Ist Wasser verdünnbar?

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***

Ich saß auf einem Felsvorsprung. Lange Zeit war ich gewandert, um mich hier hinsetzen zu können. Das heißt, ich bin nicht aus eigenem Verlangen hierher gewandert. Vielmehr hat mich irgendetwas hierhin getrieben. Obwohl ich jetzt hier auf diesem Felsvorsprung saß und glaubte, ans Ziel gelangt zu sein, fühlte ich, dass es jetzt erst richtig rund gehen würde.

Unter mir lag so eine Art brodelnder Sumpf. Immer wieder schlug er Blasen. Und trotzdem erschien mir, da unten noch etwas mehr als nur bloßer Sumpf zu sein. Angestrengt schaute ich in den Sumpf und nach einiger Zeit erkannte ich, dass dort unten noch anderes Leben war. Irgendwas versuchte da unten, sich dem Ufer entgegen zu arbeiten. Manche Lebewesen schafften es, bis zum Ufer zu gelangen. Hatten sie jedoch gerade eine Hand auf das rettende Ufer gelegt, wurden sie von einer unsichtbaren Macht in die Mitte zurückgezogen.

Solange ich auch zuschaute, keiner schaffte es, je das Ufer zu erreichen.
Doch.
Jetzt.
Ein Lebewesen zog sich mit allerletzter Kraft aufs rettende Ufer und richtete sich auf.
Mein Gott, es war ein Mensch!

Jetzt sah ich auch andere, die sich ans Ufer zogen. Anscheinend haben die sich die ganze Zeit ans Ufer gezogen, aber mir war das wahrscheinlich wehen ihrer braunen, drecküberzogenen Körper und ihrer langsamen Bewegungen in diesen braunen Pfuhl entgangen. Jetzt entdeckte ich auch noch andere mitten in diesem Sumpf, die wie einige andere Menschen in dem See verbissen um ihr Leben kämpften, resignierend aber aufgaben, um dann zu versinken.

Mir war übel. Ich fühlte mich elend. Hier oben ich und da unten die. Und ich konnte nichts für sie tun. Wankend drehte ich mich um. Ich tat einen unsicheren Schritt nach vorne und dann sah ich ihn. Er kam auf mich zu.

„Du? Du hier?“
„Wo du bist, bin auch ich.“
„Und das als PentAgrion?“
„Nenn mich, wie dir beliebt.“
„Wer hat dir gesagt, dass ich hier bin?“
„Nur du.“
„Was soll das heißen?“
„Siehst du den Sumpf da unten?“
„Ja.“
„Es ist der Sumpf der Erkenntnis.“
„Der Sumpf der … Was?!?“
„Jeder Mensch muss in den Sumpf der Erkenntnis.“
„Sag mal, bist du blöd im Kopf?“

Er sah mich lächelnd an.

„Wieso sagst du nichts?“

Er lächelte mich immer noch an und machte einen Schritt auf mich zu. Unwillkürlich wich ich zurück. Was hatte er vor?

„Lass mich in Ruhe!“

Doch offensichtlich hörte er nicht mehr auf mich. Lächelnd machte er erneut einen Schritt auf mich zu.

„Bleib, wo du bist!“

Er hörte nicht. Nochmals trat ich einen Schritt zurück. Ich merkte sofort, dass dieser Schritt einer zu viel war. Wie eine dünne Eisschicht brach der Boden unter mir weg. Ich stürzte ab.
Immer wieder sah ich, entweder wie der immer noch lächelnde PentAgrion sich von mir entfernte oder wie mir der Sumpf in rasendem Flug entgegen kam.
Als Letztes sah ich den Sumpf, wie er mir entgegen raste. Oder besser gesagt, ich sah eine braune Fläche, deren Oberflächenstruktur mir immer deutlicher wurde und dann knallte ich auf.

Es war nur so ein dumpfes Gefühl, aber dies genügte, um mich vollständig aus den Träumen in die Realität zurückzuholen.

Mit offenen Augen lag ich im Hotelbett. Der Schreck saß mir noch in den Knochen. Nachdenken über den Traum, konnte ich jedoch nicht mehr lange, da ich bald wieder ruhig eingeschlafen war.

Wo Berge sind, da sind auch Täler und manche sind ziemlich sumpfig. Nun hatte ich eines dieser Täler gesehen, war dem entkommen und hatte mich wieder auf den nächsten Berg hochgekämpft. Oben war es kalt, aber auch die dünne Luft klar.

„Na endlich hast du es geschafft.“
„Ich kann nicht mehr.“
„Schau, Careca, da unten das Tal!“
„Tal?“
„Vor dir.“
„Ach so.“
„Hey, du bist nicht gerade begeistert davon?“
„PentAgrion, ich bin kaputt. Ich bin unaufhörlich gewandert. Mehrmals ausgerutscht und den Berg runtergerutscht, ich hab mir Wunden zugezogen, die gerade erst geheilt sind und jetzt da ich diesen verdammten Berg, den du einen ‚Hügel‘ nennst, bezwungen habe, da willst du mich schon wieder für ein Tal begeistern, eine ‚Untiefe‘ wie du so etwas sprachlich dauernd beschönigst, nur damit ich nachher wieder herabsteige? Und wenn ich da unten bin, was dann? Dann werde ich vielleicht feststellen, dieses Tal ist total versumpft, dass es eine einzige Sumpfblase ist? So wie das Letzte, wo ich hineinstürzte? Nein, mein Freund, ich will hier oben bleiben, die Aussicht genießen, mich erholen, an der kühlen klaren, dünnen Luft berauschen, in den Tag hinein träumen, die Sonne genießen.“
„Du genießt die Aussicht, erholst dich, träumst in den Tag hinein, genießt die Sonne und vergisst, dass es vor dir etwas viel Aufregenderes gibt, was vielleicht Überraschungen für dich bereithält. Schau dich um, Careca. Du siehst hier viele andere Menschen, die nicht über diesen Berg gekommen sind, die in deiner kühlen klaren, dünnen Luft berauscht der Höhenkrankheit erlegen und erfroren sind. Menschliche Eissäulen, festgefroren auf diesem Berg hockend. Irgendwann, wenn du von dem vielen Träumen, Erholen und Genießen müde bist und du versuchst dich davon zu erholen, dann wirst du das Tal vielleicht sehen und plötzlich träumst du von einem grünen Tal, voll von Bäumen, von einem Sonnenuntergang hinter den Bergen, davon, dass sich im Tal bestimmt mehr Leben abgespielt hätte, dass dort alles eine Veränderung, eine wirklich permanente Veränderung durchmacht und dass nicht das Tal morgen genauso aussieht, wie hier oben diese ungastliche Stein- und Schneewüste, sondern ein völlig anderes Gesicht hat. Aber deine Träume werden Träume bleiben, da du zu müde bist, hinabzusteigen. Ein besseres Zuhaus als hier oben findest du unten allemal. Komm mit ins Tal hinab.“
„Ich bin im Augenblick zu müde, PentAgrion.“
„Oder vielleicht einfach nur berauscht durch diese unwirkliche Welt hier oben?“
„Nein, das nicht. Aber wieso können wir hier auf diesem Berg keinen Wald anpflanzen? Denselben Plan wie mit dem Tal hier oben auf den Berg übertragen?“
„Weil hier oben keine Bäume in den Himmel wachsen können.“
„Woher willst du also wissen, dass es da unten im Tal klappt?“
„Ich vertrau darauf.“
„Du vertraust darauf? Gut, PentAgrion, aber gesetzt den Fall, dort unten befindet sich kein nährreicher Boden, kein Sumpf, den man urbar machen könnte? Gesetzt den Fall wir treffen da unten nur eine zweite Steinwüste an?“
„Du wirst keine Steinwüste antreffen. Das ganze Regenwasser, das diesen Berg herab floss, hat sich dort unten gesammelt und mit dem Wasser potenten Nährboden für Pflanzen herausgeschwemmt, direkt aus den Ritzen dieses Berges. Der Weg dahin ist nie umsonst. Sollte wirklich da unten nur Steinwüste sein, dann bist du so oder so verloren. Denn ohne Regenwasser, das dann nie gefallen wäre, verdurstet du auch hier oben wie da unten.“
„Aber wenn da unten nur Wasser ist und kein Boden? Woher willst du wissen, dass das Tal fruchtbar ist?“
„Schau nach unten, Careca. Du siehst nur eine braune Fläche. Keine sandfarbene oder bläulich schimmernde Fläche.“
„Aber, wenn da unten schon einer ist, der dieses Tal beschlagnahmt hat?“
„Glaub mir, Careca, du bist nicht umsonst über diesen Berg gekommen. Glaub mir das.“
„Und wenn es eine Sumpfblase ist, dieses Tal?“
„Das Tal ist eine Sumpfblase und es wartet nur auf eine Hand, die es befruchtet, die es ergrünen lässt. Es wartet auf dich. Es wartet darauf, dass du in diesem Tal Leben rein bringst. Dieses Tal gehört dir. Ganz allein dir. Du wirst eins werden mit diesem Tal und irgendwann wirst du in die anderen Täler reinblicken können, weil es dir nichts mehr ausmacht, die anderen Berge zu überwinden.
„Du hast mich verwirrt, PentAgrion. Du redest so irr, aber doch auch so logisch. Ich werde dir vertrauen. Kommst du mit runter?“

Der Wecker fiepte unerbittlich.
Mühsam wälzte ich mich aus der Hotelbettwäsche.
7:30 Uhr.
Die Zeit für den ausgeschlafenen Angestellten.
Guten Morgen, Arbeit.
Zuerst jedoch eine freundliche Dusche. Aufwachen findet bei mir unter fließendem Wasser statt.

Ich hatte krude Träume gehabt. Nicht nur die beiden, von denen ich oben schrieb. Da war auch noch der Traum mit den Papieren. Normalerweise erinnere ich mich nicht an solche. Aber diesmal hingen mir einige Traumfetzen wie Gemälde in meiner Erinnerung nach. In einer Straße lief ich auf und ab. Papier umwehte mich. Bedrucktes Papier. Ich hatte versucht ein Papier zu ergreifen, aber es rutschte mir immer wieder aus meinen Händen. Auf einem konnte ich ein Pentagramm erkennen, auf einem meinte ich, das Wort „PentAgrion“ zu lesen. Auf wieder einem anderen las ich das Wort „Vanderford“. Ich hatte es versucht mit einem Kugelschreiber zu korrigieren, aber der Kugelschreiber in meiner Hand war ohne Miene und mein Versuch das Wort in „van de Voorde“ zu ändern, führte dazu, dass ich das Blatt zerstörte. Weitere Blätter umwehten mich, ich las das Wort „Usjh, König von Juda“ auf ihnen, sie bildeten mit ihren Seiten ein Fünfeck.

