Ist Wasser verdünnbar?

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***

Ich saß auf einem Felsvorsprung. Lange Zeit war ich gewandert, um mich hier hinsetzen zu können. Das heißt, ich bin nicht aus eigenem Verlangen hierher gewandert. Vielmehr hat mich irgendetwas hierhin getrieben. Obwohl ich jetzt hier auf diesem Felsvorsprung saß und glaubte, ans Ziel gelangt zu sein, fühlte ich, dass es jetzt erst richtig rund gehen würde.

Unter mir lag so eine Art brodelnder Sumpf. Immer wieder schlug er Blasen. Und trotzdem erschien mir, da unten noch etwas mehr als nur bloßer Sumpf zu sein. Angestrengt schaute ich in den Sumpf und nach einiger Zeit erkannte ich, dass dort unten noch anderes Leben war. Irgendwas versuchte da unten, sich dem Ufer entgegen zu arbeiten. Manche Lebewesen schafften es, bis zum Ufer zu gelangen. Hatten sie jedoch gerade eine Hand auf das rettende Ufer gelegt, wurden sie von einer unsichtbaren Macht in die Mitte zurückgezogen.

Solange ich auch zuschaute, keiner schaffte es, je das Ufer zu erreichen.
Doch.
Jetzt.
Ein Lebewesen zog sich mit allerletzter Kraft aufs rettende Ufer und richtete sich auf.
Mein Gott, es war ein Mensch!

Jetzt sah ich auch andere, die sich ans Ufer zogen. Anscheinend haben die sich die ganze Zeit ans Ufer gezogen, aber mir war das wahrscheinlich wehen ihrer braunen, drecküberzogenen Körper und ihrer langsamen Bewegungen in diesen braunen Pfuhl entgangen. Jetzt entdeckte ich auch noch andere mitten in diesem Sumpf, die wie einige andere Menschen in dem See verbissen um ihr Leben kämpften, resignierend aber aufgaben, um dann zu versinken.

Mir war übel. Ich fühlte mich elend. Hier oben ich und da unten die. Und ich konnte nichts für sie tun. Wankend drehte ich mich um. Ich tat einen unsicheren Schritt nach vorne und dann sah ich ihn. Er kam auf mich zu.

„Du? Du hier?“
„Wo du bist, bin auch ich.“
„Und das als PentAgrion?“
„Nenn mich, wie dir beliebt.“
„Wer hat dir gesagt, dass ich hier bin?“
„Nur du.“
„Was soll das heißen?“
„Siehst du den Sumpf da unten?“
„Ja.“
„Es ist der Sumpf der Erkenntnis.“
„Der Sumpf der … Was?!?“
„Jeder Mensch muss in den Sumpf der Erkenntnis.“
„Sag mal, bist du blöd im Kopf?“

Er sah mich lächelnd an.

„Wieso sagst du nichts?“

Er lächelte mich immer noch an und machte einen Schritt auf mich zu. Unwillkürlich wich ich zurück. Was hatte er vor?

„Lass mich in Ruhe!“

Doch offensichtlich hörte er nicht mehr auf mich. Lächelnd machte er erneut einen Schritt auf mich zu.

„Bleib, wo du bist!“

Er hörte nicht. Nochmals trat ich einen Schritt zurück. Ich merkte sofort, dass dieser Schritt einer zu viel war. Wie eine dünne Eisschicht brach der Boden unter mir weg. Ich stürzte ab.
Immer wieder sah ich, entweder wie der immer noch lächelnde PentAgrion sich von mir entfernte oder wie mir der Sumpf in rasendem Flug entgegen kam.
Als Letztes sah ich den Sumpf, wie er mir entgegen raste. Oder besser gesagt, ich sah eine braune Fläche, deren Oberflächenstruktur mir immer deutlicher wurde und dann knallte ich auf.

Es war nur so ein dumpfes Gefühl, aber dies genügte, um mich vollständig aus den Träumen in die Realität zurückzuholen.

Mit offenen Augen lag ich im Hotelbett. Der Schreck saß mir noch in den Knochen. Nachdenken über den Traum, konnte ich jedoch nicht mehr lange, da ich bald wieder ruhig eingeschlafen war.

Wo Berge sind, da sind auch Täler und manche sind ziemlich sumpfig. Nun hatte ich eines dieser Täler gesehen, war dem entkommen und hatte mich wieder auf den nächsten Berg hochgekämpft. Oben war es kalt, aber auch die dünne Luft klar.

