen noch etwas gutes:
Denn wer sich von den Journalisten und Politikern jetzt meldet und aufgrund eines menschlichen Fehlers mehr Maßnahmen fordert, der ist unter den Hirnbefreiten garantiert König.

Und noch etwas in meinen Augen sehr merk-würdiges:
In keiner Zeitung wird die strategische Positionierung von den zwei mal zwei BGS-Beamten am Münchener „Terminal 2“ erwähnt. Es wird jetzt allein auf unzuverlässiges Sicherheitspersonal abgezielt. Aber niemand hinterfragt diese Positionierung und warum es so lange gedauert haben soll, bis die Bundespolizei informiert worden sei …
Das ist wirklich merk-würdig.
Und dann ist der ganze Bereich videoüberwacht. Das Filmen hatte wohl funktioniert, aber die Auswertung nicht. Diese obliegt der Bundespolizei, nicht der Sicherheitsfirma. Wenn diese Auswertung so miserabel ist, dann sollte auch dort angesetzt werden. Oder ist das unzulässig? Begehe ich hiermit Häresie?

Fakt ist, dass die Sicherheitsmaßnahmen am Flughafen München inzwischen rechte Schikanen für Fluggastanwärter sind. Wer mit Münchener Flughafenpersonal in deren Freizeit ins Gespräch kommt, erfährt, dass das Sicherheitssystem am Münchener Flughafen nur an den Portalen überdimensioniert ist, aber dort wo die Portale nicht sind, schwachbrüstig ist.

Egal. Fliegen ist schon lange keine Dienstleistung, die man nur mit Geld bezahlt. Man zahlt auch mit vorbeugendem Gehorsam, Kritikverzicht und Folgsamkeit seltsamen Regeln gegenüber. Und man ordnet sich diesem System hierarchisch unter.
Genau dem Modell des Sicherheitspersonals: vorbeugendem Gehorsam, Kritikverzicht und Folgsamkeit.
Man gibt mit seinen Habseligkeiten die eigene Mündigkeit an den Sicherheitsportalen ab. Weil es andere unbedingt so wollen. Und es wird noch mehr Demut erforderlich sein, um zu fliegen. Weil es andere so wollen. Und nicht weil der Fluggast es so will.

Und irgendwann geschieht das, was bereits am internationalen Flughafen „Tom Jobim“ in Rio de Janeiro passierte: ein Fluggast musste zur Sicherheitskontrolle seine Hosen runterlassen …

(Edit 22:40 Uhr:
Ich lese gerade in der „Süddeutschen Zeitung Online“, dass die den Aufbau der Sicherheitsschleuse mit den BGS-Beamten dahinter ebenfalls hinterfragen und Unstimmigkeiten in der offiziellen Version festgestellt haben. Die „Süddeutschen Zeitung Online“ ist zwar für mich nicht mehr das Maß der journalistischen Dinge, aber immerhin zeigen die dort, dass deren Journalisten sich anfangen, eigene Gedanken machen.)

Große Worte, gelassen ausgesprochen

Das mit den 32 Jahren, das wird sich ja im Laufe der Zeit ändern.

ausgesprochen von Christina Köhler, Ministerin für Familie, Senioren, Frauen und Jugend, angesprochen auf ihr Alter.

Meine Meinung:
Da bin ich mir absolut sicher, Frau Doktor Köhler. In einem Jahr ist es vorbei mit den 32 Jahren …

Wehret den Anfängen! Auf zum Prozess!

Damen und Herren, Richter, Staatsanwälte und sehr verehrte Blog-Geschworene:
Unerhörtes trug sich in diesem unserem Lande zu. Ungehörig und ungebührlich.
Angeklagt ist diese Weinflasche:

Mosel-Saar-Ruwer-Wein

(zum Vergößern bitte anklicken)

 

Sie kam am 31.12. gegen 20:00 Uhr und mogelte sich durch den Silvesterabend, sie mogelte sich durch Neujahr, sie wollte auch den Heiligen Drei Sternsingern nicht geopfert werden. Diese Flasche weigert sich beharrlich seit 1976 ihrem angedachten Schicksal entgegen zu gehen.

Liebe verschworene Geschworenen von blog.de, liebe Gäste und inkognito-Lesende, es ist an Ihnen jetzt das Urteil zu verkünden. Walten Sie ihres Amtes, die Flasche hört euch geduldig zu.

Schneechaos nur für Anwohner

Für alle, die sich nichts unter den gestrigen Unwetter-Schnee-Warnungen
vorstellen konnten, ein Foto aus dem März des Jahres 2006:

Schneechaos
Ob es noch was wird?
Mit dem angekündigten Schneechaos?

Feiertag

Heute ist bei den Katholiken Gedenktag für den Heiligen Severin.
Mein Toaster hat Namenstag.

Sprachkonvention

Wie heißt denn dieses Jahr nun korrekt?
Traditionell „Zweitausendzehn“ oder Politik-Agenda-mäßig „Zwanzigzehn“?
Oder ganz im Sinne der kommenden Fußballweltmeisterschaft „Zwei Null Eins Null“?