Darauf wachte ich auf. Die Dusche war für mich die Gelegenheit, mich von diesen irren wirren Traumbildern frei zu waschen.

(Fortsetzung hier)

Pythagoras wissenschaftliche Zahlen, Alexanders unwissenschaftliche Reise und eine Loseblattsammlung

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***

Panorama Rhein Remagen

Remagen. Stadt am Rhein. Ein weißer Fleck auf meiner privaten Landkarte. Die Stadt sagte mir nicht. Na gut, fast nichts. Von dem Hollywood-Schinken „Die Brücke von Remagen“ hatte ich gehört. Nur gesehen hatte ich den Film nie.

Die Fahrt verlief ohne Komplikationen. Es herrschte kaum Verkehr. Ich passierte Städte, deren Namen ich zuvor maximal einmal gehört hatte. Bad Breisig. Niederbreisig. Sinzig. Nett anzuschauen. Aber sie sagten mir nichts. Links Eichenwald, rechts der Rhein.

„Sie ist raus in den Wald zu einer alten Eiche gegangen, um ihre Monatsblutung vor Mondaufgang im Moos zu lassen. Dort sammelt sie auch immer ihren Reisig und schneidet Misteln und Kräuter.“

Eine beschauliche Landschaft mit mutmaßlichen Herrenhäusern und Einfamilienhäusern zog an mir vorüber. Die vielen Schilder „Zimmer frei“ verrieten mir, dass jetzt wohl gerade keine Hauptsaison herrschte.

Auf der Höhe von Remagen bog ich in die Stadt ein. Mein GPS-Führer hatte das Haus von der Kölner Bekanntschaft in der Nähe der Kirche „St. Peter und Paul“ angegeben. Unterhalb der Kirche fand ich einen freien Parkplatz. Ohne lange zu überlegen, parkierte ich mein Fahrzeug direkt vor einer recht jungen Eiche.

„In der Eiche wohnt auch ein Raabe. Man sagt, dass er ausschließlich zu Vollmond immer und immer wieder nur ein Wort krächzt. Es soll ‚Ascher‘ heißen. Warum er nach einem Aschenbecher verlangt, kann aber niemand wirklich erklären.“

Ich schloss mein Fahrzeug ab und nahm die Treppe, die steil hoch zur Kirche führte. Umgeben war sie von alten Grabkreuzen verstorbener Remagener zu einer Zeit, in der der Kirchhof der Friedhof bestimmter Remagener war. Mein Weg führte an einem Torbogen vorbei, der mir seltsame Szenen zeigte. Eine prägte sich mir stark ein. Es war ein König mit Ratten in den Händen, in einem Korb sitzend, gehoben von zwei Vögeln. Kurz danach passierte ich ein archäologisches Museum. Ich war auf dem richtigen Weg und etwas später drückte ich einen Klingelknopf.

Jürgen war zu Hause. Er war überrascht und fragte mich, warum ich mich telefonisch vorher nicht gemeldet hätte, aber andererseits meinte er, ich wäre ihm auf alle Fälle willkommen. Er führte mich ins Wohnzimmer zu einer hellbraunen Sitzecke mit einem Glastisch davor. Im kurzen Small-Talk erklärte ich, dass ich zufälligerweise in der Nähe zu tun gehabt habe und dass ich mich an deren Einladung am gestrigen Abend erinnert hatte. Er nickte verstehend.

„Normalerweise sehen wir die Bekanntschaften nicht mehr wieder, wenn meine Frau denen das Faltblatt gegeben hatte. Am Anfang sind ja noch alle begeistert, aber wenn sie das Blatt denn gelesen haben, dann verschwinden die. Im seltensten Fall rufen die an und erklären uns, dass wir auf dem Pfade des Teufels seien.“
„Im Schatten der Kirche ‚St. Peter und Paul‘ sollte der Teufel doch keine Chance haben, oder?“, versuchte ich das Gespräch in leichtere Fahrgewässer zu ziehen.

Meine Lust an philosophische Exkursionen war gering. Von philosophischen Diskussionen verstehe ich nicht so viel und meistens enttarne ich mich dabei immer als philosophisches Leichtgewicht. Das wollte ich vermeiden. Aber ich sollte keine Chance haben.

„Der Schatten der Kirche? Aber dahin hat die Kirche doch ihre Teufel verbannt. Ins Dunkle hinein, da wo die Kirche ihre Schatten wirft.“

Ich nickte. Soviel wusste ich auch noch aus meiner Schulzeit. Luzifer war der gefallene Engel, der eigentlich ein Lichtbringer sein sollte. Weil er aber nicht brav genug war, hat ihn der Erzengel Michael mit dem Flammenschwert aus dem Himmel geschmissen. Seitdem muss Luzifer sein Reich der Schatten in Eigenregie organisieren und managen, während seine ehemaligen Kollegen das bereits organisierte Paradies Eden verwalten durften.

„Hast du das Faltblatt meiner Frau gelesen?“
„Nicht ganz.“
„Nicht ganz?“

Ich erklärte ihm ein wenig verlegen, dass ich keine Gelegenheit hatte, das Blatt zu lesen. Zumindest hätte ich aber bemerkt, dass dort Pentagramme zu finden seine. Er lachte.

„Ja, die Pentagramme, die bemerkt jeder. Du weißt, was Pentagramme sind?“

Klar weiß ich, was Pentagramme sind. Fünfzackige Sterne. Ein Endlossymbol wie das Haus vom Nikolaus, was ich als Kind mit meinen Fingern so oft in den Wintern innen an beschlagenen Busscheiben gemalt hatte. Und ein Symbol der Hexen. Und Wikka leite sich doch wohl irgendwie von Hexen ab, fügte ich hinzu. Wo denn seine Frau sei, wollte ich wissen. Er lächelte ironisierend und antwortete, sie sei da, wo man Hexen vermute. Unter Eichenbäumen ihre Rituale verfolgend und Reisigbesen schnitzend. Er meinte es offensichtlich nicht ernst, aber wieso er mir diese Antworten gab, erschloss sich mir nicht. Daher fragte ich auch nicht weiter nach. Und Jürgen verlor auch darüber kein weiteres Wort.

Stattdessen griff er hinter sich in ein Regal und nahm fünf gleichlange Holzstäbe heraus. Ich solle eine einfache Figur auf dem Tisch damit legen. Ich überlegte nur kurz und legte ein Fünfeck. Er erklärte mir nun, dass die Diagonalen im Fünfeck – die dann das Pentagramm bilden – jeweils immer um den Faktor „1,618“ länger seien. Das sei erstmal nichts Besonderes. Aber dieser Faktor „1,618“ sei in Wahrheit eine Zahl, die nicht ganzzahlig mit Brüchen darstellbar sei. Und das Besondere sei an ihr, dass der Kehrwert (also 1 geteilt durch „1,618“) das gleiche Ergebnis habe, wie wenn man dem Faktor einfach „1“ abziehen würde. Mathematiker bezeichnen diese Zahl als die Goldene Zahl. Sie habe die Bezeichnung Φ (sprich: Phi).
Jeder kenne die Zahl π (sprich: Pi) und jeder wisse, dass diese Zahl notwenig sei, um Flächeninhalte oder Umfänge von Kreisen zu berechnen. Und gewiefte Leute würden statt mit der exakten Kreiszahl π mit dem Bruch „355/113“ hinreichend genau rechnen.
Auch die Konstante Φ ist mittels eines Bruches aus zwei ganzen Zahlen darstellbar. Eine davon ist die Berechnung mittels einer bestimmten Zahlenreihenfolge. In dieser Folge wird die jeweils nächste Zahl mit der Summe der beiden vorangehenden gebildet. Begonnen wird mit „0“ und „1“. Somit ergibt sich die folgende Reihe:
0, 1, 1, 2, 3, 5, 8, 13, 21, 34, 55, 89, 144, 233, 377, 610 ...
Diese recht einfache Folge wird auch als „Fibonacci“-Zahlenfolge bezeichnet. Bildet man nun das Verhältnis aus den jeweils letzten beiden Zahlen, dann erhält man immer eine bessere Annäherung an die Konstante Φ .

So sind die Werte der Kreiszahl π wie auch die Konstante Φ nicht mittels Brüchen darstellbar, sondern maximal annäherbar. Dieses wurde schon damals bei den alten Griechen entdeckt, erklärte mir Jürgen. Insbesonders bei der Gruppe der damaligen Pythagoreer. Diese Menschen hatten sich damals der reinen Mathematik verschrieben und waren der Meinung, dass jegliche Zahl mittels einer Bruchzahl aus zwei ganzzahligen Zahlen darstellbar wäre. Auf dieser Annahme fußte deren göttliche Weltordnung und viele vertrauten den Pythagoreern. Die Welt erschien berechenbar und göttlich geordnet. Nach Pythagoras leiten sich alle Harmonien aus dem Verhältnis ganzer Zahlen ab. Je einfacher, desto schöner.
Selbst in der Musik schien diese Harmonie zu gelten.
Aber Pythagoras hatte bereits entdecken müssen, dass die verbindende Gerade bei einem gleichschenkligen Dreieck nicht mittels ganzzahligen Zahlen darstellbar ist. Und dann tauchte noch das Fünfeck und mit dem Fünfeck das Pentakel auf. Und gerade das bei der Zahl „5“, welche den Pythagoreern als Zeichen der Vervollkommnung stand. Jene Zahl „5“, welche mit seinem Punkt den bestehenden drei Dimensionen eine neu hinzufügte (die Zeit; s.a. hier).

Pythagoras konnte mit der Konstante Φ nicht rechnen, aber er erkannte ebenfalls, dass es sich bei der Konstante Φ um eine Goldene Zahl handelte. Und sie tauchte nicht nur als Verhältnis bei verschiedenen Strecken auf. Es wurde auch noch herausgefunden, dass es einen Goldenen Winkel gibt: Ψ (sprich: Psi). Dieser ergibt sich, wenn man die 360° des Vollkreises im Verhältnis des Goldenen Schnittes der Konstante Φ teilt. Dieser Goldene Winkel beträgt ungefähr 137,5 °.

Und dieser Winkel findet sich auch in der Natur wieder: Sonnenblumenblütenblätter sind in diesem Winkel angeordnet. Selbst Rosenblätter weisen diese Winkelanordnung auf, und das, obwohl sie nachweislich die Konstanten nicht errechnen können.