„Na endlich hast du es geschafft.“
„Ich kann nicht mehr.“
„Schau, Careca, da unten das Tal!“
„Tal?“
„Vor dir.“
„Ach so.“
„Hey, du bist nicht gerade begeistert davon?“
„PentAgrion, ich bin kaputt. Ich bin unaufhörlich gewandert. Mehrmals ausgerutscht und den Berg runtergerutscht, ich hab mir Wunden zugezogen, die gerade erst geheilt sind und jetzt da ich diesen verdammten Berg, den du einen ‚Hügel‘ nennst, bezwungen habe, da willst du mich schon wieder für ein Tal begeistern, eine ‚Untiefe‘ wie du so etwas sprachlich dauernd beschönigst, nur damit ich nachher wieder herabsteige? Und wenn ich da unten bin, was dann? Dann werde ich vielleicht feststellen, dieses Tal ist total versumpft, dass es eine einzige Sumpfblase ist? So wie das Letzte, wo ich hineinstürzte? Nein, mein Freund, ich will hier oben bleiben, die Aussicht genießen, mich erholen, an der kühlen klaren, dünnen Luft berauschen, in den Tag hinein träumen, die Sonne genießen.“
„Du genießt die Aussicht, erholst dich, träumst in den Tag hinein, genießt die Sonne und vergisst, dass es vor dir etwas viel Aufregenderes gibt, was vielleicht Überraschungen für dich bereithält. Schau dich um, Careca. Du siehst hier viele andere Menschen, die nicht über diesen Berg gekommen sind, die in deiner kühlen klaren, dünnen Luft berauscht der Höhenkrankheit erlegen und erfroren sind. Menschliche Eissäulen, festgefroren auf diesem Berg hockend. Irgendwann, wenn du von dem vielen Träumen, Erholen und Genießen müde bist und du versuchst dich davon zu erholen, dann wirst du das Tal vielleicht sehen und plötzlich träumst du von einem grünen Tal, voll von Bäumen, von einem Sonnenuntergang hinter den Bergen, davon, dass sich im Tal bestimmt mehr Leben abgespielt hätte, dass dort alles eine Veränderung, eine wirklich permanente Veränderung durchmacht und dass nicht das Tal morgen genauso aussieht, wie hier oben diese ungastliche Stein- und Schneewüste, sondern ein völlig anderes Gesicht hat. Aber deine Träume werden Träume bleiben, da du zu müde bist, hinabzusteigen. Ein besseres Zuhaus als hier oben findest du unten allemal. Komm mit ins Tal hinab.“
„Ich bin im Augenblick zu müde, PentAgrion.“
„Oder vielleicht einfach nur berauscht durch diese unwirkliche Welt hier oben?“
„Nein, das nicht. Aber wieso können wir hier auf diesem Berg keinen Wald anpflanzen? Denselben Plan wie mit dem Tal hier oben auf den Berg übertragen?“
„Weil hier oben keine Bäume in den Himmel wachsen können.“
„Woher willst du also wissen, dass es da unten im Tal klappt?“
„Ich vertrau darauf.“
„Du vertraust darauf? Gut, PentAgrion, aber gesetzt den Fall, dort unten befindet sich kein nährreicher Boden, kein Sumpf, den man urbar machen könnte? Gesetzt den Fall wir treffen da unten nur eine zweite Steinwüste an?“
„Du wirst keine Steinwüste antreffen. Das ganze Regenwasser, das diesen Berg herab floss, hat sich dort unten gesammelt und mit dem Wasser potenten Nährboden für Pflanzen herausgeschwemmt, direkt aus den Ritzen dieses Berges. Der Weg dahin ist nie umsonst. Sollte wirklich da unten nur Steinwüste sein, dann bist du so oder so verloren. Denn ohne Regenwasser, das dann nie gefallen wäre, verdurstet du auch hier oben wie da unten.“
„Aber wenn da unten nur Wasser ist und kein Boden? Woher willst du wissen, dass das Tal fruchtbar ist?“
„Schau nach unten, Careca. Du siehst nur eine braune Fläche. Keine sandfarbene oder bläulich schimmernde Fläche.“
„Aber, wenn da unten schon einer ist, der dieses Tal beschlagnahmt hat?“
„Glaub mir, Careca, du bist nicht umsonst über diesen Berg gekommen. Glaub mir das.“
„Und wenn es eine Sumpfblase ist, dieses Tal?“
„Das Tal ist eine Sumpfblase und es wartet nur auf eine Hand, die es befruchtet, die es ergrünen lässt. Es wartet auf dich. Es wartet darauf, dass du in diesem Tal Leben rein bringst. Dieses Tal gehört dir. Ganz allein dir. Du wirst eins werden mit diesem Tal und irgendwann wirst du in die anderen Täler reinblicken können, weil es dir nichts mehr ausmacht, die anderen Berge zu überwinden.
„Du hast mich verwirrt, PentAgrion. Du redest so irr, aber doch auch so logisch. Ich werde dir vertrauen. Kommst du mit runter?“