Stellt die goldene Zahl Φ ein reines mathematisches Konstrukt dar? Oder ist sie Ausdruck einer höheren Ordnung? Die Pythagoreer konnten sich das nicht erklären, denn diese Zahlen widersprachen deren Ordnungsverständnis. Widersprach diese Zahl dann auch der göttlichen Ordnung?

Schließlich mussten die Pythagoreer auch noch erkennen, dass selbst Musik nicht den einfachen ganzzahligen Zahlen folgt. Dieses Problem kennen die Klavierstimmer. Die Noten „Fis“ und „Ges“ liegen auf der gleichen Taste des Klaviers, haben aber nicht die gleiche Frequenz. Der Quintenzirkel in der Tonreihe schließt sich nicht. Dieses Problem und das fehlende Bindeglied im Quintenzirkel wird entsprechend „das pythagoreische Komma“ genannt. Die Tonreihe besteht aus 11 Quinten und einer um das „pythagoreische Komma“ verringerten Quinte, die unter dem Namen „Wolfsquinte“ bekannt wurde. Problematisch ist das für normale Kompositionen nicht, wenn die Tonart nicht gewechselt wird und diese Quinte vermieden wurde. Johann Sebastian Bach schrieb jedoch Kompositionen, in denen er dauernd die Tonart wechselte, und hatte daher mit der schräg klingenden „Wolfsquinte“ einen Störfaktor. Also ging er dieses Problem aktiv an und schaffte es, dieses mit seiner „wohltemperierten“ Klavierstimmung unter Kontrolle zu bekommen. Bis heute allerdings rätselt man immer noch, wie er diese Klavierstimmung durchführte. Es fehlt hierzu eine schlüssige Erklärung.

Bei der heutigen populären Musik spielt „pythagoreische Komma“ kaum eine Rolle. Elektronische Synthesizer sind nicht dafür gedacht, Klassik zu spielen. Und bei den Tonfolgen kommt es auch nicht auf die Tonfolge an, sondern eher auf Rumms und Bumms der Musik. Und alles andere wird durch Equalizer gnadenlos auf eigene Ansprüche vom Hörer nivelliert.

Jürgen machte eine Pause. Er hatte die ganze Zeit ununterbrochen geredet. Erstaunlicherweise konnte ich ihm in seinen Ausführungen folgen. Auch wenn mir vor lauter Psi, Pi und Phis der Kopf ein wenig schwirrte.

„Und was hat das nun mit dem Faltblatt deiner Frau zu tun?“

Jürgen stützte kurz sein Kinn mit seiner rechten Hand, um nachzudenken.

„Der Wikka-Kult ist die Antwort auf die Frage der Menschen, ob der Mensch das Recht hat, die Grenzen der Welt zu erkunden und gar zu überschreiten.“
„Welche Grenzen?“
„Bist du vom Rathaus hier hergekommen? Oder von der Kirche aus?“
„Von der Kirche.“
„Dann kamst du an dem Torbogen der Kirche vorbei?“
„Ja.“
Kreuz„Der Torbogen war schon erbaut, bevor überhaupt Pläne für die Kirche existierten. Die Wissenschaftler streiten sich über die dort dargestellten Figuren, ob es sich hierbei um die acht Todsünden handeln soll. Nur über eine Darstellung ist man sich einig. Sie stellt Alexander den Großen dar. Alexander hatte die Welt erobert gehabt und war am Horizont angekommen. Also überlegte er sich, den Himmel zu erkunden. Also setzte er sich in einem Korb und bandzwei Vögel mit Löwenkörpern und Adlerköpfen an seinen Korb. Denen hielt er dann zwei Ratten vor die Schnäbel. Als die seltsamen Vögel danach schnappten, hob der Korb ab und Alexander startete wohl das erste fremd-getriebene Fliegzeug der Welt. Schließlich begegnete Alexander einem Engel, der ihn fragte, was er denn dort im Himmel wolle. Er solle doch zuerst einmal die Erde besser kennenlernen. Alexander wurde beschämt, landete auf der Erde und buchte dort erstmal paar Bildungsreisen mit seinem Militär.“
„Schöne Geschichte.“
„Der Wikka-Kult will nicht Grenzen überschreiten, sondern die Erde besser kennenlernen.“
„Was ist der Wikka-Kult?“

Ein Telefon klingelte. Jürgen entschuldigte sich und reichte mir eine Mappe, die er ebenfalls aus dem Regal genommen hatte.

„Tschuldige nen Moment, ich muss zum Telefon. Ließ dir mal die Mappe durch.“

Ich ergriff die Mappe. Jürgen stand auf und verließ das Wohnzimmer.

Die Mappe bestand sowohl aus geheftetem Material als auch aus einer Loseblattsammlung. Ich schlug die erste Seite auf. Mir fiel auf, dass am Rand der Seite handschriftlich etwas geschrieben in Rot war:

„Usja im Buch 2.Chronik; je nach Übersetzung auch Usjh; war König von Juda.“

Usjh?
Mir kam das Wort bekannt vor. Wo war ich dem Wort schon begegnet? „Usjh“. Mir lag es auf der Zunge, nur half es mir nicht weiter.

Meine Überlegungen wurden unterbrochen, weil mir eines der losen Blätter aus der Mappe auf den Boden gefallen war. Ich hob es auf. Eine Stelle des Textes war grün umkringelt und mit Ausrufezeichen versehen:

Wenn du meist mit dem Auto unterwegs bist, spürst du davon nichts. Doch ich frage mich: Was ist das? Unsere Alten, die noch näher an der Natur waren, sie hatten diese Wahrnehmung stark. Sie wussten, es gibt in der Welt schlechte und gute Stellen und Plätze. Sie haben Kult oder Religion aus dieser Wahrnehmung gemacht. Sie pflanzten Eichen, stellten Standbilder und Tempel auf, wo es gut war. Später setzte man die Kreuze, Kapellen, Kirchen und Abteien darauf.

Deshalb – es hat nichts mit Religion zu tun, wenn du keine hast. Es ist Ergebnis einer schlichten Wahrnehmung in der Natur:
Es gibt auf der Welt schlechte und zum Glück auch gute Plätze.
Finde einen guten Platz in der Welt, dann hast du Macht über dich.

Macht. Ein zentrales Wort. Jeder Kult will eine Konzentration der Macht. Das war mir schon klar. Warum sollte es bei den Wikka anders sein? Die mir vorliegende Notiz durch den „Wikka“-Kult bestätigte meinen Gedanken.

Ich nahm ein anderes Blatt und mein Blick blieb an der folgenden Textstelle hängen:

Sprachliche Kompetenz bedeutet, dass ein Mensch in der Lage ist, zwischen verschiedenen Sprachebenen zu wählen. Viele Menschen in unserer Gesellschaft sind nur sicher in ihrem Soziolekt und haben enorme Schwierigkeiten mit der differenzierteren Hochsprache. Da Sprache das Denken strukturiert, ist das nicht nur ein verbales Problem, – solche Menschen tun sich generell schwer damit, abstrakte Sachverhalte zu verstehen.

War das eine Wikka-Analyse? Ich verstand es nicht. Mir erschien das Ganze eher wie eine Beschreibung eigener Eindrücke. Beim Weiterblättern stieß ich auf ein weiteres Blatt mit einer markierten Stelle:

Das ist keine Kraft, mit der Menschen sich messen dürfen.
Bemessen, du hast recht, das können wir. Im Messen ist der Mensch allen Dingen der Welt überlegen. Ob es Sinn hat oder nicht, der Mensch misst. Dazu hat er die gewaltige Mathematik.
Man kann sie anbeten. In ihren oberen Regionen scheint sie sich im Göttlichen zu verlieren.
Doch die Anbetung der niedrigen Regionen der Mathematik ist Götzendienst: Statistik, zum Beispiel, was kann man für einen Schindluder mit ihr treiben. Ach, und die simpelste Mathematik beten wir Computernutzer an. Sie beruht nur auf eins und null.

Ich wurde unruhig. Irgendetwas hatte ich hier vor mir, aber es war nicht das, was Jürgen meinte, mir gegeben zu haben. Schnell blätterte ich weiter und fand wieder eine markierte Stelle:

Goethe dachte sich die Erde als Organismus. Ich dachte sofort an eine Landschaft wie das Hohe Venn, als ich seine Erklärung für die Hochs und Tiefs in der Atmosphäre las. Ich habe es nicht wörtlich präsent, doch es geht etwa so: Goethe sagt, wenn der Organismus Erde ausatmet, verneint er das Wasser. Das ist das Hoch. Dann wieder ist die Erde wasserbejahend, sie atmet ein, wir bekommen ein Wettertief.

Das Hohe Venn? Das Hohe Venn, wo liegt das nochmal?
Ich fühlte plötzlich Stress in mir aufsteigen. Adrenalin. Was hatte ich hier vor mir? Wikka-Kult? Oder etwas, was …Der Gedanke erschreckte mich.
Im Hintergrund hörte ich Jürgen hektisch telefonieren. Er war beschäftigt.
Ich blätterte schnell weiter und fand eine blau markierte Stelle:

„Jünger der schwarzen Kunst“

Schwarze Magie? Handelten die Blätter über den Umgang mit schwarzer Magie? „Schwarze Kunst“?
Meine Augen blieben an einem Bonmont hängen.

“das Glück ist eine kurze Decke, die mal hierhin, mal dahin gezogen wird. Wer freiliegt unter dem gnadenlosen Himmel, hat eben Pech. Schamanen und Druiden werden gerufen. Sie sollen die Götter beschwören, damit sie Wasser schicken oder die Fluten hemmen. Doch ich höre sie gar nicht. Sie können ihren Mummenschanz ruhig treiben, es ist mir egal. Ich mache es gerade, wie ich lustig bin.“

Also doch. Wikka.
Ich nahm mir das nächste Blatt vor.