Der Wecker fiepte unerbittlich.
Mühsam wälzte ich mich aus der Hotelbettwäsche.
7:30 Uhr.
Die Zeit für den ausgeschlafenen Angestellten.
Guten Morgen, Arbeit.
Zuerst jedoch eine freundliche Dusche. Aufwachen findet bei mir unter fließendem Wasser statt.

Ich hatte krude Träume gehabt. Nicht nur die beiden, von denen ich oben schrieb. Da war auch noch der Traum mit den Papieren. Normalerweise erinnere ich mich nicht an solche. Aber diesmal hingen mir einige Traumfetzen wie Gemälde in meiner Erinnerung nach. In einer Straße lief ich auf und ab. Papier umwehte mich. Bedrucktes Papier. Ich hatte versucht ein Papier zu ergreifen, aber es rutschte mir immer wieder aus meinen Händen. Auf einem konnte ich ein Pentagramm erkennen, auf einem meinte ich, das Wort „PentAgrion“ zu lesen. Auf wieder einem anderen las ich das Wort „Vanderford“. Ich hatte es versucht mit einem Kugelschreiber zu korrigieren, aber der Kugelschreiber in meiner Hand war ohne Miene und mein Versuch das Wort in „van de Voorde“ zu ändern, führte dazu, dass ich das Blatt zerstörte. Weitere Blätter umwehten mich, ich las das Wort „Usjh, König von Juda“ auf ihnen, sie bildeten mit ihren Seiten ein Fünfeck.

Darauf wachte ich auf. Die Dusche war für mich die Gelegenheit, mich von diesen irren wirren Traumbildern frei zu waschen.

(Fortsetzung hier)

Pythagoras wissenschaftliche Zahlen, Alexanders unwissenschaftliche Reise und eine Loseblattsammlung

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Panorama Rhein Remagen

Remagen. Stadt am Rhein. Ein weißer Fleck auf meiner privaten Landkarte. Die Stadt sagte mir nicht. Na gut, fast nichts. Von dem Hollywood-Schinken „Die Brücke von Remagen“ hatte ich gehört. Nur gesehen hatte ich den Film nie.

Die Fahrt verlief ohne Komplikationen. Es herrschte kaum Verkehr. Ich passierte Städte, deren Namen ich zuvor maximal einmal gehört hatte. Bad Breisig. Niederbreisig. Sinzig. Nett anzuschauen. Aber sie sagten mir nichts. Links Eichenwald, rechts der Rhein.

„Sie ist raus in den Wald zu einer alten Eiche gegangen, um ihre Monatsblutung vor Mondaufgang im Moos zu lassen. Dort sammelt sie auch immer ihren Reisig und schneidet Misteln und Kräuter.“

Eine beschauliche Landschaft mit mutmaßlichen Herrenhäusern und Einfamilienhäusern zog an mir vorüber. Die vielen Schilder „Zimmer frei“ verrieten mir, dass jetzt wohl gerade keine Hauptsaison herrschte.

Auf der Höhe von Remagen bog ich in die Stadt ein. Mein GPS-Führer hatte das Haus von der Kölner Bekanntschaft in der Nähe der Kirche „St. Peter und Paul“ angegeben. Unterhalb der Kirche fand ich einen freien Parkplatz. Ohne lange zu überlegen, parkierte ich mein Fahrzeug direkt vor einer recht jungen Eiche.

„In der Eiche wohnt auch ein Raabe. Man sagt, dass er ausschließlich zu Vollmond immer und immer wieder nur ein Wort krächzt. Es soll ‚Ascher‘ heißen. Warum er nach einem Aschenbecher verlangt, kann aber niemand wirklich erklären.“

Ich schloss mein Fahrzeug ab und nahm die Treppe, die steil hoch zur Kirche führte. Umgeben war sie von alten Grabkreuzen verstorbener Remagener zu einer Zeit, in der der Kirchhof der Friedhof bestimmter Remagener war. Mein Weg führte an einem Torbogen vorbei, der mir seltsame Szenen zeigte. Eine prägte sich mir stark ein. Es war ein König mit Ratten in den Händen, in einem Korb sitzend, gehoben von zwei Vögeln. Kurz danach passierte ich ein archäologisches Museum. Ich war auf dem richtigen Weg und etwas später drückte ich einen Klingelknopf.

Jürgen war zu Hause. Er war überrascht und fragte mich, warum ich mich telefonisch vorher nicht gemeldet hätte, aber andererseits meinte er, ich wäre ihm auf alle Fälle willkommen. Er führte mich ins Wohnzimmer zu einer hellbraunen Sitzecke mit einem Glastisch davor. Im kurzen Small-Talk erklärte ich, dass ich zufälligerweise in der Nähe zu tun gehabt habe und dass ich mich an deren Einladung am gestrigen Abend erinnert hatte. Er nickte verstehend.

„Normalerweise sehen wir die Bekanntschaften nicht mehr wieder, wenn meine Frau denen das Faltblatt gegeben hatte. Am Anfang sind ja noch alle begeistert, aber wenn sie das Blatt denn gelesen haben, dann verschwinden die. Im seltensten Fall rufen die an und erklären uns, dass wir auf dem Pfade des Teufels seien.“
„Im Schatten der Kirche ‚St. Peter und Paul‘ sollte der Teufel doch keine Chance haben, oder?“, versuchte ich das Gespräch in leichtere Fahrgewässer zu ziehen.

Meine Lust an philosophische Exkursionen war gering. Von philosophischen Diskussionen verstehe ich nicht so viel und meistens enttarne ich mich dabei immer als philosophisches Leichtgewicht. Das wollte ich vermeiden. Aber ich sollte keine Chance haben.

„Der Schatten der Kirche? Aber dahin hat die Kirche doch ihre Teufel verbannt. Ins Dunkle hinein, da wo die Kirche ihre Schatten wirft.“

Ich nickte. Soviel wusste ich auch noch aus meiner Schulzeit. Luzifer war der gefallene Engel, der eigentlich ein Lichtbringer sein sollte. Weil er aber nicht brav genug war, hat ihn der Erzengel Michael mit dem Flammenschwert aus dem Himmel geschmissen. Seitdem muss Luzifer sein Reich der Schatten in Eigenregie organisieren und managen, während seine ehemaligen Kollegen das bereits organisierte Paradies Eden verwalten durften.

„Hast du das Faltblatt meiner Frau gelesen?“
„Nicht ganz.“
„Nicht ganz?“

Ich erklärte ihm ein wenig verlegen, dass ich keine Gelegenheit hatte, das Blatt zu lesen. Zumindest hätte ich aber bemerkt, dass dort Pentagramme zu finden seine. Er lachte.

„Ja, die Pentagramme, die bemerkt jeder. Du weißt, was Pentagramme sind?“

Klar weiß ich, was Pentagramme sind. Fünfzackige Sterne. Ein Endlossymbol wie das Haus vom Nikolaus, was ich als Kind mit meinen Fingern so oft in den Wintern innen an beschlagenen Busscheiben gemalt hatte. Und ein Symbol der Hexen. Und Wikka leite sich doch wohl irgendwie von Hexen ab, fügte ich hinzu. Wo denn seine Frau sei, wollte ich wissen. Er lächelte ironisierend und antwortete, sie sei da, wo man Hexen vermute. Unter Eichenbäumen ihre Rituale verfolgend und Reisigbesen schnitzend. Er meinte es offensichtlich nicht ernst, aber wieso er mir diese Antworten gab, erschloss sich mir nicht. Daher fragte ich auch nicht weiter nach. Und Jürgen verlor auch darüber kein weiteres Wort.

Stattdessen griff er hinter sich in ein Regal und nahm fünf gleichlange Holzstäbe heraus. Ich solle eine einfache Figur auf dem Tisch damit legen. Ich überlegte nur kurz und legte ein Fünfeck. Er erklärte mir nun, dass die Diagonalen im Fünfeck – die dann das Pentagramm bilden – jeweils immer um den Faktor „1,618“ länger seien. Das sei erstmal nichts Besonderes. Aber dieser Faktor „1,618“ sei in Wahrheit eine Zahl, die nicht ganzzahlig mit Brüchen darstellbar sei. Und das Besondere sei an ihr, dass der Kehrwert (also 1 geteilt durch „1,618“) das gleiche Ergebnis habe, wie wenn man dem Faktor einfach „1“ abziehen würde. Mathematiker bezeichnen diese Zahl als die Goldene Zahl. Sie habe die Bezeichnung Φ (sprich: Phi).
Jeder kenne die Zahl π (sprich: Pi) und jeder wisse, dass diese Zahl notwenig sei, um Flächeninhalte oder Umfänge von Kreisen zu berechnen. Und gewiefte Leute würden statt mit der exakten Kreiszahl π mit dem Bruch „355/113“ hinreichend genau rechnen.
Auch die Konstante Φ ist mittels eines Bruches aus zwei ganzen Zahlen darstellbar. Eine davon ist die Berechnung mittels einer bestimmten Zahlenreihenfolge. In dieser Folge wird die jeweils nächste Zahl mit der Summe der beiden vorangehenden gebildet. Begonnen wird mit „0“ und „1“. Somit ergibt sich die folgende Reihe:
0, 1, 1, 2, 3, 5, 8, 13, 21, 34, 55, 89, 144, 233, 377, 610 ...
Diese recht einfache Folge wird auch als „Fibonacci“-Zahlenfolge bezeichnet. Bildet man nun das Verhältnis aus den jeweils letzten beiden Zahlen, dann erhält man immer eine bessere Annäherung an die Konstante Φ .