Das Nikolaushaus ist eine Endlosfigur. Solche Figuren haben magische Kräfte. Das jedenfalls glaubten die Alten. Die berühmteste Endlosfigur ist das Pentalpha, auch Drudenfuß oder Pentagramm genannt. Dieser Fünfstern hat einige Namen, denn er war in vielen Kulturen verbreitet. Er ist ein Glückssymbol. Stellst du das Pentagramm allerdings auf den Kopf, ist es schwarzmagisch.
Man kann das Pentagramm übrigens wie ein Kreuz schlagen. Vermutlich ist auch das sich bekreuzigen daher entlehnt.
Traust du dich, das Pentagramm zu schlagen? Oder denkst du, du bist eine Heidin, wenn du das tust? Ich kann dich beruhigen, das Pentagramm ist auch bei frühen Christen auf Amuletten gefunden worden. So ist es allenfalls Aberglaube, wenn du das Pentagramm schlägst, nicht heidnisch. Du darfst es jedoch nicht verkehrt herum schlagen, sonst fliegen uns die bösen Geister um die Ohren.
Bist du bereit? Nimm deine rechte Hand und führe sie zum Herzen. Dort beginnst du:
Vom Herzen zur Stirn,
zur rechten Brust,
zur linken Schulter,
zur rechten Schulter,
zurück zum Herzen.
Siehst du, es ist eine Endlosfigur. Du hast sie im Raum vollzogen, hast mit der Hand dein Herz und deinen Kopf verbündet.
Als zweidimensionale Zeichenspur hat das Pentagramm die gleiche Bedeutung.
Das Nikolaushaus hat große Ähnlichkeit mit dem Pentagramm. Doch es ist schwieriger zu zeichnen, denn es gelingt nur auf eine bestimmte Weise. Es ist die verspielte Variante. Man braucht den Kopf, die Hand und ein bisschen Glück, damit sie gelingt. Eigentlich braucht man jedoch nur eine Regel zu kennen.

Was zur Hölle hatte ich hier? Das war keine Religions- oder Kultbeschreibung. Das war was anderes. Was total anderes.
Das nächste Blatt, die nächste Markierung:

Ich stieg eine Allee zwischen hohen Hausreihen hinauf. Ganz oben am Schluss der Allee wusste ich eine große neugotische Kirche, in der ich schon gewesen war. Dort fand ich jedoch nur noch einen glatt asphaltierten Platz. Die Kirche war spurlos verschwunden. Nur an einer Stelle war ein Streifen zu sehen, wo vielleicht eine Mauer gelastet hatte. Der Platz, nun der Kirche ledig, schien mir jetzt viel kleiner als zuvor. Wo aber war die Kirche abgeblieben? Da kam niemand, den ich fragen konnte.

Literaturschnipsel waren das und keine wissenschaftliche Analyse. Das war mir klar. Aber was war es genau? Prosa? Autobiographie? Hatte ich hier einen Schlüssel? Wenn ja zu welchem Schloss?

Jürgen kam zurück.

„Es tut mir leid. Ich muss dich verabschieden. Meine Frau braucht mich im Geschäft?“
„Geschäft?“
„Ja, sie hat eine Bäckerei und dort gibt es momentan Probleme mit einem Ofen.“

Er schaute auf die Mappe in meinen Händen.

„Und alles gelesen?“
„Ich möchte eine Kopie davon. Von der ganzen Mappe. Das sind aber nicht alles Papiere über Wikka, oder?“
„Nein. Ich schätze nur das abgeheftete handelt von der Wikka. Die losen Blätter hat sie eingelegt, weil sie meinte, sie passen dazu.“
„Was sind das für Texte?“
„Sie hatte mal Seiten ausgedruckt. Irgendwelche Erlebnisberichte. Die sind jetzt im Netz verschwunden. Liest sich sehr interessant. Ebenfalls kopieren?“
„Ja, das wäre nicht schlecht.“

Ich übergab ihm die Mappe und reichte meine Visitenkarte. Er warf einen Blick auf die Karte.

„So jetzt muss ich dich leider rauswerfen. Wir bleiben in Kontakt.“

Rostiges Schloss Er begleitete mich zur Tür. Wir schüttelten unsere Hände und ich trat auf die Straße. Er winkte mir noch kurz zu. Während ich mich anschickte, die Straße herunter zu gehen, fiel ihm ein Blatt aus der Mappe. Er bückte sich und hob es auf. Es schien das Titelblatt zu sein.

„Ich sollte diese Papiere des PentAgrion endlich mal abheften, nicht wahr“, rief er mir noch zu. Er warf mir noch ein freundliches Abschiedslächeln zu, bevor die Haustüre schloss. Wie erstarrt stand ich auf der menschenleeren Straße. Wie Loths Frau einer Salzsäule gleich.

Was hatte er gesagt?
Wie bitte?
Was?

(Fortsetzung hier)

Der Tag, an dem ich Asterix überfuhr

Was vorher geschah: Prolog, Teil 1, Teil 2, Teil 3, Teil 4, Teil 5, Teil 6

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Mühsam wälzte ich mich aus der Hotelbettwäsche. Der Wecker fiepte unerbittlich.
7:30 Uhr.
Die Zeit für den ausgeschlafenen Angestellten.
Guten Morgen, Arbeit.
Zuerst jedoch eine freundliche Dusche. Aufwachen findet bei mir unter fließendem Wasser statt.

Ich hatte krude Träume gehabt. Normalerweise erinnere ich mich nicht an solche. Aber diesmal hingen mir einige Traumfetzen wie Gemälde in meiner Erinnerung nach. In einer Straße lief ich auf und ab. Papier umwehte mich. Bedrucktes Papier. Ich hatte versucht ein Papier zu ergreifen, aber es rutschte mir immer wieder aus meinen Händen. Auf einem konnte ich ein Pentagramm erkennen, auf einem meinte ich, das Wort „PentAgrion“ zu lesen. Auf wieder einem anderen las ich das Wort „Vanderford“. Ich hatte es versucht mit einem Kugelschreiber zu korrigieren, aber der Kugelschreiber in meiner Hand war ohne Miene und mein Versuch das Wort in „van de Voorde“ zu ändern, führte dazu, dass ich das Blatt zerstörte. Weitere Blätter umwehten mich und bildeten mit ihren Seiten ein Fünfeck. Letztendlich wachte ich auf. Und die Dusche war für mich die Gelegenheit mich von diesen wirren Traumbildern frei zu waschen.

Kaum war ich aus der Dusche raus, als das Handy läutete.

„Hör mal, nicht mehr Königswinter. Ich habe gerade einen Anruf erhalten, der kann nicht. Du musst nach Koblenz.“
„Koblenz?“
„Koblenz. Liegt auf dem Weg, etwas weiter als Königswinter.“
„Dahinter?“
„Ich glaub schon. Mietwagenschäden?“
„Null.“
„Sonst alles klar?“

Natürlich war alles klar. Ich notierte mir die neue Adresse, warf mich in Schlips und Kragen, und nahm die Jacke locker über den Arm gehängt mit. An der Hotel-Rezeption war der Schlüssel von der Mietwagenfirma bereits hinterlegt. Das Fahrzeug parkte direkt vor dem Hoteleingang. Minuten später gab mir das GPS-Gerät die Richtungsbefehle. Zwischenzeitlich hielt ich an einer Bäckerei und ließ mir zwei Croissants und Cafe-to-go aushändigen. Der Kaffeebecher passte wunderbar in dem Becherhalter. Nicht so gut war allerdings, dass kurz drauf mein Vordermann so hart in die Eisen stieg, dass auch mein Kaffee aus dem Becher schwappte und sich die der Kaffee über die Mittelkonsole verteilte. Der einzige Vorteil, dem ich dieser Sache abgewinnen konnte, war darauf der frische Kaffeeduft im ganzen Fahrzeug.

Knapp zwei Stunden und einem Raststättenaufenthalt später hatte ich Koblenz erreicht. Allerdings wurde mir dann an der Adresse mitgeteilt, dass man mich nun doch nicht erwarten würde, weil mein Kontaktpartner dringend fort musste. Kurz danach klingelte mein Handy.

„Hi, ich wollte dir nur Bescheid geben, der Termin in Koblenz hat sich erledigt. Mach dir einen schönen freien Tag. Mach dir nen Tag in einem Wellness-Club. Und dein Abendessen übernehme ich auch, okay?“
„Klar, Chef, mach ich.“
„Aber keine Schäden mit dem Mietwagen. Sonst übernehme ich nichts!“
„Verstanden, Chef, geht in Ordnung.“

Manche Chefs sind selbst in Krisenzeiten recht sympathisch, wenn sie den passenden Ton finden. Zumindest das beherrschte mein Chef. Wellness-Club?
Mal sehen, was mir Google dazu auf meinem Handy erzählen kann. So beschloss ich, auf eine Autobahn nach Köln zu verzichten und entspannt nahm die Bundesstraße B9 am Rhein entlang.

Seher.jpg Ich fuhr an einem Bundesstraßenrastplatz raus. Der Rhein lag unterhalb des Rastplatzes. Ich ging um mein Mietfahrzeug herum und sah, dass ich Asterix überfahren hatte oder vielmehr den Band „Asterix – Der Seher“. Mein rechtes Vorderrad hatte das Heft perfekt überrollt. Mit spitzen Fingern schaute ich nach, was von meinem Opfer noch zu retten war. Da war allerdings nichts mehr zu machen. Asterix‘ Seher lag schon länger auf dem nassen Asphalt. Die Seiten klebten aneinander. Ich überließ das Opfer dem natürlichen, zellulosen Verwesungsprozess.
R.I.P., Asterix und sorry dir auf dieser Weise zu deinem 50sten zu gratulieren. Aber auf dem Asphalt herrschen die Regeln des automobilen Gummis. Das ist nun mal halt so.

Ich ging an der Begrenzungsmauer entlang, bis ich zu einer Treppe kam, die zum Rheinufer führte. Rechts und links der Treppe lag Zivilisationsmüll. Ein halber Staubsauger, Zeitungen mit den Nachrichten von Vorvorgestern, Trinkflaschen, Papiertaschentüchern und noch andere Dinge, die von Menschen einfach entsorgt wurden. Aus den Augen, aus den Sinn und ab in die Rheinuferböschung. Beinahe direkt an der Wasserlinie erblickte ich eine Matraze. Ideales Strandgut der Kölner Rheinuferterassen, wenn der Rhein in nächster Zeit wieder Hochwasser führen sollte.

Ich hockte mich ans Ufer und schaute auf den Rhein, wie er in aller Ruhe sich in seinem Bett wälzte.
Ruhe. Keine Hektik
Als kleiner Knirps war ich einmal mit meinen Eltern bei Xanten am Rhein. Und mein Vater hatte mich mit meinem Bruder genau dann fotografiert gehabt, wenn sich ein sehr großer Lastkahn flussauf- oder flussabwärts kämpfte. Später hatte ich erfahren, dass diese Kulisse „Familienbild mit Schleppkahn auf Rhein“ zum Standardfotoprogramm vieler Familien gehörte.

Rheinschifffahrt
Einmal am Rhein und schon kommen die Erinnerungen wieder hoch: wie ich mit meinem Bruder breit lächelnd, brav gescheitelt, bildgerecht gekämmt in unseren damaligen Schlaghosen in Positur standen und hinter uns sich die Schiffe den Rhein lang kämpften …

Die Erinnerungen von damals waren in mir wieder lebendig geworden. Das Lachen mit meinem Vater, die Besorgnisse meiner Mutter, die Nickeligkeiten mit meinem Bruder, alles war wieder vor meinen Augen lebendig geworden.