So sind die Werte der Kreiszahl π wie auch die Konstante Φ nicht mittels Brüchen darstellbar, sondern maximal annäherbar. Dieses wurde schon damals bei den alten Griechen entdeckt, erklärte mir Jürgen. Insbesonders bei der Gruppe der damaligen Pythagoreer. Diese Menschen hatten sich damals der reinen Mathematik verschrieben und waren der Meinung, dass jegliche Zahl mittels einer Bruchzahl aus zwei ganzzahligen Zahlen darstellbar wäre. Auf dieser Annahme fußte deren göttliche Weltordnung und viele vertrauten den Pythagoreern. Die Welt erschien berechenbar und göttlich geordnet. Nach Pythagoras leiten sich alle Harmonien aus dem Verhältnis ganzer Zahlen ab. Je einfacher, desto schöner.
Selbst in der Musik schien diese Harmonie zu gelten.
Aber Pythagoras hatte bereits entdecken müssen, dass die verbindende Gerade bei einem gleichschenkligen Dreieck nicht mittels ganzzahligen Zahlen darstellbar ist. Und dann tauchte noch das Fünfeck und mit dem Fünfeck das Pentakel auf. Und gerade das bei der Zahl „5“, welche den Pythagoreern als Zeichen der Vervollkommnung stand. Jene Zahl „5“, welche mit seinem Punkt den bestehenden drei Dimensionen eine neu hinzufügte (die Zeit; s.a. hier).

Pythagoras konnte mit der Konstante Φ nicht rechnen, aber er erkannte ebenfalls, dass es sich bei der Konstante Φ um eine Goldene Zahl handelte. Und sie tauchte nicht nur als Verhältnis bei verschiedenen Strecken auf. Es wurde auch noch herausgefunden, dass es einen Goldenen Winkel gibt: Ψ (sprich: Psi). Dieser ergibt sich, wenn man die 360° des Vollkreises im Verhältnis des Goldenen Schnittes der Konstante Φ teilt. Dieser Goldene Winkel beträgt ungefähr 137,5 °.

Und dieser Winkel findet sich auch in der Natur wieder: Sonnenblumenblütenblätter sind in diesem Winkel angeordnet. Selbst Rosenblätter weisen diese Winkelanordnung auf, und das, obwohl sie nachweislich die Konstanten nicht errechnen können.

Stellt die goldene Zahl Φ ein reines mathematisches Konstrukt dar? Oder ist sie Ausdruck einer höheren Ordnung? Die Pythagoreer konnten sich das nicht erklären, denn diese Zahlen widersprachen deren Ordnungsverständnis. Widersprach diese Zahl dann auch der göttlichen Ordnung?

Schließlich mussten die Pythagoreer auch noch erkennen, dass selbst Musik nicht den einfachen ganzzahligen Zahlen folgt. Dieses Problem kennen die Klavierstimmer. Die Noten „Fis“ und „Ges“ liegen auf der gleichen Taste des Klaviers, haben aber nicht die gleiche Frequenz. Der Quintenzirkel in der Tonreihe schließt sich nicht. Dieses Problem und das fehlende Bindeglied im Quintenzirkel wird entsprechend „das pythagoreische Komma“ genannt. Die Tonreihe besteht aus 11 Quinten und einer um das „pythagoreische Komma“ verringerten Quinte, die unter dem Namen „Wolfsquinte“ bekannt wurde. Problematisch ist das für normale Kompositionen nicht, wenn die Tonart nicht gewechselt wird und diese Quinte vermieden wurde. Johann Sebastian Bach schrieb jedoch Kompositionen, in denen er dauernd die Tonart wechselte, und hatte daher mit der schräg klingenden „Wolfsquinte“ einen Störfaktor. Also ging er dieses Problem aktiv an und schaffte es, dieses mit seiner „wohltemperierten“ Klavierstimmung unter Kontrolle zu bekommen. Bis heute allerdings rätselt man immer noch, wie er diese Klavierstimmung durchführte. Es fehlt hierzu eine schlüssige Erklärung.

Bei der heutigen populären Musik spielt „pythagoreische Komma“ kaum eine Rolle. Elektronische Synthesizer sind nicht dafür gedacht, Klassik zu spielen. Und bei den Tonfolgen kommt es auch nicht auf die Tonfolge an, sondern eher auf Rumms und Bumms der Musik. Und alles andere wird durch Equalizer gnadenlos auf eigene Ansprüche vom Hörer nivelliert.

Jürgen machte eine Pause. Er hatte die ganze Zeit ununterbrochen geredet. Erstaunlicherweise konnte ich ihm in seinen Ausführungen folgen. Auch wenn mir vor lauter Psi, Pi und Phis der Kopf ein wenig schwirrte.

„Und was hat das nun mit dem Faltblatt deiner Frau zu tun?“

Jürgen stützte kurz sein Kinn mit seiner rechten Hand, um nachzudenken.

„Der Wikka-Kult ist die Antwort auf die Frage der Menschen, ob der Mensch das Recht hat, die Grenzen der Welt zu erkunden und gar zu überschreiten.“
„Welche Grenzen?“
„Bist du vom Rathaus hier hergekommen? Oder von der Kirche aus?“
„Von der Kirche.“
„Dann kamst du an dem Torbogen der Kirche vorbei?“
„Ja.“
Kreuz„Der Torbogen war schon erbaut, bevor überhaupt Pläne für die Kirche existierten. Die Wissenschaftler streiten sich über die dort dargestellten Figuren, ob es sich hierbei um die acht Todsünden handeln soll. Nur über eine Darstellung ist man sich einig. Sie stellt Alexander den Großen dar. Alexander hatte die Welt erobert gehabt und war am Horizont angekommen. Also überlegte er sich, den Himmel zu erkunden. Also setzte er sich in einem Korb und bandzwei Vögel mit Löwenkörpern und Adlerköpfen an seinen Korb. Denen hielt er dann zwei Ratten vor die Schnäbel. Als die seltsamen Vögel danach schnappten, hob der Korb ab und Alexander startete wohl das erste fremd-getriebene Fliegzeug der Welt. Schließlich begegnete Alexander einem Engel, der ihn fragte, was er denn dort im Himmel wolle. Er solle doch zuerst einmal die Erde besser kennenlernen. Alexander wurde beschämt, landete auf der Erde und buchte dort erstmal paar Bildungsreisen mit seinem Militär.“
„Schöne Geschichte.“
„Der Wikka-Kult will nicht Grenzen überschreiten, sondern die Erde besser kennenlernen.“
„Was ist der Wikka-Kult?“

Ein Telefon klingelte. Jürgen entschuldigte sich und reichte mir eine Mappe, die er ebenfalls aus dem Regal genommen hatte.

„Tschuldige nen Moment, ich muss zum Telefon. Ließ dir mal die Mappe durch.“

Ich ergriff die Mappe. Jürgen stand auf und verließ das Wohnzimmer.

Die Mappe bestand sowohl aus geheftetem Material als auch aus einer Loseblattsammlung. Ich schlug die erste Seite auf. Mir fiel auf, dass am Rand der Seite handschriftlich etwas geschrieben in Rot war:

„Usja im Buch 2.Chronik; je nach Übersetzung auch Usjh; war König von Juda.“

Usjh?
Mir kam das Wort bekannt vor. Wo war ich dem Wort schon begegnet? „Usjh“. Mir lag es auf der Zunge, nur half es mir nicht weiter.

Meine Überlegungen wurden unterbrochen, weil mir eines der losen Blätter aus der Mappe auf den Boden gefallen war. Ich hob es auf. Eine Stelle des Textes war grün umkringelt und mit Ausrufezeichen versehen:

Wenn du meist mit dem Auto unterwegs bist, spürst du davon nichts. Doch ich frage mich: Was ist das? Unsere Alten, die noch näher an der Natur waren, sie hatten diese Wahrnehmung stark. Sie wussten, es gibt in der Welt schlechte und gute Stellen und Plätze. Sie haben Kult oder Religion aus dieser Wahrnehmung gemacht. Sie pflanzten Eichen, stellten Standbilder und Tempel auf, wo es gut war. Später setzte man die Kreuze, Kapellen, Kirchen und Abteien darauf.