Verträumt griff ich in meine Jackentasche. Meine Hand stieß auf Papier. Irritiert holte ich das Papier hervor und schaute es an. Es war das Faltblatt von gestern Abend. Unwillig drehte ich es hin und her. Mein Blick fiel auf die Rückseite, wo sich ein Pentagramm befand. Dort entdeckte ich in feinen Buchstaben ein „V.i.S.d.P.“ und den Ortsnamen „Remagen“.

Remagen.
Lag das nicht auf meiner Strecke der B9?
Remagen. Wieso nicht? Die Einladung von gestern Abend stand doch wohl noch.
Ich stand auf und ging die wilde Müllkippenstraße zum Fahrtzeug zurück.

(Fortsetzung hier)

Pech und Pentakel

Was vorher geschah: Prolog, Teil 1, Teil 2, Teil 3, Teil 4, Teil 5

***

Dass ich nicht rheinabwärts nach Düsseldorf fuhr – wie von meinem Chef vorgesehen – sondern rheinaufwärts nach Remagen, das hatte einen besonderen Grund.

„Ich habe gerade den Anruf erhalten, dass Sie nicht in Düsseldorf sondern in Königswinter gebraucht werden.“
„Königswinter. Jawohl. Nicht davor und nicht dahinter. Wird gemacht, Chef. Irgendwelche Ratschläge oder Anweisungen?“
„Ja. Keine Schäden mit dem Mietwagen verursachen.“
„Wird gemacht, Chef.“

So ändern sich Pläne ganz spontan. Und als heutige Arbeitskraft ist man stets flexibel. Und wenn der Chef will, fahr ich auch nach Königswinter. In meiner Reiseplanung war eh der Wurm drin. Hindernisse pflasterten meinen Weg:

Es begann schon in München. Im strammen Dauerlauf von der verspäteten S-Bahn erreichte ich in letzter Minute den Check-In, um dann zu erfahren, dass mein Flieger vom Flugplan gestrichen worden war. Ich erhielt einen jener „Tut-uns-Leid“-Gutscheine im Gegenwert von Bockwurst mit Kartoffelsalat und einen Mittelplatz in der Maschine für den späten Nachmittag. Das Einsteigen im Flieger verlief noch problemlos. Nur als dann alle saßen, gab es ein „klitzekleines technisches Problem“. „Klitzeklein“ ließ sich zeitlich erfassen. Mit 40 Minuten Verspätung hob unser Flieger ab.

Am Kölner Flughafen erwartete mich dann die nächste Freude. Ja, ein Mietfahrzeug wäre gebucht. Nur, momentan sei keines in meiner Mietklasse verfügbar. Das wäre kein Problem, ich nähme auch ein Mietfahrzeug höherer Klasse, war meine Antwort. Aber dann gab es den Klassiker: „Ein Upgrade in einer höheren Klasse ist leider nicht machbar.“ Schön. Das weitere Gespräch enthielt nicht wirklich etwas, was der Nachwelt als Zitierbares erhalten bleiben sollte.
Ich hinterließ meine Handy-Nummer und mir war klar, wenn ich Mercedes fahren will, dann nehme ich mir ein Taxi.

So stand ich also nach der Taxi-Fahrt vor meinem Hotel in dem festen Glauben den Namen „Stijn van de Voorde“ gehört zu haben, als mein Handy klingelte. Ein freundlicher Herr am anderen Ende erklärte mir, dass mir ein Mietfahrzeug zu ermäßigten Sonderkonditionen zum Hotel zugestellt würde.

Später am Abend saß ich dann in dem Restaurant „Rodizio-Pantanal“ am Kölner Mediapark. Alleine. Mein Gastgeber rief mich an, er sei durch einen Termin verhindert. Er käme später. Ich solle schon mal ohne ihn anfangen. Überraschen konnte mich sowieso nichts mehr. Alles schien ja an mir vorbei zu laufen. Sollte ich an diesem Abend als einziger mit Lebensmittelvergiftung aus dem Restaurant rausgetragen werden – so redete ich mir ein –, es würde mich nicht sonderlich überraschen. Bei diesem Lauf, den ich an dem Tag hatte, wäre das voll normal.

Der weitere Abend verlief ohne besondere Vorkommnisse. Außer vielleicht dem, dass ich nach einer halben Stunde das untrügliche Verlangen verspürte, dem Kellner das Zeichen zu geben, dass ich beim „All you can eat“-Fleischspieß-Essen nicht mehr teilnehmen konnte, auch wenn ich gerne weiter gemacht hätte. Aber irgendwann ist jeder Magen vollkommen gefüllt.
Und „natürlich“, dass mein Gastgeber sich entschuldigte, er könne nicht mehr kommen seiner Frau wegen.
Perfekt.

Ich ließ mir die Rechnung geben, zahlte und ging in den sozialen Bereich des Restaurants, einen vom Restaurant abgetrennten Bereich mit separatem Eingang. Ich ließ mich auf einem Barhocker am Tresen nieder. Der Kellner polierte geschäftig einige Gläser und nahm nebenbei meine Bestellung einer Guarana auf.

Es war nicht viel los am Tresen. Außer mir saßen noch drei andere Personen auf ihren Hocker. Alle waren wohl zuvor aus dem Restaurant und wie ich vollstens gesättigt.

Vor mir saß eine Frau, den Rücken mir zugewandt. Ein hübscher Rücken. Sie unterhielt sich mit einem anderen Gast. Nach dem Dialekt zu urteilen, war er ein Kölner. Ich schätzte ihn auf Ende 50, Anfang 60. Kurze Haare, dunkelgrau wie sein Oberlippenbart, normal gekleidet, mit deutlicher Bauchauswölbung. Die Frau vor ihm war deutlich jünger. Sie war definitiv keine Deutsche, dafür wies ihre Stimme den deutschuntypischen Klang auf. Offensichtlich war sie Brasilianerin. Sie drehte sich kurz, um zu sehen, wer sich hinter ihren Rücken gesetzt hatte und musterte mich. Weiche Gesichtszüge, ein Grübchen auf der linken Wange. Ihre hohe Stirn wurde von ihren Haaren umrahmt und ließ meine Augen tiefer gleiten. Ihre Augenbrauen waren gezupft, ihre Wimpern sauber sorgfältig moduliert, ihre Augen ließen mich innerlich nach Atem schnappen. Sie leuchteten in einem bezaubernden Hellgrün, wie es bei Brasilianerinnen aus dem mittleren Nordosten immer wieder vorkommt. Die Nase klein und fein ließ meinen Blick auf ihre Lippen rutschen. Blassrosa waren diese nachgezogen und dahinter leuchteten in einem makellosen Weiss ihre Zähne. Ich schätzte sie auf Ende 20 Anfang 30. Als sie sich von mir wieder abwendete, setzte ich meine Musterung ihres Profils fort. Ihr gelocktes kastanienfarbenes Haar fiel auf ihre hellbraunen Schultern. Sie besaß schöne schmale Schultern, einen festen kleinen Busen, schlanke Taille, schmale Hüften und einen runden sexy Po. Das trägerlose, blassgrüne Kleid gab ihre lange leicht muskulösen, glatten Beine preis. Ihre bloßen Arme waren venushaft schön mit zierlich kräftigen Händen.

Meine Blicke fielen erneut auf ihre Schultern. Von ihren Haaren leicht verdeckt auf ihrer rechten Schulter schaute ein kunstvoll verziertes Pentagramm hervor. Meine Blicke verfolgten die schwarzblauen Linien. Alle fünf Linien waren sauber ohne Übergang miteinander verbunden. Eine unendliche Strecke, ohne Anfang ohne Ende. Eine Spitze deutete auf ihren Kopf, während sich die unteren beiden Spitzen auf ihrem Schulterblatt abzustützen schienen.

Es war vielleicht nur eine kurze Zeit vergangen, in denen ich das Pentagramm angestarrt haben musste, das Zeichen hatte mich in seinen Bann geschlagen. Denn als die Frau sich erneut umdrehte und mich aus ihren zu Schlitzen verengten grünen Augen anblitzte, zuckte ich zusammen, als ob ich schon seit Stunden über jenes Pentagramm meditiert hätte.

„Was starren Sie mich an? Bin ich nur ein Objekt, das man einfach so anstarren darf?“

Ihre Sätze hatte sie mir furios scharf entgegengeschleudert. Ich fühlte mich ertappt wie ein Schuljunge beim Abschreiben. Aus mir kam nur ein Stottern.

„Was? Was ist? Könne Sie nicht vernünftig sprechen?“

Mir versagte die Stimme. Ihr Gesicht war ebenartig, ein Traum. Mir fehlten jegliche Worte. Sie blitzt mich erneut aus ihren Augen an, griff ihr Handtäschchen und ging Richtung Toilette.
Der Mann lächelte.

„Woll, die ist ne Wucht, nich?

Ich nickte.

„Meine Frau. Wir sind jetzt schon zehn Jahre verheiratet. Das Beste, was mir in meinem Leben passierte.“

Wir kamen ins Gespräch, während seine Frau auf dem Klo verweilte. Er hieß Jürgen und lebte mit seiner Frau südlich von Bonn, in der Stadt Remagen. Kölner war er nicht, aber er verstand es, den Dialekt zu imitieren. Wie er mir erzählte, lernte er seine Frau auf einem vierwöchigen Brasilienurlaub kennen und lieben, als er 54 Jahre war. Sie war damals 24. Wegen der Beziehung hätte er viele seiner Freunde verloren. Denn viele fanden nicht nur den Altersunterschied zu hoch, sondern verstanden auch nicht, dass er sich nicht eine deutsche Frau suchte, sondern eine Exotin. Viele hätten schon versucht, einen Keil zwischen ihn und seine Frau zu treiben, weil sie beide beneideten. Leider würden beide immer wieder solche Neider treffen. Er selbst sei schon deswegen häufig angefeindet worden, insbesondere weil er nicht die Figur eines Adonis habe.
Und dann gäbe es noch die, die meinen, die beiden wären doch nur wegen des Sex zusammen. Würden die beiden das aber bejahen, dann sei es solchen Leuten auch wieder nicht recht.
Die Toleranz der Leute sei zum Lachen und Heulen gleichzeitig.