Deshalb – es hat nichts mit Religion zu tun, wenn du keine hast. Es ist Ergebnis einer schlichten Wahrnehmung in der Natur:
Es gibt auf der Welt schlechte und zum Glück auch gute Plätze.
Finde einen guten Platz in der Welt, dann hast du Macht über dich.

Macht. Ein zentrales Wort. Jeder Kult will eine Konzentration der Macht. Das war mir schon klar. Warum sollte es bei den Wikka anders sein? Die mir vorliegende Notiz durch den „Wikka“-Kult bestätigte meinen Gedanken.

Ich nahm ein anderes Blatt und mein Blick blieb an der folgenden Textstelle hängen:

Sprachliche Kompetenz bedeutet, dass ein Mensch in der Lage ist, zwischen verschiedenen Sprachebenen zu wählen. Viele Menschen in unserer Gesellschaft sind nur sicher in ihrem Soziolekt und haben enorme Schwierigkeiten mit der differenzierteren Hochsprache. Da Sprache das Denken strukturiert, ist das nicht nur ein verbales Problem, – solche Menschen tun sich generell schwer damit, abstrakte Sachverhalte zu verstehen.

War das eine Wikka-Analyse? Ich verstand es nicht. Mir erschien das Ganze eher wie eine Beschreibung eigener Eindrücke. Beim Weiterblättern stieß ich auf ein weiteres Blatt mit einer markierten Stelle:

Das ist keine Kraft, mit der Menschen sich messen dürfen.
Bemessen, du hast recht, das können wir. Im Messen ist der Mensch allen Dingen der Welt überlegen. Ob es Sinn hat oder nicht, der Mensch misst. Dazu hat er die gewaltige Mathematik.
Man kann sie anbeten. In ihren oberen Regionen scheint sie sich im Göttlichen zu verlieren.
Doch die Anbetung der niedrigen Regionen der Mathematik ist Götzendienst: Statistik, zum Beispiel, was kann man für einen Schindluder mit ihr treiben. Ach, und die simpelste Mathematik beten wir Computernutzer an. Sie beruht nur auf eins und null.

Ich wurde unruhig. Irgendetwas hatte ich hier vor mir, aber es war nicht das, was Jürgen meinte, mir gegeben zu haben. Schnell blätterte ich weiter und fand wieder eine markierte Stelle:

Goethe dachte sich die Erde als Organismus. Ich dachte sofort an eine Landschaft wie das Hohe Venn, als ich seine Erklärung für die Hochs und Tiefs in der Atmosphäre las. Ich habe es nicht wörtlich präsent, doch es geht etwa so: Goethe sagt, wenn der Organismus Erde ausatmet, verneint er das Wasser. Das ist das Hoch. Dann wieder ist die Erde wasserbejahend, sie atmet ein, wir bekommen ein Wettertief.

Das Hohe Venn? Das Hohe Venn, wo liegt das nochmal?
Ich fühlte plötzlich Stress in mir aufsteigen. Adrenalin. Was hatte ich hier vor mir? Wikka-Kult? Oder etwas, was …Der Gedanke erschreckte mich.
Im Hintergrund hörte ich Jürgen hektisch telefonieren. Er war beschäftigt.
Ich blätterte schnell weiter und fand eine blau markierte Stelle:

„Jünger der schwarzen Kunst“

Schwarze Magie? Handelten die Blätter über den Umgang mit schwarzer Magie? „Schwarze Kunst“?
Meine Augen blieben an einem Bonmont hängen.

“das Glück ist eine kurze Decke, die mal hierhin, mal dahin gezogen wird. Wer freiliegt unter dem gnadenlosen Himmel, hat eben Pech. Schamanen und Druiden werden gerufen. Sie sollen die Götter beschwören, damit sie Wasser schicken oder die Fluten hemmen. Doch ich höre sie gar nicht. Sie können ihren Mummenschanz ruhig treiben, es ist mir egal. Ich mache es gerade, wie ich lustig bin.“

Also doch. Wikka.
Ich nahm mir das nächste Blatt vor.