Beide seien eine Einheit und wer das nicht akzeptieren würde, der sei unwillkommen. Diese Offenheit ließ meine Verlegenheit wachsen. Schließlich gestand ich ihm, dass mich das Pentagramm auf ihren Schultern verwirrt hatte.

„Ja, ja, das Pentagramm.“

Er lachte. Und er erzählte, wie oft schon dieses Pentagramm schon Anlass von Animositäten, Diskriminierungen und Streitereien geworden war. Insbesonders in Rheinland würden beide immer wieder auf erzkonservative Katholiken treffen, die offensichtlich damit ein Problem zu haben scheinen. Was hätte seine Frau nicht schon für Probleme bekommen, nur wegen des Pentagramms.

„Was bedeutet es denn bei Ihrer Frau?“, fragte ich vorsichtig.
„Wikka.“
„Was? Wicker?“
„Nein, Wikka geschrieben mit zwei ‚k‘ und am Ende ein ‚a‘.“
„Was ist das?“
„Eine religiöse Bewegung.“
„Eine Sekte?“
„Wie man will. Aber diese Bewegung hält sich nicht durch äußere Bande wie Aufpasser und Geldeintreiber zusammen.“
„Sondern?“
„Der innere Glaube. Die Einstellung.“
„Welche? Woher kommt diese Bewegung?“
„Es gibt sie überall. Sie ist global. Auch in Deutschland. Aber es gibt verschiedene spirituelle Ausrichtungen. In Brasilien schließen deren Anhänger aber die Existenz des christlichen Gottes nicht aus. Beiden gemein ist aber ein starker feministischer Zweig. Es ist zumindest keine patriarchalische Bewegung.“

Er erzählte mir, dass diese Bewegung sicherlich seltsam anmute. Insbesondere für Brasilien erscheint diese ungewöhnlich, weil sie auch keltische Elemente verwenden würde. Zudem verwirre der Begriff, weil im Portugiesischen kaum Wörter mit ‚k‘ existieren und erst recht nicht Doppel-‚k‘.
Und das Pentagramm? Es diene einerseits als Erkennungszeichen der Wikkana und symbolisiere Erde, Luft, Feuer, Wasser und Geist, das Zeichen für Unendlichkeit, Ewigkeit und andererseits vermittele es auch Schutz und positive Energie.

In dem Moment schob sich mir ein Faltblatt ins Gesichtsfeld.

„Lies das hier. Da steht alles über uns Wikkana.“

Sie war von der Toilette zurückgekehrt und offenbar hatte eine Zeit lang unser Gespräch zugehört. Ich ergriff das Faltblatt und klappte es auf. Es war eng beschrieben, immer wieder unterbrochen von Pentakeln und Fünfecken.

„Schatz, gehen wir?“

Jürgen nickte, zahlte und beide verabschiedeten sich von mir.

„Und sollten Sie mal nach Remagen kommen, dann besuchen Sie uns. Unsere Adresse finden Sie auf der Rückseite.“

Die Einladung kam einerseits für mich überraschend, andererseits ist das aber nichts Ungewöhnliches bei deutsch-brasilianischen Ehepaaren. Beide verließen das Lokal.

Ich schaute mich in dem Kneipenbereich um. Es war leer geworden, ich war der Einzige dort. Der Restaurantbereich hatte sich auch schon stark geleert. Das Faltblatt steckte ich ungelesen in meine Jackentasche. Ich war müde und entschloss ich mich, ebenfalls zu zahlen und zu gehen.
Der Abend endete versöhnlich. Keine weiteren Katastrophen waren auf meiner Reise zu verzeichnen. Selbst die Taxifahrt zum Hotel verlief unspektakulär.
An der Hotelbar nahm ich mir noch ein Schlummertrunk, ein „Kölsch“, mit hoch und stellte es auf das Nachtschränkchen.

Das letzte, woran ich mich noch erinnerte, war, dass ich mich aufs Bett legte, mit der Fernbedienung den Fernseher angestellt hatte und den Abspann von „Beckmann“ studierte.
Ich fiel in einen unruhigen Schlaf.

(Fortsetzung hier)

Kopflos in Düsseldorf und kopflastig in Remagen

Was vorher geschah: Prolog, Teil 1, Teil 2, Teil 3, Teil 4

Remagens Appolinariskirche

Der Moment der Ruhephase gleicht einem Waffenstillstand. Alles um einen herum wird ausgeblendet. Es existiert nur noch das „ich“ und das, was das „ich“ erlaubt. In deutschen Kirchen lässt sich eine Vermischung aus dem Imaginären, Symbolischen und Realen studieren.

Mächtig schaut er ja schon aus, so wie er mich da aus der Kuppel grüßt. Mit seinem Buch in der Hand. Gut. Ihn jetzt mal kleiner darzustellen, das hätte sich der Maler wohl nicht getraut. Wenn er schon mächtig sein soll, dann muss auch seine Darstellung in dieser Weise realisiert werden.

Goldener Hintergrund und schon ist eine beeindruckende Kuppelmalerei erzeugt. Trotzdem sollte man nicht gänzlich kopflos zur Kuppel gehen, denn davor lauert die Krypta. Und da liegt der Kopf von dem, dessen Rest in Düsseldorf liegt.

Nun, der zuletzt genannten Version entgegen steht handfester Protest rheinischer Würdenträger. So fuhr ein gewisser Rainald von Dassel – seines Zeichens Erzbischof von Köln und Erzkanzler Italiens ernannt durch Kaiser Friedrich I. Barbarossa – im Jahre 1162 rheinabwärts. Auf seinem Schiff hatte er außer drei Königen auch noch eine Ladung Beute aus Ravenna dabei. Erst hieß es ja, jene Beute wäre am 23. Juli in Remagen vom Schiff gelöscht und am gleichen Tag etwas später auch noch die drei Könige in Köln. Rein logistisch gesehen ist das für jene Zeit mehr als nur eine absolute Meisterleistung. Der Erzbischof will beim Löschen in Remagen außer einer Prozession noch einen Gottesdienst abgehalten haben. Eine oberirdische Leistung für jene Zeit. Drum wurde dann auch die Entladung der Drei Könige auf den 24. Juli korrigiert.

Nebenbei: Rainald von Dassel kann wohl als einen ausgesprochenen pathologischen Fall eines Diebes bezeichnet werden: Außer den Gebeinen des „Apollinaris “ und der „Drei Könige“ hatte er auch noch die von den als Heilige verehrte „Gervasius“ und „Protasius“ geraubt und diese beiden letzteren Raubgüter in Breisach am Rhein abgeladen. „Gervasius“ und „Protasius“ waren vor dem Diebstahl die Schutzheilige der Stadt Mailands. Nach deren Raub wurden sie es auch noch von Breisach.
Ironie des Schicksals: Außer gegen Harn- und Blutfluss sollen „Gervasius“ und „Protasius“ auch gegen Diebstahl schützen. Dass sie nach deren Raub nicht fristlos von deren Aufgabe enthoben wurden, mag auf dem ersten Blick verwundern. Dieses ist aber ein Phänomen, welches sich schon vom frühen Mittelalter bis in unsere Tage erhalten hat. Top-Manager können nun einmal soviel in ihren Aufgabenbereiche versagen, wie sie wollen, sie werden nie wirklich arbeitslos. Eine schöne Tradition.

Die Vermischung aus dem Imaginären, Symbolischen und Realen fasziniert nicht nur heute. Daher haben die Gebeine von Heiligen auch so eine große Bedeutung im Christentum der Katholiken. „Apollinaris“ ist ja auch so ein Fall. Als Gestorbener wurde er zum Patron von Ravenna befördert, erhielt dann noch die Stadt Remagen und letztendlich Düsseldorf-Stadt zu seinem Aufgaben im Kampfe gegen Gallen- und Nierensteine, Gicht, Geschlechtskrankheiten und Epilepsie.

Düsseldorf? Richtig. D-Dorf-Stadt. Die wollten auch etwas Bedeutsames in ihrer Stadt. Drum nahm Herzog Wilhelm I. von Jülich an einer Wallfahrt im Jahre 1383 nach Remagen teil und brachte ein Souvenir seiner Wallfahrt mit: die Gebeine vom Heiligen „Apollinaris“ hübsch verpackt. Als er dann alles an D-Dorf-Stadt weiter verschenkte, stellten die Beschenkten beim Öffnen entsetzt fest, dass die Remagener alles bis auf den Kopf eingepackt hatten. Düsseldorf hatte somit plötzlich einen Kopflosen mehr. Um dem entgegen zu wirken, wurde Düsseldorf zur Landeshauptstadt von Nord-Rhein-Westfalen ernannt. Das Motiv war Hoffnung. Des Düsseldorfers Kopflosigkeit sollte mit politischem Intellekt entgegnet werden. Aber inzwischen weiß man, dass auch hier der berühmte Lehrsatz „Gleich zu gleich gesellt sich gern“ gilt.
Remagen dagegen hatte somit seinen ersten Kopf, gut behütet in einem Sarkophag. Anfang des 20. Jahrhunderts erhielt Remagen noch einen zweiten Kopf auf Drängen der deutschen Generalität: einen Brückenkopf. Zusammen mit dem anderen Brückenkopf auf der anderen Rheinseite wurde eine Brücke über den Rhein gespannt. 27 Jahre fand die deutsche Generalität diese Idee aber nun doch nicht mehr so gut und zerstörte die Brücke.

Somit hat Remagen heutzutage zwei Pilgerorte: den Brückenkopf von Remagen und den Kopf des „Apollinaris“. Letzterer soll gegen Kopfprobleme helfen, der andere gegen eine leere Stadtkasse. Gesichert ist die touristische Wirkung des Brückenkopfes auf die Stadtkasse, beim „Apollinaris“ bleibt der Glaube.

„Nicht wahr, eine beeindruckende Malerei?“

Jene Frau war mir bereits beim Betreten der Kirche aufgefallen. Nicht etwa, weil sie der einzige Mensch in den Kirchenbänken der Apollinaris-Kirche war, sondern weil sie die Akustik der Kirche nutzte, ein Kirchenlied zu summen.
Ich blickte mich nochmals versichernd in dem Kirchenraum um. Überall waren die Wände mit ausdrucksvollen Farbgemälden überzogen.

„Es scheint, dass die Kirchenfürsten sich hier vor einem ‚Horror Vacui‘ der Wände fürchteten.“
„Horror vacui?“
„Die Angst, dass eine Wand noch weiße unbemalte Flecken aufweist.“
„Ja, die Angst ist nie ohne Objekt. Manchmal reicht ein Objekt klein a, um große Dinge zu erzeugen.“
„’Ein Objekt klein a‘?“
„Eine Schneekugel beispielsweise.“
„Eine Schneekugel?“
„Rosebud.“
„Ach so, sie beziehen sich auf Orson Welles Film ‚Citizen Kane‘.“
„Ein kleines unbedeutendes Wort hat einen großartigen Film erzeugt. Ein Objekt klein a. Die Schnittmenge aus dem Imaginären, dem Symbolischen und dem Realen.“

Ich schaute mich um.

„Wie die Gemälde hier.“
„Wissen Sie, der Appolinaris hier, der wurde durch die Gier seiner Räuber zu einem Kephalophor gemacht.“
„Sie meinen einen ‚Kopfträger‘? Soweit ich weiß, wurde der aber nie enthauptet.“
„Nun ein Kephalophor zeichnet sich letztendlich dadurch aus, dass der Enthauptete mit dem Kopf vor dem Körper zu seiner Grabstätte geht.“
„Hört sich ein wenig nach dem ‚Gespenst von Canterville‘ an.“

In meinen Gedanken fiel mir noch Störtebecker ein. Der hatte es aber einfacher, denn der rannte unbelastet ohne seinen Kopf an 11 seiner Piraten-Kameraden vorbei, bis er vom Henker klassisch weggegrätscht wurde. Und da ist noch die Geschichte des Raubritters Dietrich von Hohenfels. Der wurde zusammen mit seinen Söhnen anderthalb Jahrhunderte zuvor Ende des 13. Jahrhunderts wegen seiner Räubereien ebenfalls zum Tode verurteilt. Wie Störtebecker nach ihm rannte der Raubritter kopfbefreit an seinen Söhnen vorbei, um ihnen das gleiche Schicksal zu ersparen. Er brachte es auf alle seiner neun Söhne, womit also dem Störtebecker eindeutig der Eintrag im Guiness-Buch der Rekorde in der Disziplin „kopfloses Jogging“ gehört. Was aber den Fairness-Preis anbetrifft, so muss dieser dem Henker vom Raubritter Dietrich von Hohenfels zuerkannt werden. Dem Henker Störtebeckers gebührt nachträglich nur eine lebenslange Sperre, ein Berufsverbot, wegen Unfairness am Gegner.

„Die Patrone der Stadt Zürich, Felix und Regula, sind Kephalophoren. Als sie enthauptet wurden, sind beide schnurstracks den Kopf unterm Arm noch den Bergen hochgerannt, um den Enthauptern den letzten Wunsch nach deren Begräbnisstätte zu zeigen.“
„Geköpft den Berg hoch? Wie soll das gehen?“
„Auch der heilige Dionysius soll nach seiner Enthauptung seinen Kopf aufgenommen haben und dann mit dem Kopf unterm Arm sieben Meilen marschiert sein, eben bis zu jener Stelle, wo er begraben sein wollte. Das war in Paris. Der fränkische König Dagobert I. 623/624 baute dann dort die Benediktinerabtei Saint-Denis, wo sich später 25 Könige, 10 Königinnen und 84 Adlige beisetzen ließen.“
„Ich schätze mal, als der heilige Dionysius seinen Grabstätte erreicht hatte, führte er vor Freude mit seinem Kopf einen fußballerischen Torwart-Abschlag durch. Und dort, wo der Kopf aufschlug, da befindet sich heute der Anstoßpunkt des Stadions Saint-Denis.“

Sie überhörte meine Bemerkung geflissentlich.

„Kephalophoren tauchen historisch zwischen dem 8. und 17. Jahrhundert vornehmlich bei den Christen und im Gebiet links des Rheins und in Oberitalien auf. Apollinaris ist zwar nicht wirklich ein Kephalophor, aber er hilft ja wie alle anderen Kephalophoren bei Kopfschmerzen.“
„Ich finde die Geschichte interessant, wie die Apollinaris-Reliquien nach Remagen kamen.“
„Sie kennen die Geschichte des Überbringers Rainald von Dassel?“
„Ich hab davon gehört. Er war ein Erzkanzler Barbarossas und zugleich Erzbischof.“
„Sie wissen, welche Gebeine er angeblich den Rhein hinunter ins Heiligen Römischem Reiches Deutscher Nationen gebracht hatte?“

Ich nickte. Sie lächelte.

„Nicht wahr, es waren fünf Gebeine.“
„Waren es nicht sechs? Zweimal für Breisach, einmal für Remagen und dreimal für Köln.“
„Nicht ganz. Im Jahre 1175 wurden die Gebeine des Apollinaris in Ravenna zweifelsfrei wiedergefunden. 13 Jahre, nachdem sie angeblich in Remagen von Rainald von Dassel gebracht wurden.“
„Und was für Gebeine liegen dann hier?“
„Welche liegen in Köln?“
„Nach den wissenschaftlichen Untersuchungen der letzten Jahre sind es definitv keine Knochen aus dem Jahrhundert in dem Jesus, gelebt haben soll.“
„Böse Stimmen behaupten, in dem Sarkophag lagern Jahrhunderte alten Hühnerknochen, die Pilger früher heimlich darin entsorgt haben sollen.“
„Also hat Rainald von Dassel nur wertlose Knochen mit auf seinem Schiff gehabt und diese dann mittels geschicktem Marketing den Städten untergejubelt?“
„Es ging vielleicht gar nicht so sehr um die Gebeine. Die Gebeine sind nur ‚Ein Objekt klein a‘. Das ‚Rosebud‘ für eine Jahrhundert-lang währende finanzielle Einnahmequelle. Die Gebeine hier kommen wahrscheinlich aus dem ehemaligen Apollinarisabtei des Ortes Burtscheid, jetzt ein Stadtteil Aachens, wo der Kaiser Otto III. im Jahre 1003 den Verehrungskult und irgendwelche Gebein-Reliquien aus Reims mitbrachte. Reims und Ravenna hatten damals ein Bündnis und tauschten auch Reliquien aus. Aber sie waren nicht katalogisiert, weswegen Otto dachte, er hätte die Apollinaris-Gebeine. In Wahrheit befanden die sich noch weiterhin in Ravenna. Und hierher wurden dann nur irgendwelche Gebeine zur Pilgerverehrung gebracht, aber jedenfalls nicht die von Apollinaris. Das ist aber nicht so wichtig, denn Hauptsache die Pilger hinterlassen ihr Geld im Klingelbeutel.“

Mir erschien die Geschichte plausibel. Warum sollte es damals anders gewesen sein, als es heute ist? Unwissenheit gepaart mit der Suche nach finanziellen Quellen, das kennen wir auch heute noch.

Die Frau hielt ein Gebetbuch in den Händen. Mit einem Finger hielt sie eine Stelle geöffnet, wahrscheinlich jene, in der sie vor unserem Gespräch las. Mit den mir gerade gemachten Erklärungen verstand ich eigentlich, warum sie überhaupt noch in der Kirche war.

„Sagen Sie mir eines: Warum sind Sie hier? Sie sehen mir nicht wie ein Pilgerer aus.“

Ihre Frage war herausfordernd an mich gerichtet. Ich zuckte mit den Achseln.

„Eigentlich wollte ich nach bestimmten Symbolismen Ausschau halten. Irgendwelche Hinweise auf mystische Symbole oder so.“
„Pentagramme?“
„Vielleicht.“
„Was genau?“
„Spuren der menschlichen Kreativität.“
„Kreativität? Die menschliche Art ist in der Erzeugung von Destruktivem besser, als es für die kosmische Ordnung gut wäre. Kurz gesagt: Der Mensch produziert zu viel Mist.“

Was hatte die Frau da gesagt? Den Satz hatte ich doch schon mal gehört. Aber wo nur? Ich versuchte, mich zu konzentrieren. Wo hatte ich den Satz schon mal gehört?

„Wissen Sie, der Mensch liebt es, seinen Werken zuzuschauen und in Vergangenheit zu schwelgen. Denn mit seiner Sprache ist er immer nur fähig, das Vergangene einigermaßen zu beschreiben.“
„Das stimmt nicht. Wir Menschen sind fähig, die Zukunft auch sprachlich auszudrücken.“
„Nachdem wir sie gedacht haben. Die Zukunft ist beim Aussprechen schon wieder Vergangenheit. Das Reale entzieht sich dem Sprechen.“
„Die Realität entzieht sich dem Sprechen?“
„Ich sagte nicht ‚Realität‘, ich sagte ‚das Reale‘.“
„Das ist eine Spitzfindigkeit.“
„Nein, überhaupt nicht. Überlegen Sie sich doch den Unterschied. Das Reale ist weder imaginär noch symbolisierbar. Dafür ist das Symbolische wie eine Sprache strukturiert, und das Imaginäre liegt im bildhaften Bereich. Alles zusammen wird durch ‚Ein Objekt klein a‘ angetrieben, dem unerreichbaren Objekt, welches der Mensch begehrt. ‚Das Objekt klein a‘ ist die mindeste kleinste gemeinsame Schnittmenge, welches das Reale, das Symbolische und das Imaginäre für immer mindestens verkettet hält.“
„Und was ist dieses Objekt?“
„Antrieb und Auslöser von Handlungen.“
„Was beispielsweise?“
„Sie kennen den Film ‚Casablanca‘ von Michael Curtis?“

Na klar, wer kennt den schon nicht.
It’s still the same old story, a fight for love and glory, a case of do or die. The world will always welcome lovers, as time goes by. Innerlich summte ich leise Sams Lied.

„Niemand sieht die Transit-Visa in dem Film. Aber sie funktionieren. Papiere sind immer ein Antrieb und Auslöser von Handlungen.“

Papiere? Sagte sie Papiere?

„Ich kenne da einen Fall, wo es um solche Papiere geht. Sie handeln über die Desktruktivtät und der Unvollkommenheit der menschlichen Sprache.“

Ihre Mimik veränderte sich schlagartig. Sah sie vorher gutmütig aus, so hatte ich den Eindruck, sie sei von dem, was ich vorhin gesagt hatte, in einer gewissen Weise angewidert worden. Sie musterte mich kurz abschätzig.

„Ach, Sie reden doch nicht etwa von den Papieren des PentAgrions?“
„Sie kennen die?“
„Da scheint ja momentan ein regelrechter Hype nach diesen Papieren ausgebrochen zu sein.“

Ihre Gesicht spiegelte Verachtung.