Das Nikolaushaus ist eine Endlosfigur. Solche Figuren haben magische Kräfte. Das jedenfalls glaubten die Alten. Die berühmteste Endlosfigur ist das Pentalpha, auch Drudenfuß oder Pentagramm genannt. Dieser Fünfstern hat einige Namen, denn er war in vielen Kulturen verbreitet. Er ist ein Glückssymbol. Stellst du das Pentagramm allerdings auf den Kopf, ist es schwarzmagisch.
Man kann das Pentagramm übrigens wie ein Kreuz schlagen. Vermutlich ist auch das sich bekreuzigen daher entlehnt.
Traust du dich, das Pentagramm zu schlagen? Oder denkst du, du bist eine Heidin, wenn du das tust? Ich kann dich beruhigen, das Pentagramm ist auch bei frühen Christen auf Amuletten gefunden worden. So ist es allenfalls Aberglaube, wenn du das Pentagramm schlägst, nicht heidnisch. Du darfst es jedoch nicht verkehrt herum schlagen, sonst fliegen uns die bösen Geister um die Ohren.
Bist du bereit? Nimm deine rechte Hand und führe sie zum Herzen. Dort beginnst du:
Vom Herzen zur Stirn,
zur rechten Brust,
zur linken Schulter,
zur rechten Schulter,
zurück zum Herzen.
Siehst du, es ist eine Endlosfigur. Du hast sie im Raum vollzogen, hast mit der Hand dein Herz und deinen Kopf verbündet.
Als zweidimensionale Zeichenspur hat das Pentagramm die gleiche Bedeutung.
Das Nikolaushaus hat große Ähnlichkeit mit dem Pentagramm. Doch es ist schwieriger zu zeichnen, denn es gelingt nur auf eine bestimmte Weise. Es ist die verspielte Variante. Man braucht den Kopf, die Hand und ein bisschen Glück, damit sie gelingt. Eigentlich braucht man jedoch nur eine Regel zu kennen.

Was zur Hölle hatte ich hier? Das war keine Religions- oder Kultbeschreibung. Das war was anderes. Was total anderes.
Das nächste Blatt, die nächste Markierung:

Ich stieg eine Allee zwischen hohen Hausreihen hinauf. Ganz oben am Schluss der Allee wusste ich eine große neugotische Kirche, in der ich schon gewesen war. Dort fand ich jedoch nur noch einen glatt asphaltierten Platz. Die Kirche war spurlos verschwunden. Nur an einer Stelle war ein Streifen zu sehen, wo vielleicht eine Mauer gelastet hatte. Der Platz, nun der Kirche ledig, schien mir jetzt viel kleiner als zuvor. Wo aber war die Kirche abgeblieben? Da kam niemand, den ich fragen konnte.

Literaturschnipsel waren das und keine wissenschaftliche Analyse. Das war mir klar. Aber was war es genau? Prosa? Autobiographie? Hatte ich hier einen Schlüssel? Wenn ja zu welchem Schloss?

Jürgen kam zurück.

„Es tut mir leid. Ich muss dich verabschieden. Meine Frau braucht mich im Geschäft?“
„Geschäft?“
„Ja, sie hat eine Bäckerei und dort gibt es momentan Probleme mit einem Ofen.“

Er schaute auf die Mappe in meinen Händen.

„Und alles gelesen?“
„Ich möchte eine Kopie davon. Von der ganzen Mappe. Das sind aber nicht alles Papiere über Wikka, oder?“
„Nein. Ich schätze nur das abgeheftete handelt von der Wikka. Die losen Blätter hat sie eingelegt, weil sie meinte, sie passen dazu.“
„Was sind das für Texte?“
„Sie hatte mal Seiten ausgedruckt. Irgendwelche Erlebnisberichte. Die sind jetzt im Netz verschwunden. Liest sich sehr interessant. Ebenfalls kopieren?“
„Ja, das wäre nicht schlecht.“

Ich übergab ihm die Mappe und reichte meine Visitenkarte. Er warf einen Blick auf die Karte.

„So jetzt muss ich dich leider rauswerfen. Wir bleiben in Kontakt.“

Rostiges Schloss Er begleitete mich zur Tür. Wir schüttelten unsere Hände und ich trat auf die Straße. Er winkte mir noch kurz zu. Während ich mich anschickte, die Straße herunter zu gehen, fiel ihm ein Blatt aus der Mappe. Er bückte sich und hob es auf. Es schien das Titelblatt zu sein.

„Ich sollte diese Papiere des PentAgrion endlich mal abheften, nicht wahr“, rief er mir noch zu. Er warf mir noch ein freundliches Abschiedslächeln zu, bevor die Haustüre schloss. Wie erstarrt stand ich auf der menschenleeren Straße. Wie Loths Frau einer Salzsäule gleich.

Was hatte er gesagt?
Wie bitte?
Was?

(Fortsetzung hier)