„Was steht in denen drin? Kennen Sie die?“
„Wie ich schon sagte, die menschliche Art ist in der Erzeugung von Destruktivem besser, als es für die kosmische Ordnung gut wäre. Und dabei hilft ihm die Sprache, der Antrieb und Auslöser sich unbedingt darstellen zu wollen. Der Versuch, sich in einem Spiegel wieder zu finden, den man glaubt, verloren zu haben.“
„Sie meinen die Suche nach dem Ich? Ist es das, was die Papiere des PentAgrions beschreiben? Das Finden des Ichs mittels einer Weltformel?“
„Wie bitte?“
„Die Weltformel. Eine Suche nach dem Baum der Erkenntnis.“
„Eine Gralssuche? Sie suchen die Papiere des PentAgrions?“
„Gibt es sie?“
„Es gibt sie nicht. Das ist ein Trugschluss. Sie jagen einem Phantom hinterher.“
„Es soll sie aber im Internet gegeben haben. Aber jetzt ist es nicht mehr auffindbar. Nicht mal über Archivdatenbanken.“
„Vielleicht gibt es ein zweites Internet? Eine zweite Realität aus Elektronen und Ladungsausgleichträgern, die nicht allen zugänglich ist?“
„Wie meinen Sie das?“
„Warum sollte es zu dem für jeden sichtbaren Internet nicht auch ein nicht-sichtbares Internet geben? Wie Materie und Anti-Materie. So etwas wie Antipoden des Internets?“
„Etwa ein weißes und ein schwarzes Internet?“
„Vielleicht.“
„Wo finde ich dort die Papiere des PentAgrion? Wissen Sie es?“

Die Kirchentür öffnete sich. Ein Gruppe Schulkinder quetschten sich durch die schwere Holztür. Deren Stimmen hallten in dem Kirchengewölbe wieder. Zwei erwachsene Begleiter folgten der Gruppe und versuchten durch diverse „Scht“-Laute die Ruhe des Ortes zu erhalten. Eine Seitentür öffnete sich und ein Pfarrer trat aus ihr hervor. Er ging auf die Gruppe zu. Die Frau hatte sich ebenfalls erhoben und schritt auf den Pfarrer zu, um ihn zu grüßen.

Ich blickte auf meine Uhr. Es war später Nachmittag. Es wurde Zeit für mich nach Köln ins Hotel zurückzukehren. Als ich die Kirchentür erreichte, warf ich einen Blick zurück. Die Frau stand mit dem Pfarrer und der Gruppe zusammen. Offensichtlich wurde denen gerade erklärt, wer in der Krypta begraben liegt. Oder zumindest, was man glauben sollte, wer dort liegt.

Auf meinem Leihwagen lag das erste Herbstlaub. Als ich die Wagentür öffnete, wehte der Wind das Laub vom Fahrzeugdach herunter. Die Luft war klar, es war leicht windig.

Lediglich in meinen Gedanken herrschten Sturm und Nebel zugleich. Ein Gefühl beschlich mich, immer ein wenig zu spät zu kommen, wenn es darum ging, Informationen zu bekommen. Worauf hatte ich mich eingelassen?

Sollten mich die Papiere des PentAgrions nicht mehr loslassen?
PentAgrion-Manie oder PentAgrion-Phobie?
Ich hoffe doch, weder das eine noch das andere.

(Fortsetzung hier)

Kölle, dat verlorene Klüngel-Jeföhl, und eine angekündigte Taxifahrt

Was vorher geschah: Prolog, Teil 1, Teil 2, Teil 3

***

„Sie kommen jetzt also direkt aus München? Nur um hier in einem Restaurant zu essen? Wie schräg ist das denn?“

Der Taxifahrer warf mir einen zweifelnden Blick zu.

„Das ist wirklich so. Ich habe ein Abendessen in Köln vom Radiosender „1Live“ gewonnen.“
„Das kann ja sein. Aber eine Flug gibt’s ja nicht umsonst. Und nur wegen eines Abendessens einen Flug zahlen?“
„Es ist ein sehr gutes brasilianisches Restaurant. Eine Churrascaria. Fleisch all you can eat.“
„Und deswegen nach Köln? Das können Sie meiner Oma erzählen.“
„Wo wohnt die?“
„Wer?“
„Na, ihre Oma.“
„Melatenfriedhof, Flur 72a.“

Warum sollte ich dem Taxifahrer sagen, weswegen ich hier war. Die Antwort „Geschäftsreise“ war mir zu langweilig. Aber wenn der mich unter der Erde sehen will, auf Besuch bei seiner Oma …
Die roten Bremslichter des vorausfahrenden Autos unterbrachten meine Gedanken. Mein Taxifahrer trat nur kurz in die Bremsen – ich flog nach vorne in meinen Sicherheitsgurt –, zog geschmeidig nach links rüber – ich bewegte mich in einem Kreisbogen, bis mich die Beifahrertür hart abfing – und zog stark beschleunigend an dem Fahrzeug vorbei – die Rückenlehne vom Sitz hatte mich wieder.

„Bergheimer! Mal wieder typisch. Nur weil der Michael Schumacher ein paar Mal die Formel 1 gewonnen hatte, glauben die dort alle, sie wären seine Erben. Aber Schuhmacher hat nie gebremst!“

Ich nickte wortlos und versuchte die vorherige Adrenalinausschüttung in meinem Körper zu verarbeiten.

„Sie waren schon mal in Köln?“
„Ich habe fast drei Jahre dort gearbeitet.“
„Und sind dann nach München gegangen?“

Bestätigend nickte ich.

„Da haben Sie richtig gehandelt.“
„Wieso?“
„Köln ist ein richtiges Drecksloch geworden.“
„So schlimm?“
„Köln wird inzwischen als die korrupteste Stadt Europas bezeichnet.“
„Aber Köln hatte doch schon immer seinen Klüngel.“
„Das ist nicht das Gleiche.“
„Sondern?“
„Der Übergang vom damaligen Kölner Klüngel zur jetzigen Kölner Korruption wurde dadurch begünstigt, dass eine geänderte Einstellung eine Profit- oder Erfolgsmaximierung bei gleichzeitiger Aufwandsminimierung sich verbreitert hat.“
„Wie das?“
„Schaun Sie nur mal, was hier abgeht. Die kümmern sich nicht mehr um die Belange der Bewohner. Jenen Kloochschesser da oben gehen ihre eigene Kölner doch total an deren Kackäsche vorbei. Da wird gelogen, betrogen und abgezockt, das ist schon nicht mehr feierlich.“
„Seit wann?“
„Seit mehr als zehn Jahren geht das so.“

Ein Krächzen drang durch den Funk des Taxifahrers.

„37, wo bist du?“
„Ich bin auf dem Weg zum Barbarossaplatz.“
„37, da will in der Nähe jemand ein Taxi. Dokumentenfernfahrt.“
„Übernehme ich.“

Das Krächzen verstummte. Der Taxifahrer konzentrierte sich kurz auf die Verkehrsschilder. Das Kölner Innenstadt-Schild hatten wir schon passiert. Über der Stadtsilhouette lugten vorwitzig die beiden Turmspitzen des Kölner Doms hervor.

„Bei den Kommunalwahlen gabs dann die Quittung.“
„Welche?“
„Alle Parteien unter die 30 Prozent, Wahlbeteiligung bei 50 Prozent.“

Mit finsterem Blick fixierte er die rote Ampel, an der wir standen. Eine der oberirdischen U-Bahnen passierte unseren Weg. Vier Waggons, recht lang und langsam, und als Dreingabe auch noch spärlich besetzt.

„Jetzt schauen Sie sich das an. Hauptverkehrszeit und keiner sitzt in der U-Bahn, aber dafür wird extra der ganze Verkehr aufgehalten.“

Mit seiner rechten Hand schlug er kurz und trocken verärgert auf sein Lenkrad. Er seufzte.

„Die machen sich hier überhaupt keine Gedanken, wie man diese Stadt nach vorne bringen kann. Und dann erst die Katastrophe mit dem Stadtarchiv in der Südstadt. Erst bohren die fleißig Brunnen im U-Bahn-Schacht, bis dass das Stadtarchiv einstürzt, und dann als erste Reaktion gleich: ‚Das waren wir nicht, da waren die Römer schuld. Wenn die damals aufgeräumt hätten, als sie gingen.‘ Tolle Politiker haben wir hier. Was soll der Driss mit einer U-Bahn hier? Die braucht niemand. Köln ist nicht mehr unsere Stadt.“
„Und warum sind Sie dann noch hier?“
„Es ist der Menschenschlag. Die Menschen halten mich noch hier. Ohne die wäre ich schon weg.“

Der Taxifahrer hielt vor meinem Hotel. Ich kramte meine Geldbörse hervor und beglich die Fahrtkosten. Der Taxifahrer stieg mit mir aus und öffnete den Kofferraum. Ich hob meinen Koffer heraus.

„Nebenbei: Wissen Sie überhaupt, wer auf dem Melatenfriedhof Flur 72a sein Grab hat?“
„Ihre Oma, so hatten Sie mir doch gesagt.“
„Jeck! Auf Flur 72a befindet sich das Familiengrab der Millowitschs. Schönes Grab. Schauen Sie es sich an, wenn sie Zeit haben.“
„Sind Sie etwa ein zum Taxifahrer umgeschulter Friedhofsgärtner?“

Er lachte und stieg ohne Antwort in sein Taxi. Ein Krächzen drang durch das geöffnete Fenster des Taxis.
„37, wo bist du?“
„Am Barbarossaplatz.“
„37, fahr zum Mediapark beim Cinedom. Vor dem Pizza-Hut steht einer mit einem großen gelben Briefumschlag, ein Herr Stein Vanderford. Der benötigt eine Dokumentenfahrt nach Brüssel.“
„Wird gemacht.“

Das Krächzen verstummte. Hatte die Stimme etwa „Stein Vanderford“ gesagt? Oder war es vielleicht doch eher „Stijn van de Voorde“? Dokumente nach Brüssel? Brüssel? Studio Brüssel?
PentAgrion?
Einen Moment lang wollte ich die Tür vom Taxi wieder öffnen, um sofort wieder einzusteigen und mitzufahren. Aber ich hatte für den Abend schon einen Termin. Im Restaurant „Rodizio-Pantanal“.
Ich holte meine Einladung aus der Jackentasche: „Rodizio-Pantanal am Mediapark/Cinedom um 19:30 Uhr“ stand drauf geschrieben.
Mist.
So ist das Leben.
Das Taxi blinkte kurz und zwängte sich in eine winzige Verkehrslücke. Sekunden später hatte der Feierabendverkehr das Taxi verschluckt. Ich ging ins Hotel.

(Fortsetzung hier)

Entschuldigung an alle Asterix-Fans

Ich wollt es nicht. Das war nie mein Plan. Noch mein Ansinnen. Noch entspricht es meiner Natur. Ich habe Asterix ungewollt überfahren . . .

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